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www.justament.de, 9.7.2018: Summer of ’88

Recht historisch Spezial: Vor 30 Jahren erlebte Justament-Autor Thomas Claer eine Art Initiation in Berlin

Der Verfasser mit 17 Jahren (1989), frisch angekommen im Westen.

Berlin kannte ich schon aus meiner Kindheit in den Siebzigern von gelegentlichen Besuchen bei dort lebenden Freunden meiner Eltern. Selbstverständlich war für uns nur der Ost-Teil der Stadt erreichbar. Dass es hinter dieser Beton-Mauer auch ein West-Berlin gab, das noch viel interessanter, bunter und aufregender sein musste als die ihrerseits auch schon sehr besondere DDR-Hauptstadt, ist mir wohl erst Jahre später bewusst geworden. Als Kind bedeutete Berlin für mich nur leckere Vanille-Milch in Tüten, die sonst nirgendwo in der DDR zu kriegen war, Fahrten in der S-Bahn und den gelben U-Bahn-Zügen, die seltsamerweise gar nicht unter, sondern weit über der Erde fuhren, ausgedehnte Einkäufe in der Schönhauser Allee und auf dem Alexanderplatz sowie umfangreiche Reparaturarbeiten, die mein handwerklich geschickter Vater in der Plattenbauwohnung unserer Freunde in Buch regelmäßig ausführte. Erst im Sommer 1988, im Alter von 16 Jahren, sollte ich den Osten Berlins auch noch von ganz anderen Seiten kennenlernen. Zu verdanken hatte ich dies vor allem Christel, einer guten Freundin meiner Mutter. Christel war Professorin für Biochemie an der Universität Greifswald, schon damals grauhaarig und alleinstehend und sehr wählerisch in jeder Hinsicht. Immer wenn sie etwas sagte, war sie erkennbar darum bemüht, für alles und jedes ganz unbedingt die beste und treffendste Formulierung zu finden, die sie dann mit einer überwältigen Rhetorik regelrecht zelebrierte. Sie bewohnte allein ein riesiges Haus in der Nähe der Stadt, das auf mich wie ein Palast wirkte. Schon die Architektur des Gebäudes (das wohl ein namhafter Architekt für sie konzipiert hatte) verriet einen ausgefallenen Geschmack. Die mehr als zehn großzügigen Räume waren jeweils in anderen Stilen eingerichtet. In ihnen befanden sich nur wenige Möbel, die aber dafür mal gediegen und antik, mal fein und modern waren. Darüber hinaus gab es dort dekorativ ausgestellte Krüge und Vasen, Skulpturen und Teppiche, Steine und Muscheln. Es sah großartig aus, und ich bewunderte Christels Anwesen entsprechend. Meine Mutter hingegen lästerte nach den Besuchen bei Christel, wie sie es gerne tat, dass sich ein solches Haus doch niemals sauber und in Ordnung halten lasse. Und sie habe in der Tat auch Staubflocken hinter einer Figur entdeckt. Tja, darauf konzentrierte sich meine Mutter. (Wenn sie wüsste, dass ich heute immer noch gerne mit kaputten Hosen und ungeputzten Schuhen auf die Straße gehe, würde sie sich im Grabe umdrehen.)

Christel jedenfalls war es, die mir im Sommer 1988, als ich gerade die zehnjährige DDR-Schule abgeschlossen und wegen unseres laufenden Ausreiseantrags (mein Vater war schon im Westen) kein Abitur machen durfte und mich notgedrungen für eine Kellnerlehre beim FDGB-Feriendienst angemeldet hatte, einen Vorschlag zur Gestaltung meiner Ferien machte: „Komm doch mit mir für eine Woche nach Berlin. Dort besuche ich zwei Freundinnen. Da kann ich dir die Stadt ein bisschen zeigen.“ Das klang für mich gut, und ich willigte gleich ein. Auch meine Mutter war wohl froh, dass mir auf diese Weise etwas Kultur vermittelt werden sollte. Christel hielt große Stücke von mir, seit ich mir von ihr immer wieder Bücher aus dem Westen, die für uns im Osten schwer erhältlich waren, ausgeliehen und diese regelrecht verschlungen hatte: Hoimar von Ditfurth, Gerd von Haßler, Erich von Dänicken, Konrad Lorenz… Sie mochte mich wohl auch irgendwie. Von ihr ließ ich mir auch gerne Vorträge über irgendwelche kulturellen Themen halten, die mich, wären mir meine Eltern damit gekommen, nicht die Bohne interessiert hätten. Zunächst aber verbot sie mir in jenem Sommer 1988, sie weiter „Tante Christel“ zu nennen, wie ich es bisher getan hatte. Alle Freunde meiner Eltern waren für mich damals Onkel und Tanten, so war das üblich in der DDR. Aber Christel, die schon mehrere Westreisen hinter sich hatte und überhaupt sehr westlich orientiert war, wollte auf keinen Fall „Tante“ genannt werden, was ich dann auch nicht mehr tat. Christel schimpfte eigentlich ständig auf den Osten und vergötterte den Westen. „Wir leben hier im Dreck!“, sagte sie manchmal. Und: „Im Westen sind die Menschen viel besser angezogen.“ Für alles, was mit Staat und Partei zu tun hatte, hatte sie nur Verachtung übrig. Offenbar hatte sie ihre Professur allein aufgrund fachlicher Kompetenz erlangt. Auch bei anderen Freunden meiner Eltern, fast allesamt Ärzte, stellte ich häufig eine sehr staatskritische Haltung fest. Doch es gab einen signifikanten Unterschied zwischen denen, die Kinder hatten und somit vom Staat erpressbar waren – diese waren oftmals sogar in der Partei, obwohl sie privat ganz anders redeten – und den Kinderlosen, die wie Christel kaum ein Blatt vor den Mund nahmen. Diese Gruppe traute sich das wohl auch, weil sie sich fachlich-beruflich für den Staat für unverzichtbar hielt. Doch offen rebelliert hat auch von ihnen niemand, soweit ich weiß. Hätte ich an ihrer Stelle aber wohl auch nicht unbedingt getan…

In Berlin fuhr Christel mit mir als erstes auf den Alexanderplatz, wo wir die Abendstimmung beobachteten. Ich sah viele junge Leute mit Skateboards, andere waren sehr szenig gekleidet, so punk- und gruftiemäßig. Für mich als Provinzling war bereits dieser Anblick sehr erregend. Wir fuhren weiter zur Wohnung von J. und U., Christels Freundinnen, bei denen wir uns einquartierten. Dass zwei Frauen zusammen in einer Lichtenberger Plattenbauwohnung lebten, fand ich schon bemerkenswert, so etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt. Meine Eltern kannten solche Leute nicht. U. war Zahnärztin; was J. von Beruf war, habe ich vergessen. Sie waren beide etliche Jahre jünger als Christel, vielleicht Mitte oder Ende vierzig. Sie zeigten lebhaftes Interesse an mir, verwickelten mich oftmals in ausufernde Gespräche und Diskussionen. Dabei sahen sie mich immer wieder aufmerksam von allen Seiten an und lächelten sich dabei gegenseitig zu. Mir gefiel auch die Einrichtung ihrer Wohnung. In ihrer Küche duftete es nach mir unbekannten Gewürzen. In der Nacht teilte ich mir mit Christel das Gästezimmer. Sie hatte mich vorgewarnt, aber ihr Schnarchen war dann doch ziemlich laut.

In den folgenden Tagen klapperte Christel mit mir die Museen ab: Pergamonaltar und so weiter. Auch in verschiedenen Gemäldegalerien waren wir. Und weil Christel alles so gut erklärte, blieb sogar das eine oder andere bei mir hängen. Zum Beispiel erläuterte sie mir, warum sie die Aktmalerei ganz besonders schätzte. Überhaupt der menschliche Körper…. Die Spuren der Zeit im Gesicht und auch überall sonst, die Vergänglichkeit… Ich hörte schweigend zu und traute mich nicht zu sagen, dass ich ebenfalls die Darstellung weiblicher Akte außerordentlich schätzte. Sie meinte dann, in meinem Alter könne man das in seiner Tiefe wohl noch nicht begreifen… Später standen wir vor dem abgesperrten Brandenburger Tor und sahen im Westen die Ruine des Reichtags. Christel raunte mir zu, bloß nichts Falsches zu sagen, hier werde alles abgehört. In einer Buchhandlung kaufte ich mir eine Ausgabe der „Rechtsphilosophischen Schriften“ von Immanuel Kant. Ich hätte nie geglaubt, dass so etwas frei in der DDR verkauft werden würde, aber in Berlin war es zu haben. Einzelne Passagen darin über die Despotie lasen sich wie eine wirklichkeitsgetreue Beschreibung der Verhältnisse in unserem Land. Aus dieser Ausgabe habe ich dann mehr als zehn Jahre später in meiner Doktorarbeit ausführlich zitiert.

