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Arirang TV, Oktober 2019: Embracing Peace

Thomas Claer erneut als Zeitzeuge im Fernsehen befragt:

Drei Kurzauftritte in einer Dokumentation von Arirang TV, dem Sender der koreanischen Minderheit in den USA:

– 6:56 bis 7:39
– 9:40 bis 10:18
– 17:19 bis 17:41

Korrektur: Anders als es in diesem Beitrag fälschlicherweise eingeblendet ist, bin ich nicht an der Freien Universität Berlin beschäftigt!

Jahresende 2019: Ahnenforschung Claer, Teil 11

Leider bin ich auch im zurückliegenden Jahr nicht viel zum „Ahnenforschen“ gekommen. Irgendwie war ich wohl immer abgelenkt… Doch nehme ich den nun nicht mehr zu ändernden Mangel an recherchiertem Material zum Anlass, diesen „Forschungsbericht“ viel mehr als die bisherigen auf jene „Ahnen“ zu konzentrieren, an die es noch sehr lebendige Erinnerungen gibt oder noch bis vor wenigen Jahren gegeben hat. Diesmal dreht sich also alles um meinen Großvater Gerhard Claer (1905-1974), meinen Vater Joachim Claer (1933-2016) und meinen Großonkel zweiten Grades Erich Claer (1901-1950). Und diese drei Claers haben schließlich noch eine Menge Interessantes und Verwertbares hinterlassen, was nun zu seinem Recht kommen soll. Am Ende steht dann – vielleicht besonders spannend – ein optischer Vergleich im Hinblick auf äußerliche Ähnlichkeiten zwischen drei doch eigentlich recht weit voneinander entfernten Familienzweigen… Auch diesmal danke ich herzlich meiner 79-jährigen Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer für ihre Unterstützung beim Entziffern der alten Schriften.

1. Mein Großvater Gerhard Claer (1905-1974)
Meinen Großvater Gerhard habe ich leider nicht mehr bewusst kennenlernen können. Zwar hatten er und meine Stief-Oma (meine leibliche Oma war bereits 1960 an Krebs verstorben) uns einmal 1974 vom Rheinland aus, wo sie seit 1956 nach ihrer Flucht aus der DDR wohnten, in Wismar besucht, als ich drei Jahre alt war, aber daran kann ich mich bedauerlicherweise nicht mehr erinnern. Es hieß immer, mein Opa sei ein ausgesprochener Spaßvogel gewesen, sogar noch weitaus mehr als mein Vater (das meinte zumindest eine seiner Cousinen). Überliefert ist insbesondere der Spruch meines Großvaters bei den Mahlzeiten, man dürfe „niemals mehr essen, als mit aller Gewalt reingeht“. Nach dem Tod meiner Eltern und meines Onkels 2016 (und teilweise auch schon vorher) habe ich eine Menge an Unterlagen und Dokumenten über das Leben meines Großvaters erhalten. Aus diesem Fundus kann ich nun schöpfen.

a) Handgeschriebener Lebenslauf

Einen ersten Überblick über sein Leben kann sein handgeschriebener Lebenslauf aus dem Jahr 1958, zwei Jahre nach der abenteuerlichen Flucht meiner Großeltern in den Westen, geben:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Mein Opa als Sportskanone
Über sein ganzes Leben soll mein Großvater dem Sport sehr zugetan gewesen sein. Er war Fußballspieler in der ersten Männermannschaft des Männerturnvereins (MTV; eine solche Ausgrenzung von Frauen schon im Namen wäre heute sicherlich nicht mehr möglich!) Neidenburg. Später, nach der Flucht aus Ostpreußen in die Sowjetzone/DDR soll er, so berichtete es mir mein Vater, auch in Brüel/Mecklenburg regelmäßig Spiele der örtlichen unterklassigen Fußballmannschaft als Zuschauer besucht haben. Zumindest ein wenig scheint mir doch die Sportlichkeit in unserer Familie zu liegen, denn der erste erlernte Beruf meines Vaters Joachim war Sportlehrer, und sein Cousin zweiten Grades, Hans-Henning „Moppel“ Claer, mein Onkel dritten Grades, war sogar Berliner Polizeimeister im Boxen und als solcher überregional sehr populär. (Nur ich selbst habe leider nicht allzu viel davon mitbekommen, aber ich bemühe mich zumindest, meinen Mangel an Talent durch ausdauernden Trainingsfleiß beim Frühsport zu kompensieren.) Hier nun also ein frühes, fast hundert Jahre altes Zeugnis der Sportlichkeit meines Großvaters Gerhard, seine Leistungsnachweise zum Erwerb des „Deutschen Turn- und Sportabzeichens“ in Bronze aus den Jahren 1925/26:

Gerhard Claer (1905-1974) im Alter von ca. zwanzig Jahren

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Eintragungen in Sütterlinschrift lauten wie folgt:
– Zu Gruppe 1:
„…300 m in stehendem Wasser in 7 Minuten 39 Sek. Zurücklegte“

(In stehendem Wasser soll wohl bedeuten: im See und nicht im Fluss.)

– Zu Gruppe 2:
„…4,84 m weit sprang“

– Zu Gruppe 3 :
„…100 m in 13,2 Sekunden überwältigte“

– Zu Gruppe 4:
„…im Steinstoßen, 3,60 links und rechts 4,57 m, zusammen 8,17 m erreichte“

Zu dieser eher unbekannten Sportart heißt es bei Wikipedia: „Das Steinstoßen ist eine Sportart, die zum Rasenkraftsport gehört. … Steinstoßen kann im Bereich Kraft als Disziplin für das Deutsche Sportabzeichen gewählt werden. Dabei wird im Gegensatz zur sonst üblichen Wertung die beste Weite von jeweils drei Stößen mit dem rechten und linken Arm zu einer Gesamtweite addiert.

– Zu Gruppe 5:
„… 10 000 m in 46  Minuten 35,2 Sekunden zurücklegte“

 

b) Soldat im Weltkrieg
Mein Großvater war, wie mir oft berichtet wurde, auch künstlerisch sehr begabt, konnte gut zeichnen, vor allem Karikaturen (was zwar mein Vater noch von ihm geerbt hat, ich dann aber leider gar nicht mehr), war musikalisch und konnte natürlich – wie alle Claers – besonders gut schreiben. Und dann hatte er – wovon ich offensichtlich etwas mitbekommen habe – auch einen besonderen Sinn für Ordnung, Genauigkeit, Dokumentation und Statistik. Während seiner Teilnahme am Zweiten Weltkrieg hat er penibel auf einem kleinen Stück Papier alle seine Aufenthaltsorte mit dem jeweiligen Datum vermerkt:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Am Ende stand seine Entlassung aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft, dokumentiert in diesem Entlassungsschein:

 

 

 

 

 

 

 

Es wurde mir berichtet, er sei extrem abgemagert aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt und sei dann nach und nach vor allem mit Haferflocken wieder aufgepäppelt worden.

 

 

 

 

 

Dementsprechend heißt es in einer ärztlichen Bescheinigung aus dieser Zeit (siehe Abbildung):

„Brüel, den 2.11.46
Ärztliche Bescheinigung
G. Claer, Breite Str. 10 ist aus der Gefangenschaft zurückgekehrt und befindet sich in einem sehr schlechten Ernährungszustand.
Er leidet außerdem an Dystrophie in hohem Grade sowie Herzmuskelschwäche und bedarf einer Ernährungszulage, wenn möglich.
gez. Dr. Butnuth, Arzt

Brüel, den 16.10.46
Ärztliche Bescheinigung

Der Gerhard Claer, Breite Str.10 ist aus russ. Gefangenschaft zurückgekehrt und leidet an Dystrophie und Herzmuskelschwäche.
Er ist  nicht arbeitseinsatzfähig.
gez. wie oben

Brüel, den 4.12.46

Der Gerhard Claer aus Brüel, Breite Str.10 ist Heimkehrer und ist 41 Jahre alt. Er leidet an Dystrophie u. Herzmuskelschwäche und ist bis auf weiteres erwerbsbeschränkt 80%.
gez. Dr. Butnuth
Bezirksarzt“

Aber was verbirgt sich hinter dem Krankheitsbild Dystrophie? Wikipedia erklärt hierzu: „Unter einer Dystrophie – von altgr. dys „schlecht“ (hier „Fehl-“) und trophein („ernähren“, „wachsen“; „Fehlernährung“, „Fehlwachstum“) – werden in der Medizin degenerative Besonderheiten verstanden, bei denen es durch Entwicklungsstörungen einzelner Gewebe, Zellen, Körperteile, Organe oder auch des gesamten Organismus zu entsprechenden Degenerationen (Fehlwüchsen) kommt.
Ursächlich können Dystrophien vielfältig begründet sein, z. B. durch genetische beziehungsweise chromosomale Abweichungen, Erkrankungen, Traumata oder durch einen Mangel an Nährstoffen, häufig aufgrund von Mangel- oder Fehlernährung. … Medizingeschichtlich bedeutsam wurde die Diagnose „Dystrophie“ bei der Deutung der Belastungen der Kriegsheimkehrer, insbesondere von denen aus längerer Gefangenschaft. Internisten und Psychiater machten die Folgen des Hungers und der Fehlernährung für die schleppende Regeneration der Heimkehrer verantwortlich. Dystrophie wird in den Lagerjournalen der Speziallager des NKWD in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1950 als die wesentliche Todesursache für die über 42.000 Todesopfer aufgeführt.[2] Kurt Gauger verfasste 1952 ein Buch mit dem Titel Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild und schien damit eine Formel zum Verständnis der sozialen Anpassungsschwierigkeiten erkrankter Personen, in seinem Fall speziell von Kriegsheimkehrern, gefunden zu haben.

