August 2012: Ahnenforschung, Teil 3

Ahnenforschung über die Familie Claer, Zwischenstand Sommer 2012

Hier ein aktuelles „Update“, das auf einigen neuen Fundstellen aus dem Internet, einer Anfrage bei der Deutschen Hugenottengesellschaft sowie Informationen des Internetnutzers „Spooky“ alias Andreas Z. (wohnhaft in Moritzburg bei Dresden) beruht, den ich kontaktiert habe und der sich wie erwartet als ein entfernter Verwandter erwiesen hat. Er sammelte diese seine Informationen in den letzten drei Jahren und fasste sie anlässlich des 90. Geburtstags seiner Oma in einem Text zusammen, den er mir dankenswerter Weise zur Verfügung gestellt hat und aus dem ich im Folgenden zitieren werde.

1. Die Linie Claer / Clär / Clair in Ostpreußen, soweit sie sich zurückverfolgen lässt
Es gibt weitere Hinweise, die unsere Annahme unterstützen, dass der Jäger Friedrich Claer der Vater meines Ururgroßvaters Franz Claer (des Postschaffners) ist. Inzwischen ist nämlich das „Amtsblatt der preußischen Regierung zu Königsberg“ weitgehend digitalisiert und online verfügbar. Da heißt es u.a.:

„Dem invaliden Jäger Friedrich Claer ist die einstweilige Verwaltung der Försterstelle zu Eichenberg, Oberförsterei Drusksen, vom 1sten Oktober d. J. an übertragen.“  (1839) http://books.google.de/books?id=eg5PAAAAcAAJ&pg=PA304-IA6&lpg=PA304-IA6&dq=J%C3%A4ger+Friedrich+Claer+.&source=bl&ots=lZ5SQCyZHN&sig=LaY761NqZz3HrOcmMe_rqFRXpRE&hl=de&sa=X&ei=Kqz5T_urKIbYtAaW8dzpBQ&ved=0CE0Q6AEwAw#v=onepage&q=J%C3%A4ger%20Friedrich%20Claer%20.&f=false)

Später heißt es:

„Der invalide Jäger Friedrich Clär ist auf der Försterstelle zu Eichenberg I., Oberförsterei Drusken, definitiv als Förster bestätigt worden.“ (1840) (http://books.google.de/books?id=sg5PAAAAcAAJ&pg=PA146-IA3&lpg=PA146-IA3&dq=J%C3%A4ger+Friedrich+Cl%C3%A4r+definitiv.&source=bl&ots=ggTv_yj0pd&sig=zMUyhXuMVEoZYqnGPMIaNZrVkPA&hl=de&sa=X&ei=waz5T4GTGM_Isgbu5ImHBQ&ved=0CE0Q6AEwAA#v=onepage&q=J%C3%A4ger%20Friedrich%20Cl%C3%A4r%20definitiv.&f=false)

Zur Erinnerung: Mein Ururgroßvater Franz Claer wurde geboren am 27.9.1841 in Eichenberg/Wehlau (gest. am 16.10.1906 in Neidenburg). Folglich sollte nun kein Zweifel mehr bestehen, dass es sich beim Jäger Friedrich Claer um dessen Vater, also um meinen Urururgroßvater handelt. Dass aber selbst im Amtsblatt der preußischen Regierung ein und dieselbe Person unterschiedlich geschrieben wird, nämlich einmal „Claer“ und einmal „Clär“, zeigt, wie wenig Genauigkeit es bis weit ins 19. Jahrhundert hinein in der Namens-Schreibweise gab. Man sollte die Untersuchungen also immer auch auf ähnliche abweichende Schreibweisen der Namen ausdehnen.
Ein weiterer Jäger, sogar Oberjäger!, des Namens Claer / Clär wird im „Amtsblatt der preußischen Regierung zu Königsberg“ bereits einige Jahre zuvor erwähnt:

„Die Försterstelle zu Klein-Fließ, Oberförsterei Leipen,  ist dem mit einem Forstversorgungs-Schein versehenen invaliden Oberjäger Johann Wilhelm Clär vom 1. November d.J. an interimistisch übertragen worden.“  (1837)

Und ein Jahr später heißt es dann:

„Der mit einem Forstversorgungs-Schein versehene invalide Oberjäger Johann Wilhelm Claer ist auf der Försterstelle zu Klein-Fließ, Oberförsterei Leipen, definitiv als Förster bestätigt worden.“ (1838) http://books.google.de/books?id=UA5PAAAAcAAJ&pg=PA186-IA5&lpg=PA186-IA5&dq=invaliden+Oberj%C3%A4ger+Johann+Wilhelm+Claer&source=bl&ots=VS11jW-Xgt&sig=1GzUBSAKtVlZlqHacAnAxmgNAfU&hl=de&sa=X&ei=yK35T6CnI47tsgak1L3cBQ&ved=0CD4Q6AEwAA#v=onepage&q=invaliden%20Oberj%C3%A4ger%20Johann%20Wilhelm%20Claer&f=false)

Der Forstversorgungs-Schein wurde z.B. Jägern ausgestellt, die im preußischen Garde-Jäger-Bataillon gedient hatten. Wikipedia weiß hierzu: „Seit Mitte des 19. Jahrhunderts rekrutierte sich das Bataillon überwiegend aus dem Bürgertum sowie Angehörigen der Forstwirtschaft. Seit 1871 wurde ihm die gleiche Zahl gelernter Jäger wie dem Garde-Jäger-Bataillon zugewiesen. Diese konnten nach zwölfjähriger (Unteroffiziere nach neunjähriger) Dienstzeit den „Forstversorgungsschein“ erwerben.“ (Er sicherte den betreffenden Personen offenbar den Anspruch auf eine öffentlich besoldete Försterstelle.) „Das preußische Garde-Jäger-Bataillon war 1814 errichtet worden. … Die Umgangs- und Kommandosprache war zunächst Französisch, erst ab 1816 durften mündliche und schriftliche Befehle nur noch auf Deutsch erteilt werden.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Garde-Sch%C3%BCtzen-Bataillon)

GSB_FWIVEs könnte sich beim Oberjäger Johann Wilhelm Claer folglich um einen Verwandten des Friedrich Claer, womöglich um seinen Bruder gehandelt haben. Dass Friedrich Claer zwei Jahre später als Johann Wilhelm ebenfalls eine (weitere neue?) Försterstelle erhielt, könnte er eventuell dessen Einfluss zu verdanken gehabt haben.
Darüber hinaus hat unser besagter Verwandter Andreas Z. im Rahmen seiner Recherchen Informationen aus dem Evangelischen Zentralarchiv (EZA) in Berlin-Kreuzberg und aus dem Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem angefordert und ausgewertet:
Im EZA fand sich die Trauungsurkunde von Friedrich Clair (geschrieben mit „“ai“; im Kirchenbuch stand er noch mit „ae“; im Amtsblatt später einmal mit „ä“) und Justina Knaebe (im Kirchenbuch stand sie als Justine mit „-e“; in unserem Fragebogen für die Reichsstelle für Sippenforschung stand sie als „Justine Knebel“) am 19.11.1824 in Germau (KB 364, S. 2, Nr. 14). Die Urkunde enthält ferner die Angaben über Friedrich Clair, dass er zur Zeit der Trauung 25 Jahre alt war und sein Geburtsort Ludwigswalde (Ostpreußen) ist. Folglich muss das Geburtsjahr von Friedrich Clair Ende 1798 oder 1799 gewesen sein. Sein Geburtsort Ludwigswalde ist ein kleiner Ort ca. acht Kilometer südlich von Königsberg (Germau und Corjeiten/Fischhausen liegen hingegen 25 bis 30 km westlich von Königsberg). Die Trauung erfolgte etwa vier Wochen nach der (formal unehelichen) Geburt von Friedrich Wilhelm Claer (geb. 23.10.1824 in Corjeiten), dem älteren Bruder unseres Vorfahren Franz Claer.
Im Geheimen Staatsarchiv in Berlin-Dahlem fand sich zudem die Geburtsurkunde des bereits erwähnten Johan (hier mit einem „n“ geschrieben) Wilhelm Claer, geb. 10.6.1803, getauft am 15.6.1803. Als Vater ist angegeben: Unterförster Friedrich Wilhelm Claer; Mutter ist Susanna Claer, geborene Hoemke.
Auch Andreas Z. ist der Ansicht, dass es sich bei Johan Wilhelm Claer um einen Bruder unseres Vorfahren Friedrich Claer handeln könnte. Dafür gibt es aber noch keinen Beleg. Sollte unsere Vermutung zutreffen, wäre der Unterförster Friedrich Wilhelm Claer d. Ä. (nicht zu verwechseln mit Friedrich Wilhelm Claer d. J., dem ältesten Sohn des Friedrich Claer), der wahrscheinlich zwischen 1750 und 1780 geboren wurde, auch der Vater von Friedrich Claer und somit unser ältester bekannter direkter Vorfahre.
Bezüglich der Förstertradition der Familie ist noch daran zu erinnern, dass sich bei meiner Recherche im Verzeichnis der Forstbediensteten in Ostpreußen für die Jahre 1662-1743 des Obersts a.D. Georg v. Winterfeldt aus Potsdam in der Zeitschrift „Archiv für Sippenforschung“ (1936-1941) keinerlei Funde für „Claer/ Clair/ Clare“ ergaben. Die Förstertradition hätte demnach also maximal noch eine Generation hinter Friedrich Wilhelm Claer d.Ä. zurückgereicht.