Auf meinen besonderen Wunsch hin erklärte sich Christel schließlich sogar bereit, mit mir am letzten Tag unseres Berlin-Aufenthalts noch ein Fußball-Spiel zu besuchen: Der BFC Dynamo spielte gegen den Halleschen FC Chemie. Es war wohl der erste Stadion-Besuch ihres Lebens. Und da es der erste Spieltag der neuen Saison war, wurde im Jahn-Sportpark im Prenzlauer Berg, nur wenige Meter entfernt von der Staatsgrenze zum Wedding, vor dem Anpfiff nach einer langweilig-hölzernen Propagandarede irgendeines Funktionärs die DDR-Nationalhymne gespielt. Alle Zuschauer erhoben sich von den Plätzen. Christel zischte mir mit abfällig verzerrtem Gesicht zu, dass wir auch aufstehen müssten. Doch die Fans aus Halle machten nicht mit. Vorher hatten sie noch gestanden und gesungen, nun bei der Nationalhymne setzten sie sich demonstrativ hin. Später stimmten sie sogar noch Hohn- und Spottgesänge gegen die Nationalhymne an. Und während des Spiels riefen sie, sobald es einen Freistoß gab und sich die Abwehrmauer positionierte, in wunderbarer Doppeldeutigkeit immer wieder: „Die Mauer muss weg!“ Mir gefiel das sehr, was die sich trauten, und auch Christel, die sehr genau die bunten Fahnen und Gesänge der Fans beobachtete, schien Gefallen daran zu finden. Da wir auch noch ein abwechslungsreiches Spiel erlebten, das 2:2 endete, gingen wir frohgemut aus dem Stadion.

Damals, vor dreißig Jahren, hätte ich nie gedacht, dass ich später einmal in Berlin leben und schon überhaupt nicht, was ich dieser Stadt eines Tages alles zu verdanken haben würde. Doch diese Woche im Sommer 1988 war schon ein kleiner Vorgeschmack auf all das, was noch kommen sollte. Christel ist vor ein paar Jahren gestorben, noch vor meinen Eltern. Verheiratete leben länger. Sie wurde unter einem Baum auf der Insel Rügen bestattet. Spirituell-esoterisches Naturbegräbnis. So hatte sie es sich ausgesucht.

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Kritik: Keine Unrechtsideologie?

Bericht über meinen Vortrag im „Roten Ochsen“ auf dem Halle-Forum 2011 zum Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“ in der Zeitschrift „der stacheldraht“, Nr. 9/2011:

http://www.uokg.de/download/20280

Gefährliche Tendenzen deutscher Geschichtsdarstellung

Das Halle-Forum 2011 beschäftigte sich mit dem Thema „War die DDR ein Unrechtsstaat? Diskursive Forschung versus ostalgische Verklärung“. Den Eröffnungsvortrag hielt der Berliner Jurist und Herausgeber der Zeitschrift „Justament“, Dr. Thomas Claer. Nach eigener Auskunft selbst ein Kind der DDR, reiste er später in die Bundesrepublik aus und schlug dort eine akademische Laufbahn als Rechtstheoretiker ein.

Dr. Claer erwies sich als einer derjenigen „diskursiven Forscher“, die auf die Hauptfrage der Veranstaltung eine negative Antwort geben und entsprechend argumentieren. Nein, so Claers grundlegendes Fazit, die DDR war kein Unrechtsstaat! Diese Charakteristik treffe nur für eine bislang bekannte Diktatur zu, nämlich für Nazi-Deutschland, für die damit verbundenen Verbrechen, die singulär seien und für die es nichts Vergleichbares gäbe. Vor Beginn seines Vortrages ließ der Jurist für jeden Teilnehmer der Tagung ein Thesenpapier zur Verfügung stellen: „Warum eine differenzierende Betrachtung weder die DDR verharmlost noch die Würde der Opfer verletzt“. Claer verliert sich dort in einer Reihe rechtstheoretischer Betrachtungen, die schließlich in zwei ausschlaggebenden Thesen gipfeln: 1. Das letztlich entscheidende Merkmal eines „Unrechtsstaates“ ist eine „Unrechtsideologie“; der „Unrechtsstaat“ sei mehr als nur „Nicht-Rechtsstaat“. 2. Ein „Unrechtsstaat“ müsse Unrecht im Sinne der Radbruchschen Formel zielgerichtet produzieren.

Doch was heißt das konkret? Eigenartigerweise blieb der Referent diesbezüglich eine Erklärung schuldig, gab aber den lapidaren Hinweis, daß genau das, was nach Radbruch „unerträgliches Unrecht“ sein soll, „hier leider ausgespart bleiben“ muß. Dennoch: Durch die Hintertür formuliert Claer eine klare und unmißverständliche Antwort, die aufhorchen und zugleich erschaudern läßt.

Er sieht im Marxismus als politikbestimmende und etablierte Weltanschauungsdoktrin in der DDR eben keine Unrechtsideologie als Grundlage für eine machtbesessene Parteinomenklatur. Im Gegenteil: Claer behauptet allen Ernstes die Gleichartigkeit der Zielsetzungen des westlichen Liberalismus und des Marxismus als angeblicher „Weltbefreiungsideologie“. Die DDR wird somit als „fehlgeschlagenes Experiment“ verklärt – zugegeben mit „viel Leid“ für die Opfer des Systems (unermeßliches Leid, das also in einer Werteskala offenbar nur von minderwertigem Range ist). Denn schließlich war und ist es eine gute Idee, die dem Ganzen zugrunde lag, folgt man der erschreckenden Logik Claers, der den zahlreichen Meinungsbekundungen und Entgegnungen der Teilnehmer des Halle-Forums wohl kaum zu folgen in der Lage war.

Claer beruft sich in seinem Vortrag auf die Traditionen der Aufklärung und der Moderne – und damit auch auf Karl Marx, den er hier verwurzelt sieht. Natürlich – Marx war ein Kind seiner Zeit, doch er war zugleich visionärer Machtmensch, der die Utopie des neuen Menschen hervorbrachte. Der Marxismus zielte auf alles andere als auf Rechtsstaatlichkeit oder Aufklärung. Der „bürgerliche Rechtsboden“ war ihm suspekt, Freiheit, Gerechtigkeit und Demokratie galt es zu überwinden – nicht herzustellen, wie es Claer suggeriert. Und dafür definierte Marx völlig andere Bezüge, sein Denken und Handeln galt nicht dem „Diskurs der Moderne“, auf den sich Claer immer wieder beruft, sondern auf deren Überwindung und schließlich Vernichtung, denn Diskurs heißt auch Offenheit. Doch von einer offenen Gesellschaft kann man in Anlehnung an den großen Geisteswissenschaftler Karl Popper weder im Marxismusbild des 19. Jahrhunderts noch in dem des realen Sozialismus in der DDR sprechen. Nicht liberale Individualität, sondern das kollektive Diktat bestimmte den Marxismus, und das auch mit strafrechtlichen Mitteln. Ein Gespür für die politische Strafjustiz in der DDR war indes den Ausführungen Claers nicht zu entnehmen. Das kommt wohl auch nicht von ungefähr. Schließlich war es der Bundesgerichtshof selbst, der nach 1990
DDR-Unrecht quasi im Nachhinein legalisierte.
Man fühlt sich fast an die Worte eines bekannten Politikers erinnert, der einmal sagte: „Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein.“ Und in diesem Kontext verweist nun Claer auf Radbruch: Unrecht ja, wenn es „unerträglich“ ist. Was das konkret heißt, ist bis heute umstritten. Nur eines scheint klar und politisch korrekt zu sein: der Unrechtsstaat ist aus diesem Verständnis oder vielleicht besser Unverständnis heraus gesehen einmalig präsent und kann nur am Dritten Reich festgemacht werden, also, was nicht sein kann, das nicht sein darf…

Der Einblick in die Denkweise und in den akademischen Diskurs an deutschen Universitäten und Hochschulen, namentlich durch den Vortrag Dr. Thomas Claers, der sich auf zahlreiche seiner Zunftkollegen beruft und mit diesen in Einklang steht, mag für die Teilnehmer des Halle-Forums – die wie ich selbst Opfer der Willkürjustiz der SED waren – sowohl ernüchternd als auch erschreckend und äußerst befremdlich gewesen sein. Für die deutsche Geschichtsdeutung ist dieses Statement fatal!

Dr. Claer möchte ich auffordern, einerseits die „Würde der Opfer“ mit derartigen Verlautbarungen, wie vorgetragen, nicht in Frage zu stellen, denn es gibt keine Opfer erster und zweiter Klasse. Andererseits möge er den breiteren Diskurs zur Thematik ernst nehmen. Eine „differenzierende“ Betrachtung ist nötig und erschöpft sich keineswegs in einem politischen Schlagabtausch, sie ist aber auch wichtig und erforderlich, um die verbrecherischen Diktaturen des 20. Jahrhunderts in Deutschland und ausgehend von deutschem Boden zu verstehen, namentlich die Verwurzelung der ideologischen Vordenker der Linkspartei.

Doch den Anfängen zu wehren hat die deutsch-deutsche Zivilgesellschaft nach dem Untergang des Kommunismus als Staatsgebilde vor über zwanzig Jahren offenbar längst verpaßt.

