Category Archives: Über Bücher

www.justament.de, 22.8.2016: Kinder, Kinder

Der Erzählungsband „Lettipark“ von Judith Hermann

Thomas Claer

LettiparkNeue Kurzgeschichten von Judith Hermann? Sieben Jahre nach ihrem letzten Erzählungsband und zwei Jahre nach ihrem verunglückten Roman-Debüt, das wir ihr längst verziehen haben? Da freut man sich doch gleich und beginnt erwartungsvoll zu lesen. Aber schnell merkt man, dass die Judith Hermann von 2016 nicht mehr jene von 1998 ist, die uns seinerzeit in „Sommerhaus, später“ mit dem „Sound einer neuen Generation“ betörte. (Womöglich ließe sich in diesem Zusammenhang auch von der „Generation Berlin“ sprechen, denn nicht wenige von uns sind damals sozusagen mit diesem Buch im Gepäck – gleich neben Sven Regeners „Herr Lehmann“ und Wladimir Kaminers „Russendisko –  in die Hauptstadt gezogen, auf der Suche nach dem wilden Leben in der noch unfertigen Metropole.) Inzwischen jedoch ist mit der Autorin auch das Personal ihrer Erzählungen um fast zwei Jahrzehnte gealtert, was nicht unbeträchtliche Spuren hinterlassen hat.
Nun sind die insgesamt 17, allesamt recht kurzen Geschichten dieses Buches sowohl inhaltlich als auch personell sehr heterogen. (Stilistisch sind sie es nicht unbedingt, dafür aber qualitativ.) Judith Hermanns Ich-Erzähler schlüpfen in die unterschiedlichsten Charaktere, sind mal männlich, mal weiblich, mal arm, mal gut situiert. Doch sind sie fast alle verheiratet und haben Kinder, manche sind geschieden und leben in Patchwork-Familien. Überhaupt dreht sich bei ihnen fast alles um den Nachwuchs. Wo bleiben da, so fragt man sich, die vielen Singles, die fast 50 Prozent kinderlosen Akademiker? Nun, auch sie treten vereinzelt auf, etwa als besessene Frau mit fanatischem Kinderwunsch, die schließlich ein russisches Kind adoptiert, woraufhin ihr Lebensgefährte sich fragt, ob er nicht besser die Reißleine ziehen sollte. Es liegt wohl auch daran, dass Leute mit Kindern meistens nur Leute mit Kindern kennen und Kinderlose meistens nur Kinderlose. Problematisch daran ist allein, dass die häufige Fixierung auf Kinder und Jugendliche diesen Geschichten nicht unbedingt guttut. Marcel Reich Ranicki muss es wohl geahnt haben, als er Judith Hermann nach ihren ersten Erfolgen mit den Worten warnte: „Bekommen Sie bloß kein Kind. Dann werden Sie nie wieder ein gutes Buch schreiben!“
Eine Geschichte, „Papierflieger“, die von einer alleinerziehenden Mutter und ihrem Freund handelt, den sie aber nur zum Aufpassen auf den Kleinen gebrauchen kann und will, ist trotzdem richtig gut geworden. Die kleinen poetischen Momente des Lebens vermag diese Autorin manchmal sehr gut einzufangen, mitunter auch die großen existentiellen wie in der Titel-Erzählung „Lettipark“, wo die Protagonistin zufällig an der Supermarktkasse eine alte Bekannte trifft – und alles, was früher einmal gewesen ist, kommt wieder in ihr hoch. Was Judith Hermann nicht so gut kann, ist das Setzen von Schluss-Pointen, mit denen sie jedenfalls in diesem Band regelrecht auf Kriegsfuß steht. Manche Geschichten werden durch ihr schwaches Ende regelrecht ruiniert. Ansonsten wird in diesen Erzählungen viel gereist, dafür aber – in krassem Gegensatz zu früher – fast gar nicht mehr geraucht. Geblieben jedoch ist die Melancholie, die über allen Geschichten liegt. Lachen musste ich beim Lesen nur ein einziges Mal, als die Ich-Erzählerin von einem gesprächigen Freund berichtete. Beim Telefonat mit diesem legte sie zwischenzeitlich den Hörer beiseite, um den Geschirr-Abwasch zu erledigen. Als sie ihn wieder aufnahm, redete ihr Freund noch immer munter weiter und hatte die längere Abwesenheit des Gegenübers gar nicht bemerkt. Kam mir irgendwie bekannt vor.

Judith Hermann
Lettipark. Erzählungen
Fischer Verlag Frankfurt a. M. 2016
187 Seiten, 18,99 EUR
ISBN: 978-3-10-002493-0

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www.justament.de, 1.8.2016: Spricht so ein Rechtspopulist?

Gesammelte Reden von Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“

 

Thomas Claer

 

SloterdijkReichlich Prügel bezogen hat der Philosoph Peter Sloterdjk in den vergangenen Monaten ob seiner Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte. Insbesondere hat sich SPIEGEl-Online-Kolumnist Georg Diez auf ihn eingeschossen und ihn wiederholt in die Nähe der rechtspopulistischen AfD gerückt. (Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel machte sich diese Vorwürfe unlängst zu eigen.) Vor allem delikat ist hieran, dass ein Musterschüler von Prof. Sloterdijk, der Karlsruher Philosophie-Dozent Marc Jongen, ausgerechnet für die AfD im Baden-Württembergischen Parlament sitzt und als intellektueller Vordenker dieser Partei gilt. Für Jongen ist Deutschland eine geknechtete Nation, der es an „thymotischen Energien“ fehle (ein auf den griechischen Philosophen Platon rekurrierender Neologismus Sloterdijks aus seinem 2006 erschienenen Werk „Zorn und Zeit“). Inzwischen hat Sloterdijk zum Gegenschlag ausgeholt, sich in einem Handelsblatt-Beitrag scharf von der AfD und seinem missratenen Zögling Jongen distanziert. Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

 

Ist Peter Sloterdijk, der einstige Hippie-Philosoph und Indien-Erleuchtungssucher, die wortgewaltige Metaphernschleuder mit der Altachtundsechziger-Frisur, inzwischen wirklich vom „typischen Vertreter linker Kulturkritik“ zum „Überläufer ins Lager der Gegenaufklärung“ mutiert, wie es sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neue Rechte“ heißt? Da kommt der neue Band mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, der Sloterdijks wichtigste Reden aus den vergangenen zehn Jahren enthält, gerade recht, um diesen ungeheuerlichen Verdacht  zu überprüfen.

 

Und ja, auch in diesem Buch finden sich einige anrüchige Formulierungen des Meisters, wie sie Georg Diez ja bereits zusammengetragen hat. Doch sollte man den Zusammenhang, in dem sie auftauchen, nicht verkennen. Ungefähr 80 Prozent der politisch relevanten Inhalte dieses Buches dürften ohne weiteres kompatibel mit dem Parteiprogramm der GRÜNEN sein: Im „Anthropozän“, also dem ganz wesentlich vom Homo sapiens bestimmten Erdzeitalter, in welchem wir uns seit zwei Jahrhunderten befänden, komme es ganz entscheidend auf einen Bewusstseinswandel der Menschheit in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs an. Der „absolute Imperativ“ eines jeden Menschen müsse es daher heute sein, sein Leben so zu ändern, dass der Fortbestand der Menschheit und unseres Planeten auch weiterhin gewährleistet sei. Übrigens habe das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, um die Titelfrage des Buches zu beantworten, „im Ausbruch der westlichen Zivilisation aus dem Dogmatismus der Schwere bestanden“, d.h. das Leben der Menschen sei durch allerlei technische Erleichterungen zusehends komfortabler geworden. Doch hätten sich die durch diese Entwicklung bedingten Kollateralschäden längst zur existentiellen Bedrohung ausgewachsen.

Weiterhin heißt es in einem anderen Vortrag Sloterdijks aus dem Jahr 2010, die Menschheit bedürfe einer Zivilisierung, einer Selbstzähmung, die u.a. in einer „Domestikation zweiter Ordnung“ liegen könne. Alle erfolgreichen Kulturen seien, stark vereinfacht gesagt, häuslich nach innen, aber kriegerisch nach außen, d.h. gegenüber Kulturfremden, gewesen. Schon früher habe oft genug nur die zwischenstaatliche Diplomatie das Schlimmste verhindert. Auf einer höheren Stufe der Domestikation komme es aber gegenwärtig auf einen Wandel zu „höherstufigen politischen Domestikationseinheiten“ an, das Musterbeispiel dafür sei die Europäische Union. Fernziel müsse es sein, dass schließlich auch die  großen, bislang nur „intern domestizierten Überlebenseinheiten“, die Civilisations im Sinne von Huntington, wiederum untereinander „über das Stadium der Nichthäuslichkeit hinausgelangen“.

