Justament Sept. 2012: Ein Zwang namens Freiheit
Der Philosoph Byung-Chul Han über die „Müdigkeitsgesellschaft“
Thomas Claer
„Die Ausbeutung des Menschen / Erreicht eine neue Qualität“, heißt es in einem bereits anderthalb Jahrzehnte alten Tocotronic-Song, den der Hamburger Bürgermeister a.D. Ole von Beust (CDU) bemerkenswerterweise einmal als sein persönliches Lieblingslied bezeichnet hat. Wie man das aber, also das mit der Ausbeutung, für unsere Gegenwart zu verstehen hat, erläutert der koreanischstämmige Karlsruher Philosoph Byung-Chul Han in seinem erstmals 2010 veröffentlichten Essay „Müdigkeitsgesellschaft“, der inzwischen bereits in der 7. (Klein-) Auflage erschienen ist und somit den Status eines kleinen Bestsellers erreicht hat. Der Verfasser sieht die entwickelten spät- und postindustriellen Regionen der Welt nämlich im Übergang von der „Disziplinargesellschaft“ zur „Leistungsgesellschaft“, was letztlich den veränderten ökonomischen Zwängen geschuldet sei: „Zur Steigerung der Produktivität wird das Paradigma der Disziplinierung durch das Paradigma der Leistung ersetzt.“ Ab einem bestimmten Produktivitätsniveau sei das Leistungssubjekt schneller und produktiver als das Gehorsamssubjekt. Und damit einhergehend entstehe ein neuer Menschentyp, in dem Freiheit und Zwang zusammenfallen. Dieser lasse sich, anders als der des klassischen „Lohnsklaven“, nicht mehr nur von anderen ausbeuten, sondern übernehme das gleich selbst, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge, denn „Selbstausbeutung ist effektiver als Fremdausbeutung.“ Und längst erstreckt sich diese Selbstausbeutung nicht mehr nur auf die prekären Kreativen, sondern erfasst immer mehr Branchen und Berufe. Ob frei oder angestellt, ist hier schon gar nicht mehr die Frage. So wird gerade auch der eigentlich Mächtige, „der Herr“, zum Arbeitssklaven.
Aber warum, so fragt man sich, tun so viele Menschen sich das überhaupt an? Wer oder was zwingt sie eigentlich dazu? Es ist, weiß Byung-Chul Han, die „Leistungsgesellschaft“, die diese neuen Zwänge, ja sogar „neue Formen von Gewalt“, erzeugt hat, vor allem solche psychischer Art. So werde der Mensch zur „autistischen Leistungsmaschine“, seine Lebendigkeit, eigentlich ein komplexes Phänomen, auf die Vitalfunktion und Vitalleistung reduziert. Da kann und will natürlich nicht jeder mitgehen. Daher bringe die Leistungsgesellschaft regelmäßig Depressive und Versager hervor. Neuronale Erkrankungen wie ADHS, Borderline und Burnout bestimmten die pathologische Landschaft. Eine allgemeine Erschöpfung und Ermüdung angesichts des Zuviel an Beschleunigung, allgemeiner Promiskuität und Reizüberflutung breite sich aus. Ebenso radikal, so der Autor, ändert sich auch die Struktur und Ökonomie der Aufmerksamkeit. Hyperaktivität, die Hysterie der Arbeit und Produktion, und Multitasking bestimmten unser Leben. In letzterem sieht der Verfasser, stammesgeschichtlich betrachtet, einen Regress, wie er bei Tieren in der freien Wildbahn verbreitet ist. Und exakt an diese nähere sich die heutige Leistungsgesellschaft auch an. Nur noch zur zerstreuten, nicht mehr zur tiefen Aufmerksamkeit seien die Menschen imstande, so Han. Die Fähigkeit zur kontemplativen Versenkung gehe verloren. Zustimmend zitiert der Autor Friedrich Nietzsche: „Aus Mangel an Ruhe läuft unsere Zivilisation in eine neue Barbarei aus.“
Bis hierhin ist dem Befund des Verfassers kaum zu widersprechen. Aber gibt es denn für das so gequälte und entsprechend sensibilisierte Individuum eine Möglichkeit, sich diesen Zwängen zu verweigern, sich nicht durch destruktiven Ehrgeiz und eitles Konkurrenzdenken das schöne Leben, die Eudaimonia, verderben zu lassen? Jeder weiß, es ist verdammt schwer. Und es wird wohl auch letztlich jeder auf seine Weise immer wieder daran scheitern. Aber was Byung-Chul Han im letzten Kapitel als Ausweg empfiehlt, erstaunt dann doch: Niemand anders als den metaphysischsten aller lebenden Dichter, den Zeitgeist-Verächter und Karadzic-Versteher Peter Handke und seine zur Tugend gewendete „fundamentale Müdigkeit“ (aus dem „Versuch über die Müdigkeit“ von 1989). Denn diese befähige den Menschen zu einer besonderen Gelassenheit: zu einem gelassenen Nicht-Tun. Und jetzt aber Kontemplation!
Byung-Chul Han
Müdigkeitsgesellschaft
7. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
70 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-616-5
www.justament.de, 6.8.2012: Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist
Marcel Proust und der zweite Band seiner „Recherche“
Thomas Claer
Wer in aller Welt kann sich schon rühmen, die mehr als 4000 Seiten von Marcel Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“, diesem ausgesuchten Meisterwerk der literarischen Moderne, wirklich vollständig gelesen zu haben? Die Wahrheit ist: nicht einmal Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki! Das vertraute dieser vor einigen Jahren dem Spiegel an, als der ihn fragte, welche seiner unterlassenen oder unvollständigen Lektüren literarischer Werke ihm am peinlichsten sei. „Das Leben ist zu kurz und Proust zu lang“, befand schon Prousts Kollege und Zeitgenosse Anatole France. Und welch schweren Stand die „Recherche“ mit ihren Satzungetümen, die wohl kein Lektor der Welt heute mehr durchgehen ließe, im Zeitalter der Smartphone-Facebook-Twitter-Menschen, der kurzen Nachrichten und Aufmerksamkeitsspannen hat, das lässt sich leicht vorstellen.
Und doch hat, wie der Justament-Rezensent beim Lesen des immerhin schon zweiten der sieben Bände, „Im Schatten junger Mädchenblüte“, nicht ohne Bewunderung feststellen konnte, dieses monströse Werk uns noch immer eine Menge zu sagen. Das Muster des Romans ist immer gleich: Zwischen den überaus detaillierten und lebendigen Beschreibungen der äußeren und vor allem auch inneren Lebenswelt des jungen namenlosen Ich-Erzählers im ausgehenden 19. Jahrhundert ist in unregelmäßigen Abständen – wie eine Stimme aus dem Off – die Kommentierung des Verfassers zu vernehmen: oft sehr ausführlich, manchmal aber auch in lakonischer Punktgenauigkeit: „Man wird moralisch, sobald man unglücklich ist.“ Ja, das erklärt die Situation und nebenbei auch gleich noch die ganze Welt. Zumeist aber ist es viel komplizierter: „In unserer Phantasie beruhen die Einzelheiten unseres Glücks weit mehr auf der Identität mit den Wünschen, die es in uns weckt, als auf genauen Informationen über seine Beschaffenheit.“ Oder: „Der Verstand eliminiert aus unseren Erinnerungen, die sich auf ein Wesen beziehen, alles, was in unseren alltäglichen Beziehungen zu ihm nicht von unmittelbarem Nutzen ist (sogar und erst recht, wenn diese Beziehungen von der Liebe bestimmt werden, die, weil sie nie genug bekommt, stets schon im Augenblick lebt, der kommen wird). Er lässt die Kette der vergangenen Erinnerungen vorbeigleiten und hält mit Macht nur das letzte Ende fest, das oft aus anderem Metall besteht als die ins Dunkel entglittenen Glieder, und auf unserer Reise durch das Leben hält er für einzig wirklich das Land, in dem wir uns befinden.“ Eine so präzise Ausbreitung und Analyse der menschlichen Gedanken- und Gefühlswelt wie bei Proust haben wir in der deutschen Literatur nie erlebt. Entweder belassen es die Autoren, wie Thomas Mann, bei der feinen diskreten Andeutung oder sie kommen auf ihren Wegen nach innen, wie Hermann Hesse, ins Raunen und Beschwören, was jugendliche Leser mitten ins Herz trifft und dieselben beim späteren Wiederlesen oft peinlich berührt. Bei Proust ist es anders. Er spart nichts aus, wühlt in den Eingeweiden des Geistes, um dann den jeweiligen Irrungen und Wirrungen mit großer Nüchternheit, vollkommen unromantisch und illusionslos, aber mit ungeheurer Genauigkeit und vor allem Sprachkraft auf den Grund zu gehen.
