Category Archives: Über Bücher

www.justament.de, 20.4.2015: Auf den Spuren der All-Mächtigen

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Zum 80. Geburtstag von Erich v. Däniken

AASHatte unser Planet schon vor langer Zeit Besuch von Außerirdischen? Waren die in unseren Religionen beschriebenen Götter in Wahrheit nur Astronauten aus den Tiefen des Alls, die mit Raumschiffen auf unserer Erde gelandet waren? Die hier aus den vorgefundenen intelligenten Affen in ihren mitgebrachten Laboren mittels Genmanipulation den modernen Menschen erzeugt und sich später wieder aus dem Staub gemacht hatten, aber nicht ohne den Menschen ihre Rückkehr in einer fernen Zukunft zu versprechen? Lange bevor ich zu Romanen oder philosophischen Büchern griff, hatte ich, es muss wohl so mit 15 angefangen haben, eine große Leidenschaft für  Sachbücher. Und zu den großen Helden meiner Pubertät zählte neben Hoimar v. Ditfurth, Konrad Lorenz und Gerd v. Haßler vor allem er: Erich v. Däniken, der wissenschaftliche Autodidakt und millionenfache Bestsellerautor aus der Schweiz, der die obskure Prä-Astronautik-These in die Welt gesetzt hatte. Ganz entscheidend trug zu meiner damaligen Begeisterung für solche Lektüre bei, dass sie in der DDR (damals in den Achtzigern) als äußerst anrüchig galt und nur ganz schwer zu bekommen war. Nach offizieller Lesart war Däniken völlig unvereinbar mit einem marxistisch-leninistischen wissenschaftlichen Weltbild. Dennoch besaß ich seinerzeit die Chuzpe, die Bücher, die ich selbst nur von Bekannten meiner Eltern ausgeliehen hatte, die sie sich ihrerseits illegal durch dunkle Kanäle aus dem Westen verschafft hatten, noch an meine teils ganz linientreuen Lehrer weiter zu verleihen. Sie rissen sie mir förmlich aus den Händen. „Erinnerungen an die Zukunft“, Dänikens erstes Buch aus dem Jahr 1968, war der absolute Knaller. Hier entwickelt der Autor seine Theorie vor allem anhand einer originellen Neuinterpretation bestimmter Bibelstellen. Wer das gelesen hat, der zweifelt keine Sekunde mehr daran, dass der Prophet Hesekiel („Da tat sich der Himmel auf“) in Wirklichkeit die Landung eines Raumschiffs auf der Erde beschrieben hatte und in Kontakt zu einem Alien getreten war. Die ominöse Bundeslade, ein Kasten, aus dem „die Stimme des Herrn erklang“, wurde von Däniken als ein Lautsprecher gedeutet. (Nach heutigem technischen Wissensstand würde man vielleicht eher an einen Laptop mit Skype-Anwendung denken.) Jahre später, schon im Westen, als ich bereits volljährig war, hatte mich das Thema noch immer so ergriffen, dass ich Mitglied der von Däniken gegründeten „Ancient Astronaut Society“ (AAS) wurde (siehe nebenstehende Abbildung meiner Mitgliedsurkunde). Und selbst als später andere Dinge für mich wichtiger geworden waren als die Prä-Astronautik und ich der AAS irgendwann den Rücken gekehrt hatte (schon um den Jahresbeitrag von immerhin 35 Mark einzusparen), zumal ich auch Erich v. Däniken zusehends kritischer sah, blieb ich der sogenannten Paläo SETI-Hypothese gegenüber doch immer aufgeschlossen.
Vor ein paar Jahren verfolgte ich dann ein langes Fernseh-Interview mit einem Professor für Astrophysik, Forschungsschwerpunkt „Extraterrestrische Intelligenzen“, in einer von Alexander Kluges mitternächtlichen Kultursendungen. Und was dieser Herr erzählte, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ging über Däniken, der von der Fachwissenschaft regelmäßig belächelt oder angefeindet worden war, noch weit hinaus. Wenn es, so begann sein Gedankenexperiment, nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit außer uns noch zahlreiche andere intelligente Lebensformen im All gibt, dann sollten einige von ihnen auch in unserer näheren Umgebung beheimatet sein. Und von jenen wiederum dürften einige, wenn man nur das rasante technische Entwicklungstempo der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten zum Maßstab nimmt, uns so unendlich weit überlegen sein, dass sie uns räumlich leicht erreichen könnten und aus wissenschaftlicher Neugier heraus vermutlich auch gerne erforschen wollten. Doch wäre eine „Kontaktaufnahme“ mit uns wohl in ihren Augen etwa so sinnvoll wie die von Menschen mit Regenwürmern. Kurzum, zum wahrscheinlichsten Szenario erklärte es der Astrophysiker, dass wir bereits seit hunderttausenden, wenn nicht Millionen Jahren ständig von Außerirdischen beobachtet und untersucht werden, doch diese sich aus Gründen der Diskretion, um uns Erdlinge nicht zu verwirren, vor uns verborgen halten. Womöglich würden sie aber, so der Professor, im Notfall doch eingreifen, etwa bevor es zum ultimativ-apokalyptischen Atomkrieg auf der Erde käme. Das heißt also, die Aliens leben vielleicht schon seit Menschengedenken unerkannt unter uns, unter Umständen in menschlicher Gestalt, ohne dass man sie – wie im Film „Louis‘ unheimliche Begegnung mit den Außerirdischen“ mit Louis de Funes – am scheppernden Klang beim Klopfen auf ihren Brustkorb erkennen könnte?  Aber was würde dies für die Gültigkeit von Rechtsgeschäften oder die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Delikte bedeuten, an denen unerkannt Außerirdische beteiligt waren? Ach, die Welt ist schon reich an ungelösten Rätseln und Geheimnissen. Vorige Woche beging der große Unterhaltungsschriftsteller Erich v. Däniken seinen 80. Geburtstag.

P.S.: Und hier noch die unübertreffliche Däniken-Parodie von Oliver Kalkofe aus den Neunzigern, die mir immer wieder die Lachtränen in die Augen getrieben hat:

https://www.youtube.com/watch?v=-XFPVv0iifM

www.justament.de, 2.3.2015: Er nennt es Arbeit

Die Erfindung des Home-Office: Eine vergnüglich-böse Kurzgeschichte von Joris-Karl Huysmans aus dem Jahr 1888

Thomas Claer

home-officeDem Verwaltungsjuristen Bougran ist übel mitgespielt worden. Wegen angeblicher „moralischer Invalidität“ hat man ihn nach über zwei Jahrzehnten im Ministerium mit gerade erst 50 Jahren vorzeitig zwangspensioniert. Aber alles ist streng nach Recht und Gesetz abgelaufen. Der Hintergrund ist, dass ein junger Günstling des Ministers auf einem lukrativen Posten untergebracht werden muss. Also wird Monsieur Bougran hinauskomplimentiert, seine Stelle abgeschafft und für den Novizen unter anderer Bezeichnung wieder neu eingerichtet. So ziemlich das Schlimmste, was man Menschen antun kann, ist es, ihnen Privilegien erst zu geben und sie ihnen später wieder wegzunehmen. Sie betrachten das dann zumeist als himmelschreiende Ungerechtigkeit und brechen darüber in großes Wehklagen aus. So auch Monsieur Bougran, die titelgebende Hauptperson in der nur 18 Seiten umfassenden Kurzgeschichte des großen französischen Romanautors Joris-Karl Huysmans (1848-1907), eines der maßgeblichen Wegbereiter der literarischen Moderne, aus dem Jahr 1888.
Huysmans hatte einen Ruf „als Kunstkritiker und leicht perverser Ästhet“, so Daniel Grojnowski in seinem vorzüglichen Nachwort, das die sehr gelungene Neuausgabe dieser Meistererzählung im Kleinverlag  „Friedenauer Presse“ krönt, die seit 2012 inzwischen schon in mehreren Auflagen erschienen ist. Huysmans‘ Hauptantriebsfeder für all sein literarisches Schreiben soll seine vielfache Enttäuschung von den Frauen gewesen sein. Berühmt geworden ist er vor allem durch den Roman „Gegen den Strich“, in dem es um einen dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten geht, der schließlich in geistiger Umnachtung versinkt. Der Erfolg von „Gegen den Strich“ hatte sich allerdings eher auf ein intellektuelles Publikum beschränkt. Daneben landete Huysmans mit einigen weniger ambitionierten Romanen, die heute fast völlig vergessen sind, auch mehrere Bestseller. Doch hatte er darüber hinaus noch einen „Brotberuf“, der es in sich hatte: Er war Beamter im Pariser Innenministerium und brachte es bis zum „Stellvertretenden Leiter des Politischen Büros der Direktion des Amtes für Öffentliche Sicherheit“. In seiner kleinen und überaus feinen Erzählung „Monsieur Bougran in Pension“ plaudert Huysmans also gewissermaßen aus dem Nähkästchen. Sehr anschaulich und pointiert berichtet der Autor darin vom Pariser Behördenalltag im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und der Leser, vor dessen geistigem Auge ein lebendiges Bild von der streng reglementierten damaligen Verwaltung entsteht, fühlt sich trotz aller Unterschiede doch auch ein wenig an Fernsehserien wie „Stromberg“ und an eigene Erfahrungen in deutschen Amtsstuben erinnert. Wir wollen jetzt nicht spekulieren, wie viele von Huysmans‘ literarischen Werken während seiner Dienstzeit im Büro entstanden sind. Doch immerhin war es ihm nachweislich möglich, in der Arbeitszeit bedeutende Briefe an Schriftstellerkollegen zu verfassen.
Nun muss der weit eher zum Schriftsteller denn zum Bürokraten berufene Huysmans in der tristen Arbeitswelt mächtig gelitten haben. Sein einfacher gestrickter Erzählungsheld Bougran hingegen ist das, was man heute einen Workaholic nennt, und daher ob seiner Degradierung zum Frühpensionär völlig verzweifelt. Allein im Beruf findet er seine Bestimmung und Erfüllung. Er hat keine Freunde außer seinen Kollegen und keine Hobbies außer seiner Arbeit. Kurz, das Büro ist sein Leben. Und über den Verlust seiner alten geregelten Daseinsform kann ihn auch nicht die durchaus ordentliche Pension hinwegtrösten, die ihm jetzt zusteht. Jedoch blüht er regelrecht auf, als ihm auf einem seiner traurigen Spaziergänge durch Paris nach seiner Pensionierung der rettende Gedanke kommt: Er tapeziert das kleinste Zimmer seiner Wohnung auf exakt die gleiche Weise wie seinen früheren Büroraum, besorgt sich die entsprechenden Schreibtische, Stühle und Regale und stellt in diese irgendwelche alten Akten hinein. Vor allem aber sorgt er dafür, dass das Zimmer von nun an weder vernünftig gereinigt noch gelüftet wird, damit es dort schon bald so staubig riechen soll wie in seinem alten Büro – und fertig ist das perfekte Home-Office! Nein, noch nicht ganz. Er braucht ja noch etwas zu tun. Doch hierbei hilft er sich, indem er täglich fiktive Behördenbriefe verfasst und an sich selbst adressiert, die ihn dann am nächsten Tag wieder erreichen und beantwortet werden wollen und so fort. Doch merkt er schon nach kurzer Zeit, dass ihm noch etwas ganz Entscheidendes fehlt: der Klatsch und Tratsch mit den Kollegen. Aber auch diesem Mangel weiß er abzuhelfen. Kurzerhand gibt er seinem früheren alten, inzwischen ebenfalls pensionierten Bürodiener eine Anstellung bei sich, so dass dieser für ihn künftig alle Botengänge erledigen und ansonsten ausgedehnte Konversation mit ihm pflegen kann.
Natürlich ist das alles eine groteske Donquichotterie. Und dennoch hat Huysmans in seinem flüchtig verfassten Nebenwerk weit mehr geschaffen als eine bloße amüsante Parabel auf die damalige Büro-Arbeitswelt und ihre sinnentleerten Rituale. Vielleicht ganz ohne Absicht ist dabei auch eine ungemein moderne Figur entstanden: ein früher Vorläufer der heutigen urbanen Do-it-yourself-Klasse, die sich nicht mehr länger den Unzumutbarkeiten einer Angebot-und-Nachfrage-Arbeitswelt unterordnen mag, sondern sich – notfalls ohne Aussicht auf ein auskömmliches Einkommen – ihren Traum von der beruflichen Selbstverwirklichung erfüllt. „Wie nennt man einen arbeitslosen Journalisten?“, so lautete vor einigen Jahren ein weit verbreiteter Witz. Antwort: „Blogger.“ Womöglich sind das ja schon die Vorübungen für das langsam, aber sicher heraufziehende neue Zeitalter der Digitalisierung 3.0, in dem dann auch unzählige andere altvertraute Jobs irgendwann überflüssig werden.

