Tag Archives: Südkorea

justament.de, 24.6.2019: Menage-a-trois am Han-Fluss

Recht cineastisch, Teil 35: „Burning“ von Lee Chang Dong

Thomas Claer

Das südkoreanische Kino ist schon lange kein Geheimtipp mehr. Vielleicht sei es, so mutmaßte schon vor mehr als einem Jahrzehnt das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, „das coolste Kino der Welt“. Nun hat mit „Parasite“ von Bong Joon Ho erstmals ein Film aus dem Land der Morgenstille die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Grund genug, sich den ebenfalls hochgelobten koreanischen Vorjahres-Beitrag in Cannes, den Film „Burning“ von Lee Chang Dong, der nun in unsere Kinos kommt, einmal anzusehen.

Hierbei handelt es sich um die Verfilmung einer Kurzgeschichte von Haruki Murakami aus dem Jahr 1983. Haruki Murakami? Richtig, der japanische Schriftsteller, über dessen Buch „Naokos Lächeln“ sich vor 19 Jahren das „Literarische Quartett“ so sehr in die Wolle kriegte, dass Sigrid Löffler nach der Sendung verärgert ihren Austritt aus dem Quartett erklärte. (Für sie war das Buch „literarisches Fastfood“, während es Marcel Reich-Ranicki als „fabelhaft und hocherotisch“ ansah. Natürlich gilt Haruki Murakami heute längst als Schriftsteller von Weltrang…)

Regisseur Lee Chang Dong verlegt nun also die Handlung aus Harukis 36 Jahre alter Geschichte ins Südkorea der Gegenwart. Und dies funktioniert durchaus, denn das Phänomen der zornigen und frustrierten jungen Menschen auf Sinnsuche, die sich in ihrem Außenseitertum eingerichtet haben, ist mittlerweile auch im einstigen Tigerstaat am Han-Fluss angekommen. Was die Japaner schon vor Jahrzehnten kannten, spüren nun auch die lange Zeit von traumhaften Wirtschaftswachstumsraten verwöhnten Südkoreaner: Es ist für junge Leute selbst mit guter Qualifikation nicht mehr so leicht wie früher, irgendwo unterzukommen. Und so mancher wird dabei, was in diesem Land mit seiner traditionell so starken sozialen Kontrolle eigentlich gar nicht vorgesehen ist, zum Individualisten.

So auch Jongsu (Yoo Ah In), der Held dieses Films, ein junger Hochschulabsolvent (Studienschwerpunkt: Kreatives Schreiben), der sich mit Gelegenheitsjobs und Arbeiten auf dem Bauernhof seines Vaters über Wasser hält, während er bereits an seinem Roman-Debüt arbeitet. Eines Tages begegnet ihm so etwas wie der feuchte Traum jedes (angehenden) Schriftstellers: eine attraktive junge Dame, die ihn ausgiebig für sein Tun bewundert. Dass Jongsu einen Roman schreibt, findet Haemi (Jeon Jong Seo), die ebenfalls von Gelegenheitsjobs lebt und auf der Suche nach dem Sinn des Lebens eine Reise nach Afrika unternehmen will, „mochitda“. Dieses kaum ins Deutsche übersetzbare koreanische Wort (es entspricht in etwa dem englischen „handsome“) bedeutet so viel, wie dass sie Jongsu für einen tollen Typen hält. Sehr schnell kommen beide auch zur Sache, wobei die Initiative eindeutig von Haemi ausgeht. Doch dann fliegt Haemi für ein paar Wochen nach Afrika, während Jongsu ihre Katze versorgt. Und zurück kommt Haemi zu Jongsus großem Verdruss in Begleitung des einige Jahre älteren Ben (Steven Yeun), der ebenfalls großen Gefallen an Haemi gefunden hat. Ben ist, in krassem Gegensatz zu den beiden anderen Protagonisten dieser Dreiecksgeschichte, offenbar steinreich und protzt ganz hemmungslos mit seinem Porsche und seinem Luxus-Apartment im mittlerweile weltweit berüchtigten Seouler Nobel-Bezirk Gangnam. Es versteht sich, dass Jongsu in diesem ungleichen Wettbewerb denkbar schlechte Karten hat…