Die Journalistin Sabine Bode stellte in ihrem Bestseller Die vergessene Generation – Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen die These auf, dass die „Zahl der Patienten, die unter den Folgen von Krieg und Gefangenschaft litten, so groß“ war, „dass sie die Proportionen dessen sprengte, was man guten Gewissens als ‚anlagebedingt‘ in den Krankenakten festhalten konnte.“ Zudem dürfe „man davon ausgehen, dass sich bei den Ärzten eine gewisse Hemmung zeigte, allzu viele Leidensgenossen als ‚labile Charaktere‘ abzustempeln.“ Zur „Lösung des Problems“ hätten sich die „sichtlich überforderten deutschen Nachkriegspsychiater“ das Krankheitsbild „Dystrophie“ einfallen lassen. Und Bode fährt fort:
„Der Begriff umschrieb ein ganzes Feld an physischen Schädigungen und psychischen Beeinträchtigungen, die man auf eine vorangegangene schwere Mangelernährung zurückführte. Heute ist leicht zu erkennen, dass es sich dabei um eine aus der Not geborene Erfindung handelte. Dystrophie-Patienten litten unter anderem an Depressionen, Konzentrationsschwäche, an unkontrollierbaren Wutausbrüchen, oder sie fühlten sich permanent verfolgt, von Feinden umzingelt. Man könnte auch sagen: Für viele Männer ging nach der Heimkehr der Krieg immer weiter …“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Dystrophie)

Über die zweifache Fluchtgeschichte meiner Großeltern – zuerst aus Ostpreußen und dann aus Mecklenburg – habe ich jedoch, wie ich jetzt sehe, so viel umfangreiches Material, dass ich darüber erst im nächsten Forschungsbericht Auskunft geben kann, zumal die zweite Fluchtgeschichte offenbar auch noch mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte verknüpft zu sein scheint: Meine spätere Stief-Oma war die Arbeitskollegin meines Großvaters in Brüel/Mecklenburg…

 

2. Mein Vater Joachim Claer (1933-2016)
Mein Vater Joachim wurde, wozu sein vielfach variierbarer Vorname natürlich einlud, von seinen zahlreichen Freunden und Bekannten auf mindestens siebenfach unterschiedliche Weise gerufen: Meine Mutter und sein Bruder nannten ihn Achim, seine Eltern Joa, manche Freunde Jochen oder auch Jöchi, andere Jo oder auch Joe. Nur ganz wenige sagten Joachim zu ihm. Er besaß einen milden Charakter und ein freundliches und fröhliches Wesen, war gesellig und überall beliebt. Wie schon sein Vater, mein Großvater Gerhard, hatte er eine ausgeprägte künstlerische Ader, die er aber beruflich – er war zunächst Sportlehrer und später Facharzt für Orthopädie – nicht ausleben konnte. Dies tat er dafür auf verschiedene Weise im privaten Rahmen. Hier einige Kostproben:

a) Die Reise nach Karl-Marx-Stadt. Ein gereimter Foto-Bericht (1970)
Zum 60. Geburtstag meines Großvaters mütterlicherseits, Erich Nützmann, bastelte mein Vater, und hier war er ganz in seinem Element, ein kleines Foto-Album, in welchem alle Bilder mit gereimten Sprüchen versehen waren. Inhaltlich ging es um eine Reise im Trabant meiner Eltern von ihrem Wohnort Wismar aus über die mecklenburgische Kleinstadt Gnoien, den Wohnsitz meiner Großeltern und die Heimatstadt meiner Mutter Ilse, bis nach Karl-Marx-Stadt, das heutige Chemnitz, wo die Schwester meines Vaters, meine Tante Renate, und ihre Familie zu Hause waren. Das Besondere war, dass meine Großeltern aus Gnoien von meinen Eltern mit nach Sachsen genommen wurden und alle gemeinsam dort allerhand Sehenswürdigkeiten besichtigten. Das alles geschah anderthalb Jahre vor meiner Geburt im Dezember 1971. Aus heutiger Sicht mag ein eigenes Fotoalbum nur für eine kleine Inlands-Reise vielleicht überdimensioniert anmuten. Aber für meine Großeltern war es, soweit mir bekannt ist, wohl beinahe das einzige Mal, dass sie sich so weit von ihrer Heimatregion entfernten, abgesehen von der Kriegsteilnahme meines Großvaters, die ihn u.a. bis nach Südfrankreich – wo er es am schönsten fand – und in sowjetische Kriegsgefangenschaft in der Ukraine führte…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der unter Bild 8 beim Scannen halb abgeschnittene Spruch lautet vollständig: “Ilse hat schon keine Ruhe / Denn im Fenster stehen … Schuhe!” Das Bekleidungsangebot in den Geschäften der Innenstadt von Karl-Marx-Stadt war im Jahr 1970 (noch vor Honeckers Machtübernahme) offenbar gar nicht so schlecht, in jedem Falle aber besser als in einer kleinen Stadt wie Wismar, wie die enthusiastische Reaktion meiner Mutter darauf beweist…

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

b) Kasperle-Theater in Wismar
Offenbar erstmals zu meinem dritten Geburtstag Ende 1974 führte mein Vater, der eigens dafür eine kleine Theaterbühne gebastelt hatte – er war auch handwerklich geschickt – für mich und meine Geburtstagsgäste ein selbstgetextetes Kasper-Theaterstück auf. Er spielte und sprach alle Figuren mit unterschiedlichen Stimmen und sorgte auch selbst für musikalische Untermalung. Das Stück war so konzipiert, dass es für alle uns damals verfügbaren Handpuppen eine Rolle gab: für Kasper, Großmutter, Krokodil, Teufel, Pittiplatsch (Figur aus dem DDR-Kinderfernsehen) und ein dunkelhäutiges Püppchen namens Eva. Die Schlange muss mein Vater irgendwie selbst gebastelt haben. Natürlich ist „Kasper fährt nach Afrika“ nur vor dem Hintergrund der damals stark eingeschränkten Reisefreiheit in der DDR zu verstehen…

Und hier ist das Manuskript des Stückes in der Schreibmaschinen-Version: (Eine handgeschriebene Version ist ebenfalls noch erhalten.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wirkung auf die kindlichen Zuschauer illustriert dieses Bild aus unserem Foto-Album:

Im Jahr darauf zu meinem vierten Geburtstag hat mein Vater noch ein weiteres Stück aufgeführt: „Kasper im wilden Westen“. Er hatte hierzu aus Kaspers gelber Zipfelmütze mit etwas bemalter Pappe einen Cowboy-Hut gebastelt. Auch dieses Manuskript sollte noch vorhanden sein. Ich werde es im nächsten Jahr posten, wenn ich es bis dahin gefunden habe.

Darüber hinaus war mein Vater auch ein großartiger Briefeschreiber. Aber dieses Fass werde ich jetzt nicht auch noch aufmachen, zumindest noch nicht…

 

 

 

 

3. Die Kondolenzbriefe für meinen Großonkel zweiten Grades Erich Claer (1901-1950)

Mein Großonkel zweiten Grades Erich Claer, der Cousin meines Großvaters Gerhard Claer, zählte zweifellos zu den in vieler Hinsicht ambitioniertesten Mitgliedern unserer Familie. Umso tragischer war sein früher Tod – siehe meine früheren Forschungsberichte – im Alter von erst 49 Jahren, nur drei Jahre nach seiner Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft nach Berlin. Seine Tochter, meine Tante dritten Grades Lorelies Claer-Fischer, stellte mir dankenswerterweise die nach seinem Tod bei ihrer Mutter eingegangenen Kondolenzbriefe zur Verfügung, welche zeigen, dass der Verstorbene auch Spuren im Finanz- und Wirtschaftsleben der damaligen Zeit hinterlassen hat.

Insgesamt bewertet Tante Lorelies diese Briefe als „ historisch sehr interessant: fünf Jahre nach dem Krieg, eine junge Witwe mit vier Kindern, die Not schreit aus allen Löchern und es war immer noch ein Suchen und Finden von Freunden und Familien … die Sorgen der Nachkriegszeit – Arbeit, Wohnung, Trennung, Suche nach Familie und Freunden…
Besonders fällt mir auf, wie emotional die Menschen noch miteinander umgingen und wieviel Mühe in so einem handgeschriebenen Brief liegt. … Ja und dann sind die Flüchtlinge wirklich überall in Deutschland gelandet, kein Wunder, dass so viele Freundschaften auseinander brachen, wenn nicht mal Geld für eine Busfahrkarte da war. Einige Briefe musste ich aussortieren, weil sie in Sütterlin und auf schlechtem Papier, auf dem die Tinte zerlief, unlesbar waren.“

Todesanzeige im Tagesspiegel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zunächst sind zwei Postkarten erhalten, die Erich Claer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft schrieb:

 

 

 

 

 

 

 

Aus ihnen geht hervor, dass Erich Claers Ehefrau Hanni Claer geb. Keller mit ihren vier Kindern nach ihrer Flucht aus Ostpreußen im Frühling 1946 noch nicht bei den Verwandten in Berlin angelangt war und ihr Aufenthaltsort niemandem bekannt war. (Sie befanden sich zu dieser Zeit auf einem Bauernhof in Polen.) Erst ein Jahr später schreibt Erich Claer an seine nunmehr in Berlin angelangte Familie, wohnhaft nun wieder in der Presselstraße in Steglitz, dass mit seiner baldigen Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft zu rechnen sei.     Bemerkenswert ist, dass er seine Frau bereits zu diesem Zeitpunkt um entsprechende Benachrichtigung von Bekannten bittet, die ihm die schnelle Wiederaufnahme seiner beruflichen Tätigkeit ermöglichen sollen. Dabei dürfte sein gesundheitlicher Zustand am Ende der Kriegsgefangenschaft kaum besser gewesen sein als der seines Cousins, meines Großvaters Gerhard, siehe oben…

Dreieinhalb Jahre später verstarb er an den Folgen einer Lungenentzündung. Und sein Tod rief große Anteilnahme nicht nur bei Verwandten und Freunden hervor, sondern auch bei diversen aktuellen und früheren beruflichen Kontaktpersonen. Hier eine kleine Auswahl:

 

 

 

 

 

Für seinen Schwager ist es unfassbar, dass „Erich, dieser große und kräftige Mann, nicht mehr sein könnte“. Auch eine alte Bekannte kann es sich nicht vorstellen, „dass der große, starke Claer nicht mehr ist.“ (In „meinem“ Familienzweig der Claers dagegen war niemand sonderlich groß oder stark…)

 

 

 

 

 

 

Die deutsche Treuhandgesellschaft Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, sein Arbeitgeber von 1937 bis Kriegsende, rühmt die „frische Lebensart und Arbeitsweise“ des Verstorbenen und betrauert ihn als „charakterfesten, liebenswürdigen Menschen“.

 

 

 

Der Magistrat von Groß-Berlin, Abteilung Arbeit, würdigt seinen wertvollen Mitarbeiter „in den Lehrabschlussprüfungskommissionen und im Fachbeirat“.

 

 

 

Ein Kollege mit dem schönen Namen Ernst Kokoschinski – die Herkunft des Ausdrucks „Mein lieber Kokoschinski!“ gilt bis heute als ungewiss – von seinem letzten Arbeitgeber, der Hermann Meyer & Co AG, versichert, sie würden dort „unseren guten Erich nicht vergessen“, mit dem er, Ernst Kokoschinski, „jahrelang durch dick und dünn gegangen“ sei.