Dr. Georg Beyer, Gevelsberg
(Roter Ochse 1974/75, Cottbus bis 1976)

 

Richtigstellungen:

Ich bin nicht Herausgeber, sondern verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Justament. Von einer “akademischen Laufbahn als Rechtstheoretiker” kann nicht unbedingt die Rede sein. Ich habe nie behauptet, dass es keine weiteren “Unrechtsstaaten” außer dem Dritten Reich gebe oder gegeben habe; nur für Deutschland habe ich diese Aussage getroffen. Die absolute Singularität der Nazi-Verbrechen, für die es nichts Vergleichbares gebe, habe ich ebenfalls nicht behauptet. Die “Unrechtsideologie” ist für mich keineswegs das entscheidende Merkmal eines “Unrechtsstaates”, sondern nur eins unter vielen. Entscheidend (wenn auch nicht alleinentscheidend) ist sie bei mir nur für die Kategorisierung DDR als kein “Unrechtsstaat”. Was “unerträgliches Unrecht” bei Radbruch im einzelnen bedeutet, musste ich im Vortrag aussparen, weil es zeitlich völlig den Rahmen gesprengt hätte. Wer mag, kann es in meinem Buch “Negative Staatlichkeit” (Hamburg 2003) sehr detailliert nachlesen. Die These der Gleichartigkeit zentraler Zielsetzungen des Marxismus und westlichen Liberalismus stammt übrigens vom dezidiert konservativen Kulturphilosophen Günther Rohrmoser, der alles andere als ein Marxist oder DDR-Versteher war. Dass der Marxismus eine Art Weltbefreiungsideologie ist, lässt sich m.E. kaum vernünftig bestreiten. Dass er praktisch auch als Unterdrückungsideologie gewirkt hat, ebensowenig. Eine Verklärung der DDR liegt mir völlig fern, was auch ihre Kategorisierung in meinem Vortrag als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitärer Staat beweist. Dass der Marxismus von Anfang an bereits den Keim des Totalitären in sich trug, bestreite ich ebenfalls nicht. Wohl aber, dass er sich darauf reduzieren lässt. Dass der Marxismus von Anbeginn keine “offene Gesellschaft” im Sinne Karl Poppers (den ich ganz besonders schätze) im Sinn hatte, würde ich auch unterschreiben. Daraus folgt aber nur, wenig überraschend, dass er kein Liberalismus war. Der Konservatismus des 19. Jh. strebte sicherlich noch weniger eine “offene Gesellschaft” an als der Marxismus. Mir ist nicht klar, warum es die Würde der Opfer verletzen soll, wenn man die DDR “nur” als Nicht-Rechtsstaat, Diktatur und totalitären Staat, aber nicht als Unrechtsstaat ansieht. Nach meiner Meinung folgt daraus auch keineswegs eine Unterscheidung von “Opfern erster und zweiter Klasse”.

Thomas Claer, Berlin, 1.7.2018 

www.justament.de, 6.11.2017: 100 Jahre Russische Revolution

Recht historisch Spezial: Justament-Autor Thomas Claer erinnert sich an den 70. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ vor 30 Jahren

Steht ein besonderes Jubiläum ins Haus, dann sollte man rechtzeitig mit den Vorbereitungen beginnen. Das lernte ich bereits in der Schule, als unser Kunsterziehungslehrer vor ziemlich genau 31 Jahren, im Herbst 1986, vor versammelter Klasse verkündete: „Im nächsten Jahr begehen wir den 70. Jahrestag der Oktoberrevolution. Und dazu sollt ihr nun jeder ein Poster entwerfen.“ Das war keine ganz leichte Aufgabe für einen Neuntklässler ohne künstlerische Begabung, der ich damals war. Meine Noten in diesem Fach lagen nur dank der Kunstinterpretationen, also dem mir weitaus mehr liegenden gepflegten Geschwafel über Werke berühmter Maler oder Bildhauer, im erträglichen Bereich. Und nun sollte ich ein Poster zeichnen. Aber glücklicherweise gab es ja noch meinen Vater, für den solche Herausforderungen ein Klacks waren. Sehr gelegen kam mir, dass wir die Kunstwerke, an denen wir gerade arbeiteten, zwischen den Kunstunterrichtsstunden zur weiteren Ausgestaltung mit nach Hause nehmen durften. Mein Vater brauchte kaum eine Minute, da hatte er schon die rettende Idee: Er zeichnete mit dem Bleistift den Panzerkreuzer Arora, im Wasser liegend, aus dem Schornstein in seiner Mitte stieg als Rauchwolke die Zahl 70. Drumherum ein paar Fahnen, die später noch rot auszumalen waren, darunter die Beschriftung „Große Sozialistische Oktoberrevolution“ – fertig. Mein Kunstlehrer war begeistert. Eine Glanzleistung, für die ich die Note 1 bekam.

Nun gab es aber in den folgenden Monaten zwei Ereignisse, die mein Revolutionsplakat und seine Benotung nachträglich in einem anderen Licht erscheinen ließen. Zum einen beging mein Vater, der mir gerade noch – zu rein schulischen Zwecken – bei der Glorifizierung der Oktoberrevolution geholfen hatte, kurz nach Weihnachten Republikflucht. Er kam von einem Besuch meiner Oma in Westdeutschland, der ihm immerhin von den DDR-Behörden genehmigt worden war (vielleicht ja, weil er Frau und Kind im Osten zurückließ), nicht mehr zurück. Kurz darauf stellte meine Mutter für sich und mich den berühmten Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung. Von nun an waren wir in der DDR so etwas wie Staatsfeinde.

Zum anderen wurde mein Kunstlehrer, der außerdem noch Deutsch und Englisch unterrichtete (ausgerechnet die Sprache des Klassenfeindes!) zum neuen Schuldirektor befördert, nachdem der bisherige Amtsinhaber, ein nervöser Kettenraucher, der ständig herumschrie, an einem Magengeschwür verstorben war.

Der Sozialismus und ich – das ist eine lange Geschichte, in der nun, zum Jahreswechsel 1987, im 70. Jahr nach der Oktoberrevolution, ein neues Kapitel aufgeschlagen wurde. So richtig überzeugt von der „wissenschaftlichen Weltanschauung der Arbeiterklasse“ war ich wohl – trotz aller Gehirnwäsche, der ich in diesem Lande fortwährend ausgesetzt war – nicht einmal in den unteren Schulklassen. Beim Fahnenappell, als immer wieder von der unverbrüchlichen und ewig währenden Freundschaft zwischen unserer DDR und der Sowjetunion die Rede war, stellte ich mir schon als ca. Neunjähriger die ketzerische Frage, wie das denn sein könne mit der „Ewigkeit“. Es erschien mir dann doch höchst fragwürdig, ob diese beiden Staaten wirklich für alle Zeiten Bestand hätten, auch noch in 100 oder in 1000 Jahren. Allerdings ahnte ich damals nicht, dass es sie alle beide schon in 10 Jahren nicht mehr geben würde…

Diese Fahnenappelle, auf denen man manchmal eine geschlagene Stunde draußen in der Kälte herumstehen und langweilige propagandistische Reden ertragen musste, hatten zwar den von manchem meiner Mitschüler empfundenen Vorteil, dass dafür eine Stunde regulärer Unterricht ausfiel. (Es gab solche Appelle in unregelmäßigen Abständen, ca. alle zwei Monate, zu irgendwelchen Anlässen.) Mir waren sie aber immer sehr unsympathisch. Besonders seit ich einmal als sehr junger Schüler erleben musste, wie drei ältere Schüler sich vor allen versammelten Klassen der Schule vorne hinstellen mussten und unter den in barschem Ton vorgebrachten Anschuldigungen des Direktors von der Schule verwiesen wurden. Ihr Vergehen: Sie hatten sich einen Jux gemacht, indem sie eine Wandzeitung auf frevelhafte Weise veränderten. Dort hatte ursprünglich so etwas gestanden wie: „In fester Solidarität zur ruhmreichen UdSSR!“ und „Wider die Lügen des USA-Imperialismus!“ Und sie hatten ein paar Buchstaben vertauscht, so dass dort anschließend zu lesen war: „In fester Solidarität zur ruhmreichen USA!“ und „Wider die Lügen des UdSSR-Imperialismus!“ Als der Direktor den „Tatbestand“ schilderte, bemerkte ich, wie mehrere ältere Schüler dabei grinsen mussten…

Jahre später war ich selbst eine Zeit lang Wandzeitungsverantwortlicher im Pionierrat und hatte mit zwei Mitschülerinnen die politische Wandzeitung unseres Klassenraumes zu gestalten. Das Thema war meistens vorgegeben. Ich bemühte mich damals, da mir die Gefahr bewusst war, sich bei einem ideologischen Fehltritt großen Ärger einzuhandeln, sozusagen um Subversion durch übertriebene Erfüllung der Vorgaben. Ich textete also für die Wandzeitung Überschriften und Beiträge in so grotesker Floskelhaftigkeit, dass sie selbst die Artikel im „Neuen Deutschland“ in den Schatten stellten. Immer wieder benutzte ich Adjektive wie „heldenhaft“, „ruhmreich“ „unerschütterlich“, auch dort, wo es überhaupt nicht passte. Doch niemand schien meine Übertreibungen und Veralberungen zu bemerken. Meine Mitschülerinnen waren froh, dass ich für sie so schnell einen passenden Text schrieb, die Lehrerin fand ihn sehr schön, und auch sonst nahm keiner daran Anstoß. (Es interessierte wohl auch niemanden besonders, was genau dort geschrieben stand, Hauptsache es machte keinen Ärger.)