Joris-Karl Huysmans
Monsieur Bougran in Pension
Friedenauer Presse 2012
32 Seiten (broschiert), EUR 9,50
ISBN-10: 3932109724

www.justament.de, 8.1.2015: Pragmatischer Mix

Die „PLATOW Prognose 2015. Anlagestrategien für die Zinswende“

Thomas Claer

platowUnd hier gleich das nächste Börsenbuch. Diesmal ist es aber eher ein allgemein gehaltener Ausblick auf das neue Jahr aus dem Hause des traditionsreichen Börsenbriefs PLATOW in Buchform. Darin heißt es eingangs, das PLATOW-Expertenteam habe sich in Klausur begeben und gemeinsam über die wichtigsten Trends und Entwicklungen für das Jahr 2015 nachgedacht, woraus dann dieses Buch entstanden sei, das man bei einem Verkaufspreis von 61 Euro und einem Umfang von 254 Seiten nicht gerade als kostengünstig bezeichnen kann. Konkret besteht es aus zehn Aufsätzen, in denen überwiegend Persönlichkeiten aus den sogenannten Partnerunternehmen des PLATOW-Börsenbriefs über ihre Spezialgebiete informieren, um schließlich zum Teil ganz unverhohlen ihre Produkte zu empfehlen. (Der Geschäftsführer der FERI Trust stellt seine Finanzprodukte als „barrierefreie Kapitalanlage“ vor, der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Annington preist die Immobilienaktien als „das Beste aus zwei Welten“, der Leiter des Management-Teams von BB Biotech erläutert die immensen Potentiale der Biotechnologie in „Moleküle, die Milliarden generieren“ u.s.w.) Diese Abschnitte sind zudem durchsetzt mit ganzseitigen Werbeanzeigen der entsprechenden, aber auch anderer Unternehmen. In vier weiteren Kapiteln werden die „weltweit 50 besten Aktien“ Aktien vorgestellt und empfohlen, die das PLATOW-Team angeblich aus über 10.000 Einzeltiteln ausgewählt hat. Nach welchen Kriterien, das bleibt im Dunkeln.
Nein, ganz so schlecht, wie es bis hierhin klingen mag, ist dieses Buch auch wieder nicht. Es ist ein pragmatischer Mix aus Werbung und Information, wie man ihn häufig auf diversen Internetseiten findet. Allerdings muss man schon die Chuzpe der Herausgeber anerkennen, dieses Werk nicht gratis, sondern zum Kauf anzubieten – und dann noch zu einem solchen Preis! Wer eine gute überregionale Tageszeitung liest oder auch ein Finanz- oder Wirtschaftsmagazin, wird an Informationen dieser Art vielleicht einen Tick weniger interessengeleitet, sicherlich aktueller und vor allem weitaus preiswerter kommen. Immerhin erhält man mit der PLATOW-Prognose aber auch ein Hardcover-Buch, dessen Herstellung zweifellos teuer ist.
Zurück zu den Inhalten. Trotz aller Einwände lässt sich dem Buch doch auch allerhand Nützliches entnehmen. Klartext redet vor allem das abschließende Immobilien-Kapitel. Wie die Lemminge, heißt es dort, strömten die Anleger derzeit in hochpreisige Immobilien-Investments, obwohl die Renditen, die sich aus deren Vermietung erzielen lassen, inzwischen kaum noch lohnend seien. Genau so ist es. Für Immobilien in guten Lagen ist es jetzt wirklich schon zu spät! Und wie ist es mit der Zinswende, vor der schon im Titel und Klappentext so inständig gewarnt wird, dass es dem Anleger die Schweißperlen auf die Stirn treiben kann? Der eine Text sagt so, der andere anders, wie man auf die mit Sicherheit irgendwann drohende Zinswende reagieren sollte. Aber ob wirklich schon 2015 oder wann sie denn überhaupt mal kommt, steht schließlich auch noch in den Sternen. (In Europa wird sie vielleicht noch lange Jahre auf sich warten lassen.) Nein, die Experten wissen auch nicht mehr als der gemeine Zeitungleser. Und wie ist es mit den empfohlenen „weltweit 50 besten Aktien“? Man liest es mit Interesse, und vom ersten Eindruck her sind eine Menge gute Unternehmen darunter. Aber man hätte sicherlich ebenso gut auch 50 andere empfehlen können. Mir persönlich wären fast alle in der Bewertung schon zu teuer. Aber ich wüsste leider auch nicht 50 günstigere zu sagen… Insgesamt sind die Aktien derzeit eben nicht mehr ganz billig. Am besten gefallen mir unter den empfohlenen Werten noch Indus Holding (aber die hab ich ohnehin schon seit zehn Jahren im Depot), Total und BHP Billiton. Die beiden letzteren sind gerade mächtig runtergeprügelt, werden aber bestimmt nicht Pleite gehen und bieten wenigstens richtig gute Dividendenrenditen, zumal sie erklärtermaßen nicht ihre Dividenden senken wollen. Aber darüber sollte sich jeder lieber seine eigenen Gedanken machen. Mein Rat an alle Anleger: Do it yourself!

Albrecht F. Schirmacher, Frank Mahlmeister (Hrsg.)
PLATOW Prognose 2015. Anlagestrategien für die Zinswende
Platow Medien GmbH 2014
254 Seiten, 61,00 € (Abonnentenpreis: 54,00 Euro)
ISBN 978-3-943145-20-5

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

www.justament.de, 5.1.2015: Zyklen statt Value

Das Börsenbuch „Das Börsenbuch“ von Thomas Müller und Alexander Coels

Thomas Claer

borsenbuchHier geht es aber mal so richtig zur Sache! Ein 500 Seiten dickes Börsenbuch mit dem Titel „Das Börsenbuch“ legen die Autoren Thomas Müller und Alexander Coels vor, was natürlich suggeriert, dass man außer diesem ganz bestimmt kein weiteres Börsenbuch bräuchte, um sich an der Börse zurechtzufinden. Aber braucht man denn dazu heutzutage überhaupt noch ein Börsenbuch, wo sich doch alles, was man über die Börse wissen muss, ohnehin schon im Internet finden lässt? Um es gleich zu sagen: In diesem Buch ist manches anders, als man denkt. Man kann nur jeden Leser davor warnen, sich an der Börse allein auf den Inhalt dieses Buches zu verlassen. Und doch steht eine Menge äußerst nützlicher Informationen darin, die man in dieser Genauigkeit sicherlich nirgendwo im Internet finden wird. Das Buch sollte aber statt „Das Börsenbuch“ lieber „Das große Buch der Börsenzyklen“ heißen, denn auf 338 der 502 Seiten geht es explizit um diese – und auf den restlichen Seiten indirekt letztlich auch…

Börsenzyklen also. Was soll man sich darunter vorstellen? Man kann es vielleicht mit dem „Hundertjährigen Kalender“ vergleichen, der im 17. Jahrhundert von Mauritius Knauer, einem Abt des Klosters Langheim, zur Vorhersage des Wetters in Franken verfasst wurde, um die klösterliche Landwirtschaft zu optimieren. Vereinfacht gesagt machte Knauer über einen langen Zeitraum präzise Wetterbeobachtungen für jeden Tag eines Jahres und erstellte dann aus den jeweiligen Durchschnittswerten seine Prognose für jeden Tag der kommenden Jahre. Aus meteorologischer Sicht ist das natürlich nicht haltbar. Übereinstimmungen werden von Fachmeteorologen als Zufälle gewertet. Und dennoch funktioniert dieser Kalender gar nicht so schlecht, weil sich die Erde grundsätzlich auf die gleiche Weise Jahr für Jahr um die Sonne und Tag für Tag um die eigene Achse dreht, während die Wetterberichte mit ihren kurzfristigen Vorhersagen bekanntlich auch oft danebenliegen.

Aber wie soll man mit diesem Ansatz künftige Börsenkurse vorhersagen können? Nun, bekanntlich sind die diesbezüglichen Prognosen unserer „Finanzmarktmeteorologen“, also der Wissenschaftler der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, in der Regel so unzuverlässig, dass man nun wirklich nicht viel auf sie geben kann. Und ja, so wie das Wetter folgen auch die Börsenkurse bestimmten zyklischen Mustern. Jeder, der sich für die Börse interessiert, weiß, dass der September im langjährigen historischen Durchschnitt der bei weitem schlechteste Börsenmonat und die saisonal stärkste Phase jene von Oktober bis April ist. Aber wer weiß schon, dass Montage im Schnitt die schlechtesten und Freitage die besten Wochentage an der Börse sind oder dass die zweite Hälfte eines Jahrzehnts fast immer eine wesentlich bessere Kursentwicklung bringt als die erste? Woran das liegt? Man weiß es nicht genau, und hier wird die Vorgehensweise der Autoren Müller und Coels etwas problematisch. Sie blenden solche weitergehenden Fragen nahezu komplett aus und folgen gewissermaßen blind ihren in wahrlich beeindruckender Vielfalt vorgelegten langjährigen Verlaufsmustern. (Die diesen zugrundeliegenden Daten reichen für den deutschen Markt bis 1960, für den amerikanischen bis 1896 zurück). Als Absicherung gegen Kursverluste empfehlen sie lediglich die Orientierung an technischen Indikatoren wie dem Unterschreiten der 200 Tage-Linie oder die ergänzende Verwendung von Put-Optionsscheinen.

Man kann es schon kurios finden, dass in einem Börsenbuch weder Begriffe wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Kurs-Buchwert-Verhältnis noch Dividenden-Rendite vorkommen, dass weder die Rolle der Geldpolitik der Notenbanken für die Börse noch die des Geschäftsmodells für den Erfolg eines Unternehmens erklärt wird. Gewiss, die in den Börsenberichterstattungen nachgeschobenen Erklärungen für fallende oder steigende Kurse anhand realwirtschaftlicher Entwicklungen kann man getrost in der Pfeife rauchen („Die Kurse machen die Meldungen“, lautet zurecht ein beliebtes Börsen-Bonmot), und der langjährige Erfolg der Autoren mit ihrer Methode scheint ihnen ja auch Recht zu geben. Aber etwas mulmig wird einem doch bei Sätzen wie diesem auf S.20: „Es gibt keine wirkliche ‚Begründung‘ für Kursentwicklungen. Entscheidend ist einzig und allein, was die Kurse machen, und die Aneinanderreihung von Kursen ergibt Trends, und nur in Trends kann an der Börse Geld verdient werden…“ (Hier würde ich ausdrücklich widersprechen: Wer Aktien von hochwertigen Unternehmen mit stabilem Geschäftsmodell, hoher Dividendenrendite und kontinuierlich steigender Dividendenausschüttung besitzt, dem können die Trends der Kursverläufe sogar schnurzegal sein. Er kann sich zurücklehnen und sich zumindest für lange Zeit jahraus, jahrein über seine Dividendenerträge freuen.)