 

 

 

 

 

 

 

Ein Rechtsanwalt Dr. Korsch – Fachanwalt für Steuerrecht – betont, dass er Erich Claer „immer ganz besonders in seiner frischen und gewinnenden Art geschätzt“ habe – und überweist eine Unterstützung von 100,- DM an seine Witwe.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und schließlich schreibt ein Bankdirektor im Ruhestand namens Hugo Joachim einen bewegenden Brief an die Direktion der Hermann Meyer & Co. AG und würdigt darin Erich Claer als langjährigen Freund seiner Familie.

Familienmitglieder mit einer solchen Reputation haben wir seither nicht mehr gehabt…

 

4. Der hochwohlgeborene Bürgermeister
Noch angesehener waren wohl nur die von Claers… In meinen früheren Forschungsberichten ist schon vielfach von der stolzen rheinischen Adelsfamlie von Claer die Rede gewesen, die von Rollo dem Wikinger und Wilhelm dem Eroberer abstammt. Nach allem, was wir wissen, lässt sich keine nähere Verbindung zu unserer Familie nachweisen. Wenn ich dennoch noch einmal kurz auf die rheinischen von Claers zurückkomme, dann nur deshalb, weil es so amüsant ist, was ich hier gefunden habe: das Anschreiben eines frischgegründeten Turnvereins aus dem Juni 1902 an den Bürgermeister der kleinen Stadt Morsbach im Rheinland, einen Herrn von Claer.
(http://sv-morsbach.de/verein/historie.html):

„Morsbach, den 30. Juni 1902
An Herrn Bürgermeister von Claer, Hochwohlgeboren
Morsbach
Die unterzeichneten Vorstandsmitglieder des Morsbacher Turnvereins beehren sich Ew. Hochwohlgeboren ergebenst mit zu teilen, dass unterm 14ten Juni ds. Jahres ein Turnverein hierselbst gegründet worden ist. Anbei senden wir Ihnen die Statuten und bitten Ew. Hochwohlgeboren um Genehmigung derselben.
Gleichzeitig teilen wir Ihnen mit, dass Ew. Hochwohlgeboren in der Hauptversammlung vom 29. Juni der Ehrenvorsitz vom Verein einstimmig übertragen worden ist, und würde es uns zur größten Freude gereichen, wenn Hochderselbe den Ehrenvorsitz annehmen würde.
Mit ergebenstem Turnergruß: Gut Heil!
Der Vorstand :
Franz Kaldeuer, I. Vorsitzender
Eduard Ehlich, II. Vorsitzender
H. Wingendorf, I. Schriftwart
Friedrich Sauer, I. Turnwart
August Schmidt, II. Turnwart
Adolf Schmidt, Kassenwart“

 

5. Ein Koffer aus Erfurt – vom Sattlermeister Friedrich Claer

In meinem Forschungsbericht 2015 schrieb ich über die Thüringer Claers, für deren etwaige Verwandtschaft mit „unseren“ ostpreußischen es immerhin einige vage Indizien gibt (siehe ebd.):

„Dafür lassen sich weitere Spuren späterer Claers in Thüringen finden: So entdeckte ich einen Koffer- und Lederwaren-Original Katalog, wohl aus 1930er Jahren stammend, von Friedrich Claer, Koffer- und Lederwaren Erfurt.“
(http://www.zvab.com/buch-suchen/autor/friedrich-claer-koffer–und-lederwaren-erfurt-hrsg)

 

Es war naheliegend, in diesem Erfurter Sattlermeister Friedrich Claer einen Nachkommen des Erfurter Sattlermeisters Friedrich Wilhelm Heinrich Claer (1825-1882) zu sehen, der wiederum ein Sohn des überregional agierenden Fuhrunternehmers Christoph Friedrich Claer (geb. 1802) war, der als Chausseewächter in Frienstedt bei Erfurt relativ klein angefangen hatte. Dessen Vater wiederum war ein Johann Friedrich Claer, der 1802 in Siersleben geheiratet hatte und dessen Herkunft sich im Dunkeln verliert (laut Heiratseintrag: Wollin oder Wettin; ist auch von Schriftexperten nicht eindeutig zu entziffern).

Nun ist tatsächlich bei Ebay (und Ebay-Kleinanzeigen) ein echter Koffer aus der Herstellung von Friedrich Claer aus Erfurt aufgetaucht. Der Anbieter aus Dortmund schreibt dazu bei Ebay: „Der Überseekoffer wurde von Friedrich Claer in Erfurt hergestellt. Er war Sattlermeister. Im Koffer befindet sich noch der Original-Einsatz aus Stoff und Holz gefertigt. Nach mehr als 100 Jahren muss man außen ein paar Abstriche machen. Natürlich kann ein Fachmann den Koffer wieder etwas aufhübschen. Die Fa. Claer ist nach meinen Recherchen nach dem 1.Weltkrieg nicht mehr vorhanden. Die Größe: 81x52x34 cm. NUR ABHOLUNG“

Der Preis für das gute Stück liegt bei 150 Euro (Ebay) bzw. 250 Euro VB (Ebay-Kleinanzeigen). https://www.ebay.de/itm/292506803804
https://www.ebay-kleinanzeigen.de/s-anzeige/ueberseekoffer-vor-dem-ersten-weltkrieg-hergestellt/977389586-246-1108

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aber wie kann es sein, dass der Katalog als „30er Jahre“ geschätzt wurde, aber die Sattler-Firma Friedrich Claer nach den Recherchen des Anbieters nach dem ersten Weltkrieg nicht mehr vorhanden war? Aufschluss gibt ein Adressbuch mit Straßenverzeichnis der Stadt Erfurt aus dem Jahr 1948

(http://www.familie-thurm.de/images/dokumente/adressErfurt/Seite_0130.jpg), in dem der Name Claer genau zweimal vorkommt, nämlich:

– Claer, Wilh., Sattlermeister und

– Claer, Friedrich, Leder und Galanterie

Jeweils wohnhaft in der Schmidtstedter Straße 50. Wie sich dem ergänzenden Straßenverzeichnis mit Namensliste der Bewohner entnehmen lässt, hatte Friedrich Claer („Leder und Galanterie“) sogar ein Telefon (!) mit der Nummer 20243.

Aber was bedeutet „Leder und Galanterie“? Bei Wikipedia heißt es „Galanterie: Galanteriewaren, von französisch galanterie, „Liebenswürdigkeit“, ist eine veraltete Bezeichnung für modische Accessiores. Zu den Galanteriewaren zählen Modeschmuck (Bijouterie; dieses Wort kennt vielleicht mancher aus „Deutschland ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine) und kleinere modische Gebrauchsgegenstände wie Parfümfläschchen (Ölflakons) – sie wurden früher manchmal an einem Kettchen getragen –, Puderdosen, auffällige Knöpfe, Armbänder, Schnallen, Tücher, Schals, Bänder, Fächer usw.(https://de.wikipedia.org/wiki/Galanteriewaren)

 

Galanteriewarenladen um 1901

Somit hat sich die Geschäftstradition der Erfurter Claers also über anderthalb Jahrhunderte noch bis in die Nachkriegszeit gehalten, um dann aber letztlich doch mitsamt allen Namensträgern zu verschwinden.

 

 

 

 

6. Familiäre Ähnlichkeiten
Und schließlich soll es noch um familiäre Ähnlichkeiten gehen. Neben der von uns immer wieder festgestellten Schreibfreude und -begabung bis hinein in viele Nebenzweige unseres „Familienverbandes“ sowie der auffälligen Häufung einer grundlegenden Lustigkeit und Witzigkeit (wenn auch bei manchen nur in jüngeren Jahren) gibt es offenbar auch einen äußerlichen, für unsere Familie charakteristischen Typus, der hier anhand einiger Fotos aufgezeigt werden soll. Natürlich sieht längst nicht jeder von uns Claers so aus, ich selbst z.B. nicht, da ich eher nach Meiner Mutter komme, mein Vater ebenfalls nicht unbedingt, aber zumindest diese vier Herren weisen trotz ihrer nur sehr weitläufigen Verwandtschaft eine erstaunliche Ähnlichkeit miteinander auf:

Georg Claer (1877-1930)

Albert Claer (geb. 1923)

Hans-Henning “Moppel” Claer (1931-2002)

Gerd Claer (1943-2016)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier noch zur besseren Übersicht über die bestehenden Verwandtschaftsverhältnisse ein stark vereinfachter Stammbaum mit Kennzeichnung der Ähnlichkeits- und Forschungskollektive:

Stammbaum (stark vereinfacht)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schluss und Ausblick
Soviel also für dieses Mal. Auch künftig werde ich versuchen, weiter dabei zu bleiben und von Zeit zu Zeit etwas über unsere Namensgeschichte und die Geschichte unserer Vorfahren zu recherchieren. Und schließlich will ja auch noch die doppelte Fluchtgeschichte meiner Großeltern erzählt und mein Vater als Briefeschreiber gewürdigt werden…

Berlin, Dezember 2019

justament.de, 8.7.2019: Ein kurzer Moment der Freiheit

Thomas Claer empfiehlt Spezial – Lieblingsliteratur (1): Die Kurzgeschichte „Das Eiserne Kreuz“ von Heiner Müller

Diese Geschichte ist einfach nur ungeheuerlich. Ihre Pointe liegt in ihrer pechschwarzen Amoralität. Die außerordentlichen politischen Umstände am Ende des Zweiten Weltkriegs erlauben der Hauptfigur in Heiner Müllers kurzer Erzählung „Das Eiserne Kreuz“ aus dem Jahr 1956 etwas normalerweise Unmögliches: Schluss zu machen mit ihrem gesamten bisherigen Leben und zugleich ein neues, vom alten gänzlich unbelastetes, zu beginnen.

Doch hat der Papierhändler aus einer mecklenburgischen Kleinstadt, ein überzeugter Nazi und Träger des Eisernen Kreuzes, so etwas eigentlich gar nicht vor, als er zu Beginn der Geschichte im April 1945, nachdem er vom Selbstmord des Führers gehört hat, beschließt, gemeinsam mit seiner Familie in den Tod zu gehen. Weder von seiner Frau noch von seiner 14-jährigen Tochter (von ihr natürlich am allerwenigsten!) kommt ein Wort des Widerspruchs.