Nach Einschätzung von Andreas Z. könnte eine genauere Recherche in beiden genannten Archiven möglicherweise noch weitere Funde bringen, jedoch hat er von dort auch die Auskunft bekommen, dass Kirchenbücher von vor 1800 dort nicht verfügbar seien. Es sei fraglich, ob sie überhaupt noch existieren.
Weiterhin  machte ich noch einen überraschenden Fund im Internet bezüglich unseres Vorfahren, des Jägers Friedrich Claer (geb. 1898/99). Im „Großherzoglich-Sachsen-Weimar-Eisenachischem Hof- und Staatshandbuch auf das Jahr 1819“ (inzwischen digitalisiert aus der Bayrischen Staatsbibliothek) erscheint:

– Friedrich Clair, Unterförster zu Krakendorf (http://books.google.de/books?id=B4MAAAAAcAAJ&pg=PA54&lpg=PA54&dq=Friedrich+Clair,+Unterf%C3%B6rster+zu+Krakendorf&source=bl&ots=C5KjJNrVvE&sig=FbhJfzYqceG_Z9WqeHMstzNu_Uc&hl=de&sa=X&ei=WP4bUP-JKs3htQaQ44BQ&ved=0CCgQ6AEwAA#v=onepage&q=Friedrich%20Clair%2C%20Unterf%C3%B6rster%20zu%20Krakendorf&f=false)

Krakendorf ist heute ein Ortsteil der Stadt Blankenhain im Landkreis Weimarer Land, Thüringen. Offenbar hatte der junge Friedrich Clair (im Alter von ca. 20 Jahren) eine Anstellung als Unterförster in Sachsen-Weimar (heute Thüringen). Bereits fünf Jahre später (1824) war er aber wieder in seiner ostpreußischen Heimat, nämlich in Corjeiten, und hat dort eine Familie gegründet.

Ferner ist zu erwähnen, dass sich im Adressbuch von Erfurt (etwa 25 km entfernt vom besagten Krakendorf) aus dem Jahr 1882 der Eintrag findet:
– Claer Dorothea Margarethe geb. Fischer, Wittwe, Weißfrauengasse 1
– Rosine geb. Mohnhaupt, Wwe., Schmidtstädterstraße 50
– Christine geb. Scherlitz, verw. Oekonom, Fleischgasse 9 (http://forum.ahnenforschung.net/showthread.php?t=42802&page=9)

Also gleich drei verwitwete Damen mit dem Namen Claer, der sonst in Mitteldeutschland zu dieser Zeit fast überhaupt nicht auftritt. Sollte hier unser Vorfahre Friedrich Claer/Clair bei seinem Aufenthalt in Thüringen über 60 Jahre zuvor in irgendeiner Weise Spuren hinterlassen haben?

Und im „Bürgerbuch der Stadt Erfurt 1761-1831“ findet sich der Eintrag:

– Claer, Christian Friedrich, ev., Fuhrmann, geb. 16.11.1802 in Siersleben bei Hettstedt (http://wiki-de.genealogy.net/B%C3%BCrgerbuch_der_Stadt_Erfurt_1761-1833/329)

Könnte das womöglich auf Verwandte hindeuten, der Friedrich Claers Aufenthalt in Thüringen erst veranlasst haben (ihm vielleicht die Försterstelle besorgt haben)?
An dieser Stelle ist noch einmal ergänzend auf die handschriftlichen Aufzeichnungen meines Großvaters Gerhard Claer hinzuweisen, wonach im Kirchenregister der ev. Kirche Judithen bei Neidenburg, Jahrgang 1828, Seite 451 Nr. 61 einige Male Clair mit „ai“ erscheint, nämlich: „Heinrich Clair, Förster; Otto C., Gendarm u.s.w., Franz u.s.w. Postbeamter// Geschwister Amelie (?) geb. Clair“. Er geht offenbar von einer Verwandtschaft aus und wertet die dem Französischen näher stehende Schreibweise als Indiz für die ursprünglich französische Herkunft der Familie.”
Also gab es auch noch den Förster Heinrich Clair, der ähnlich alt gewesen sein könnte wie Friedrich und Johan(n) Wilhelm, also u.U. ein weiterer Bruder oder Cousin. Vielleicht war Heinrich sogar der erste der Familie, der überhaupt die Königsberger Ecke in Richtung Neidenburg (einige zig km südwestwärts) verließ, denn er lebte dort schon (wie auch einige andere Clairs), als unsere direkten Vorfahren noch im Umland von Königsberg wohnhaft waren.
Schließlich ist noch ein weiterer möglicher Verwandter zu erwähnen, der sich im „Adreßbuch der Haupt- und Residenzstadt Königsberg i. Pr. und der Vororte 1888“ (S.40) findet:

Nachname:    Clär
Vorname:    L.
Beruf:    Arbeiter
Adresse:    Neuroßgärtsche Kirchenstr. 13 b
Ort:    Königsberg (Pr.) (http://adressbuecher.genealogy.net/entry/book/412?offset=16701&max=25&sort=firstname&order=asc)

2. Die Frage eines hugenottischen oder eines anglonormannischen Ursprungs
Es gibt widersprüchliche Hinweise hinsichtlich eines hugenottischen Ursprungs der ostpreußischen Familie Claer. Für einen solchen Ursprung spricht erst einmal die sowohl in unserem Familienzweig als auch in dem der Urgroßmutter des Andreas Z. (die eine geborene Claer war) erfolgte mündliche Überlieferung.
Zunächst hatte Andreas Z. im Rahmen seiner Forschungen eine Anfrage an Herrn Dierk Loyal gerichtet, einen Ahnenforscher, der sich auf die Geschichte der Hugenotten in Ostpreußen spezialisiert hat (und eine entsprechende Internetseite betreibt). Hier seine Auskunft:

Gesendet: Donnerstag, 9. Februar 2012
An: Andreas Z.
Hallo Herr Z.,
alle französischen Familien in Ostpreußen sind bekannt und bei Horst Kenkel (Franz. Schweizer u. Réfugiés als Siedler im nördlichen Ostpreußen (Litauen) 1710 – 1750, in: Sonderschrift des Vereins für Familienforschung in Ost- und Westpreußen e.V., Nr. 13, Hamburg 1970.) verzeichnet. Eine Familie Claer fehlt hier.
Die französischen Familiennamen in Ostpreußen haben sich allerdings stark verändert. So könnte der Familienname ursprünglich sich von Clerc (Clair, Claird, Clere, Claer, Clari, Klär etc). Es gibt auch die Familie Loclair. In den Kirchenbüchern kommt vereinzelt auch „Lo Claire“ vor.
Meiner Meinung nach dürfte hier aber wohl eine Herleitung von Clerc vorliegen. Dies müsste man aber allerdings durch Kirchenbucheintragungen nachweisen.
Der Ort Corjeiten liegt in dem Kirchenkreis Fischhausen. Die zuständige ev. Kirche war Germau. Die Kirchenbücher liegen heute im „Evangelischen Zentralarchiv“ in Berlin. Dort müssten Sie nach weiteren Vorfahren suchen. Ich vermute, dass die Vorfahren aus dem Kreis Gumbinnen kamen.
Stammvater der Familie Clerc war David Clerc, der aus St. Imier (Dieser kleine Ort liegt im Berner Land in der Schweiz, Anm. TC) stammte. Er wanderte 1712 ein und siedelte sich in Matzutkehmen an. Er heiratet in Judtschen 1718. Bereits 1724 heiratet die Witwe erneut. Kinder sind leider nicht bekannt. Dann gab es noch einen Jacob Clerc der ebenfalls in Matzutkehmen lebte. Kinder sind ebenfalls nicht bekannt. Ich vermute, dass bereits in dieser frühen Zeit die Familienmitglieder aus dem Kreis Gumbinnen abwanderten. Zumindest war Jacob Losgänger und besaß daher kein eigenes Land.
Dann gab es noch einen Christian Clerc, der 1719 in Stolp auf dem Weg nach Ostpreußen registriert wurde. Wo er sich in Ostpreußen ansiedelte, ist allerdings unbekannt.
In Berlin gibt es die Familie le Clerc. Es könnte sein, dass Familienmitglieder von dort nach Ostpreußen wanderten.
Gruß
Dierk Loyal