Der vielleicht abgründigste Satz des Buches ist dieser: „Das Wirken der Kausalität, das schließlich alle nur möglichen Effekte hervorbringt und infolgedessen auch die, von denen man es am wenigsten denkt, vollzieht sich oft äußerst langsam, häufig gerade infolge unserer Wünsche, die statt einer Beschleunigung eine Hemmung bewirken – ja, manchmal selbst durch unsere Existenz, und kommt erst zum Ziel, wenn wir zu wünschen, ja zuweilen sogar zu leben aufgehört haben.“ In der Welt dieses Romans bedeutet er, dass Odette de Crecy, vielleicht hört sie ihre biologische Uhr ticken oder erinnert sich doch noch an Swanns vielfältige Vorzüge, zu einem Zeitpunkt Interesse an einer Heirat mit Swann bekundet, als dieser nach Jahren am Rande des Wahnsinns bereits aufgehört hat sie zu lieben. Natürlich nicht völlig, versteht sich, denn an anderer Stelle heißt es, dass er auch weiterhin allem gegenüber blind war, was Odette betraf. Indessen hält Odette an ihrem geheimen Leitspruch fest: „Mit Männern, die einen lieben, kann man machen, was man will, sie sind ja so dumm.“ Doch nun, in der Ehe, hat Swann seine frühere Eifersucht überwunden. Es ist ihm egal geworden, was Odette hinter seinem Rücken gerade tut (und sie tut es immer weiter!), sogar hat er nun selbst eine andere Geliebte. Entscheidend aber dafür, dass Odette in der Ehe so glücklich ist wie nie zuvor, ist das repräsentative Leben, das sie mit dem Reichtum ihres Mannes noch weitaus besser als bisher genießen kann: „Die Wohnung war für die Swanns, was der Körper für die Seele ist.“ In ihrem mit den erlesensten Möbeln und Kunstwerken aufs Geschmackvollste dekorierten Pariser Domizil veranstaltet Odette täglich Kaffeekränzchen und Salonabende mit den Damen und Herren der Oberschicht und führt ihre immer neuen ausgefallenen Kostüme vor. Doch werden Swann und Odette im Laufe der Geschichte immer mehr zu Nebenfiguren, geht es stattdessen um ihre ganz reizende Tochter Gilberte, in die sich der Ich-Erzähler (der erst im fünften Band zweimal mit seinem Namen Marcel angesprochen wird) im ersten der zwei Teile dieses zweiten Bandes, „Madame Swann und ihre Welt“, unsterblich verliebt. Es beginnt irgendwann in der Teenagerzeit und endet, als Marcel um die zwanzig ist. Der junge Marcel unternimmt, wie es Liebenden so eigen ist, einen übergroßen gedanklichen, emotionalen und auch tätigen Aufwand, um Gilbertes Liebe zu gewinnen, der im Buch bis in die kleinsten Einzelheiten dokumentiert und von der Stimme aus dem Off stetig hinterfragt wird: „Unsere Liebe, soweit sie Liebe eines bestimmten Wesens ist, hat nichts sehr Reales an sich.“ „So sehr haben in einer Liebe die Dinge, die wir selber hinzutun – sogar unter einem rein quantitativen Gesichtspunkt – das Übergewicht über diejenigen, die das geliebte Wesen in sich trägt.“ Doch könnte den Betroffenen nicht einmal eine solche Einsicht helfen, denn: „Die Liebenden und die, die Genüsse haben, sind nicht dieselben.“ Marcel kann die gespürte Zurückweisung durch Gilbert, welche ihn nach anfänglich großer Aufgeschlossenheit immer mehr vernachlässigt, nicht ertragen und inszeniert aus verletztem Stolz nach langen Qualen schließlich den radikalen Bruch mit ihr. Die lebenskluge Stimme des Erzählers sieht das als exemplarisch für die – aufgrund des überschießenden inneren Selbstbehauptungstriebes – im jungen Lebensalter zumeist bestehende Tendenz an, alles als etwas Grundsätzliches zu betrachten, wohingegen in späterem Alter die Leidensfähigkeit häufig zunimmt und einem weniger prinzipienfesten Pragmatismus weicht. Doch weiß die Stimme aus dem Off auch: „Die Wesensart, die wir in der zweiten Hälfte unseres Lebens hervorkehren, ist nicht immer – wenn auch häufig – eine dürftigere, vergröberte oder gemilderte Form unserer früheren.“
Dabei hat der junge Marcel wenig von dem oft unangenehm Auftrumpfenden, das man von jugendlichen Helden in der Literatur sonst kennt. Sogar ausnehmend sympathisch macht ihn sein Charakterzug, in zwischenmenschlichen Beziehungen niemals den persönlichen Vorteil zu suchen, was aber vermutlich auch durch seine finanziell abgesicherte großbürgerliche Herkunft und die bemerkenswerte elterliche Toleranz bedingt ist. „Man muss vor allem Freude haben an dem, was man tut“, erklärt ihm sein Vater, ein hoher politischer Angestellter, und unterstützt seinen Sohn sogar in dem gewagten Unterfangen, Schriftsteller zu werden. Marcel begründet seine Selbstlosigkeit und seine enorme Hilfsbereitschaft aber keineswegs mit Tugend oder gar Pflichtgefühl, sondern ausschließlich mit seiner Eigenliebe, der es schmeichelt, im Ansehen anderer gut dazustehen.
Anlässlich der minutiös geschilderten Salonabende erhält der Leser einen tiefen Einblick in die Lebensverhältnisse der Pariser Oberschicht zu jener Zeit. Auffällig ist die hohe Kultiviertheit in den Gesprächen gerade auch der hohen politischen und juristischen Würdenträger, wozu unbedingt immer auch ihre Ruhe und Gelassenheit zählen. Man ist außerordentlich gebildet und belesen, und man hat Zeit für Reflexionen und Unterhaltungen. Die Amtsgeschäfte, so bedeutend sie auch sein mögen, lassen dafür immer noch ausreichend Spielraum. Welch ein Kontrast zu den von Parlamentssitzung zu Pressekonferenz zu Talkshow hetzenden und immer dieselben Floskeln produzierenden Politikern unserer Tage! Schlecht dagegen kommen im Buch die Ärzte weg. Über den gelegentlich an den Salonabenden teilnehmenden Hausarzt Doktor Cottard heißt es zwar, er habe als Arzt einen richtigen Instinkt und sicheren Blick, jedoch: „Diese geheimnisvolle Gabe schließt keineswegs eine Überlegenheit auch der anderen Bezirke des Geistes ein, und ein höchst trivialer Mensch, der sich zu schlechter Musik und Malerei hingezogen fühlt, dem jede geistige Neugier abgeht, kann sie durchaus besitzen.“ (Der reale Marcel Proust stammte anders als seine Romanfigur aus einer Arztfamilie. Sein Vater gilt als Begründer des modernen Krankheitsbildes der Neurasthenie (d.h. der nervösen Befindlichkeitsstörung), einer heute weitgehend vergessenen „Zeitgeistkrankheit“ jener Epoche, inzwischen längst verdrängt vom zeitgemäßeren „Burnout“. Als Objekt seiner Untersuchungen, anhand derer er die Neurasthenie begründete, diente ihm vorwiegend sein Sohn Marcel.)