Keiner der drei angehenden Märtyrer artikuliert den geringsten Zweifel am selbstgewählten kollektiven Gang in den Heldentod. Tief in ihrem Innersten, dies wird an mehreren Stellen angedeutet, gibt es aber sehr wohl eine unterschwellige Opposition gegen ihre wahnsinnige ideologische Verbohrtheit, doch die Drei bekämpfen sie offenbar jeweils resolut. Schließlich geht es ja auch darum, voreinander nicht sein Gesicht zu verlieren!

Und dann ist es auch schon geschehen. Frau und Tochter hat der Papierhändler in der Stille des Waldes bereits erschossen. Nun ist nur noch er selbst an der Reihe. Und in diesem Moment wird er sich seiner plötzlich gewonnenen Freiheit bewusst: „Da war niemand, der ihm befahl, die Mündung des Revolvers an die eigene Schläfe zu setzen. Die Toten sahen ihn nicht, niemand sah ihn. Das Stück war aus, der Vorhang gefallen. Er konnte gehen und sich abschminken.“ Es ist der pure Existenzialismus! Mit wenigen treffsicheren Worten schildert der Autor die blitzschnelle Selbst-Entnazifizierung seines Protagonisten. Einfach nach Westen laufen, in die große Stadt, wo ihn keiner kennt. Da wird er im Zweifel ein unbekannter Flüchtling sein wie so viele andere. Am Ende bemerkt er dann noch das verräterische Eiserne Kreuz an sich. Er wirft es weg.

Was sagt uns nun diese unglaubliche Geschichte? Wie böse, egoistisch und verlogen die Nazis sind? Ja, vielleicht auch das. Und es spricht ja auch immer für ein Stück Literatur, wenn es ganz unterschiedlich gedeutet werden kann. Aber sind es wirklich nur die Nazis, die sich voller Heroismus in etwas hineinsteigern, während doch gleichzeitig etwas in ihnen ganz genau weiß, dass sie nur Theater spielen. Dass die elementaren Überlebens-Instinkte am Ende mächtiger sind als alle Überzeugungen. Sind wir das nicht im Grunde sogar alle? Oder andererseits auch wieder nicht? Hat nicht jedes Leben in der menschlichen Gesellschaft etwas von einem Theaterspiel? Wie wohlfeil ist es, die Handlungen dieser literarischen Figur zu verurteilen? Muss man ihr vielleicht sogar zugutehalten, sich aus eigenem Antrieb von der NS-Ideologie befreit zu haben? Liegt darin ein schäbiger Opportunismus oder ein gesunder Pragmatismus? Oder von beidem etwas? Und wie mag es wohl mit diesem Papierhändler weitergegangen sein? Ist er womöglich in seinem späteren Leben mit neuer Identität ein aufrechter Demokrat geworden?

Man kann die Geschichte natürlich auch ganz anders lesen: War dieser Papierhändler womöglich besessen von dem unbewussten, aber starken Wunsch, sich von seiner Frau und Tochter zu befreien und ohne sie ein neues Leben zu beginnen? War sein ganzer politischer Fanatismus vielleicht nur vorgeschoben, um sein wahres Ziel zu erreichen? Oder ging es ihm tatsächlich um einen radikalen Neuanfang und waren ihm Frau und Tochter als Mitwissende seiner Vergangenheit dabei im Weg? Diese Geschichte kann einen durchaus ins Grübeln bringen…

Und schließlich könnte man sich als Jurist auch noch die Frage stellen, zu welchem Zweck man diesen Ex-Nazi für seine Untaten eigentlich strafrechtlich belangen sollte. Resozialisiert werden muss er bestimmt nicht, da er sich vermutlich jeder neuen Gesellschaftsordnung bestens anzupassen versteht. Zur Normbestätigung und Abschreckung anderer? Ja, vielleicht. Doch es weiß ja niemand, dass er es war, der Frau und Kind erschossen hat, und niemand wird es jemals erfahren. Auch ist nicht anzunehmen, dass sich die Vorkommnisse wiederholen werden. Bleiben noch die absoluten Straftheorien: Jedes Verbrechen muss gesühnt werden. Doch wer glaubt heute noch an ein universelles Naturrecht? Und außerdem ist er ja gar nicht mehr der, der er war, sondern längst ein ganz anderer… Was für eine tiefgründige, furchtbare, erschreckende Geschichte!

Hier gibt es sie im Wortlaut: http://www.zeiler.me/das-eiserne-kreuz

justament.de, 5.5.2019: Widersprüchlicher Weltverbesserer

Recht cineastisch Spezial: „Goldene Lola“ für „Gundermann“ von Andreas Dresen

Thomas Claer

Nein, diesen Film wollte ich eigentlich gar nicht sehen. Musikfilme sind eigentlich nicht so meine Richtung, zumal die Songs des stasiverstrickten DDR-Liedermachers und Baggerfahrers Gerhard Gundermann (1955-1998) bislang auch nicht gerade zu meinen großen Vorlieben zählten. Doch nun bin ich sehr froh, doch noch den Weg ins Kino „Casablanca“ in Adlershof gefunden zu haben, wo „Gundermann“ (D 2018) anlässlich der Preisverleihung am Wochenende noch einmal gezeigt wurde. Beinahe hätte man uns nicht mehr hereingelassen. Eine lange Schlange von Interessenten stand vor dem Kino bis auf die Straße. Als wir mit leichter Verspätung eintrafen, hörten wir eine laute Stimme rufen: „Ich frage jetzt zum letzten Mal: Hat noch jemand Online-Tickets nicht abgeholt??“ Ja, das waren wir. Zum Glück hatten wir schon vorher gebucht. Seufzend und stöhnend lief die enttäuschte Menschenmenge auseinander, denn unsere beiden Karten waren die letzten verfügbaren.

Ob einem dieser Gundermann gefällt oder nicht, er ist eine hochinteressante Figur. Und mit ihm hat Regisseur Andreas Dresen auf seine leise unaufdringliche Weise auch gleich noch die ganze alte versunkene schäbige DDR-Welt wieder zum Leben erweckt. Wer eine möglichst genaue Vorstellung vom damaligen Leben jenseits des eisernen Vorhangs bekommen möchte, sollte unbedingt diesen Film sehen. Die Schauspieler wirken, wie so oft in Andreas-Dresen-Filmen, allesamt beinahe so echt wie in einem Dokumentarfilm.

Wer es schon immer unverständlich fand, wie ein sensibler Künstler, ein Weltverbesserer mit höchstem moralischem Anspruch, jahrelang seine Mitmenschen ausspionieren und an die Stasi verpfeifen konnte und sich hinterher dafür gar nicht richtig entschuldigen mochte, wird durch diesen Film zwar auch nicht unbedingt schlauer, denn die nachvollziehbaren Gründe dafür gibt es einfach nicht. Aber man blickt nach diesen über zwei Stunden doch mit anderen Augen auf all diese Dinge. Manches hat eine gewisse Logik und dann auch wieder nicht. Vieles ist Psychologie. Dieser hochreflektierte, belesene, immer wieder Karl Marx zitierende Dichter und Musiker Gundermann lebt in einer ganz eigenen Welt, in der Welt seiner Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen vor allem. Obwohl er so vieles in seiner Gesellschaft kritisch hinterfragt, glaubt er doch felsenfest daran, etwas Gutes zu tun, wenn er Fluchtwillige verrät.

Grandios dargestellt ist, wie stark sich Politisches, Privates und Künstlerisches im Leben dieses merkwürdigen Musikpoeten immer wieder gegenseitig beeinflusst. Seine künstlerisch besten Jahre hat er ausgerechnet während seiner aktiven Zeit als Stasi-Spitzel – und während seiner jahrelangen unglücklichen Liebe zur anderweitig verheirateten schönen Conny. Unzählige Lieder schreibt er für sie, bis sie dann doch noch zur Frau an seiner Seite wird. Felsenfest steht sie zu ihm, als er nach der Wende als Stasi-Informant enttarnt wird. Doch Gundermann selbst zerbricht daran und stirbt mit gerade erst 43 Jahren.

Gundermann
Deutschland 2018
Länge: 127 Minuten
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Laila Stieler
Darsteller: Alexander Scheer (Gerhard Gundermann), Anna Unterberger (Conny), Benjamin Krause (Wenni) u.v.a.

www.justament.de, 31.12.2018: In der DDR gab es kein 1968

Über die grundverschiedene mental-kulturelle Prägung in Ost- und Westdeutschland

Thomas Claer

Ein mächtiger Sturm tobte über Europa, nein, längst nicht nur über Europa, sondern über der ganzen westlichen Welt und selbst noch in Teilen Asiens und Nordafrikas: der Sturm der Studentenproteste – und des gesellschaftlichen Wandels überhaupt. Damals, vor 50 Jahren, hörten junge Leute plötzlich nicht mehr Schlagerkitsch, sondern fetzige Rockmusik. Und von ihren Eltern ließen sie sich schon gar nichts mehr sagen. Langhaarige junge Männer rotteten sich in den Straßen zusammen und riefen „Ho-Ho Ho-Chi-Minh!“ Junge Frauen entblößten in Hör- und Gerichtssälen ihre Brüste und forderten Emanzipation. „Unter den Talaren“ ihrer Professoren hatten empörte Studenten „den Muff von tausend Jahren“ ausgemacht und begaben sich auf den „Marsch durch die Institutionen“, um das „kapitalistische Schweinesystem“ mal so richtig von Grund auf umzugestalten. Fortan gehörte, „wer zweimal mit der Selben“ pennte, bereits „zum Establishment“. Und selbstverständlich traute man „keinem über 30“… Kaum zu glauben, dass es ein Fleckchen Erde mitten in Europa gab, das von all dem kaum etwas mitbekommen hatte. Und doch es gab diese Region der Ahnungslosen, man nannte sie den Ostblock. Dort wehte der Wind der Veränderung, wenn überhaupt, nur als ein laues Lüftchen. Mauer und Stacheldraht hatten hier zwar längst nicht alles vom neuen Zeitgeist zurückhalten können, aber doch genug, um eine Menge von dem zu konservieren, was die westlichen Gesellschaften nach 1968 längst überwunden glaubten, auf dem „Müllhaufen der Geschichte“ wähnten: autoritäre Strukturen, Disziplin und Gehorsam, Homophobie und Fremdenfeindlichkeit zum Beispiel. Und so kam es, dass an der Nahtstelle zwischen Ost und West, an der innerdeutschen Grenze, nicht nur zwei entgegengesetzte politische Welten jahrzehntelang nebeneinander her lebten, sondern deren Bewohner auch grundverschiedene kulturelle Prägungen durchlaufen hatten. Sie sprachen dieselbe Sprache und konnten einander, wie sich später zeigen sollte, doch nur sehr begrenzt verstehen. Ein großes soziologisches Freiluftexperiment am lebenden Objekt gewissermaßen.