Doch will Haemi, die sonst kaum soziale Bindungen hat und von ihrer Familie verstoßen wurde, am liebsten beide junge Männer gleichzeitig als Freunde (und offenbar auch als Liebhaber) behalten. Ben, der oberflächliche und egomanische Yuppi, der seinerseits Kontakte zu vielen weiteren jungen Damen unterhält, sieht das alles ganz locker, während Jongsu von nun an Höllenqualen der Eifersucht erleidet. Immer wieder treffen sie sich zu dritt, mal in Bens durchgestylter Wohnung, mal auf Jongsus schäbigem Bauernhof, wo sich Haemi in der Abendsonne ihrer Kleidung entledigt und ihren beiden Verehrern nackt etwas vortanzt. (Die schockierende Wirkung solcher Bilder im streng konfuzianischen Korea lässt sich leicht vorstellen…) Beiläufig berichtet Ben noch von seinem bizarren Hobby, ab und zu ein Gewächshaus auf dem Lande anzuzünden. Bis zum Ende des Films wird nicht klar, ob er dies womöglich nur erfunden hat.

Plötzlich ist Haemi spurlos verschwunden und weder für Jongsu noch für Ben erreichbar. Jongsu verdächtigt (ohne dies jemals auszusprechen) Ben, ihr etwas angetan zu haben. Doch aus verschiedenen Quellen erfährt er, dass Haemi wohl erhebliche Kreditkartenschulden angehäuft haben soll, weshalb sie auch aus diesem Grunde schlicht untergetaucht sein könnte. Die Suche nach der verschwundenen Haemi wird nun für Jongsu zur großen Obsession. Doch hilft ihm alles Träumen und Masturbieren und Spekulieren und Spionieren nichts. Haemi taucht nicht wieder auf. Das Ende des Films, in dem sich Jongsus angestauter Groll entlädt, soll hier allerdings nicht verraten werden. Und vielleicht hat er es sich, wofür gewisse Indizien sprechen, ja auch nur vorgestellt, und es ist bereits ein Teil seines Romans… Kurzum: ein starker, ein sehenswerter Film.

Burning
Südkorea 2018
148 Minuten
Regie: Lee Chang Dong
Drehbuch, Oh Jung Mi, Lee Chang Dong
Darsteller: Yoo Ah In (Lee Jongsu), (Ben), Jeon Jong Seo (Shin Haemi)

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Justament Sept. 2012: Geplatzte Übernahme

Wie zwei koreanische Studenten in Berlin beinahe Millionäre geworden wären

Thomas Claer

Die Geburtsstunde der sozialen Online-Netzwerke war nicht etwa die Gründung von Facebook am 4. Februar 2004 in Harvard (und auch weder die von Mark Zuckerbergs Vorläufer-Projekt  facemash.com im Oktober 2003 noch die des amerikanischen Konkurrenten Myspace im Juli 2003). Zu dieser Zeit war im fernen Technik-Pionierland Südkorea nämlich längst ein Online-Dienst namens Cyworld (gegründet 1998) mit Millionen Nutzern etabliert, der es allerdings (noch) weniger streng mit dem Datenschutz hielt als später Facebook: Was jemand auf seine persönliche Cyworld-Seite gestellt hatte, war grundsätzlich für jeden einsehbar, der sich bei diesem Netzwerk angemeldet hatte. Es gab dort also nur „Freunde“.
Dass sich das Konzept dieser werbefinanzierten „Mini-Homepages“, wie man damals sagte, irgendwann auch außerhalb von Fernost umsetzen ließe, das wurde damals noch überwiegend bezweifelt. Vor allem zu Deutschland, wo die Skepsis gegenüber technischen Innovationen traditionell vergleichsweise stark ist, schien diese neue Form der Selbst-Präsentation und Kommunikation nicht so recht zu passen. Doch Chol-Soo Kim und Jae-Gang Lee (Namen von der Redaktion geändert), zwei damalige Studenten aus Südkorea in Berlin, denen Cyworld aus ihrer Heimat gut bekannt war, wollten sich damit nicht abfinden. Sie taten im Jahr 2004 das, was auch heute noch Tausende „junge Kreative“ in Berlin tun: Sie gründeten ein „Startup“. Das soziale Netzwerk „n-pool.de“ war geboren und hatte nach einigen Monaten bereits ein paar hundert Nutzer, vor allem unter Deutsch-Koreanern. Kim und Lee gingen nun in die Vollen, liehen sich Geld im Freundes- und Bekanntenkreis, auch aus ihren Familien, mieteten Büroräume zunächst im bescheidenen Moabit, später sogar in bester Lage am Nollendorfplatz, und stellten junge und hochmotivierte Mitarbeiter ein, vor allem Praktikanten, die zu finden in Berlin nie ein Problem ist, wo auch heute noch fast jeder am liebsten „irgendwas mit Medien“ machen möchte. Bald stieg die Nutzerzahl auf einige tausend. Und so langsam gab es auch Interessenten aus der Medienindustrie, die das nächste „große Ding“ witterten. Ein Großunternehmen aus Gütersloh lud Kim und Lee zu konkreten Übernahmegesprächen. Man hatte sich bereits auf einen Preis von einer Million Euro geeinigt (angesichts des erwarteten Potentials von N-Pool eher „Peanuts“), die Konzernzentrale sollte es nur noch absegnen. Doch darauf warteten Kim und Lee, die sich zwischenzeitlich schon als Millionäre gefühlt hatten, vergeblich. Lag es vielleicht am Manga-Design der Seite, das damals – anders als heute – noch keinen deutschen Jugendlichen hinter dem Ofen hervorlocken konnte? Auch die Verhandlungen mit anderen Kaufanwärtern scheiterten. Kim und Lee wuchsen die laufenden Kosten über den Kopf – sie mussten aufgeben. N-Pool ging 2006 vom Netz. Wenig später wurde das im November 2005 gegründete Studi-VZ zum großen Renner, welches seinerseits nach einigen Jahren vom Giganten Facebook überholt wurde.