Auf S.25 heißt es dann: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden sich die Kurse in den kommenden 100 Jahren ähnlich entwickeln wie in den vergangenen.“ Woher um alles in der Welt wollen die Autoren das nur wissen? Es stimmt, dass sich die amerikanischen wie die deutschen Börsenindizes in ihrem langjährigen Verlauf immer wieder zum Mittelwert eines jährlichen Ertrags von 9 Prozent einschließlich ausgeschütterter Dividenden bewegt haben. Aber die Börsenentwicklung kann gar nichts anderes sein als ein zeitversetzter Spiegel der Realwirtschaft (Kostolany! Herr! Hund!). Wenn die Unternehmen irgendwann kein Geld mehr verdienen, dann können sie ihren Aktionären keine Dividenden mehr bezahlen, dann gibt es keinen Grund mehr für irgendjemanden, ihre Aktien zu kaufen, außer als irres Spekulationsobjekt. Es hat in der Menschheitsgeschichte immer wieder Phasen ohne ein nennenswertes Wirtschaftswachstum gegeben, beispielsweise, soweit mir bekannt ist, lange Jahrhunderte des Mittelalters. Die dem „Börsenbuch“ zugrundeliegende Börsenhistorie fällt mit einem – nur vorübergehend unterbrochenen – nahezu kontinuierlichen Wirtschaftswachstum zusammen. Sollte irgendwann die ganze Welt von der „japanischen Krankheit“, der lange anhaltenden Wachstumsschwäche, befallen werden und die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen global in einen Zustand der Sättigung übergehen, dann war es das vermutlich mit den steigenden Börsenkursen. Nun wird mancher vielleicht einwenden, eine solche Entwicklung sei aus heutiger Sicht schlichtweg unvorstellbar. Für die nächsten mindestens 20 Jahre glaube ich das auch, da der Wohlstandshunger der Schwellenländer im Zweifel auch die etwaigen Stagnationen in der westlichen Welt kompensieren und insbesondere die Geschäfte der Exportnationen bis auf weiteres gut anheizen dürfte. Aber hat eigentlich schon mal jemand zu Ende gedacht, wohin es führen wird, wenn mit der fortschreitenden Digitalisierung immer mehr Arbeitsplätze – von der Zugbesatzung über die Postausträger und Fließbandarbeiter aller Art bis zu den Taxi-, Bus- und Lkw-Fahrern – früher oder später wegfallen werden und was das für die weltweite Nachfrage nach Konsumgütern bedeuten wird? Insofern kann einem die Abgabe von Prognosen für den Aktienmarkt der nächsten 100 Jahre schon als recht waghalsig erscheinen.

„Welche Krisen auch in der Zukunft auf uns zukommen mögen, früher oder später werden die Aktienbörsen ihre Kursniveaus vor der Krise zurückerobern und neue Höchstkurse markieren“, heißt es auf S. 35. Klar, denn in der Börsengeschichte ist es ja bisher auch immer noch mal gutgegangen. Nach dieser Logik müsste sich allerdings jeder Mensch für unsterblich halten, denn in seinem bisherigen Leben hat er sich ja schließlich auch von jeder Krankheit  wieder erholt. Und so sorglos-frisch-fröhlich geht es weiter im Buch: „Wir können uns auf den Kopf stellen, aber die Zielrendite von Dax und Dow Jones beträgt 9 Prozent jährlich.“ (S.42) „Die Aktienmärkte kennen langfristig nur den Weg nach oben.“ (S.45) Wohlgemerkt: Die etwas reißerisch auf dem Buchtitel verkündete  Zielmarke für den Dax im Jahr 2039 von 100.000 Punkten halte ich keineswegs für aus der Luft gegriffen, die im Schlusskapitel „Börsenvision“ anvisierten exorbitanten Marken für die entferntere Zeit danach hingegen schon. (Das spricht, nebenbei gesagt, aus meiner Sicht auch dafür, lieber heute als morgen in Aktien zu investieren.) Es ist natürlich grundsätzlich richtig, dass die möglichst einfachen Strategien an der Börse meistens erfolgreicher sind als die zu komplizierten, und es ernten ja auch die dümmsten Bauern mitunter die größten Kartoffeln. Aber sich als denkender Mensch deshalb gedankliche Scheuklappen anzulegen oder gar einfach seinen Kopf abzuschalten, scheint mir dann doch keine gute Lösung zu sein.

Kurz gesagt, die Autoren schießen mit ihrem im Prinzip wohlbegründeten Ansatz aufgrund ihrer methodischen Maßlosigkeit häufiger über das Ziel hinaus. Abgesehen davon liefert das „Börsenbuch“ aber eine ungeheure Fülle von Material, mit dessen Hilfe sich an der Börse – ergänzend zu anderen bewährten Methoden – langfristig unter Zyklengesichtspunkten (vermutlich gewinnbringend) agieren lässt. Positiv ist ferner zu vermerken, dass im Buch eindringlich vor Börseninvestments auf Pump gewarnt wird und – immerhin – in einem Kasten auf S. 464 kurz das Liquiditätsmanagement von Warren Buffett vorgestellt wird, ohne jedoch weiter auf seinen Value-Ansatz einzugehen. Mit ihrem Eingangskapitel „Warum jeder an der Börse investieren sollte“ rennen die Verfasser beim verständigen Leser hoffentlich ohnehin offene Türen ein.

Machen wir abschließend noch die Probe aufs Exempel und wagen wir eine Börsenprognose für den Dax und den Dow Jones für das Jahr 2015 auf der Basis des in diesem Buch aufgezeigten Zyklenansatzes. (Deren Treffsicherheit mag dann jeder Leser selbst nach 12 Monaten beurteilen.) Beginnen wir mit dem in der Vergangenheit treffsichersten Indikator, dem Wahl-Zyklus: 2015 ist in Deutschland ein Zwischenwahljahr (durchschnittliche Dax-Performance +16,1 Prozent) und in den USA ein Vorwahljahr (durchschnittliche Dow Jones-Performance +12,3 Prozent). Das verspricht jeweils eine deutlich überdurchschnittliche Kursentwicklung im neuen Jahr. Hinzu kommt, dass sich der Dax in der Regierungszeit großer Koalitionen mit durchschnittlich +12,37 Prozent deutlich besser entwickelte als unter sonstigen CDU-geführten (+8,71 Prozent) oder SPD-geführten (-0,37 Prozent) Regierungen. Auch der Dow-Jones lief unter demokratischen Präsidenten mit +7,58 Prozent besser als unter republikanischen mit +3,64 Prozent. Auch das scheinen also sehr gute Vorzeichen für das neue Börsenjahr zu sein. Nun soll aber auch noch der Jahrzehnt-Zyklus zu seinem Recht kommen: Der Dax performte in Fünferjahren bisher im Schnitt mit sagenhaften 25,81 Prozent. Der Dow Jones übertrifft dies noch mit geradezu unglaublichen 31,44 Prozent. (Tatsächlich sind Fünferjahre in beiden Indizes die besten Jahre überhaupt.) Bessere Vorgaben kann man sich vom Jahrzehnt-Zyklus her also nicht wünschen. Weiterhin ist der Zyklus der Vier-Jahres-Tiefs zu erwähnen. Und tatsächlich ist 2014 (wie zuvor 2010, 2006, 2002 u.s.w.) ein Jahr gewesen, in dem Dax und Dow Jones im Herbst – wie auf Bestellung – einen markanten Tiefpunkt ausgebildet haben. Anschließend kommt es meistens zu einer längeren stärkeren Aufwärtsbewegung. Also auch dieser Indikator liefert positive Signale. Bleibt noch der überaus wichtige Januar-Indikator, wonach die drei Faustformeln gelten: „Erster Handelstag gut, ganzes Jahr gut“, „Erste Handelswoche gut, ganzes Jahr gut“ und „Ganzer Januar gut, ganzes Jahr gut“. Der erste Indikator ist 2015 allerdings negativ ausgefallen, denn der erste Handelstag brachte am vorigen Freitag für Dax und Dow Jones leichte Verluste. Doch könnte insbesondere ein guter erster Gesamtmonat noch alles herausreißen, denn die Trefferquote des Januar-Indikators liegt beim Dow Jones bei 74 Prozent, beim Dax nur bei 61 Prozent.

Fazit: Aus Zyklensicht deutet sich ein geradezu exzellentes Börsenjahr 2015 an, wobei aber sicherheitshalber noch der Januar abgewartet werden sollte. Und wie sind die Vorgaben für 2015 aus allgemeiner Sicht jenseits der Börsenzyklen? Von den Unternehmensgewinnen her ist der Dow Jones (gemessen am auf 10 Jahre geglätteten Shiller-KGV) bereits ziemlich hoch bewertet, der Dax mit seinen jetzt knapp 9.800 Punkten hingegen etwa seinem langjährigen Durchschnittswert entsprechend, also weder zu teuer noch zu billig. Berücksichtigt man noch den anhaltenden geldpolitischen Rückenwind in Europa durch die Niedrigzinspolitik und die womöglich noch weiteren ergänzenden Maßnahmen der EZB auf der einen Seite und die angekündigte Zinswende der Fed auf der anderen Seite, spricht viel für eine stärkere Entwicklung europäischer, insbesondere deutscher Aktien, aber auch einiges für eine relativ schwächere Entwicklung amerikanischer Aktien. Bedenkt man dann noch die konjunkturfördernde Wirkung des niedrigen Ölpreises und des niedrigen Eurokurses für Deutschland, dann kann man schon fast von einem rundum positiven Gesamtbild für den deutschen Aktienmarkt sprechen. Einzige, aber nicht unwesentlicher Schönheitsfehler sind die drohenden politischen Störfeuer, insbesondere aufgrund der Russland-Problematik, und die noch nicht vollständig ausgestandene Euro-Krise. Doch da politische Börsen in aller Regel kurze Beine haben, könnten sich aufgrund der etwaigen politisch bedingten Volatilität im Jahresverlauf sogar besonders lukrative Einstiegsmöglichkeiten bieten.

Zu Risiken und Nebenwirkungen dieser Börsenprognose konsultieren Sie ein Börsenbuch Ihrer Wahl oder das Internet, aber fragen Sie niemals Ihren ahnungslosen Bankberater.