Bis hierhin hätte wohl selbst Jürgen Habermas, der als Sloterdijks Intimfeind in der deutschen  Philosophen-Zunft gilt, keine Einwände gehabt. Aber dann kommt es am Ende des Vortrags knüppeldick: Ganz beiläufig fordert Sloterdijk hier die „Entschärfung der Bevölkerungswaffe“. Neben den „noch unzureichend gezähmten polemischen Außenverhältnissen der Kulturen“ sei auch „das biologische Reproduktionsgeschehen in hohem Maße regulierungsbedürftig“. Das bedeute „die Absenkung der Geburtsraten in allen Kulturen auf Proportionen, die mit sozioökonomisch beherrschbaren Lebensbedingungen verträglich sind“. Und das schließe – Achtung! –„jede Art von Elendsfruchtbarkeit ebenso aus wie verwilderte Kampffortpflanzungen – wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet“. Denn: „Riesige Gewaltentladungen werden hiervon die beinahe unvermeidliche Folge sein.“ Und Sloterdijk verweist auf die von der demographischen Forschung evident gemachte positive Korrelation zwischen überhöhten Geburtsraten und kriegerischen bzw. genozidalen Ereignissen. „Durch manifest oder latent polemisch motivierte Überproduktion von Menschen“ würden „vor allem die jungen Männer zwischen 15 und 30 Jahren zu einer Risikogruppe, die das Domestikationspotential ihrer eigenen Kulturen überfordern“. In den kommenden 20 Jahren stünden mehrere hundert Millionen junge Männer in der arabischen und afrikanischen Welt „für alle Arten von polemischen Aktivitäten bereit“. Es sei zu befürchten, dass nicht wenige von ihnen sich für religiös codierte Selbstvernichtungsprogramme rekrutieren ließen.

Was ist nun von diesen Ausführungen zu halten? Sind sie punktuelle islamophobe Panikmache, wie Gustav Seibt in seiner Rezension dieses Buches in der Süddeutschen Zeitung meinte, während er dem Autor im übrigen den gewohnten Respekt zollte? Oder müssen wir in diesen Tagen, nach den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und Rouen, nach jahrelangem Bürgerkrieg in Syrien und Irak, womöglich erkennen, dass Sloterdijk als Kassandra sogar richtiggelegen hat? Doch selbst wenn, was würde daraus folgen? Eine „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne von PEGIDA ist laut Sloterdijk jedenfalls nicht zu befürchten, diese Montagsspaziergänger hätten, so Sloterdijk in einem Fernsehinterview, nur „das tiefe innere Bedürfnis, einen Feind zu haben“.

 

Was aber ist sonst noch anstößig in diesem Buch? Dass Auschwitz vom Autor nur als ein Horror-Ereignis neben vielen anderen im 20. Jahrhundert und nicht als Singularität bezeichnet wird? Geschenkt, ein übergeordneter Blick aus der geschichtlichen Distanz wird dies irgendwann ohnehin so beurteilen, wenngleich es gegenwärtig hierzulande noch immer gute Gründe gibt, insbesondere die unbedingte Wahrung der Würde der noch lebenden Opfer, an der politisch-historischen und rechtlichen Sonderstellung des Holocaust festzuhalten. Dass Sloterdijk ferner zustimmend einen Soziologen zitiert, der vom neuen Phänomen einer „parasitären Unterschicht“ spricht? Das kann man als – im übrigen gar nicht so selten anzutreffenden  – „Sozialneid von oben“ ansehen. Dabei befand schon Marcel Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, tatsächlich sei es weitaus anstrengender und führe oft zu einer weit größeren Erschöpfung, einen ganzen Tag lang rein gar nichts zu tun als unentwegt hart und schwer zu arbeiten…

 

Solche und in ähnliche Richtungen abzielende Passagen sorgen gleichsam für ein paar schrille neoliberale Farbtupfer – ergänzend zu den angeführten latent islamophoben und ansatzweise populistischen – auf dem grünlich grundierten Argumentationsteppich. In diesem Zusammenhang kann es allerdings schon erstaunen, dass Peter Sloterdijk sich vor einigen Jahren im SPIEGEL-Interview als notorischer SPD-Wähler geoutet hat, „wenn auch nicht aus philosophischen, sondern aus persönlichen und biographischen Gründen“. Und zuletzt bezeichnete er sich in der ZEIT als „linken Konservativen“. Nun ist aber auch wirklich fast alles dabei gewesen. Vielleicht ist er ja einfach nur ein bunter Hund…

 

Ansonsten ist „Was geschah im 20. Jahrhundert“ eine Art „Parerga und Paralipomina“ geworden, eine gelungene Zusammenstellung kleinerer Abhandlungen, die in den Hauptwerken keinen Platz mehr gefunden haben. Am besten ist Sloterdijk, wie immer, wenn er die Religion durch den Kakao zieht. In „Starke Beobachtung“ entwickelt er den Gedanken, dass die moderne Raumfahrt einen „Teil der göttlichen Funktion übernommen und auf technische Systeme (Beobachtungssatelliten) und natürliche Intelligenzen (Menschen an Bord von Raumstationen) übertragen hat. Einst, in Mesopotamien, habe „die Erfindung bzw. Offenbarung der Götter“ einem „überaus wichtigen psychopolitischen Zweck“ gedient: Es galt „die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe“, die „zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren.“ Klar, so konnte man die Menschen äußerst effektiv disziplinieren. Alle höheren Kulturen, so Sloterdijk, beruhten auf der Idee, „es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken.“ … „Was die Tradition Gott nennt, ist ein starker Beobachter, für den alle Tatsachen auf derselben Oberfläche liegen. Er sieht alles synchron und von allen Seiten, sei es von oben, sei es von innen.“ Ein Recht auf Privatheit war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Und nun, so Sloterdijk weiter, schauten die Menschen des globalen Zeitalters erneut an den nächtlichen Himmel. „Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch…“

Nicht jeder der Vorträge ist so witzig, leicht und pointiert geschrieben. „Derridas Traumdeutung“ etwa kann man schon für einen ziemlichen Schnickschnack halten. Doch ist „Odysseus der Sophist. Über die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Reise-Stress“ einfach köstlich, ebenso die kleine Ideengeschichte des Indirekten „Der andere Logos oder: Die Vernunft der List“. Und auch „Die permanente Renaissance“ über Boccacios Decamerone und die Folgen sollte man sich nicht entgehen lassen. Fast überall ergreift Sloterdijk Partei für die Frechheit (beispielsweise die der Sophisten) und gegen die altehrwürdigen Autoritäten (wie etwa Platon).

 

So fragt man sich am Ende dieses ausgezeichneten Buches doch etwas besorgt, wie es passieren konnte, dass der sonst so gewitzte Sloterdijk sich mit so völlig derangierten Äußerungen zu Merkels Flüchtlingspolitik (das berüchtigte Cicero-Interview im vergangenen Frühjahr: „territorialer Imperativ“, „Lob der Grenzen“, „Souveränitätsverzicht“, Überrollung“, Lügenäther“, „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“) gegen viele der bislang von ihm selbst vertretenen Positionen und sich selbst damit in die rechte Ecke gestellt hat. Bis heute ist er offensichtlich damit beschäftigt, den Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat, mit großem Aufwand wieder zusammenzukehren. Hätte er einfach nur gesagt, wie er es später beschwichtigend nachgeschoben hat, es gebe keine Pflicht, gegen die eigenen Interessen zu handeln, dann wäre das – insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse betrachtet – zweifellos bedenkenswert gewesen. Durch seine maßlosen verbalen Zuspitzungen jedoch (und wohl auch durch seine anschließenden ungeordneten Rückzugsmanöver) hat er am Ende vor allem sich selbst geschadet.

 

Wie heißt es in Sloterdijks grandiosem Religions-Rundumschlag „Gottes Eifer“ (2007): „Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.“ (S.168) Sollte es etwa auch mit unserem Lieblings-Philosophen, der im nächsten Jahr 70 wird, schon so weit gekommen sein? Im September erscheint erst einmal sein erster erotischer (!) Roman „Das Schelling-Projekt“. Wir sind gespannt.

 

Peter Sloterdijk

Was geschah im 20. Jahrhundert?

Suhrkamp Verlag Berlin 2016

348 Seiten, 26,95 €

ISBN: 978-3-518-42507-7

www.justament.de, 8.2.2016: Man liebt nur, was man nicht besitzt

Band 5 der „Recherche“ von Marcel Proust, „Die Gefangene“, widmet sich den Tücken der Zweisamkeit

Thomas Claer

proustAls ausdauernder Leser der “Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust konnte man sich nach dem vierten der sieben Bände, „Sodom und Gomorra“, schon einmal die Frage stellen, wie es handlungstechnisch nun eigentlich noch über drei volle Bände weitergehen sollte. Klar, im siebten und letzten Band, der „Wiedergefundenen Zeit“, werden sich alle Kreise schließen, doch wie würden sich wohl Band 5 und 6 entwickeln, wo doch die Heirat zwischen Marcel und Albertine am Ende von Band 4 bereits ausgemachte Sache ist? Schließlich heißt es bei Kurt Tucholsky ganz treffend: „Es wird nach einem happy end/ Im Film jewöhnlich abjeblendt“. Soll nun etwa, so fragt  man sich ein wenig irritiert, abweichend von dieser Regel ausgerechnet das Eheleben der beiden Protagonisten vor dem Leser ausgebreitet werden, obgleich doch schon ebenjener Tucholsky erkannte: „Die Ehe ist zum jrößten Teile/ Vabrühte Milch und Langeweile“?

