Tag Archives: Transparenz

www.justament.de, 15.10.2012: Tristesse ohne Geheimnis

Der Philosoph Byung-Chul Han untersucht die „Transparenzgesellschaft“

Thomas Claer

Cover TransparenzgesellschaftSchon vielfach seit dem beinahe kometenhaften Aufstieg der Piraten in unsere etablierte Parteienlandschaft ist deren vehement eingefordertes Paradigma der Transparenz kritisch hinterfragt worden. Manche haben auf die hohe Bedeutung von Diskretion und informellen Absprachen in politischen Prozessen hingewiesen – ungeachtet der dabei immer bedrohlich nahen Schwelle zum Klüngel, zur Korruption und zum Gemauschel, versteht sich. Der Philosoph Byung-Chul Han aber hat in der Transparenz – viel umfassender – nicht weniger als eine allgemeine Tendenz unseres Zeitalters ausgemacht. Nach bewährtem Muster legt Han, der durch seine „Müdigkeitsgesellschaft“ längst einem größeren Publikum bekannt geworden ist, also wieder ein schmales Bändchen vor, das ausgehend von einem vieldiskutierten Stichwort gedankliche Ausflüge in unterschiedliche Richtungen unternimmt. Und diesmal ist es die Transparenz, die heute verbreitete Neigung, immer und überall alles und jedes öffentlich zu machen, an der er kaum ein gutes Haar lässt.
„Die menschliche Seele braucht offenbar Sphären, in denen sie bei sich sein kann ohne den Blick des Anderen“, stellt Han fest und beklagt – sich dabei terminologisch sowohl ganz links als auch ziemlich weit rechts bedienend – dass die kapitalistische Ökonomie alles dem Ausstellungszwang unterwerfe, während das 18. Jahrhundert, wie einst schon Carl Schmitt raunte, noch den aristokratischen Begriff des Geheimnisses gewagt habe. (Im übrigen wäre nach Carl Schmitt das Ende des Geheimen auch das Ende der Politik.) Zum einen erblickt der Verfasser nun im derzeit so angesagten allgemeinen Transparenzgebot einen inhumanen Ausbeutungs- und Kontrollmechanismus, dem sich die Menschen, man denke hier nur an die sozialen Netzwerke im Internet, paradoxerweise sogar freiwillig unterwerfen: „Es wird total. Keine Mauer trennt das Innen vom Außen.“ Zum anderen, was er als mindestens ebenso bedrohlich ansieht, nehme die Transparenz auch vielen anderen Dingen jeden Reiz. Ausführlich beschreibt Han, was etwa auf dem Felde der Erotik auf dem Spiel steht: „Der libidinösen Ökonomie ist die Transparenz fremd. Gerade die Negativität des Geheimnisses, des Schleiers und der Verhüllung stachelt das Begehren an und intensiviert die Lust.“ Und: „Allein ein Rück- und Entzug des Objekts entfacht die Lustökonomie.“ Mit Rückgriff auf Lacan resümiert er schließlich: „Nur auf dem Wege endlosen Aufschubs ist das Objekt erreichbar.“
Den philosophischen Begründer des Transparenzgedankens sieht der Verfasser in Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), der seinerzeit alle Menschen dazu aufrief, schonungslos ihr Herz zu enthüllen. Doch schon bei diesem lasse sich beobachten, dass die Moral totaler Transparenz notwendig in Tyrannei umschlage. Heute führten solche Enthüllungen weniger zu einer „moralischen Läuterung des Herzens“ als vielmehr „zu maximalem Profit und maximaler Aufmerksamkeit. Die Ausleuchtung verspricht eine maximale Ausbeute.“
Was Han beschreibt, kennen wir bestens aus unseren Medien und womöglich sogar aus eigenem Erleben. Sicherlich ist sein Essay auch diesmal wieder einseitig, unterschlägt er doch fast alle emanzipativen Aspekte (und die ganz praktischen Erleichterungen), die ein Mehr an Transparenz ebenfalls mit sich bringen kann. Begründet jedoch erscheint der von Han vorgebrachte Verdacht, dass hier der Schaden den Nutzen bei weitem überwiegt, allemal. Allerdings übertreibt es der Autor ein wenig bei der Schilderung der „mehrdeutigen Codes“, welche eine erotische Spannung erzeugen. So viel Transparenz wäre an dieser Stelle gar nicht nötig gewesen…

Byung-Chul Han
Transparenzgesellschaft
2. Auflage Matthes & Seitz Berlin 2012
91 Seiten, EUR 10,00
ISBN: 978-3-88221-595-3