Von meinen Eltern war ich weder für noch gegen den Sozialismus erzogen worden, nur zur unbedingten Vorsicht. „Pass bloß auf, was du in der Schule sagst“, war ihr fortwährendes Mantra. Dabei war mein Vater noch weitaus ängstlicher als meine Mutter. Als diese mir einmal den Unterschied zwischen „Arbeitgebern“ und „Arbeitnehmern“ erklärte – diese Begriffe hatte ich in den Westnachrichten aufgeschnappt, die ich schon als Kind stets mit großem Interesse verfolgte – intervenierte mein Vater umgehend und rief aufgeregt: „Was erzählst du ihm denn da?! Das kann man auch genau andersherum sehen, wer die Arbeit gibt und nimmt! Sei bloß vorsichtig!“ Und ich solle das ja nicht in der Schule erzählen. Zwanzig Jahre später, lange Jahre nach der Wiedervereinigung, las mein Vater meine Dissertation Korrektur und fragte mich an einer Stelle, wo es um so etwas wie (berechtigte) Kapitalismuskritik ging: „Sag mal, musst du das hier so  formulieren? Kriegst du da keinen Ärger??“ Dass ich im Westen einen marxistischen Doktorvater hatte, der meine Formulierung wohl eher noch zu mild gefunden hätte, konnte er sich nicht vorstellen…

Nein, ich war nicht einmal als Schüler ein gläubiger Sozialist. Und doch: Was ich gar nicht mochte, war der weit verbreitete Zynismus meiner Mitschüler. Viele von ihnen hatten für alles, was aus unserem Staat stammte, nur Verachtung übrig. Alles, was aus dem Westen kam, war in ihren Augen haushoch überlegen. Vor allem galt das für die Qualität des Fußballs. Auch wenn sie objektiv gesehen völlig Recht hatten, empörte es mich, eine so schlechte Meinung vom eigenen Land zu haben. Und so stritt ich mit ihnen regelmäßig und verteidigte vehement „unseren Fußball“. Nahezu alle Jungs unserer Klasse waren Fans des Hamburger SV oder des FC Bayern München. Nur ich allein hielt zu „unserem“ FC Hansa Rostock. Ich muss zugeben, dass es mir wohl auch aus diesem Grunde ein Jahrzehnt später eine tiefe Genugtuung bereitete, als nach der Wende „mein“ FC Hansa in der Bundesliga die Münchener Bayern sensationell mit 2:1 im Olympiastadion bezwang…

Irgendwann, wohl ca. in der 6. Klasse, ging es los mit der Berufsberatung. Ich wollte Journalist werden, am liebsten Sportreporter. „Dann musst du drei Jahre zur Armee“, sagte man mir. „Sonst wird das nichts.“ Für mich war das eine ziemlich schreckliche Vorstellung. Aber ich erinnere mich noch genau, wie ich mich schließlich zu dem Entschluss durchrang, notfalls in diesen sauren Apfel zu beißen. (Es war ein bisschen so ähnlich wie später beim Entschluss zum Jurastudium. Der Zweck heiligt manchmal die Mittel.) Aber glücklicherweise musste ich dann niemals zur Armee, weil nach Stellung unseres Ausreiseantrags alle meine Karriereplanungen in diesem Staate hinfällig geworden waren.

Abschließend noch einmal zurück zu meinem Kunst- und Englischlehrer, dem späteren Schuldirektor. Wenn ich so zurückdenke, dann hat er auf seinen Ansprachen beim Fahnenappell mitunter ganz erstaunliche und weitsichtige Dinge gesagt. Natürlich war auch er, wie alle anderen Lehrer, die ich im Osten erlebte, sehr autoritär – im krassen Gegensatz zu den Lehrern auf dem Bremer Gymnasium, das ich nur zwei Jahre später besuchten sollte. Gewiss, auch dieser Direktor mag politische Phrasen gedroschen haben, weil das so von ihm erwartet wurde. Aber dann redete er auch vom „lebenslangen Lernen“, das uns mit Sicherheit bevorstehe. Unsere Abschlussprüfung in der 10. Klasse sei nur die erste von unzähligen weiteren Prüfungen, die uns im Leben noch erwarteten. Besonders betonte er den rasanten technischen Wandel, der jedem von uns eine ständig neue Umstellung abverlange. „So wie wir heute einen Kühlschrank und eine Waschmaschine und einen Fernseher im Haushalt benutzen, wird eines Tages der Computer ein selbstverständlicher Alltagsgegenstand werden.“ Ja, jeder von uns werde irgendwann selbst einen Computer haben und müsse dann lernen, damit umzugehen. Und wir dachten etwas irritiert an die schrottigen DDR-Computer, mit denen wir es bislang zu tun hatten… Auf den US-Imperialismus hat er, soweit ich mich erinnere, niemals geschimpft. Und die Freundschaft zur Sowjetunion kam bei ihm auch nur ganz am Rande vor. Vielleicht hatte er ja schon eine Vorahnung, was bald geschehen sollte…

Eigentlich hätte ich in diesem „Memoir“, wie man das heute nennt, noch weitaus mehr zu berichten. Aber der Abgabetermin naht, der 7. November, der Jahrestag der Oktoberrevolution. (Für die Westdeutschen, Zugewanderten und Nachgeborenen: Die Oktoberrevolution fand ungeachtet ihres Namens tatsächlich erst im November statt, nur galt seinerzeit in Russland noch der julianische Kalender, wonach es dort der 25. Oktober war. Das lernte in der DDR jedes Kind in der Schule. Heute wissen es nur noch Experten.) Hätte ich also rechtzeitig vor dem Jubiläum zu schreiben begonnen und nicht erst ein paar Tage vorher, dann wäre womöglich ein ganzes Buch herausgekommen mit dem Titel „Der Sozialismus und ich. Eine Jugend in der DDR“. Ja, man sollte rechtzeitig vor dem Jubiläum mit seinen Vorhaben beginnen, auch hierin hatte mein damaliger Kunstlehrer also recht. Aber vielleicht schreibe ich dieses Buch ja trotzdem noch, dann eben verspätet. Oder zum 30. Jahrestag des Mauerfalls in zwei Jahren…

Salzgitter Zeitung, 27.9.2015: Jurist: Diktatur – kein Unrechtsstaat

Bericht über meinen Vortrag am 26.9.2015 bei den 21. Helmstedter Universitätstagen zum Thema “Die schwierige Einheit”

Adresse dieses Artikels: http://www.salzgitter-zeitung.de/helmstedt/article152035665/Jurist-Diktatur-kein-Unrechtsstaat.html#

Helmstedt.  Ein Anwalt sorgt mit seiner Definition für Diskussionen.

Von Stefani Koch

27.09.2015 – 16:44 Uhr

Referierte zum Thema „Unrechtsstaat“: der Jurist Thomas Claer.

War die DDR ein Unrechtsstaat? Der Jurist Dr. Thomas Claer sagt: Nein. Und eckt mit dieser Meinung bei den Helmstedter Universitätstagen durchaus an. Schließlich hatte die Mehrheit der Besucher seines Vortrages eingangs die Hand gehoben, als er fragte, wer die DDR für einen Unrechtsstaat halte.
Eine Definition des Begriffes allerdings hatte er zunächst nicht mitgeliefert. Aus juristischer Sicht beleuchtete der 1971 in Wismar geborene Claer dann das Thema. Wichtigstes Kriterium für Claer: Einem Unrechtsstaat müsse auch eine Unrechts-Ideologie zugrunde liegen. Und das sei in der DDR nicht der Fall gewesen. „Die DDR sollte ein Staat der Arbeiter und Bauern sein. Ein Staat, in dem alle Menschen gleich sind“, erklärte der Jurist seine Sicht der Dinge. Gestattete jedoch auch die Frage, ob das nicht eine Verharmlosung der DDR sei. „Eigentlich nicht. Meiner Meinung nach wird nur differenziert.“ Festhalten könne man aus seiner Sicht, dass die DDR eine Diktatur war. Ebenso ein „Nicht-Rechtsstaat“ und ein totalitärer Staat. Und ein Verbrecher-Staat? „Die DDR war ein Staat, der politische Verbrechen beging, aber eher in bescheidenem Umfang“, argumentierte Claer. Und: „Die DDR hat Aktenberge hinterlassen – keine Leichenberge. Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu zynisch: Wenn schon, dann Leichenhügel.“
Unrechtsstaaten seien seiner Definition nach das Dritte Reich sowie unter anderen die Sowjetunion unter Stalin – tendenziell –, China unter Mao – ebenfalls zumindest tendenziell – und Nordkorea (tendenziell).
Allerdings sei das Kind in Sachen DDR in der öffentlichen Meinung längst in den Brunnen gefallen. Im alltäglichen Sprachgebrauch sei der Begriff Unrechtsstaat längst übernommen worden. „Mir geht es in diesem Zusammenhang einzig und allein um eine differenzierte Betrachtungsweise.“ Und die sorgte in der Pause und der Abschließenden Podiumsdiskussion für reichlich Gesprächsstoff.

www.justament.de, 14.11.2016: Für ihn war die Freiheit kein Arschwischpapier

Zum 80. Geburtstag von Wolf Biermann. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

ADN-ZB/Grubitzsch/1.12.89/ Leipzig: Biermann-Konzert/ Der Liedermacher, der nach jahrelangen Auftrittsverboten 1976 während einer BRD-Tournee ausgebürgert worden war, trat zum erstenmal wieder in der DDR auf. In der Messehalle 2 wurde er von den etwa 5.000 Besuchern mit einem Beifallsorkan empfangen. (siehe auch 47N)