Ich selbst war 1968 noch gar nicht geboren. Erst drei Jahre später erblickte ich das Licht der Welt, doch konnte ich die Auswirkungen dieser weitgehend entgegengesetzten sozialen Codierungen in Ost und West sehr eindrucksvoll in der Schule studieren: erst im Osten – in einem Dorf nahe der innerdeutschen Grenze mit starker Armee-Präsenz – und später im Westen: in einer besonders liberalen Großstadt. Einen stärkeren Kontrast, als ich ihn damals erlebt habe, kann man sich nicht vorstellen. Das einzig Verbindende zwischen diesen beiden Welten war (neben der norddeutsch eingefärbten Sprache) die ironischerweise ihnen beiden zugeschriebene Farbe Rot. Aber ansonsten: Wie vollkommen unterschiedlich sich gleichaltrige junge Menschen doch verhalten konnten!

Kam im Osten ein neuer Schüler in die Klasse, wurde er von seinen neuen Mitschülern zuerst interessiert angesehen, sodann auf Schritt und Tritt beobachtet und schließlich neugierig befragt, woher er denn komme und was er so treibe. Nichts davon im Westen. Niemand nahm Notiz von einem Neuankömmling. Überhaupt bestand so eine West-Klasse aus mehreren Grüppchen, die sich offenbar überhaupt nicht miteinander abgaben. Die Gruppenzugehörigkeit, das lernte ich schnell, manifestierte sich vor allem auch in der Kleidung (Ökos, Popper, Grufties, Rocker, Normalos…), während im Osten alle ganz ähnlich angezogen waren und fortwährend jeder mit jedem kommunizierte. Kam man dann schließlich doch mit den West-Kindern ins Gespräch, erwiesen sie sich mitunter als freundlich, doch – jedenfalls im Vergleich zur ganz natürlichen Herzlichkeit der Ostdeutschen – auch als irgendwie unterkühlt. Ganz anders aber war es bei den Lehrern! Während sich die Ost-Lehrer ausnahmslos als Autoritätspersonen präsentierten, die auch gerne mal laut wurden, um Ruhe und Ordnung durchzusetzen, traten die West-Lehrer in vielen Fällen als ausgesprochene Kumpeltypen auf, die sich mit ihren Schülern z.B. über Popmusik und Filme unterhielten und sogar mit ihnen Computerspiele tauschten. Manche männlichen West-Lehrer hatten lange Haare oder waren zerfetzt und abgerissen gekleidet. Und dann der Sportunterricht! Im Osten wurde man im Kasernenhofton herumkommandiert, musste am Anfang der Stunde strammstehen und auch öfter mal in Reih und Glied marschieren. Im Westen liefen eigentlich alle fortwährend durcheinander, ohne dass sich jemand daran gestört hätte. Das T-Shirt trugen die West-Kinder lässig über der Hose, im Osten wäre man dafür vom Lehrer angeschnauzt worden.

In der Schule hatte man im Osten pünktlich zu erscheinen, sonst gab es Ärger, aber so richtig. Im Westen hingegen trudelte alle paar Minuten ein weiterer Nachzügler ein. Wurde im Osten etwas Organisatorisches angesagt, dann geschah dies jeweils genau einmal. Hatte jemand etwas nicht gleich mitbekommen, weil er geträumt hatte oder abgelenkt war, und er fragte nach, so wurde er vom Lehrer vor der versammelten Klasse für seine Unaufmerksamkeit blamiert. Ganz anders im Westen: So ziemlich alles wurde von den Lehrern zweimal, dreimal oder viermal laut und deutlich wiederholt – und dennoch gab es fast immer noch eine Nachfrage: „Also wann sollen wir uns noch mal treffen??“ Wurde auf Klassenfahrten ein Treffpunkt vereinbart, dann waren im Osten stets alle zu der vorgegebenen Zeit anwesend. Im Westen plante man in solchen Fällen immer großzügig noch eine halbe Stunde Zeitpuffer ein – und doch fehlte am Ende noch der eine oder die andere.

Im Osten war es gefährlich, ein Außenseiter zu sein, denn dann wurde man vom Kollektiv gemobbt, wobei es dieses Wort damals noch gar nicht gab. Von den Lehrern hatte man dann wenig Hilfe zu erwarten, sondern wurde höchstens von ihnen ermahnt, sich doch endlich einmal besser ins Klassenkollektiv einzufügen. Ganz anders im Westen. Dort appellierten die Lehrer ausdrücklich an das Sozialverhalten, forderten ihre Schüler auf, niemanden auszugrenzen. Aber die West-Schüler kamen – anders als Ost-Schüler – zumeist gar nicht auf die Idee, andere zu mobben, weil diese ihnen völlig egal waren. Für West-Schüler zählte nur der eigene Freundeskreis; was andere taten oder nicht taten, kümmerte sie nicht.

Gibt es solche mentalen Unterschiede zwischen Ost und West auch heute noch? Wahrscheinlich längst nicht mehr so ausgeprägt wie vor 30 Jahren, aber ganz bestimmt gibt es sie noch. Gewisse regionale, auch personale Kontinuitäten lassen sich nicht so leicht aus der Welt schaffen, und warum auch? Gruppenspezifische mentale Unterschiede gibt es hierzulande schließlich auch zwischen Nord und Süd, zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen Eingeborenen und Migranten.

Was folgt nun aus all dem? Ich weiß es nicht, nur so viel: Dass im Westen oder im vereinigten Deutschland alles in jeder Hinsicht besser wäre als damals im Osten, lässt sich nun wirklich nicht behaupten. Wo viel Licht ist, da ist immer auch viel Schatten. Und umgekehrt. Insbesondere ist die Freiheit, die sich vor 50 Jahren mit der 1968er Revolte ausgebreitet hat – nicht zuletzt im westlichen Erziehungssystem – ein durchaus zweischneidiges Schwert. Zu viel davon kann leicht fragwürdige Nebenwirkungen oder unbeabsichtigte Folgen mit sich bringen. Aber wenn ich mich entscheiden müsste: Dann doch bitte lieber zu viel Freiheit als zu wenig…

MDR-Umschau, 4.12.2018: Westpakete als Stütze der DDR-Planwirtschaft

Thomas Claer als Zeitzeuge im Fernsehen befragt…

www.justament.de, 9.7.2018: Summer of ’88

Recht historisch Spezial: Vor 30 Jahren erlebte Justament-Autor Thomas Claer eine Art Initiation in Berlin

Der Verfasser mit 17 Jahren (1989), frisch angekommen im Westen.

Berlin kannte ich schon aus meiner Kindheit in den Siebzigern von gelegentlichen Besuchen bei dort lebenden Freunden meiner Eltern. Selbstverständlich war für uns nur der Ost-Teil der Stadt erreichbar. Dass es hinter dieser Beton-Mauer auch ein West-Berlin gab, das noch viel interessanter, bunter und aufregender sein musste als die ihrerseits auch schon sehr besondere DDR-Hauptstadt, ist mir wohl erst Jahre später bewusst geworden. Als Kind bedeutete Berlin für mich nur leckere Vanille-Milch in Tüten, die sonst nirgendwo in der DDR zu kriegen war, Fahrten in der S-Bahn und den gelben U-Bahn-Zügen, die seltsamerweise gar nicht unter, sondern weit über der Erde fuhren, ausgedehnte Einkäufe in der Schönhauser Allee und auf dem Alexanderplatz sowie umfangreiche Reparaturarbeiten, die mein handwerklich geschickter Vater in der Plattenbauwohnung unserer Freunde in Buch regelmäßig ausführte. Erst im Sommer 1988, im Alter von 16 Jahren, sollte ich den Osten Berlins auch noch von ganz anderen Seiten kennenlernen. Zu verdanken hatte ich dies vor allem Christel, einer guten Freundin meiner Mutter. Christel war Professorin für Biochemie an der Universität Greifswald, schon damals grauhaarig und alleinstehend und sehr wählerisch in jeder Hinsicht. Immer wenn sie etwas sagte, war sie erkennbar darum bemüht, für alles und jedes ganz unbedingt die beste und treffendste Formulierung zu finden, die sie dann mit einer überwältigen Rhetorik regelrecht zelebrierte. Sie bewohnte allein ein riesiges Haus in der Nähe der Stadt, das auf mich wie ein Palast wirkte. Schon die Architektur des Gebäudes (das wohl ein namhafter Architekt für sie konzipiert hatte) verriet einen ausgefallenen Geschmack. Die mehr als zehn großzügigen Räume waren jeweils in anderen Stilen eingerichtet. In ihnen befanden sich nur wenige Möbel, die aber dafür mal gediegen und antik, mal fein und modern waren. Darüber hinaus gab es dort dekorativ ausgestellte Krüge und Vasen, Skulpturen und Teppiche, Steine und Muscheln. Es sah großartig aus, und ich bewunderte Christels Anwesen entsprechend. Meine Mutter hingegen lästerte nach den Besuchen bei Christel, wie sie es gerne tat, dass sich ein solches Haus doch niemals sauber und in Ordnung halten lasse. Und sie habe in der Tat auch Staubflocken hinter einer Figur entdeckt. Tja, darauf konzentrierte sich meine Mutter. (Wenn sie wüsste, dass ich heute immer noch gerne mit kaputten Hosen und ungeputzten Schuhen auf die Straße gehe, würde sie sich im Grabe umdrehen.)