Nein, soweit darf es bei Proust natürlich nicht kommen. Die Handlung in „Die Gefangene“ setzt erst einige Jahre nach Marcels Entschluss, Albertine zu heiraten, in Paris wieder ein. Die beiden leben schon seit längerem in Marcels Elternhaus zusammen, allerdings ohne dass sie verheiratet wären. Marcel hält Albertine gewissermaßen hin. Sie ist jetzt etwa Mitte, er vielleicht schon Ende zwanzig. Albertine ist offensichtlich sehr an einer Heirat mit Marcel interessiert, schließlich ist er für sie eine glänzende Partie, doch spricht sie dies wohlweislich niemals aus, um ihre Ambitionen nicht zu gefährden. Vielleicht macht sie sich aber auch schlicht keine großen Gedanken darüber, der Leser erfährt im Wesentlichen nur Marcels Sicht auf die Dinge. Dessen ohnehin für die damalige Zeit – die Handlung spielt im frühen 20. Jh. – bemerkenswert lockeren großbürgerlichen Eltern lassen ihn auch in dieser Frage völlig frei gewähren. Zumal sie, was dem jungen Paar entgegenkommt, zur Zeit der Romanhandlung gerade abwesend sind. Marcels Mutter kümmert sich um die nach dem Tod von Marcels Großmutter allein auf sich gestellte kränkliche Tante in Combray. Marcels Vater, der – im krassen Gegensatz zu seinem Sohn! – pausenlos arbeitet, tritt überhaupt nicht in Erscheinung.

Das schöne Leben zu zweit

So gestaltet sich das Leben der jungen Leute überaus angenehm. Einer „geregelten Tätigkeit“ im eigentlichen Sinne gehen beide nicht nach. Für Albertine ist dies ohnehin nicht vorgesehen, Marcel verfolgt weiter den vagen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Zwischenzeitlich hat er immerhin schon „einige Blätter“ geschrieben, und zwar eine Erzählung über den mittlerweile verstorbenen Swann und die Unmöglichkeit seines Verzichts auf Odette. Auch im Haushalt ist für die beiden nichts zu tun, da die Dienerin Francoise alle anfallenden Arbeiten verrichtet. Und außerdem räumt Francoise stets auf, was insbesondere Albertine an Unordnung produziert. Marcel kommentiert das mit den Worten: „Ich glaube, dass Albertine Mama unerträglich gewesen wäre, da diese … Gewohnheiten der Ordnung bewahrt hatte, von denen meiner Freundin die elementarsten Grundbegriffe fehlten.“ Für Ausfahrten steht ein Automobil mit Chauffeur zur Verfügung. Selbstverständlich bestehen finanziell keinerlei Beschränkungen. Nur einmal seufzt Marcels Mutter beiläufig in einem ihrer Briefe an ihn: „Wo geht nur das ganze Geld bei dir hin?“

Die Wohnsituation für die jungen Herrschaften in der Stadtvilla von Marcels Eltern kann als äußerst komfortabel bezeichnet werden. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit eigenem Bad und  eigener Ankleide. Besonders großen Wert legt Marcel allerdings darauf, dass man ihn morgens immer ausschlafen lässt. Niemand, weder Albertine noch die Dienerin, darf ihn wecken, bevor er selbst das Glöckchen nach der Hausangestellten geläutet hat. (Ja, das tägliche Ausschlafenkönnen ist in der Tat so ziemlich der größte Luxus, den ein Mensch sich leisten kann. Vom eingangs erwähnten Kurt Tucholsky stammt der schöne Ausspruch: „Das Stigma aller Unterdrückten: früh aufstehen müssen.“) Überhaupt ist Marcel, was das Schlafen angeht (wie auch sonst), ein Genießer: „Der Schlaf ist göttlich, aber wenig dauerhaft; beim leisesten Anstoß verflüchtigt er sich. … Wie in der Musik bestimmte bei diesen verschiedenen Arten von Schlaf die Erhöhung oder Verminderung eines Intervalls die Schönheit.“ Und wenn Marcel nicht schläft, bleibt er auch gerne, besonders bei schönem Wetter, stundenlang im Bett liegen, ist dann für niemanden zu sprechen und durchlebt „Erinnerungsräusche“: „An diesem heiteren Sonnentag von morgens bis abends mit geschlossenen Augen liegenzubleiben, war eine ebenso erlaubte, gebräuchliche, heilsame, angenehme, der Jahreszeit entsprechende Sache, wie die Fensterläden gegen Hitze geschlossen zu halten. … Indem ich träge von Tag zu Tag weiterschiffte wie auf einem Kahn und vor mir immer neue verzauberte Erinnerungen auftauchen sah, die ich nicht selbst auswählte, sondern die, im Augenblick zuvor noch unsichtbar, mir von meinem Gedächtnis nacheinander angeboten wurden, ohne dass ich sie mir etwa aussuchen konnte, setzte ich träge in diesen immer gleichen Räumen meine Spazierfahrt in der Sonne fort.“

Nun kann man Marcels Gewohnheiten für dekadent halten, doch „der Snobismus ist zwar eine ernste Krankheit der Seele, aber örtlich begrenzt und nicht dazu angetan, sie ganz und gar zu zerstören.“ Glücklicherweise nimmt Albertine ihrem Freund solche Eskapaden jedenfalls zunächst nicht krumm, denn immerhin beschäftigt er sich „doch unaufhörlich damit, wie sie ihre Zeit verbrachte“. Und – was nicht zu unterschätzen ist – Marcel tankt Kraft durch sein langes Schlafen: „Da unser Wohlbefinden sehr viel weniger aus unserem guten Gesundheitszustand als aus dem ungenutzten Überschuss unserer Kräfte resultiert, können wir ebensogut wie durch Vermehrung der letzteren durch Beschränkung unserer Aktivität dazu gelangen. Diejenige, von der ich überströmte und deren Potential ich im Bett liegend intakt hielt, machte mich springlebendig im Innern, so wie eine Maschine, die sich nicht vom Platz rühren kann, in sich selber schnurrt.“

Wusste man in Balbec noch nichts Genaues über das Ausmaß der körperlichen Annäherung zwischen Marcel und Albertine, so besteht darüber mittlerweile kein Zweifel mehr: Marcel erfüllt „die Pflichten eines blühenden und schmerzlichen Kultes, der der Jugend und Schönheit der Frau wie eine Opfergabe dargebracht wurde.“ Sehr explizit heißt es über Albertine: „Ihre beiden kleinen hochsitzenden Brüste waren so rund, dass sie weniger einen integrierenden Teil ihres Körpers zu bilden als vielmehr wie zwei Früchte daran gereift zu sein schienen; und ihr Leib, bei dem die Stelle verborgen war, an der es beim Manne hässlich wird, als sei ein Haken steckengeblieben in einer Statue, von der man den Mantel abgeschlagen hat, fügte sich da, wo die Schenkel zusammentreffen, mit zwei muschelartigen Wölbungen zu einer sanften, ruhevollen, abschließenden Linie gleich der des Horizonts, wenn die Sonne untergegangen ist.“

Besonders lustvoll gestaltet sich der Liebesakt für Marcel jedoch, wenn er sich ergänzend dazu vor seinem inneren Auge noch einmal den Strand von Balbec vorstellt: „Hinter diesem jungen Mädchen spielten wie hinter dem purpurfarbenen Licht, das aus meinen Fenstervorhängen in Balbec niederfiel, während draußen das Konzert der Musikanten aufklang, in perlmutfarbenen Tönen die bläulichen Wellenlinien des Meeres.“ Und hinsichtlich Albertines und ihrer Freundinnen befindet er: „Sie waren … erblühte junge Mädchen geworden, aus deren Schar ich die schönste Rose gepflückt und allen anderen fortgenommen hatte.“

Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf

Nun entdeckt Marcel aber neben seiner Meeres-Obsession noch einen weiteren „Fetisch“ an sich: „Ich habe bezaubernde Abende im Geplauder, im Spiel mit Albertine verbracht, aber niemals so süße, wie wenn ich sie schlafen sah. … Der Länge nach auf meinem Bett ausgestreckt, in einer Haltung von einer Natürlichkeit, die man nicht hätte erfinden können, fand ich sie einer langgestielten Blüte ähnlich, die man dorthin gelegt hatte; und so war es in der Tat: die Macht zu träumen, die ich nur in ihrer Abwesenheit besaß, fand ich in jenen Augenblicken auch in ihrer Nähe wieder, als sei sie eben im Schlaf zu einer Pflanze geworden. Dadurch verwirklichte ihr Schlummer in gewissem Maße, was die Liebe als Möglichkeit enthielt. Wenn ich allein war, konnte ich an sie denken, aber sie fehlte mir, ich besaß sie nicht; wenn sie da war, sprach ich zu ihr, aber war zu fern von mir selbst, um zugleich denken zu können. Wenn sie schlief, brauchte ich nicht mehr zu sprechen, ich wusste, dass ihr Blick nicht länger auf mir ruhte, ich hatte nicht mehr nötig, an meiner eigenen Oberfläche zu leben.“

