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www.justament.de, 7.1.2014: Auf dem Weg zum Rechercheur

Marcel Proust im dritten Band seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“: „Die Welt der Guermantes“

Thomas Claer

Cover GuermantesIn der muslimischen Welt gibt es den Ehrentitel des Hadschi. So darf sich nennen, wer bereits eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat, zum Beispiel der Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Karl May-Lesern als ständiger Begleiter des Kara Ben Nemsi durch den Orient bekannt ist. Es soll hiermit angeregt werden, eine Entsprechung für den Hadschi-Titel in der Welt der Literatur einzurichten: Wer die gesamten (je nach Ausgabe bis zu 5000 Seiten umfassenden, dabei durchweg lange komplizierte Sätze enthaltenden) sieben Bände von Marcel Prousts Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dessen erster Band vor ziemlich genau 100 Jahren erschienen ist, vollständig gelesen hat, der darf sich künftig „Rechercheur“ nennen. Viele solche Rechercheure sind mir allerdings nicht bekannt: nur der unvergessliche Claus Koch (1929-2010), der früher gerne seine brillanten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung mit Zitaten aus den hinteren Bänden der „Recherche“ schmückte, der geschätzte Autoren-Kollege Jochen Schmidt, der daraus das Buch „Schmidt liest Proust: Quadratur der Krise“ (2010) machte, und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der daraufhin textete: „Nach der verlorenen Zeit / Hab ich erst mal / Mehr Zeit mit mir verbracht / Und manchmal hab ich wachgelegen / Mitten in der Nacht“ (1996). Heutzutage ist es sicherlich weitaus einfacher, mal eben nach Mekka zu pilgern (da nimmt man ja das Flugzeug und läuft nur noch die letzten Schritte), als das ganze Hauptwerk von Proust zu lesen. Letzteres braucht vor allem unendlich viel Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration – vielleicht die kostbarsten Ressourcen, über die wir heute verfügen. Und doch ist der Justament-Rezensent auf dem langen Weg zum Rechercheur schon ein ganzes Stück vorangekommen: Im folgenden geht es also um Band drei, die „Welt der Guermantes“.
Die Handlung setzt einige Monate nach der Rückkehr des Ich-Erzählers aus dem Sommerurlaub in Balbec nach Paris wieder ein. Seine Liebe zur schönen Albertine, die ihn in Balbec beim Versuch, sie zu küssen, energisch zurückgewiesen hat, ist merklich abgekühlt. Wie erst im weiteren Verlauf des Geschehens klar wird, ist er Albertine schon mehrfach wieder in Paris begegnet, doch ohne die zauberhafte Strandlandschaft im Hintergrund reißt ihn die junge Dame inzwischen keineswegs mehr sonderlich vom Hocker. Dazu trägt vor allem auch der Umstand bei, dass sich der Protagonist inzwischen anderweitig verliebt hat, wenn auch auf sehr schwärmerische und wenig handfeste Weise: Seine neue Nachbarin, die Familie ist inzwischen in eine Wohnung neben dem prächtigen Palais der hochadeligen Familie Guermantes umgezogen, hat es ihm angetan: die Herzogin von Guermantes in persona. Sie ist blond, stets sehr geschmackvoll und vornehm gekleidet und vor allem „noch recht jung“. Wie alt genau, erfahren wir zwar nicht, aber doch wohl deutlich jünger als ihr Ehemann, der Herzog von Guermantes, und vermutlich ein paar Jahre älter als der Ich-Erzähler, der nun wohl etwa Anfang bis Mitte zwanzig sein dürfte. Die Dreyfuß-Affäre sorgt für allerhand Gesprächsstoff, es müssen also die Jahre nach 1894 sein.
Der Erzähler führt ein großbürgerliches Leben ohne auch nur die geringsten materiellen Zwänge. Seine Eltern, bei denen er weiterhin logiert, haben sich großmütig damit arrangiert, dass ihr Sohn ausgerechnet Schriftsteller werden möchte. „Man mag das ja auch als eine schöne Laufbahn ansehen; es ist freilich nicht gerade, was ich mir für dich gewünscht habe, aber du bist nun bald ein ausgewachsener Mann, wir werden nicht immer bei dir sein, da dürfen wir dich nicht hindern, deiner Berufung zu folgen“, erklärt ihm sein Vater. Dabei hat Marcel (so wird der Erzähler in einem der späteren Bände endlich doch einmal genannt werden) noch keine einzige Zeile geschrieben – außer zahlreichen Briefen an seine Favoritinnen, versteht sich. „Ich war nur der Spielball meiner Gewohnheiten, nicht zu arbeiten, nicht früh zu Bett zu gehen, nicht zu schlafen, die sich um jeden Preis durchsetzen sollten“, beschreibt er seinen Lebensstil.
Vor allem ist es der einzigartige Zauber der Familie Guermantes, deren Wurzeln sich bis ins tiefe Mittelalter zurückverfolgen lassen, der unaufhörlich die Phantasie des Erzählers beschäftigt. Und so erscheint ihm Madame de Guermantes, die er bisher nur flüchtig kennt, als außerordentlich verlockend. Ihre Gewandung kommt ihm vor, „wie eine schneeige oder farbig schillernde Materialisation ihres inneren Lebens.“ Hier erhebt sich aber wieder die mahnende Stimme aus dem Off, die darauf hinweist, dass die  Schmerzen der Liebe maßgeblich auf der Macht der menschlichen Einbildungskraft, auf Illusionen, beruhen. Doch lässt sich Marcel davon nicht beirren. Fortan unternimmt er jeden Vormittag einen Spaziergang, nur um die Herzogin einmal täglich, während sie ihre Besorgungen macht, auf der Straße treffen und grüßen zu können, doch nimmt die vornehme Dame anscheinend keine besondere Notiz von ihm. „Ich liebte wirklich Madame de Guermantes … Als größtes Glück hätte ich am liebsten von Gott erbeten, er möge doch alles Ungemach der Welt über sie hereinbrechen lassen und bewirken, dass sie ruiniert, allen Ansehens, aller Vorrechte bar, die sie von mir trennten, ohne Haus und Heim und von niemand mehr gekannt, bei mir Zuflucht suchte. Ich stellte mir vor, sie tue es … Und wenn ich in dieser Weise Stunden damit zugebracht hatte, mir Umstände auszudenken und dann Sätze zu formulieren, die ich zu der Herzogin sagen würde… blieb die Situation die gleiche.“ So schmachtet Marcel vor sich hin. Die Stimme aus dem Off weiß das schon richtig einzuordnen: „Das furchtbare Täuschungsmanöver der Liebe besteht ja darin, dass sie uns nicht mit einer Frau der äußeren Welt in Gedanken spielen lässt, sondern mit einer aus unserem eigenen Hirn entsprungenen Marionette, dem einzigen Bilde, das wir immer zu unserer Verfügung haben, das wir besitzen und das die Willkür unserer Erinnerung, fast eben so unumschränkt wie die der reinen Imagination, ebenso verschieden von der wirklichen Frau gestaltet haben kann, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten war, einer künstlichen Schöpfung also, der wir ganz allmählich zu unserer Qual die wirkliche Frau gewaltsam anzugleichen suchen.“
Da kommt Marcel die rettende Idee, wie eine nähere Kontaktaufnahme mit der Angebeteten gelingen kann: Sein Kumpel aus dem Strandurlaub in Balbeck, der junge Marquis Robert de Saint-Loup, ist glücklicherweise ein Neffe der Herzogin. Ihn besucht er für ein paar Wochen während seines Militärdienstes bei seiner Armeeeinheit in einem kleinen Ort weit außerhalb von Paris. (Marcel selbst ist aus gesundheitlichen Gründen – er leidet unter Asthma – von allen militärischen Verpflichtungen befreit.) Und was sieht Marcel zu seiner großen Freude auf dem Schreibtisch in Roberts Zimmer stehen? Ein wundervolles Porträtfoto der Herzogin.
„Diese Photographie war wie eine weitere Begegnung … mit Madame de Guermantes; ja mehr noch, sie stellte eine sehr ausgedehnte Begegnung dar, als wäre die Dargestellte durch einen jähen Fortschritt in unserer Annäherung im Gartenhut bei mir stehengeblieben und habe mir zum ersten Male Zeit gelassen, hier die Rundung der Wange, dort die Nackenlinie oder den Ansatz der Braue (alles Dinge, die mir bislang beim raschen Vorübergehen, im Überwältigtsein durch den momentanen Eindruck und durch die Lückenhaftigkeit der Erinnerung verborgen geblieben waren) in Ruhe anzuschauen; ihr Anblick aber sowie der von Brust und Armen einer Frau, die ich sonst immer nur im hochgeschlossenen Kleid gesehen hatte, kam für mich einer berauschenden Entdeckung, ja einer Gunstbezeigung von ihrer Seite gleich. Diese Linien, deren Betrachtung mir beinahe unerlaubt erschien, durfte ich nun studieren als eine Abhandlung über die einzige Geometrie, die für mich Wert haben konnte.“
Möglichst unauffällig bittet er Robert unter einem Vorwand darum, eine Begegnung mit seiner Tante zu arrangieren. Robert begreift sofort, was los ist, und verspricht seinem Freund, sein Möglichstes zu tun.
Doch ist Marcel nicht der einzige, der in Liebesqualen verstrickt ist. Robert unterhält seinerseits – von seiner Familie aufs Schärfste missbilligt – eine Liebschaft zu einer Schauspielerin. (Das ist so weit unter „standesgemäß“, dass es dafür gar keinen Ausdruck mehr gibt.) Und die lässt ihn gerade wieder hängen, meldet sich nicht, obwohl Robert ihr schon dreimal nacheinander geschrieben hat. Ihr noch weiter hinterherzulaufen, das geht natürlich nicht. Doch wartet er Tag für Tag wie ein Besessener auf Post von ihr. „Er zwang sich dazu, nicht an sie zu schreiben, wobei er vielleicht dachte, es sei ein geringeres Leiden, ohne Geliebte zu leben, als unter bestimmten Voraussetzungen mit ihr.“ Hier kommt nun aus dem Off eine sehr fundierte Betrachtung über das Schweigen in der Liebe: „Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen dar, die geliebt werden. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, dass Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen!“
Aber der Marquis Robert de Saint-Loup hat noch einmal Glück gehabt mit seiner Schauspielerin. Irgendwann kommt doch noch der erhoffte Brief von ihr, und ein Versöhnungstreffen wird angesetzt, an dem als bester Freund auch Marcel teilnehmen darf. Doch der ist von Roberts Freundin, nach so viel Zirkus im Vorfeld, dann doch etwas enttäuscht und findet sie alles in allem nur „ziemlich gewöhnlich“. Umso erschütternder ist es für ihn, mit ansehen zu müssen, in welche mentale Abhängigkeit von ihr sich sein Freund Robert begeben hat. Und die Stimme aus dem Off setzt noch einen drauf: „Es ist nur der Zufall eines Augenblicks, jenes einen Augenblicks, in dem diejenige, die bereits sich zu schenken schien, sich entzieht, weil sie vielleicht ein Rendezvous oder einen anderen Grund hat, sich an dem betreffenden Tag etwas schwierig zu zeigen. Hat sie es mit einem stark in Gefühlen lebenden Menschen zu tun, beginnt, selbst wenn sie es gar nicht merkt, besonders aber, wenn sie es merkt, nun ein furchtbares Spiel. Unfähig, auf diese Frau zu verzichten, erhöht er den Einsatz, sie meidet ihn, so dass ein nicht mehr erhofftes Lächeln tausendmal höher bezahlt wird, als es der letzten Gunst angemessen wäre. Es kommt in solchen Fällen sogar manchmal vor, dass man diese letzte Gunst oder sogar einen ersten Kuss nie erlangt oder nicht einmal zu erbitten wagt, um die vorherigen Versicherungen einer rein platonischen Zuneigung nicht etwa Lügen zu strafen. Es ist dann ein großer Schmerz, aus dem Leben zu scheiden, ohne jemals erfahren zu haben, wie ein Kuss der Frau sein mag, die man am meisten geliebt hat.“
Als Marcel wieder nach Paris reist, kommen ihm jedenfalls erhebliche Zweifel an seiner schwärmerischen Begeisterung für Madame de Guermantes. Hinzu kommt, dass diese, als er sie das nächste Mal auf der Straße grüßt, langsam etwas genervt von Marcels Zudringlichkeit wirkt.
„Eine Wahrheit muss nicht ausgesprochen werden, um dennoch ruchbar zu werden. Man kann sie vielleicht mit größerer Sicherheit, ohne auf eine mündliche Mitteilung zu warten oder überhaupt nur darauf zu hören, aus tausend äußeren Zeichen entnehmen, selbst aus manchen unsichtbaren Phänomenen, die in der Welt der menschlichen Charaktere etwa dem entsprechen, was in der Welt der Physik die atmosphärischen Veränderungen sind“, weiß die Stimme aus dem Off. Als Marcel dann ein Brief von Robert erreicht, in welchem dieser ihm eröffnet, dass eine gewisse Madame de Sterma gerade wieder in Paris weilt, eine junge Dame, auf welche Marcel schon früher einmal ein Auge geworfen hat, ist Madame de Guermantes für ihn endgültig abgemeldet. Madame de Sterma lässt Marcel durch Robert ausrichten, dass sie einem Treffen mit ihm in Paris keineswegs abgeneigt sei. Marcel schreibt ihr kurzfristig und schlägt ein gemeinsames Dinet in einem exquisiten Restaurant in malerischer Umgebung auf einer Paris vorgelagerten Seine-Halbinsel in einigen Tagen vor. Madame de Sterma sagt zu.
Und da passiert etwas völlig Unerwartetes: Marcel, dessen Eltern für einige Tage verreist sind, erhält überraschend Besuch von … Albertine. Ausgerechnet von Albertine, in die er am Strand in Balbec so vernarrt gewesen war, und die er in Paris doch längst „abgeschossen“ hatte. Allerdings kommt Albertine in offensichtlich rein freundschaftlicher Absicht, möchte sich einfach nur ein wenig mit ihm unterhalten. Marcel, sonst ganz und gar nicht frei von Eitelkeit, ist gerade nicht besonders schick angezogen und auch nicht rasiert, das hat er sich alles für den Abend mit Madame de Sterma aufgespart. Ganz unbefangen plaudert er mit Albertine. „Ihr Anblick schuf mir keine Unruhe mehr.“ Doch je länger er sie im Gespräch betrachtet, desto öfter kommen ihm doch wieder die verlockenden Assoziationen von Sonne, Strand und Meer in den Sinn. Als Albertine gehen will, fordert er sie wiederholt auf, doch noch etwas länger zu bleiben. Und sie tut es, durchaus nicht widerwillig. Ganz beiläufig erwähnt er dann, dass er ja „überhaupt nicht kitzlig“ sei. Und Albertine, die sofort registriert, dass Marcel schlichtweg Lust auf sie bekommen hat, antwortet: „Soll ich es denn einmal versuchen?“ Sie suchen dafür eine bequeme Position und sind drauf und dran sich zu küssen – da geht im Zimmer plötzlich das Licht an. Es ist die Haushälterin Francois, die den jungen Herrn zum Abendessen ruft.