Im zweiten Teil dieses zweiten Bandes der Recherche namens „Ortsnamen. Die Landschaft“ verlagert sich die Handlung nach Balbec, ein Seebad in der Normandie, wo Marcel gemeinsam mit seiner geliebten Großmutter eine Mischung aus Kuraufenthalt – er leidet unter Asthma – und ausgedehntem Sommerurlaub in einem Luxushotel absolviert. Seine Trauer über die unerreichbare Gilberte hat er inzwischen überwunden und erlebt in der anmutigen Umgebung wieder Glücksmomente: „Unsere Wünsche verschieben sich oft, und in der Verwirrung des Daseins ist selten ein Glück genau dem Wunsch angepasst, der es herbeiziehen wollte.“ Marcel beschränkt sich neben seiner großen Begeisterung für Architektur (besonders für die Kirchen), Malerei und Landschaft aber nicht auf eine neue Liebe zu nur einer Person, sondern verliebt sich gleich in eine ganze Gruppe hübscher junger Mädchen, die er am Strand beobachtet. Sie sind für ihn die Krönung einer gediegenen Badekultur der Reichen und Schönen, die vom Ballermann-Tourismus späterer Zeiten noch nichts weiß. Am Strand sieht er „edel in sich ruhende Muster menschlicher Schönheit: schöne Leiber, schöne Beine, schöne Hüften, gesunde ausgeruhte Gesichter“. Und über die jungen Mädchen urteilt er: „so etwas Schönes und Unerreichbares, so ein köstliches und vollkommenes Bild des unbekannten, doch möglichen, vom Leben bereitgestellten Glücks“. Besonders lobt nun wieder die Stimme des weisen Erzählers die hohe „Plastizität“ in den Gesichtern der jungen Mädchen, ihre noch nicht bestehende Festgefügtheit, die sie so reizvoll macht. Demgegenüber seien „die Gesichter der Frauen von einem bestimmten Alter an vom Existenzkampf verhärtet, für alle Zeiten zäh oder ekstatisch gemacht“. Die aus der Botanik entlehnte Metaphorik des Buchtitels „Mädchenblüte“, die auf Deutsch ein wenig schwülstig klingt, wird hier zu einer Allegorie vom frühen Aufblühen und raschen Verblühen weiblicher Schönheit fortgeführt. An dieser Stelle erstaunt es den Leser aber doch, wie vollständig nicht nur dem jungen Marcel, sondern auch dem in Dingen des Geschmacks ansonsten so versierten Hintergrund-Erzähler der ganz eigene Reiz entgeht, den gerade die nicht mehr ganz jungen Frauen oftmals zu entfalten vermögen. Hierfür, so scheint es, hatte der Homosexuelle Proust, der sich damals umfänglich zu tarnen gezwungen war, wohl einfach keinen Blick. (Einzig die noch in weit fortgeschrittenem Alter als begehrenswert geschilderte Madame Swann lässt er gelten.)
Dem eigentlich recht schüchternen, aber im Ernstfall auch sehr zielstrebig vorgehenden jungen Marcel gelingt nach etlichen Tagen die Annäherung an die begehrte Mädchengruppe. Zu seiner großen Freude schließen die Mädchen, die sich als Oberschülerinnen erweisen, ihn, anders als die dümmlichen blasierten Jungen vom Golfplatz, schnell ins Herz und unternehmen täglich Ausflüge und Wanderungen mit ihm. Zugute kommt Marcel die Einseitigkeit der Kenntnisse und Interessen der anderen mit den Mädchen bekannten jungen Männer (überwiegend Industriellensöhne), die sich auf alles beschränken, was „die Kleidung und die Art sie zu tragen, Zigarren, Bargetränke, Pferde betraf ohne die geringste Entsprechung auf dem Gebiet der Kultur des Geistes“. Heute würde man ihnen wahrscheinlich eine kuriose Mischung aus Hipster- und Spießertum bescheinigen. Hingegen sind die Mädchen sehr empfänglich für Marcels Gelehrsamkeit, wobei er sich aber auch nicht scheut, an ihren ziemlich albernen Gesellschaftsspielen teilzunehmen. Vor allem jedoch vermeidet er sehr gekonnt den Kardinalfehler junger männlicher Intellektueller im Umgang mit dem weiblichen Geschlecht: Er textet die Mädchen nicht zu. Vielmehr lässt er sie reden und ergötzt sich dabei nicht nur am Anblick ihrer schönen Gesichter und Körper, sondern besonders auch am Lauschen ihrer in seinen Ohren äußerst wohlklingenden Stimmen. („Jede besitzt mehr Noten als das klangvollste Instrument.“) Allmählich wird Marcel sogar zum Hahn im Korb und löst erhebliche Eifersüchteleien unter den jungen Damen aus.
Erst nach vielem Hin und Her konkretisiert sich sein Verlangen auf die schöne Albertine, die in den späteren Bänden die Frau an seiner Seite werden wird. Warum gerade sie? „Zwischen den Frauen, die wir nacheinander lieben, besteht eine, freilich eine gewisse Entwicklung durchmachende Ähnlichkeit, die mit einer Unveränderlichkeit unserer Anlage zusamenhängt, denn diese wählt sie ja aus, wenn sie mit uns kontrastieren und uns zugleich entsprechen, d.h. sich eignen, unseren Sinnen zu genügen und uns Leiden des Herzens zu bereiten. Diese Frauen sind eine umgekehrte Projektion, ein ‚Negativ‘ unseres eigenen Gefühlslebens.“ Das Leiden des Herzens wird für Marcel aber immens, als Albertine ihm bei einem Ringleinspiel einen Zettel zusteckt mit der Aufschrift „Ich mag Sie sehr gerne.“ Nach einigen Wochen lässt sie ihn heimlich ins Hotelzimmer kommen, in dem sie einen Abend allein verbringen soll. Doch als der völlig entflammte Marcel den Versuch unternimmt, sie zu küssen, wird er heftig von ihr zurückgewiesen. Er findet keine Erklärung für Albertines Verhalten, ergeht sich in quälenden Selbstzweifeln, denn an die „Tugendhaftigkeit“ Albertines will er nicht glauben, dann schon eher an eine Art Koketterie. Auch eine spätere Befragung Albertines führt nicht zur Auflösung des Rätsels. Und so erläutert die Stimme des Erzählers aus dem Off:„Die Wahrheit über die Absichten eines Menschen erfährt man nicht auf dem Wege direkter Befragung, und die Gefahr eines vorübergehenden Missverständnisses ist geringer als die naiven Insistierens.“ So fährt Marcel zum Sommerende letztlich „unverrichteter Dinge“ wieder zurück nach Paris. Doch bleibt dem Leser die begründete Hoffnung auf ein späteres „Happy End“, denn Albertine wohnt ebenfalls in Paris, wodurch künftige Begegnungen als nicht ausgeschlossen erscheinen.
So lässt das Buch einen verstört und bezaubert zugleich zurück, vor allem aber sensibilisiert für die vielen kleinen Besonderheiten des Alltags, die man in stumpfer Gewöhnung nicht mehr wahrnimmt. Es ermutigt den Leser zur Aufmerksamkeit – nach außen wie nach innen, denn: „Die sichtbare Welt ist auch nicht die wahre Welt, weil unsere Sinne über kaum bessere Fähigkeiten verfügen als unsere Einbildungskraft.“
Welch ein Glück, denkt man, dass jemand ein solches Buch geschrieben hat und darin so viel von dem ausdrücken konnte, von dem man nie annahm, dass es sich überhaupt sprachlich formulieren ließe. Und das in solch einer Eleganz! „Das gesprochene Wort steht in Beziehung zur Seele, drückt sie aber nicht aus wie der Stil beim Schreiben.“ Und noch ein letztes Mal die Stimme aus dem Off: „Das Dasein hat eigentlich nur an jenen Tagen Sinn, wo der Staub der Realitäten magischen Sand mit sich führt.“ Dieses Buch ist eine wahre Sahara aus magischem Sand.