Christel jedenfalls war es, die mir im Sommer 1988, als ich gerade die zehnjährige DDR-Schule abgeschlossen und wegen unseres laufenden Ausreiseantrags (mein Vater war schon im Westen) kein Abitur machen durfte und mich notgedrungen für eine Kellnerlehre beim FDGB-Feriendienst angemeldet hatte, einen Vorschlag zur Gestaltung meiner Ferien machte: „Komm doch mit mir für eine Woche nach Berlin. Dort besuche ich zwei Freundinnen. Da kann ich dir die Stadt ein bisschen zeigen.“ Das klang für mich gut, und ich willigte gleich ein. Auch meine Mutter war wohl froh, dass mir auf diese Weise etwas Kultur vermittelt werden sollte. Christel hielt große Stücke von mir, seit ich mir von ihr immer wieder Bücher aus dem Westen, die für uns im Osten schwer erhältlich waren, ausgeliehen und diese regelrecht verschlungen hatte: Hoimar von Ditfurth, Gerd von Haßler, Erich von Dänicken, Konrad Lorenz… Sie mochte mich wohl auch irgendwie. Von ihr ließ ich mir auch gerne Vorträge über irgendwelche kulturellen Themen halten, die mich, wären mir meine Eltern damit gekommen, nicht die Bohne interessiert hätten. Zunächst aber verbot sie mir in jenem Sommer 1988, sie weiter „Tante Christel“ zu nennen, wie ich es bisher getan hatte. Alle Freunde meiner Eltern waren für mich damals Onkel und Tanten, so war das üblich in der DDR. Aber Christel, die schon mehrere Westreisen hinter sich hatte und überhaupt sehr westlich orientiert war, wollte auf keinen Fall „Tante“ genannt werden, was ich dann auch nicht mehr tat. Christel schimpfte eigentlich ständig auf den Osten und vergötterte den Westen. „Wir leben hier im Dreck!“, sagte sie manchmal. Und: „Im Westen sind die Menschen viel besser angezogen.“ Für alles, was mit Staat und Partei zu tun hatte, hatte sie nur Verachtung übrig. Offenbar hatte sie ihre Professur allein aufgrund fachlicher Kompetenz erlangt. Auch bei anderen Freunden meiner Eltern, fast allesamt Ärzte, stellte ich häufig eine sehr staatskritische Haltung fest. Doch es gab einen signifikanten Unterschied zwischen denen, die Kinder hatten und somit vom Staat erpressbar waren – diese waren oftmals sogar in der Partei, obwohl sie privat ganz anders redeten – und den Kinderlosen, die wie Christel kaum ein Blatt vor den Mund nahmen. Diese Gruppe traute sich das wohl auch, weil sie sich fachlich-beruflich für den Staat für unverzichtbar hielt. Doch offen rebelliert hat auch von ihnen niemand, soweit ich weiß. Hätte ich an ihrer Stelle aber wohl auch nicht unbedingt getan…

In Berlin fuhr Christel mit mir als erstes auf den Alexanderplatz, wo wir die Abendstimmung beobachteten. Ich sah viele junge Leute mit Skateboards, andere waren sehr szenig gekleidet, so punk- und gruftiemäßig. Für mich als Provinzling war bereits dieser Anblick sehr erregend. Wir fuhren weiter zur Wohnung von J. und U., Christels Freundinnen, bei denen wir uns einquartierten. Dass zwei Frauen zusammen in einer Lichtenberger Plattenbauwohnung lebten, fand ich schon bemerkenswert, so etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt. Meine Eltern kannten solche Leute nicht. U. war Zahnärztin; was J. von Beruf war, habe ich vergessen. Sie waren beide etliche Jahre jünger als Christel, vielleicht Mitte oder Ende vierzig. Sie zeigten lebhaftes Interesse an mir, verwickelten mich oftmals in ausufernde Gespräche und Diskussionen. Dabei sahen sie mich immer wieder aufmerksam von allen Seiten an und lächelten sich dabei gegenseitig zu. Mir gefiel auch die Einrichtung ihrer Wohnung. In ihrer Küche duftete es nach mir unbekannten Gewürzen. In der Nacht teilte ich mir mit Christel das Gästezimmer. Sie hatte mich vorgewarnt, aber ihr Schnarchen war dann doch ziemlich laut.

In den folgenden Tagen klapperte Christel mit mir die Museen ab: Pergamonaltar und so weiter. Auch in verschiedenen Gemäldegalerien waren wir. Und weil Christel alles so gut erklärte, blieb sogar das eine oder andere bei mir hängen. Zum Beispiel erläuterte sie mir, warum sie die Aktmalerei ganz besonders schätzte. Überhaupt der menschliche Körper…. Die Spuren der Zeit im Gesicht und auch überall sonst, die Vergänglichkeit… Ich hörte schweigend zu und traute mich nicht zu sagen, dass ich ebenfalls die Darstellung weiblicher Akte außerordentlich schätzte. Sie meinte dann, in meinem Alter könne man das in seiner Tiefe wohl noch nicht begreifen… Später standen wir vor dem abgesperrten Brandenburger Tor und sahen im Westen die Ruine des Reichtags. Christel raunte mir zu, bloß nichts Falsches zu sagen, hier werde alles abgehört. In einer Buchhandlung kaufte ich mir eine Ausgabe der „Rechtsphilosophischen Schriften“ von Immanuel Kant. Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas frei in der DDR verkauft werden würde, aber in Berlin war es zu haben. Einzelne Passagen darin über die Despotie lasen sich wie eine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der Verhältnisse in unserem Land. Aus dieser Ausgabe habe ich dann mehr als zehn Jahre später in meiner Doktorarbeit ausführlich zitiert.

Auf meinen besonderen Wunsch hin erklärte sich Christel schließlich sogar bereit, mit mir am letzten Tag unseres Berlin-Aufenthalts noch ein Fußball-Spiel zu besuchen: Der BFC Dynamo spielte gegen den Halleschen FC Chemie. Es war wohl der erste Stadion-Besuch ihres Lebens. Und da es der erste Spieltag der neuen Saison war, wurde im Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg, nur wenige Meter entfernt von der Staatsgrenze zum Wedding, vor dem Anpfiff nach einer langweilig-hölzernen Propagandarede irgendeines Funktionärs die DDR-Nationalhymne gespielt. Alle Zuschauer erhoben sich von den Plätzen. Christel zischte mir mit abfällig verzerrtem Gesicht zu, dass wir auch aufstehen müssten. Doch die Fans aus Halle machten nicht mit. Vorher hatten sie noch gestanden und gesungen, nun bei der Nationalhymne setzten sie sich demonstrativ hin. Später stimmten sie sogar noch Hohn- und Spottgesänge gegen die Nationalhymne an. Und während des Spiels riefen sie, sobald es einen Freistoß gab und sich die Abwehrmauer positionierte, in wunderbarer Doppeldeutigkeit immer wieder: „Die Mauer muss weg!“ Mir gefiel das sehr, was die sich trauten, und auch Christel, die sehr genau die bunten Fahnen und Gesänge der Fans beobachtete, schien Gefallen daran zu finden. Da wir auch noch ein abwechslungsreiches Spiel erlebten, das 2:2 endete, gingen wir frohgemut aus dem Stadion.

Damals, vor dreißig Jahren, hätte ich nie gedacht, dass ich später einmal in Berlin leben und schon überhaupt nicht, was ich dieser Stadt eines Tages alles zu verdanken haben würde. Doch diese Woche im Sommer 1988 war schon ein kleiner Vorgeschmack auf all das, was noch kommen sollte. Christel ist vor ein paar Jahren gestorben, noch vor meinen Eltern. Verheiratete leben länger. Sie wurde unter einem Baum auf der Insel Rügen bestattet. Spirituell-esoterisches Naturbegräbnis. So hatte sie es sich ausgesucht.

“der stacheldraht”, Nr. 9/2011: Kritik: Keine Unrechtsideologie?

Bericht über meinen Vortrag im „Roten Ochsen“ auf dem Halle-Forum 2011 zum Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“ in der Zeitschrift „der stacheldraht“, Nr. 9/2011:

http://www.uokg.de/download/20280

Gefährliche Tendenzen deutscher Geschichtsdarstellung

Das Halle-Forum 2011 beschäftigte sich mit dem Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“. Den Eröffnungsvortrag hielt der Berliner Jurist und Herausgeber der Zeitschrift „Justament“, Dr. Thomas Claer. Nach eigener Auskunft selbst ein Kind der DDR, reiste er später in die Bundesrepublik aus und schlug dort eine akademische Laufbahn als Rechtstheoretiker ein.

Dr. Claer erwies sich als einer derjenigen „diskursiven Forscher“, die auf die Hauptfrage der Veranstaltung eine negative Antwort geben und entsprechend argumentieren. Nein, so Claers grundlegendes Fazit, die DDR war kein Unrechtsstaat! Diese Charakteristik treffe nur für eine bislang bekannte Diktatur zu, nämlich für Nazi-Deutschland, für die damit verbundenen Verbrechen, die singulär seien und für die es nichts Vergleichbares gäbe. Vor Beginn seines Vortrages ließ der Jurist für jeden Teilnehmer der Tagung ein Thesenpapier zur Verfügung stellen: „Warum eine differenzierende Betrachtung weder die DDR verharmlost noch die Würde der Opfer verletzt“. Claer verliert sich dort in einer Reihe rechtstheoretischer Betrachtungen, die schließlich in zwei ausschlaggebenden Thesen gipfeln: 1. Das letztlich entscheidende Merkmal eines „Unrechtsstaates“ ist eine „Unrechtsideologie“; der „Unrechtsstaat“ sei mehr als nur „Nicht-Rechtsstaat“. 2. Ein „Unrechtsstaat“ müsse Unrecht im Sinne der Radbruchschen Formel zielgerichtet produzieren.

Doch was heißt das konkret? Eigenartigerweise blieb der Referent diesbezüglich eine Erklärung schuldig, gab aber den lapidaren Hinweis, daß genau das, was nach Radbruch „unerträgliches Unrecht“ sein soll, „hier leider ausgespart bleiben“ muß. Dennoch: Durch die Hintertür formuliert Claer eine klare und unmißverständliche Antwort, die aufhorchen und zugleich erschaudern läßt.

Er sieht im Marxismus als politikbestimmende und etablierte Weltanschauungsdoktrin in der DDR eben keine Unrechtsideologie als Grundlage für eine machtbesessene Parteinomenklatur. Im Gegenteil: Claer behauptet allen Ernstes die Gleichartigkeit der Zielsetzungen des westlichen Liberalismus und des Marxismus als angeblicher „Weltbefreiungsideologie“. Die DDR wird somit als „fehlgeschlagenes Experiment“ verklärt – zugegeben mit „viel Leid“ für die Opfer des Systems (unermeßliches Leid, das also in einer Werteskala offenbar nur von minderwertigem Range ist). Denn schließlich war und ist es eine gute Idee, die dem Ganzen zugrunde lag, folgt man der erschreckenden Logik Claers, der den zahlreichen Meinungsbekundungen und Entgegnungen der Teilnehmer des Halle-Forums wohl kaum zu folgen in der Lage war.