Thomas Müller, Alexander Coels
Das Börsenbuch
TM Börsenverlag 2014
502 Seiten, 39,95 €
ISBN-10: 3930851814

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

www.justament.de, 1.12.2014: Zum Tod des “Mosaik”-Zeichners Hannes Hegen

Thomas Claer empfiehlt – Spezial –

digedagsSo etwas wie das „Mosaik von Hannes Hegen“ konnte wohl nur in der DDR entstehen. Verglichen mit westlichen Comics waren diese östlichen Bildgeschichten, die mich durch meine Kindheit und Jugend begleiteten, viel anspruchsvoller in fast jeder Hinsicht. Ein ausgedehnter Fortsetzungsroman aus bunten Heften führte die drei liebenswerten Kobolde Dig, Dag und Digedag in wechselnder Begleitung quer durch alle Länder und Zeiten. Sie bestritten Gladiatorenkämpfe im alten Rom, flogen durch den Weltraum auf fremde Planeten (auf denen es mitunter wie beim westlichen Klassenfeind aussah), zogen um 1284 mit dem Ritter Runkel von Rübenstein aus der deutschen Provinz in den Orient, um nach einem vergrabenen Schatz zu suchen, den ein Vorfahre des Rübensteiners dort einst auf der Flucht vor den Sarazenen angeblich vergraben hatte, verbrüderten sich mit Indianern und versklavten Schwarzen im Amerika des 19. Jahrhunderts, weilten am Hofe des osmanischen Sultans in Konstantinopel.
Die zeichnerische Umsetzung war liebevoll und meisterhaft opulent. Lange Zeit gab es statt Sprechblasen ausführliche Bildunterschriften. Mit Bildungszitaten wurde keineswegs gegeizt. Natürlich stand dahinter auch der Parteiauftrag, dem „westlichen Schund“ eine eigene überlegene sozialistische Kultur entgegenzusetzen. Herausgekommen ist eine kleine „Weltgeschichte von unten“, die alle ideologischen Vorgaben spielend unterlief. Die Digedags waren notorische Autoritätenverspotter. Und immer traf es die Richtigen: die Mächtigen, Reichen, Aufgeblasenen, gerne auch Polizei und Militär.
Zweifellos hat es der Qualität der Zeitschrift nicht geschadet, dass sie keinen „Markt bedienen“ musste. Es gab in der DDR (wo westliche Comics nicht zu kriegen waren), abgesehen vom deutlich weniger ambitionierten „Atze“, keine einschlägigen Konkurrenten um die Gunst des Publikums. Das hatte zwar etwas von einer Zwangsbeglückung. Doch anders, als man es sonst im traurig-realen Sozialismus erleben musste, zogen die Zwangsbeglückten aus dem Mosaik einen großartigen Nutzen – und das zum unschlagbaren Dauer-Tiefpreis von 60 Pfennigen pro Heft! (Da es im Sozialismus keine Inflation geben durfte, waren alle einmal festgesetzten Preise, egal für welche Güter, eingefroren für alle Ewigkeit.) Selten etwas geändert wurde aber auch an der Höhe der Auflage, die sich mit gut 600.000 Exemplaren dauerhaft als viel zu niedrig erwies. Die Folge war, dass die Mosaik-Hefte zur „Bückware“ wurden, die schwer zu bekommen war und leidenschaftlich gejagt, gesammelt und getauscht wurde. Da sich mit DDR-Geld damals kaum jemand locken ließ, man konnte sich eh nichts Besonderes dafür kaufen (viel wichtiger war es, die richtigen Leute zu kennen, die an der jeweiligen Quelle saßen), wurden besonders begehrte Hefte aus den 50er und 60er Jahren seinerzeit bevorzugt gegen Autoersatzteile, Waschmaschinen oder Farbfernseher eingetauscht. Oder sogar gegen verbotenes Erotik-Material aus dem Westen…
Für die Ostdeutschen blieben Hannes Hegens alte Mosaik-Hefte auch nach der Wende das Nonplusultra. Prominente Künstler wie Uwe Tellkamp und Neo Rauch bekannten sich zu ihrer Mosaik-Begeisterung. Für Heft 1 aus dem Jahr 1955 müssen Sammler inzwischen hohe vierstellige Euro-Beträge hinblättern. (Ich selbst betrachte meine Mosaik-Sammlung als Teil meiner Altersvorsorge.) Westdeutsche Comicfreunde konnten sich hingegen nur zögernd für die Bildgeschichten aus dem Osten erwärmen. Am 8. November ist der Mosaik-Schöpfer Hannes Hegen, der eigentlich Johannes Hegenbarth hieß, 89-jährig in Berlin gestorben.

www.justament.de, 27.10.2014: Nichts als Erinnerung

Judith Hermann mit ihrem ersten Roman „Aller Liebe Anfang“

Thomas Claer

judith-hermann-coverEs gab in den Neunzigern ein paar Bücher, die den damaligen Berlin-Hype ungemein befeuerten: „Russendisko“ von Wladimir Kaminer zum Beispiel, sicherlich auch „Herr Lehmann“ von Sven Regener. Ganz besonders galt dies aber für den schmalen Erzählungsband „Sommerhaus, später“, das Debüt der Autorin Judith Hermann, Jahrgang 1970, die nach einer euphorischen Besprechung ihres Erstlings durch Marcel Reich-Ranicki im „Literarischen Quartett“ gleichsam über Nacht zum Shooting-Star am deutschen Literaturhimmel aufstieg. Es dauerte nicht lange, da wurde Judith Hermann, deren karge, lakonische Short-Storys das Lebensgefühl junger Hauptstädter in den Jahren nach dem Mauerfall beschrieben, schon als Stimme einer neuen Schriftstellergeneration gehandelt. Doch merkte man der so Gefeierten bereits damals an, dass ihr eine solche Rolle keineswegs behagte. Und es spricht auch zunächst einmal uneingeschränkt für diese Autorin, dass sie sich in der Folge weitgehend rarmachte und nur noch in Abständen halber Jahrzehnte weitere Bücher publizierte. Auf die etwas zwiespältige Erzählungssammlung „Nichts als Gespenster“ folgte mit „Alice“ eine Art Vorstufe eines Romans: fünf miteinander in Zusammenhang stehende Erzählungen, die alle um die titelgebende Hauptfigur kreisten. Judith Hermann bewies hierin erneut ihre große Begabung dafür, Situationen mit wenigen treffenden Sätzen vor dem inneren Auge des Lesers entstehen zu lassen. Vor allem aber erwies sie sich in diesen düsteren,  allesamt den Tod vertrauter Mitmenschen der Protagonistin behandelnden Kurzgeschichten als Meisterin der virtuosen Moll-Färbung.
Man sieht also, an Vorschusslorbeeren für Judith Hermanns ersten Roman „Aller Liebe Anfang“ besteht kein Mangel. Doch diesmal verstört bereits die Konstellation. Die Hauptfigur, eine 37-jährige Krankenpflegerin namens Stella, hat sich einen muskulösen Bauarbeiter geangelt, der mit ihr eine Tochter erzeugt und der jungen Familie ein Einfamilienhaus am Stadtrand gekauft hat. Dort sitzt Stella nun tagaus, tagein, bringt die Tochter morgens in den Kindergarten, holt sie am späten Nachmittag wieder ab, absolviert zwischenzeitlich mit dem Fahrrad Hausbesuche bei pflegebedürftigen Kunden in der Siedlung, macht allerlei Hausarbeiten und genießt es im Übrigen, regelmäßig auch Zeit für sich selbst zu haben, denn ihr Mann befindet sich zumeist tagelang auf irgendwelchen entfernten Baustellen. Ausgiebig telefoniert und schreibt sich Stella mit ihrer besten Freundin, die als Hausfrau und Mutter und freischaffende Künstlerin andernorts in einer ausgebauten Wassermühle lebt, während ihr Mann als Lehrer in einer Schule unterrichtet. Bis vor einigen Jahren haben die Freundinnen gemeinsam in einer WG in einem Szeneviertel einer Großstadt gelebt. Zumeist tauschen sie neben Fragen hinsichtlich der Kindererziehung nun Erinnerungen an ihre gemeinsamen alten Zeiten aus. Dieser im Buch sehr ausführlich geschilderte Alltagstrott wird durchbrochen, als Stella plötzlich und von da an täglich durch einem Stalker belästigt wird, der untypischerweise kein zurückgewiesener früherer Geliebter ist, sondern ein vereinsamter junger Mann aus der Nachbarschaft.
Viel mehr passiert nicht auf den 224 Seiten, nur dass sich die Dinge zum Ende hin noch etwas zuspitzen. Es entsteht weder eine nennenswerte Spannung beim Lesen, noch geschieht irgendetwas Überraschendes. Anders als in früheren Büchern der Autorin wird der Leser hier nicht in aufregende Welten entführt, sondern seitenlang mit dem Geschwätz von Stellas Patienten und Arbeitskolleginnen, den Albernheiten ihrer vierjährigen Tochter sowie den nicht sehr einfallsreichen Aktionen des durchgeknallten Stalkers Mr. Pfister malträtiert. Vielleicht war es ja einfach keine gute Idee, aus dem Stoff einen Roman zu machen. Möglicherweise wäre, eingedampft auf maximal ein Drittel des Umfangs, eine halbwegs passable Kurzgeschichte herausgekommen. Lag früher eine besondere Stärke Judith Hermanns in ihren punktgenauen Detailschilderungen, laufen diese jedenfalls diesmal völlig ins Leere. Wozu, so fragt man sich immer wieder, sollte man eigentlich so viel über diese Vorstadttristesse erfahren?
Nun muss man natürlich den Realitäten ins Auge sehen. Für eine Mehrheit der Deutschen, so sagen es aktuelle Umfragen, ist bis heute das Leben mit Familie und Auto in einem Einfamilienhaus am Stadtrand die bevorzugte oder angestrebte Lebensform. Immerhin kann man jener Klientel dieses Buch zum Zwecke der Abschreckung empfehlen. Alle anderen sollten besser zu „Sommerhaus, später“ oder „Alice“ greifen. Und Judith Hermann bitte künftig wieder Kurzgeschichten schreiben.

Judith Hermann
Aller Liebe Anfang. Roman
S. Fischer Verlag, 224 Seiten, 19,90 €
ISBN-13: 978-3-3100331830

www.justament.de, 29.9.2014: Lob der zynischen Vernunft

Pflichtlektüre: Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“

Thomas Claer

cover-sloterdijkPeter Sloterdijk war schon immer ein Philosoph, der es krachen ließ. Leisetreterei und Zurückhaltung sind ihm zeitlebens ebenso fremd geblieben wie trockenes Akademisieren. Unentwegt sucht er die Öffentlichkeit. Eckt er mit seinen Positionen irgendwo an, treibt er sie anschließend erst recht auf die Spitze. All das hat natürlich hohen Unterhaltungswert. So war er stets gefragt in allen Medien bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das ihn, den Philosophie-Professor, mehr als zehn Jahre lang eine eigene Talkshow ausrichten ließ. Dabei gelang ihm das Kunststück, diese Rolle mit Bravour und ohne größere Zugeständnisse an die seichte und verblödete Massenkultur auszufüllen. Im Gegenteil, Sloterdijk verlangte seinen Zuschauern (wie auch seinen Lesern) gedanklich stets eine Menge ab. Er ließe sich sogar als Musterbeispiel eines kritischen, sich jederzeit in gesellschaftliche Belange einmischenden Intellektuellen bezeichnen, hätte er nur nicht diesen starken Hang zur Provokation, zum geistigen Krawall, zu politisch unkorrekten Haltungen, der ihn insbesondere in den Augen seiner (immer auch etwas neidischen) Fachkollegen immerfort verdächtig macht.

Dass man ihm 2012 sein „Philosophisches Quartett“ wegnahm und seinen Sendeplatz stattdessen einem deutlich jüngeren Dünnbrettbohrer überließ, muss ihn tief gekränkt, aber auch herausgefordert haben. Waren seine Bücher in den letzten Jahren ohnehin zusehends packender und interessanter geworden, so präsentiert er sich nunmehr, zu Beginn seines gesetzlichen Rentenalters, in der schriftstellerischen Form seines Lebens. Nie war er, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, als Buchautor so gut wie heute! Und mit den „Schrecklichen Kindern der Neuzeit“ liefert er einen kulturhistorisch-anthropologischen Paukenschlag, wie wir ihn lange nicht erlebt haben.