Über mehrere engbedruckte Seiten wird ausschließlich die schlafende Albertine beschrieben: „Ihr Schlaf, an dessen Gestade ich mit immer neuer Lust träumte, so dass ich nicht müde wurde, sie immer wieder zu kosten, war eine ganze Landschaft für mich. Ihr Schlaf rückte etwas so Ruhevolles, so sinnlich Köstliches dicht an meine Seite wie etwa die Vollmondnächte in der Bucht von Balbec. … Ich hörte das Geräusch ihrer Atemzüge, die in kurzen Abständen über ihre Lippen kamen, regelmäßig wie Brandungswellen, aber sanfter und leiser. In dem Augenblick jedoch, da mein Ohr diesen göttlichen Laut in sich aufnahm, schien mir in ihm die gesamte Persönlichkeit, das ganze Leben der reizvollen Gefangenen, die dort vor meinen Augen ausgestreckt lag, verdichtet enthalten zu sein. … Ihre Brauen, die so geschwungen waren, wie ich es niemals gesehen hatte, umgaben die Wölbung der Augenlider wie ein weiches Seevogelnest … Ihre nach und nach immer tiefere Atmung hob regelmäßig ihre Brust und darüber auch noch ihre gekreuzten Hände, ihre Perlen, die auf so verschiedene Art bei der gleichen Bewegung ihren Platz verschoben wie Fischerboote und Ankerketten, die eine Bewegung der Wellen zu leisem Schaukeln bringt. Dann, wenn ich spürte, dass ihr Schlaf seinen Höhepunkt erreicht hatte, dass ich mich nicht mehr an Klippen des Bewusstsein stoßen würde, die jetzt von der hohen Flut des Tiefschlafs überdeckt waren, sprang ich entschlossen lautlos auf das Bett, ich streckte mich neben ihr aus, umfasste sie mit meinen Armen, drückte die Lippen auf ihre Wangen und ihr Herz und legte dann auf alle Teile ihres Körpers meine freigebliebene Hand, die nun auch wie die Perlen vom Atem meiner Freundin leicht emporgehoben wurde; ja ich selbst wurde von ihrer rhythmischen Bewegung leise auf und  nieder gewiegt: ich hatte mich auf dem Schlummer Albertines eingeschifft. … Das stärker werdende Geräusch ihres Atems konnte die Illusion erzeugen, sie keuche vor Lust, doch als die meine auf dem Höhepunkt war, konnte ich sie umarmen, ohne ihren Schlaf unterbrochen zu haben. … Ich genoss ihren Schlummer in selbstloser und beschwichtigender Liebe, so wie ich Stunden hindurch dem leisen Wellenschlag der Brandung lauschen konnte. … Diesem Vergnügen aber, ihrem Schlaf zuzuschauen, das ebenso süß war, wie ihr Leben nahe bei mir zu spüren, bereitete ein anderes ein Ende, nämlich das, sie erwachen zu sehen.“ Doch schließt diese Schlaf-Orgie mit dem beunruhigenden Satz: „Süße heitere Augenblicke, die scheinbar so unschuldig sind, unter denen sich aber doch eine ungeahnte Möglichkeit des Unheils drohend erhebt…“

Nur der Vollständigkeit halber sei noch eine dritte, besonders kuriose Vorliebe Marcels auf diesem Sektor erwähnt: „Einen immateriellen, zuweilen aber nicht weniger intimen Reiz als bei der Annäherung und Vermischung unserer Körper stellte ich in der unserer Schatten fest.“ Wer es nicht glaubt, der möge es googeln: Tatsächlich gibt es auch heute noch „Schattenfetischisten“. Wie sagt die Stimme aus dem Off: „In jedem Augenblick muss man zwischen der Gesundheit, der Vernunft auf der einen Seite und den subtilen Genüssen des Geistes auf der anderen wählen.“

Freuden der Äußerlichkeit

Auch in einer anderen Hinsicht gestaltet sich Albertines Leben mit Marcel als sehr genussvoll: „Das Drum und Dran der weiblichen Toilette brachte für Albertine große Freuden mit sich. Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, ihr jeden Tag eine neue zu bereiten.“ Das heißt: Marcel kauft ihr alles, was sie haben will. . „Albertine hegte für alle diese Dinge eine viel lebhaftere Neigung als die Herzogin von Guermantes, weil – wie jedes Hindernis, das sich dem Besitz entgegenstellt – die Armut, großzügiger als der Überfluss, den Frauen viel mehr schenkt als nur die Toiletten, die sie sich nicht kaufen können: nämlich das Verlangen danach, das erst eine wirkliche, ins einzelne gehende und in die Tiefe reichende Kenntnis davon verleiht.“ Doch „der Besitz von dem, was man liebt, ist eine noch größere Freude als die Liebe selbst.“ Dennoch war Albertine, was Marcel ausdrücklich betont, „nicht oberflächlich, las viel, wenn sie allein, und las mir vor, wenn wir zusammen waren.“ Und durch all das gibt sie ihm „eine Ruhe, wie sie (indem sie uns der Wirklichkeit enthebt, das Glück in uns selbst zu suchen) aus einem Gefühl von Familienfrieden und häuslichem Glück erwächst.“

Schatten über dem jungen Glück: Eifersucht und Langeweile

Zum ständigen Begleiter wird Marcel jedoch seine Eifersucht auf Albertines fragwürdige Kontakte zu ihren diversen Freundinnen. Ständig spioniert er ihr nach und wird dabei auch immer wieder fündig, was in ihm ein „Gefühl des Grauens“ auslöst. Mit Entsetzen entdeckt er „das ausschweifende Leben, das Albertine vor der Zeit unserer Bekanntschaft geführt hatte“. Doch auch während der Romanhandlung setzt Albertine ihre Aktivitäten fort. „Ich spürte, wie ihr Wesen sich zugunsten anderer Wesen, mit denen ich sie nicht hindern konnte, in Verbindung zu treten, mir entzog.“ Mit immer neuen Ausreden und Lügen („Die Lüge ist das wichtigste und meistverwendete Werkzeug der Selbsterhaltung.“) versucht Albertine,  dies zu vertuschen. „Einerseits war es mir stets unmöglich, einen Schwur von ihr anzuzweifeln; andererseits befriedigten ihre Erklärungen keineswegs meinen Verstand.“ Doch kommt Marcel in einem klaren Moment zur Selbstdiagnose: „Ich litt infolge einer Interferenz meiner nervösen Erregungen, von denen meine Eifersucht nur das Echo war.“

Mit den heutigen medialen Möglichkeiten hätte Marcel leicht erkennen können, dass intime Kontakte junger Frauen zu ihren Freundinnen, selbst wenn sie sich in festen heterosexuellen Partnerschaften befinden, wohl zu allen Zeiten weit verbreitet waren und es bis heute sind  (http://www.cosmopolitan.de/liebe-unter-freundinnen-ziemlich-beste-busenfreundinnen-67490.html), sich also keineswegs so ungeheuerlich ausnehmen, wie es Marcel vorkommt. (Was im übrigen auch einer besonders beliebten Männerphantasie mit offensichtlich wahrem Kern entspricht…)

Doch muss Marcel sich eingestehen, dass es gerade seine rasende Eifersucht ist, die sein Interesse an Albertine überhaupt noch aufrechterhält: „Von Albertine hatte ich nichts mehr zu erwarten. Täglich erschien sie mir weniger hübsch, einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, hob sie, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen noch einmal zu neuem Ansehen empor. Sie konnte mir Leiden bereiten, aber durchaus keine Freude. Durch das Leiden allein wurde meine quälende Anhänglichkeit an sie genährt. … Ich war unglücklich. … Weil ich sie wie einen geheimnisvollen Vogel, dann wie eine große Schauspielerin der Meeresküste ersehnt und vielleicht sogar in Besitz genommen hatte, war sie mir einst so wundervoll erschienen. Nachdem ich den Vogel eingefangen hatte, … hatte Albertine nahezu ihre Schönheit eingebüßt, … war zur grauen Gefangenen geworden, auf ihr trübes Selbst zurückgeführt…“ Und er kommt zur schockierenden Erkenntnis: „Ich hatte eine erste Albertine gekannt, dann aber hatte sie sich plötzlich in eine zweite verwandelt, die gegenwärtige. Für die Verwandlung aber konnte ich einzig mich selbst verantwortlich machen.“

So stellen sich bei ihm auch ernste Zweifel an seinen Heiratsplänen ein: „Ich fragte mich, ob eine Heirat mit Albertine nicht mein Leben ruinieren würde, einerseits, weil ich damit die für mich zu schwere Aufgabe übernehmen müsste, mich einem anderen Wesen zu widmen, andererseits aber auch dadurch, dass sie mich zwang, infolge der unaufhörlichen Gegenwart einer Frau abwesend von mir selbst zu leben und mich für immer der Freuden der Einsamkeit beraubte. … Ich fühlte, wie das Leben, die Welt, deren Freuden ich noch niemals richtig gekostet hatte mir im Austausch gegen eine Frau entging, an der ich nichts Neues mehr zu finden vermochte. … Ich fühlte, dass mein Leben mit Albertine, soweit ich nicht eifersüchtig war, nichts als Langeweile, soweit ich es aber war, nur Leiden bedeutete.“