So etwas wie Privatheit und Privatsphäre im heutigen Sinne war in jener Zeit nicht unbedingt vorgesehen. Die unteren Stände lebten zumeist sehr beengt mit vielen Personen dicht aneinander, die Bessergestellten hingegen hatten ständig ihre Angestellten um sich. Die Dinge, die jeder gerne tut, wenn sie oder er ganz allein ist, waren unter solchen Umständen gar nicht so einfach durchzuführen. Zum Abbau des allgemeinen Hormondrucks lockten dafür (zu Spottpreisen) Bordelle und Kupplerinnen, die auch Marcel ausgiebig frequentierte, die männliche Kundschaft. Den Frauen dagegen, sofern sie sich nicht selbst auf irgendeine Weise im horizontalen Gewerbe betätigten, blieben nur Eheschließungen, Affären oder jene Übellaunigkeit und Gereiztheit, wie sie etwa Madame de Guermantes im weiteren Verlauf der Handlung noch des Öfteren an den Tag legen sollte.
Doch können Albertine und Marcel ihre Annäherung immerhin noch für kurze Zeit fortsetzen. Und wieder fragt Marcel Albertine, warum sie ihn denn damals in Balbec so vehement abgewiesen habe. Und diesmal antwortet ihm Albertine: „ Ach! Damals in Balbec kannte ich Sie ja nicht, ich hätte glauben können, Sie hätten schlechte Absichten.“ Die Stimme aus dem Off kommentiert das mit den Worten: „Es ist für eine Frau schwierig, in den Bewegungen ihrer Glieder, in den Empfindungen ihres Körpers, wenn sie mit einem guten Freund zusammen ist, die unbekannte Sünde zu erkennen, in die sie bei einem Fremden befürchten würde hineingezogen zu werden.“
Als Albertine ein weiteres Treffen vorschlägt, äußert Marcel sich ausweichend, da er noch immer an nichts anderes denkt als an das Essen mit Madame de Sterma. Am Tag des geplanten Dinets, dem Marcel von einer Welle der Euphorie getragen entgegenfiebert, platzt dann die Bombe: Madame de Sterma sagt ab, einfach so, ohne weitere Begründung. Es sei etwas dazwischengekommen, sie müsse dringend Paris verlassen – und sie taucht dann auch nicht wieder auf, ist für Marcel zur bloßen Schimäre geworden. Die Stimme aus dem Off deutet schon an, was wohl noch passieren wird: „Unser Leben unter anderen Menschen gleicht einem Maleratelier voll beiseitegelegter Skizzen, da es mit allen jenen angefüllt ist, an welche wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten heften zu können; doch wurde mir dabei nicht bewusst, dass manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten.“
Man könnte ergänzen: Meistens kommt es anders, als man denkt. Und je größer der gedankliche und emotionale Aufwand in der Liebe, desto unwahrscheinlicher wird ihre Erfüllung. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass nur zwei zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Stimmung sein müssen und alles andere doch nur ein Produkt der Phantasie ist. Und das, was man die romantische Liebe nennt, also die ausdauernde, in der Regel unglückliche Fixierung auf eine ganz bestimmte Person, ist mehr das Ergebnis bestimmter Zufälle als irgendeine Art von „ höherer Bestimmung“. Als Proust-Leser ist man jedenfalls für jede Art von Romantik verloren.
Aber wenn es schon mit der Liebe nicht so weit her ist, kann einen denn nicht die Freundschaft, die echte, tiefe und wahre Freundschaft im Leben für alles entschädigen? Die Stimme aus dem Off ist hier ebenso skeptisch: „Das ganze Bestreben der Freundschaft ist es, den einzigen wirklichen und (es sei denn durch das Mittel der Kunst) nicht mitteilbaren Teil unserer selbst einem oberflächlichen Ich zum Opfer zu bringen, das nicht wie das andere Freude in sich selber findet, sondern eine verschwommene Rührung dabei verspürt, wenn es von außen her gestützt und in eine fremde Individualität gleichsam gastlich aufgenommen wird, wo es dann beglückt über den ihm zuteil gewordenen Schutz sein Wohlbehagen in Billigung ausströmen lässt und Vorzüge bewundert, die es an sich selbst als Fehler bezeichnen und zu korrigieren bemüht sein würde. Im übrigen können die Verächter der Freundschaft ganz illusionslos – jedoch nicht ohne Gewissensbisse – die besten Freunde der Welt sein…“ So bleibt als letzter Rettungsanker für den ästhetischen Menschen nur die stolze Einsamkeit: „Die Ideen, die mich heimsuchen, sind wie Göttinnen, die zuweilen geruhen, einem einsamen Sterblichen an der Biegung des Weges sichtbar zu erscheinen… Doch sobald man zu zweit ist, verschwinden sie; Menschen, die stets in Gesellschaft leben, bekommen sie nie zu Gesicht.“
In die große Enttäuschung Marcels über das ausgefallene Date mit Madame de Sterma platzt eine Mitteilung von Robert Saint-Loup, der sein Versprechen einhält und Marcel in den Salon seiner Großtante zu einer Abendgesellschaft einlädt, auf der auch seine Tante, die Madame de Guermantes, anwesend ist. Ein paar Wochen früher wäre das für Marcel noch der Gipfel der Genüsse gewesen, doch nun kann er an der Herzogin gar nicht mehr so viel finden. Allein der „Geist der Guermantes“, der Zauber des alten Adels reizt ihn jetzt noch. Und so lässt er sich natürlich nicht zweimal bitten, denn Zeit hat er ja ohnehin immer genug. Zu Marcels großer Überraschung ist die Herzogin, von der er vor kurzem noch so geschwärmt hat, ihm gegenüber nunmehr durchaus aufgeschlossen, allerdings ohne dass Marcel daraufhin wieder Feuer fänge. Sie lädt ihn fortan sogar regelmäßig auch in ihren eigenen Salon ein, was für einen „normalsterblichen“ Bürgerlichen eine vollkommen ungewöhnliche Ehre darstellt, denn ansonsten verkehren dort nur Angehörige des Hochadels oder die gerade angesagten Top-Prominenten. Man gewinnt fast den Eindruck, der Ich-Erzähler berausche sich so sehr an seinem exklusiven Zutritt bei den „Blaublütigen“, dass er es nicht unterdrücken kann, auf gut und gerne 300 Seiten die gesamten Konversationen auf diesen Veranstaltungen bis ins kleinste Detail wiederzugeben, was für den Leser ausgesprochen ermüdend ist. Zumal es sich dabei ganz überwiegend um, in schöne Worte gehülltes, redundantes Geschwafel handelt, was auch der Erzähler am Ende einräumen muss.
Zunächst überwiegt aber noch seine Begeisterung: „Die Guermantes – wenigstens die, die dieses Namens würdig waren, besaßen nicht nur eine erlesene Qualität der Haut, des Haares und des durchscheinenden Blicks, sondern hatten auch eine Art sich zu halten, zu schreiten, die Hand zu geben, durch die sie sich insgesamt von irgendeinem anderen Mann der großen Welt ebenso stark unterschieden wie dieser von einem Bauern in seinem Arbeitskittel.“ Ja, diese Adeligen spielen doch in einer ganz eigenen Liga: „Denn neben allen individuellen Eigentümlichkeiten bestand in jener Epoche zwischen einem eleganten und reichen Mann jenes bestimmten Teils der Aristokratie und einem ebenfalls eleganten und reichen Mann aus der Finanzwelt oder Großindustrie noch ein deutlich spürbarer Unterschied. Da wo einer dieser letzteren geglaubt hätte, seine Weltläufigkeit durch einen barschen und hochmütigen Ton einem Untergebenen gegenüber zu beweisen, schien der Grandseigneur mit seiner milde lächelnden Art als Privileg seiner guten Erziehung gerade eine gewisse vorgebliche Demut und Geduld hervorzukehren und zu üben…“ Und dann die Herzogin: „die achtzehnte Oriane de Guermantes ohne eine einzige Mesalliance, das reinste, älteste Blut, das in Frankreich existiert.“ Und sie pflegt mitunter „eine fast bäuerliche Art der Artikulation, die einen herben köstlichen Erdgeruch hatte“. Hinzu kommt „ihre schleppende, in ihrer Rauheit so angenehme Stimme“. Ihr Mann, der Herzog, „runzelt seine jupiterhafte Stirn“.
Marcel imponiert anfangs noch so ziemlich alles im Hause der Guermantes, bis hin zum dort servierten Fruchtsaft, der damals offenbar als erlesene Köstlichkeit gegolten hat: „Nichts wird man weniger leid als diese Umsetzung der Farbe einer Frucht, die durch das Einkochen noch einmal zur Jahreszeit der Blüte zurückzukehren scheint, in Duft und Wohlgeschmack. Purpurn erglühend wie ein Obstgarten im Frühling oder kühl und farblos wie der Zephir unter den Blütenbäumen lässt der Duft sich darin gleichsam destilliert einatmen und betrachten…“ Die Rede ist von nichts anderem als Kirsch- und Birnensaft. Heute kennen wir das tragische Schicksal vieler Delikatessen, die einst nur den Reichen und Schönen vorbehalten waren, und die heute in jedem Discounter vorrätig sind: „Jede Originalität wird sinnlos, sobald sie Allgemeingut geworden ist.“
Doch erhält Marcel bei seinen Besuchen auch schnell tiefe Einblicke in die ehelichen Verhältnisse bei den Guermantes: „Der Herzog schmückte sich gern mit seiner Frau, aber er liebte sie nicht.“ Ein Bildnis, das ihm nicht gefällt, soll seine Frau doch bitte in ihr Schlafzimmer hängen, damit er es nie wieder zu Gesicht bekomme. Dabei ist der Herzog ein „glühender Bewunderer weiblicher Reize“ und unterhält unzählige Liebschaften mit rangniedrigeren Damen, die aber selbstverständlich alle adelig zu sein haben, nur eben unterhalb des Kalibers der Guermantes. (Er soll mit seinen Liebschaften auch schon ebenso unzählige Kinder in die Welt gesetzt haben, worüber allgemein großzügig hinweggesehen wird.) Die Herzogin dagegen gilt allgemein als „tugendhaft“, was sie von so ziemlich allen anderen Angehörigen ihrer Gesellschaftsschicht unterscheidet. Angesichts der gewaltigen Menge an Klatsch und Tratsch, der im Salon von den Anwesenden über die gerade jeweils Abwesenden verbreitet wird, ist sogar zu vermuten, dass Madame de Guermantes zu recht in diesem Ruf steht, denn in diesen Kreisen lässt sich absolut nichts geheim halten, dafür sorgt schon das immer bestens informierte Personal. Als einer der Diener der Familie sich auf seinen freien Tag freut, den er mit seiner Verlobten verbringen will, befiehlt ihm die Herzogin, die das merkt, kurzfristig, aus purer Missgunst und aus Neid, völlig überflüssigerweise an dem Tag eine Extraschicht zu schieben. Der Herzog, der seinem Diener das Vergnügen von Herzen gönnt, kann seine Frau nicht davon abbringen. „Psychologische Gesetze haben gleich den physikalischen eine gewisse Allgemeingültigkeit. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind die gleichen, ein und derselbe Blick leuchtet aus den verschiedensten menschlichen Lebewesen hervor wie ein gleicher Morgenhimmel über weit auseinandergelegenen und einander ganz fremden Orten der Welt.“
Was im Salon der Guermantes sonst noch so erzählt wird, bewegt sich auf durchaus schwankendem Niveau. Es kommt für die Besucher nicht entscheidend darauf an, besonders gebildet oder belesen zu sein, sondern in erster Linie darauf, „Esprit“ zu haben. So wie bei „Monsieur de Guermantes, dessen bizarrer Wortschatz bewirkte, dass die Weltleute ihn als gar nicht so dumm bezeichneten, literarische Kreise jedoch als einen Idioten schlimmster Art.“ Sein Lieblingsthema ist die Genealogie: „Wir sind vom gleichen Blut wie die Hessen, aber die ältere Linie.“
Die politischen Debatten konzentrieren sich vor allem auf die ausgiebig diskutierte Dreyfus-Affäre. Was da aber von den angeblich so kultivierten Aristokraten, und zwar von fast allen, über „die Juden“ verbreitet wird, würde man heute schlicht als allerunterste Schublade bezeichnen. Einzige rühmliche Ausnahme ist der junge Marquis Robert de Saint-Loup, der unter dem Einfluss seiner geliebten Schauspielerin eine Pro-Dreyfus-Haltung einnimmt, die er aber im Salon seiner Großtante und Tante nicht zu vertreten wagt. Außerdem fürchtet er, aufgrund seiner politischen Ansichten nicht in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden.
Da wirkt es wie eine Erlösung für den Leser, als am Ende des Buches noch einmal Charles Swann einen Auftritt hat und der befreundeten Madame de Guermantes einen kurzen Besuch abstattet. Swann ist als Jude seit der Dreyfus-Affäre zur “Belastung“ für die aristokratischen Salons geworden. Zudem ist er durch seine Heirat mit der völlig unmöglichen Odette in diesen Kreisen „unten durch“. Doch weil er einfach so charmant und brillant ist wie kein Zweiter, verkehren einzelne Adelige zumindest sporadisch weiter mit ihm. Als er und Marcel einen Moment alleine sind, fragt Marcel ihn, warum wohl alle Guermantes gegen Dreyfus seien. Swanns Antwort: „Weil alle diese Leute Antisemiten sind.“ Endlich redet mal einer Klartext! Und Swann ergänzt noch: „Alle diese Leute gehören einer anderen Menschenart an. Man hat nicht ungestraft tausend Jahre Feudalwesen in seinem Blut.“ Gerade hat er eine Studie über ein weitläufig mit den Guermantes verwandtes Rittergeschlecht auf der Insel Rhodos verfertigt. Kurz darauf betrachtet er die Madame de Guermantes „wie ein Bild von Meisterhand“, woraufhin diese ihn geschmeichelt fragt: „Gefällt Ihnen meine Toilette?“ Doch Swann sieht bereits sehr angegriffen aus und berichtet, als die Herzogin ihn hartnäckig auffordert, sie in einem halben Jahr auf einer Reise zu begleiten, von seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung. Es wird wohl – leider! – sein letzter Auftritt im Romanzyklus gewesen sein.
Am Ende fällt Marcels Einschätzung der Salonkultur im Hause Guermantes jedenfalls zwiespältig aus. Viele der hochadeligen geladenen Gäste haben ihm „den Eindruck platter Gewöhnlichkeit gemacht“. Und nicht zuletzt würden dort „fade Bosheiten verbreitet“. So erschien ihm der Name Guermantes doch „stark an Leuchtkraft vermindert“. Doch sieht Marcel in ihnen immerhin noch „liebenswürdige Bewahrer der Vergangenheit“. Diesem Urteil möchte man als Leser, nach allem, was man sich von diesen aufgeblasenen Feudalheinis alles hat anhören müssen, dann doch nicht zustimmen.
So endet dieses Buch, ohne dass man erfährt, wie es mit Marcel und Albertine wohl weitergehen wird. Doch eine Bemerkung der Stimme aus dem Off erlaubt schon einen Blick in die Zukunft: „Sobald man ganz und gar mit einer Frau lebt, sieht man an ihr nichts mehr von dem, um dessentwillen man sie geliebt hat; sicherlich kann die Eifersucht zum Beispiel diese beiden getrennten Elemente wieder vereinigen. … Man kann unter einer so gefährlichen Form die Erneuerung des Wunders aber nicht für wünschenswert halten.“
Und zum Schluss noch einer der klügsten Sätze des Buches: „Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren aber unwillkürlich immer nur wie auf einer Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 3: Die Welt der Guermantes
Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (29. November 2004)
996 Seiten, 21,00 Euro
ISBN-10: 3518456431