Mir wollte diese Clerc-Theorie zuerst nicht recht einleuchten, doch es gibt gewisse Anhaltspunkte, die sie stützen könnten.
Von der Deutschen Hugenottengesellschaft in Bad Karlshafen erhielt ich auf Anfrage einen Auszug aus ihrer immensen hugenottischen Datenbank, nämlich insgesamt 48, sich z. T. überschneidende Datensätze von nach Deutschland (oder in den deutschen Sprachraum) eingewanderten Hugenotten mit den Namen Clair, Claire, Le Clair, Le Claire und Clare aus dem frühen 18. Jahrhundert. In etlichen Fällen ist hinter den Namen Clair, Claire oder le Clair in Klammern der Zusatz „Le Clerc“ angegeben. Ich fand dann heraus, dass das hintere „c“ in Le Clerc bei korrekter französischer Aussprache tatsächlich stumm ist. (http://de.forvo.com/word/felix_leclerc/)
Die meisten hugenottischen Namensträger waren gem. den Datensätzen ansässig in der Schweiz (Bern, Lausanne) sowie in Süd-, Südwest- und Westdeutschland (Strasburg, Kassel, Köln, Zweibrücken, Hanau, Moers, Frankenthal /Pfalz); zwei Trägerinnen des Namens Clare gab es in  Holzappel-Charlottenberg (Rhein-Lahn-Kreis) und Hanau – eine Verbindung zum anglo-normannischen Zweig oder gar zum Bischof von Samland drängt sich aus geographischen Gründen nicht auf. Doch gab es eine Reihe von Clairs in Magdeburg, wo es sich um Nachkommen des Blaise Clair, ursprünglich Sergeant bei den alliierten Truppen in Piemont (Norditalien), handelte. Alle seine Kinder hießen dann Le Clair. Daneben gibt es vier Damen aus Berlin: Anne Francoise Clair (geb. 1734); Dlle. Marie le Clair (le Clerc, Cler), Patin am 27./31.7.1724 bei Abraham Jacques Louis; Susanne le Clair /le Clerc), Patin am 1.1.1727 bei Etienne Gedeon, am 3./5.1.1727 bei Jean Louis Matthieubei: Dlle. Dorothee Claire, Patin 1717 bei Paul Ravenel; und schließlich in Stettin eine Anne Susanne le Clair (le Clerc), am 10.4.1739 dort getraut mit dem 28-jährigen “droguiste” Jean Tournier.
In der Internet-Datenbank https://familysearch.org findet sich darüber hinaus noch ein in der reformierten Kirche (Die reformierten Kirchen gehen zurück auf die Kirchenreformer Calvin und Zwingli, deren Anhänger die Hugenotten waren.) Prenzlau getrauter (also hugenottischer) Johann Clair (Hochzeit am 16.11.1712, Eltern: Abraham Clair, Marienn Magdalene Bunie; Braut: Judith Pionnier). (https://familysearch.org/pal:/MM9.1.1/JHJC-T6X) In derselben Datenbank taucht auch ein weiterer Johann Clair auf mit den Zusätzen: geb. 1763, gestorben 1837 in Luisenstadt, Berlin. (https://familysearch.org/pal:/MM9.1.1/J4ZM-ZXD)
Eine Verbindung zwischen Friedrich Claer / Friedrich Wilhelm Claer und den hugenottischen Clairs /Le Clairs/ Le Clercs insbesondere aus Magdeburg oder Berlin (wo es ja auch noch den Sänften-v. Clair und den Übersetzer v. Clair gab; vgl. meine Infos von 2011) wäre denkbar, wenngleich alles andere als zwingend.

In diesem Zusammenhang ist auch noch einmal an die  Namensliste der Offiziere der „Alten preußischen Armee“ (also vor 1800) aus der „Familienchronik von Claer“ zu erinnern, die der preußische Offizier Otto v. Claer zusammengestellt hat, der sich als erster aus dem rheinischen Zweig der Familie in östlicheren Gefilden niederließ und dort auf etliche Offiziere ähnlichen Namens stieß.

Offiziere der alten preußischen Armee
(Zweite Hälfte des 18. und Beginn des 19. Jahrhunderts)
Die Namen sind, mit Ausnahme von Nr.1, durch Otto v. Claer, fwb. 1827, gest. 1909, aus preußischen Ranglisten ausgezogen.
1. v. Clar, Fähnrich im Rgt. Prinz von Preußen, 1758 in der Schlacht bei Zorndorf verwundet (s. „Helden-, Staats- und Lebensgeschichte Friedrichs des Anderen“, Teil V, S. 173.
2. v. Clair, Lieut. Im Regiment Krockow, 1765 ausgeschieden
3. v. Clair, Capt. Bei den Ingenieuren, 1779 ausgeschieden
4. v. Clair, 1785 jüngster Fähnrich im Garnison-Regt. V. Pirch
5. v. Claar, 1781 und 1793. Zuletzt Major im Regt. Kronprinz von Preußen, beim Depot-Btl. Oranienburg.
6. v. Clar, 1785 Capt. Im Rgt. Prinz v. Preußen zu Fuß (Potsdam)
7. v. Clar (v. Claar) Friedr. Wilh., 1789 Capt. Im Regt. Nr. 18, gest. 1805
8. v. Claar, P.C. (?) im Regt. Kronprinz v. Preußen, 1790 ausgeschieden
9. v. Clair, 1797 Sec. Lieut. im Regt. Herzog v. Holstein-Beek in Königsberg
10. v. Clair, 1797 oder 1798 vom Regt. 11 in das Regt. Courbiere (Goldap, Gumbinnen, Oletzko) versetzt, dort 1798-1800 als Stabs.Capt. geführt. 1801 in das Regt. Herzog v. Braunschweig versetzt, dort noch 1805 und 1806 geführt. 1809 aus Regt. 4 ausgeschieden.