Zum ersten Mal sah und hörte ich Wolf Biermann in den späten Achtzigerjahren im Westfernsehen. Es muss wohl in der ZDF-Sendung „Kennzeichen D. Deutsches aus Ost und West“ gewesen sein. Jedenfalls war dieser nur wenige Minuten währende Auftritt des ein Jahrzehnt zuvor aus der DDR ausgebürgerten Liedermachers für mich eine regelrechte Offenbarung. Klar, für einen fünfzehn- oder sechzehnjähriger Jugendlichen im Osten, der dem eigenen Staat sehr misstrauisch gegenüberstand, war es überaus elektrisierend, wenn da einer im Leitmedium des Klassenfeindes sang: „Für mich ist die Freiheit kein Arschwischpapier“.
Vielleicht fehlten mir ja damals in der DDR einfach nur die richtigen Kontakte, jedenfalls ist es mir seinerzeit nicht gelungen, das zu bekommen, worauf ich so scharf war: Musik von Wolf Biermann. Was hätte ich gegeben für ein paar Biermann-Songs, überspielt – wie es damals üblich war – von Kassettenrekorder zu Kassettenrekorder in erbärmlicher Tonqualität, aber keiner, den ich kannte, hatte welche. Und schon gar nicht meine Eltern, deren Freunde manchmal wissend von der Zeit der Biermann-Ausbürgerung erzählten, an die ich als Spätgeborener natürlich keine Erinnerungen hatte. Alle fanden es viiiel zu gefährlich, so etwas wie Biermann-Musik auch nur zu besitzen. Und wie oft hörte ich von ihnen: „Pass bloooß auf, was du in der Schule erzählst!“
Als ich dann ein oder zwei Jahre später – wenige Monate vor dem Mauerfall – im Westen angekommen war, hatte ich allerdings den Eindruck, dass sich dort niemand außer mir für Wolf Biermann interessierte. In einem Second-Hand-Schallplattenladen in der Nähe unserer Wohnung fand ich unter B wie Biermann gut und gerne zehn verschiedene Biermann-Platten, die alle schon etwas angestaubt waren. Ich kaufte sie gleich komplett für acht Mark pro Stück und opferte dafür fast mein ganzes Taschengeld. Später auf einem Flohmarkt erstand ich für ein paar Mark sogar einen ganzen Stapel weiterer Biermann-Platten, die mir noch fehlten.
Als dann kurz darauf die Wende kam und im SPIEGEL ständig Essays von Wolf Biermann zu lesen waren, der nun als Sachverständiger die sich anbahnende deutsche Einheit kommentierte, hörte ich meine Biermann-Platten rauf und runter. Besonders gefiel mir seine kritische Auseinandersetzung auch mit den Zuständen im Westen, in dem er seit 1976 unfreiwillig lebte: „Dort stinkt die Macht – na und, hier stinkt das Geld/ egal, wo es mehr stinkt auf der Welt/ Ich bleib immer der aus’m Osten.“ In einer ähnlichen Rolle muss ich mich damals als frisch im Westen Angekommener wohl auch gefühlt haben, zumal meine westdeutschen Mitschüler und Altersgenossen ganz überwiegend mir und insbesondere meiner Herkunft ein – für mich völlig unbegreifliches – Desinteresse entgegengebrachten. Wie neugierig war ich, wohl meine gesamte Kindheit und Jugend lang, auf echte Westkinder und –jugendliche gewesen. Und wie herzlich egal war ich denen nun, als ich ihnen begegnete. Einen gab es aber doch, der großes Interesse an der DDR hatte und mich sehr genau über alles ausfragte: meinen Mathe-Lehrer auf dem Gymnasium. Er war ein eher untypischer Mathe-Lehrer, mit langen Haaren und Nickelbrille, immer in Jeans und Pullover. Und zwischen den Mathe-Aufgaben erzählte er ständig alte Geschichten von1968. Oh, wie viel Wolf Biermann er damals immer gehört habe. Und wie freute er sich, als ich ihm verriet, dass ich alle Biermann-Platten kannte und besaß, bis auf die Live-LP von 1976 vom Konzert vor seiner Ausbürgerung. Ha, und genau dieses Konzert habe er, mein Mathe-Lehrer, damals, 1976, aus dem Radio mitgeschnitten – und zwar auf Tonbänder, denn damals habe er noch keinen Kassettenrekorder besessen. Und er werde ganz bestimmt irgendwann seine alten Tonbänder alle auf moderne Audio-Kassetten überspielen und dabei auch eine Kassette vom legendären Biermann-Konzert von 1976 für mich aufnehmen. Ich nahm ihn beim Wort und fragte ihn später noch einige Male, ob er es denn schon geschafft habe. Manchmal fing er auch selbst davon an, wenn wir irgendwie auf das Thema kamen, was häufig der Fall war. Doch, er werde das mit den Tonbändern ganz bestimmt irgendwann mal in Angriff nehmen, aber es sei nun einmal ziemlich umständlich… Als ich drei Jahre später mein Abitur ablegte, hatte er es noch immer nicht geschafft. Ein paar Jahre später kaufte ich die Platte mit dem Biermann-Konzert von 1976 für eine Mark auf einem Flohmarkt. Und heute findet man ja eh alles, sogar noch mit bewegten Bildern, im Internet auf YouTube.
Wenn ich mir heute die alten Biermann-Lieder wieder anhöre, und ich habe das, bevor ich nun wieder darauf gekommen bin, schon viele Jahre nicht mehr getan, dann bin ich mir längst nicht mehr sicher, ob mir das alles noch so gut gefällt wie damals. Ist schon ziemlich pathetisch, das Ganze. Und diese ausgestellte ostentative Großmäuligkeit… Früher ist mir das entweder gar nicht aufgefallen oder es störte mich nicht so sehr. Nur wer sich ändert, bleibt sich treu! Alles Gute, Wolf Biermann, zum Achtzigsten!

www.justament.de, 25.4.2016: Alles nicht so schlimm?!

Vor 30 Jahren ereignete sich die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

TschernobylAm 26. April 1986, dem Tag der schweren Nuklearkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl, war ich 14 Jahre alt und besuchte die achte Klasse der „Polytechnischen Oberschule“ eines kleinen mecklenburgischen Dorfes nahe der Grenze zur BRD. Ich würde mich als auch damals schon politisch sehr interessiert bezeichnen. Meine Informationen bezog ich in erster Linie aus dem Westfernsehen, das damals auf drei Kanälen für uns zu empfangen war. (Das Privatfernsehen mit seinen Verlockungen für junge Menschen sollte schon bald darauf hinzukommen, aber im Frühjahr 1986 empfingen wir, wenn ich mich richtig erinnere, noch kein RTL und SAT1.) Ich las auch damals schon gerne Zeitungen, allerdings notgedrungen nur die gleichgeschaltete DDR-Presse. Hier war für mich eigentlich nur der Sportteil interessant. Den Rest überflog ich allenfalls flüchtig, ihn empfand ich als völlig ungenießbar…

Natürlich war für einen aufgeweckten DDR-Jungen inmitten der grauen sozialistischen Tristesse der bunte Westen auf dem Bildschirm eine einzige Verlockung. Ich muss auch zugeben, seinerzeit durchaus empfänglich für die Konsumreize des westlichen Werbefernsehens gewesen zu sein. Schon in den unteren Schulklassen hatte ich eine Menge an Reklamespots und –Gesängen auswendig gekonnt, wahrscheinlich mehr als irgendein Westkind. Doch mit zunehmendem Alter erwies sich für mich auch die westliche Politik als sehr reizvoll – mit ihren kontroversen Debatten und Auseinandersetzungen, die im scharfen Kontrast zum steifen und langweiligen Einheitsbrei der DDR-Politik standen. Besonders anziehend waren für mich aber von Anfang an „Die Grünen“, dieser bunte Haufen mit seinen wehenden Kleidern, zotteligen Bärten und langen Haaren, der seit den frühen Achtzigern die westdeutschen Parlamente aufmischte. Die ganz überwiegend ablehnenden Kommentare über diese Bewegung sowohl aus meinem näheren Umfeld als auch – insbesondere – von unserer West-Verwandtschaft weckten erst recht mein Interesse an ihr.

Und dann berichteten plötzlich die West-Nachrichten von einem mutmaßlichen Unfall in einem sowjetischen Atomkraftwerk. Immer neue Sondersendungen wurden ausgestrahlt. Detaillierte Grafiken gaben Auskunft über die Verbreitung der Strahlenwolke bis weit nach Westeuropa. Gesundheitsexperten informierten darüber, welche Gemüsesorten man wegen Verstrahlung lieber nicht essen sollte. Auch Kinder sollten keinesfalls mehr in Sandkästen spielen. So ging das tage-, ja wochenlang. Nun lag bekanntlich unsere DDR eindeutig östlich von der kollektiv alarmierten Bundesrepublik und damit noch deutlich dichter als diese an der Ukraine, aus der die mysteriöse Strahlung stammte. Doch in den DDR-Medien kam die Nuklearkatastrophe praktisch nicht vor. Nur ganz beiläufig erschien eine kurze Notiz in der Zeitung, wonach es keinerlei Grund zur Besorgnis gebe, es sei nichts Schlimmes passiert und die Situation vollkommen unter Kontrolle.

Natürlich befragten wir in der Schule unsere Physiklehrerin, eine wirklich sympathische, wenn auch ziemlich strenge Dame. Ach, das mit der Radioaktivität sei nun wirklich nicht so schlimm, klärte sie uns auf. Marie Curie habe schließlich auch immer ein strahlendes Stück Plutonium in der Tasche gehabt, und ihr habe es ja auch nicht geschadet. Besonders linientreue Lehrer ermahnten uns auch, wir sollten uns keinesfalls von der Hysterie aus den westlichen Medien beeinflussen lassen. Diese hätten ein Interesse daran, die Sowjetunion in ein schlechtes Licht zu rücken. Niemand müsse sich irgendwelche Sorgen machen, es sei ganz bestimmt alles in Ordnung.

