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www.justament.de, 10.8.2015: Lagerfeuer forever

Apples in Space auf ihrem streckenweise bezaubernden Debüt

Thomas Claer

applesZwei junge Leute mit Hippie-Frisuren, eine zarte weibliche und eine nicht minder sanfte männliche Stimme, dazu zwei Gitarren, die so etwas wie Folk-Pop absondern, fertig ist die perfekte Lagerfeuer-Romantik. Und just an einem sommerlichen Lagerfeuer hatte das Berliner Duo „Apples in Space“ auch seinen ersten richtungsweisenden Auftritt, nämlich vor einem Jahr im ansonsten reichlich albernen Klamauk-Film „Haialarm am Müggelsee“ von Sven Regener und Leander Haußmann, die schon seit langem als dicke Freunde bekannt sind. Es soll hier nicht verschwiegen werden, dass es sich beim jungen Philipp Haußmann, der einen Hälfte von Apples in Space, um den Sohn des besagten Film- und Theaterregisseurs Leander Haußmann handelt, was dem Ganzen einen, sagen wir, etwas anrüchigen Beigeschmack gibt, denn welcher junge Mensch lässt sich schon gerne von seinen Eltern und deren Freunden protegieren? (Und nicht nur das: Inzwischen lässt Vater Haußmann seinen Sohn auch noch die Musik in seinen Theaterinszenierungen spielen.) Wobei man das heute, wo man nicht mal mehr eine Studentenbude ohne Bürgschaft der Eltern bekommt, bekanntlich längst nicht mehr so eng sieht wie etwa noch vor 20 Jahren…

Und schließlich ist da ja auch noch die andere Hälfte von Apples in Space, die elfengleiche Norwegerin Julie Mehlum, die Haußmann jun. vor fünf Jahren auf einer Interrail-Tour begegnet ist (allein dieser Umstand gibt natürlich schon alle Pluspunkte der Welt!). Diese junge Dame ist ein gesangliches Naturtalent und sorgt ganz maßgeblich für den charakteristischen Apples in Space-Sound: eine Prise vom frühen Leonard Cohen, eine Spur Bob Dylan, ein Hauch von Simon & Garfunkel – und all das mit der allerunschuldigsten Hippie-Attitüde.

Der absolute Übersong des Albums ist aber das ganz und gar bezaubernde „Vespa“. Manchmal ist alles ganz einfach. „Well I think you saved my life“, heißt es im Text. Und genau das möchten wir auch diesem Lied zugutehalten. Zumindest hat es uns diesen Sommer gerettet. Auch wenn die anderen neun Lieder gegenüber „Vespa“ etwas abfallen, so lässt sich doch alles gut hören; insbesondere „The Never Read Letter“ kann ebenfalls überzeugen.

Produziert ist das Album von Element Of Crime-Drummer Richard Pappik sowie Sven Regeners Ehefrau Charlotte Goltermann, und als Vorgruppe von Element Of Crime haben Apples in Space natürlich nochmals an Popularität gewonnen. Na wenn schon, sie haben es sich redlich verdient! Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Apples in Space
Apples in Space (Tonpool)
ASIN: B00T3Q19RU
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Justament Mai 2012: Rücksichtslos emotional

Maike Rosa Vogel verblüfft auf ihrem zweiten Album „Unvollkommen“

Thomas Claer

Cover Maike RosaEs gibt sie noch, die Liedermacher. Nur ganz vereinzelt zwar, doch manchmal sind sie sogar jung und weiblich und haben einen Namen, der so vollkommen klingt, als ob er ausgedacht wäre, es aber gar nicht ist. Maike Rosa Vogel hieß schon so, als sie 1978 in einem sozialistischen Elternhaus in Frankfurt am Main das Licht der Welt erblickte, wobei für ihren zweiten Vornamen niemand anders als Rosa Luxemburg Pate stand. Und aufgewachsen ist sie, was tiefe Spuren hinterlassen hat, mit der Musik von Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt. Sie hat die Schule vorzeitig abgebrochen, später als Postbotin, Kellnerin und Fahrradkurier gearbeitet und dabei immer Musik gemacht. Was für eine Biographie! Irgendwann besuchte sie die Popakademie in Mannheim und ist danach in Berlin gelandet. Dort ist im vorigen Jahr nach „Golden“ (2008) nun ihr zweites Album „Unvollkommen“ erschienen, produziert von keinem Geringeren als Sven Regener, der ihr bekennender Fan wurde und sie auch gleich als Vorprogramm für die letzte Element Of Crime-Tour engagiert hat. Niemand weiß, was ohne diesen prominenten Mentor aus ihr geworden wäre. Doch ist es wohl ein Glücksfall, wie es gekommen ist, denn Maike Rosa Vogel fällt in jeder Hinsicht aus dem Rahmen. So wie ihre Kindheits-Idole vermag sie allein mit ihrer akustischen Gitarre, die im Stil der Protestsänger nicht gezupft, sondern geschlagen wird, mehr Krach zu machen als so manche vielköpfige Band. Ihre mit leicht nasaler Stimme immer etwas rotzig vorgetragen Songs handeln, da nimmt die Sängerin kein Blatt vor den Mund, immer nur von ihr selbst, was aber gleichwohl, zumindest in ihren Augen, höchste politische Relevanz besitzt. Die Personen in ihnen erkennen sich daran, dass sie sich „falsch in dieser Welt“ fühlen. Und „Menschen werden nicht geliebt, weil sie so schön sind, sondern weil sie eine eigene Welt in sich tragen.“ Ja, so wünscht man es sich zumindest. Die rücksichtslos emotionalen, manchmal sehr direkten, oft aber auch ziemlich verschwurbelten und in all ihrer Ausführlichkeit nicht immer vollständig erschließbaren Texte mögen für manchen „mieser Pädagogikstudentinnen-Pseudo-Emokram“ sein (so heißt es in einem Kommentar auf YouTube). Und doch hat Maike Rosa Vogel auf „Unvollkommen“ eine Musik geschaffen, die Menschen „tief drin berühren“ will. Und es auch tut. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

Maike Rosa Vogel
Unvollkommen
Our Choice (Rough Trade) 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004FGWF7G