Tag Archives: Immer da wo du bist bin ich nie

Justament Dez. 2009: Herzlich und schmerzlich

Die neue Platte von Element Of Crime enthält wenig Überraschendes und macht dennoch Freude

Thomas Claer

20 SCHEIBEN TC EOC Immer da Album cover_immerdaElement Of Crime – das sind seit 25 Jahren hingerotzte Chansons meist traurigen Inhalts mit Rockgitarren und Jazztrompete. Gab es in ihrer Frühphase noch manche stilistische Änderung  – etwa den Wechsel von der englischen zur deutschen Sprache – ist seit “Damals hinterm Mond” (1991) mehr oder weniger alles beim Alten geblieben. “Immer da wo du bist bin ich nie” ist nun das insgesamt zwölfte Studioalbum des Berliner Kollektivs um Sänger, Texter, Trompeter und Romanautor Sven Regener, allerdings auch erst das dritte in diesem Jahrzehnt.
Und es geht einem mit dieser CD ähnlich wie mit den Vorgängern: Sie enthält einige famose Kracher, diesmal neben dem country-folkig rockenden Titelstück noch das grotesk-überdrehte “Kopf aus dem Fenster”, das schmerzlich-wehmütige “Euro und Markstück” sowie “Kuchen und Karin”, das in seiner tiefen Schlichtheit an einen Tom Waits-Song erinnert. Vor allem letzteres gehört zu jenen Liedern, bei denen einem – um es mit einem bekannten Dichter zu sagen – zumute ist, als ob “das Herz recht angenehm verblute”.
Zwar gewinnen auch die übrigen Stücke mit jedem weiteren Hören, doch fallen sie diesmal, zumal die sehr langsamen unter ihnen, teilweise doch etwas ab. Regeners über weite Strecken gewohnt kraftvolle und metaphernreiche Songlyrik verirrt sich hier mitunter – um nicht zu sagen: Er tappt gelegentlich in die Sentimentalitätsfalle. Zu tadeln ist vor allem das ziemlich alberne “Der weiße Hai”, auf dem Alexandra Regener, die neunjährige Tochter des Sängers, nebst einer Freundin im Hintergrund zu vernehmen ist. Doch bleibt dieses Lied die einzige wirkliche Enttäuschung.
Die größte Entdeckung befindet sich hingegen gar nicht auf diesem Album, sondern auf der B-Seite der auf 500 Exemplare limitierten Vinyl-Single mit dem Titelstück als A-Track. Es handelt sich um eine Cover-Version des Stücks “Blaumeise Yvonne” vom NDW-Altmeister Andreas Dorau. Dieses Lied ist so schön, dass man sich nach einigen Malen Hören gar nicht mehr vorstellen kann, wie man bisher ohne es leben konnte. Und die Kinderstimmen stören hier – anders als beim “Weißen Hai” – in keinster Weise. Aber leider ist der Song nicht auf der LP und findet hier daher auch keinen Eingang in die Bewertung. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).
PS: Element of Crime haben Erbarmen und bieten den Song “Blaumeise Yvonne” jetzt über Ihre Homepage zum kostenlosen Download an, aber nur für alle Abonnenten des Newsletters. Die Prozedur ist ziemlich umständlich.

Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
Vertigo Berlin (Universal) 2009
Ca. € 15,95
ASIN: B002IS1466

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www.justament.de, 7.9.2009: Irgendwas singen

Die neue Single von Element Of Crime macht Appetit aufs bald erscheinende Album

Thomas Claer

Cover EOCNa endlich! Die Lieblingsgruppe nicht nur vieler Strafrechtlerinnen und Strafrechtler setzt ihre sparsame Veröffentlichungspolitik mit der am 18. September erscheinenden neuen Platte „Immer da wo du bist bin ich nie“ fort, der ersten regulären CD seit vier Jahren. Als Vorgeschmack darauf gibt es jetzt schon eine Single gleichen Namens mit dem Titelsong und einer Coverversion des Andreas-Dorau-Klassikers “Blaumeise Yvonne”. Die Single erscheint wohlgemerkt nicht als CD, sondern lediglich als Download und als streng limitiertes kleines Vinyl. Aber macht Euch keine Hoffnungen, liebe Justament-Leserinnen und –leser! Nicht einmal mir ist es gelungen, eins der 500 Exemplare zu ergattern! Man kann es aber auch einfacher haben, indem man sich kurzerhand auf http://www.element-of-crime.de den Song anhört und das dazugehörige Musik-Video betrachtet.
Und das ist sehr vielversprechend, ein Ohrwurm geradezu. Ziemlich folkig, countrymäßig klingt das Ganze, weit weniger glattgebügelt als die letzten beiden (gleichwohl sehr starken) Alben, von der Songstruktur eine Mischung aus dem 1993er „Immer unter Strom“ und dem 2005er „Mittelpunkt der Welt“. Zum Text des Liedes ist zunächst zu sagen, dass es beckmesserisch wäre, an dieser Stelle die fehlende Kommasetzung in der Titelzeile zu monieren. Nur ein unverbesserlicher Pedant würde darauf insistieren, dass es sich hier um einen eingeschobenen Lokalsatz (als Sonderfall eines Adverbialsatzes) handelt, der durch Kommas vorne und hinten vom Hauptsatz abzutrennen wäre. Daher will ich auch gar nicht erst den Versuch unternehmen, darüber eine Diskussion zu beginnen, ob es nicht eigentlich „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ heißen müsste. Vielleicht ist mir ja auch eine versteckte Doppeldeutigkeit des Titels entgangen, die erst durch diesen orthografische Mangel erreicht wird?
Es bleibt noch darauf hinzuweisen, dass jede Element Of Crime-Veröffentlichung mittlerweile ein Medienereignis geworden ist. Zahllose Interviews hat Sven Regener in diesen Tagen bereits gegeben, die sich leicht durch eine simple Google-Recherche finden lassen. Am erstaunlichsten aber fiel sein Statement aus, als er auf seine Songtexte angesprochen wurde: „Irgendwas muss man ja singen.“ Das muss man sich einmal vorstellen! Da gibt es inzwischen zahlreiche germanistische und literaturwissenschaftliche Arbeiten über die Lyrik von Element Of Crime, und er sagt dazu nur: „Irgendwas muss man ja singen.“
Nun gut. Wir erfreuen uns schon einmal an der Single und warten ungeduldig auf das Album, das gottlob auch als gute, alte Vinyl-Langspielplatte herauskommen wird. Ich meine, irgendwas muss man ja schreiben. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).

Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
7’’ Vinyl-Single in limitierter Auflage (500 Stück) und Download-Single
Weitere Informationen auf: http://www.element-of-crime.de