Tag Archives: Maike Rosa Vogel

justament.de, 14.9.2020: Kritik der Kollateralschäden

Maike Rosa Vogel auf ihrer sechsten CD “Eine Wirklichkeit”

Thomas Claer

Leidenschaftlich, kraftvoll und energisch sind die Frauen des Jahrgangs 1978, geboren im Jahr des Pferdes nach dem chinesischen Horoskop. So wie Franziska Giffey oder Charlotte Roche – oder wie Maike Rosa Vogel, deren mittlerweile sechste CD wir gerade glücklich in den Händen halten. Und alles, was diese wort- und klanggewaltige Liedermacherin aus Prenzlauer Berg ausmacht, findet sich in der gewohnten Fülle auch auf diesem Tonträger. Zwar ist sie, man muss es immer wieder betonen, eigentlich am besten, wenn sie nur mit ihrer Gitarre bewaffnet auf der Bühne steht, weshalb ihr neues, aufwendig instrumentiertes Album mit Auftritten mehrerer Gastmusiker streckenweise ein wenig überproduziert wirkt. Und doch ist ihr manches, und gar nicht so weniges, auf “Eine Wirklichkeit” sogar auf besondere Weise gelungen. So enthält diese Platte selbst nach ihren Maßstäben eine ungewöhnliche Vielzahl herausragender Songs: das feurige Liebeslied “Nie genug”; das melancholisch-tiefsinnige “Die gleichen Stümper”; das dank Sven Regeners Jazz-Trompete und auch sonst bemerkenswert groovende “Baby & Johnny” (noch dazu mit einem so anrührenden Text!); das ein – für ihre Verhältnisse – erstaunlich realistisches Menschenbild textlich und musikalisch umsetzende “Der allerletzte Grund” (es geht um die Schönheit des Angebeteten, die von außen und die von innen, wobei diese natürlich ganz maßgeblich im Auge der Betrachterin liegt…) und – nicht zu vergessen – “Einfach so”, das heitere Duett mit dem Kollegen Felix Meyer, das einen schon ziemlich an das Lied “Herz ist Trumpf” von Achim Reichel erinnert, was aber keineswegs ein Einwand sein soll. So wie auch der Refrain im Lied “Heimat” schwer nach “Watt?” von Torfrock klingt, was aber ebenfalls nicht schlimm ist…

Doch nun zum stärksten Song des Albums, der schon zwei Jahre alt ist und auf dieser Platte in einer (musikalisch) anderen Version erscheint als auf YouTube: “Unser Geld ist wichtiger als ihr”. Ein rigoroser und kompromissloser antikapitalistischer Protestsong, wie er im Buche steht! Er richtet sich mit aller Wucht gegen “die Autoindustrie” und “die Vermieter”. In (selbst-)gerechtem Zorn klagt das lyrische Ich über letztere wie folgt:

“In Deutschland nehmen Menschen
Mieten von den anderen Menschen,
Die nicht die Sorge haben, sich zu überlegen,
Wie sie ihr Erbe investieren in Immobilien in Berlin
Denn bei der Bank gibt es gerade viel zu wenig Zinsen.
Und damit die mit so viel Geld überhaupt noch was verdienen,
Zahlen andere die immer höheren Mieten.
Selber kaufen können sie nichts,
Denn aus kapitalistischer Sicht
Bist du frei genug zum Miete zahlen,
Aber gehören tut dir dadurch nichts.
Und immer dann, wenn einer etwas kann,
Was andere nie können,
Nur weil er Geld hat
Und er hat es nicht verdient.
Ist das ein Fuckyou an die Menschheit,
Jeden einzelnen von uns,
Das sagt: unser Geld ist wichtiger als wir.

Und immer dann, wenn einer nimmt von Menschen, die kaum etwas haben,
Damit der große Haufen Geld von ihm noch etwas größer wird,
Ist das ein Fuckyou an die Kinder dieser Menschen,
Das sagt: Unser Geld ist wichtiger als ihr.”