In den Wochen und Monaten darauf setzte im Westfernsehen eine Debatte über die Zukunft der Atomenergie ein. Sehr interessiert verfolgte ich die einschlägigen Talkshows und kannte schon bald alle Argumente pro und contra. Und als bald darauf im Deutschunterricht das Thema „Kurzvorträge“ an der Reihe war und jeder von uns ein zehnminütiges Referat über ein beliebiges Thema halten sollte, da fasste ich den waghalsigen Entschluss, über die Zukunft der Atomenergie zu reden. Ich positionierte mich dann in meinem Vortrag als gemäßigter Atom-Kritiker und plädierte zwar nicht für einen sofortigen Atomausstieg der DDR, aber doch für einen schrittweisen Ausstieg innerhalb von zwanzig Jahren. Das war nach damaligen Maßstäben eine ungeheuerliche Provokation. Nun muss ich einräumen, dass ich eigentlich kein besonders mutiger Mensch bin, aber eine Mischung aus jugendlichem Leichtsinn und aus ehrlicher Empörung über die ständige Verharmlosung des Themas in unserem Lande trieb mich zu diesem riskanten Schritt. Es muss wohl auch noch vor der Republikflucht meines Vaters Ende 1986 und unserem darauffolgenden Ausreiseantrag gewesen sein. Ich hatte also noch davon auszugehen, mein restliches Leben in der DDR zu verbringen. So gesehen war es wirklich nicht besonders schlau, mit solch einer Aktion negativ aufzufallen und mir womöglich meine Zukunft in diesem Staat zu verbauen…

Es herrschte Totenstille im Klassenraum, als ich über dieses Thema sprach. Ich glaube, alle waren schockiert, dass jemand sich so etwas traute. Die Deutschlehrerin ließ mich ausreden. Auch für sie war das natürlich eine heikle Situation. Nach dem Vortrag fragte sie die Klasse, was denn von meinen Ausführungen zu halten sei. Erwartungsgemäß gab es niemanden, der mich unterstützte. Die meisten blickten nach unten und waren froh, dazu nichts sagen zu müssen. Einige strebsame Mädchen verurteilten meine Position. Die DDR könne nicht ohne Kernenergie auskommen und im Sozialismus seien die Gefahren doch schließlich in den Griff zu bekommen. Die Lehrerin pflichtete ihnen bei und leitete über zum nächsten Vortrag. Nach der Stunde kamen einige Mitschüler zu mir und äußerten sich anerkennend über meinen Vortrag. Ich habe nie erfahren, ob mein Referat irgendwelche negativen Folgen für mich hatte. Auf meine Deutschnote hatte es jedenfalls keine Auswirkungen, zumal mich die Deutschlehrerin als besonderen Leistungsträger ihres Kurses wohl auch mochte…

Was ich mir damals nicht träumen ließ, geschah nur knapp vier Jahre später: Das einzige DDR-Atomkraftwerk in Greifswald wurde am 22. Juli 1990 stillbelegt, womit der Ausstieg der DDR aus der Atomkraft vollzogen war, nur dass es bald darauf die DDR nicht mehr geben sollte. Doch auch der gesamtdeutsche Ausstieg aus der Atomenergie soll bis zum 31.12.2022 abgeschlossen sein, das wäre dann 36 Jahre nach Tschernobyl. Einerseits empfinde ich aus heutiger Sicht eine gewisse Genugtuung darüber, zumal ich Atomkraftwerke nach wie vor für ziemlich gefährlich und nur eingeschränkt beherrschbar halte. Andererseits bin ich mir heute längst nicht mehr so sicher wie damals, ob nicht die CO2-Emissionen der Kohlekraftwerke das noch schlimmere Übel sind…

www.justament, 25.1.2016: Westschokolade für den “großen Meister”

Zum Tod des DDR-Juristen Wolfgang Schnur. Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

ADN-ZB-Gahlbeck-16.12.89-eng-Leipzig: Gründungsparteitag Demokratischer Aufbruch. Vorsitzender Wolfgang Schnur eröffnete den Gründungsparteitag der sozial und ökologisch ausgerichteten Partei im Kongreßsaal des Brühlzentrums.

 Wolfgang Schnur (Foto: Wikipedia)

Damals, irgendwann im Winter 1988/89, saßen wir in einem langen Flur und warteten. Ich war 16 oder 17. Schon zwei Jahre hatten meine Mutter und ich auf unsere Ausreise aus der DDR gelauert – zu meinem Vater, der bereits im Westen lebte und uns ständig Briefe und Pakete schickte. Jemand gab uns dann den Tipp, zu Wolfgang Schnur in Rostock zu gehen. Er sei einer von nur drei in der DDR zugelassenen Einzelanwälten, sagte man uns. (Laut Wikipedia sollen es tatsächlich 20 gewesen sein, nach anderer Quelle zwölf; fest steht nur, dass es nicht sehr viele waren.) Er war spezialisiert auf die Vertretung von Dissidenten, Bürgerrechtlern, Wehrdienstverweigerern und Ausreisewilligen. Als Vertrauensanwalt der Evangelischen Kirche hatte er einen großartigen Ruf. Er galt als Freund der Unterdrückten, als Helfer in der Not gegen staatliche Willkür. Was wir seinerzeit noch nicht wissen konnten und erst gut ein Jahr später, während der Wende, als wir schon längst im Westen waren, aus den Medien erfahren sollten: Schnur war ein ranghoher Mitarbeiter der Staatssicherheit, der seine Mandanten systematisch ausspionierte, um sie an die staatlichen Stellen zu verraten. Eigentlich nicht sonderlich überraschend, wenn man darüber nachdenkt, aber für viele seiner damaligen Mandanten zutiefst enttäuschend. Unsere Enttäuschung über ihn hielt sich allerdings in Grenzen…

Wir saßen also irgendwann im Winter 1988/89 in Wolfgang Schnurs Kanzlei in Rostock in diesem langen Flur und warteten. Und da ging jemand vorbei und raunte uns zu: „Der große Meister kommt gleich.“ Er kam dann bald darauf auch wirklich und bat uns in sein Büro. Nett war er, freundlich, verbindlich. Viel könne er ja auch nicht für uns tun, aber er werde mal sehen, was sich machen lässt. Es klang eher vage. Vor allem schärfte er uns ein, uns weiterhin unbedingt ruhig zu verhalten und auf jegliche Provokationen der Staatsmacht zu verzichten. Meine Mutter drückte ihm noch hundert Westmark und ein paar Tafeln Schokolade aus der Bundesrepublik in die Hand. Nach nur zehn Minuten waren wir wieder draußen. In der Tür stehend wünschte er uns noch eine baldige Ausreise und fragte mich beiläufig nach meinen Zukunftsplänen im Westen. Ich sagte darauf wohl so etwas wie: „Erst Abitur machen, und dann mal sehen…“ Und sodann sprach Wolfgang Schnur den prophetischen Satz: „Vielleicht wird aus dem jungen Mann ja später auch mal ein Jurist.“

Während der Wende wurde Schnur erst Mitbegründer und dann Vorsitzender der Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“, die sich vor den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 mit Ost-CDU und DSU zur “Allianz für Deutschland” zusammenschloss. Monatelang galt er als Favorit für das Amt des DDR-Ministerpräsidenten. (Im Februar 1990 machte er übrigens eine junge Frau zur Pressesprecherin des „Demokratischen Aufbruchs“. Ihr Name: Angela Merkel. Schnur hatte lange Jahre enge Kontakte zu ihrem Vater, dem Kirchenfunktionär Horst Kasner, gehabt.) Die Offenlegung seiner Stasi-Akte wenige Tage vor den Wahlen, die ihn als Stasi-Spitzel überführte, war das Ende seiner kurzen Karriere als Politiker. 1991 eröffnete er eine Rechtsanwaltskanzlei in Berlin, doch schon 1993 wurde ihm die Anwaltszulassung wegen Mandantenverrats und „Unwürdigkeit“ entzogen. Seitdem arbeitete Schnur als Investitions- und Projektberater. 1996 verurteilte ihn das Landgericht Berlin noch zu einer Bewährungsstrafe wegen politischer Verdächtigung (§ 241a StGB), weil er seine früheren Mandanten, die Bürgerrechtler Stephan Krawczyk und Freya Klier, seinerzeit bei der Staatsmacht angeschwärzt hatte. Laut BILD-Zeitung lebte Schnur zuletzt verarmt und zurückgezogen in Wien.

Im Mai 1989, ein paar Monate nach unserem Mandantengespräch bei Wolfgang Schnur, wurde unsere Ausreise in den Westen endlich genehmigt. Wir wissen bis heute nicht, ob er in irgendeiner Weise, beschleunigend oder bremsend, daran mitgewirkt hat. Danach fragen können wir ihn nun auch nicht mehr. Am vorletzten Samstag ist Wolfgang Schnur, die mysteriöse Eminenz aus dem Schattenreich des Klassenkampfes, 71-jährig in einem Wiener Krankenhaus gestorben.

www.justament.de, 16.11.2015: Erinnerungen an Helmut Schmidt (1918-2015)

Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Helmut_SchmidtEs war der Bundestagswahlkampf 1980. Alles kreiste um die Frage: Schmidt oder Strauß – wer bleibt oder wird Bundeskanzler? Für einen achtjährigen westfernsehbegeisterten DDR-Jungen wie mich gab es damals kaum etwas Interessantes als die Innenpolitik unseres Klassenfeindes, denn die sozialistische Langeweile „bei uns“ war für mich schon als Kind nur schwer zu ertragen. Ich befragte also alle meine Freunde, Mitschüler, Verwandten und Bekannten, ob sie für Schmidt oder für Strauß seien und bekam zu meiner großen Zufriedenheit meistens zu hören: „Für Schmidt natürlich.“ Einige sagten aber auch: „Ist mir doch egal.“ Keiner schien für Strauß zu sein, aber das könnte auch daran gelegen haben, dass es manche als zu riskant empfanden, sich einfach so zum aus offizieller DDR-Sicht ungünstigeren Kandidaten zu bekennen. Noch wahrscheinlicher ist wohl, dass es in der DDR eine große Sympathie für die Entspannungspolitik der SPD-Kanzler, die immerhin zu deutlichen Reiseerleichterungen geführt hatte,  und auch für die Person von Helmut Schmidt gab. Er galt als Staatsmann von Format, insbesondere im Vergleich zu unserem blassen und hölzernen Generalsekretär Erich Honecker, der in seinen Reden immer auf so drollige Weise die Silben verschluckte.