Marcel Proust
Im Schatten junger Mädchenblüte (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 2)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 2004
851 Seiten, EUR 19,00
ISBN-10: 3518456423
Die Besprechung des ersten Bandes der Recherche gibt es hier.
www.justament.de, 11.6.2012: Riskant bis aussichtsreich
Das Lehr- und Praktikerbuch „Immobilienmärkte und Immobilienbewertung“ in 2. Auflage
Thomas Claer
Der Trend geht ganz klar zur Immobilie. Zwar nicht gerade zu Omas klein‘ Häuschen auf dem Lande, das von Jahr zu Jahr immer unverkäuflicher wird, aber doch jedenfalls zur gediegenen Altbau- oder luxuriösen Neubauwohnung in den gefragten Innenstadtlagen unserer Großstädte. Und je deutlicher sich angesichts von Schuldenkrise und Geldflutungen der Notenbanken für die nächsten Jahre ein inflationäres Szenario abzeichnet, desto emsiger greifen diejenigen zu, die ihre Ersparnisse noch schnell in den vermeintlich sicheren Hafen des Betongoldes steuern wollen – und sei es auf Pump, denn die Inflation frisst ja auch die Schulden. Doch was darf oder sollte eine Wohnung kosten? Wann ist sie ein gutes Investment? Ein Sammelband mit 14 Aufsätzen ausgewiesener akademischer Immobilien-Spezialisten nähert sich dem Thema von verschiedenen Seiten. Und der interessierte Laie, sofern er sich von den komplizierten Ausführungen zum „Discounted Cashflow-Verfahren“, den „Hedonischen Modellen“ und zur „bilanziellen Behandlung von Immobilienvermögen nach HGB und IFRS/IAS“ nicht abschrecken lässt, gewinnt schnell einen vielschichtigen Einblick in die Welt der Immobilienbewertung. Vor allem aber findet er Informationen, die so manchem intuitiven Freund der „sicheren“ Immobilien-Anlage zu denken geben dürften. So wird etwa die populäre Annahme, dass Immobilienanlagen gegenüber Aktien vergleichsweise risikoarm seien, als „kollektiver Irrtum“ entlarvt: „Tatsächlich werden die kurz- und mittelfristigen Preisschwankungen der Immobilie nur deshalb nicht bemerkt, weil keine Markttransaktionen stattfinden.“ (S.404) Auch lässt die Rentabilität des Betongoldes nur allzu oft zu wünschen übrig. So erreichten die von institutionellen Anlegern in Deutschland gehaltenen Immobilien in den letzten 12 Jahren eine Durchschnittsrendite von gerade einmal 3,4 Prozent p.a., wobei der Mietrendite von 5,5 Prozent ein jährlicher Wertverlust durch Abnutzung der Gebäude von 2 Prozent gegenüberstand. So ist man fast geneigt, Vermieter für Idealisten zu halten, denn manches Tagesgeldkonto warf und wirft ähnlich viel bzw. wenig ab. Doch lagen in den meisten anderen europäischen Ländern wie auch in den USA, Australien und vielen Regionen Asiens die Renditen direkter Immobilienanlagen in der Vergangenheit weitaus höher, was vor allem auf beträchtliche Wertsteigerungen, aber auch auf eine kontinuierlichen Steigerung der Mieterträge zurückzuführen ist. In dem Kapitel über Preisblasen auf Wohnimmobilienmärkten kommen die Verfasser u.a. zur Schlussfolgerung, dass in der Schweiz, Deutschland und Japan – folgt man bestimmten Bewertungsmodellen – vermutlich eine „negative Preisblase“, also eine extreme Unterbewertung vorliegt (S.193).
Was ist also zu tun? Wer eine Immobilie zur Eigennutzung erwerben will, weil er die Miete sparen und gleichzeitig sein Geld vor der Inflation schützen möchte, der handelt durchaus rational, sofern er drei Dinge beachtet: Er sollte erstens über genügend Eigenkapital verfügen, denn trotz historisch niedriger Zinsen lohnt sich ein Darlehen ab einer bestimmten Kredithöhe in der Regel nicht mehr (ganz zu schweigen vom damit einhergehenden Risiko). Zweitens sollte er nur in aussichtsreichen Lagen kaufen, da alles andere einer Kapitalvernichtung gleichkäme. Und drittens sollte der Preis nach den üblichen Bewertungsmodellen (v.a. der Peis-/Mietrelation) noch nicht die Bodenhaftung verloren haben. Wer aber eine Immobilie als reine Geldanlage ganz oder überwiegend auf Pump erwirbt, wird voraussichtlich negative Renditen erzielen. Und wer mit indirekten Immobilienanlagen, etwa Fonds liebäugelt, sollte es lieber bleiben lassen, denn hier drohen nur allzu oft kapitale Verluste.
Hans-Hermann Francke / Heinz Rehkugler (Hrsg.)
Immobilienmärkte und Immobilienbewertung
2. Auflage Verlag Franz Vahlen München 2011
483 Seiten, EUR 49,80
Justament Mai 2012: Alles im Umbruch
Die SZ-Serie „Die Zukunft der Arbeit“ als Buch
Thomas Claer
„Früher gab es sowas nicht.“ Was wir von den Älteren so oft gehört haben, hier hat es seine Berechtigung: Getrieben insbesondere von einer weltweit entfesselten Ökonomie, dem Druck der Finanzmärkte und einem rasanten technischen Wandel bleibt in der Arbeitswelt derzeit wirklich kein Stein mehr auf dem anderen. Was die Leser des Wirtschaftsteils der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Jahr in einer 26-teiligen Serie über „Die Zukunft der Arbeit“ erfuhren, war aufregend, faszinierend und manchmal auch erschreckend. Die Autoren schilderten die wichtigsten Trends unseres heutigen Erwerbslebens, mit denen wohl jeder Berufstätige schon mehr oder weniger umfassend Bekanntschaft gemacht haben dürfte, und entwarfen das Bild einer von diesen geprägten Zukunft. Nachzulesen ist das alles nun komprimiert und mit einem Vor- und Nachwort versehen zwischen zwei Buchdeckeln in der SZ-Edition. Und selten hat sich der Nachdruck einer Zeitungs-Serie so gelohnt wie dieser. Von der digitalen Revolution bis zur digitalen Boheme, von den Chancen der Jugend bis zu denen der Frauen, vom demographischen Wandel bis zur Notwendigkeit der Selbstvermarktung und der Wissensgesellschaft ist alles dabei, was das heutige Arbeitsleben ausmacht und aller Voraussicht nach auch künftig prägen wird. Die zehn Megatrends der Arbeitswelt von morgen gemäß dem Nachwort von Sibylle Haas lauten in Kurzform: Der feste Arbeitsplatz im Büro stirbt aus, dank Laptop und Smartphone sind die Arbeitnehmer für die Unternehmen immer und überall verfügbar. Hierarchien verschwinden, teamorientierte Projektarbeit macht heute den einen und morgen die andere zum Chef. Dienstleistungen haben einen immer größeren Anteil an der Arbeit (bereits jetzt mehr als zwei Drittel). Das klassische Arbeitsverhältnis wird immer seltener, Honorar- und Zeitverträge werden zur Regel. Gering Qualifizierte bleiben in prekären Jobs hängen; eine neue kreative Klasse pfeift auf einen festen Job, weil sie selbstbestimmt arbeiten will. Wer sich nicht aggressiv selbst vermarktet, bleibt auf der Strecke: Extrovertierte und Selbstdarsteller setzen sich durch. Die Menschen werden immer älter und müssen entsprechend länger arbeiten, was auch heißt: lebenslanges Lernen bis ins hohe Alter. Viele Branchen (aber bestimmt nicht die juristische) erleben einen Fachkräftemangel. Eine immer höhere Bildung ist erforderlich, die Jugend braucht noch deutlich mehr Disziplin, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit. Eine bessere Kinderbetreuung und gezielte Frauenförderung sind nötig, um das große Potential gut qualifizierter, aber bislang nicht oder nicht voll berufstätiger Frauen volkswirtschaftlich nutzen zu können. Und schließlich: Auf einem globalen Arbeitsmarkt liegt die „Last der Anpassung“ vor allem auf den Arbeitnehmern in den Industrieländern. Schon klar: Die Asiaten, Lateinamerikaner und Osteuropäer sind fleißiger, genügsamer und zunehmend auch noch besser als viele bei uns. Wer da auf einem Achtstundentag, Kündigungsschutz und guter Bezahlung besteht, ist schnell nicht mehr wettbewerbsfähig. Kein Wunder, dass nicht wenige die schöne neue Arbeitswelt als Bedrohung empfinden. Andererseits ist es aber doch bemerkenswert, wie gut das vergleichsweise streng regulierte, relativ unflexible und eher undynamische Deutschland durch die Finanzkrise gekommen ist. Vielleicht war es ja gerade die Mischung aus traditioneller Rechts- und Sozialstaatlichkeit auf der einen und Agenda 2010-Reformen auf der anderen Seite, die uns nun womöglich sogar zum Vorbild für andere werden lässt.
Marc Beise, Hans-Jürgen Jakobs (Hrsg.)