www.justament.de, 27.6.2011: Jeder kann sehen, was sie tun

Johannes Treu untersucht die Transparenz in der Geldpolitik

Thomas Claer

lit-tc-empfiehlt-johannes-treu-coverDa ist doch tatsächlich eine VWL-Dissertation auf dem Schreibtisch des Justament-Rezensenten gelandet! Und keine über irgendein Thema aus den Elfenbeintürmen der Ökonomie – nein, es geht um etwas, das uns alle betrifft, zumindest indirekt: die Geldpolitik der Notenbanken. Jener obskuren Männerrunden, die Monat für Monat die Leitzinsen einzelner Volkswirtschaften oder ganzer Währungsräume festlegen und dadurch – wahrscheinlich mehr als alle Politiker zusammen – die Geschicke der Weltwirtschaft bestimmen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte die jahrelange Niedrigzinspolitik eines nuschelnden älteren Herrn namens Greenspan an der Spitze der amerikanischen „Federal Reserve“ für extreme Preisblasen vor allem auf den Immobilienmärkten gesorgt, was dann die ganze Welt in den Abwärtsstrudel einer Finanz- und Wirtschaftskrise riss. Und gegenwärtig erleben wir beiderseits des Atlantiks eine Politik des noch viel billigeren Geldes, ergänzt um weitere geldpolitische Maßnahmen (vulgo: Gelddrucken), um aus eben dieser Krise nachhaltig wieder herauszukommen. Wohin das letztlich  führen wird (am Ende wohl in eine kräftige Inflation), ist aber hier nicht das Thema, sondern die Erkennbarkeit, Voraussehbarkeit und Nachvollziehbarkeit, kurz: die Transparenz der geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbanken.
Mit dieser steht es, so die landläufige Meinung, nicht allzu gut. Je nach Perspektive schimpfen die einen (die Sparer) über zu niedrige Zinsen, die anderen (die Schuldner und Aktionäre) über zu hohe. Aber fast alle sind sich einig im Vorwurf an die Notenbanker: Die da oben machen ja doch, was sie wollen! Das ist aber, die vorliegende Arbeit zeigt es deutlich, zumindest was die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft, gar nicht zutreffend. In minutiöser Kleinarbeit ist dem Verfasser der Nachweis gelungen, dass gegenüber der EZB – allen Unkenrufen von den Stammtischen zum Trotz – „ein genereller Intransparenzvorwurf nicht aufrechterhalten werden kann“. Nachdem der Autor mehrere hundert Seiten lang die unterschiedlichen Aspekte und Konzepte von geldpolitischer Transparenz und Intransparenz durchdekliniert hat und zum Befund gelangt ist, „dass kein vollständiges und eindeutiges Bild zum Thema Transparenz in der modelltheoretischen Geldpolitik existiert“,  untersucht er exemplarisch die Geldpolitik der EZB in den letzten Jahren mit einem „fünfgliedrigen Transparenzkonzept“. Es zeigt sich, dass nur in einem der fünf Punkte (im geldpolitischen Entscheidungsprozess) eine „bedingte Intransparenz“ vorliegt; eine nur bedingte, „da eine komplette Intransparenz nicht für alle inhaltlichen Bestandteile dieses Transparenzpunktes existiert.“ Da kann man nur sagen: Bravo, EZB! Vor allem ernten die Notenbanker viel Lob des Verfassers für ihr erprobtes Codewörter-System: Wird eine künftige Leitzinserhöhung erstmals vorsichtig in Erwägung gezogen, spricht der EZB-Präsident auf den Pressekonferenzen von einer „genauen Beobachtung“ der Märkte. Konkretisieren sich diese Überlegungen, ist die Rede von „sehr genauer Beobachtung“. Und fällt schließlich der Begriff „starke Wachsamkeit“, dann weiß man: In einem Monat ist es soweit. Wer also vor kurzem gehört hat, wie Jean-Claude Trichet von „starker Wachsamkeit“ gesprochen hat, der weiß nun auch, was – jede Wette! – im kommenden Juli passieren wird.
Gegen diese Arbeit lässt sich im Wesentlichen nur das sagen, was sich auch gegen fast jede andere Dissertation sagen ließe: Dass einfache Dinge durch den wissenschaftlichen Jargon unnötig verkompliziert und viel zu umständlich gesagt und dass komplizierte Dinge mangels voraussetzungsloser Erklärung für den Laien schnell unverständlich werden. Darüber hinaus hätten dieser Arbeit aufmerksamere und auf dem aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung befindliche Korrekturleser nicht geschadet. (Ein besonderes Problemfeld sind die „erweiterten Infinitive mit zu“, vor allem die Ausnahmen zur Befreiung von der Kommasetzungspflicht seit der neuesten Rechtschreibung von 2005.) Aber so weiß man jedenfalls recht sicher, dass es keine „Guttenbergs“ im Text gibt. Auffällig ist ferner so manche saloppe Formulierung, aber da sind die Ökonomen wohl nicht so pingelig wie die Juristen. Ein großer Vorzug dieser Arbeit, der leider nicht bei allen Dissertationen selbstverständlich ist, sind schließlich die präzisen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und am Ende der gesamten Bearbeitung. Nur dadurch lassen sich auch für den ökonomischen Laien die wichtigsten Gedankengänge nachvollziehen, ohne dass er etwa an verzwickten mathematischen Formeln verzweifeln müsste.

Johannes Treu
Transparenz in der Geldpolitik. Systematisierung, Darstellung, Bewertung und Diskussion von (modelltheoretischer) Transparenz in der Geldpolitik sowie das Beispiel der Europäischen Zentralbank
Verlag Dr. Kovac Hamburg 2011
397 Seiten, EUR 98,00
ISBN 978-3-83005531-0