Justament März 2004: Pauken im Land der Morgenstille

Das südkoreanische Juristenausbildungssystem übertrifft das deutsche an Rigorosität

Thomas Claer

Einen Namen gemacht hat sich Südkorea als Tigerstaat, der – abgesehen vom Asien-Krisen-Knick Mitte der Neunziger – seit Jahrzehnten ein exorbitantes Wirtschaftswachstum vorweisen kann und bei “ungehindertem Geschehensablauf” wohl in nicht allzu ferner Zukunft zum stagnierenden Nachbarn Japan aufschließen wird. In der für Deutschland so blamablen PISA-Studie belegten die Schüler Südkoreas hinter Finnland den zweiten Platz (was in den koreanischen Medien kaum Beachtung fand). Wie funktioniert in einem solchen aufstrebenden Land die Juristenausbildung?

Wenige Juristen
So wie in Deutschland muss, wer sich in Südkorea examinierter Jurist nennen will, zwei Staatsprüfungen bestehen. Die Parallelen sind nicht zufällig, wurde doch das formale Rechtssystem in Korea während der japanischen Kolonialherrschaft (1907-1945) etabliert und hatte Japan wiederum das seine nach dem Muster Preußens errichtet. Doch bildet Korea keine Einheitsjuristen aus. Es gibt drei unterschiedliche Staatsexamen: ein zivilrechtliches, das zwar auch das Strafrecht, hingegen das öffentliche Recht nur in Grundzügen umfasst, ferner ein öffentlich-rechtliches für alle Verwaltungsberufe und schließlich eins für den diplomatischen Dienst. Auch bewegt sich, anders als in Deutschland, das derzeit unter einer Juristenschwemme leidet, die Zahl der erfolgreich abschließenden Juristen in Korea bis heute auf eher preußischem Niveau: Genau 1000 Absolventen (bei ca. 50 Millionen Einwohnern) – diese Zahl ist festgeschrieben – kommen pro Jahr durchs zweite zivilrechtliche Staatsexamen. Bis 1997 waren es nur 500. Im öffentlich-rechtlichen und im Diplomaten-Examen lässt man noch deutlich weniger Kandidaten bestehen. Und diese wenigen Glücklichen haben – wie die vielen unglücklichen “Durchfaller” – einen nervenaufreibenden Lernmarathon durchlaufen, der selbst die gewiss nicht komfortable deutsche Examensvorbereitung in den Schatten stellt.