Die Zukunft der Arbeit
Süddeutsche Zeitung Edition München 2012
336 Seiten, EUR 19,90
ISBN: 978-3-86615-997-6
Justament Mai 2012: Karl Marx und die Stasi
André Gursky sucht nach den ideologischen Wurzeln der politischen Justiz in der DDR
Thomas Claer
Dass die DDR mit all ihrer politischen Justiz und ihrem Stasi-Terror gegen Andersdenkende ausgerechnet ein Rechtsstaat gewesen sein soll? Das behaupten heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Untergang, wohl nur noch einige wenige unbelehrbare Altfunktionäre und -geheimdienstler sowie ein paar versprengte ehemals systemnahe Wissenschaftler. Wenn nun André Gursky, einst selbst ein politisch Verfolgter in der DDR und heute Leiter der Stasi-Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle, in seiner philosophischen Dissertation sehr akribisch herausarbeitet, warum der „Rechtsstaat DDR“ selbstverständlich eine Legende ist, dann unterliegt er dabei möglicherweise einer berufsbedingten optischen Täuschung über das von den alten Stasi-Seilschaften heute noch ausgehende geistige Bedrohungspotential. Denn während er selbst vermutlich oft mit DDR-Unrechts-Leugnern konfrontiert ist, die bis heute gerne die Veranstaltungen in unseren Gedenkstätten mit provozierenden Zwischenrufen aufmischen, nimmt sich deren tatsächliche gesellschaftliche Relevanz wohl inzwischen eher marginal aus.
Dabei beschränkt sich das Werk nicht nur auf eine genaue Beschreibung der Funktionsweise der politischen Strafjustiz in der DDR und verwendet dabei auch umfangreiches, bislang kaum zugängliches Material aus den Aktenschränken der Staatssicherheit, sondern hat immer auch die Ebene der ideologischen Rechtfertigung im Blick. Deren Wurzeln verfolgt es schließlich zurück bis zu den maßgeblichen sozialistischen Theoretikern Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895). Heraus kommt in repressionsgeschichtlicher Hinsicht so manches, wovon man sonst noch kaum gehört oder gelesen hat. So verfasste der ostdeutsche Geheimdienst parallel zum offiziellen Strafgesetzbuch der DDR als Schulungsmaterial für seine Kader an der Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche ein separates „Stasi-StGB“ mit einem differenzierten Arsenal von Maßnahmen politischer Verfolgung, gerichtet auf die tatsächliche oder vermeintliche Feindaktivität. Überhaupt war die Staatssicherheit, so erfährt der Leser, viel mehr als nur ein ausführendes Organ der Partei, sondern die eigentliche Herrin der politischen Strafverfahren. Sie nahm sogar Einfluss auf die Formulierung von Strafgesetzen. Der etwas umständliche Titel des Buches, „Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR“ ist in diesem Zusammenhang so zu verstehen, dass neben das positive Recht (die geltenden Gesetze) ein umfassendes Bündel geheimdienstlicher Maßnahmen trat, die „konspirative Justiz“ der Staatssicherheit. Hier entwickelt der Verfasser seine These eines in der DDR bestehenden „nichtpositivistischen Positivismus“, was bedeutet, dass das positive Recht durchaus nicht immer galt, sondern durch konspirative Stasi-Tätigkeit jederzeit ausgehebelt werden konnte. Der Autor geht sogar so weit, den ursprünglich von Ernst Fraenkel auf das Dritte Reich gemünzten Begriff „Doppelstaat“ (bestehend aus Normen- und Maßnahmenstaat) – anders als es etwa Werkentin oder Brey tun – für die DDR abzulehnen, da es dort, vereinfacht gesagt, gar kein Strafrecht ohne Stasi-Beteiligung gegeben habe. Eine Koexistenz von Normen- und Maßnahmenstaat wie in der NS-Diktatur bis Ende der 30er Jahre habe sich die Diktatur der SED-Parteinomenklatur gar nicht leisten können (S.164). Daneben hatte die Staatssicherheit aber durchaus auch andere Tätigkeitsfelder. Besonders kurios mutet ihr gezielter Einsatz zur Erlangung von Devisen (Geldern aus dem Westen) an. Beispielsweise unterwanderten Stasi-Mitarbeiter bestehende Fluchthelfergruppen, kassierten dabei Gelder von westlichen Verwandten der Fluchtwilligen, inszenierten sodann selbst die Fluchten, um sie in letzter Sekunde scheitern zu lassen. Die inhaftierten und zu hohen Haftstrafen verurteilen Republikflüchtlinge ließ die DDR schließlich vom Westen freikaufen und gelangte so ein zweites Mal an Devisen.
Wie aber ließ sich ein solches Vorgehen und so manches Andere angesichts der „reinen Lehre“ des Marxismus-Leninismus ideologisch rechtfertigen? Ganz überwiegend schlicht nach der machiavellistischen Maxime, dass der Zweck die Mittel heiligt. Begründet wurde es allerdings mit den sich ständig wandelnden Erfordernissen des Klassenkampfes: „Was der Klasse dient, ist auch moralisch.“ So war gemäß dem Stasi-Schulungsmaterial auch die Legendenbildung des MfS, obwohl dadurch doch „die Wirklichkeit (im engeren Sinne) bewusst verdreht“ werde, „moralisch einwandfrei“, denn „belügen kann man nur denjenigen, dem man auf Grund der gleichen Klasseninteressen die Wahrheit sagen muss.“ George Orwell lässt grüßen! Und so funktionierte das gesamte Rechtssystem der DDR im Zweifel nach dem ebenfalls auf Machiavelli zurückgehenden Grundsatz „Recht ist, was dem Staate nützt“. Dazu gehörte nach Meinung der Machthaber eben auch die „Zersetzung“ von Oppositionellen. Sehr ausführlich lässt der Autor die Vertreter der DDR-Rechtsphilosophie zu Wort kommen, die weitschweifig die angebliche Überlegenheit des sozialistischen Rechts über den bürgerlichen Rechtsstaat begründen und vom „planmäßigen Ausbau der sozialistischen Rechtsordnung“ schwadronieren. Allerdings sind diese Passagen für den Leser doch auf die Dauer sehr ermüdend. Offenkundig hatten deren Verfasser bei ihren Adressaten eine Art Gehirnwäsche im Sinn, wie man sie ganz ähnlich aus bestimmten Sekten kennt. Der nur schwer erträgliche Propaganda-Jargon lässt den Rezensenten jedenfalls immer wieder aufatmen, dass dieser Spuk gottlob schon lange vorbei ist.
Viel interessanter aber ist die Frage, inwieweit sich die sozialistischen Klassiker Karl Marx und Friedrich Engels für das ganze Elend haftbar machen lassen. Schließlich gilt Marx als Emanzipations-Denker, dessen kategorischer Imperativ (anders als der von Kant) lautete, „… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verachtetes Wesen ist.“ Dessen ungeachtet sieht der Verfasser in Marx aber einen der Hauptschuldigen an Stasi und politischer Justiz. In großer Zahl hat Gursky einschlägige Zitate zusammengetragen, die Marx vor allem als einen Denker des gewaltsamen Umsturzes ausweisen, für den das Recht ein bloßes Mittel zur Erreichung übergeordneter Zwecke ist. So bezeichnete Marx etwa die Rechtsstaatlichkeit als „dummes Zeug“ oder als „pure Illusion“. Der Autor sieht darin einen „Totalangriff auf die abendländische Vernunftinterpretation“ und konstatiert einen „Bruch mit der Moderne“. Dies ist sicherlich der problematischste Teil des Buches, denn mit zumindest gleicher Berechtigung lässt sich Marx nun einmal auch als Gründervater der Sozialdemokratie und Wegbereiter vieler anderer gemäßigter sozialer Protestbewegungen ansehen. Was für Gursky aber zählt, ist die große Übereinstimmung, die er zwischen den Schriften des Karl Marx und der Ideologie der DDR-Staatssicherheit zu erkennen glaubt. Der Autor sieht Marx und Engels unter Hinweis auf ihre konspirative Arbeit beim Aufbau einer kommunistischen Partei Mitte des 19. Jahrhunderts sogar als Begründer der proletarisch-revolutionären Konspiration an (S.192).