www.justament.de, 7.10.2012: Der Mann mit der Apfelschorle

Sven Regener mit seinem vierten Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

Thomas Claer

regener-coverLange war ja gerätselt worden, wovon der neue Roman von Sven Regener wohl handeln könnte, denn die Figur Frank Lehmann, die der Leser über drei Romane auf zusammen weit über 1000 Seiten ins Herz geschlossen hatte, war ja nach allseits kundgetaner Meinung des Autors schon irgendwie auserzählt. Nun ist es also raus: Herr Lehmanns bester Freund, der Bierzapfer-Kollege und unverstandene Schrott-Künstler Karl Schmidt, der ausgerechnet in der Nacht der Mauer-Öffnung einen durch ausgedehnte Schlaflosigkeit und massiven Drogenabusus beförderten depressiven Nervenzusammenbruch erlitten hat und von Geburtstagskind Frank Lehmann ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus gebracht worden ist, nimmt den Erzählfaden im Frühjahr 1995 nunmehr aus der Ich-Perspektive wieder auf.

Karl, inzwischen 36 Jahre alt, lebt nun im „Clean Cut 1“, einer Drogenentzugs-WG in Hamburg-Altona und wird von Werner, seinem sozialpädagogischen Betreuer, streng auf totale Abstinenz getrimmt: keine Drogen, kein Alkohol. Erlaubt sind nur Kaffee und Zigaretten. Daneben hat Karl einen Job als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und ist zudem verantwortlich für die Versorgung der Tiere des angeschlossenen Streichel-Zoos. Besonders demütigend ist für einen früheren Szene-Menschen wie Karl neben dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr morgens natürlich auch, dass seine Mutter ihm den Job besorgt hat, die „ein hohes Tier beim Hamburger Senat“ ist. Als eines Tages seine früheren Kreuzberger Kumpels Ferdi und Raimund auftauchen und Karl einen Job anbieten, wagt dieser den Absprung. Doch traut Karl Schmidt sich selbst noch nicht so ganz. Die Psycho-Pillen hat er inzwischen abgesetzt, doch erlebt er immer wieder labile Schübe, die er aber einigermaßen unter Kontrolle bringen kann. Sicherheitshalber schwört er auch weiterhin auf völlige Abstinenz und ist genau dadurch der richtige Mann für Ferdi und Raimund, mit denen Karl schon um 1980 in der Berliner Avantgarde-Band „Glitterschnitter“ zusammengespielt hat (Karl Schmidt übrigens an der Bohrmaschine). Die beiden früheren Bandkollegen betreiben nämlich inzwischen das sehr erfolgreiche Techno-Label „BumBum Records“ und suchen für ihre Tournee mit mehreren DJs einen zuverlässigen Fahrer, der garantiert keine Drogen nimmt und immer nüchtern bleibt.

Als Karl nach fünfjähriger Abwesenheit ins wiedervereinigte Berlin einfährt, erkennt er es kaum wieder. Auf der Suche nach dem BumBum-Büro in der Sophien-Straße in Mitte wundert er sich zunächst darüber, dass die S-Bahn-Station nicht mehr „Marx-Engels-Forum“, sondern „Hackescher Markt“ heißt. Label-Chef Ferdi, inzwischen 50 Jahre alt, einen Joint nach dem anderen rauchend und zur Illustration seiner Popmusik-Theorien ständig auf fragwürdige Weise „Masse und Macht“ von Elias Canetti zitierend, erklärt ihm dann, dass bei ihnen mittlerweile das Geld nur so durch die Decke regne. „Der Mauerfall … das war ja überhaupt der Hammer, plötzlich machen die da neben uns eine ganz neue Stadt auf und überall die leeren Gebäude, du glaubst ja nicht, was wir da mit Partys verdient haben, da sind wir einfach rein…“ BumBum landen einen Techno-Hit nach dem anderen, die organisatorische Arbeit wird ganz überwiegend von günstigen Praktikanten erledigt. Ferdi berichtet weiter, dass sie, wo soll man mit dem ganzen Geld denn sonst hin, gleich das ganze Haus mit dem Büro in der Sophienstraße gekauft haben und das daneben gleich auch noch. (Aus heutiger Sicht betrachtet, war das, vorsichtig gesagt, keine schlechte Idee…)

Es geht also los auf die „Magic Mystery-Tour“, für 12 Tage einmal quer durch Deutschland in einem kleinen engen Bus mit 10 Personen. Besonders erfüllend ist für Karl, der alle Schwierigkeiten überwindet und als einziger statt Bier mit Koks immer eisern seine Apfelschorle trinkt, die sich anbahnende Liebe zur mitreisenden DJane Rosa. Ihre erste persönliche Begegnung verläuft allerdings denkbar ungünstig für ihn: „Was läuft denn hier für ein schrottiges Gedudel?“, fragt Karl. Und der neben Rosa stehende Ferdi antwortet: „Das ist Rosas neuer Track.“ Doch Rosa ist so ganz anders als Karls frühere Gefährtinnen und auch als die immer aufs Neue enttäuschenden Flammen des Frankie Lehmann. Rosa findet es gar nicht so schlimm, dass er „aus der Klapsmühle“ kommt, und auch nicht, dass er so fett geworden ist (denn immerhin ist er ja noch groß und stark). Sein unsicherer beruflicher Status ist für sie ebenfalls nicht abschreckend, und sie interessiert sich nicht einmal für seine Vermögensverhältnisse. Vermutlich gibt es solche Frauen nur im Roman… Am Ende der Rave trifft Karl Schmidt auf der „Springtime“ in Essen dann sogar noch seinen früheren Kreuzberger Kneipen-Chef, den „Diskurs-Gastronomen“ Erwin Kächele („Kerle, Kerle, Kerle“), den schwäbischen Millionär mit dem Lebensstil eines Sozialhilfeempfängers. Auch Frank Lehmann soll in der Nähe sein, doch der von der anstrengenden Tour völlig übermüdete Karl verpennt das geplante Treffen mit ihm.