Claer beruft sich in seinem Vortrag auf die Traditionen der Aufklärung und der Moderne – und damit auch auf Karl Marx, den er hier verwurzelt sieht. Natürlich – Marx war ein Kind seiner Zeit, doch er war zugleich visionärer Machtmensch, der die Utopie des neuen Menschen hervorbrachte. Der Marxismus zielte auf alles andere als auf Rechtsstaatlichkeit oder Aufklärung. Der „bürgerliche Rechtsboden“ war ihm suspekt, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie galt es zu überwinden – nicht herzustellen, wie es Claer suggeriert. Und dafür definierte Marx völlig andere Bezüge, sein Denken und Handeln galt nicht dem „Diskurs der Moderne“, auf den sich Claer immer wieder beruft, sondern auf deren Überwindung und schließlich Vernichtung, denn Diskurs heißt auch Offenheit. Doch von einer offenen Gesellschaft kann man in Anlehnung an den großen Geisteswissenschaftler Karl Popper weder im Marxismusbild des 19. Jahrhunderts noch in dem des realen Sozialismus in der DDR sprechen. Nicht liberale Individualität, sondern das kollektive Diktat bestimmte den Marxismus, und das auch mit strafrechtlichen Mitteln. Ein Gespür für die politische Strafjustiz in der DDR war indes den Ausführungen Claers nicht zu entnehmen. Das kommt wohl auch nicht von ungefähr. Schließlich war es der Bundesgerichtshof selbst, der nach 1990
DDR-Unrecht quasi im Nachhinein legalisierte.
Man fühlt sich fast an die Worte eines bekannten Politikers erinnert, der einmal sagte: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Und in diesem Kontext verweist nun Claer auf Radbruch: Unrecht ja, wenn es „unerträglich“ ist. Was das konkret heißt, ist bis heute umstritten. Nur eines scheint klar und politisch korrekt zu sein: der Unrechtsstaat ist aus diesem Verständnis oder vielleicht besser Unverständnis heraus gesehen einmalig präsent und kann nur am Dritten Reich festgemacht werden, also, was nicht sein kann, das nicht sein darf…

Der Einblick in die Denkweise und in den akademischen Diskurs an deutschen Universitäten und Hochschulen, namentlich durch den Vortrag Dr. Thomas Claers, der sich auf zahlreiche seiner Zunftkollegen beruft und mit diesen in Einklang steht, mag für die Teilnehmer des Halle-Forums – die wie ich selbst Opfer der Willkürjustiz der SED waren – sowohl ernüchternd als auch erschreckend und äußerst befremdlich gewesen sein. Für die deutsche Geschichtsdeutung ist dieses Statement fatal!

Dr. Claer möchte ich auffordern, einerseits die „Würde der Opfer“ mit derartigen Verlautbarungen, wie vorgetragen, nicht in Frage zu stellen, denn es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Andererseits möge er den breiteren Diskurs zur Thematik ernst nehmen. Eine „differenzierende“ Betrachtung ist nötig und erschöpft sich keineswegs in einem politischen Schlagabtausch, sie ist aber auch wichtig und erforderlich, um die verbrecherischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und ausgehend von deutschem Boden zu verstehen, namentlich die Verwurzelung der ideologischen Vordenker der Linkspartei.

Doch den Anfängen zu wehren hat die deutsch-deutsche Zivilgesellschaft nach dem Untergang des Kommunismus als Staatsgebilde vor über zwanzig Jahren offenbar längst verpaßt.

Dr. Georg Beyer, Gevelsberg
(Roter Ochse 1974/75, Cottbus bis 1976)

 

Richtigstellungen:

Ich bin nicht Herausgeber, sondern verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Justament. Von einer “akademischen Laufbahn als Rechtstheoretiker” kann nicht unbedingt die Rede sein. Ich habe nie behauptet, dass es keine weiteren “Unrechtsstaaten” außer dem Dritten Reich gebe oder gegeben habe; nur für Deutschland habe ich diese Aussage getroffen. Die absolute Singularität der Nazi-Verbrechen, für die es nichts Vergleichbares gebe, habe ich ebenfalls nicht behauptet. Die “Unrechtsideologie” ist für mich keineswegs das entscheidende Merkmal eines “Unrechtsstaates”, sondern nur eins unter vielen. Entscheidend (wenn auch nicht alleinentscheidend) ist sie bei mir nur für die Kategorisierung der DDR als kein “Unrechtsstaat”. Was “unerträgliches Unrecht” bei Radbruch im einzelnen bedeutet, musste ich im Vortrag aussparen, weil es zeitlich völlig den Rahmen gesprengt hätte. Wer mag, kann es in meinem Buch “Negative Staatlichkeit” (Hamburg 2003) sehr detailliert nachlesen. Die These der Gleichartigkeit zentraler Zielsetzungen des Marxismus und westlichen Liberalismus stammt übrigens vom dezidiert konservativen Kulturphilosophen Günther Rohrmoser, der alles andere als ein Marxist oder DDR-Versteher war. Dass der Marxismus eine Art Weltbefreiungsideologie ist, lässt sich m.E. kaum vernünftig bestreiten. Dass er praktisch auch als Unterdrückungsideologie gewirkt hat, ebensowenig. Eine Verklärung der DDR liegt mir völlig fern, was auch ihre Kategorisierung in meinem Vortrag als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitärer Staat beweist. Dass der Marxismus von Anfang an bereits den Keim des Totalitären in sich trug, bestreite ich ebenfalls nicht. Wohl aber, dass er sich darauf reduzieren lässt. Dass der Marxismus von Anbeginn keine “offene Gesellschaft” im Sinne Karl Poppers (den ich ganz besonders schätze) im Sinn hatte, würde ich auch unterschreiben. Daraus folgt aber nur, wenig überraschend, dass er kein Liberalismus war. Der Konservatismus des 19. Jh. strebte sicherlich noch weniger eine “offene Gesellschaft” an als der Marxismus. Mir ist nicht klar, warum es die Würde der Opfer verletzen soll, wenn man die DDR “nur” als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitären Staat, aber nicht als Unrechtsstaat ansieht. Nach meiner Meinung folgt daraus auch keineswegs eine Unterscheidung von “Opfern erster und zweiter Klasse”.

Thomas Claer, Berlin, 1.7.2018 

www.justament.de, 6.11.2017: 100 Jahre Russische Revolution

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den 70. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ vor 30 Jahren

Steht ein besonderes Jubiläum ins Haus, dann sollte man rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginnen. Das lernte ich bereits in der Schule, als unser Kunsterziehungslehrer vor ziemlich genau 31 Jahren, im Herbst 1986, vor versammelter Klasse verkündete: „Im nächsten Jahr begehen wir den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. Und dazu sollt ihr nun jeder ein Poster entwerfen.“ Das war keine ganz leichte Aufgabe für einen Neuntklässler ohne künstlerische Begabung, der ich damals war. Meine Noten in diesem Fach lagen nur dank der Kunstinterpretationen, also dem mir weitaus mehr liegenden gepflegten Geschwafel über Werke berühmter Maler oder Bildhauer, im erträglichen Bereich. Und nun sollte ich ein Poster zeichnen. Aber glücklicherweise gab es ja noch meinen Vater, für den solche Herausforderungen ein Klacks waren. Sehr gelegen kam mir, dass wir die Kunstwerke, an denen wir gerade arbeiteten, zwischen den Kunstunterrichtsstunden zur weiteren Ausgestaltung mit nach Hause nehmen durften. Mein Vater brauchte kaum eine Minute, da hatte er schon die rettende Idee: Er zeichnete mit dem Bleistift den Panzerkreuzer Arora, im Wasser liegend, aus dem Schornstein in seiner Mitte stieg als Rauchwolke die Zahl 70. Drumherum ein paar Fahnen, die später noch rot auszumalen waren, darunter die Beschriftung „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ – fertig. Mein Kunstlehrer war begeistert. Eine Glanzleistung, für die ich die Note 1 bekam.

Nun gab es aber in den folgenden Monaten zwei Ereignisse, die mein Revolutionsplakat und seine Benotung nachträglich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Zum einen beging mein Vater, der mir gerade noch – zu rein schulischen Zwecken – bei der Glorifizierung der Oktoberrevolution geholfen hatte, kurz nach Weihnachten Republikflucht. Er kam von einem Besuch meiner Oma in Westdeutschland, der ihm immerhin von den DDR-Behörden genehmigt worden war (vielleicht ja, weil er Frau und Kind im Osten zurückließ), nicht mehr zurück. Kurz darauf stellte meine Mutter für sich und mich den berühmten Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung. Von nun an waren wir in der DDR so etwas wie Staatsfeinde.

Zum anderen wurde mein Kunstlehrer, der außerdem noch Deutsch und Englisch unterrichtete (ausgerechnet die Sprache des Klassenfeindes!) zum neuen Schuldirektor befördert, nachdem der bisherige Amtsinhaber, ein nervöser Kettenraucher, der ständig herumschrie, an einem Magengeschwür verstorben war.

Der Sozialismus und ich – das ist eine lange Geschichte, in der nun, zum Jahreswechsel 1987, im 70. Jahr nach der Oktoberrevolution, ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. So richtig überzeugt von der „wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse“ war ich wohl – trotz aller Gehirnwäsche, der ich in diesem Lande fortwährend ausgesetzt war – nicht einmal in den unteren Schulklassen. Beim Fahnenappell, als immer wieder von der unverbrüchlichen und ewig währenden Freundschaft zwischen unserer DDR und der Sowjetunion die Rede war, stellte ich mir schon als ca. Neunjähriger die ketzerische Frage, wie das denn sein könne mit der „Ewigkeit“. Es erschien mir dann doch höchst fragwürdig, ob diese beiden Staaten wirklich für alle Zeiten Bestand hätten, auch noch in 100 oder in 1000 Jahren. Allerdings ahnte ich damals nicht, dass es sie alle beide schon in 10 Jahren nicht mehr geben würde…

Diese Fahnenappelle, auf denen man manchmal eine geschlagene Stunde draußen in der Kälte herumstehen und langweilige propagandistische Reden ertragen musste, hatten zwar den von manchem meiner Mitschüler empfundenen Vorteil, dass dafür eine Stunde regulärer Unterricht ausfiel. (Es gab solche Appelle in unregelmäßigen Abständen, ca. alle zwei Monate, zu irgendwelchen Anlässen.) Mir waren sie aber immer sehr unsympathisch. Besonders seit ich einmal als sehr junger Schüler erleben musste, wie drei ältere Schüler sich vor allen versammelten Klassen der Schule vorne hinstellen mussten und unter den in barschem Ton vorgebrachten Anschuldigungen des Direktors von der Schule verwiesen wurden. Ihr Vergehen: Sie hatten sich einen Jux gemacht, indem sie eine Wandzeitung auf frevelhafte Weise veränderten. Dort hatte ursprünglich so etwas gestanden wie: „In fester Solidarität zur ruhmreichen UdSSR!“ und „Wider die Lügen des USA-Imperialismus!“ Und sie hatten ein paar Buchstaben vertauscht, so dass dort anschließend zu lesen war: „In fester Solidarität zur ruhmreichen USA!“ und „Wider die Lügen des UdSSR-Imperialismus!“ Als der Direktor den „Tatbestand“ schilderte, bemerkte ich, wie mehrere ältere Schüler dabei grinsen mussten…