Mit Honecker war ich schon im Kindergarten vertraut. Er und sein Stellvertreter Willi Stoph hingen dort eingerahmt und unübersehbar an der Wand. In den täglichen „Beschäftigungen“, so nannten die Kindergärtnerinnen ihre Versuche, uns etwas beizubringen, fragten sie uns manchmal, indem sie auf die besagten Bilder zeigten: „Wer ist das?“ Zwar konnte wohl jeder Erich Honecker benennen, doch gab es, was unsere Erzieherinnen sichtlich erboste, gewisse Schwierigkeiten mit seinem Stellvertreter Willi Stoph, was an dessen frappierender Ähnlichkeit mit dem Heizer unseres Kindergartens, einem gewissen Herrn Nechels lag. Stets antworteten wir auf die Frage, wer denn der Mann auf dem Bild neben Honecker sei, wie aus einem Munde: „Herr Nechels!“ Unsere Erzieherinnen fanden das allerdings gar nicht witzig und machten sich offenbar ernsthafte Sorgen, dass wir sie mit dieser Antwort blamieren könnten, sollte einmal, was tatsächlich ab und zu der Fall war, Besuch von irgendwelchen Bildungsfunktionären in unseren Kindergarten kommen. Noch heute sind mir ihre warnenden Worte im Ohr. „Und dass KEINER sagt, das auf dem Bild ist Herr Nechels!“

Aber zurück zu Helmut Schmidt. Unvergesslich ist mir sein Staatsbesuch bei Erich Honecker 1981, bei dem er unter anderem auch das Ernst Barlach-Museum im ganz in der Nähe meiner Heimatstadt gelegenen Güstrow besuchte. Schon Tage vorher wurde die Umgebung Güstrows weiträumig abgesperrt, niemand durfte mehr die Straßen befahren. Es herrschte eine Art Ausnahmezustand, so ähnlich wie vor ein paar Jahren beim G7-Treffen in Heiligendamm oder jetzt in Paris nach dem jüngsten Terrorakt. Auf keinen Fall sollte Helmut Schmidt einem nicht eigens dafür präparierten DDR-Bürger begegnen dürfen. Beim Betrachten der Fernsehbilder von dieser winterlichen Begegnung – Honecker mit Pelz- und Schmidt mit Prinz-Heinrich-Mütze – ertappte ich mich bei dem Gedanken, ich weiß noch genau, dass ich mich dabei etwas unangenehm fühlte, dass mir der West-Kanzler Schmidt deutlich besser gefiel als unser großer Vorsitzender… Und das, obwohl Helmut Schmidt damals unentwegt Bonbons lutschte, weil er – man mag es heute kaum glauben! – mit dem Rauchen aufhören wollte, was einigermaßen lächerlich wirkte. An dieses Detail – Schmidt wollte mal ernsthaft mit dem Rauchen aufhören! – hat sich, soweit ich sehe, später nie wieder jemand erinnert.

Wie im Westen wurde Helmut Schmidt auch in der DDR aus durchaus unterschiedlichen Gründen verehrt. Mein Onkel Karl, der schon etwas älter war, meinte – es muss wohl kurz nach dem Regierungswechsel 1982/83 gewesen sein – auf meine Frage, wen er denn besser finde, Helmut Schmidt oder seinen Nachfolger Helmut Kohl: „Der Schmidt hat noch den Krieg mitgemacht und der Kohl nicht, das ist der Unterschied.“ Wobei mein Onkel Karl in vieler Hinsicht etwas eigenwillige Ansichten vertrat. Als ich ihn neugierig nach seiner Meinung über die damals noch recht junge Partei der GRÜNEN befragte, erklärte er mir, dass er als Mediziner dazu nur sagen könne, dass so wie ein einzelner Organismus auch ein ganzer Staat von Krebszellen befallen werden könne, und die GRÜNEN seien so ein Krebsgeschwür, aber es werde sie bestimmt nicht lange geben…

Überhaupt der Regierungswechsel 1982/83. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich damals als Elfjähriger viel von den Gründen und Hintergründen, die zu ihm führten, verstanden hätte. Bei mir kam es eher so an, dass der von mir so verehrte Schmidt von seinem verräterischen Kollegen Genscher hinterrücks gemeuchelt wurde, damit dieser dann mit dem verhassten Erzrivalen Kohl gemeinsame Sache machen konnte.

Einige Jahre später führte mich dann die Jugendweihefahrt meiner Schulklasse 1987 nach Minsk, das damals noch in der Sowjetunion lag, die gerade vom großen Reformer an der Staatsspitze, Michail Gorbatschow, so richtig durchgeschüttelt wurde. Und im Minsker Hotel Jubilejnaja, das es laut Google auch heute noch gibt, konnte ich mir – was mich ungemein beglückte – zum ersten Mal im Leben eine „Süddeutsche Zeitung“ und einen „Vorwärts“ (das war die SPD-Parteizeitung) kaufen. Natürlich habe ich beide sogleich regelrecht verschlungen, und zwar komplett von vorne bis hinten mehrmals nacheinander. Neben vielem anderen Interessanten fand ich im „Vorwärts“ eine Rezension von Helmut Schmidts erstem großen Bucherfolg als Kanzler a.D., „Menschen und Mächte“. Fortan war ich ausgesprochen scharf auf dieses Buch, doch ich musste noch etwas warten, denn wie sollte man ein solches Werk in die DDR befördern?

Nun hatte sich aber zu jener Zeit mein Vater bereits in den Westen abgesetzt, während ich gemeinsam mit meiner Mutter geduldig auf die positive Bescheidung unseres Ausreiseantrags auf Familienzusammenführung durch die DDR-Behörden wartete. (Sie ließen uns erst nach zweieinhalb Jahren im Frühling 1989 ausreisen.) Meine Eltern benutzten in ihren Briefen aneinander, um die stets mitlesende Stasi zu düpieren, oft eine Art Geheimcode. So bezeichnete mein Vater einen ebenfalls früheren DDR-Bürger namens Kleine, mit dem er sich im Westen manchmal traf, als „Parvus“, was auf Lateinisch „klein“ bedeutet. Als Jugendlicher fand ich so etwas sehr aufregend und wollte mich an dergleichen auch versuchen, weshalb ich meinem Vater in Bremen als meinen Weihnachtswunsch schrieb: das Buch „Menschen und Mächte“ von – um den Namen des Altkanzlers zu vermeiden – „Dunkelfeige S.“. Doch leider kapierte mein Vater diesen Umkehrungs-Code nicht und schrieb mir zurück: „Den Autor Dunkelfeige S. gibt es nicht. Es gibt nur ein Buch ‚Menschen und Mächte‘ von Helmut Schmidt, ehemals Bundeskanzler.“ Trotz dieser Kommunikationspanne kam ich aber doch noch an das ersehnte Buch. Onkel Fritz, einem alten Schulfreund meines Vaters, wurde von den staatlichen Stellen zu jener Zeit eine Westreise erlaubt, bei der er natürlich auch meinen Vater besuchte, der das Buchgeschenk für mich an ihn weitergab. Irgendwie gelang es Onkel Fritz, das Buch, für das er sich auch selbst sehr interessierte, auf seiner Rückreise über die Grenze zu schmuggeln. Eine Woche später trafen wir dann Onkel Fritz in Rostock zur Buchübergabe. Er hatte das über 500 Seiten starke Werk schon komplett durchgelesen, als er es mir feierlich überreichte. Für mich war „Menschen und Mächte“ dann eine Art Einführung in das westliche politische Denken, für einen Sechzehnjährigen keine schlechte Lektüre. Später im Westen habe ich dann jedoch kein weiteres Buch mehr von Helmut Schmidt gelesen – es gab einfach zu viel anderes! Seine Talkshowauftritte allerdings habe ich in all den Jahren nur selten verpasst. Am letzten Donnerstag ist Helmut Schmidt im biblischen Alter von 96 Jahren den Weg alles Irdischen gegangen.