Nun denkt Marcel daran, was ihm sein verstorbener Freund Swann mit auf den Weg gegeben hat: „Ich staunte, wenn Swann nachträglich einer Frau, die mir unbedeutend erschienen war, die Würde eines Kunstwerks verlieh, indem er sie vor mir, so wie er es galanterweise auch ihr selbst gegenüber getan hatte, mit einem Porträt von Luini verglich oder in ihrer Toilette das Kleid oder die Schmuckstücke eines Gemäldes von Giorgione wiederfand. So etwas gab es bei mir nicht. Sogar – um die Wahrheit zu sagen – als ich Albertine wie einen von einer wundervollen Patina überhauchten musizierenden Engel zu betrachten begann und mich zu ihrem Besitz beglückwünschte, dauerte es nicht lange, bis sie mir wieder gleichgültig wurde…Man liebt nur da, wo man einem Unzugänglichen nachspürt, man liebt nur, was man nicht besitzt…“ Oder anders gesagt: „Diese Liebe konnte nur von Dauer sein, wenn sie unglücklich blieb.“

Wie jeder weiß, der einmal in einer Partnerschaft gelebt hat, ist für deren Gelingen die Entwicklung einer gemeinsamen Streitkultur von zentraler Bedeutung. Häufig zu beobachten sind dabei „inszenierte“ Trennungsszenen, bei denen beide Seiten mit der Drohung des endgültigen Zerwürfnisses eine Art Krieg gegeneinander führen und dabei alle strategischen und taktischen Register ziehen. So ist es auch bei Marcel und Albertine: „So kehrten wir einander eine Außenseite zu, die sich stark von der inneren Wirklichkeit unterschied. Zweifellos ist es immer so, wenn zwei Wesen einander gegenüberstehen, da jedes von ihnen über einen Teil von dem in Unkenntnis bleibt, was der andere eigentlich ist, und selbst über das, was er weiß, da er es nur zum Teil versteht… In der Liebe aber wird dieses Missverständnis auf die Spitze getrieben, weil wir – außer vielleicht, solange wir noch Kinder sind – es darauf anlegen, dass der äußere Anschein, den wir uns geben, nicht eigentlich genau unser Denken widerspiegelt, sondern das, was dieses Denken für das geeignetste hält, um uns an das Ziel unserer Wünsche zu bringen… Von einem gewissen Alter an tun wir aus Eigenliebe und kluger Einsicht so, als legten wir gerade auf die Dinge, die wir am meisten wünschen, keinen Wert. In der Liebe aber zwingt uns die einfache Einsicht … schon früh zu einem solchen Geist der Doppelzüngigkeit.“

Noch paradoxer wird es nur, wenn einer der beiden wirklich den Absprung im Sinn hat, „weil bei einer Trennung derjenige, der nicht mit wahrer Liebe liebt, die zärtlichen Dinge sagt, während wahre Liebe sich nicht deutlich ausspricht … denn die tausend Freundlichkeiten der Liebe können schließlich bei dem, der sie einflößt, aber nicht empfindet, eine Zuneigung, eine Dankbarkeit wachrufen, die weniger egoistisch ist als das Gefühl, das diese Regungen erzeugt, und die vielleicht nach Jahren der Trennung, wenn bei dem ehemals Liebenden nichts mehr davon zu finden ist, bei der Geliebten noch immer fortbesteht.“ Tatsächlich ist es Albertine, die scheinbar um jeden Preis bei Marcel bleiben will (was ja auch – ganz nüchtern betrachtet – allein in ihrem Interesse liegen kann) und dann – am Ende dieses Bandes – plötzlich und völlig überraschend mit gepacktem Koffer verschwunden ist. „Liebe ist“, weiß die Stimme aus dem Off, „Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht.“

Kunsttheorie

Wohl dem, der seine Freuden nicht nur aus der Liebe zu ziehen vermag. Schon vor Albertines Verschwinden schärft Marcel seine Sinne für die schönen Künste. Entsprechend der Theorie des im Buch nicht namentlich erwähnten Schopenhauer, des pessimistischen Misanthropen, bewegt sich das menschliche Leben zuverlässig zwischen den Polen Schmerz und Langeweile. Den einzigen Ausweg, jedenfalls zu Lebzeiten (im Jenseits winkt ja noch das Eintauchen in die Weltseele), bieten die glücklichen Momente des  Kunstgenusses. So ähnlich, und doch auf eigene Weise, erlebt es auch Marcel, insbesondere was den  „spezifischen Rauschzustand durch Musik“ angeht. „Wie das Spektrum uns die Zusammensetzung des Lichts objektiv sichtbar macht, so gestatten uns die Harmonien eines Wagner, die Farben eines Elstir, die Essenz und die Beschaffenheit der Empfindungen eines andern kennenzulernen, in welche die Liebe zu einem Wesen uns nicht einzudringen erlaubt. … Wird dieses Unaussagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muss, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußerere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, nicht erst durch die Kunst zutage gefördert, sobald diese in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? … Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist.“ Das aber vermögen wir nur in der Kunst, „wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.“

Noch esoterischer wird es, als Marcel sich gedanklich über die Gespräche im Anschluss an eine  Musikaufführung echauffiert: „Aber was bedeuteten ihre Worte, die wie jede nur am Äußern haftende menschliche Rede mich so gleichgültig ließen, verglichen mit dem himmlischen musikalischen Thema…Ich fühlte mich wahrhaft wie ein Engel, der, aus dem Rausch des Paradieses herabgestürzt, in die trivialste Wirklichkeit fällt. Und ich fragte mich, ob nicht … die Musik das einzige Beispiel dessen sei, was – hätte es keine Erfindung der Sprache, Bildung von Wörtern, Analyse der Ideen gegeben – die mystische Gemeinschaft der Seelen hätte werden können. Sie ist wie eine Möglichkeit, der nicht weiter stattgegeben wurde; die Menschheit hat eigene Wege eingeschlagen, die der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Aber diese Rückkehr zum Nichtanalysierbaren war so berauschend, dass mir beim Verlassen des Paradieses die Berührung mit mehr oder weniger klugen Menschen außerordentlich banal erschien. … Ein Versprechen, dass es noch etwas anderes gebe – etwas, das zweifellos die Kunst verwirklichen kann, etwas anderes als das Nichts, das ich in allen Vergnügungen und in der Liebe selbst gefunden hatte…“

Klatsch und Tratsch von Monsieur de Charlus

Ansonsten bietet auch dieser Band der „Recherche“ wieder viel redundantes Geschwafel der „vornehmen Gesellschaft“. Hervorzuheben sind hier allein die Plaudereien des Baron de Charlus, der im übrigen von Madame Verdurin, der Gastgeberin einer schon aus den früheren Bänden bekannten illustren Salonrunde, auf ziemlich niederträchtige Weise gemobbt und aus der Runde herausgedrängt wird. Doch eben dieses Schicksal hatte ja selbst der brillante Swann zu seinen Lebzeiten erlitten. Nun verrät immerhin Baron de Charlus noch einige Details über diesen und insbesondere über dessen fatale Ehefrau Odette de Crecy: „Die Liebhaber, die Odette nacheinander gehabt hatte (sie hatte bald mit dem einen, bald mit dem anderen gelebt), diese Liebhaber begann Monsieur de Charlus mit der gleichen Sicherheit herzuzählen, als sage er die Reihe der Könige von Frankreich auf. … Aber Sie werden nicht von mir verlangen, dass ich Ihnen Swanns Geschichte erzähle, wir hätten da für zehn Jahre Stoff, verstehen Sie, denn ich kenne ihn wie kein anderer. … Sie ließ sich Odette de Crecy nennen und durfte das auch durchaus, da sie nur getrennt von einem Crecy lebte, dessen Frau sie war, einem sehr ehrenwerten und übrigens ganz echten Crecy, dem sie bis zum letzten Heller alles abgenommen hat. … Er lebte von einer ganz kleinen Pension, die Swann ihm ausgesetzt hatte. Ich vermute jedoch stark, dass seit dem Tode meines Freundes die Rente ihm nicht mehr ausgezahlt worden ist.“

Und schließlich redet Charlus geradezu obsessiv über Homosexualität, nur nicht über seine eigene: „Ich selbst lebe, wie Sie ja wissen, ganz und gar im Abstrakten, mich interessiert das alles nur unter einem transzendentalen Gesichtspunkt.“ – „Die Beharrlichkeit, mit der Monsieur de Charlus immer wieder zu seinem Thema zurückkehrte – für das im übrigen sein stets in gleicher Richtung sich betätigender Geist einen gewissen Scharfblick besaß – hatte etwas auf eine schwer entwirrbare Weise Peinliches; er war öde wie ein Gelehrter, der außerhalb seines Spezialfaches nichts kennt, aufreizend wie ein Eingeweihter, der sich auf die ihm anvertrauten Geheimnisse etwas zugute tut und darauf brennt, sie anderen zu verraten; unsympathisch wie jemand, der, sobald es um seine eigenen Fehler geht, sich darüber verbreitet, ohne zu merken, dass er Missfallen damit erregt; versklavt wie ein Süchtiger und hemmungslos unvorsichtig wie mancher Kriminelle.“ Prof. Brichot schlägt vor, eigens für Charlus einen Lehrstuhl für Homosexualität einzurichten, „oder noch besser: ein Institut für Spezialfragen der Psychophysiologie“.