Jahre später war ich selbst eine Zeit lang Wandzeitungsverantwortlicher im Pionierrat und hatte mit zwei Mitschülerinnen die politische Wandzeitung unseres Klassenraumes zu gestalten. Das Thema war meistens vorgegeben. Ich bemühte mich damals, da mir die Gefahr bewusst war, sich bei einem ideologischen Fehltritt großen Ärger einzuhandeln, sozusagen um Subversion durch übertriebene Erfüllung der Vorgaben. Ich textete also für die Wandzeitung Überschriften und Beiträge in so grotesker Floskelhaftigkeit, dass sie selbst die Artikel im „Neuen Deutschland“ in den Schatten stellten. Immer wieder benutzte ich Adjektive wie „heldenhaft“, „ruhmreich“ „unerschütterlich“, auch dort, wo es überhaupt nicht passte. Doch niemand schien meine Übertreibungen und Veralberungen zu bemerken. Meine Mitschülerinnen waren froh, dass ich für sie so schnell einen passenden Text schrieb, die Lehrerin fand ihn sehr schön, und auch sonst nahm keiner daran Anstoß. (Es interessierte wohl auch niemanden besonders, was genau dort geschrieben stand, Hauptsache es machte keinen Ärger.)

Von meinen Eltern war ich weder für noch gegen den Sozialismus erzogen worden, nur zur unbedingten Vorsicht. „Pass bloß auf, was du in der Schule sagst“, war ihr fortwährendes Mantra. Dabei war mein Vater noch weitaus ängstlicher als meine Mutter. Als diese mir einmal den Unterschied zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ erklärte – diese Begriffe hatte ich in den Westnachrichten aufgeschnappt, die ich schon als Kind stets mit großem Interesse verfolgte – intervenierte mein Vater umgehend und rief aufgeregt: „Was erzählst du ihm denn da?! Das kann man auch genau andersherum sehen, wer die Arbeit gibt und nimmt! Sei bloß vorsichtig!“ Und ich solle das ja nicht in der Schule erzählen. Zwanzig Jahre später, lange Jahre nach der Wiedervereinigung, las mein Vater meine Dissertation Korrektur und fragte mich an einer Stelle, wo es um so etwas wie (berechtigte) Kapitalismuskritik ging: „Sag mal, musst du das hier so  formulieren? Kriegst du da keinen Ärger??“ Dass ich im Westen einen marxistischen Doktorvater hatte, der meine Formulierung wohl eher noch zu mild gefunden hätte, konnte er sich nicht vorstellen…

Nein, nicht einmal als Schüler war ich ein gläubiger Sozialist. Und doch: Was ich gar nicht mochte, war der weit verbreitete Zynismus meiner Mitschüler. Viele von ihnen hatten für alles, was aus unserem Staat stammte, nur Verachtung übrig. Alles, was aus dem Westen kam, war in ihren Augen haushoch überlegen. Vor allem galt das für die Qualität des Fußballs. Auch wenn sie objektiv gesehen völlig Recht hatten, empörte es mich, eine so schlechte Meinung vom eigenen Land zu haben. Und so stritt ich mit ihnen regelmäßig und verteidigte vehement „unseren Fußball“. Nahezu alle Jungs unserer Klasse waren Fans des Hamburger SV oder des FC Bayern München. Nur ich allein hielt zu „unserem“ FC Hansa Rostock. Ich muss zugeben, dass es mir wohl auch aus diesem Grunde ein Jahrzehnt später eine tiefe Genugtuung bereitete, als nach der Wende „mein“ FC Hansa in der Bundesliga die Münchener Bayern sensationell mit 2:1 im Olympiastadion bezwang…

Irgendwann, wohl ca. in der 6. Klasse, ging es los mit der Berufsberatung. Ich wollte Journalist werden, am liebsten Sportreporter. „Dann musst du drei Jahre zur Armee“, sagte man mir. „Sonst wird das nichts.“ Für mich war das eine ziemlich schreckliche Vorstellung. Aber ich erinnere mich noch genau, wie ich mich schließlich zu dem Entschluss durchrang, notfalls in diesen sauren Apfel zu beißen. (Es war ein bisschen so ähnlich wie später beim Entschluss zum Jurastudium. Der Zweck heiligt manchmal die Mittel.) Aber glücklicherweise musste ich dann doch niemals zur Armee, weil nach Stellung unseres Ausreiseantrags alle meine Karriereplanungen in diesem Staate hinfällig geworden waren.

Abschließend noch einmal zurück zu meinem Kunst- und Englischlehrer, dem späteren Schuldirektor. Wenn ich so zurückdenke, dann hat er in seinen Ansprachen beim Fahnenappell mitunter ganz erstaunliche und weitsichtige Dinge gesagt. Natürlich war auch er, wie alle anderen Lehrer, die ich im Osten erlebte, sehr autoritär – im krassen Gegensatz zu den Lehrern auf dem Bremer Gymnasium, das ich nur zwei Jahre später besuchten sollte. Gewiss, auch dieser Direktor mag politische Phrasen gedroschen haben, weil das so von ihm erwartet wurde. Aber dann redete er auch vom „lebenslangen Lernen“, das uns mit Sicherheit bevorstehe. Unsere Abschlussprüfung in der 10. Klasse sei nur die erste von unzähligen weiteren Prüfungen, die uns im Leben noch erwarteten. Besonders betonte er den rasanten technischen Wandel, der jedem von uns eine ständig neue Umstellung abverlange. „So wie wir heute einen Kühlschrank und eine Waschmaschine und einen Fernseher im Haushalt benutzen, wird eines Tages der Computer ein selbstverständlicher Alltagsgegenstand werden.“ Ja, jeder von uns werde irgendwann selbst einen Computer haben und müsse dann lernen, damit umzugehen. Und wir dachten etwas irritiert an die schrottigen DDR-Computer, mit denen wir es bislang zu tun hatten… Auf den US-Imperialismus hat er, soweit ich mich erinnere, niemals geschimpft. Und die Freundschaft zur Sowjetunion kam bei ihm auch nur ganz am Rande vor. Vielleicht hatte er ja schon eine Vorahnung, was bald geschehen sollte…

Eigentlich hätte ich in diesem „Memoir“, wie man das heute nennt, noch weitaus mehr zu berichten. Aber der Abgabetermin naht, der 7. November, der Jahrestag der Oktoberrevolution. (Für die Westdeutschen, Zugewanderten und Nachgeborenen: Die Oktoberrevolution fand ungeachtet ihres Namens tatsächlich erst im November statt, nur galt seinerzeit in Russland noch der julianische Kalender, wonach es dort der 25. Oktober war. Das lernte in der DDR jedes Kind in der Schule. Heute wissen es nur noch Experten.) Hätte ich also rechtzeitig vor dem Jubiläum zu schreiben begonnen und nicht erst ein paar Tage vorher, dann wäre womöglich ein ganzes Buch herausgekommen mit dem Titel „Der Sozialismus und ich. Eine Jugend in der DDR“. Ja, man sollte rechtzeitig vor dem Jubiläum mit seinen Vorhaben beginnen, auch hierin hatte mein damaliger Kunstlehrer also recht. Aber vielleicht schreibe ich dieses Buch ja trotzdem noch, dann eben verspätet. Oder vielleicht zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in zwei Jahren…

Salzgitter Zeitung, 27.9.2015: Jurist: Diktatur – kein Unrechtsstaat

Bericht über meinen Vortrag am 26.9.2015 bei den 21. Helmstedter Universitätstagen zum Thema “Die schwierige Einheit”

Adresse dieses Artikels: http://www.salzgitter-zeitung.de/helmstedt/article152035665/Jurist-Diktatur-kein-Unrechtsstaat.html#

Helmstedt.  Ein Anwalt sorgt mit seiner Definition für Diskussionen.

Von Stefani Koch

27.09.2015 – 16:44 Uhr

Referierte zum Thema „Unrechtsstaat“: der Jurist Thomas Claer.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Der Jurist Dr. Thomas Claer sagt: Nein. Und eckt mit dieser Meinung bei den Helmstedter Universitätstagen durchaus an. Schließlich hatte die Mehrheit der Besucher seines Vortrages eingangs die Hand gehoben, als er fragte, wer die DDR für einen Unrechtsstaat halte.
Eine Definition des Begriffes allerdings hatte er zunächst nicht mitgeliefert. Aus juristischer Sicht beleuchtete der 1971 in Wismar geborene Claer dann das Thema. Wichtigstes Kriterium für Claer: Einem Unrechtsstaat müsse auch eine Unrechts-Ideologie zugrunde liegen. Und das sei in der DDR nicht der Fall gewesen. „Die DDR sollte ein Staat der Arbeiter und Bauern sein. Ein Staat, in dem alle Menschen gleich sind“, erklärte der Jurist seine Sicht der Dinge. Gestattete jedoch auch die Frage, ob das nicht eine Verharmlosung der DDR sei. „Eigentlich nicht. Meiner Meinung nach wird nur differenziert.“ Festhalten könne man aus seiner Sicht, dass die DDR eine Diktatur war. Ebenso ein „Nicht-Rechtsstaat“ und ein totalitärer Staat. Und ein Verbrecher-Staat? „Die DDR war ein Staat, der politische Verbrechen beging, aber eher in bescheidenem Umfang“, argumentierte Claer. Und: „Die DDR hat Aktenberge hinterlassen – keine Leichenberge. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu zynisch: Wenn schon, dann Leichenhügel.“
Unrechtsstaaten seien seiner Definition nach das Dritte Reich sowie unter anderen die Sowjetunion unter Stalin – tendenziell –, China unter Mao – ebenfalls zumindest tendenziell – und Nordkorea (tendenziell).
Allerdings sei das Kind in Sachen DDR in der öffentlichen Meinung längst in den Brunnen gefallen. Im alltäglichen Sprachgebrauch sei der Begriff Unrechtsstaat längst übernommen worden. „Mir geht es in diesem Zusammenhang einzig und allein um eine differenzierte Betrachtungsweise.“ Und die sorgte in der Pause und der Abschließenden Podiumsdiskussion für reichlich Gesprächsstoff.