www.justament.de, 1.12.2014: Zum Tod des “Mosaik”-Zeichners Hannes Hegen

Thomas Claer empfiehlt – Spezial –

digedagsSo etwas wie das „Mosaik von Hannes Hegen“ konnte wohl nur in der DDR entstehen. Verglichen mit westlichen Comics waren diese östlichen Bildgeschichten, die mich durch meine Kindheit und Jugend begleiteten, viel anspruchsvoller in fast jeder Hinsicht. Ein ausgedehnter Fortsetzungsroman aus bunten Heften führte die drei liebenswerten Kobolde Dig, Dag und Digedag in wechselnder Begleitung quer durch alle Länder und Zeiten. Sie bestritten Gladiatorenkämpfe im alten Rom, flogen durch den Weltraum auf fremde Planeten (auf denen es mitunter wie beim westlichen Klassenfeind aussah), zogen um 1284 mit dem Ritter Runkel von Rübenstein aus der deutschen Provinz in den Orient, um nach einem vergrabenen Schatz zu suchen, den ein Vorfahre des Rübensteiners dort einst auf der Flucht vor den Sarazenen angeblich vergraben hatte, verbrüderten sich mit Indianern und versklavten Schwarzen im Amerika des 19. Jahrhunderts, weilten am Hofe des osmanischen Sultans in Konstantinopel.
Die zeichnerische Umsetzung war liebevoll und meisterhaft opulent. Lange Zeit gab es statt Sprechblasen ausführliche Bildunterschriften. Mit Bildungszitaten wurde keineswegs gegeizt. Natürlich stand dahinter auch der Parteiauftrag, dem „westlichen Schund“ eine eigene überlegene sozialistische Kultur entgegenzusetzen. Herausgekommen ist eine kleine „Weltgeschichte von unten“, die alle ideologischen Vorgaben spielend unterlief. Die Digedags waren notorische Autoritätenverspotter. Und immer traf es die Richtigen: die Mächtigen, Reichen, Aufgeblasenen, gerne auch Polizei und Militär.
Zweifellos hat es der Qualität der Zeitschrift nicht geschadet, dass sie keinen „Markt bedienen“ musste. Es gab in der DDR (wo westliche Comics nicht zu kriegen waren), abgesehen vom deutlich weniger ambitionierten „Atze“, keine einschlägigen Konkurrenten um die Gunst des Publikums. Das hatte zwar etwas von einer Zwangsbeglückung. Doch anders, als man es sonst im traurig-realen Sozialismus erleben musste, zogen die Zwangsbeglückten aus dem Mosaik einen großartigen Nutzen – und das zum unschlagbaren Dauer-Tiefpreis von 60 Pfennigen pro Heft! (Da es im Sozialismus keine Inflation geben durfte, waren alle einmal festgesetzten Preise, egal für welche Güter, eingefroren für alle Ewigkeit.) Selten etwas geändert wurde aber auch an der Höhe der Auflage, die sich mit gut 600.000 Exemplaren dauerhaft als viel zu niedrig erwies. Die Folge war, dass die Mosaik-Hefte zur „Bückware“ wurden, die schwer zu bekommen war und leidenschaftlich gejagt, gesammelt und getauscht wurde. Da sich mit DDR-Geld damals kaum jemand locken ließ, man konnte sich eh nichts Besonderes dafür kaufen (viel wichtiger war es, die richtigen Leute zu kennen, die an der jeweiligen Quelle saßen), wurden besonders begehrte Hefte aus den 50er und 60er Jahren seinerzeit bevorzugt gegen Autoersatzteile, Waschmaschinen oder Farbfernseher eingetauscht. Oder sogar gegen verbotenes Erotik-Material aus dem Westen…
Für die Ostdeutschen blieben Hannes Hegens alte Mosaik-Hefte auch nach der Wende das Nonplusultra. Prominente Künstler wie Uwe Tellkamp und Neo Rauch bekannten sich zu ihrer Mosaik-Begeisterung. Für Heft 1 aus dem Jahr 1955 müssen Sammler inzwischen hohe vierstellige Euro-Beträge hinblättern. (Ich selbst betrachte meine Mosaik-Sammlung als Teil meiner Altersvorsorge.) Westdeutsche Comicfreunde konnten sich hingegen nur zögernd für die Bildgeschichten aus dem Osten erwärmen. Am 8. November ist der Mosaik-Schöpfer Hannes Hegen, der eigentlich Johannes Hegenbarth hieß, 89-jährig in Berlin gestorben.

www.justament.de, 21.7.2014: (Fast) niemand vermisst sie

Das Buch „Leben hinter Mauern“ untersucht den Alltag der Stasi-Mitarbeiter in der DDR

Thomas Claer

leben-hinter-mauern-cover„Wie war das denn so, damals im Osten?“, bin ich in den vergangenen 25 Jahren manchmal von Westdeutschen oder Nachgeborenen gefragt worden. Ich versuche ihnen dann immer zu erklären, dass der normale Alltag als „Untertan“ in einer Diktatur oft ähnlich unspektakulär verläuft wie der als Bürger in freien Verhältnissen. Wie aber war es für jene, die selbst an den Hebeln der Macht saßen, die zum Kontroll- und Unterdrückungsapparat des Systems gehörten? Wie verlief der Alltag der hautberuflichen Stasi-Mitarbeiter?

Man ahnt natürlich schon vor der Lektüre der neuen Studie „Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ von Jenny Krämer und Benedikt Vallendar, dass der treffende Satz von Hannah Arendt über die „Banalität des Bösen“ für die Stasi-Leute nicht anders gilt – nur ein paar Nummern kleiner – als für die Schreibtischtäter des NS-Regimes. Anders aber als jene, die sich bei ihren Untaten ganz maßgeblich von der deutschen Tugend der Pflichterfüllung leiten ließen, saßen die Stasi-Schergen (vielleicht abgesehen von ein paar ganz hartgesottenen Zynikern) noch zusätzlich der Illusion auf, irgendwie auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen oder, wie es im Buch heißt, „eine Mission von welthistorischer Bedeutung zu erfüllen“.

Die praktische Umsetzung dieser Mission war indessen in vieler Hinsicht grotesk. Die Autoren beschreiben den ostdeutschen Sicherheitsdienst als eine in erster Linie gewaltige Selbstbeschäftigungsmaschinerie. „Zumeist bestand ihre alltägliche Arbeit im Recherchieren und Zusammenstellen von Informationen und in der mosaikweisen Ableitung möglicher Querverbindungen, was in der internetlosen Zeit … mit erheblichem Aufwand verbunden war.“ Aus heutiger Sicht betrachtet war all das natürlich eine ungeheure „Verschwendung von Menschen, Mitteln, Steuergeldern“.

Unzählige Kader- und Disziplinarakten haben die Autoren gelesen, zahlreiche Gespräche mit den früheren Akteuren geführt, um zum Ergebnis zu kommen, dass die Akten des MfS „Spiegelbilder einer gigantisch aufgeblähten Sicherheitsarchitektur“ sind, die am Ende „mehr preisgeben über ihre Verfasser als über ihre Opfer, von denen diese Berichte handeln“.

Positiv ist anzumerken, dass die Studie sich stets um Differenzierung bemüht, also auch ausdrücklich anerkennt, dass es in der Stasi – wie überall – Hardliner, aber auch Pragmatiker gegeben hat: „Nicht allerorts hat die Staatssicherheit gefoltert und gedemütigt. Nicht immer war sie damit beschäftigt, Angst in der Bevölkerung zu verbreiten. Und nicht immer ist es einfach, im Alltag der Stasi Komisches von Tragischem und Boshaftes von vermeintlich Gutgemeintem zu trennen.“ Es hat also manchmal auch eine Stasi mit regelrecht „menschlichem Antlitz“ gegeben. So stand in der Stasi-Akte über meinen Vater lediglich, seine „Einstellung zu unserer Gesellschaft“ sei „neutral“, er sei „politisch indifferent“ und „in der Beziehung zu seiner Frau wohl nicht der dominierende Teil“ gewesen. Das hat zweifellos jemand geschrieben, der ihn nicht „in die Pfanne hauen“ wollte. Denn die politischen Witze, die er so gerne und oft vielerorts erzählte, fanden keine Erwähnung.

Ob es wohl heute, fast 25 Jahre nach der Wende, noch jemanden gibt, der der Stasi nachtrauert? Neben einigen verbitterten Altkadern kommen hierfür ironischerweise vor allem die seinerzeit so aufwendig beschatteten oppositionellen und semioppositionellen Schriftsteller in Betracht, für die ihr eigener Bedeutungsverlust im neuen System nicht selten einer traumatischen Erfahrung gleichkam. Nie wieder, so klagten einige von ihnen schon in den 90er Jahren, würden sie so aufmerksame Leser finden wie damals unter den Stasi-Mitarbeitern. Und nach allem, was wir wissen, hält es heute nicht einmal der amerikanische NSA für nötig, alle politischen Internet-Blogs mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit zu lesen, sondern beschränkt sich auf die automatisierte Suche verdächtiger Schlagworte…

Zu den amüsanten Fußnoten in „Leben hinter Mauern“ gehört auch der Umstand, dass viele frühere hauptamtliche Stasi-Leute heute ausgerechnet in der Versicherungsbranche arbeiten. Dass die Stasi jedoch auch schon damals richtig witzig sein konnte, allerdings eher unfreiwillig, steht in diesem Buch nur am Rande und ist ja auch ein anderes Thema. Aber als ich vor ein paar Jahren in der Süddeutschen Zeitung einen Bericht über die Offenlegung der Vorgangsakte der Abteilung für Staatssicherheit der Stadt Neubrandenburg über die örtliche „Breakdance-Szene“ (Anfang der 80er Jahre) las, da hat es mir wiederholt die Lachtränen in die Augen getrieben. Was da der Protokollant über die womöglich gefährliche neue Jugendmode aus dem Westen, den „Brechtanz“, schrieb, den eine Hand voll Jugendlicher an öffentlichen Plätzen der Stadt mittels seltsam abgehakter Bewegungen auszuüben pflegte, das war schon ganz große realsatirische Prosa.

Wer aber mehr über die alltäglich-banale Seite der einst so gefürchteten Krake Stasi erfahren möchte, der möge zu „Leben hinter Mauern“ greifen.

Jenny Krämer / Benedikt Vallendar
Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR
Klartext Verlag Essen 2014
253 S., 18,95 EUR
ISBN 978-3-8375-0959-5