Aber immerhin erfährt der Leser dann am Ende des Buches doch noch, wie es mit Herrn Lehmann nach der Wende weitergegangen ist: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Chef Erwin Kächele hat er die hervorragend laufende Firma „Rave Gastro Berlin“ gegründet, die sich um die gastronomische Versorgung von Techno-Großveranstaltungen kümmert. Klar, Frank Lehmann ist, wie wir aus „Neue Vahr Süd“ wissen, gelernter Einzelhandelskaufmann. Und außerdem hatte er von seinen vielen Sonderschichten im „Einfall“, wie es in „Herr Lehmann“ hieß, „sehr viel Geld gespart“. Das wird er dann wohl als Gesellschafter in die neue Firma überführt haben. Womöglich ist damals auch die eine oder andere Mark an der Steuer vorbei geflossen, weshalb Erwin auch seinerzeit immer so panische Angst vor den „Zivilbullen“ hatte. Selbst der langweilige Informatiker Kristall-Reiner, der Frank Lehmann die schöne Köchin Katrin als Freundin ausspannte (denn Herr Lehman war in ihren Augen viel zu unambitioniert), wurde von Erwin verdächtigt, ein Spitzel zu sein. Hoffentlich hat Katrin später von Frank Lehmanns „Karriere“ erfahren und sich darob in eines ihrer hübschesten Körperteile gebissen…

Ist „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ nun also ein gutes Buch, das viele Leser verdient? Ja und nein. Sicher, der Plot ist mal wieder ganz ausgezeichnet. Und gut schreiben kann Sven Regener in seiner sehr individuellen Mischung aus Einfühlsamkeit und Schnodderigkeit, aus opulentem Satzbau und Gossenslang, wenn es drauf ankommt, auch. „Das dunkle Gefühl“ der sich immer wieder anschleichenden Depression des Karl Schmidt ist glänzend geschildert, ebenso die zarte Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (die ja schon rein namenstechnisch nach einer Fortsetzung in Ost-Berlin schreit). Die Dialoge zwischen den beiden sind vor allem deshalb so gelungen, weil sie in jenem frühen Stadium ihrer Beziehung zueinander noch vorsichtig miteinander umgehen und sich vor ihren Antworten noch Zeit zum Nachdenken nehmen – im Gegensatz zum hemmungslosen Draufloslabern der übrigen Romanfiguren. Ja, dieses Buch hat eigentlich nur einen einzigen gravierenden Fehler: Es ist mit über 500 Seiten um mindestens 150 Seiten zu lang! Zwar liegt der besondere Witz des Romans natürlich nicht zuletzt in den Redundanzen, die in den Gesprächen der Figuren fast schon permanent verhandelt werden, aber irgendwann, spätestens auf der nicht enden wollenden Rave-Tournee, kommt dann doch der Punkt, an dem man als Leser so langsam ein wenig genervt ist. Eine eingedampfte Version auf 300 bis 350 Seiten wäre ein richtig gutes Buch geworden.

Das ändert aber nichts daran, dass, so wie der große Walter Kempowski als Chronist des deutschen Bürgertums gilt, sich Sven Regener mittlerweile als redlicher Chronist des deutschen Szenelebens im ausgehenden 20. Jahrhundert etabliert hat. Wir verdanken Kempowski sieben Bände seiner bürgerlichen Chronik. Wenn Regener, 52, sein bisheriges Tempo durchhält und alle vier Jahre mit einem weiteren Band aufwartet, kann er bis zum Eintritt ins Rentenalter mit Kempowski gleichziehen. Wir warten auf eine Fortsetzung, bei der der Autor vielleicht einen Tick schneller als diesmal zum Punkt kommt.

Sven Regener
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verlag Galiani Berlin 2013
503 Seiten, EUR 22,99
ISBN: 978-3-86971-073-0

Justament Sept. 2013: Immer wieder Goethe

SZ-Feuilletonist Gustav Seibt mit gesammelten Aufsätzen und Reden

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Cover Gustav SeibtAls Zeitungleser hat man natürlich immer so seine Lieblinge, deren Artikel man schon allein deshalb ohne Ausnahme liest, weil sie von jenen geschrieben wurden. Neben dem Schreibstil ist es dann meist auch das Themenspektrum der Texte, von dem man sich auf besondere Weise angesprochen fühlt. Und so verhält es sich auch beim Justament-Rezensenten mit Gustav Seibt, geboren 1959 in München und nun schon seit zwölf Jahren die Stimme des SZ-Feuilletons aus Berlin-Prenzlauer Berg. Seine aktuelle Aufsatzsammlung enthält insgesamt zehn Texte, die in den letzten Jahren bereits in diversen Blättern erschienen sind, wovon man als Leser allein der Süddeutschen Zeitung aber nicht immer Wind bekommen hat. Anders als es der Name dieses auch optisch und haptisch sehr feinen Bändchens suggeriert, geht es in ihnen keineswegs nur oder auch nur in erster Linie um Goethe (das ist gerade einmal bei drei dieser Texte der Fall), doch behandeln die übrigen – großzügig betrachtet – Goethes Zeitalter und so bedeutende Personen aus diesem wie Jacob Burckhardt, Friedrich von Gentz und Theodor Fontane. Oder es geht um die Bedeutung Preußens und Mitteldeutschlands, um die Figur des Außenseiters in der Literatur oder um eine Philosophie des Lachens. So schwebt am Ende über allen Abhandlungen doch zumindest der Geist Goethes. Herausgekommen ist ein sehr gelehrtes Büchlein, das mitunter auch schon mal tiefer ins Detail geht, als man es bei dieser kleinen Form erwartet hätte.
Besonders hervorzuheben ist “Sein Kaiser”, der das anfangs von Skepsis, später von Bewunderung und noch später von Ambivalenz gekennzeichnete Verhältnis Goethes zu Napoleon thematisiert. Dieser Text ergänzt eine frühere Veröffentlichung des Verfassers über das einzige Aufeinandertreffen des deutschen Dichterfürsten mit dem französischen Kaiser, die berühmte Unterredung am Vormittag des 2. Oktober 1808, die eine knappe Stunde dauerte. Goethe zeigte sich anschließend sehr geschmeichelt davon, dass Napoleon offensichtlich so gut mit ihm konnte: “Ich will gerne gestehen”, schrieb er an seinen Verleger Cotta, “daß mir in meinem Leben nichts Höheres oder Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich doch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen, mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ, und nicht undeutlich ausdrückte, daß ihm mein Wesen gemäß sei.” Doch sind später doch noch “Details der Unterredung” bekannt geworden, vor allem dieses, dass Napoleon gegenüber Goethe gewisse erzähltechnische Inkonsequenzen im “Werther” getadelt habe. Lange spekulierte die Literaturwissenschaft darüber, was Napoleon damit wohl gemeint haben könnte. Heute nimmt man an, dass Napoleon die Verzweiflung des Rechtspraktikanten Werther nicht so ganz nachvollziehen konnte, denn dieser hätte  doch schließlich mit Lotte unbeschadet ihrer Heirat mit Albert einfach etwas anfangen können. So kann aber natürlich nur ein Franzose respektive Korse denken… Es wird berichtet, auf dem schmählichen Rückzug mit seiner Grande Armée aus Russland vor 200 Jahren habe Napoleon beim Radwechsel in Erfurt Goethe seine Grüße ausrichten lassen.
Im Nachwort schreibt Gustav Seibt in Anspielung auf das berühmte Nietzsche-Zitat: “Ob Goethe ein Zwischenfall ohne Folgen bleibt, das hat jeder seiner Leser selbst in der Hand.” Und wir möchten hinzufügen, dass es auch jeder Leser selbst in der Hand hat, sich mit den gelungenen Aufsätzen und Reden von Gustav Seibt tief hinein in die Goethe-Zeit zu begeben.

Gustav Seibt
Goethes Autorität. Aufsätze und Reden
Zu Klampen Verlag Springe 2013
175 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-86674-223-9