Alles in allem lässt sich somit an dieser sehr fundierten und informativen Studie lediglich eine gewisse Einseitigkeit des Autors in der Interpretation seines so reichhaltig zusammengetragenen Quellenmaterials bemängeln. Dass es in der DDR, anders als während der Stalin-Ära in der UdSSR, nämlich sehr wohl Grenzen der staatlichen Willkür gab, mag das folgende, ebenfalls dem vorliegenden Buch entnommene Zitat des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, verdeutlichen: „Wenn wir nicht gerade jetzt hier in der DDR wären – ich will Euch das ganz ehrlich sagen, damit ihr wisst (…) – wenn ich in der glücklichen Lage wäre wie in der Sowjetunion, dann würde ich einige erschießen lassen“ (Rede um 1982 vor Mitarbeitern der Staatssicherheit).
André Gursky
Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR
Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M. u.a. 2011
462 Seiten, EUR 74,80
ISBN 978-3-631-61307-8
Justament März 2012: Spitze Feder rostet nicht
Christian Y. Schmidts gesammelte China-Kolumnen „Im Jahr des Tigerochsen“
Thomas Claer
Was waren das doch für goldene Zeiten für die Satire in Deutschland, damals in den Neunzigern, als Christian Y. Schmidt noch Redakteur bei der „Titanic“ war und an so lustigen Polit-Comics wie „Genschman“ oder den „Roten Strolchen“ mitwirkte. Wenn der damalige Bundesaußenminister im Batman-Kostüm gegen seinerzeit noch real bedrohliche Schufte wie „Frisur“ (alias Karadzic), den schlechtfrisiertesten Diktator aller Zeiten, kämpfte oder ein zögerlicher und ziegenbärtiger SPD-Kanzlerkandidat seinen Wahlkampf gegen den Oberförster Kohl unter dem Motto „Versucht, Ziege zu wählen“ inszenierte, da blieb kein Auge trocken. Doch ist das längst schon tiefste Vergangenheit. Anderthalb Jahrzehnte und zwei Bundeskanzler (respektive –innen) später ist Christian Y. Schmidt noch immer mit spitzer Feder unterwegs, doch versorgt er nunmehr die Leser der taz alle zwei Wochen mit einer Kolumne aus Peking, wo er mit seiner chinesischen Frau seit über sechs Jahren lebt. Weil aber so mancher Interessent nur mit Mühe die täglichen Papierberge der FAZ oder SZ zu bewältigen vermag und sich so zumindest nicht immer auch noch die taz zu Gemüte führen kann, gibt es Schmidts China-Kolumnen nun zum zweiten Mal auch als Buch aus dem rührigen Berliner Verbrecher-Verlag, auf dessen gepflegtes Programm an dieser Stelle einmal ausdrücklich hingewiesen werden soll.
Christian Y. Schmidt berichtet also auch im „Jahr des Tigerochsen“, d.h. in den chinesischen Jahren des Tigers (2009) und des Ochsen oder Büffels (2010), über allerhand Bemerkenswertes aus dem Reich der Mitte, das dem oberflächlichen westlichen Blick sonst nur zu leicht entgeht. Hervorzuheben ist sein unideologischer und vorurteilsfreier Blick auf die vielen kleinen Dinge des chinesischen Alltags, die den westlichen Lesern nicht selten sonderbar erscheinen dürften. So fand man in China bis vor kurzem keine küssenden Paare im öffentlichen Raum, abgesehen von einigen Touristen, die dann dementsprechend angestarrt wurden. Dass ihm ein Teil seiner Kritiker eine zu unkritische und beschönigende Sichtweise der chinesischen Verhältnisse vorwirft, ein anderer Teil hingegen vermutet, er betreibe antichinesische Gräuelpropaganda, zeigt, dass Schmidt wohl letztlich vieles richtig gemacht hat in seinen Texten. Natürlich ist jemand, der in einer einheimischen Familie lebt, der somit alles direkt aus erster Hand erfährt und dessen kulturalistische Missverständnisse sich im Zweifel auch einfacher aufklären lassen, klar im Vorteil gegenüber allen anderen in Fernost lebenden Ausländern, seien sie Korrespondenten, sonstige Autoren oder Wirtschaftsleute. Vor allem aber kann er dem ach so aufgeklärten europäischen Blick nach Fernost, der in Wahrheit gar nicht viel von seinem Gegenstand versteht und immer nur belehren will, mal etwas empirisch-fundierte Alltagskenntnis entgegensetzen, zumal das Interesse an der spätestens in zwei Jahrzehnten größten Volkswirtschaft der Erde, die den meisten westlichen Menschen heute noch so fremd ist, ganz ohne Zweifel stetig weiter wachsen wird. Die Schmidt-Kolumnen leisten für uns insofern gute Aufklärungsarbeit und liefern darüber hinaus, vor allem mit ihren zumeist treffsicheren Schluss-Pointen, auch gelungene Unterhaltung.
Christian Y. Schmidt
Im Jahr des Tigerochsen
VerbrecherVerlag Berlin 2011
187 Seiten, EUR 13,00
ISBN 978-3-940426-68-0
Justament, Nov. 2011: Intoleranter Buddhist
„Senilia. Gedanken im Alter“ aus dem Nachlass des Philosophen Arthur Schopenhauer
Thomas Claer
Als Typ war der olle Schopenhauer (1788-1860) natürlich unübertroffen: führte ein Leben als Privatgelehrter, ließ sich von niemandem etwas sagen, lebte von den eigenhändig erwirtschafteten Kapitalerträgen aus seinem früh erworbenen väterlichen Erbe und beschränkte sich mit seinen Veröffentlichungen auf das Wesentliche, was er zu sagen hatte, wollte um Himmels willen kein „Vielschreiber“ sein. Daher ist es auch nicht unbedingt ihm anzulasten, wenn aus dem handschriftlichen Nachlass neben manchen Schätzen auch so allerhand redundantes Zeug zum Vorschein kommt. Dies betrifft vor allem Teile seiner hier zu besprechenden, von ihm selbst mit „Senilia“ betitelten Aufzeichnungen der letzten Lebensjahre. Im Alter verstärken sich ja bei vielen Menschen vor allem ihre weniger angenehmen Eigenschaften. Was sich aber der greise Schopenhauer in ausdauernder Pedanterie an angeblichen „Verhunzungen“ der deutschen Sprache notierte (und sich darüber in Schimpftiraden erging), sucht wahrlich seines gleichen. So sei es etwa aus sprachhistorischen Gründen völlig falsch, von „Dänemark“, „Briten“ oder der „italienischen“ Sprache zu reden, nein, es müsse zwingend „Dännemark“, „Britten“ und „italiänisch“ heißen. Das zweite Leitmotiv seiner Notizen bildet die anhaltende Klage und Wut über die jahrzehntelange Nichtbeachtung seiner Lehren, obgleich er doch andernorts die einem Philosophen weitaus angemessenere Feststellung getroffen hatte, dass die Meinung anderer Menschen über uns gemeinhin völlig überschätzt werde. Sollten ausgerechnet die freie Existenz dieses Denkers und der damit verbundene ständige Rechtfertigungsdruck dazu beigetragen haben, dass er am Ende in seinen Zeitgenossen, vor allem den Rezensenten und Universitätsprofessoren, die er verächtlich „Brodschreiber“ und „Brodphilosophen“ nannte, nur noch Schwachköpfe erblickte, die sich allesamt gegen ihn verschworen hatten? Mitunter gerät der Verfasser in den „Senilia“ so in Rage, dass man ihn sich als eine Art Gernot Hassknecht aus der heute-Show vorzustellen geneigt ist. Dabei hatte Schopenhauer durchaus Humor und war mitunter sogar fähig zur Selbstironie, weshalb ihn der ebenfalls zu köstlichen Schimpftiraden und Wiederholungen neigende Schriftsteller Thomas Bernhard (1931-1989) einst als Spaß-Philosophen bezeichnete, was für Bernhard das höchste vorstellbare Lob war (während Schopenhauer selbst mit diesem Begriff seine verhassten Kollegen Hegel und Schelling abgekanzelt hatte). So sieht Schopenhauer es als Folge der „erbärmlichen Subjektivität der Menschen“ an, dass sie „Alles auf sich beziehen und von jedem Gedanken sogleich in gerader Linie auf sich zurückgehen“. Geht man aber über seine kollektiven Verächtlichmachungen auch „des Pöbels“ („Wer kein Latein versteht, gehört zum Volke…“), „der Weiber“ („Das Wort ist ganz unschuldig…Wenn ihm eine unangenehme Bedeutung anklebte; so könnte dies nur am Bezeichneten liegen.“) und sogar „der Juden“ („Mein auserwähltes Volk sind sie nicht.“) hinweg, kann man in diesem Buch noch eine Menge Bedenkenswertes und inhaltlich wie sprachlich Brillantes entdecken: „Die Werke sind die Quinteßenz eines Geistes. Sie werden daher … stets ungleich gehaltreicher sein, als sein Umgang.“ Das glauben wir gerne, besonders ihm. Und noch ein Nachtrag zur „Welt als Wille und Vorstellung“: „So gut wie im Traum in allen uns erscheinenden Personen wir selbst stecken, so gut ist es im Wachen der Fall, wenn auch nicht so leicht einzusehen. Aber tat-twam asi.“ Vielleicht war Arthur Schopenhauer ja der intoleranteste Buddhist aller Zeiten.