So sieht es aus Mieterperspektive also aus, ein Schlag voll in die Fresse der Kleinvermieter. Und damit hat das erzählende Ich in diesem Song zweifellos (s)eine subjektive Wahrheit ausgesprochen – und das in meisterhafter Zuspitzung. Aber… Eigentlich könnte und müsste man eine längere Abhandlung, ja einen ganzen Roman über die Einseitigkeit und himmelschreiende Ungerechtigkeit dieser Haltung schreiben! Hier nur so viel in aller Kürze: Wirklich abenteuerlich wäre es, Berliner Vermietern maßlose Gier und Gewinnstreben vorzuwerfen, wenn sie mit den Wohnungen, in die sie investiert haben, Renditen von weit weniger als drei Prozent einfahren (was heute die Regel ist), während das Vermieten auch noch mit einem erheblichen Kraft- und Zeitaufwand verbunden ist, insbesondere was die oft äußerst mühsame Organisation von Reparaturen und Renovierungen betrifft. (Jene Vermieter hingegen, die heute Renditen zwischen vier und sechs Prozent erzielen, haben ihre Berliner Wohnungen bereits in Zeiten gekauft, als noch ein signifikantes Leerstandsrisiko bestand. Sie sind also ein unternehmerisches Risiko eingegangen und werden dafür nun belohnt; es hätte für sie aber auch schiefgehen können…) Und wer sich das Vermieten bei so begrenztem Anreiz nicht mehr antun möchte, kann seine Wohnungen doch jederzeit auch an Selbstnutzer verkaufen und sie somit dem Mietmarkt entziehen, was die Wohnungsnot weiter vergrößern würde. Es wäre also völlig verfehlt, kleinen Vermietern die Schuld an der Wohnungsmisere zuzuschreiben. Man sollte ihnen eher Anerkennung zollen, dass sie die Mühen (und oftmals auch den Ärger!) des Vermietens weiter auf sich nehmen. Wer wirklich viel Geld hat, würde seine Wohnungen doch niemals vermieten (bei im Verhältnis zu den eingesetzten Mitteln so überschaubaren Erträgen), sondern sie nur als Geldparkplatz behalten und leer stehen lassen bzw. vielleicht einmal im Jahr ein paar Tage darin verbringen.

Aber das lyrische Ich wälzt ja auch keineswegs alle Schuld auf die einzelnen Vermieter ab, sondern beschreibt sehr zutreffend den Anlagenotstand aufgrund der Niedrigzinspolitik der Zentralbanken. Trifft dann also EZB, Fed & Co., diese Erfüllungsgehilfen des Finanzkapitals, die Hauptschuld? Wer das glaubt, sollte sich vor Augen halten, dass die entschlossene Niedrigzinspolitik der Notenbanken als Reaktion auf die Finanzkrise 2008f. und aktuell als Reaktion auf den Corona-Lockdown entscheidend dazu beigetragen hat, eine Weltwirtschaftskrise zu verhindern, wie wir sie vor knapp einem Jahrhundert erlebt haben, die Millionen von Menschen in den wirtschaftlichen Ruin getrieben hat und den Zweiten Weltkrieg mit seinen vielen Millionen Toten mit herbeigeführt hat. Nur weil die Zentralbanken – geleitet von fachwissenschaftlichem Sachverstand – diesmal die angemessenen Lehren aus der Geschichte gezogen und die Geldmenge erhöht statt wie damals gedrosselt haben, sind uns Massenarbeitslosigkeit, Not und Elend erspart geblieben. Allerdings führt eine solche jahrelange Politik des billigen Geldes zwangsläufig zu einer Inflation der Vermögenspreise, lässt also den Wert von Immobilien und Aktien (sofern es grundsätzlich eine Nachfrage für sie gibt) bedeutend steigen, was “Kollateralschäden” wie den im Lied beschriebenen (“immer höhere Mieten”) mit sich bringt.

Natürlich ist es legitim und sogar außerordentlich verdienstvoll, dies anzuprangern, da hier ein politisches Gegensteuern nötig ist, das allerdings zielführend und intelligent sein sollte, was eine gesetzliche Deckelung der Miethöhe ganz sicher nicht ist, da sie Anreize zum Investieren abwürgt und die Wohnungsnot dadurch nur verschlimmert… Und noch dazu erscheint das aktuelle Mietniveau in Berlin – trotz der rasanten Anstiege der letzten Jahre – sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich noch als äußerst moderat. (Wir reden über die Hauptstadt der viertgrößten Volkswirtschaft der Welt und die fünftgrößte Stadt Europas!) Und niemand sollte die Augen davor verschließen, was die Bewirtschaftung einer Immobilie auf lange Sicht kostet und wie wenig von den Einnahmen der Vermieter als deren Gewinn übrig bleibt. Das Problem in Berlin sind jedenfalls eher die ungewöhnlich niedrigen Löhne als die angeblich zu hohen Mieten!