Insbesondere im Falle der beiden letzten in Ostpreußen stationierten v. Clairs (Nr. 9 und 10) sowie beim unter 7. Genannten Friedrich Wilhelm v. Clar lässt sich über eine Verbindung zu den Förstern spekulieren, denn die räumliche Nähe war gegeben bzw. der Name Friedrich Wilhelm trat auch bei den Förstern gehäuft auf. In diesem Falle wäre sowohl ein hugenottischer Ursprung (wenn es sich um z.B. aus Berlin versetzte Offiziere gehandelt haben sollte) als auch ein anglo-normannischer, auf die Familie des Bischofs von Samland Johannes Clare zurückgehender Ursprung denkbar.
Überdies  noch ein interessanter Hinweis aus einem Web-Forum: Auf erneute Anfrage des Internetnutzers „Spooky“ alias Andreas Z. in mehreren Online-Foren, in welcher er noch einmal betont, dass der Name nach der Überlieferung seiner Oma seinen Ursprung im Umfeld der Hugenotten habe, antwortete ein anderer Forum-Nutzer namens  Fritz Loseries (der selbst eine Internetseite zur Ahnenfoschung in Ostpreußen betreibt und Zugang zu größeren Datenbanken hat):

„Das Adlig Gut Corjeiten im “Kreis” Fischhausen gehört zum Kirchspiel Germau. Zivilstandsregister gibt es erst ab 1875.Da es sich um Hugenotten handelt, solltest Du berücksichtigen, dass evtl. nicht im Kirchspiel Germau zu suchen ist, sondern in einer reformierten Kirche (z.B. in Königsberg). Außerdem ist der Name Clare (!) in der nachgearbeiteten Colonieliste 1699 von Königsberg, Preußen enthalten.“ (http://list.genealogy.net/mm/archiv/ow-preussen-l/2012-02/msg00162.html)

Bei der Colonieliste handelt es sich um eine Liste aller Hugenotten in einer bestimmten Stadt. Wenn nun ausgerechnet der Name „Clare“ (also in möglicherweise alter englischer, auf die Familie des Bischofs von Samland zurückgehender Schreibweise!) in dieser Liste von Königsberg 1699 auftaucht (was ich bislang nicht direkt überprüfen konnte), dann kann das vielerlei bedeuten:

Handelte es sich um Hugenotten, die ihre Namens-Schreibweise rein zufällig oder im Andenken an den Bischof vom Samland Johannes Clare (dessen Grab sich über die Jahrhunderte im Königsberger Dom befand) anglifizierten? Oder hatte sich in der seit dem 14. Jh. ostpreußischen Familie Clare die Überlieferung von ihrer anglo-normannischen Herkunft erhalten und diese sie deshalb im späten 17. Jh. in die weitläufig verwandte Hugenottische Community eintreten lassen? Erfolgte daher die vorübergehende Französierung der Namens-Schreibweise in „Clair“, woraus später die Eindeutschung in „Claer/Clär“ wurde?
Angesichts der langen Zeiträume wäre natürlich auch mit Überlieferungsfehlern oder falschen Schlussfolgerungen bzw. Zuordnungen zu rechnen.

Abschließend noch ein Blick auf die mögliche Namens-Variante Clerc / Le Clerc: Ein berühmter Träger dieses Namens war der  französischer Kaperkapitän des 16. Jahrhunderts François Le Clerc, genannt Jambe de Bois („Holzbein“) oder spanisch Pie de Palo (* Reville, Normandie; † 1563 vor den Azoren). Bei Wikipedia heißt es über ihn:

„Nachdem Le Clerc in einer Seeschlacht 1549 vor Guernsey ein Bein verloren hatte, wurde er als Jambe de Bois („Holzbein“) bekannt. Mit einem Kaperbrief des französischen Königs Heinrich II. griff Le Clerc 1552 zunächst Puerto Santo auf der portugiesischen Insel Madeira an und war damit der erste Pirat mit einem Holzbein, der urkundlich belegt ist. Im März 1553 begann Le Clerc mit acht Schiffen, deren Oberbefehl er hatte, die spanische Handelsflotte und amerikanische Siedlungen anzugreifen und überfiel zunächst San German auf Puerto Rico und dann systematisch die Häfen der Insel Hispaniola. Ihr Hauptquartier hatten Le Clerc und seine Männer auf der Insel St. Lucia. Von dort griffen sie vorbeisegelnde spanische Schiffe an. Bei einem Überfall auf Santiago de Cuba am 1. Juli 1554 zerstörten Le Clerc und seine Gefolgsleute die Stadt derart gründlich, dass sie sich lange nicht davon erholte. Bis 1555 gefährdete er den spanischen Schiffsverkehr zu den kanarischen Inseln. Als Hugenotte kämpfte er in den Anfängen der französischen Religionskriege mit, doch starb er bald auf See.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Le_Clerc)

Bild Le Clerc

Francois Le Clerc

Es gab also, wie wir sehen, auch Hugenotten aus der Normandie, womit sogar eine Synthese der Hugenotten- und der anglo-normannischen Ursprungstheorie möglich erscheint.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass wir den „Stammbaum“ zwar inzwischen bis ins späte 18. Jahrhundert zurückverfolgen können, es aber, was die Zeit davor angeht, eine ganze Reihe von Möglichkeiten gibt, die alle noch im Dunkeln liegen und bisher nur Gegenstand von Spekulationen sein können.

Fortsetzung folgt.

www.justament.de, 11.6.2012: Riskant bis aussichtsreich

Das Lehr- und Praktikerbuch „Immobilienmärkte und Immobilienbewertung“ in 2. Auflage

Thomas Claer

Cover FranckeDer Trend geht ganz klar zur Immobilie. Zwar nicht gerade zu Omas klein‘ Häuschen auf dem Lande, das von Jahr zu Jahr immer unverkäuflicher wird, aber doch jedenfalls zur gediegenen Altbau- oder luxuriösen Neubauwohnung in den gefragten Innenstadtlagen unserer Großstädte. Und je deutlicher sich angesichts von Schuldenkrise und Geldflutungen der Notenbanken für die nächsten Jahre ein inflationäres Szenario abzeichnet, desto emsiger greifen diejenigen zu, die ihre Ersparnisse noch schnell in den vermeintlich sicheren Hafen des Betongoldes steuern wollen – und sei es auf Pump, denn die Inflation frisst ja auch die Schulden. Doch was darf oder sollte eine Wohnung kosten? Wann ist sie ein gutes Investment? Ein Sammelband mit 14 Aufsätzen ausgewiesener akademischer Immobilien-Spezialisten nähert sich dem Thema von verschiedenen Seiten. Und der interessierte Laie, sofern er sich von den komplizierten Ausführungen zum „Discounted Cashflow-Verfahren“, den „Hedonischen Modellen“ und zur „bilanziellen Behandlung von Immobilienvermögen nach HGB und IFRS/IAS“ nicht abschrecken lässt, gewinnt schnell einen vielschichtigen Einblick in die Welt der Immobilienbewertung. Vor allem aber findet er Informationen, die so manchem intuitiven Freund der „sicheren“ Immobilien-Anlage zu denken geben dürften. So wird etwa die populäre Annahme, dass Immobilienanlagen gegenüber Aktien vergleichsweise risikoarm seien, als „kollektiver Irrtum“ entlarvt: „Tatsächlich werden die kurz- und mittelfristigen Preisschwankungen der Immobilie nur deshalb nicht bemerkt, weil keine Markttransaktionen stattfinden.“ (S.404) Auch lässt die Rentabilität des Betongoldes nur allzu oft zu wünschen übrig. So erreichten die von institutionellen Anlegern in Deutschland gehaltenen Immobilien in den letzten 12 Jahren eine Durchschnittsrendite von gerade einmal 3,4 Prozent p.a., wobei der Mietrendite von 5,5 Prozent ein jährlicher Wertverlust durch Abnutzung der Gebäude von 2 Prozent gegenüberstand. So ist man fast geneigt, Vermieter für Idealisten zu halten, denn manches Tagesgeldkonto warf und wirft ähnlich viel bzw. wenig ab. Doch lagen in den meisten anderen europäischen Ländern wie auch in den USA, Australien und vielen Regionen Asiens die Renditen direkter Immobilienanlagen in der Vergangenheit weitaus höher, was vor allem auf beträchtliche Wertsteigerungen, aber auch auf eine kontinuierlichen Steigerung der Mieterträge zurückzuführen ist. In dem Kapitel über Preisblasen auf Wohnimmobilienmärkten kommen die Verfasser u.a. zur Schlussfolgerung, dass in der Schweiz, Deutschland und Japan – folgt man bestimmten Bewertungsmodellen – vermutlich eine „negative Preisblase“, also eine extreme Unterbewertung vorliegt (S.193).
Was ist also zu tun? Wer eine Immobilie zur Eigennutzung erwerben will, weil er die Miete sparen und gleichzeitig sein Geld vor der Inflation schützen möchte, der handelt durchaus rational, sofern er drei Dinge beachtet: Er sollte erstens über genügend Eigenkapital verfügen, denn trotz historisch niedriger Zinsen lohnt sich ein Darlehen ab einer bestimmten Kredithöhe  in der Regel nicht mehr (ganz zu schweigen vom damit einhergehenden Risiko). Zweitens sollte er nur in aussichtsreichen Lagen kaufen, da alles andere einer Kapitalvernichtung gleichkäme. Und drittens sollte der Preis nach den üblichen Bewertungsmodellen (v.a. der Peis-/Mietrelation) noch nicht die Bodenhaftung verloren haben. Wer aber eine Immobilie als reine Geldanlage ganz oder überwiegend auf Pump erwirbt, wird voraussichtlich negative Renditen erzielen. Und wer mit indirekten Immobilienanlagen, etwa Fonds liebäugelt, sollte es lieber bleiben lassen, denn hier drohen nur allzu oft kapitale Verluste.