Zwar stimmt es schon, dass der reife Sloterdijk bevorzugt in die linke Ecke keilt, was mit dem Furor des Renegaten zu tun haben mag, dem es im angestammten linksalternativen Milieu irgendwann zu eng geworden ist. Doch in ihm einen „Autor für AfD-Wähler“ zu sehen, wie es SPIEGEL-Online-Rezensent Georg Diez in seiner Rezension dieses Werkes getan hat, lässt sich wohl nur als Folge ideologischer Voreingenommenheit des Kritikers oder einer allenfalls flüchtigen Buchlektüre erklären. Nein, Sloterdijk ist natürlich kein Autor für AfD-Wähler. Mit einem Wut-Bürgertum, das sich in platte Ressentiments flüchtet, hat dieser Autor nicht viel zu tun. Vielmehr erzählt er in seinem Buch die Menschheitsgeschichte noch einmal neu, indem er sie durch die Brille der menschlichen Generationenabfolgen betrachtet. Ähnlich wie einst Horkheimer und Adorno in ihrer legendären „Dialektik der Aufklärung“ führt er dem Leser dabei vor Augen, welch ein unerhörtes Wagnis die moderne Welt doch ist. Die – verglichen mit allen traditionellen Formen menschlichen Zusammenlebens – tiefen Umbrüche im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern in den vergangenen Jahrhunderten nennt er „das anti-genealogische Experiment der Moderne“.

Besonders interessant sind aber die Vorläufer dieses Experiments. Als erstes sind da die altgriechischen Philosophen mit Sokrates an der Spitze, der „völlig zu Recht“, wie Sloterdijk süffisant bemerkt, als ein „Verderber der Jugend“ zum Tode verurteilt wurde. Denn er setzte den jungen Leuten den Floh ins Ohr, sich eigene kritische Gedanken zu machen und die natürliche Autorität ihrer Eltern in Frage zu stellen, die doch – wie alle Elterngenerationen zuvor seit Menschengedenken – das Ziel verfolgten, den etwaigen eigenen Willen ihrer Kinder zu brechen und sie zur Übernehme des Lebensstils ihrer Eltern zu zwingen. Was heute Individualität und Innovation heißt, nannte man damals Sünde. Als zweiten und (was kann schon Aufklärung gegen Religion ausrichten?) natürlich viel bedeutsameren Vorläufer der schrecklichen Kinder der Neuzeit sieht Sloterdijk das Christentum, vor allem in der Person seines Begründers. Jesus von Nazareth war gewissermaßen ein schreckliches Kind, wie es im (heiligen) Buche steht. Die gut 30 Seiten über den „Bastard Gottes“ sind zweifellos der amüsante Höhepunkt in Sloterdijks Studie. In Sachen Blasphemie knüpft der Autor hier nahtlos an diesbezügliche Highlights wie den Monty-Python-Film „Das Leben des Bryan“ oder den Torfrock-Song „Rollos Taufe“ an. Sehr plausibel spekuliert er über den Tatsachen-Kern der Jesus-Legende, den er in einem zutiefst menschlichen Komplex des „seltsamen Wunderheilers“ aufgrund seiner ungeklärten Abstammung vermutet. Zwar distanziert sich Sloterdijk ausdrücklich von denjenigen, die im Christentum die Anfänge des modernen westlichen Universalismus erblicken. (Immerhin konnte bei den Urchristen jeder, der es wollte, mitmachen, doch verstanden sie sich fraglos als elitären Kreis der wenigen Gerechten, die allein dem drohenden Weltuntergang entkommen zu können glaubten.) Jedoch stiftete Jesus für seine Anhänger erstmals eine neue Art von Gemeinschaft als Alternativangebot zur jeweils eigenen Familientradition, worin Sloterdijk den Anfang einer schrittweisen Entwertung traditioneller Familienstrukturen sieht. In den folgenden Jahrhunderten, in denen sich die Kirche zur machtorientierten und –bewussten Großinstitution wandelte (auch diesen Weg zeichnet Sloterdijk eindrucksvoll nach), etablierte sich mit dem Klosterwesen im Mittelalter (der Autor verweist auch auf Parallelen im Buddhismus) eine noch weitaus umfassendere Gegenwelt zur weltlichen Familie. Wer aussteigen wollte aus dem Hamsterrad familiärer Erwartungen und  Zumutungen, der ging ins Kloster oder als Eremit in die Einsamkeit der Berge.

Mit der Moderne, die laut Sloterdijk so heißt, weil in ihr die Mode (durch jeweils angesagte zeitgenössische Vorbilder) Vorrang vor der Tradition hat (vor allem vor der Autorität der Vorfahren), brechen dann alle Dämme. Als erstes Gesetz der Moderne bezeichnet der Autor seine Beobachtung, dass sie stets größere Überschüsse an Verheißungen, Wünschen und Ambitionen produziert, als sich in der Folge noch unter Kontrolle bringen lassen. Daher die vielen Unfälle und Kollateralschäden in der modernen Welt, die in einem gesonderten Kapitel als „Drift ins Bodenlose“ beschrieben werden. Gibt man jedem Menschen eigene Rechte, dann weckt dies natürlich allerorts Begehrlichkeiten, und irgendwann treten alle mit allen in ständige Konkurrenz um Status, Macht und Anerkennung. Es muss in diesem Wettbewerb aber immer auch Verlierer geben, die sich dann mit aller Macht Genugtuung verschaffen wollen. (So gesehen wäre beispielsweise der IS, seiner mittelalterlichen Ideologie zum Trotz, ein typisches Produkt der Moderne, weil er die sozialen, wirtschaftlichen und Bildungsverlierer aus aller Welt zu einem monströsen kollektiven Rache-Feldzug gegen die Etablierten aller Länder rekrutiert.)

Wie man sieht, nimmt Peter Sloterdijk also in seiner großen Erzählung – was ihm seine Kritiker verübeln – nicht gerade die Perspektive eines Parteigängers des Fortschritts ein. Andererseits lässt er aber auch nicht den geringsten Zweifel daran, in welcher Hölle sich die Menschen in ihren traditionellen Milieus befunden haben und teils heute noch befinden. Dieser Autor hält der modernen Welt den Spiegel ihrer eigenen Abgründe vor und steht im Übrigen als notorischer Spötter am Rande des Geschehens. Als Nihilist, als Defätist, als ein Klugscheißer, der über alles lästert, ohne konstruktive Vorschläge zu unterbreiten, wie man es denn besser machen könnte. Unverantwortlich sei das, werfen ihm seine Gegner vor. Aber dieses Spotten gelingt Sloterdijk mit großer Treffsicherheit und in einer einzigartigen sprachlichen Brillanz. Da stört es dann auch nicht mehr, dass er in seinen, sagen wir, älteren Tagen wohl endgültig vom Kyniker zum Zyniker geworden ist, der den Glauben an die Verbesserbarkeit der Welt schon längst verloren hat. Zu einem von jenen, vor denen er seine Leser in der „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), seinem ersten großen Werk, noch inständig gewarnt hatte: „Die Frechheit hat die Seite gewechselt.“ Das kommt ja öfter vor: Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche. War bei Goethe auch schon so. Alles geschenkt, solange er so gut schreibt.

Peter Sloterdijk
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne
Suhrkamp Verlag Berlin 2014
489 Seiten, EUR 26,95
ISBN-13: 978-3518424353

www.justament.de, 21.7.2014: (Fast) niemand vermisst sie

Das Buch „Leben hinter Mauern“ untersucht den Alltag der Stasi-Mitarbeiter in der DDR

Thomas Claer

leben-hinter-mauern-cover„Wie war das denn so, damals im Osten?“, bin ich in den vergangenen 25 Jahren manchmal von Westdeutschen oder Nachgeborenen gefragt worden. Ich versuche ihnen dann immer zu erklären, dass der normale Alltag als „Untertan“ in einer Diktatur oft ähnlich unspektakulär verläuft wie der als Bürger in freien Verhältnissen. Wie aber war es für jene, die selbst an den Hebeln der Macht saßen, die zum Kontroll- und Unterdrückungsapparat des Systems gehörten? Wie verlief der Alltag der hautberuflichen Stasi-Mitarbeiter?

Man ahnt natürlich schon vor der Lektüre der neuen Studie „Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ von Jenny Krämer und Benedikt Vallendar, dass der treffende Satz von Hannah Arendt über die „Banalität des Bösen“ für die Stasi-Leute nicht anders gilt – nur ein paar Nummern kleiner – als für die Schreibtischtäter des NS-Regimes. Anders aber als diese, die sich bei ihren Untaten ganz maßgeblich von der deutschen Tugend der Pflichterfüllung leiten ließen, saßen die Stasi-Schergen (vielleicht abgesehen von ein paar ganz hartgesottenen Zynikern) noch zusätzlich der Illusion auf, irgendwie auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen oder, wie es im Buch heißt, „eine Mission von welthistorischer Bedeutung zu erfüllen“.

Die praktische Umsetzung dieser Mission war indessen in vieler Hinsicht grotesk. Die Autoren beschreiben den ostdeutschen Sicherheitsdienst als eine in erster Linie gewaltige Selbstbeschäftigungsmaschinerie. „Zumeist bestand ihre alltägliche Arbeit im Recherchieren und Zusammenstellen von Informationen und in der mosaikweisen Ableitung möglicher Querverbindungen, was in der internetlosen Zeit … mit erheblichem Aufwand verbunden war.“ Aus heutiger Sicht betrachtet war all das natürlich eine ungeheure „Verschwendung von Menschen, Mitteln, Steuergeldern“.

Unzählige Kader- und Disziplinarakten haben die Autoren gelesen, zahlreiche Gespräche mit den früheren Akteuren geführt, um zum Ergebnis zu kommen, dass die Akten des MfS „Spiegelbilder einer gigantisch aufgeblähten Sicherheitsarchitektur“ sind, die am Ende „mehr preisgeben über ihre Verfasser als über ihre Opfer, von denen diese Berichte handeln“.

Positiv ist anzumerken, dass die Studie sich stets um Differenzierung bemüht, also auch ausdrücklich anerkennt, dass es in der Stasi – wie überall – Hardliner, aber auch Pragmatiker gegeben hat: „Nicht allerorts hat die Staatssicherheit gefoltert und gedemütigt. Nicht immer war sie damit beschäftigt, Angst in der Bevölkerung zu verbreiten. Und nicht immer ist es einfach, im Alltag der Stasi Komisches von Tragischem und Boshaftes von vermeintlich Gutgemeintem zu trennen.“ Es hat also manchmal auch eine Stasi mit regelrecht „menschlichem Antlitz“ gegeben. Und in der Tat stand in der Stasi-Akte über meinen Vater lediglich, seine „Einstellung zu unserer Gesellschaft“ sei „neutral“, er sei „politisch indifferent“ und „in der Beziehung zu seiner Frau wohl nicht der dominierende Teil“ gewesen. Das hat zweifellos jemand geschrieben, der ihn nicht „in die Pfanne hauen“ wollte. Denn die politischen Witze, die er vielerorts so gerne und oft erzählte, fanden keine Erwähnung.