Arthur Schopenhauer
Senilia. Gedanken im Alter
Verlag C.H. Beck München 2010
374 Seiten, EUR 29,95
ISBN 978-3-406-59645-2
Justament Sept. 2011: Digital und analog
Peter Plöger über “Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten”
Thomas Claer
Mal wieder ein Buch über das akademische Freiberufler-Prekariat also. Umfassend beschrieben und dabei zugleich romantisiert und bejubelt wurde das Phänomen, wir erinnern uns, im Jahr 2006 von Holm Friebe und Sascha Lobo in ihrem Buch “Sie nennen es Arbeit”, mit dem die Autoren damals durch die Fernseh-Talkshows tingelten. Bis heute wird munter darüber debattiert, ob das mit dem “intelligenten Leben jenseits der Festanstellung” so wirklich funktionieren kann oder ob sich – wie Kritiker meinen – die digitale oder auch analoge Großstadtboheme ihre oft genug verzweifelte ökonomische Lage nur schönredet. Nun geht Autor Peter Plöger, selbst eine junge kreative Ich-AG, in seiner Studie über “Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten” einen Mittelweg zwischen larmoyanter Klage über die ungerechten Verhältnisse und stolzer Selbststilisierung der Betroffenen, kann sich aber nicht so recht für die eine oder die andere Richtung entscheiden. In zahlreichen Porträts beschreibt er das Leben von typischen Vertretern des akademischen Freiberuflertums, die sich auf unterschiedlichste Weise, idealerweise ihren Neigungen folgend, aber stets sehr mühsam beruflich über Wasser halten. Dabei erstellt er eine “kleine Typologie der Arbeitssammler”, die er in Parallelarbeiter (zwei Tage Teilzeit hier, drei Tage freie Mitarbeit dort, daneben Gelegenheitsaufträge), Wechsler (heute hier, morgen dort), Brotjobber (können vom Neigungsberuf allein nicht leben und ergänzen diesen durch unterqualifizierte Jobs, die aber mehr einbringen), Rigorose (halten bedingungslos am Neigungsberuf fest und laufen Gefahr zu verhungern) und Proteen (völlig ungeplante und unplanbare Berufsbiographie) einteilt.
Es werden u.a. Webdisigner, PR-Texter, Mediatoren, Journalisten, IT-Spezialisten, Lebensmitteltechnologen und Bildhauer vorgestellt. Die meisten sind zwischen 30 und 45 Jahre alt. Juristen kommen zwar im Buch nicht ausdrücklich vor, doch gibt es unter ihnen, wie jeder weiß, natürlich auch nicht wenige “Arbeitssammler”, vor allem unter den jüngeren, aber sie sind zumeist bemüht, es nicht so an die große Glocke zu hängen.
Auffällig ist, beim Verfasser deutlich stärker als bei den Porträtierten, eine leicht anklagende Grundhaltung, die bereits in der Unterzeile des Buchtitels “Viel gelernt und nichts gewonnen?” ihren Ausdruck findet. Im Vorwort beschreibt Plöger dann, wie wenig Gültigkeit heute die Weisheiten der Großeltern- und Elterngeneration besitzen, dass aus einem schon etwas werden würde, wenn man nur einen “anständigen Beruf” erlerne. Die Kränkung, dass dem nicht mehr unbedingt so ist, man spürt es, sitzt auch bei Plöger tief. Und selbstverständlich erscheint es zigtausenden Eltern als schlimme Fehlinvestition, wenn sie ihre längst erwachsenen Sprösslinge nach langem Studium statt in einer gut bezahlten Festanstellung in einer freien und unsicheren Existenz wieder finden und diese sich dafür womöglich noch nicht einmal schämen (das tun die Eltern dafür umso mehr). So etwas auszuhalten, gehört neben den vielen anderen Unwägbarkeiten eben auch zu den Herausforderungen des akademischen Freiberuflertums. Doch was heißt hier, die “Arbeitssammler” hätten nichts gewonnen? Wer seinen Interessen und Neigungen folgt und sich nicht nur stromlinienförmig am Markt orientiert, wer es auf eigene Faust probiert statt sich vom Arbeitsamt verwalten zu lassen, der wird vielleicht nicht gerade steinreich, doch erspart er sich so manche psychische Deformierung und wird allemal ein selbstbestimmteres, nicht selten auch ein interessanteres Leben führen. Kleinmut ist hier jedenfalls gänzlich fehl am Platze! Ist es denn etwa kein Wert an sich, lieber ein kleiner Herr als ein großer Knecht zu sein? Und was ist schon eine Doppelhaushälfte in einer baden-württembergischen Kleinstadt gegen eine Verabredung in einem coolen Cafe in Berlin-Kreuzberg? Einen großen Wurf mag man dieses Buch vielleicht nicht gerade nennen, aber es zeigt doch Facetten einer sich zunehmend verbreitenden Existenzform auf, deren Vertreter sich von niemandem bemitleiden lassen sollten.
Peter Plöger
Arbeitssammler, Jobnomaden und Berufsartisten. Viel gelernt und nichts gewonnen? Das Paradox der neuen Arbeitswelt
Hanser Verlag München 2010
250 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-446-41767-0
www.justament.de, 1.8.2011: Beruf Schriftsteller
Dem schreibenden Juristen Wolfgang Bittner eine Rezension zum 70. Geburtstag
Thomas Claer
Das muss der schönste Beruf der Welt sein, denkt man: Bücher schreiben, sich dabei seine Zeit frei einteilen können, unabhängig und nur sich selbst verantwortlich sein. Das dachte sich vor einigen Jahrzehnten auch der junge Jurist Wolfgang Bittner, dessen Abneigung gegen die Justiz sich während seines Referendariats stetig gesteigert hatte. „Aus Gründen der Selbstbestätigung“ erwarb er noch den Doktortitel, fuhr anschließend für einige Jahre mehrgleisig – und dann war für ihn Schluss mit Jura. Doch hat die Freiheit eines Schriftstellers ihre Grenzen immer in den ökonomischen Zwängen, denen er unterworfen ist. Bittner, ein Flüchtlingskind aus einfachen Verhältnissen, entschied sich bewusst gegen einen parallel ausgeübten „Brotjob“. Sein Anspruch war es, vom Schreiben leben zu können, und zwar „ohne sich zu prostituieren“. Leicht ist so etwas nie – aber bei ihm hat es funktioniert. Wie, das erklärt er in seinem stark autobiographisch geprägten Ratgeber „Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will.“ Vor allem braucht es enormen Fleiß und ein hohes Arbeitspensum. Etwa 50 Bücher hat Bittner in dreieinhalb Jahrzehnten veröffentlicht, darunter vier Romane für Erwachsene, neun Kinder- und Jugendromane und 15 Bilderbücher.