Ist dann also letzten Endes doch wieder “der Kapitalismus” schuld mit seiner perversen Logik der Gewinnmaximierung, die alle Beteiligten nur zu Getriebenen macht? So suggerieren es ja die beiden letzten zitierten Strophen des Songs. Und auch hier kann man nur sagen: Die Kritik dieser Kollateralschäden des Kapitalismus – wer Geld hat, kann etwas, was andere nicht können – ist aller Ehren wert. Aber wäre es ohne Kapitalismus wirklich besser? Wenn nicht das Portemonnaie, sondern eine Partei bestimmt, wer etwas darf und wer nicht und wer eine Wohnung bekommt und wer nicht? Denn die Wohnungsnot wäre ja auch nach einer Abschaffung des Kapitalismus keineswegs beseitigt, solange die Nachfrage nach Wohnungen in bestimmten Lagen das bestehende Angebot bedeutend überschreitet… Bis vor dreißig Jahren hat man westlichen Kapitalismuskritikern immer gesagt: “Geh doch nach drüben!” Bis sich die Grenzen öffneten und die Menschen mit den Füßen abgestimmt haben, in umgekehrter Richtung. Heutigen Kapitalismus-Kritikern könnte man stattdessen sagen: “Geh doch ins rot-rot-grüne Mietendeckel-Berlin und versuch dort mal, eine Wohnung zu finden!” Nur dass diesmal ironischerweise die Abstimmung mit den Füßen genau in diese Richtung erfolgt. Alle wollen nach Berlin, obwohl es so schwer ist, dort eine Wohnung zu finden…

Aber nun habe ich doch wieder so viel geschrieben, was ich eigentlich gar nicht wollte. Es ist einfach so aus mir herausgebrochen… Doch was kann man Besseres über den Song einer Liedermacherin sagen, als dass er profunde Denkanstöße gibt und zu tiefschürfenden Diskussionen und ausschweifenden Betrachtungen einlädt. Ein paar schwächere Stücke sind auch noch auf dem Album, aber die fallen nicht weiter ins Gewicht. Einen Extrapunkt gibt es für das prachtvoll gestaltete Booklet mit z.T. atemberaubenden Fotos aus Maikes wilder Jugendzeit. Das Gesamturteil lautet: gut (13 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Eine Wirklichkeit
Eigenvertrieb 2020
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 26.3.2018: Weltretten in 45 Minuten