Ob es wohl heute, fast 25 Jahre nach der Wende, noch jemanden gibt, der der Stasi nachtrauert? Neben einigen verbitterten Altkadern kommen hierfür ironischerweise vor allem die seinerzeit so aufwendig beschatteten oppositionellen und semioppositionellen Schriftsteller in Betracht, für die ihr eigener Bedeutungsverlust im neuen System nicht selten einer traumatischen Erfahrung gleichkam. Nie wieder, so klagten einige von ihnen schon in den 90er Jahren, würden sie so aufmerksame Leser finden wie damals unter den Stasi-Mitarbeitern. Und nach allem, was wir wissen, hält es heute nicht einmal mehr der amerikanische NSA für nötig, alle politischen Internet-Blogs mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit zu studieren, sondern beschränkt sich auf die automatisierte Suche nach verdächtigen Schlagworten…

Zu den amüsanten Fußnoten in „Leben hinter Mauern“ gehört auch der Umstand, dass viele frühere hauptamtliche Stasi-Leute heute ausgerechnet in der Versicherungsbranche arbeiten. Dass die Stasi jedoch auch schon damals richtig witzig sein konnte, allerdings eher unfreiwillig, steht in diesem Buch nur am Rande und ist ja auch eigentlich ein anderes Thema. Aber als ich vor ein paar Jahren in der Süddeutschen Zeitung einen Bericht über die Offenlegung der Vorgangsakte der Abteilung für Staatssicherheit der Stadt Neubrandenburg über die örtliche „Breakdance-Szene“ (Anfang der 80er Jahre) las, da hat es mir wiederholt die Lachtränen in die Augen getrieben. Was da der Protokollant über die womöglich gefährliche neue Jugendmode aus dem Westen, den „Brechtanz“, schrieb, den eine Hand voll Jugendlicher an öffentlichen Plätzen der Stadt mittels seltsam abgehakter Bewegungen auszuüben pflegte, das war schon ganz große realsatirische Prosa…

Wer mehr über die alltäglich-banale Seite der einst so gefürchteten Krake Stasi erfahren möchte, der möge zu „Leben hinter Mauern“ greifen.

Jenny Krämer / Benedikt Vallendar
Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR
Klartext Verlag Essen 2014
253 S., 18,95 EUR
ISBN 978-3-8375-0959-5

www.justament.de, 16.6.2014: Runter vom Zauberberg

Vor 100 Jahren musste Hans Castorp sein Lotterleben beenden und in den Krieg ziehen

Thomas Claer

mannAch wie schön wär‘ doch das Leben, gäb es keine Arbeit mehr. Einfach nur dem süßen Nichtstun frönen! Aber sogleich erhebt sich die Stimme der strengen Mahner: Das kann doch kein sinnerfülltes Leben sein, man muss doch etwas tun! Hans Castorp, die Hauptfigur in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ aus dem Jahr 1924, wusste es besser: Man kann sich durchaus daran gewöhnen, nichts zu tun. Nichts zumindest, das sich rein äußerlich betrachten ließe. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sich dann auch im Inneren nichts täte, ganz im Gegenteil! Der große Thomas Bernhard, dessen 25. Todestag wir kürzlich begangen haben, bringt die Dialektik des Nichtstuns in seinem Roman „Auslöschung“ (1986) wie folgt auf den Punkt:

„Meine Eltern hassten das sogenannte Nichtstun… weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Geistesmensch das Nichtstun gar nicht kennt, es sich gar nicht leisten kann… dass ein Geistesmensch gerade dann in der äußersten Anspannung und in dem allergrößten Interesse existiert, wenn er – sozusagen – „dem Nichtstun frönt“. Dem Geistesmenschen ist das sogenannte Nichtstun ja gar nicht möglich. Ihr Nichtstun allerdings war ein tatsächliches Nichtstun, denn es tat sich in ihnen nichts, wenn sie nichts taten. Der Geistesmensch ist aber genau im Gegenteil am allertätigsten, wenn er – sozusagen – nichts tut. Der Nichtstuer als der Geistesmensch ist in den Augen derer, die unter „Nichtstun“ tatsächlich „nichts tun“ verstehen und die als Nichtstuer auch tatsächlich gar nichts tun – weil in ihnen während des Nichtstuns gar nichts vorgeht – die größte Gefahr, und also das Gefährlichste. Sie hassen ihn, weil sie ihn naturgemäß nicht verachten können.“

Allerdings kommt niemand schon als „Geistesmensch“ im Bernhardschen Sinne, der sein äußerliches Nichtstun durch gedankliche Tätigkeit auszufüllen versteht, auf die Welt. Dazu braucht es neben einer gewissen Aufnahmebereitschaft auch den nötigen „Input“, der dann schließlich infolge diverser Rückkopplungsprozesse bewirkt, dass sich im Inneren tatsächlich etwas tut. Man kann diesen Prozess auch „Bildung“ nennen, und in diesem Sinne ist der „Zauberberg“ wohl zuallererst ein Bildungsroman. Doch hat diese Art von Bildung herzlich wenig mit Schulbildung und noch viel weniger mit der gegenwärtigen Schmalspur-Bologna-Bildung zu tun. Denn obgleich der junge Hans Castorp seine kostbare Lebenszeit durch ein völlig unproduktives siebenjähriges Gastspiel in den Schweizer Bergen eigentlich auf skandalöse Weise verschwendet, ist dieser Aufenthalt doch der große Glücksfall seines Lebens. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass dieses, wie zu befürchten ist (was  der Roman aber offen lässt), wohl sehr bald auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs enden wird.

Eigentlich sollte der 23-jährige Hans Castorp im August 1907 nur seinen Vetter Joachim Ziemßen auf dessen Kur im luxuriösen Lungensanatorium in Davos besuchen. Doch er erkältet sich dort, lässt sich ärztlich untersuchen und wird von den Medizinern aufgrund einer „feuchten Stelle“ in seiner Lunge gleich zu einigen Wochen Kur verdonnert. Anfangs wehrt er sich noch gegen den Gedanken, längere Zeit „hier oben“ zu verbringen. Schließlich hat er gerade frisch sein Ingenieurstudium abgeschlossen und soll ins Berufsleben eintreten. (Schon mit 23 – damals absolvierte man ein ähnliches Blitz-Studium, wie es auch heute wieder üblich geworden ist.) Doch bald findet er Gefallen am gediegenen Leben und der anregenden internationalen Atmosphäre im Sanatorium „Berghof“.

Die Türknallerin

Besonders hat es Hans Castorp aber eine exotischen Schönheit angetan, die dem jungen Mann völlig den Kopf verdreht: Clawdia Chauchat, zierlich, schlaffe Körperhaltung, mit graugrünen „Schlitzaugen“ und rotblonden Haaren, ist nur ein paar Jahre älter als Hans, aber im Gegensatz zu ihm durchaus mit allen Wassern gewaschen. Der Roman bezeichnet sie als Russin, genau genommen aber kommt sie aus Dagestan, einer Region im südlichen Kaukasus, die von muslimischen Turkvölkern bewohnt wird. Clawdias Ehemann ist ein Beamter in der dortigen Provinzhauptstadt. Aufgrund ihrer Lungenkrankheit hält sich die junge Madame Chauchat abwechselnd in verschiedenen europäischen Krankenhäusern der Spitzenklasse auf und besucht ihren Mann zu Hause nur gelegentlich. Einen Ehering zu tragen findet sie spießbürgerlich, wie die über alles immer bestens informierten reiferen Damen an Hans Castorps Tisch im Esszimmer des Sanatoriums wissen. Hans Castorps erste Wahrnehmung Madame Chauchats ist eine akustische: Clawdia lässt immer, wenn sie – stets mit einiger Verspätung – den Essenssaal betritt, mit großer Lässigkeit die schwere Glastür geräuschvoll hinter sich zufallen. Anfangs ist Hans erbost über ihr rücksichtsloses schlechtes Benehmen, aber genau das macht sie, wie er sich später eingestehen muss, in seinen Augen besonders anziehend. Es dauert sieben Wochen, bis er auch nur ein Wort mit ihr wechseln kann („Bon jour, Madame.“ – „Bon jour, Monsieur.“) Da haben beide aber schon ausgedehnten Blickkontakt hinter sich. Von Glücksgefühlen geradezu überwältigt ist Hans, als Clawdia ihn einmal – „wahrlich und wahrhaftig“ – anlächelt. Im Vortrag des Dr. Krokowski über „Die Entstehung der Krankheit aus unterdrückter Liebe“ sitzt Hans direkt hinter ihr und genießt den Anblick ihres „nackten Arms“, nur vom durchsichtigen Ärmel ihres Kleids umhüllt. („Mein Gott, ist das Leben schön!“) Überhaupt kennt er nach einiger Zeit alle ihre Kleider im Detail und fragt sich täglich vor ihrem Betreten des Esszimmers erwartungsvoll, welches sie wohl diesmal tragen werde. Nach sieben Monaten ist es dann endlich soweit: Auf der Faschingsfeier am 29. Februar 1908 erscheint Madame Chauchat in einem engen Kostüm mit völlig nackten Armen und Schultern! Hans Castorp ist tief erschüttert von diesem Anblick. Da er schon eine Menge Champagner intus hat, wagt er es, unter dem Vorwand, sich für ein Gesellschaftsspiel von ihr einen Bleistift leihen zu wollen, das Wort an sie zu richten. Und Madame ist einer weitergehenden Unterhaltung keineswegs abgeneigt, äußert aber ihre Verwunderung darüber, dass er sie nicht schon eher angesprochen habe. Heute sei nämlich ihr letzter Abend im „Berghof“, am nächsten Morgen reise sie ab. Nach Hansens umfassenden gestotterten Liebesschwüren in deutsch-französischem Kauderwelsch, währenddessen  Clawdia ihre Hand (eine „nicht sehr aristokratische Hand mit kurzen Fingern“ übrigens) durch seine Haare gleiten lässt, geht sie auf ihr Zimmer und ruft Hans noch zu: „Vergessen Sie nicht, mir meinen Bleistift zurückzugeben!“ Tja, und das muss er wohl noch in selbiger Nacht getan haben, denn am nächsten Morgen hat er nicht mehr ihren Bleistift, dafür aber als Andenken eine Röntgenaufnahme ihres Brustkorbs.

Wie nahe Hans Castorp Madame Chauchat in jener Nacht „tatsächlich“ gekommen ist (sofern dieses Wort angesichts der hier zu verhandelnden literarischen Fiktion überhaupt erlaubt ist), das bleibt letztlich der Phantasie jedes einzelnen Lesers überlassen. Der Roman jedenfalls schweigt darüber. Ein Literaturkritiker vertrat einmal die Ansicht, Hans Castorp habe auf dem Zauberberg doch nur masturbiert. Dieser Auffassung widersprach aber Marcel Reich-Ranicki vehement: Der zurückzugebende Bleistift sei doch ohne jeden Zweifel ein Phallussymbol. Nun, wenn man bedenkt, dass es sich nicht um einen simplen Holzbleistift, sondern um einen Druckbleistift aus Metall mit vorne heraustretender Mine gehandelt hat, dann erscheint diese Deutung als durchaus denkbar. Und außerdem gibt es im weiteren Verlauf des Romans, zumal zum Ende hin, noch zahlreiche Stellen, die die Interpretation unseres verblichenen Literaturpapstes stützen, an dessen Unfehlbarkeit wir ohnehin niemals rütteln würden.