Hans-Hermann Francke / Heinz Rehkugler (Hrsg.)
Immobilienmärkte und Immobilienbewertung
2. Auflage Verlag Franz Vahlen München 2011
483 Seiten, EUR 49,80

www.justament.de, 29.5.2012: Melancholische Momente

Tom Waits auf seiner aktuellen Platte „Bad As Me“

Thomas Claer

bad-as-me-coverAuf Tom Waits ist Verlass, na klar. Fast schon zu den unumstößlichen Gesetzen der Popmusik gehört es, dass – nun bereits seit vierzig Jahren – jede Tom Waits-Platte aufs Neue überzeugt. Doch macht „Bad As Me“ es einem schwerer als sonst, dem großen Beschwörer des etwas anderen amerikanischen Traums den gewohnten Beifall zu zollen. Regelrecht hektisch geht es los mit „Chicago“, ziemlich straight und rockig weiter auf „Raised night sun“. Lieder dieser Art hat man von ihm vor zwanzig und sogar vor dreißig Jahren schon weitaus bessere gehört. Gehen ihm, fragt man sich ängstlich, langsam die Ideen aus? Beim ersten Durchhören des Albums scheint sich diese Befürchtung zu bestätigen. Im weiteren Verlauf werden die Songs immer ruhiger, ohne einen vom Hocker zu reißen. Irgendwelche Einflüsse von neueren musikalischen Strömungen fehlen diesmal völlig, was wohl nicht nur daran liegt, dass sich der Meister bereits auf seinem letzten Studioalbum „Real Gone“ (2004) einige Hip Hop Elemente geliehen hat, sondern auch daran, dass seitdem praktisch keine relevanten neueren Strömungen mehr entstanden sind, auf die zurückzugreifen sich für ihn lohnen könnte. So lässt man „Bad As Me“ zunächst etwas enttäuscht links liegen und hört erst nach einiger Zeit wieder rein, als sich die eigene Gemütslage gerade einmal etwas eingetrübt hat. Und hier zeigen diese Lieder dann doch noch, was in ihnen steckt! Nicht alle, aber doch so einige von ihnen, namentlich so in sich ruhende Perlen wie „Face tot he Highway“, „Back to the Crowd“ und „Kiss me“ erweisen sich als wahre Seelentröster. Man mag es Sentimentalität nennen, doch es funktioniert. Offenbar braucht es eine melancholische Stimmung des Rezipienten, um bei den stärksten Titeln dieses Albums ganz auf seine Kosten zu kommen. Anders gesagt: Ein besserer Freund in einsamen Nächten als eine Tom Waits-Platte ist gar nicht vorstellbar. Gewiss, er hatte schon stärkere Alben, doch kann man sich, der Songtitel „Get Lost“ liefert das Stichwort, auch in diesen Songs verlieren. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tom Waits
Bad As Me
Anti (Indigo) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B005IQ2LT4

Justament Mai 2012: Rücksichtslos emotional

Maike Rosa Vogel verblüfft auf ihrem zweiten Album „Unvollkommen“

Thomas Claer

Cover Maike RosaEs gibt sie noch, die Liedermacher. Nur ganz vereinzelt zwar, doch manchmal sind sie sogar jung und weiblich und haben einen Namen, der so vollkommen klingt, als ob er ausgedacht wäre, es aber gar nicht ist. Maike Rosa Vogel hieß schon so, als sie 1978 in einem sozialistischen Elternhaus in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte, wobei für ihren zweiten Vornamen niemand anders als Rosa Luxemburg Pate stand. Und aufgewachsen ist sie, was tiefe Spuren hinterlassen hat, mit der Musik von Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt. Sie hat die Schule vorzeitig abgebrochen, später als Postbotin, Kellnerin und Fahrradkurier gearbeitet und dabei immer Musik gemacht. Was für eine Biographie! Irgendwann besuchte sie die Popakademie in Mannheim und ist danach in Berlin gelandet. Dort ist im vorigen Jahr nach „Golden“ (2008) nun ihr zweites Album „Unvollkommen“ erschienen, produziert von keinem Geringeren als Sven Regener, der ihr bekennender Fan wurde und sie auch gleich als Vorprogramm für die letzte Element Of Crime-Tour engagiert hat. Niemand weiß, was ohne diesen prominenten Mentor aus ihr geworden wäre. Doch ist es wohl ein Glücksfall, wie es gekommen ist, denn Maike Rosa Vogel fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. So wie ihre Kindheits-Idole vermag sie allein mit ihrer akustischen Gitarre, die im Stil der Protestsänger nicht gezupft, sondern geschlagen wird, mehr Krach zu machen als so manche vielköpfige Band. Ihre mit leicht nasaler Stimme immer etwas rotzig vorgetragen Songs handeln, da nimmt die Sängerin kein Blatt vor den Mund, immer nur von ihr selbst, was aber gleichwohl, zumindest in ihren Augen, höchste politische Relevanz besitzt. Die Personen in ihnen erkennen sich daran, dass sie sich „falsch in dieser Welt“ fühlen. Und „Menschen werden nicht geliebt, weil sie so schön sind, sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen.“ Ja, so wünscht man es sich zumindest. Die rücksichtslos emotionalen, manchmal sehr direkten, oft aber auch ziemlich verschwurbelten und in all ihrer Ausführlichkeit nicht immer vollständig erschließbaren Texte mögen für manchen „mieser Pädagogikstudentinnen-Pseudo-Emokram“ sein (so heißt es in einem Kommentar auf YouTube). Und doch hat Maike Rosa Vogel auf „Unvollkommen“ eine Musik geschaffen, die Menschen „tief drin berühren“ will. Und es auch tut. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Unvollkommen
Our Choice (Rough Trade) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004FGWF7G