Bonmots

Natürlich enthält auch „Die Gefangene“ wieder eine Überfülle von zeitlosen Bonmots über die verschiedensten Dinge des Lebens:

„Es scheint, dass bei Tatmenschen der Geist – überbeansprucht durch die Aufmerksamkeit auf das, was in der nächsten Stunde geschehen wird – nur sehr wenig Dinge dem Gedächtnis übergibt.“ Nur ist es heute für die vergesslichen Tatmenschen weitaus schwerer, sich im Nachhinein herauszureden, weil so viel früher Gesagtes medial aufgezeichnet worden ist, was später gegen sie verwendet werden kann.

„Das Gedächtnis ist eben weit weniger eine unseren Blicken immer gegenwärtige Kopie der verschiedenen Fakten unseres Lebens, als vielmehr ein Nichts, aus dem sekundenlang eine momentane Ähnlichkeit uns in einer Art von Auferstehung tote Erinnerungen heraufzuholen erlaubt; aber dabei gibt es immer tausend kleine Einzelheiten, die nicht in diese potentielle Erinnerungssphäre hinabgesunken sind, sondern für uns ewig unüberprüfbar bleiben.“ Es sei denn, man findet auf YouTube ein Video von der in der eigenen Kindheit geschauten Fernsehsendung und staunt, mit welch anderen Augen man sie heute betrachtet.

Vor allem aber gilt: „Wir stellen uns eben die Zukunft wie einen in einen leeren Raum projizierten Reflex der Gegenwart vor, während sie oft das bereits ganz nahe Ergebnis von Ursachen ist, die uns zum größten Teil entgehen.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 5:
Die Gefangene
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
551 Seiten
Suhrkamp Verlag

www.justament.de, 4.1.2016: Hier hatte der Osten Weltniveau!

Thomas Claer empfiehlt spezial: Vor 40 Jahren lösten die Abrafaxe die Digedags ab

AbrafaxeEs gibt Begegnungen, die das eigene Leben grundlegend verändern. So eine Begegnung hatte ich im Alter von sechs Jahren, wenige Monate vor meiner Einschulung, mit der Zeitschrift Mosaik, genau genommen mit dem Heft 5-1978, das den Titel „Im Gasthaus zum wilden Mann“ trug. In prachtvollen Bildern wurden dort – monatlich auf 20 Seiten – die Abenteuer der Kobolde Abrax, Brabax und Califax, genannt die Abrafaxe, erzählt, die durch alle Länder und Zeiten reisten. Wir befinden uns im Jahr 1704. Zwei superdämliche kaiserlich-österreichische Gendarmen, Bösl und Grantiger, machen Jagd auf die ungarischen Aufständischen (die „Kuruzen“) und insbesondere auf deren Anführer, den Ludas Matyi. Die Abrafaxe stehen wie immer auf Seiten der Armen und Unterdrückten und begleiten zudem volkstümliche „Spaßmacher“ wie den Salzburger Tierarzt Hans Wurst bei ihren Streichen. Eine geheimnisvolle Nebenfigur ist der Marquis Philippe de la Vermotte-Toupet, der sich auf diplomatischer Mission befindet. Er soll im Auftrag des französischen Königs Ludwig XIV. die Möglichkeit einer Allianz mit den Kuruzen ausloten. Doch im Bemühen, sich möglichst unauffällig zu verhalten, erscheint er den diensteifrigen Gendarmen Bösl und Grantiger sofort als besonders verdächtig und wird von ihnen für den Ludas Matyi gehalten, während der echte Ludas Matyi in anderer Verkleidung unbehelligt daneben steht…

Ich war sofort Feuer und Flamme fürs Mosaik. Am Anfang wurden mir die Bildgeschichten noch vorgelesen, ein paar Monate später kam ich dann schon allein zurecht. Die Hefte zu je 60 Pfennigen waren nicht immer leicht zu bekommen, meistens waren sie schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Aber eine Bekannte meiner Eltern, Tante W., kannte die Frau im Zeitungskiosk, und so wurde mir fortan immer ein Exemplar zurückgelegt. Was aber bald schon noch verlockender für mich wurde, waren die früheren Hefte, auf die ich regelrecht Jagd machte. Und so entdeckte ich irgendwann, dass die Abrafaxe erst mit dem ersten Mosaik-Heft des Jahres 1976 das Licht der Welt erblickt hatten. Sie waren nur die Nachfolger ihrer Kobolds-Kollegen Dig, Dag und Digedag, die zuvor 20 Jahre lang im „Mosaik von Hannes Hegen“ eine ganz ähnliche Rolle gespielt hatten. So dehnte ich meine Sammel- und Leseleidenschaft also gleich noch auf die „alte Serie“ aus.

Damals, vor genau 40 Jahren, wusste niemand unter den Lesern, was dieser Wechsel der Mosaik-Kobolde zu bedeuten hatte. Inzwischen sind natürlich längst alle Hintergründe gründlich erforscht und u.a. in zwei sehr sehenswerten TV-Dokumentationen dargestellt:

https://www.youtube.com/watch?v=8rgk4vblBdg

https://www.youtube.com/watch?v=d-73-71UhoA

Heute werden beide Mosaik-Serien von den Fans geschätzt, wobei die alte Serie den großen Vorzug der Vollkommenheit genießt, es gab sie ja auch nur überschaubare 20 Jahre lang. Die Abrafaxe hingegen, zunächst vom gleichen Zeichnerkollektiv, aber ohne den Chefzeichner Hannes Hegen alias Johannes Hegenbart geschaffen, hatten ihre beste Zeit – soweit ich es noch beurteilen kann – ganz sicher in ihren Anfangsjahren. Aber es gibt sie noch bis heute, nun schon doppelt so lange wie seinerzeit die Digedags, seit ein paar Jahren sogar noch ergänzt um eine feminine Parallelserie mit den Koboldinen Anna, Bella und Caramella.

www.justament.de, 30.11.2015: “Eisernes Sparen jahrzehntelang”

Der Finanzjournalist Franz Netter untersucht das Für und Wider von Investments in deutsche Wohnimmobilien

Thomas Claer

Netter„Wohin bloß mit unserem Geld?“, fragen sich immer mehr Deutsche verzweifelt angesichts der einfach nicht enden wollenden Niedrigzinsphase. Alle anderen, die sich so etwas nicht fragen, werden vermutlich bereits diese Fragestellung obszön finden, weil sie entweder nur wenig verdienen oder immer gleich alles ausgeben. Doch die meisten hierzulande sind weder Geringverdiener noch Konsumjunkies und daher unmittelbar von der Misere betroffen. Bedenkt man dann noch, dass bekanntlich selbst die heutigen Bezieher mittlerer Einkommen im Alter kaum mehr als eine Mindestrente zu erwarten haben und die private Vorsorge daher längst zum Gebot der Stunde geworden ist, so dürften für viele früher oder später auch die eigenen vier Wände ins Blickfeld geraten.

Der erfahrene Finanzjournalist Franz Netter hat in seinem Buch das weitläufige Themenfeld der Investments in Wohnimmobilien durchschritten und hierzu jede Menge nützliche Informationen in komprimierter Form zusammengetragen. Zu einer ganz besonderen Anlageform macht die Wohnimmobilien vor allem ihr Doppelcharakter zur Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses Wohnen und zugleich als Investitionsobjekt. Wer also seine sauer verdienten Ersparnisse in eine Immobilie steckt, die er selbst zu nutzen gedenkt, der hat zunächst einmal ein Dach über dem Kopf und spart sich künftige Mietzahlungen. Darüber hinaus sorgt er vor. Der Haken daran ist nur, dass Wohnimmobilien an den gefragten Standorten, den so genannten Schwarmstädten, die allein weiteren Bevölkerungszuwachs und damit Wertsteigerungen versprechen, bereits exorbitant teuer sind. Als Schwarmstädte gelten insbesondere die Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart sowie einige kleinere und mittelgroße Universitätsstädte. Doch haben die meisten Immobilieneigentümer, zu denen in Deutschland immerhin jeder Zweite gehört, ihr Betongold leider am „falschen“ Ort. Oder wie es Buchautor Franz Netter pointiert sagt: „Mies oder gar nicht verzinste Sparguthaben, ertragsschwache Lebensversicherungen, von Kündigung bedrohte Bausparverträge und das marode Häuschen weit draußen auf dem Land – diese Anlagewerte überwiegen bei 99 Prozent der Haushalte, wenn überhaupt Geld zum Sparen übrig bleibt.“ Warum also nicht es den Reichen dieser Welt nachtun und auf Aktien oder Immobilien setzen? Doch fragen sich viele, vor allem Jüngere, die bislang noch nicht zum Zuge gekommen sind, ob sich der Erwerb einer Schwarmstadt-Immobilie heute überhaupt noch lohnt. Zwar ist es für manche eine Alternative, ein Haus oder eine Wohnung in einer anderen Stadt zu kaufen und täglich zum Arbeitsplatz in der Schwarmstadt zu pendeln. Doch ist gerade das auch nicht jedermanns Sache. Netter zitiert einen Glücksforscher: „Eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit pendeln ist etwa so schlecht für die Glücksstatistik wie gar keinen Job zu haben.“