www.justament.de, 22.7.2013: Wenig Worte, viel gesagt

Vor 90 Jahren erschien “Der Prophet” von Khalil Gibran

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Thomas Claer

Manchmal dauert es einfach etwas länger. Schon sieben oder acht Jahre dürfte es her sein, dass meine Kollegin mich frank und frei fragte, ob ich in dieser Kolumne denn nicht auch einmal ihr Lieblingsbuch besprechen könnte. Ich ließ mir von ihr über das Buch berichten, wurde neugierig und sagte zu. Doch dann muss es mir wohl irgendwann in Vergessenheit geraten sein. Vor zwei oder drei Jahren entdeckte ich das schmale Bändchen dann in einer “Bücherbox”, einer ausrangierten Telefonzelle, wie es sie in Berlin wunderbarer Weise in immer größerer Zahl gibt, wo jeder seine aussortierten Bücher ablegen und/oder die dort vorgefundenen mitnehmen kann. Seitdem lag “Der Prophet” von Khalil Gibran auf meinem Schreibtisch. So richtig mochte ich zunächst nicht ran, ich hatte keine ganz großen Erwartungen an das Buch. Aber wie man sich doch täuschen kann! Vorige Woche fand ich dann auf einem der angeblich über 50 Berliner Flohmärkte, auf denen sich der immer wieder märchenhafte Sommer in dieser Stadt in besonders vollen Zügen genießen lässt, die Hörbuch-CD des “Propheten”, gelesen von Otto Sander. Der Preis – ein Euro! – stimmte auch. Nun gab es kein Zurück mehr. Und wie es der Zufall wollte, feiert das Werk just in diesem Jahr sein 90-jähriges Erscheinungsjubiläum.
Also genug der Vorrede: Dieses Buch ist eine Entdeckung, um nicht zu sagen: eine Offenbarung. Doch wer ist sein Autor Khalil Gibran? Geboren 1883 als Gibran Khalil Gibran bin Mikha’il bin Sa’ad im heutigen Libanon (damals Osmanisches Reich) und schon 1895 nach Boston in die USA emigriert, kehrte er 1897 (mit vierzehn Jahren!) zum Studium der Kunst und Literatur in den Libanon zurück, lebte vorübergehend in Paris, dann wieder in Boston, feierte Erfolge als Maler, studierte als 25-Jähriger weiter in Paris, begann zu schreiben und ließ sich ab 1912 als Philosoph und Dichter in New York nieder, wo er 1931 mit nur 48 Jahren an Leberkrebs verstarb. Seine frühen Werke hatte er auf Arabisch verfasst, seit 1918 schrieb er fast nur noch auf Englisch. Er gilt als ein Wanderer zwischen den Welten des Orients und des Okzidents, der es über Generationen hinweg mit seinen stilistisch oftmals anrührenden und inhaltlich spirituellen Büchern zu großer Popularität brachte. Kritiker werfen seinen Werken hingegen einen Hang zur Sentimentalität und namentlich seinen Romanen eine allzu schwache Zeichnung ihrer Figuren vor. Nun, wenn man sein überwiegend aphoristisch gehaltenes Büchlein “Der Prophet” liest, glaubt man gerne, dass die wahre Bestimmung dieses Autors wohl doch eher die Philosophie als die Romanschriftstellerei gewesen ist, denn in Friedrich Nietzsche-Manier (Zarathustra lässt grüßen) verkündet dort ein weiser Mann, in diesem Falle der Prophet Al Mustafa (“der Erwählte und Geliebte”), einer Menschenmenge seine Weisheiten. Doch was vier Jahrzehnte zuvor bei Nietzsche schwerverdaulich bleibt und auf den zweifelhaften Übermenschen hinausläuft, ist bei Khalil Gibran angenehm geerdet. Auf wenigen Seiten entwirft er eine ganz eigene lebenspraktische Alltagsphilosophie, die ohne irgendwelche Zukunftsvisionen und ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und die vom Geiste der Toleranz und des Respekts beseelt ist. In kraftvollen poetischen Bildern bringt er so ziemlich alles und jedes auf den Punkt, ohne sich in Abschweifungen zu verlieren. “Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.” Viel mehr ist hierzu eigentlich gar nicht zu sagen… Natürlich hat auch bei diesem Verfasser – die Kapitelüberschriften (“Von der Liebe”, “Von der Arbeit”, “Von der Freundschaft” etc.) verraten es – der große Montaigne Pate gestanden, aber Khalil Gibran kann es weitaus knapper – ein Montaigne für kurz Angebundene gewissermaßen. Eine Menge der Sätze dieses Propheten ist wirklich universell, andere können einen aber auch schon mal ins Grübeln bringen. Da hat man sich bald zwanzig Jahre lang mit seiner Frau auf der Straße immer zu zweit einen Kaffee geteilt (denn da spart man schließlich am meisten), um dann bei Khalil Gibran unter der Rubrik “Von der Ehe” lesen zu müssen: “Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.” Und gleich danach heißt es: “Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.” Tja, erst heute haben wir uns wieder einen Döner geteilt… Man sollte sich der Gefahren von zu viel Nähe in der Zweisamkeit also bewusst sein.
Was der Prophet “von den Kindern” zu sagen weiß, ist sicherlich eine der bekanntesten Passagen des Buches und hat vermutlich schon Millionen “Erwartungsgeschädigten” aus der Seele gesprochen: “Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.” Ebenso vielsagend sind die Ausführungen “Vom Geben”, die sich wie ein Aufschrei gegen kleinbürgerliche Moralvorstellungen lesen. “Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.” Ja, das einzige Geben, das eine Berechtigung hat, ist demnach das an diejenigen, die etwas haben wollen oder wirklich gebrauchen können, alles andere ist, um es zurückhaltend auszudrücken, fragwürdig. Und am schlimmsten wird es, wenn Abwägungen getroffen werden, wer denn bestimmte Gaben überhaupt verdient und wer nicht, oder dann, wenn Dankbarkeit für ungebetene Geschenke erwartet wird… Danke, Khalil!
Insbesondere den Juristen seien die Passagen “Von Schuld und Sühne” ins Stammbuch geschrieben, ja, man wünscht sich solcherlei Betrachtungen beinahe in Strafrechts-Lehrbüchern: “Und wenn einer von euch im Namen der Rechtschaffenheit strafen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, soll er ihn bis zu seinen Wurzeln prüfen; und wahrhaftig, er wird die Wurzeln des Guten und Bösen finden, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, alle ineinander verflochten im stillen Herzen der Erde.” Das ist eine der zentralen Botschaften des Buches: Wer sich immer so sicher ist, was richtig und falsch ist, was gut und schlecht ist, auf welcher Seite man unbedingt stehen sollte, der täte besser daran, etwas mehr nachzudenken und seine vorschnellen Schlüsse selbstkritisch zu überprüfen. Und umgekehrt ist auch die Vorstellung, dass bestimmte menschliche Handlungen von ausschließlich guten und edlen Motiven geleitet werden, bestenfalls naiv. Später heißt es noch im Text: “Sage nicht: ‚Ich habe die Wahrheit gefunden’, sondern besser: ‚Ich habe eine Wahrheit gefunden.’ ” Nehmt das, all ihr wichtigtuerischen Ideologen dieser Welt! Und den guten Lehrer erkenne man daran, dass er seinen Schülern nicht seine eigene Weltsicht aufzwingen, sondern sie zum selbständigen Denken erziehen will. Bravo!
Irgendwo findet sich dann aber auch der Satz, dass die erbärmlichsten Menschen jene sind, die Gold und Silber anhäufen. Hierin erweist sich, dass auch dieser Autor ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der eigene Ressentiments entwickelt, die er, so wie viele andere auch, zu verabsolutieren geneigt ist. Dass viel Geld auch von klugen Menschen vor allem deshalb geliebt wird, weil es ihnen die Freiheit ermöglicht, ein Leben nach eigenem Gusto zu führen, lässt er nicht gelten. Nein, von der Freiheit hält dieser Philosoph, an dem offensichtlich auch Karl Marx nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist, nicht viel. Die Freiheit überfordert den Menschen. Ihre parolenhafte Verkündung erscheint ihm als pure Schönfärberei: “Wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.” Freiheit ist eher etwas für Übermenschen, an die er nicht glaubt. “Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann, wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.” Also wohl eher niemals. Und passend hierzu stimmt Khali Gibran auch noch ein Loblied auf die Arbeit an: “Mit Liebe arbeiten”, das sei es doch. “Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.” Na, wenn er meint…
Am Ende des Buches kommt dann die Frage nach der Religion. Und hier windet sich der Prophet, der zuvor doch hin und wieder, wenn auch recht nebulös, von Gott gesprochen hat, ganz ähnlich wie weiland Goethes Faust, als dieser von Gretchen mit nämlicher Frage überrumpelt wird. Er sagt nicht “Namen sind Schall und Rauch”, aber doch: “Habe ich denn bislang nicht ständig über Religion gesprochen?” Denn Religion sei doch irgendwie alles … beziehungsweise nichts. Und hier erinnert er dann doch wieder an Montaigne, der als freier Geist zwar wie selbstverständlich von “seiner christlichen Religion” spricht und sich dann doch über alle ihre zentralen Dogmen stillschweigend hinwegsetzt. Wenn Khalil Gibran auf diese Weise noch ein paar verbohrte Religiöse auf die Wege des freien und kritischen, auch selbstkritischen Denkens mitnehmen kann, dann ist das natürlich schwer in Ordnung.

Khalil Gibran
Der Prophet
Neuausgabe Patmos Verlag Düsseldorf und Zürich München 2010
96 Seiten, EUR 9,90
ISBN-10: 3491725739

www.justament.de, 17.6.2013: Alles ist zyklisch

Der FinanzBuch Verlag druckt das Frühwerk des Börsen-Experten Robert Rethfeld und seines Mitstreiters Klaus Singer „Weltsichten – Weitsichten“ nun immerhin wieder auf Bestellung

Thomas Claer

cover-e-books-weltsichtenManchmal werden schwer greifbare Nebenwerke semiprominenter Autoren mit eher speziellem Inhalt allein durch ihre Knappheit zu regelrechten Kultbüchern, ganz ähnlich wie wir es etwa von bestimmten Popmusik-Schallplatten kennen. Auch für die „Weltsichten – Weitsichten“ von Robert Rethfeld, dem Betreiber des inzwischen recht erfolgreichen Finanzmarkt-Onlineportals www.wellenreiter-invest.de, und seinem Co-Autor Klaus Singer aus dem Jahr 2004 musste man bisher beim antiquarischen Erwerb schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Doch seit Ende 2012 bietet der FinanzBuch Verlag das Werk in einer broschierten Ausgabe wieder an. Bei Nachfrage erfährt man dann allerdings, dass es nur auf Bestellung gedruckt wird. Aber immerhin. Neugierig beginnt man also die Lektüre am Computerbildschirm, um bald wenig überrascht festzustellen, dass der immer wieder so originelle und verblüffende Ansatz des Wellenreiters hier bereits, um es in seiner typischen Diktion zu sagen, antizipiert wird. Eine ganz eigentümliche Weltsicht tut sich in diesem Buch auf: die Interpretation alles wirtschaftlichen und politischen Geschehens als Abläufe von Entwicklungszyklen.

Im ersten der drei Teile des Buches erfolgt eine Analyse der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Es geht um Bevölkerungswachstum, die globale Erwärmung, den Arbeitsmarkt in der Dauerkrise bis hin zu Themenfeldern wie „Korpulenz und Konsum“ oder den steigenden Selbstmordraten. Das muss man heute, fast zehn Jahre nach dem Erscheinen, nicht mehr unbedingt so genau lesen. (Gleichwohl finden sich dort etliche aufschlussreiche Passagen, etwa über den Zusammenhang von Wirtschaftsentwicklung und Stilepochen.)  Viel interessanter sind aber die beiden anderen Teile. Ausgesprochen geschichtsphilosophisch wird es im zweiten Teil „Was die Welt bewegt“. Schon immer wollten die Menschen – und das aus ganz unterschiedlichen Motiven – die Zukunft voraussehen können und suchten nach Gesetzmäßigkeiten, die dem Lauf der Welt zugrunde liegen. Dass es hier kein sicheres Wissen geben kann, ist nach dem fast globalen Zusammenbruch des Staatskommunismus zwar Allgemeingut geworden. Doch gäbe es nicht immer wieder bestimmte Wahrscheinlichkeiten, sich häufig wiederholende Entwicklungsmuster, die Fortsetzung bereits begonnener Trends und Zyklen, so wäre es unmöglich, mit einer darauf basierenden Strategie an den Finanzmärkten eine nennenswerte „Outperformance“ zu erzielen. Robert Rethfeld ist mit seinen vielfach treffsicheren Prognosen der lebende Beweis dafür, dass der Blick in die Glaskugel gelingen kann. Doch was vielleicht die größte Überraschung des Buches ist: Neben den erwarteten einschlägigen Theorien von Charles Dow (dem Begründer der Charttechnik; nach ihm ist der amerikanische Aktienindex benannt), Ralph Nelson Elliott (dem Schöpfer der gleichnamigen Wellen-Theorie) und Nikolai Kondratjew (der die nach ihm benannten wirtschaftlichen Groß-Zyklen begründete), kommt sehr ausführlich ein Denker zu Wort, den man im erzkapitalistischen Metier der Kapitalmarktvorhersage eher weniger erwartet hätte: nämlich Karl Marx. „Für das Verständnis heutiger wirtschaftlicher Entwicklungen sind Kenntnisse über den von Marx geprägten dialektischen Materialismus und seine politische Ökonomie äußerst nützlich“, heißt es schon im Vorwort. Und weiter hinten im Buch wird es konkret: „Drei entscheidende Gesetze, die dem Kapitalismus innewohnen“ habe die Marxsche politische Ökonomie herausgearbeitet: den tendenziellen Fall der Profitrate, die Tendenz zur Akkumulation des Kapitals und die Rolle des „fiktiven Kapitals“. Im übrigen sei hier daran erinnert, dass  Karl Marx auch ein tüchtiger Börsenspekulant war; ein Umstand, dem er immerhin sein Häuschen in London verdankte, was im Lichte dieses Buches gesehen wohl auch kein Zufall war.