Die Familie zahlt

Clawdia Chauchat reist also ab und meldet sich jahrelang nicht mehr. Doch muss, wie es im Romantext vage heißt, in jener Faschingsnacht etwas vorgefallen sein, das Hans Castorp veranlasst hat, auf eine Rückkehr Madame Chauchats ins Sanatorium „Berghof“ zu warten. Aber wie kann das gehen, dass jemand jahrelang absichtlich krank bleibt oder es zumindest simuliert, nur um länger im Sanatorium auf die eventuelle Rückkehr der Angebeteten warten zu können? Zwei Umstände spielen Hans Castorp hier in die Hände: Zum einen der ausgeprägte Geschäftssinn der Ärzte, den Hans Castorp entweder nicht völlig durchschaut oder absichtlich übersieht. Bald schon herrscht eine Art stilles Einvernehmen zwischen Hans und dem Chefarzt Hofrat Behrens, dass ein längerer Aufenthalt im „Berghof“ in beider Interesse liegt. Zum anderen – die Abrechnung über die Krankenkasse gab es damals noch nicht in der heutigen Form – zahlt Hansens sehr begüterte Hamburger Familie die immensen Rechnungen fast ohne zu murren. Allerdings nur fast, denn nach einem Jahr kommt sein Onkel, James Tienappel, zu Besuch, um nach dem Rechten zu sehen. (Eines der witzigsten Kapitel des ganzen Buches.) Er befindet, dass Hans doch sehr gesund aussehe und er, James, ihn am besten gleich wieder nach Hause mitzunehmen gedenke. Doch das Gespräch von Onkel James mit Hofrat Behrens bringt für Hans die glückliche Wendung. Der Hofrat moniert, noch bevor überhaupt Hansens Gesundheit zur Sprache kommt, die blasse Gesichtsfarbe von Onkel James und rät diesem dringend zu einer eingehenderen Untersuchung. In jedem Falle solle James doch eine ausgedehnte Kur im Sanatorium absolvieren. Völlig überstürzt reist Onkel James, dem all das nicht geheuer ist, über Nacht ab – und Hans hat fortan seine Ruhe. Und doch hätte seine Familie früher oder später vielleicht doch die Geduld mit ihm verloren, wäre nicht sein Vetter Joachim, der es kaum erwarten konnte, gesund zu werden, um seine militärische Laufbahn anzutreten, bald nach seiner vermeintlichen Genesung an seinem Lungenleiden gestorben. So etwas darf natürlich kein zweites Mal in der Familie geschehen – und so kann Hans sich in aller Ruhe weiter auskurieren.

Ob der Aufenthalt im Sanatorium der Gesundheit der Patienten wirklich so zuträglich gewesen ist? Es bleiben Zweifel, denn die wirklich Kranken sterben dort fortwährend wie die Fliegen. Die langen Liegekuren bei eisiger Kälte in der Gebirgsluft sorgen nicht zuletzt für zahlreiche Erkältungen, in den Zimmern sind es im Winter gerade mal sieben Grad (Zentralheizung ist noch nicht erfunden, Öfen gibt es keineswegs überall.) Unter diesen Bedingungen muss man schon eine wirklich gute Konstitution mitbringen, um das sieben Jahre zu überleben… (Ganz zu schweigen davon, dass Hans – als Lungenkranker! – fortwährend Zigarren raucht und sich schon zum Frühstück stets ein starkes Bier genehmigt.)

Aber wie so oft im Leben gibt es, während Zweifelhaftes teuer bezahlt wird, die wirklich wertvollen Dinge manchmal gratis. Hans Castorp findet auf dem Zauberberg zwei Privatlehrer, die ihm mit pädagogischem Geschick nicht nur alle großen Fragen der Zeit nahebringen (und in jener Zeit gab es nicht wenige große Fragen), sondern ihm auch gleich noch die jeweils entgegengesetzten möglichen Haltungen zu diesen in persona vor Augen führen. Eine intensivere geistige Betreuung als die durch den italienischen Humanisten und Freimaurer Lodovico Settembrini sowie durch seinen Antipoden, den Jesuiten und Kommunismus-Bewunderer Prof. Leo Naphta aus Galizien (heute West-Ukraine), wäre ihm wohl in keinem Universitätsstudium der gesamten Geisteswissenschaften zuteil geworden. Und all das ohne irgendwelchen Schein- oder Abgabedruck, sondern nur vom jeweiligen Interesse des Augenblicks vorangetrieben. Und vor allem, wie es ausdrücklich heißt: sine pecunia, also ohne Bezahlung. (Knapp 80 Jahre später gibt es in Thomas Bernhards „Auslöschung“  eine ähnliche Konstellation, die aber für den Privatlehrer Franz-Josef Murnau deutlich günstiger angelegt ist, denn dieser unterrichtet seinen einzigen Schüler Gambetti, Spross einer schwerreichen italienischen Familie, in deutscher Literatur und Philosophie dauerhaft zu einem fürstlichen Honorar.)

Die zwei Lehrmeister

Lodovico Settembrini, mit dem Hans Castorp zuerst Bekanntschaft macht, ist um die vierzig, von Beruf „Literat“ und entstammt einer Mailänder Advokaten- und Literatenfamilie. Eigentlich pausenlos redet er Hans Castorp ins Gewissen und will ihn zur rascheren Gesundung und zur Arbeit anhalten. („Was er nur immer mit der Arbeit hat?“, denkt Hans des Öfteren.) Settembrini selbst schreibt trotz seiner fortgeschrittenen Krankheit sehr eifrig an einem dicken Wälzer im Rahmen eines vielbändigen enzyklopädischen Buchprojekts; natürlich ist das mies bezahlt, der Humanist ist immer denkbar schlecht bei Kasse und wechselt bald aus dem „Berghof“ in eine spartanisch eingerichtete Dachkammer mit Stehpult „unten im Ort“, wo ihn Hans Castorp in der Folge häufig besucht. Mit übergroßer Nüchternheit und Ernsthaftigkeit setzt sich dieser Anwalt des Fortschritts für die Verbesserung der Welt durch Aufklärung und Arbeitsamkeit ein. Alles, was von diesem Ziele ablenken könnte, ist ihm suspekt, vor allem die Musik (etwas „zutiefst Fragwürdiges“) und die erotische Liebe.

Settembrinis inhaltlicher Gegenspieler, der Altphilologie-Professor Leo Naphta, der aus einer jüdischen Familie zum Jesuiten-Orden gekommen ist, wohnt – wie der Zufall so spielt – direkt unter ihm. Naphta hält wenig von Aufklärung und Vernunft. Seiner Meinung nach brauche vor allem die Jugend Zucht und Ordnung, einen festen Glauben und, damit auch niemand übermütig werde, gleich noch den Terror. In der neuen Bewegung des Kommunismus erkennt er eine Art Wiederkehr des totalitären Gottesstaates im atheistischen Gewande – und begrüßt sie. Im Gegensatz zum als gutaussehend beschrieben Settembrini ist Naphta von übergroßer Hässlichkeit. (Thomas Mann soll ihn nach dem Vorbild des Literaturwissenschaftlers Georg Lukacs konzipiert haben.) Auch er versucht Einfluss auf den jungen Hans Castorp zu nehmen – und findet diesen für seine abstrusen Lehren durchaus aufgeschlossen.

Als Thomas Mann später gefragt wurde, mit welcher seiner Figuren er mehr sympathisiere, mit Settembrini oder mit Naphta, antwortete er: „Mit keinem von beiden, sondern mit Hans Castorp.“ Und welchem seiner beiden Lehrmeister ist Hans Castorp mehr zugewandt? Hierzu  nimmt er im Roman in einer seiner ausgedehnten Reflexionen differenziert Stellung: Settembrini sei für ihn der Sympathischere, Naphta hingegen möge er weit weniger, „obwohl er fast immer recht hat“. Man kann in Hans Castorps fataler inhaltlicher Präferenz für Naphta fraglos ein Symptom des damaligen Zeitgeistes sehen. Der fortschrittsoptimistische Liberalismus hatte zu jener Zeit – gerade auch für die jüngere Generation – nur wenig Attraktivität. Schon in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1915-1918) war Thomas Mann, seinerzeit Anfang vierzig, für einen eigenen deutschnationalen Weg zwischen westlicher Demokratie und östlichem Bolschewismus eingetreten und hatte sich ausdrücklich für eine „Konservative Revolution“ ausgesprochen. Während er in den Jahren darauf den „Zauberberg“ verfasste, dürften Wirtschaftskrise, Hyperinflation und schwache demokratischen Regierungen seine antidemokratische Grundhaltung eher noch verfestigt haben. Erst die düsteren Erfahrungen der NS-Zeit und des Exils sorgten schließlich für eine nachhaltige Korrektur seines Weltbildes.

Die Nebenbuhler

Man muss Hans Castorp jedenfalls zugutehalten, dass er in der jahrelangen Wartezeit auf Madame Chauchat nicht das geringste Interesse an anderen jungen Damen zeigt, von denen es doch im Sanatorium auch nicht wenige gibt. Stattdessen liest er eifrig medizinische Fachbücher über alle Einzelheiten des menschlichen Körperbaus und gerät dabei nicht nur ins Philosophieren über das Wunder des Lebens, sondern entwickelt auch sehr konkrete Wunschträume, die natürlich ausschließlich auf Clawdia Chauchat gerichtet sind.
Umgekehrt gibt es aber noch eine Reihe weiterer männlicher Interessenten an Madame Chauchat: zunächst einmal Herrn Wehsal aus Mannheim – für Hans Castorp als Konkurrent im Wettbewerb um Clawdias Gunst aber zum Glück gänzlich ungefährlich – und den Chefarzt Hofrat Behrens, immerhin ein alleinstehender Witwer im fortgeschrittenen Alter. Behrens ist Hobby-Ölmaler und hat noch während Clawdias ersten Aufenthalts im Sanatorium ein Porträt von ihr angefertigt, das der eifersüchtige Hans Castorp, der dem Hofrat unter einem Vorwand einen Besuch abstattet, sehr genau betrachtet. (Übrigens ist das Bildnis ziemlich misslungen, abgesehen von der ganz ausgezeichnet getroffenen Brustpartie…) Auf Hans Castorps Frage, ob Madame dem Hofrat seit ihrer Abwesenheit vielleicht einmal geschrieben habe, antwortet dieser in bodenständigem Realismus: „Ach, das fällt der doch nicht ein!“
Indessen freundet sich Hans Castorp ein wenig mit dem unglücklichen Herrn Wehsal aus Mannheim an, der aus seiner aussichtslosen Liebe zu Clawdia Chauchat kein Geheimnis macht. Irgendwann bittet jener Hans Castorp inständig, ihm nur ja alle Einzelheiten seiner Begegnung mit Madame Chauchat in jener Faschingsnacht zu erzählen. Und Hans Castorp, den so etwas wie Stolz über seine Heldentat ergreift, entspricht diesem Wunsch bis ins kleinste Detail. Nur der Leser ist von diesem Bericht gemeinerweise ausgeschlossen…

Die Rückkehr mit Sugardaddy

Zweifellos gibt es Frauen, die sich von ausdauernden Verehrungsbekundungen eines Mannes beeindrucken lassen, die eine solche jahrelange Treue in der Anbetung tief berührt. Hans Castorps großes Pech ist es aber, dass Clawdia Chauchat ganz und gar nicht zu jenem Kreis gehört. Regelrecht Feuer und Flamme ist er, als Madame ihn nach jahrelanger Funkstille beiläufig aus München grüßen und ihm dabei die Nachricht übermitteln lässt, in einigen Monaten wieder ins Sanatorium „Berghof“ zurückkehren zu wollen. Und sie kommt tatsächlich – doch was dann folgt, ist für den liebeskranken Dauerpatienten eine niederschmetternde Enttäuschung. Gewiss kann es objektiv betrachtet nicht verwundern, dass sich, wenn jemand stur an der Maxime „Die oder keine“ festhält, mit großer Wahrscheinlichkeit die zweite Alternative einstellt. Doch eine solche Demütigung, wie Hans Castorp sie bei Clawdia Chauchats Rückkehr erlebt, ist dann doch beispiellos.

Sie kommt nämlich nicht allein, sondern in Begleitung eines sehr betagten und sehr vermögenden Herrn, heute würde man sagen: mit einem Sugardaddy, wie man ihn gegenwärtig auf Internetseiten wie http://www.sugardaddy.eu finden kann. Das sind ältere, reiche Männer, die sich jungen, attraktiven Frauen als Mäzen anbieten – im Tausch gegen deren erotische Verfügbarkeit, versteht sich. Internetseiten dieser Art sollen, so heißt es in entsprechenden Berichten, die einzigen Partnerschaftsanbahnungsseiten sein, die weitaus häufiger von Frauen als von Männern besucht werden. Klar, welcher Mann, der noch halbwegs bei Verstand ist, würde sich auf so etwas schon einlassen? Für etwa 25 Prozent aller Frauen hingegen ist laut einschlägigen Umfragen eine solche Konstellation interessant. (Um von womöglich noch höheren Dunkelziffern gar nicht zu reden.) Das sind wohlgemerkt Zahlen aus der Gegenwart (Quelle: Süddeutsche Zeitung) und nicht von 1914.