Maike Rosa Vogel auf ihrem fünften Album „Alles was ich will“

Thomas Claer

Bei Maike Rosa Vogel ist eigentlich alles wie immer. Mit dem ersten Song ihres neuen Albums, „Es ist ganz leicht“, geht es ja schon los… Wieder einmal werden Behauptungen fern jeder Empirie losgetreten, wonach alle Menschen einfach nur möglichst viel miteinander teilen müssten, um glücklich zu sein, und zur Erfüllung einfach nur mehr lieben sollten, statt einander zu hassen. (Warum tun die Menschen dann aber so oft genau das Gegenteil, wenn es angeblich so einfach ist?) Wohl jedem und jeder anderen, der oder die so etwas sänge oder sagte, würde man ein beträchtliches Maß an Naivität oder, schlimmer noch, an Verlogenheit bescheinigen. Doch es ist seltsam: Kommen solche Worte aus Maike Rosa Vogels schönem Mund, werden sie von ihrer warmen, trotzigen Mädchenstimme mit Inbrunst in die Welt geschleudert, wird auf der Stelle all das Fragwürdige und Bedenkliche wahr und richtig. Und es besteht ja auch kein Zweifel daran: In einer Welt aus lauter Maike Rosa Vogels gäbe es alle diese schrecklichen Dinge nicht mehr, die uns tagtäglich das Leben zur Hölle machen. Kurz gesagt, auf einer intellektuellen Ebene ist dieser Songwriterin also keineswegs beizukommen. Vielmehr ist auch „Alles was ich will“, ihr mittlerweile fünftes Album, das wie die Vorgänger-CD im Eigenverlag erschienen ist, eine Ausgeburt an feuriger Emotionalität. Man wird sie dafür lieben oder hassen. Wir haben uns natürlich längst entschieden… Auch musikalisch kann das neue Album trotz seines erkennbar spartanischen Herstellungsverfahrens (auf eine Band wird ganz verzichtet) ohne weiteres mit den vorzüglichen Maike-Scheiben der vergangenen Jahre mithalten. Im weiteren Verlauf der Platte finden sich auch diesmal wieder grandiose Popsongs wie „Liebe geht nie“ oder die Lokal-Hymne „Wirklich in Berlin“. Und besonders gelungen sind nicht zuletzt einige sehr melancholische Stücke. Auch wie Maikes lyrisches Alter Ego über seine Ängste und Paranoia berichtet, ist großartig.
Nun könnte man sich allerdings die Frage stellen, wie lange diese, wie soll man sagen?, diese Masche mit dem doch sehr jugendlich anmutenden Charme dieser Künstlerin so noch funktionieren wird. Immerhin tritt sie demnächst schon in ihr viertes Lebensjahrzehnt ein, was zwar noch kein Alter ist, und andere sind in noch weit fortgeschritteneren Jahren noch viel infantiler. Aber wird nicht diese Mädchen-Nummer irgendwann doch an ihre Grenzen stoßen? Doch auch darauf hat Maike Rosa Vogel auf dieser Platte eine überzeugende Antwort: „Jedes Mädchen kann sein wie Yoko Ono“ heißt ein Song, der schon mal klarstellt, wer die Vorbilder sind. Und der Umkehrschluss gilt hier natürlich erst recht: Jede Künstlerin (und warum nicht gleich jeder Mensch?) darf und soll so naiv und kindisch sein, wie sie oder er es für richtig hält, notfalls auch noch mit weit über 80 wie Yoko Ono. Unser Urteil lautet auch diesmal: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Alles was ich will
Eigenvertrieb 2017
www.maikerosavogel.com

www.justament.de, 30.11.2015: Die Welt ist schlecht, aber s i e ist es nicht

Maike Rosa Vogel auf ihrem vierten Album „Trotzdem gut“

Thomas Claer

trotzdem16x9Die Sängerin und Liedermacherin Maike Rosa Vogel, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist so etwas wie eine Heilige. Während sich andere erklärte „Gutmenschen“, die sich überall korrekt positionieren und immer auf der richtigen Seite stehen, nicht selten dem Verdacht der Heuchelei aussetzen, ist an der 37-jährigen Wahlberlinerin garantiert alles echt. Man nimmt es ihr ab, dass sie sich für Flüchtlinge einsetzt, die Naturzerstörung und die menschliche Gier anprangert. Wenn sie dem Publikum auf den Konzerten ihre Seele öffnet, ist sie erkennbar ganz bei sich selbst. Vor allem aber sind ihr die überschwänglichen Kritiken all der bis über beide Ohren in sie verknallten Musikrezensenten offenbar nicht im Mindesten zu Kopf gestiegen. Uneingebildet und natürlich wie eh und je präsentiert sie uns – drei Jahre nach der letzten Platte „Für fünf Minuten“ – nun ihr neues Album „Trotzdem gut“, das erstmals im Eigenvertrieb erscheint. Dieser Schritt ist mutig und konsequent zugleich, und man kann sie hierzu nur beglückwünschen. Ihre Fans werden schon weiterhin zu ihr finden, auch ohne Plattenfirma.

Allerdings packt einen „Trotzdem gut“, anders als seine Vorgänger, nicht gleich vom ersten Moment an. Man braucht etwas länger, um mit dieser Platte warm zu werden. Musikalisch hat sich das Spektrum ein wenig in Richtung Folk verschoben. Wir hören Banjo und Violinen. Sven Regener, die treue Seele, spielt Bass und Trompete. Und gerade weil ihre Songs diesmal gelegentlich etwas abrutschen auf dem schmalen Grat zwischen großer Emotion und Betroffenheitskitsch, wird einem bewusst, was für großartige Lieder uns Maike Rosa Vogel auf ihren früheren Alben geschenkt hat. Doch gibt es solche Lieder, man bemerkt es spätestens beim dritten oder vierten Hören, auch auf „Trotzdem gut“. Zum Beispiel „Du hältst meine Hand“ – eine Hymne an das kleine große Glück der Zweisamkeit. Und ganz bestimmt spricht „Verschwendete Zeit“ unzähligen zugewanderten Berlinern aus der Seele, die sich von ihren besorgten Provinz-Eltern die ewig gleichen bitteren Vorwürfe anhören müssen: „Sie glauben an das Unglück, das da draußen auf uns lauert/ Und uns anspringt und uns einholt, wenn wir tun, was uns gefällt“. Doch das lyrische Ich weiß es gottlob besser: „Die schlimmsten Zeiten meines Lebens waren die/ Als ich anderen mehr glaubte als mir selbst“. Je länger man diesem Album lauscht, desto mehr Perlen entdeckt man auf ihm. Auch „San Francisco“ und „Für mich auch“ sind sehr schön.