Zunächst geht „Beruf: Schriftsteller“ auf einige handwerkliche Aspekte des Schreibens ein, auch auf die mentale Seite des Schreibvorgangs. Erst nach der Diskussion so abstrakter Fragen wie der Rolle des Schriftstellers als moralisches Gewissen unserer Gesellschaft – wohl nicht für jeden angehenden Schriftsteller vordergründig – kommt die eigentliche Crux des Autorentums, seine Finanzierbarkeit, zu ihrem Recht. Zu den nun offerierten harten Fakten zählen Muster-Verlagshonorarverträge (mit Vorschuss-Vereinbarungen), Auflistungen der (mitunter nicht ganz unerheblichen) laufenden Kosten eines Literaten und empfohlene Honorarsätze für Autorenlesungen in Schulen. Relativ wenig erfährt man über mögliche Wege, die eigenen Werke überhaupt erst einmal bei einem Verlag unterzubringen, worin aber das praktische Haupthindernis für unzählige publikationswillige Autoren liegen dürfte. Entscheidend ist, so liest man zwischen den Zeilen, wie so oft das Netzwerkertum, die Unterhaltung und Pflege der richtigen „Kontakte“.
Das Buch ist schon seit ein paar Jahren auf dem Markt, und das ist ihm gelegentlich auch anzumerken. Nur wenige Lebensbereiche sind von der sich zusehends beschleunigenden digitalen Revolution so sehr betroffen wie das Entstehen und Herausbringen von Büchern. Was Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang grundlegend und unverzichtbar war, verdampft gerade vor unseren Augen. Inzwischen kann man wohl sagen, dass es zwar niemals so leicht war wie heute, eigene Texte zu publizieren, also einer großen Öffentlichkeit zugänglich zu machen. (Davon kann sich jeder leicht im Internet überzeugen.) Doch ausschließlich davon leben zu können, das wird schon angesichts der sich abzeichnenden Marginalisierung des Buch- (genau wie des Zeitungs-) Drucks mit der Zeit immer unwahrscheinlicher. Was sich aber bis heute im Grundsatz nicht verändert hat, ja wenn der Augenschein nicht trügt, sogar noch deutlich zugenommen hat, ist der Antrieb vieler Menschen zum Schreiben. Sicherlich würden inzwischen zahllose Hobby-Autoren und Blogger den Satz Wolfgang Bittners auch für sich reklamieren: „Schreiben ist ein Weg für mich, mit dem Leben besser fertig zu werden.“ Oder wie es Johannes R. Becher sagte: „Man schreibt, um zu sich selbst zu kommen.“ Nur: Wer soll das alles lesen und wer soll das alles drucken? So glauben wir dem Verfasser am Ende zwar gerne, dass man all die nützlichen Dinge, die in seinem Buch stehen, wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will. Man sollte aber vernünftigerweise lieber nicht daran glauben, dass Letzteres unter den heutigen Umständen auch gelingen kann. Außer einem gelingt ein ganz großer Wurf – oder man prostituiert sich.
Wolfgang Bittner
Beruf: Schriftsteller. Was man wissen muss, wenn man vom Schreiben leben will
Überarbeitete Neuausgabe Allitera Verlag München 2006
148 Seiten, EUR 19,90
ISBN 3-86520-197-0
www.justament.de, 27.6.2011: Jeder kann sehen, was sie tun
Johannes Treu untersucht die Transparenz in der Geldpolitik
Thomas Claer
Da ist doch tatsächlich eine VWL-Dissertation auf dem Schreibtisch des Justament-Rezensenten gelandet! Und keine über irgendein Thema aus den Elfenbeintürmen der Ökonomie – nein, es geht um etwas, das uns alle betrifft, zumindest indirekt: die Geldpolitik der Notenbanken. Jener obskuren Männerrunden, die Monat für Monat die Leitzinsen einzelner Volkswirtschaften oder ganzer Währungsräume festlegen und dadurch – wahrscheinlich mehr als alle Politiker zusammen – die Geschicke der Weltwirtschaft bestimmen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte die jahrelange Niedrigzinspolitik eines nuschelnden älteren Herrn namens Greenspan an der Spitze der amerikanischen „Federal Reserve“ für extreme Preisblasen vor allem auf den Immobilienmärkten gesorgt, was dann die ganze Welt in den Abwärtsstrudel einer Finanz- und Wirtschaftskrise riss. Und gegenwärtig erleben wir beiderseits des Atlantiks eine Politik des noch viel billigeren Geldes, ergänzt um weitere geldpolitische Maßnahmen (vulgo: Gelddrucken), um aus eben dieser Krise nachhaltig wieder herauszukommen. Wohin das letztlich führen wird (am Ende wohl in eine kräftige Inflation), ist aber hier nicht das Thema, sondern die Erkennbarkeit, Voraussehbarkeit und Nachvollziehbarkeit, kurz: die Transparenz der geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbanken.
Mit dieser steht es, so die landläufige Meinung, nicht allzu gut. Je nach Perspektive schimpfen die einen (die Sparer) über zu niedrige Zinsen, die anderen (die Schuldner und Aktionäre) über zu hohe. Aber fast alle sind sich einig im Vorwurf an die Notenbanker: Die da oben machen ja doch, was sie wollen! Das ist aber, die vorliegende Arbeit zeigt es deutlich, zumindest was die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft, gar nicht zutreffend. In minutiöser Kleinarbeit ist dem Verfasser der Nachweis gelungen, dass gegenüber der EZB – allen Unkenrufen von den Stammtischen zum Trotz – „ein genereller Intransparenzvorwurf nicht aufrechterhalten werden kann“. Nachdem der Autor mehrere hundert Seiten lang die unterschiedlichen Aspekte und Konzepte von geldpolitischer Transparenz und Intransparenz durchdekliniert hat und zum Befund gelangt ist, „dass kein vollständiges und eindeutiges Bild zum Thema Transparenz in der modelltheoretischen Geldpolitik existiert“, untersucht er exemplarisch die Geldpolitik der EZB in den letzten Jahren mit einem „fünfgliedrigen Transparenzkonzept“. Es zeigt sich, dass nur in einem der fünf Punkte (im geldpolitischen Entscheidungsprozess) eine „bedingte Intransparenz“ vorliegt; eine nur bedingte, „da eine komplette Intransparenz nicht für alle inhaltlichen Bestandteile dieses Transparenzpunktes existiert.“ Da kann man nur sagen: Bravo, EZB! Vor allem ernten die Notenbanker viel Lob des Verfassers für ihr erprobtes Codewörter-System: Wird eine künftige Leitzinserhöhung erstmals vorsichtig in Erwägung gezogen, spricht der EZB-Präsident auf den Pressekonferenzen von einer „genauen Beobachtung“ der Märkte. Konkretisieren sich diese Überlegungen, ist die Rede von „sehr genauer Beobachtung“. Und fällt schließlich der Begriff „starke Wachsamkeit“, dann weiß man: In einem Monat ist es soweit. Wer also vor kurzem gehört hat, wie Jean-Claude Trichet von „starker Wachsamkeit“ gesprochen hat, der weiß nun auch, was – jede Wette! – im kommenden Juli passieren wird.
Gegen diese Arbeit lässt sich im Wesentlichen nur das sagen, was sich auch gegen fast jede andere Dissertation sagen ließe: Dass einfache Dinge durch den wissenschaftlichen Jargon unnötig verkompliziert und viel zu umständlich gesagt und dass komplizierte Dinge mangels voraussetzungsloser Erklärung für den Laien schnell unverständlich werden. Darüber hinaus hätten dieser Arbeit aufmerksamere und auf dem aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung befindliche Korrekturleser nicht geschadet. (Ein besonderes Problemfeld sind die „erweiterten Infinitive mit zu“, vor allem die Ausnahmen zur Befreiung von der Kommasetzungspflicht seit der neuesten Rechtschreibung von 2005.) Aber so weiß man jedenfalls recht sicher, dass es keine „Guttenbergs“ im Text gibt. Auffällig ist ferner so manche saloppe Formulierung, aber da sind die Ökonomen wohl nicht so pingelig wie die Juristen. Ein großer Vorzug dieser Arbeit, der leider nicht bei allen Dissertationen selbstverständlich ist, sind schließlich die präzisen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und am Ende der gesamten Bearbeitung. Nur dadurch lassen sich auch für den ökonomischen Laien die wichtigsten Gedankengänge nachvollziehen, ohne dass er etwa an verzwickten mathematischen Formeln verzweifeln müsste.
Johannes Treu
Transparenz in der Geldpolitik. Systematisierung, Darstellung, Bewertung und Diskussion von (modelltheoretischer) Transparenz in der Geldpolitik sowie das Beispiel der Europäischen Zentralbank
Verlag Dr. Kovac Hamburg 2011
397 Seiten, EUR 98,00
ISBN 978-3-83005531-0