Man muss es dem Autor zugutehalten, dass er nie um deutliche Worte verlegen ist, auch was die Schattenseiten des Immobilienkaufs betrifft, der ja meistens mit einer hohen Kreditaufnahme verbunden ist: Kann man sich überhaupt sicher sein, jahrelang pünktlich seine Raten zahlen zu können, wo doch viele Arbeitsplätze keineswegs dauerhaft Bestand haben oder womöglich in den Niedriglohnsektor transformiert werden. „Die Industrie ist der letzte Wirtschaftssektor, der seine Beschäftigten noch ordentlich entlohnt. Im Dienstleistungsbereich dagegen schuften Millionen deutsche Arbeitnehmer oder Scheinselbständige für einen Hungerlohn.“ Und selbst wer das Glück hat, von diesem Trend nicht betroffen zu sein, bezahlt doch nicht nur finanziell einen hohen Preis: „Durch einen Immobilienkauf geht nicht selten ein Großteil der finanziellen Freiheit flöten: Wer sich hoch verschuldet hat, ist ängstlich darauf bedacht, pünktlich seine Raten an die Bank zu zahlen. Meist wird alles andere diesem Ziel untergeordnet: Karriere, Familie, Altersvorsorge, Freizeit. Das verursacht Druck und negativen Stress, der im Extremfall krank macht. Eine freie Lebensgestaltung ist nur schwer möglich.“ Aber dafür sind doch wenigstens fette Renditen garantiert, so denkt man. Nein, noch nicht einmal das: „Aus Renditeperspektive lohnen sich Wohnimmobilien, die zum Marktpreis erworben werden, nur bei ansehnlichen Wertsteigerungen.“ Aber immerhin, wenn alles gut geht und die Preise kräftig gestiegen sind, kann man seine abbezahlte Immobilie irgendwann später so richtig teuer verkaufen, denn nach einer Haltefrist von zehn Jahren sind die Gewinne doch schließlich steuerfrei. Aber selbst hier rät Buchautor Netter, sich lieber nicht zu früh zu freuen. Man müsse nämlich in Zukunft zunehmende Eingriffe des Staates in das Vermögen seiner Bürger einkalkulieren, wozu z.B. auch eine Abschaffung dieser Zehnjahresfrist unter dem Aspekt der „Gerechtigkeit“ gehören könnte. Klar, die Mehrheit der Wähler sind Mieter, die kleinen Eigentümer hingegen haben in der Politik – anders als das ganz große Geld, versteht sich – keine Lobby. So kommt der Autor folgerichtig zu dem Schluss: „Ohne mindestens ein halbwegs gesichertes Einkommen, ohne eisernes Sparen über Jahrzehnte und ohne ein Minimum an Eigenkapital (mindestens ein Fünftel, besser ein Drittel der Gesamtkosten) ist der Immobilienkauf in Deutschland nicht zu empfehlen.“

Warum am Ende, sofern man die genannten Voraussetzungen erfüllt, aber letztlich doch vieles dafür spricht, es zu wagen, liegt für Netter auf der Hand: „Hohe Nachfrage, günstige leicht verfügbare Darlehen sowie eine extreme Knappheit auf dem Mietmarkt dürften die Preise für Grundstücke in den kommenden Jahren nach oben treiben.“ Doch was ist mit dem oft vorhergesagten langfristigen Absinken der Immobilienpreise durch den demographischen Wandel? Dies betrifft dem Autor zufolge nur die kleinstädtischen und ländlichen Regionen. Denn egal wie man es dreht und wendet, die Zuwanderung nach Deutschland, vor allem in die Metropolen, dürfte noch sehr lange anhalten:  „Nichts wird diese Völkerwanderung aufhalten, solange hier Freiheit, Frieden und Wohlstand herrschen, während weltweit Unterdrückung, Krieg und Armut dominieren.“ So kommt Netter zu der Vorhersage: „Wer nicht bald in den Immobilienmarkt investiert, wird sich selbst in durchschnittlichen Lagen vieler Städte kaum noch eine vernünftige Wohnung leisten können.“ Zumal die vieldiskutierte Mietpreisbremse, die womöglich in der Zukunft sogar noch verschärft wird, eher für eine weitere Verknappung des Angebots sorgen werde. „Die Preise steigen Monat für Monat.“ Und wer denkt, ihn betreffe all das nicht, weil er ja ein großes Erbe erwarte, dem sagt Netter: „Nur das reichste Prozent der Haushalte übergibt ein derart großes Vermögen an die nächste Generation, sodass diese auf eigene Sparanstrengungen weitgehend verzichten kann. Die übrigen 99 Prozent vererben meist zu wenig, um ihren Nachkommen das sorglose Leben in einer Metropole zu ermöglichen.“

Besonders interessant und aufschlussreich sind die nach Meinung des Autors wahrscheinlichsten wirtschaftlichen Zukunftsszenarien und ihre Auswirkungen auf die Anlageform Immobilie. Eine etwa gleich hohe Wahrscheinlichkeit räumt er dem inflatorischen und dem deflatorischen Szenario ein, deutlich unwahrscheinlicher als diese ist aus seiner Sicht das depressive Szenario. Kommt es in den kommenden Jahren zu deutlich steigenden Inflationsraten, was eine günstige konjunkturelle Entwicklung voraussetzt und politisch gewünscht ist, da dann die immensen Schuldenberge der Staaten zusammenschmelzen, so profitieren davon alle Sachwert-Anlageklassen, also insbesondere Aktien sowie Immobilien in den Schwarmstädten. Die Zeche zahlen müssten in diesem Falle die Inhaber von Lebensversicherungen und Sparkonten, die gewissermaßen enteignet würden. Kommt die Konjunktur in Europa hingegen trotz aller geldpolitischen Stimulierungen nicht richtig in Gang, dann tritt das japanische Szenario ein: eine lange Phase der Deflation. In diesem Fall brechen die Börsen ein und das abgezogene Kapital wandert, na wohin wohl?, in den sicheren Hafen der Schwarmstadt-Immobilien, deren Preise ja bekanntlich als weit weniger schwankungsanfällig gelten als die von Unternehmensbeteiligungen. Aber auch Festzins- und Lebensversicherungssparer wären mit diesem Szenario noch gut bedient, da ihre Gelder ja zumindest leicht an Wert gewännen. Ungünstig für wirklich alle Anlageklassen, also auch für Immobilien, wäre nur das (hoffentlich!) unwahrscheinlichste aller Szenarien, eine Depression, welche etwa durch schwere politische Krisen, durch Kriege oder Naturkatastrophen ausgelöst werden könnte. Der Islamische Staat erobert Europa oder so ähnlich…  Daraus folgt, dass jemand, der auf Immobilien in Schwarmstädten setzt, aller Voraussicht nach also auch künftig auf der sicheren Seite sein wird.

Man liest dieses Buch mit großem Gewinn. Bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt verwunderlich, ist jedoch, wie stiefmütterlich der Autor darin den mit Abstand dynamischsten Immobilienmarkt Deutschlands, wenn nicht Europas behandelt. Gerade einmal eine Dreiviertelseite Text ist ihm unsere Hauptstadt Berlin wert, während er sich viele Seiten lang über seine Heimatstadt München und allerlei dort bestehende kommunale Förderprogramme auslässt. So passt es auch ins Bild, dass Netter, der sonst überall zuverlässig auf dem neuesten Stand ist, in seinem Berlin-Porträt mit längst überholten Zahlen von 2012 hantiert, wonach Berlin lediglich 3,3 Millionen Einwohner habe, nur moderat wachsen werde und Wohnungen fast überall unter 3.000 Euro pro Quadratmeter zu haben seien. Tatsächlich hat Berlin inzwischen aber längst 3,5 Millionen Einwohner, man sagt ihm 4 Millionen Einwohner bis 2030 voraus (was dann ungefähr die dreifache Bevölkerungszahl von München wäre!), und man findet zumindest frei beziehbare Wohnungen innerhalb des S-Bahn-Rings unter 3.000 Euro pro Quadratmeter inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Insbesondere in früheren innerstädtischen Problemkiezen, die mittlerweile zu angesagten Szenelagen geworden sind, bekam man solche Wohnungen in den Nullerjahren noch für die Hälfte oder sogar für ein Drittel der heutigen Preise. Es soll sogar sparsame Geringverdiener geben, die seinerzeit Wohneigentum in heutigen Bestlagen Berlins für den berühmten „Appel und `n Ei“ erwerben konnten. Solche lukrativen Turnaround-Situationen gibt es auf den Immobilien-Märkten zwar selten, doch kommen sie gelegentlich vor, nur nicht in diesem Buch. Offensichtlich liegen solche Entwicklungen weit jenseits des Münchener Weißwursthorizonts…

Wirklich spannend wird es aber, wenn man sich nun überlegt, was wohl die künftigen Turnaround-Stories auf dem deutschen Immobilienmarkt sein könnten. Man gibt es als Berliner ja nicht gerne zu, aber Deutschlands größte Metropole ist eigentlich gar nicht unsere Hauptstadt, sondern mit insgesamt 5,1 Millionen Einwohnern das Ruhrgebiet, das sich nur aus provinzieller Engstirnigkeit noch nicht zu einer einzigen Stadt zusammengeschlossen hat. Ganz nebenbei gesagt handelt es sich auch noch um die fünftgrößte Quasi-Stadt Europas. Und längst haben sich dort in stillgelegten Fabriken die ersten Künstler und Startup-Gründer angesiedelt, denen Berlin bereits zu teuer geworden ist. Das allein muss natürlich noch nicht viel bedeuten, und es braucht ja auch viele andere Faktoren, die hinzutreten müssen, damit irgendwann so etwas wie ein Schwarm entstehen kann. Doch meistens geht es auf den Immobilienmärkten vergleichsweise gemächlich zu, und einmal etablierte Trends halten oft sehr lange an. Fast immer gibt es also noch ausreichend Zeit, auf neue Entwicklungen zu reagieren…

Franz Netter
Wohnimmobilien. Mit den richtigen Investments vom deutschen Immobilienboom profitieren
Finanzbuchverlag München 2016
186 Seiten, 19,80 €
ISBN: 978-3-89879-889-1

www.justament.de, 5.10.2015: Hurra – das Literarische Quartett ist wieder da!