Textlich besonders interessant wird es dann auf „Der kultivierteste Sommer meines Lebens“. Hier zeigt uns Maikes lyrisches alter ego, dass es auch mal ganz anders kann: Den ganzen Sommer lang sind die Erzählerin und ihr Geliebter „in Museen gegangen“, haben „gute Filme geschaut“, sich nicht vom Fußballfahnenschwenken anstecken lassen und ausgedehnt Zeitung gelesen. Doch irgendwann reicht es dann dem lyrischen Ich: „Ich wollte einfach schnellen Sex… ich bin ganz gerne auch mal nicht so klug/ Und ich bin ganz gerne auch mal nicht so gut/ Und viel mehr als das/ Hatten wir uns beide nicht zu sagen“. Man rechnet schon mit dem Schlimmsten. Wird sie ihn, den kulturbeflissenen Intellektuellen, der zu wenig auf die wilden Begierden seiner Partnerin eingeht, eiskalt abservieren? Doch zum Glück kommt es anders. Freudig bleibt sie bei ihm, „Weil du nur mich liebst/ Und sonst nichts auf der Welt“. Na dann toi, toi, toi…

Gewidmet ist diese CD übrigens den Berliner Hebammen, „die so viel mehr tun als ihre Arbeit und denen wir alles zu verdanken haben“. Danke, Maike, für diese Hommage an die wahren Helden des Alltags, die in ihren unterbezahlten Jobs Erfüllung finden und dafür von den Karriere-Fuzzis und -Tussis auch noch herablassend behandelt werden. Unser Urteil für diese Platte lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Trotzdem gut
Eigenvertrieb Maike Rosa Vogel 2015
www.maikerosavogel.com

Justament Sept. 2012: This is Maike

Maike Rosa Vogel auf ihrem dritten Album „Fünf Minuten“

Thomas Claer

Cover MaikeDas musste ja so kommen. Kaum hat sich unsere Musikredaktion endlich mal zu einer Rezension von „Unvollkommen“ aus dem Jahr 2011 bequemt, da präsentiert uns Maike Rosa Vogel auch gleich schon ihr nächstes Album. O.K., wir haben verstanden. Hier also ganz aktuell unser Text zur neuen CD „Fünf Minuten“: Etwas bange ist einem vor dem ersten Hören schon. Die erste Platte nach dem Durchbruch ist ja für jeden Künstler eine besondere Herausforderung. Oft genug geht ja mit der Saturiertheit durch den Erfolg auch gleich der ganz spezielle Charme des Frühwerks verloren, was erst mal kompensiert werden will. Auch bei den Größten ist es so gewesen. Maike Rosa Vogel ist sich dieses Transformationsrisikos offenbar bewusst und setzt schon in den ersten Liedern „Du kannst alles sein“ und „Für fünf Minuten“ einiges in Bewegung, um etwaige Gedanken, sie könnte satt und zufrieden geworden sein, zu zerstreuen. Allerdings unterrichtet sie bzw. ihr lyrisches Ich die Zuhörer dabei so ausgiebig und stolz über tollkühne Abenteuer früherer Tage, dass hier ein wenig der Eindruck entsteht, Tante Maike will uns was aus ihrer wilden Jugendzeit erzählen. Über die zahlreichen Rechtsverletzungen („fast alles kaputt gemacht“, „U-Bahn beschmiert“, nachts in Schwimmbäder geklettert, „Bier auf dem Schulhof“), von denen hier auch die Rede ist, sehen wir Juristen natürlich milde hinweg. Weiter geht es im Song „Weizenfelder“ mit einer Anklage an einen Geliebten, der nicht gewillt ist, sich an Eskapaden wie „im Sommer nackt durch Weizenfelder rennen“ zu beteiligen („Doch du bewegst dich nicht!“). Aber dann kommt das Lied zur Statusvergewisserung „Ich bin ein Hippie“. Schon nach den ersten Zeilen verfliegt die anfängliche Skepsis des Rezensenten: „Bauen andere Leute Autobahnen, dann pflück ich Blumen und häng sie an mein Fahrrad ran“. Das ist so entwaffnend gut und richtig und schön, dass man sich kaum noch in der Lage sieht, überhaupt irgendetwas gegen diese Sängerin und diese Platte vorzubringen. Und schließlich ist auch noch der sehr gelungene aktuell-politische Protestsong „So Leute wie ich“ hervorzuheben. Zwar fehlen „Fünf Minuten“ die ganz großen Kracher, wie sie etwa „Tränendes Herz“ und „So hab ich dich bei mir“ auf ihrem Debüt-Album „Golden“ (2008) oder „Die Mauern kamen langsam“ auf „Unvollkommen“ darstellten. Doch lässt sich eine solche Intensität und Eindringlichkeit wie auf „Golden“, das man in dieser Hinsicht wohl nur mit den beiden ersten deutschsprachigen Platten von Element Of Crime vergleichen kann, nun einmal nicht beliebig wiederholen. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Fünf Minuten
Our Choice Rough Trade 2012
Ca. € 15,-
ASIN: B007EJ6SOM

