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justament.de, 10.5.2021: Schön war die Zeit

Vor 30 Jahren erschien „Projekt F.“ von Stephan Remmler

Thomas Claer

Wie verrückt war das denn? Ex-NDW-Star und Trio-Frontmann Stephan Remmler brachte im Mai 1991, vor genau 30 Jahren, eine Platte heraus, über die beinahe alle in seinem Umfeld nur den Kopf schüttelten: alte Schlager von Freddy Quinn aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, darunter viele Seemannslieder, in neuer, stark reduzierter Inszenierung. Auch seine Plattenfirma hatte zunächst schockiert auf sein Vorhaben reagiert, sich aber, da er so darauf bestand und sich angesichts seiner früheren Verkaufserfolge auch allerhand erlauben konnte, doch noch breitschlagen lassen. Das Ergebnis war niederschmetternd. „Das Album erhielt durchweg schlechte Kritiken“, heißt es bei Wikipedia. „Insbesondere wurden die sparsame Instrumentierung und der Gesangsvortrag Remmlers kritisiert.“ Die Zeitschrift ME Sounds (Nr. 6/1991, S. 46) meinte sogar: „Remmler spricht mehr als daß er singt, und die programmierten Computer-Keyboards wirken so karg, als habe er bewußt Strom sparen wollen. So viel kühle Distanz ist dem Keimen der großen Gefühle doch eher abträglich.“ In den Charts konnten sich weder das Album noch die beiden ausgekoppelten Singles platzieren. Remmler insistierte trotzig: „Ich kann mir meine Musik leisten.“
Vielleicht musste ja einfach nur etwas Zeit vergehen, bis diese Musik dann doch noch ihre verdiente Wertschätzung finden konnte. Denn mittlerweile ist „Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle“ von „Stephan Remmler und die Schatzsucher“ schon seit vielen Jahren ein gesuchtes Sammlerstück, für das man bei Medimops gut und gerne 30 bis 40 Euro (fürs Vinyl sogar 100 Euro) hinblättern muss. Und auch wenn die Platte bis heute ihre Hörer polarisiert und bei ihnen enthusiastische Begeisterung ebenso wie heftige Ablehnung hervorruft, so ist sie in ihrer liebenswerten Verschrobenheit doch unbestritten einzigartig. Nun trägt zwar der „Deutsche Schlager“ als solcher seinen anrüchigen Ruf keineswegs zu Unrecht. Doch gelingt es Stephan Remmler mit raffiniert-minimalistischen Adaptionen dieser Lieder gleichsam, eine bisher unter ihrem verkitschten Zuckerguss verborgene Schicht wahrer Größe freizulegen. Vor allem gilt dies für ihre Texte, die oft hölzern und unbeholfen daherkommen, in denen es aber inmitten ihrer genretypischen Verlogenheit auch Momente überraschender Wahrhaftigkeit zu entdecken gilt. Und gerade das Ambivalente dieser Lieder bringt Remmler immer wieder zum Vorschein, indem er sie mit seinem Sprechgesang und seinen übertrieben pathetischen Ausbrüchen zwar durch den Kakao zieht, dabei aber gleichzeitig auch ernst nimmt.
Erst recht, wenn man sich heute, im Abstand von drei Jahrzehnten, noch einmal durch das Album hört, bemerkt man, wie fremd uns die darin besungene Lebenswelt inzwischen geworden ist: die Seemannsromantik, die Verlockung ferner, unbekannter Länder, das vielfach thematisierte Fernweh genauso wie das Heimweh, die alte und immer neue Tragik vergeblicher Liebesmüh. Wie verzaubert war doch die große, weite Welt, bevor man sie einfach mal eben für einen Kurzurlaub mit dem Flugzeug erreichen konnte! „Fährt ein weißes Schiff nach Honkong, hab ich Sehnsucht nach der Ferne/ Aber dann in weiter Ferne hab ich Sehnsucht nach zu Haus.“ „Ob am Kai von Casablanca, ob am Kap von Salvador/ Er denkt immer an Juanita, deren Liebe er verlor.“ „Als er kam, war er ein Fremder, und er glaubte nicht daran/Dass wer alles hat verloren, nochmal glücklich sein kann.“ „Hört mich an ihr gold‘nen Sterne/Grüßt die Liebste in der Ferne.“ „Wo ich die Liebste fand, da ist mein Heimatland./Wann bin ich nicht mehr allein?“ Und so geht es immer weiter…
Der heute 74-jährige Stephan Remmler begründete damals sein merk- und denkwürdiges Projekt F auch damit, dass er nicht nur mit Rockmusik großgeworden sei, sondern auch mit den Schlagern und Seemannsliedern von Freddy Quinn, und dass es ihn schon immer gereizt habe, sich auch selbst dieser einmal anzunehmen. Das ist ihm, was immer seine Verächter auch einwenden mögen, auf bemerkenswerte Weise gelungen. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte)