Justament Mai 2012: Alles im Umbruch

Die SZ-Serie „Die Zukunft der Arbeit“ als Buch

Thomas Claer

Cover Zukunft„Früher gab es sowas nicht.“ Was wir von den Älteren so oft gehört haben, hier hat es seine Berechtigung: Getrieben insbesondere von einer weltweit entfesselten Ökonomie, dem Druck der Finanzmärkte und einem rasanten technischen Wandel bleibt in der Arbeitswelt derzeit wirklich kein Stein mehr auf dem anderen. Was die Leser des Wirtschaftsteils der Süddeutschen Zeitung im vergangenen Jahr in einer 26-teiligen Serie über „Die Zukunft der Arbeit“ erfuhren, war aufregend, faszinierend und manchmal auch erschreckend. Die Autoren schilderten die wichtigsten Trends unseres heutigen Erwerbslebens, mit denen wohl jeder Berufstätige schon mehr oder weniger umfassend Bekanntschaft gemacht haben dürfte, und entwarfen das Bild einer von diesen geprägten Zukunft. Nachzulesen ist das alles nun komprimiert und mit einem Vor- und Nachwort versehen zwischen zwei Buchdeckeln in der SZ-Edition. Und selten hat sich der Nachdruck einer Zeitungs-Serie so gelohnt wie dieser. Von der digitalen Revolution bis zur digitalen Boheme, von den Chancen der Jugend bis zu denen der Frauen, vom demographischen Wandel bis zur Notwendigkeit der Selbstvermarktung und der Wissensgesellschaft ist alles dabei, was das heutige Arbeitsleben ausmacht und aller Voraussicht nach auch künftig prägen wird. Die zehn Megatrends der Arbeitswelt von morgen gemäß dem Nachwort von Sibylle Haas lauten in Kurzform: Der feste Arbeitsplatz im Büro stirbt aus, dank Laptop und Smartphone sind die Arbeitnehmer für die Unternehmen immer und überall verfügbar. Hierarchien verschwinden, teamorientierte Projektarbeit macht heute den einen und morgen die andere zum Chef. Dienstleistungen haben einen immer größeren Anteil an der Arbeit (bereits jetzt mehr als zwei Drittel). Das klassische Arbeitsverhältnis wird immer seltener, Honorar- und Zeitverträge werden zur Regel. Gering Qualifizierte bleiben in prekären Jobs hängen; eine neue kreative Klasse pfeift auf einen festen Job, weil sie selbstbestimmt arbeiten will. Wer sich nicht aggressiv selbst vermarktet, bleibt auf der Strecke: Extrovertierte und Selbstdarsteller setzen sich durch. Die Menschen werden immer älter und müssen entsprechend länger arbeiten, was auch heißt: lebenslanges Lernen bis ins hohe Alter. Viele Branchen (aber bestimmt nicht die juristische) erleben einen Fachkräftemangel. Eine immer höhere Bildung ist erforderlich, die Jugend braucht noch deutlich mehr Disziplin, Leistungsbereitschaft und Belastbarkeit. Eine bessere Kinderbetreuung und gezielte Frauenförderung sind nötig, um das große Potential gut qualifizierter, aber bislang nicht oder nicht voll berufstätiger Frauen volkswirtschaftlich nutzen zu können. Und schließlich: Auf einem globalen Arbeitsmarkt liegt die „Last der Anpassung“ vor allem auf den Arbeitnehmern in den Industrieländern. Schon klar: Die Asiaten, Lateinamerikaner und Osteuropäer sind fleißiger, genügsamer und zunehmend auch noch besser als viele bei uns. Wer da auf einem Achtstundentag, Kündigungsschutz und guter Bezahlung besteht, ist schnell nicht mehr wettbewerbsfähig. Kein Wunder, dass nicht wenige die schöne neue Arbeitswelt als Bedrohung empfinden. Andererseits ist es aber doch bemerkenswert, wie gut das vergleichsweise streng regulierte, relativ unflexible und eher undynamische Deutschland durch die Finanzkrise gekommen ist. Vielleicht war es ja gerade die Mischung aus traditioneller Rechts- und Sozialstaatlichkeit auf der einen und Agenda 2010-Reformen auf der anderen Seite, die uns nun womöglich sogar zum Vorbild für andere werden lässt.

Marc Beise, Hans-Jürgen Jakobs (Hrsg.)
Die Zukunft der Arbeit
Süddeutsche Zeitung Edition München 2012
336 Seiten, EUR 19,90
ISBN: 978-3-86615-997-6

Justament Mai 2012: Karl Marx und die Stasi

André Gursky sucht nach den ideologischen Wurzeln der politischen Justiz in der DDR

Thomas Claer

12a LIT TC Karl Marx und die Stasi CoverDass die DDR mit all ihrer politischen Justiz und ihrem Stasi-Terror gegen Andersdenkende ausgerechnet ein Rechtsstaat gewesen sein soll? Das behaupten heute, mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem Untergang, wohl nur noch einige wenige unbelehrbare Altfunktionäre und -geheimdienstler sowie ein paar versprengte ehemals systemnahe Wissenschaftler. Wenn nun André Gursky, einst selbst ein politisch Verfolgter in der DDR und heute Leiter der Stasi-Gedenkstätte „Roter Ochse“ in Halle, in seiner philosophischen Dissertation sehr akribisch herausarbeitet, warum der „Rechtsstaat DDR“ selbstverständlich eine Legende ist, dann unterliegt er dabei möglicherweise einer berufsbedingten optischen Täuschung über das von den alten Stasi-Seilschaften heute noch ausgehende geistige Bedrohungspotential. Denn während er selbst vermutlich oft mit DDR-Unrechts-Leugnern konfrontiert ist, die bis heute gerne die Veranstaltungen in unseren Gedenkstätten mit provozierenden Zwischenrufen aufmischen, nimmt sich deren tatsächliche gesellschaftliche Relevanz wohl inzwischen eher marginal aus.

Dabei beschränkt sich das Werk nicht nur auf eine genaue Beschreibung der Funktionsweise der politischen Strafjustiz in der DDR und verwendet dabei auch umfangreiches, bislang kaum zugängliches Material aus den Aktenschränken der Staatssicherheit, sondern hat immer auch die Ebene der ideologischen Rechtfertigung im Blick. Deren Wurzeln verfolgt es schließlich zurück bis zu den maßgeblichen sozialistischen Theoretikern Karl Marx (1818-1883) und Friedrich Engels (1820-1895). Heraus kommt in repressionsgeschichtlicher Hinsicht so manches, wovon man sonst noch kaum gehört oder gelesen hat. So verfasste der ostdeutsche Geheimdienst parallel zum offiziellen Strafgesetzbuch der DDR als Schulungsmaterial für seine Kader an der Hochschule des MfS in Potsdam-Eiche ein separates „Stasi-StGB“ mit einem differenzierten Arsenal von Maßnahmen politischer Verfolgung, gerichtet auf die tatsächliche oder vermeintliche Feindaktivität. Überhaupt war die Staatssicherheit, so erfährt der Leser, viel mehr als nur ein ausführendes Organ der Partei, sondern die eigentliche Herrin der politischen Strafverfahren. Sie nahm sogar Einfluss auf die Formulierung von Strafgesetzen. Der etwas umständliche Titel des Buches, „Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR“ ist in diesem Zusammenhang so zu verstehen, dass neben das positive Recht (die geltenden Gesetze) ein umfassendes Bündel geheimdienstlicher Maßnahmen trat, die „konspirative Justiz“ der Staatssicherheit. Hier entwickelt der Verfasser seine These eines in der DDR bestehenden „nichtpositivistischen Positivismus“, was bedeutet, dass das positive Recht durchaus nicht immer galt, sondern durch konspirative Stasi-Tätigkeit jederzeit ausgehebelt werden konnte. Der Autor geht sogar so weit, den ursprünglich von Ernst Fraenkel auf das Dritte Reich gemünzten Begriff „Doppelstaat“ (bestehend aus Normen- und Maßnahmenstaat) – anders als es etwa Werkentin oder Brey tun – für die DDR abzulehnen, da es dort, vereinfacht gesagt, gar kein Strafrecht ohne Stasi-Beteiligung gegeben habe. Eine Koexistenz von Normen- und Maßnahmenstaat wie in der NS-Diktatur bis Ende der 30er Jahre habe sich die Diktatur der SED-Parteinomenklatur gar nicht leisten können (S.164). Daneben hatte die Staatssicherheit aber durchaus auch andere Tätigkeitsfelder. Besonders kurios mutet ihr gezielter Einsatz zur Erlangung von Devisen (Geldern aus dem Westen) an. Beispielsweise unterwanderten Stasi-Mitarbeiter bestehende Fluchthelfergruppen, kassierten dabei Gelder von westlichen Verwandten der Fluchtwilligen, inszenierten sodann selbst die Fluchten, um sie in letzter Sekunde scheitern zu lassen. Die inhaftierten und zu hohen Haftstrafen verurteilen Republikflüchtlinge ließ die DDR schließlich vom Westen freikaufen und gelangte so ein zweites Mal an Devisen.

Wie aber ließ sich ein solches Vorgehen und so manches Andere angesichts der „reinen Lehre“ des Marxismus-Leninismus ideologisch rechtfertigen? Ganz überwiegend schlicht nach der machiavellistischen Maxime, dass der Zweck die Mittel heiligt. Begründet wurde es allerdings mit den sich ständig wandelnden Erfordernissen des Klassenkampfes: „Was der Klasse dient, ist auch moralisch.“ So war gemäß dem Stasi-Schulungsmaterial auch die Legendenbildung des MfS, obwohl dadurch doch „die Wirklichkeit (im engeren Sinne) bewusst verdreht“ werde, „moralisch einwandfrei“, denn „belügen kann man nur denjenigen, dem man auf Grund der gleichen Klasseninteressen die Wahrheit sagen muss.“ George Orwell lässt grüßen! Und so funktionierte das gesamte Rechtssystem der DDR im Zweifel nach dem ebenfalls auf Machiavelli zurückgehenden Grundsatz  „Recht ist, was dem Staate nützt“. Dazu gehörte nach Meinung der Machthaber eben auch die „Zersetzung“ von Oppositionellen. Sehr ausführlich lässt der Autor die Vertreter der DDR-Rechtsphilosophie zu Wort kommen, die weitschweifig die angebliche Überlegenheit des sozialistischen Rechts über den bürgerlichen Rechtsstaat begründen und vom „planmäßigen Ausbau der sozialistischen Rechtsordnung“ schwadronieren. Allerdings sind diese Passagen für den Leser doch auf die Dauer sehr ermüdend. Offenkundig hatten deren Verfasser bei ihren Adressaten eine Art Gehirnwäsche im Sinn, wie man sie ganz ähnlich aus bestimmten Sekten kennt. Der nur schwer erträgliche Propaganda-Jargon lässt den Rezensenten jedenfalls immer wieder aufatmen, dass dieser Spuk gottlob schon lange vorbei ist.