Justament Mai 2012: Rücksichtslos emotional

Maike Rosa Vogel verblüfft auf ihrem zweiten Album „Unvollkommen“

Thomas Claer

Cover Maike RosaEs gibt sie noch, die Liedermacher. Nur ganz vereinzelt zwar, doch manchmal sind sie sogar jung und weiblich und haben einen Namen, der so vollkommen klingt, als ob er ausgedacht wäre, es aber gar nicht ist. Maike Rosa Vogel hieß schon so, als sie 1978 in einem sozialistischen Elternhaus in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte, wobei für ihren zweiten Vornamen niemand anders als Rosa Luxemburg Pate stand. Und aufgewachsen ist sie, was tiefe Spuren hinterlassen hat, mit der Musik von Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt. Sie hat die Schule vorzeitig abgebrochen, später als Postbotin, Kellnerin und Fahrradkurier gearbeitet und dabei immer Musik gemacht. Was für eine Biographie! Irgendwann besuchte sie die Popakademie in Mannheim und ist danach in Berlin gelandet. Dort ist im vorigen Jahr nach „Golden“ (2008) nun ihr zweites Album „Unvollkommen“ erschienen, produziert von keinem Geringeren als Sven Regener, der ihr bekennender Fan wurde und sie auch gleich als Vorprogramm für die letzte Element Of Crime-Tour engagiert hat. Niemand weiß, was ohne diesen prominenten Mentor aus ihr geworden wäre. Doch ist es wohl ein Glücksfall, wie es gekommen ist, denn Maike Rosa Vogel fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. So wie ihre Kindheits-Idole vermag sie allein mit ihrer akustischen Gitarre, die im Stil der Protestsänger nicht gezupft, sondern geschlagen wird, mehr Krach zu machen als so manche vielköpfige Band. Ihre mit leicht nasaler Stimme immer etwas rotzig vorgetragen Songs handeln, da nimmt die Sängerin kein Blatt vor den Mund, immer nur von ihr selbst, was aber gleichwohl, zumindest in ihren Augen, höchste politische Relevanz besitzt. Die Personen in ihnen erkennen sich daran, dass sie sich „falsch in dieser Welt“ fühlen. Und „Menschen werden nicht geliebt, weil sie so schön sind, sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen.“ Ja, so wünscht man es sich zumindest. Die rücksichtslos emotionalen, manchmal sehr direkten, oft aber auch ziemlich verschwurbelten und in all ihrer Ausführlichkeit nicht immer vollständig erschließbaren Texte mögen für manchen „mieser Pädagogikstudentinnen-Pseudo-Emokram“ sein (so heißt es in einem Kommentar auf YouTube). Und doch hat Maike Rosa Vogel auf „Unvollkommen“ eine Musik geschaffen, die Menschen „tief drin berühren“ will. Und es auch tut. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Unvollkommen
Our Choice (Rough Trade) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004FGWF7G