Voraussetzungen
Um sich für eines der koreanischen Staatsexamen anzumelden, bedarf es keinerlei formaler Voraussetzungen. Ein Jurastudium ist zwar hilfreich, aber genauso wenig vorgeschrieben wie ein bestimmter Schulabschluss. Wer es so will oder muss (z.B. weil er keinen der begehrten und streng limitierten Studienplätze bekommen hat), bereitet sich selbständig aufs Examen vor. Der jetzige Präsident der Republik Korea, Roh Moo Hyun, ist Jurist geworden, ohne jemals an einer Universität studiert zu haben. Das – wie alle Studiengänge in Korea – ziemlich verschulte Jurastudium ist zwar inhaltlich voll und ganz auf die Staatsexamen fixiert, bietet aber einen eigenen universitätsinternen Bachelor-Abschluss an, den auch üblicherweise der jeweils gesamte Jahrgang erreicht. Fast alle Jura-Studenten versuchen sich anschließend aber auch im ersten Staatsexamen, das immerhin ca. 10 Prozent von ihnen bestehen. Hinzu kommen noch die etwa zwanzig Prozent der erfolgreichen Examens-Prüflinge, die zuvor nicht Jura, sondern etwas anderes oder gar nicht studiert haben. Wer beim Examen scheitert oder diesen Weg gar nicht erst einschlagen will, kann immer noch einen aufbauenden Master-Studiengang absolvieren, der wiederum unverzichtbar für eine spätere Promotion ist, welche ihrerseits den Weg zu einer, in Korea nicht sonderlich attraktiven, Professur an einer Universität ebnen kann – und das alles ohne Staatsexamen.

Examensindustrie
Die eigentliche Examensvorbereitung erfolgt aber – wie in Deutschland – in den allermeisten Fällen beim “Rep”. Die absolvierten privaten examensvorbereitenden Kurse dauern mindestens ein Jahr, oft aber auch länger – je nach Selbsteinschätzung der Kandidaten. Manche sollen bis zu 10 Jahre für ihr Examen lernen. Die Intensität ist beträchtlich. Üblicherweise quartieren sich die Kursteilnehmer in den Lernräumen der Repetitorien ein (Übernachtungen sind in den Preisen von umgerechnet ca. 1000 Euro monatlich bereits enthalten) und büffeln dort buchstäblich Tag und Nacht. In der Nähe der renommierten Seoul-Uni, der koreanischen Eliteuniversität schlechthin, gibt es einen so genannten “Juristenexamensbezirk”, in dem sich eine Vielzahl dieser “Paukschulen” befindet.

Staatsexamen
Die zentrale Prüfung zum ersten Staatsexamen findet jeweils einmal jährlich für einige Tage in der Hauptstadt Seoul statt. Im ersten Durchgang müssen die zigtausend Kandidaten durch einen Multiple-Choice-Test, dessen Bestehen die Voraussetzung für die Teilnahme am zweiten Durchgang ist und der das Feld der Aspiranten bereits deutlich dezimiert. Dann folgt der Klausuren-Teil, zu dem neben der üblichen Fallbearbeitung, wie wir sie kennen, auch regelmäßig “Besinnungs-Aufsätze” mit Aufgabenstellungen wie “Stellen Sie Ihre Kenntnisse über die Meinungsfreiheit dar!” gehören. Wer hier zu den besten 1000 gehört, hat es so gut wie geschafft. Die abschließende mündliche Prüfung der “Sieger” dient dann nur noch der gelegentlichen Auslese aufgrund eines mangelhaften Persönlichkeitsbildes.

Vorbereitungsdienst
Auf das erfolgreiche erste Examen folgt dann ein zweijähriger staatlicher Vorbereitungsdienst, ähnlich unserem Referendariat. Im ersten Jahr erhalten die verbeamteten und besoldeten angehenden Juristen einen schulartigen, aber rechtspraxisnahen Unterricht an einem Institut. Das zweite Jahr wird nur noch in der Praxis absolviert. Grundsätzlich jeder besteht das darauf folgende zweite Staatsexamen. Allerdings verliert bei einem – nur selten vorkommenden – Scheitern im zweiten Examen auch das erste seine Gültigkeit. Je nach Examensnote dürfen die Absolventen dann Richter, Staatsanwälte oder Rechtsanwälte (von denen es in Korea nur einen Bruchteil der in Deutschland zugelassenen Zahl gibt) werden. In jedem Falle haben die auf solche Weise examinierten Juristen exzellente Berufs- und Verdienstaussichten.