Viel interessanter aber ist die Frage, inwieweit sich die sozialistischen Klassiker Karl Marx und Friedrich Engels für das ganze Elend haftbar machen lassen. Schließlich gilt Marx als Emanzipations-Denker, dessen kategorischer Imperativ (anders als der von Kant) lautete, „… alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verachtetes Wesen ist.“ Dessen ungeachtet sieht der Verfasser in Marx aber einen der Hauptschuldigen an Stasi und politischer Justiz. In großer Zahl hat Gursky einschlägige Zitate zusammengetragen, die Marx vor allem als einen Denker des gewaltsamen Umsturzes ausweisen, für den das Recht ein bloßes Mittel zur Erreichung übergeordneter Zwecke ist. So bezeichnete Marx etwa die Rechtsstaatlichkeit als „dummes Zeug“ oder als „pure Illusion“. Der Autor sieht darin einen „Totalangriff auf die abendländische Vernunftinterpretation“ und konstatiert einen „Bruch mit der Moderne“. Dies ist sicherlich der problematischste Teil des Buches, denn mit zumindest gleicher Berechtigung lässt sich Marx nun einmal auch als Gründervater der Sozialdemokratie und Wegbereiter vieler anderer gemäßigter sozialer Protestbewegungen ansehen. Was für Gursky aber zählt, ist die große Übereinstimmung, die er zwischen den Schriften des Karl Marx und der Ideologie der DDR-Staatssicherheit zu erkennen glaubt. Der Autor sieht Marx und Engels unter Hinweis auf ihre konspirative Arbeit beim Aufbau einer kommunistischen Partei Mitte des 19. Jahrhunderts sogar als Begründer der proletarisch-revolutionären Konspiration an (S.192).

Alles in allem lässt sich somit an dieser sehr fundierten und informativen Studie lediglich eine gewisse Einseitigkeit des Autors in der Interpretation seines so reichhaltig zusammengetragenen Quellenmaterials bemängeln. Dass es in der DDR, anders als während der Stalin-Ära in der UdSSR, nämlich sehr wohl Grenzen der staatlichen Willkür gab, mag das folgende, ebenfalls dem vorliegenden Buch entnommene Zitat des Ministers für Staatssicherheit, Erich Mielke, verdeutlichen: „Wenn wir nicht gerade jetzt hier in der DDR wären – ich will Euch das ganz ehrlich sagen, damit ihr wisst (…) –  wenn ich in der glücklichen Lage wäre wie in der Sowjetunion, dann würde ich einige erschießen lassen“ (Rede um 1982 vor Mitarbeitern der Staatssicherheit).

André Gursky
Rechtspositivismus und konspirative Justiz als politische Strafjustiz in der DDR
Verlag Peter Lang, Frankfurt a.M. u.a. 2011
462 Seiten, EUR 74,80
ISBN 978-3-631-61307-8

Justament März 2012: Göttin Polly

PJ Harvey übertrifft sich selbst auf „Let England Shake“

Thomas Claer

Cover PJWenn Popsänger ein „politisches Album“ aufnehmen, dann ist höchste Vorsicht geboten. Man darf getrost davon ausgehen, dass ihnen künstlerisch nichts mehr einfällt und sie den Fans stattdessen nur ihre tadellose Gesinnung verkaufen wollen. Nein, der Hinweis auf diese so vielfach erlebte Gesetzmäßigkeit der Branche soll keine Entschuldigung sein, aber kann doch immerhin erklären, weshalb „Let England Shake“ von PJ Harvey so lange der Besprechung bei uns harren musste. Und schließlich hatten wir PJ ja auch schon zweimal in dieser Rubrik, und außerdem ist ihr inzwischen mit Anna Calvi gewissermaßen eine kleine Schwester herangewachsen, deren Debüt-CD ihrerseits noch zu besprechen wäre. Allein, „Let England Shake“ beweist, wie gründlich man sich doch täuschen kann! Reumütig muss der Rezensent bekennen, nicht nur dieses Album, sondern auch die Musikerin PJ Harvey bislang völlig unterschätzt zu haben. Wer sie bisher für eine ziemlich gute Sängerin und Komponistin mit vielen exzellenten Produktionen gehalten hat, sieht sich jetzt eher mit einer, ja, Pop-Göttin konfrontiert. Nein, darunter machen wir es auf keinen Fall, denn nach jedem erneuten Hören wächst die Gewissheit, seit Jahren nichts Vergleichbares im CD-Player gehabt zu haben. Da erscheint es dann auch ganz passend, dass das Werk in einer Kirche aus dem neunzehnten Jahrhundert in Dorset im Südwesten Englands aufgenommen wurde. Religiöse Konnotationen sind hier ohne weiteres angebracht. Doch auch wenn man versucht, dieses erlesene Meisterwerk ganz nüchtern zu betrachten, kommt man nicht umhin festzustellen, dass PJ Harvey auf ihren letzten Platten immer, immer besser geworden ist und sich nun, mit 42 Jahren, das ist der einzige Wermutstropfen, wohl nicht mehr weiter steigern kann. Eine solche Stimmigkeit, Eindringlichkeit und Leidenschaft zugleich, ein solch vollendetes Songwriting… Da tritt die inhaltliche Dimension der Lieder eher in den Hintergrund, doch kann auch sie überzeugen, denn es hat sich ja inzwischen längst bewahrheitet: Wer wollte England nach seinem alleinigen Ausscheren beim Euro-Rettungsgipfel nicht mal so richtig durchschütteln? Um es ganz schlicht mit der Moderatorin einer inzwischen abgesetzten Fernseh-Literatursendung zu sagen: Hören! Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

PJ Harvey
Let England Shake
Island (Universal) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004IXJEWK

Justament März 2012: 30 Jahre Trio-Platte

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Cover TrioVor zehn Jahren hatten wir „9/11“, vor 20 Jahren erschien „Nevermind“ von Nirvana, aber vor 30 Jahren gab es ein Erdbeben in der deutschen Musiklandschaft, das die Welt noch nicht gesehen hatte – ausgelöst von einer bis dahin völlig unbekannten Formation aus dem niedersächsischen Großenkneten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie damals plötzlich überall Trio-Herzen auf die Schulwände und –bänke geritzt und gezeichnet waren, das linke immer durchgestrichen. An jeder Ecke ertönte „Da Da Da – Ichliebdichnichtduliebstmichnicht“ und später dann auch „Anna – Lassmichreinlassmichraus“. Ja, auch wir in der damaligen DDR waren vom Trio-Fieber befallen. Was der breiten Masse aber entging (und damit leider auch mir, der ich seinerzeit noch zu klein und zu dumm dafür war), waren die noch aus der prä-kommerziellen Phase der Band stammenden kolossalen Songs des ersten Trio-Albums, auf dem der spätere Welthit „Da Da Da“ ursprünglich noch gar nicht enthalten war. Dieser einzigartige „Kuhstall-Sound“, eine wilde Mischung aus Punk und Dada, galt zu jener Zeit nur als etwas für die richtig harten Jungs. Es gab an unserer Schule so eine Clique aus Neunt- oder Zehntklässlern, die immer in einer Garage abhingen. Es wurde erzählt, sie hätten billigstes Hafenbräu-Bier gesoffen und Karo-Zigaretten ohne Filter gequarzt und dabei die Trio-Platte rauf und runter gehört, natürlich die irgendwie ins Land geschmuggelte und vom hundertfachen Kopieren arg lädierte Version auf einem Mono-Kassettenrekorder. In unserer Spießer-Diktatur war so etwas natürlich als absolut anrüchig verschrien, aber den Jungs war es egal. (Heutzutage sind Garagen-Gangs ja generell rehabilitiert. Auch Facebook wurde schließlich in einer Garage gegründet.) Erst ein Jahrzehnt später, nach der Wiedervereinigung, als Kurt Cobain auf MTV alles niederbrüllte, kaufte ich mir die Trio-Platte auf einem Flohmarkt in Bremen und wurde auf der Stelle zum Fan. Heute dokumentiert der Wikipedia-Eintrag „Trio (Album)“ ausführlich die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Songs von „Ja ja ja“ bis zu „Los Paul – du musst ihm voll in die Eier hau’n“. Von Musikjournalisten wurde „Trio“ mal zum besten deutschsprachigen Album aller Zeiten gewählt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Trio
Trio
Mercury (Universal 1981
Ca. € 17,- (gebraucht)
ASIN: B000005S09