Stephan Remmler und die Schatzsucher
Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle
Mercury (Universal Records)
ASIN: B00000853M
(vergriffen)

Justament März 2012: 30 Jahre Trio-Platte

Scheiben vor Gericht Spezial

Thomas Claer

Cover TrioVor zehn Jahren hatten wir „9/11“, vor 20 Jahren erschien „Nevermind“ von Nirvana, aber vor 30 Jahren gab es ein Erdbeben in der deutschen Musiklandschaft, das die Welt noch nicht gesehen hatte – ausgelöst von einer bis dahin völlig unbekannten Formation aus dem niedersächsischen Großenkneten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie damals plötzlich überall Trio-Herzen auf die Schulwände und –bänke geritzt und gezeichnet waren, das linke immer durchgestrichen. An jeder Ecke ertönte „Da Da Da – Ichliebdichnichtduliebstmichnicht“ und später dann auch „Anna – Lassmichreinlassmichraus“. Ja, auch wir in der damaligen DDR waren vom Trio-Fieber befallen. Was der breiten Masse aber entging (und damit leider auch mir, der ich seinerzeit noch zu klein und zu dumm dafür war), waren die noch aus der prä-kommerziellen Phase der Band stammenden kolossalen Songs des ersten Trio-Albums, auf dem der spätere Welthit „Da Da Da“ ursprünglich noch gar nicht enthalten war. Dieser einzigartige „Kuhstall-Sound“, eine wilde Mischung aus Punk und Dada, galt zu jener Zeit nur als etwas für die richtig harten Jungs. Es gab an unserer Schule so eine Clique aus Neunt- oder Zehntklässlern, die immer in einer Garage abhingen. Es wurde erzählt, sie hätten billigstes Hafenbräu-Bier gesoffen und Karo-Zigaretten ohne Filter gequarzt und dabei die Trio-Platte rauf und runter gehört, natürlich die irgendwie ins Land geschmuggelte und vom hundertfachen Kopieren arg lädierte Version auf einem Mono-Kassettenrekorder. In unserer Spießer-Diktatur war so etwas natürlich als absolut anrüchig verschrien, aber den Jungs war es egal. (Heutzutage sind Garagen-Gangs ja generell rehabilitiert. Auch Facebook wurde schließlich in einer Garage gegründet.) Erst ein Jahrzehnt später, nach der Wiedervereinigung, als Kurt Cobain auf MTV alles niederbrüllte, kaufte ich mir die Trio-Platte auf einem Flohmarkt in Bremen und wurde auf der Stelle zum Fan. Heute dokumentiert der Wikipedia-Eintrag „Trio (Album)“ ausführlich die Entstehungsgeschichte jedes einzelnen Songs von „Ja ja ja“ bis zu „Los Paul – du musst ihm voll in die Eier hau’n“. Von Musikjournalisten wurde „Trio“ mal zum besten deutschsprachigen Album aller Zeiten gewählt. Dem ist nichts hinzuzufügen. Das Urteil lautet: sehr gut (16 Punkte).

Trio
Trio
Mercury (Universal 1981
Ca. € 17,- (gebraucht)
ASIN: B000005S09