Überhaupt kommen bei Rethfeld und Singer gerade jene Denker besonders gut weg, die der kritische Rationalist Karl R. Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ als „orakelnde Geschichtsphilosophen“ verdammt und bekämpft hat: Oswald Spengler, Arnold Toynbee und eben Karl Marx. Hervorzuheben ist aber die völlig unideologische Herangehensweise der beiden Verfasser: Sie greifen sich aus dem Werk der genannten, z.T. durchaus unter Ideologieverdacht stehenden Autoren einfach (nur) das heraus, was sie für ihre Zwecke brauchen können. Andererseits offenbaren sich dem Leser dann aber auch oftmals ungeahnte Zusammenhänge: So geht Elliotts Wellenprinzip auf die Zahlenreihe nach Leonardo Fibonacci zurück, die dieser im 13. Jahrhundert auf der Suche nach einer Regel für die Kaninchenfortpflanzung entdeckt haben soll. Ein neues Mitglied der Zahlenreihe ergibt sich jeweils durch Addition seiner beiden Vorgänger. „Außerdem tendiert das Verhältnis einer Zahl zur nächsthöheren mit fortschreitendem Rang immer mehr in Richtung der Zahl Phi (0,618).“ Diese wiederum und ihr Kehrwert (1,618), die schon lange vor Fibonacci bekannt waren, spielen beim „Goldenen Schnitt“ eine wichtige Rolle, der das menschliche Harmonie- und Schönheitsempfinden maßgeblich beeinflusst. Heute benutzen Chart-Theoretiker die „Fibonacci-Spiegelung“ zur Projektion vergangener Kursverläufe auf die Zukunft, was dem in der modernen Chaos-Theorie postulierten Prinzip der Selbstähnlichkeit komplexer Strukturen entspricht. Und schließlich: „Das Prinzip der Selbstähnlichkeit findet ebenfalls in der assoziativen Art des Menschen, Schlüsse zu ziehen, eine Entsprechung.“ Das kann man wohl sagen!

Schließlich handelt der dritte Teil des Buches von den jeweils separat vorgebrachten Zukunftsszenarien der beiden Autoren, die einander durchaus punktuell widersprechen. Man muss ihren Mut zur ganz konkreten Prognose herausstellen, denn das Risiko, dabei auch mal grundfalsch zu liegen, ist so natürlich besonders groß. Umso bemerkenswerter ist es, dass beide Autoren bereits im Jahr 2004 die große Finanz- und zwischenzeitliche Weltwirtschaftskrise kommen sahen, die wir seit 2007 erleben. Bei Singer heißt es auf S. 301: „Die nähere Zukunft bringt also eine auf breiter Front nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine schwere Finanzkrise näher rückt – in zeitlicher und geographischer Hinsicht.“ Rethfeld schreibt auf S. 331 in seinem Rückblick aus dem Jahr 2015: „Blickt man auf die ersten 15 Jahre des 21. Jahrhunderts zurück, so muss man diese Zeit als einen bedeutenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte einstufen. Zwei Ereignisse, die sich lange angekündigt hatten, trafen viele Menschen dennoch unvorbereitet. Sie mussten erstens lernen, dass die Förderung der fossilen Brennstoffe Erdöl und Erdgas den steigenden Bedarf nicht mehr decken konnte; die Folge war eine Energiekrise. Doch noch viel stärker machte sich – zweitens – eine den Globus umspannende Finanzkrise bemerkbar. Ausgangspunkt waren die USA und dort spezifisch der US-Dollar. Beide Ereignisse führten zu schweren Verwerfungen in Wirtschaft und Gesellschaft.“ Die Energiekrise ist uns bislang noch erspart geblieben…

Abschließend noch ein Blick zurück aus dem Jahr 2030, in das sich Robert Rethfeld mal eben gebeamt hat: „Der große Bären-Markt der ersten beiden Dekaden dieses Jahrhunderts ist Vergangenheit. Die weltweite Währungsreform sowie die neuen Entwicklungen besonders im Energiesektor treiben einen neuen Bullen-Markt. Neue Unternehmen und Technologien sind entstanden. Dieser Bullen-Markt ist in erster Linie – aber nicht ausschließlich – ein asiatisches Phänomen. Kreative Kräfte aus Shanghai und Bombay entwickeln und leisten Erstaunliches, geschürt durch die weltweit führenden Finanzzentren eben jener Städte. Seit der weltweiten Finanzkrise Ende des ersten Jahrzehnts hat New York seine Pole-Position an Schanghai abgeben müssen.“ Das ist gut zu wissen.

Robert Rethfeld / Klaus Singer
Weltsichten – Weitsichten
FinanzBuchVerlag 2012 (Reprint von 2004)
358 Seiten, broschiert, EUR 29,99
ISBN-10: 3898797678

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 18.3.2013: Neukölln disst überall

Die Juristin Inger-Maria Mahlke und ihr fulminanter Gentrifizierungs-Roman „Rechnung offen“

Thomas Claer

lit-tc-mahlke-rechnung-offfenUm es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist nichts für zart besaitete Gemüter, denn seine Protagonisten hassen und verachten und bekämpfen sich mit einer Inbrunst, wie sie nur in den besten Familien vorkommt. Aber der Reihe nach: Die im Zentrum des Buches stehende dreiköpfige Familie Jansen ist eigentlich gut dabei im neuerdings aufstrebenden Berlin: Vater Claas betreibt eine prima laufende psychologische Beratungs-Paxis, Schwerpunkt: Behandlung von Depressionen. Doch zwischen ihm und seiner Frau Theresa, die als freie Jura-Dozentin an der FU immerhin fast die monatlichen Mietkosten der luxuriösen Charlottenburger Altbauwohnung erwirtschaften kann, knirscht es gewaltig. Vor allem ist es ein Ärgernis für Theresa, dass ihr Mann unablässig Antiquitäten auf Ebay ersteigert (bisweilen lässt er sogar seine Patienten warten, wenn gerade eine Auktion ausläuft) und damit die Wohnung vollstellt. Irgendwelche Finanz-Heinis haben Claas zum Kauf eines Mietshauses im einstigen Problem- und nunmehrigen Trendbezirk Neukölln überredet, natürlich auf Pump, weil das wohl steuerlich günstiger ist. Claas hat das anscheinend selbst kaum richtig durchgerechnet, seine Frau interessiert das ganze ohnehin nicht. Als sich dann herausstellt, dass etliche Altmieter schon ewig keine Miete mehr gezahlt haben, als Gerichts- und Räumungskosten anwachsen, öffnet Claas irgendwann gar nicht mehr die immer neuen Briefe mit den Rechnungen und Pfändungsbeschlüssen, und bald ist sein Konto nicht mehr gedeckt. Indessen hat sich die etwa 20-jährige Tochter Ebba, das Sorgenkind, übergewichtig, antriebslos und sogar an einer Ausbildung als Kindergärtnerin scheiternd, in einer freigewordenen Wohnung im väterlichen Neuköllner Mietshaus einquartiert. Dorthin, allerdings in eine andere der  total versifften Wohnungen des Hauses, zieht auch Vater Claas, als ihn seine Frau nach einem Streit vor die Tür setzt. Der Leser erfährt von den überwiegend traurigen Existenzen, die in diesem Hause sonst noch ihr Dasein fristen, aber auch von der Aufbruchstimmung durch die „Invasion“, die erst „im letzten Jahr begonnen hatte“: „Im Sommer waren sie braungebrannt, im Winter rotwangig, saßen mit Laptops in Cafés, in Eile auf ihren Fahrrädern, verabredet, immer verabredet…“ Das alte Neukölln bestand noch aus „Gemüsehändlern, Wettbüros, Dönerimbissen, 99-Cent-Läden, Lidl-Märkten und Kneipen, in deren Schaufenstern Silvestergardinen bleichten“. Das neue Neukölln sieht dann so aus: „Die Kneipe an der Ecke war weg…Im Frühjahr hatte in den Räumen ein Café aufgemacht, die Tapeten hatten sie runtergerissen… Sofas standen kreuz und quer und kleine Couchtische und Sessel… und alle mussten übereinandersteigen, wenn sie zu ihren Plätzen wollten. Bei den neuen Geschäften war unklar, was sie verkauften. In den Schaufenstern hingen Plakate… In manchen Läden reihenweise Tische mit Computern…“
Ohne Frage ein dankbares Thema hat sich die 35-jährige Juristin Inger-Maria Mahlke, aufgewachsen in Lübeck, FU-Absolventin und selbst in Neukölln lebend, für ihren zweiten Roman „Rechnung offen“ ausgesucht. So viele grundverschiedene Welten prallen in diesem Umbruchs-Bezirk gerade jetzt aufeinander, dass dies nach einer literarischen Verarbeitung geradezu schreit. Allerdings bedarf es beim Leser schon eines Minimums an juristischem (Mietrecht!) und ökonomischem (Entwicklung der Immobilienpreise!) Hintergrundwissen, um die entscheidenden Ereignisse der Geschichte, die im Roman nur sehr knapp angedeutet werden, angemessen nachvollziehen zu können. Dafür erhalten Nebensächlichkeiten immer wieder sehr breiten Raum, was aber mit dem, sagen wir, etwas eigenwilligen Schreibstil der Autorin zu tun hat, der in seiner nicht uneleganten Verschrobenheit ein wenig an Günter Grass erinnert. Allerdings fehlt ihr, anders als diesem, der überreichliche Sinn fürs Erotische, das im Buch nahezu völlig ausgespart bleibt. Sehr wohl aber pflegt Inger-Maria Mahlke einen Naturalismus, der sich der ausgiebigen Beschreibung von Körperausdünstungen, Speichelflüssen und, ja, auch Kackwürsten widmet. Das ist Geschmacks-, aber letztlich auch Gewöhnungssache. Und gewiss ist es manchmal etwas anstrengend, den vielen erzählerischen Sprüngen der Autorin zu folgen, die einem in ihrem Reduktionsenthusiasmus immer aufs Neue das Rätsel aufgibt, an welchem Ort und in welchem Strang der Handlung  man sich denn nun schon wieder gerade befindet. Doch bei weitem rausgerissen wird all das durch den wirklich grandiosen Plot des Romans mit seinem überraschenden Ende mitsamt einer bösen Pointe. Wir wollen noch nichts verraten.

Inger-Maria Mahlke
Rechnung offen. Roman
Berlin Verlag 2013
284 Seiten, EUR 19,99
ISBN 978-3-827ß-1130-5

www.justament.de, 11.3.2013: Die Fallstricke der Wohnungsvermietung

Der „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke in 8. Auflage im Praxistest