Justament März 2012: Pflichtlektüre für Kleinanleger

Thomas Claer erklärt das „Aktiensparen auf eigene Faust“

Benjamin Pinkerneil

14 LIT Benjamin - TC auf eigene faustMit „Auf eigene Faust“ ist Thomas Claer ein ebenso ungewöhnliches wie nutzbringendes Buch gelungen. Es verzichtet auf ausschweifende Marktanalysen und umständliche Einzeldepotbetrachtungen. Stattdessen gibt es wertvolle Handlungsrichtlinien, anhand derer jeder Kleinanleger sich ein individuelles Portfolio zusammenstellen kann. Insofern ist das Buch ein wohltuender Gegenentwurf zu manchen anderen Werken, die es mitunter bis in die angesehene Tages- und Boulevardpresse geschafft haben und deren Autoren doch nur schildern, wie sie ihr Geld mit bestimmten Einzelaktien gemehrt haben und dies als generell erfolgversprechend darstellen. Dass solche Strategien allenfalls eine kurze Lebenszeit haben, hat die Finanzkrise samt Ihren Folgen drastisch gezeigt. Strategien dieser Art erinnern an den legendären Affen einer amerikanischen Sonntagszeitung, der im Wettstreit mit Analysten per Filzstift seine Lieblingswerte im Dow Jones markiert – angeblich gewinnt durchaus auch mal der Affe. Mit „nachhaltiger“ Anlagestrategie haben solche Tipps à la Großmutters Hausrezept nichts zu tun.
Claer hingegen geht solide vor: Nach einer ausführlichen Einleitung, in der er internationale Börsenhistorie und -geschehen reflektiert sowie rationale Argumente zur Investition in Aktien liefert, geht er „in medias res“: Wann soll man kaufen, was soll man kaufen, wann soll man verkaufen? Dabei verzichtet er auf lächerliche Einzelwertempfehlungen, sondern gibt fundamentale, nachhaltige Ratschläge, z.B. „keine Pennystocks“, „auf transparente Informationspolitik der Unternehmen achten“, „Konjunkturresistenz berücksichtigen“. Er koppelt seine Empfehlungen hierbei oft mit Bonmots bekannter Börsengrößen wie André Kostolany oder Warren Buffet, die ihr Können hinlänglich bewiesen haben. Wohltuend ist zudem, dass Claer stets Warnungen mit einfließen lässt, die viele in Zeiten der Börseneuphorie gern ignorieren, u.a. nicht auf Pump zu spekulieren, sorgsam zu diversifizieren und stets auf Liquidität zu achten. Er lässt nie den Eindruck aufkommen, an der Börse sei der „schnelle Euro“ zu machen, sondern versucht der Komplexität der Märkte durch kluge Analysen und nachhaltige Empfehlungen gerecht zu werden.
Schließlich lässt er im Schlusskapitel auch ethische Überlegungen einfließen und erläutert, warum Börse nicht „per se“ unmoralisch ist und dass sich Börsenerfolg und Unternehmensmoral nicht ausschließen müssen. Ein rundum gelungenes Werk, das zur Pflichtlektüre von Kleinanlegern werden sollte, die sich dem „Wagnis Börse“ stellen möchten.

Thomas Claer
Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger
Verlag BoD Norderstedt 2012
132 Seiten, 10,00 €
ISBN-10: 3844818146

Justament März 2012: Spitze Feder rostet nicht

Christian Y. Schmidts gesammelte China-Kolumnen „Im Jahr des Tigerochsen“

Thomas Claer

Cover SchmidtWas waren das doch für goldene Zeiten für die Satire in Deutschland, damals in den Neunzigern, als Christian Y. Schmidt noch Redakteur bei der „Titanic“ war und an so lustigen Polit-Comics wie „Genschman“ oder den „Roten Strolchen“ mitwirkte. Wenn der damalige Bundesaußenminister im Batman-Kostüm gegen seinerzeit noch real bedrohliche Schufte wie „Frisur“ (alias Karadzic), den schlechtfrisiertesten Diktator aller Zeiten, kämpfte oder ein zögerlicher und ziegenbärtiger SPD-Kanzlerkandidat seinen Wahlkampf gegen den Oberförster Kohl unter dem Motto „Versucht, Ziege zu wählen“ inszenierte, da blieb kein Auge trocken. Doch ist das längst schon tiefste Vergangenheit. Anderthalb Jahrzehnte und zwei Bundeskanzler (respektive –innen) später ist Christian Y. Schmidt noch immer mit spitzer Feder unterwegs, doch versorgt er nunmehr die Leser der taz alle zwei Wochen mit einer Kolumne aus Peking, wo er mit seiner chinesischen Frau seit über sechs Jahren lebt. Weil aber so mancher Interessent nur mit Mühe die täglichen Papierberge der FAZ oder SZ zu bewältigen vermag und sich so zumindest nicht immer auch noch die taz zu Gemüte führen kann, gibt es Schmidts China-Kolumnen nun zum zweiten Mal auch als Buch aus dem rührigen Berliner Verbrecher-Verlag, auf dessen gepflegtes Programm an dieser Stelle einmal ausdrücklich hingewiesen werden soll.
Christian Y. Schmidt berichtet also auch im „Jahr des Tigerochsen“, d.h. in den chinesischen Jahren des Tigers (2009) und des Ochsen oder Büffels (2010), über allerhand Bemerkenswertes aus dem Reich der Mitte, das dem oberflächlichen westlichen Blick sonst nur zu leicht entgeht. Hervorzuheben ist sein unideologischer und vorurteilsfreier Blick auf die vielen kleinen Dinge des chinesischen Alltags, die den westlichen Lesern nicht selten sonderbar erscheinen dürften. So fand man in China bis vor kurzem keine küssenden Paare im öffentlichen Raum, abgesehen von einigen Touristen, die dann dementsprechend angestarrt wurden. Dass ihm ein Teil seiner Kritiker eine zu unkritische und beschönigende Sichtweise der chinesischen Verhältnisse vorwirft, ein anderer Teil hingegen vermutet, er betreibe antichinesische Gräuelpropaganda, zeigt, dass Schmidt  wohl letztlich vieles richtig gemacht hat in seinen Texten. Natürlich ist jemand, der in einer einheimischen Familie lebt, der somit alles direkt aus erster Hand erfährt und dessen kulturalistische Missverständnisse sich im Zweifel auch einfacher aufklären lassen, klar im Vorteil gegenüber allen anderen in Fernost lebenden Ausländern, seien sie Korrespondenten, sonstige Autoren oder Wirtschaftsleute. Vor allem aber kann er dem ach so aufgeklärten europäischen Blick nach Fernost, der in Wahrheit gar nicht viel von seinem Gegenstand versteht und immer nur belehren will, mal etwas empirisch-fundierte Alltagskenntnis entgegensetzen, zumal das Interesse an der spätestens in zwei Jahrzehnten größten Volkswirtschaft der Erde, die den meisten westlichen Menschen heute noch so fremd ist, ganz ohne Zweifel stetig weiter wachsen wird. Die Schmidt-Kolumnen leisten für uns insofern gute Aufklärungsarbeit und liefern darüber hinaus, vor allem mit ihren zumeist treffsicheren Schluss-Pointen, auch gelungene Unterhaltung.

Christian Y. Schmidt
Im Jahr des Tigerochsen
VerbrecherVerlag Berlin 2011
187 Seiten, EUR 13,00
ISBN 978-3-940426-68-0