Als Hans Castorp Clawdia Chauchat wenigstens diskret begrüßen möchte, sieht sie demonstrativ über ihn hinweg. Da gibt es doch, sollte man meinen, nur zwei Möglichkeiten der Reaktion: entweder Konfrontation oder Eskapismus. Doch Hans Castorp wählt eine dritte: Er sucht die Nähe des Sugardaddys und freundet sich mit ihm an. Der greise Mynheer Pepperkorn, mit dem Madame Chauchat „eine gemeinsame Reisekasse hat“, ist schwerkrank und schon ziemlich vertrottelt, aber doch mit einer großen natürlichen Autorität gesegnet. (Für ihn soll Thomas Manns Schriftstellerkollege Gerhard Hauptmann Pate gestanden haben. Hauptmann, der sich vor allem in Pepperkorns Marotte eines stets unzusammenhängenden Satzbaus wiedererkannte, soll darüber außerordentlich verärgert gewesen sein…) Und über den (zunächst) arglosen Pepperkorn kommt Hans dann auch wieder Clawdia Chauchat näher. Doch unglücklicherweise rückt dieses zwar pragmatische, aber wenig würdevolle Vorgehen – jedenfalls in Clawdias Augen – Hans nur in ein noch schlechteres Licht. Unmissverständlich drückt sie ihm in einem Vieraugengespräch, als Hans schon zu erneuten Liebesschwüren ansetzt, ihre Verachtung aus. Sie erklärt ihn, der jahrelang auf ihre Rückkehr gewartet hat, zu einem Taugenichts, womit sie zugegebenermaßen nicht so ganz falsch liegt. Aber in einem überraschenden gedanklichen Salto Mortale schlägt sie kurz darauf vor, sie und Hans Castorp sollten gute Freunde werden, schon weil sie ja die große Wertschätzung für Mynheer Pepperkorn verbinde. Als Hans begeistert einwilligt, besiegeln sie ihren Freundschaftsbund mit einem von Clawdia initiierten Freundschaftskuss, und zwar auf den Mund! Nun denkt (und hofft) man als Leser, dass sich die durchtriebene Madame Chauchat dadurch vielleicht noch ein Hintertürchen zu Hans offenhalten möchte. Wahrscheinlich aber hat sie nur blitzschnell erkannt, dass es die kurzfristig komfortablere Lösung für sie ist, Hans nicht aller Hoffnungen zu berauben statt ihn völlig gegen sich aufzubringen. So macht Hans Castorp weiter die sprichwörtlich gute Miene zum bösen Spiel und begleitet gemeinsam mit anderen – auch der aussichtslose Nebenbuhler Wehsal ist mit von der Partie – Madame und Pepperkorn auf diversen Ausflügen in die Umgebung.

Nach ein paar Monaten geht es dann mit Pepperkorn zu Ende. Hans Castorp nimmt als treuer „Freund“ die angeblich trauernde Clawdia in den Arm und wird von ihr auf die Stirn geküsst. Dann endet das Kapitel. Zu Beginn des nächsten erfahren wir, dass Madame Chauchat nach diesen Ereignissen erneut aus Davos abgereist ist. Diesmal ist aber von einer späteren Rückkehr keine Rede mehr. Das war’s also für Hans.

Biblisches Vorbild

Wie für nahezu alles in der Welt gibt es auch für die traurige Warterei Hans Castorps ein deutlich älteres Vorbild, auf das Thomas Mann, wie auch die in den „Zauberberg“ eingebaute Zahlenmystik beweist, offensichtlich zurückgegriffen hat. In der BIBEL lautet die Geschichte nämlich kurz gesagt so: Sieben Jahre lang hütete Jakob die Schafe Labans, um dessen Tochter Rachel zu gewinnen. Als die Zeit um war, führte man die Braut in sein dunkles Zelt; erst am nächsten Morgen machte er die Entdeckung, dass seine Leidenschaft nicht der lieblichen Rachel, sondern der hässlichen Leah gegolten hatte. Doch um den Preis weiterer sieben Jahre als Schafshüter bei Laban gewann Jakob seine Rachel schließlich doch noch. „Und die sieben Jahre schienen ihm wie ein Tag, angesichts der Liebe, die er für sie empfand.“

Weil Thomas Mann nun aber kein Kitsch-Heini ist, fällt bei Hans Castorp ein solches happy end allerdings aus. Doch bekommt dieser stattdessen etwas anderes, Unerwartetes, das ihn durchaus zu beglücken vermag – nämlich ein Grammophon. Eigentlich wird dieses neumodische Gerät im Kulturzimmer des Sanatoriums für die Allgemeinheit angeschafft. Doch schnell merkt Hans Castorp, dass die anderen Patienten damit entweder nichts anzufangen oder – schlimmer noch – nicht richtig damit umzugehen wissen. Sie sortieren die kostbaren Platten nach dem Hören gar nicht oder falsch wieder ein, sie zerkratzen sie durch unsachgemäßes Abspielen und dergleichen. Hans Castorp schnappt sich den Schlüssel zum Musikzimmer und verwaltet ihn fortan. Wer im Sanatorium künftig Musik hören möchte, muss sich nun bei Hans Castorp, dessen Autorität als einer der langjährigsten Patienten niemand anzutasten wagt, einen Termin holen. Im übrigen genießt Hans selber täglich stundenlang die Musik aus dem Apparat und ist restlos begeistert. So kommt es, dass die Kunst in Verbindung mit der sie ermöglichenden Technik und der ihren Genuss vervollkommnenden Ordnung Hans Castorp schließlich doch noch eine Art von Erfüllung finden lässt.

Doch die währt nicht lange. Im Juli 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Settembrini, der als eifriger Zeitungleser alles längst kommen gesehen hat, ist fassungslos angesichts von Hans Castorps indifferent-lethargischer Haltung. Und in der Tat ist der treudeutsche Hans, der kaum einmal eine Zeitung aufschlägt, ebenso gefährlich unpolitisch wie sein Autor in seinen gleichnamigen Betrachtungen. Das Sanatorium wird mehr oder weniger vollständig geräumt. Alle Männer werden von ihren jeweiligen Herkunftsländern zum Dienst in den Armeen eingezogen. Ob damals wirklich Lungenkranke in den Krieg ziehen mussten? Nun, solche „Kranken“ wie damals in Davos wohl hin und wieder schon, wenn man annimmt, dass den Militärärzten in ihren Musterungen der Geschäftssinn eines Hofrats Behrens so völlig abging. Und so muss ausgerechnet Hans Castorp, dieser Zivilist durch und durch (was damals alles andere als selbstverständlich war), hinein in diese furchtbare Materialschlacht, die zugleich eine neue historische Epoche einläuten sollte.

Doch immerhin eines lässt sich sagen: Er, dem es immer dann am besten ging, wenn er gar nichts tat, hat auf dem Zauberberg trotz allem eine schöne Zeit gehabt.

www.justament.de, 10.3.2014: Treffend und zitierfähig

Das Creifelds Rechtswörterbuch in 21. Auflage

Thomas Claer

creifelds-coverAls bekennender Creifelds-Fan steht man natürlich bei einer Neuauflage immer gleich auf der Matte. In nun schon 21. Auflage liegt unser liebstes Rechtswörterbuch also inzwischen vor und ist natürlich wieder einmal ein Spiegel seiner Zeit geworden. Nicht nur die verkürzten Intervalle zwischen den Auflagen (die vorige erschien erst 2011), die obligatorische Steigerung von Seitenzahl (1573 statt 1500) und Preis (53 statt 46 Euro), sondern auch manche inhaltliche Modifikation zeigen, dass das Werk mittlerweile voll und ganz in den  Zehnerjahren angekommen ist. Sein Anspruch ist es auch diesmal, „seiner Tradition entsprechend einen vollständigen und aktuellen Überblick über das gesamte in Deutschland geltende Recht“ zu bieten, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt.
Man erinnert sich als, sagen wir, nun nicht mehr so ganz taufrischer Jurist ja noch sehr genau daran, wie oft der Creifelds einem damals in der Juristenausbildung aus der Patsche geholfen hat, wenn man mal wieder irgendwo nur Bahnhof verstanden oder die Zusammenhänge so gar nicht durchschaut hatte. Wie letztlich doch alles im Recht mit allem anderen zusammenhängt, dafür hat mir jedenfalls der Creifelds weitaus besser als irgendein anderes Buch die Augen geöffnet. Fairerweise muss man aber auch sagen: In den Neunzigern gab es noch kein Wikipedia. Den Begriff mal eben googlen, das ging seinerzeit noch nicht. Und so muss man heute im Zeitalter der aussterbenden Lexika notwendigerweise fragen: Was kann ein solches Wörterbuch, was Wikipedia oder ganz allgemein das Internet nicht viel besser (und gratis!) kann?
Testen wir es also einmal. Greifen wir einfach irgendwo in die Mitte des Buches. Unter M steht dort „Mäklervertrag“. Das ist ja lustig. Kein Mensch sagt „Mäkler“, alle sagen Makler. Nur im BGB (immerhin von 1900) heißt es „Mäkler“. Und Creifelds folgt dem BGB. Da steht dann unter 1. etwas zur Begriffsdefinition mit Verweis aufs BGB und anschließend unter 2. einiges über die praktisch sehr bedeutsame Frage, wann die Verpflichtung des Auftraggebers zur Zahlung entsteht. So weit so gut. Und bei Wikipedia? Da heißt es „Maklervertrag“ und darunter steht – viel, viel mehr. Klar, die haben ja auch mehr Platz im Netz. Besser und richtiger als bei Wikipedia ist das, was im Creifelds steht, nun aber auch nicht unbedingt. Ist also der Creifelds, unter uns gesagt, nicht gewissermaßen überflüssig geworden?
Nein, soweit darf man nun auch nicht gehen. Denn gerade diese Beschränkung auf das Wesentliche ist es doch, die ein solches Wörterbuch auszeichnet. Noch deutlicher wird es vier Stichworte über dem „Mäklervertrag“ bei „Machiavelli“. Dass der überhaupt im Creifelds auftaucht, ist allein schon ein Statement! „Florentinischer Historiker, Politiker und Literat, der in seinen Werken das Idealbild des durch keine moralischen Rücksichten gehemmten Alleinherrschers zeichnete“, steht dort. Und: „Als Machiavellismus wird seither eine ausschließlich vom Gebot der Klugheit getragene, von moralischen Bedenken freie Staatskunst bezeichnet, bei der allein der alle Mittel rechtfertigende Erfolg entscheidet.“
Treffer. Versenkt. Genau so viel sollte man als Jurist wissen. So auf den Punkt bringt es Wikipedia nicht! Und noch einen Vorteil hat der von einer ganzen Richter- und Professorenriege verfasste Creifelds: Man darf ihn getrost auch in wissenschaftlichen Arbeiten zitieren, Wikipedia dagegen eher nicht, zumindest nicht zu oft.
Ob diese unbestreitbaren Vorzüge allerdings ausreichen, um dem Creifelds noch zu vielen weiteren Auflagen zu verhelfen, wird die Zukunft zeigen.

Creifelds Rechtswörterbuch
21. neu bearbeitete Auflage 2014
Verlag C.H. Beck
1573 Seiten, EUR 53,00
ISBN 978-3-406-63871-8