Thomas Claer

vermieter-ratgeberDa hat man also gewissermaßen die Seiten gewechselt und ist nach langen Jahren als Mieter zunächst zum Eigentümer und nun sogar zum Vermieter einer kleinen Wohnung „aufgestiegen“. (Nicht weil man Krösus wäre, sondern – eher im Gegenteil – aufgrund der sich aus einem Dasein als Geringverdiener ergebenden Sparzwänge und Vorsorge-Notwendigkeit.) Und einem frisch gebackenen Vermieter kommt natürlich ein zuverlässiger Vermieter-Ratgeber gerade recht, um den unzähligen Fallstricken zu entgehen, die eine Wohnungsvermietung so mit sich bringen kann. Aber hält der handlich und kompakt daherkommende „Vermieter-Ratgeber“ von Matthias Nöllke aus dem Haufe-Verlag auch, was er verspricht? Der Praxis-Test ergibt ein Sowohl-als-auch.
Das Buch ist durchweg flüssig geschrieben und vermeidet glücklicherweise weitgehend die trockene Paragraphenhuberei. Der an der Chronologie der Abläufe ausgerichtete Aufbau ermöglicht ein schrittweises und kontinuierliches Studium der Materie. Uneingeschränkt dankbar kann man dem Verfasser für seinen stets erhobenen Zeigefinger sein, nur ja den Mietvertrag und alles Drumherum gründlich vorzubereiten und die nötigen gedanklichen und praktischen Vorbereitungen darauf nicht auf die lange Bank zu schieben. Wohl wahr: Wer die Dinge als Vermieter im Frühstadium schleifen lässt und allein seinem Improvisationstalent vertraut, wird das womöglich kaum jemals wieder gutmachen können. Es gilt das gern zitierte Bonmot, wonach es heutzutage leichter ist, sich von seinem Ehepartner zu trennen als von seinem Mieter. Allerdings malt der Autor das Schreckgespenst des potentiell skrupellosen und querulatorischen Mieters so detailliert an die Wand, dass einen manchmal das ungute Gefühl beschleicht, er könnte damit manchen Mieter erst auf bestimmte boshafte Einfälle bringen, auf die dieser von alleine nie gekommen wäre.
Ein anderer Einwand, der sich aber angesichts des Immobilienbooms in unseren Großstädten aus der Natur der Sache ergibt, ist die mangelnde Praktikabilität mancher Hinweise im Buch. Bei Wohnungsbesichtigungen niemals mehrere Interessenten gleichzeitig in die Wohnung zu lassen, sondern sie  im Abstand von 15 Minuten nacheinander einzubestellen, wie es der Autor empfiehlt, ist jedenfalls in Großstädten inzwischen wohl generell wegen der Masse an Bewerbern nicht mehr möglich. (Als goldrichtig erwies sich hingegen die Anregung, die Besichtigenden Mieterselbstauskunfts-Fragebögen ausfüllen zu lassen und über die Angaben in diesen mit jenen ins Gespräch zu kommen.)
Doch auf welche Weise sollte man seinen Mieter überhaupt suchen? Wer das im Zeitalter des Web 2.0 für eine fast schon überflüssige Frage hält, muss sich über den „Vermieter-Ratgeber“ aus dem Jahr 2012 doch ziemlich wundern, denn der behandelt die Mietersuche über das Internet in gerade einmal sechs Zeilen mit dem Befund, dass dies zwar auch mal weiterhelfen könne, zumal es ja in der Regel kostenlos sei, man die Erfolgsaussichten aber nicht überschätzen sollte, denn der Mietmarkt sei ein lokaler Markt, auf dem das wichtigste Medium noch immer die Lokalzeitung sei. Das erinnert mit Verlaub an das berühmte Diktum Kaiser Wilhelms, der seinerzeit das Automobil für eine „vorübergehende Erscheinung“ hielt und weiter fest an die Zukunft des  Pferdes glaubte. Wir schalteten also für stolze 39,95 EUR für zwei Wochen (Mindestlaufzeit) eine Anzeige bei Immobilienscout24, die wir aber, da wir mit der Verwaltung der vielen Anfragen schon bald nicht mehr nachkamen, bereits nach vier Tagen und drei Sammelbesichtigungsterminen wieder von der Seite nahmen, zumal wir unsere Mieterin dann bereits gefunden hatten.
Vielleicht liegt es ja an diesem offenkundigen Aktualisierungsstau, dass die 2012er Auflage dieses ansonsten wirklich brauchbaren Ratgebers inzwischen nicht mehr erhältlich ist. Eine neue Auflage, die die genannten Mängel beseitigt, dürfte in Vorbereitung sein. Tipp: Darauf noch warten und dann zugreifen, sofern Bedarf besteht.

Matthias Nöllke
Vermieter-Ratgeber. Sicher und rentabel vermieten
Haufe Verlag Freiburg, 8. Auflage 2012
226 Seiten, EUR 16,95
ISBN 978-3-648-01265-9

www.justament.de, 17.12.2012: Rettet die Million! (2)

Der „Börsenguru“ Max Otte demonstriert in seinem Buch „Endlich mit Aktien Geld verdienen“ die reine Lehre des Value Investings

Thomas Claer

lit-tc-otteKlappern gehört natürlich zum Handwerk. Wer zu leise ist, wird gar nicht erst wahrgenommen. Selbst ein so versierter und allseits geschätzter Experte wie der Wormser BWL-Proferssor Max Otte, einem breiten Publikum als einsamer Prophet der seit 2007 währenden Finanzkrise bekanntgeworden und seitdem präsent auf allen Fernsehkanälen, ist da keine Ausnahme. Der Ruhm muss gepflegt werden, und sei es durch reißerische Buchtitel mit einer an Boulevardzeitungen erinnernden Schriftgröße und knallharte Botschaften auf dem Umschlag. Von innen ist das Buch „Endlich mit Aktien Geld verdienen“ dann aber längst nicht so grobkörnig, wie es der äußere Anschein suggeriert. Otte liefert eine fundierte Anleitung zum überlegten und einträglichen Operieren an der Börse, die anders als die Werke mancher Konkurrenten sehr schnell zum entscheidenden Punkt gelangt, der Auswahl aussichtsreicher Einzelwerte, in die zu investieren sich lohnt. Das Wozu und Warum der Aktienanlage setzt er bei seinen Lesern mehr oder weniger als bekannt voraus, da reichen ein paar allgemeine Hinweise in der Einleitung und im ersten Kapitel.
Welche „Papiere“ sollte man also kaufen?  Das ist, wenn man es so anfängt wie Max Otte, keinesfalls eine leichte Sache. Zunächst kommt man noch ganz gut mit, wenn er zwischen Buchwert und Ertragswert eines Unternehmens unterscheidet. Aber sobald die ersten betriebswirtschaftlichen Formeln ins Spiel kommen, wird man sehr genau daran erinnert, warum man damals nie BWL studieren wollte. Wenn einem später auch nach mehrmaliger geduldiger Lektüre an manchen Stellen einfach kein Licht aufgehen will, ist es immerhin beruhigend zu erfahren, dass es etlichen anderen Lesern, glaubt man ihren Kommentaren auf der Amazon-Website, bei der Lektüre ähnlich ergangen ist. Manche gehen sogar so weit, dem „Börsenguru“ fachliche Fehler zu unterstellen. Auch wenn das angesichts der Vielzahl seiner Publikationen in kurzer Zeit noch nicht einmal verwunderlich wäre, würden wir uns ein solches Urteil niemals anmaßen wollen.
Die gute Nachricht für alle Anleger ist aber diese: Es kommt überhaupt nicht drauf an. Zwar gibt es zahlreiche, zum Teil widersprüchliche Strategien und Theorien darüber, wie sich an der Börse erfolgreich agieren lässt. Und das Value Investing gehört sicherlich zu den besseren unter ihnen, denn es ist vernünftig und plausibel und gibt einem das (allerdings manchmal trügerische) Gefühl, die Dinge irgendwie im Griff zu haben. Aber die magische Formel für die garantiert hohen Gewinne an der Börse, die gibt es nun einmal nicht. Und jemand, der, sagen wir, eine einfachere Variante des Value Investings bevorzugt, die ohne betriebswirtschaftliche Formeln auskommt, kann damit auch auf lange Sicht mindestens ebenso gut fahren wie mit den Formeln von Prof. Max Otte. Und manche Trendfolger oder Chart- oder Zyklentheoretiker schaffen das auch irgendwie, jeder auf seine Weise. Nein, ganz beliebig ist die Strategie, von der man sich leiten lässt, zwar nicht, doch sind die Faktoren Glück und vor allem Geduld an der Börse am Ende doch mächtiger als alle Theorie, denn im Zweifel laufen die Kurse dann doch anders, als man denkt, zumindest kurzfristig. Doch lassen sich vor allem durch geschickte Streuung der Anlagen und die Beachtung bestimmter Vorsichtsregeln die systemimmanenten Risiken auf lange Sicht noch halbwegs beherrschen.
Auch hierüber enthält das Buch viel Wissenswertes. Besondere Anerkennung verdient Otte dafür, dass er sich entgegen der einhelligen Überzeugung fast sämtlicher Börsenexperten gegen den Einsatz von Stop-Loss-Marken wendet. Wer sich mit großem gedanklichem Aufwand für ein Investment entschieden hat, der sollte an ihm auch festhalten, wenn die Kurse fallen, und dann natürlich erst recht zugreifen und seine Position aufstocken, denn langfristig wird der Markt ihm wahrscheinlich Recht geben. (Andere behaupten das Gegenteil und haben dafür auch gute Gründe. Jeder sollte ganz einfach das tun, was ihm am meisten einleuchtet.)
Am Ende des Buches erläutert Max Otte – wohl nicht ganz ohne die Absicht der Eigenwerbung – wie er seinen durchaus gut performenden Fonds zu managen pflegt. Selbstkritisch räumt er dabei auch immer wieder „Fehler“ ein, meistens den, diese oder jene Position zu früh verkauft und in andere vermeintlich aussichtsreichere Werte umgeschichtet zu haben. Manchmal hat das zwar gut funktioniert, manchmal aber auch nicht. (Wie das eben so ist an der Börse.) Aber dass ausgerechnet ein so erfahrener Investor wie Otte in seinem Fonds die simple Börsenweisheit des „Hin und her macht Taschen leer“ so systematisch missachtet, erstaunt dann doch. Wofür sollten die Anleger ihren „Guru“ aber schließlich sonst bezahlen, wenn er den Fonds nur alle Jubeljahre mal umschichten würde. Als Fondsmanager ist man nun einmal ein Getriebener seiner Kunden und das nicht nur in der Finanzindustrie (im engeren Sinne). Dabei ist es keineswegs abwegig zu behaupten: Durch weniger häufiges Umschichten und mehr Liquiditätsmanagement hätte der Fonds von Max Otte sehr wahrscheinlich eine noch bessere Performance erzielt.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, dass Max Otte eine über weite Strecken, wenn auch nicht durchgängig, gut lesbare Anleitung zum Value Investing geschrieben hat, aus der wir Kleinanleger großen Nutzen ziehen können. Doch besteht kein Anlass, seine „Methode Prof. Max Otte“ (so nennt er sie wirklich!) zu verabsolutieren, sondern vielmehr dazu, sie kritisch zu hinterfragen, um so idealerweise auch die eigene Vorgehensweise optimieren zu können. Wer sich überhaupt nicht eigenständig mit dem Thema Geldanlage beschäftigen möchte, dessen Geld ist in Prof. Ottes Fonds sicherlich besser aufgehoben als in manchem anderen. Wer aber dieses oder ein ähnlich konzipiertes Buch mit wachem Bewusstsein gelesen hat, wer sich fortwährend eigene Gedanken zum Thema Geldanlage macht und sich schließlich auch noch zutraut, die eigenen Emotionen unter Kontrolle zu halten, der braucht keinen Fonds, denn er kann es auch allein.

Max Otte
Endlich mit Aktien Geld verdienen. Die Strategien und Techniken, die Erfolg versprechen
FinanzBuch Verlag 2012
304 Seiten, EUR 22,99
ISBN 978-3-3898796316

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 12.11.2012: Rettet die Million!

Der „Börsenguru“ Gottfried Heller weist den „einfachen Weg zum Wohlstand“

Thomas Claer

Cover HellerWenn einem ein Buchtitel den „einfachen Weg zum Wohlstand“ verspricht, wenn er behauptet, man könne zugleich „mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen“, dann ist natürlich höchste Vorsicht angebracht. Schließlich haben viele dergleichen schon zur Genüge von ihrem Riestervertrags-Vermittler oder Bankberater gehört, um am Ende doch mit renditearmen oder gar kapitalvernichtenden Anlagen abgespeist worden zu sein. Doch wollen einem diesmal ausnahmsweise nicht provisionsgetriebene Lakaien der Finanzindustrie ihre zweifelhaften Produkte andrehen. Vielmehr appelliert hier ein hartgesottener Börsen-Profi sehr nachdrücklich an die Leserschaft, ihre größtenteils ablehnende Haltung gegenüber der Geldanlage in Aktien noch einmal zu überdenken. Und er hat, gerade in Zeiten wie unseren, keine schlechten Argumente.

Die Rede ist natürlich von Gottfried Heller, Jahrgang 1935, dem langjährigen Freund und Partner des legendären Andre Kostolany. Um es gleich vorweg zu sagen: Gottfried Heller ist ein selten cooler Hund. August 2011: Die Euro-Schuldenkrise spitzt sich zu. Die Börse crasht gerade zum dritten Mal innerhalb einer Dekade, der Dax rauscht innerhalb weniger Tagen um 25 Prozent in die Tiefe. Bleiche Gesichter in den Redaktionen der Börsensender. Zugeschaltet ist Gottfried Heller, völlig entspannt. Ja, er habe 90 Prozent seines Vermögens in Aktien investiert und schlafe nachts weiterhin sehr gut. Ach, da habe er wirklich schon ganz andere Crashs erlebt. Damals, 1987, da verlor die Börse 23 Prozent an einem Tag. Nach kurzer Besprechung mit Kostolany habe er damals gleich kräftig nachgekauft. So ein Sell-Off sei doch immer eine gute Einstiegsgelegenheit, da nun der Markt bereinigt sei und die „Zittrigen“ schon alle verkauft hätten. Ob er denn jetzt etwa auch gekauft habe? Na was denn sonst…
Gottfried Heller ist kein Vielschreiber. „Der einfache Weg zum Wohlstand“ ist erst sein zweites Buch überhaupt (das erste erschien 1992). Und er redet Klartext, wenn er bekennt, sich in seinem Alter und nach seinem Rückzug aus dem operativen Geschäft der „Fiduka-Vermögensverwaltung“, deren Senior Partner er noch ist, nunmehr ganz freimütig äußern zu können. Dass die vollmundigen Worte seines Buchtitels durchaus nicht zu hoch gegriffen sind, wird deutlich, wenn er sie erklärt. Unter „Wohlstand“ versteht er nicht unbedingt „Reichtum“, aber doch Unabhängigkeit von staatlichen Transferleistungen, auf welche ja nach neuesten Renten-Berechnungen aus dem Bundesarbeitsministerium künftig mehr als die Hälfte aller Berufstätigen im Ruhestand angewiesen sein werden, bis ins hohe Alter. Vergleicht man dann die Risiken und Renditen des staatlichen Rentensystems und der fragwürdigen Riester-Produkte auf der einen Seite mit einem breit gestreuten und langfristig orientierten Wertpapierdepot auf der anderen Seite, dann lässt sich mit letzterem, wenn man es richtig anstellt, sicherlich mehr verdienen (sogar erheblich mehr!), weniger riskieren (denn eher gehen heutzutage Staaten Pleite als grundsolide Unternehmen) und sogar besser schlafen (wenn man das alles nämlich richtig bedenkt!). Dass der Weg dorthin „einfach“ wäre, lässt sich allerdings nur in einem sehr relativen Sinne sagen. Zwar gilt unverändert das Diktum des Kostolany: „Wenn die Börsenspekulation leicht wäre, gäbe es keine Bergarbeiter, Holzfäller und andere Schwerarbeiter. Jeder wäre Spekulant.“ Doch so kompliziert, wie es von interessierter Seite – nämlich der Finanzindustrie – gerne dargestellt wird, ist es nun auch wieder nicht. Insofern kann man Gottfried Heller für seine Aufklärungsarbeit danken, wenn er einräumt, dass zwar Anleger, die partout keine Mühe und Zeit aufwenden wollen oder können, gut bei einem kompetenten Berater aufgehoben sind – Lieber diesen mitverdienen lassen, als das schöne Geld weiter auf Sparkonten versauern zu lassen! – jedoch könnten es (fast) alle anderen, so lässt der Autor durchblicken, auch ganz gut alleine schaffen.

Um nun also diesen „einfachen Weg zum Wohlstand“ zu skizzieren, holt Heller ziemlich weit aus, erklärt zunächst die Zeitenwende, in der wir uns befinden, die Finanzkrise, deren Eindämmung durch die Geldpolitik der Notenbanken und den daraus resultierenden Anlagenotstand sowie schließlich die Megatrends, die unser Leben beeinflussen, von der Bevölkerungszunahme bis zum Aufstieg der Schwellenländer. Es folgen eine ebenso zutreffende wie vernichtende Einschätzung unseres Altersvorsorgesystems und eine ebenfalls sehr kritische Darstellung der Beraterbranche. Eher knapp gehalten sind die Ausführungen darüber, wie man denn nun die Geldanlage in die eigene Hand nehmen kann, dafür aber mit vielen konkreten Tipps zu ETFs und Standardwerten versehen, die Heller als kaufenswürdig ansieht. (Selbstverständlich sind seine Tipps richtigerweise ziemlich konservativ. Zertifikate sind für ihn „Massenvernichtungswaffen“ und Optionen „Zockerpapiere“) Auf diese Weise geht es wirklich relativ einfach, denn wer sich aus diesen Vorschlägen ein Depot zusammenstellt und genug Zeit mitbringt, wird damit wahrscheinlich früher oder später zumindest besser dastehen als mit Tagesgeld oder Bausparvertrag. Sofern er oder sie angesichts der oft erheblichen Schwankungen nicht zwischenzeitlich die Nerven verliert, versteht sich. Wie sich die Rendite aber aller Voraussicht nach noch kräftig steigern lässt, wie man selbst die besonders lukrativen Perlen unter den Nebenwerten herausfischen kann, dazu beschränkt sich das Buch allerdings nur auf grobe Andeutungen.

Wer regelmäßig den Wirtschaftsteil einer überregionalen Tageszeitung liest, wird in diesem Buch wohl nicht viel Neues erfahren. (Den anderen kann es gut als Einführung in die grundlegenden Zusammenhänge dienen.) Doch finden sich immer wieder sehr gelungene Zuspitzungen: Heutzutage noch eine Lebensversicherung abschließen? Ein Wahnsinn! Riester-Produkte? Alles Murks. Die staatliche Altersvorsorge? Vergleichen manche mit einem Schneeballsystem. Dass der Staat 2009 die Spekulationsfrist bei Wertpapiergewinnen abgeschafft und somit langfristiges Aktiensparen der Zockerei gleichgestellt hat? Ist einfach nur Dummheit, denn so wird der Staat bald die Hälfte der Rentner mit Grundsicherung alimentieren müssen.

Besonders faszinierend ist aber eine Grafik, die angibt, welches Endvermögen aus gerade einmal 100 Euro monatlicher Sparleistung bei einer jährlichen Rendite von 10 Prozent (die mit Aktien auf lange Sicht, insbesondere für kundige Privatanleger, durchaus erreichbar ist) nach 10, 20 , 30 und 40 Jahren entsteht, wenn die Erträge nur konsequent wieder angelegt werden. Der Zinseszinseffekt, die eigentliche Quelle jedes langfristigen Kapitalaufbaus, schlägt hier in voller Wucht zu Buche. Es ist fast so wie mit den Reiskörnern auf dem Schachbrett: Nach 10 Jahren hat man 20.161 €, nach 20 Jahren 72.453 €, nach 30 Jahren schon 208.085 € und nach 40 Jahren 559.880 €. Das heißt auch: Wer statt 100 € vielleicht das Doppelte monatlich zurücklegen kann, sollte selbst dann noch zu seiner Million kommen, wenn er erst nach 2009 mit dem Aktiensparen angefangen hat und ihm der Staat folglich von allen Gewinnen etwas mehr als ein Viertel Abgeltungssteuer abzieht. Denn eine Verdopplung der monatlichen Rücklagen sollte letztendlich weit mehr als eine Verdopplung des Endvermögens zur Folge haben, dem exponentiellen Wachstum sei Dank. Doch muss man berücksichtigen, dass das nur nominale Werte sind! Real, d.h. nach Abzug der jährlichen Inflationsrate, ist die Million in 40 Jahren wohl bestenfalls noch die Hälfte wert, eher weniger. Dennoch ist hier ein – selbst für Geringverdiener gangbarer – überaus eleganter Weg zur ersten Million, der sprichwörtlich immer am schwersten verdienten, beschrieben. Klar, andere schaffen es in nur drei Jahren mit einem Nebenjob als Redner, noch andere machen eine Erbschaft oder gewinnen im Lotto oder in einer Fernsehshow, wieder andere bekleiden zwanzig Jahre lang eine Führungsposition und lassen sich dabei graue Haare und Magengeschwüre wachsen. Der Unterschied ist aber, dass die Aktienspar-Methode, anders als alle anderen, so ziemlich jedem offen steht. Man muss nur früh genug damit anfangen, denn der Faktor Zeit ist der alles entscheidende.

Gottfried Heller
Der einfache Weg zum Wohlstand. Mehr verdienen, weniger riskieren und besser schlafen
FinanzBuchVerlag 2012
304 Seiten, EUR 24,99
ISBN 978-3-89879-701-6

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 15.10.2012: Tristesse ohne Geheimnis

Der Philosoph Byung-Chul Han untersucht die „Transparenzgesellschaft“

Thomas Claer

Cover TransparenzgesellschaftSchon vielfach seit dem beinahe kometenhaften Aufstieg der Piraten in unsere etablierte Parteienlandschaft ist deren vehement eingefordertes Paradigma der Transparenz kritisch hinterfragt worden. Manche haben auf die hohe Bedeutung von Diskretion und informellen Absprachen in politischen Prozessen hingewiesen – ungeachtet der dabei immer bedrohlich nahen Schwelle zum Klüngel, zur Korruption und zum Gemauschel, versteht sich. Der Philosoph Byung-Chul Han aber hat in der Transparenz – viel umfassender – nicht weniger als eine allgemeine Tendenz unseres Zeitalters ausgemacht. Nach bewährtem Muster legt Han, der durch seine „Müdigkeitsgesellschaft“ längst einem größeren Publikum bekannt geworden ist, also wieder ein schmales Bändchen vor, das ausgehend von einem vieldiskutierten Stichwort gedankliche Ausflüge in unterschiedliche Richtungen unternimmt. Und diesmal ist es die Transparenz, die heute verbreitete Neigung, immer und überall alles und jedes öffentlich zu machen, an der er kaum ein gutes Haar lässt.
„Die menschliche Seele braucht offenbar Sphären, in denen sie bei sich sein kann ohne den Blick des Anderen“, stellt Han fest und beklagt – sich dabei terminologisch sowohl ganz links als auch ziemlich weit rechts bedienend – dass die kapitalistische Ökonomie alles dem Ausstellungszwang unterwerfe, während das 18. Jahrhundert, wie einst schon Carl Schmitt raunte, noch den aristokratischen Begriff des Geheimnisses gewagt habe. (Im übrigen wäre nach Carl Schmitt das Ende des Geheimen auch das Ende der Politik.) Zum einen erblickt der Verfasser nun im derzeit so angesagten allgemeinen Transparenzgebot einen inhumanen Ausbeutungs- und Kontrollmechanismus, dem sich die Menschen, man denke hier nur an die sozialen Netzwerke im Internet, paradoxerweise sogar freiwillig unterwerfen: „Es wird total. Keine Mauer trennt das Innen vom Außen.“ Zum anderen, was er als mindestens ebenso bedrohlich ansieht, nehme die Transparenz auch vielen anderen Dingen jeden Reiz. Ausführlich beschreibt Han, was etwa auf dem Felde der Erotik auf dem Spiel steht: „Der libidinösen Ökonomie ist die Transparenz fremd. Gerade die Negativität des Geheimnisses, des Schleiers und der Verhüllung stachelt das Begehren an und intensiviert die Lust.“ Und: „Allein ein Rück- und Entzug des Objekts entfacht die Lustökonomie.“ Mit Rückgriff auf Lacan resümiert er schließlich: „Nur auf dem Wege endlosen Aufschubs ist das Objekt erreichbar.“
Den philosophischen Begründer des Transparenzgedankens sieht der Verfasser in Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der seinerzeit alle Menschen dazu aufrief, schonungslos ihr Herz zu enthüllen. Doch schon bei diesem lasse sich beobachten, dass die Moral totaler Transparenz notwendig in Tyrannei umschlage. Heute führten solche Enthüllungen weniger zu einer „moralischen Läuterung des Herzens“ als vielmehr „zu maximalem Profit und maximaler Aufmerksamkeit. Die Ausleuchtung verspricht eine maximale Ausbeute.“
Was Han beschreibt, kennen wir bestens aus unseren Medien und womöglich sogar aus eigenem Erleben. Sicherlich ist sein Essay auch diesmal wieder einseitig, unterschlägt er doch fast alle emanzipativen Aspekte (und die ganz praktischen Erleichterungen), die ein Mehr an Transparenz ebenfalls mit sich bringen kann. Begründet jedoch erscheint der von Han vorgebrachte Verdacht, dass hier der Schaden den Nutzen bei weitem überwiegt, allemal. Allerdings übertreibt es der Autor ein wenig bei der Schilderung der „mehrdeutigen Codes“, welche eine erotische Spannung erzeugen. So viel Transparenz wäre an dieser Stelle gar nicht nötig gewesen…

Byung-Chul Han
Transparenzgesellschaft
2. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
91 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-595-3