Thomas Claer empfiehlt spezial

QuartettEine große Freude ist es natürlich, wenn unsere Lieblingsfernsehsendung nach fast anderthalb Jahrzehnten Pause endlich wieder ausgestrahlt wird. Zwar mit neuen Protagonisten – die beiden früheren Hauptakteure befinden sich ja mittlerweile im Großkritikerhimmel –, aber ansonsten, so war es zumindest angekündigt, sollte alles unverändert bleiben. Doch die erste große Enttäuschung stellt sich am späten Freitagabend bereits nach wenigen Sekunden ein: Die fulminante Titelmusik aus dem letzten Satz des Streichquartetts Nr. 9 C-Dur op. 59 Nr. 3 von Ludwig van Beethoven – einfach weggelassen! Das ist doch nicht zu fassen! Schon kurz darauf ist man jedoch gleich wieder etwas besänftigt, als Maxim Biller sich mit seiner ersten Buchvorstellung ins Zeug legt und anschließend scharfe verbale Pfeile in alle Richtungen abfeuert. Das Buch „Der dunkle Fluss“ des afrikanischen Autors Chigozie Obioma ist für ihn das bedeutendste Werk des vergangenen Jahrzehnts und nur mit Kafka zu vergleichen, hingegen sei „Fieber am Morgen“ von Peter Gardos „Holocaust-Kitsch“ und Illja Trojanow „überhaupt kein Schriftsteller“. Maxim Billers Urteile sind entschieden, einseitig und ungerecht. Kurz, er ist die Idealbesetzung für diese Sendung. Da lassen sich dann auch seine ständigen Mitdiskutanten nicht lumpen: Für Christine Westermann ist die Übersetzung von „Der dunkle Fluss“ ins Deutsche eine einzige Katastrophe (was aber niemandem sonst in der Runde aufgefallen ist), bei „Träumen“ von Karl Ove Knausgard hat sie sich auf den mehr als 800 Seiten schrecklich gelangweilt (während Maxim Biller hier eine große poetische Dichte ausgemacht hat). Volker Weidemann bezeichnet „Macht und Widerstand“ von Illja Trojanow als „ein schreckliches Buch“, was wiederum den Gast dieses Abends, Juli Zeh, sehr erbost, die sich für ihren Freund und Kampagnenmitstreiter Trojanow energisch in die Bresche wirft. Überhaupt Juli Zeh, man sollte sie dauerhaft in der Sendung belassen! Die promovierte Einserjuristin, die ein unsicheres Leben als Schriftstellerin einer glänzenden juristischen Karriere vorgezogen hat, hatte lange mit dem Image der neunmalklugen Streberin zu kämpfen. Ihre ersten Romane waren unter Kritikern, um es vorsichtig zu sagen, umstritten. Ihre Bemühungen, sich mit politischen Aktionen als eine öffentliche Intellektuelle in der Tradition von Heinrich Böll und Günter Grass zu stilisieren, wurden vielerorts belächelt. Und doch, sie hat gekämpft, sie hat sich durchgebissen. Was sie sagt, hat mittlerweile durchweg Hand und Fuß. Mit nunmehr 41 Jahren und nach etlichen Einsätzen in Sloterdijks Philosophischem Quartett wirkt sie in den Altherrenrunden auch nicht mehr so naseweis wie früher, sondern regelrecht reflektiert. Und wer das Blitzen in ihren Augen gesehen hat, als sie als einzige im Quartett ganz entschieden das Trojanow-Buch verteidigte, der konnte sie sogar ins Herz schließen…  Summa summarum: Diese Sendung war kurzweilig, vielsagend und sehenswert. Nur sollte man den Akteuren doch wenigstens eine Viertelstunde mehr Zeit einräumen, damit sie nicht so hektisch von einem Buch zum nächsten springen müssen. Damals ging die Sendung doch auch länger als 45 Minuten! Was ihr heute allerdings fehlt, dürfte niemanden überraschen: klar, ein Literaturpapst, der am Ende der Streitereien mit seiner natürlichen Autorität verbindlich feststellt, ob ein Buch denn nun gut oder schlecht ist. So, wie es jetzt ist, bleibt man als Zuschauer leider in einem Zustand, den Ranicki zwar seinerzeit oft im Munde führte, der sich nun aber erst ohne ihn eingestellt hat: Man sieht betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen!

www.justament.de, 22.6.2015: Mit 70 im Berghain

Peter Schneiders Berlin-Buch „An der Schönheit kann’s nicht liegen“ ist eine Liebeserklärung an seine Wahlheimat

Thomas Claer

schneiderNein, als Schönheit im eigentlichen Sinne kann man unsere Kapitale nun wirklich nicht bezeichnen. „Berlin ist das Aschenputtel unter Europas Hauptstädten“, heißt es in Peter Schneiders vor kurzem erschienenen „Porträt einer unfertigen Stadt“, „und doch will jeder dorthin.“ „Wenn ich in New York, Tel Aviv oder Rom auf die Frage eines Einheimischen, woher ich komme, den Namen Berlin ausspreche, tritt unversehens Neugier, ja Begeisterung in die Augen des Fragenden.“ Und immer wieder aufs Neue, soviel steht fest, kann sich auch der Autor dieses Buches für seine Stadt begeistern, in der er seit mehr als einem halben Jahrhundert lebt und deren besonderer Magie er nun auf den Grund zu gehen verspricht.

In jungen Jahren gehörte Peter Schneider, Jahrgang 1940, als charismatischer Sprecher der Westberliner Studenten zu den Galionsfiguren der 68er Bewegung, gleich nach Rudi Dutschke sozusagen. Anschließend – nach ausgedehntem Studium der Germanistik, Geschichte und Philosophie – wollte er eigentlich Lehrer werden, doch als Referendar erteilte man ihm 1973 wegen angeblicher linksradikaler Umtriebe Berufsverbot. Wie das damals, in jenen wilden Zeiten, eben so war … Stattdessen veröffentlichte Schneider die von Georg Büchner inspirierte Erzählung „Lenz“, die unversehens zum Kultbuch seiner Generation wurde. Und so kam es also, dass Peter Schneider hauptberuflich Schriftsteller geworden ist. Sein „Lebensthema“, wie er selbst sagt, hat er dabei vor allem in seiner Wahlheimatstadt Berlin gefunden. Es begann mit der Erzählung „Der Mauerspringer“ (1982), in welcher Schneider den Begriff der „Mauer im Kopf“ prägte, der später zum geflügelten Wort werden sollte. Unter anderem gelangte er in diesem Werk zum prophetischen Befund, dass die „Mauer in den Köpfen“ wohl noch weitaus länger Bestand haben werde als jene aus Beton.

Nach der Wende befeuerte Peter Schneider dann mit seinen erfolgreichen Berlin-Romanen „Paarungen“ (1992) und „Eduards Heimkehr“ (1999) den literarischen Hauptstadt-Hype: Vor allem „Paarungen“, das damals auch im „Literarischen Quartett“ abgefeiert wurde, ist sehr gelungen und lässt sich, wenn man so will, als Charlottenburger Gegenstück zu Sven Regeners 80er Jahre-Kreuzberg-Roman „Herr Lehmann“ lesen. Der Held der Geschichte, Eduard Hoffmann, ein Molekularbiologe in den Vierzigern, trifft regelmäßig in einer Charlottenburger Intellektuellenkneipe seine Kumpels (darunter einen mit „Doppelpass“ versehenen Ostberliner Schriftsteller, für den wohl Heiner Müller Pate gestanden hat) und diskutiert mit ihnen ausgiebig sowohl die große Weltpolitik als auch private Frauengeschichten. Eduard ist nämlich seit drei Jahren mit seiner schönen Freundin liiert, die sich nun aber nachdrücklich ein Kind von ihm wünscht. Sein hedonistisch-libertäres Lotterleben gerät somit in Gefahr. Doch trotz Verzichts auf Verhütungsmaßnahmen will sich bei Eduards Freundin keine Schwangerschaft einstellen. Eduard lässt sich beim Urologen untersuchen und bekommt seine Zeugungsunfähigkeit aufgrund zu geringer Spermienzahl attestiert. Daraufhin sorglos geworden lässt sich Eduard parallel zu seiner Hauptbeziehung auf Affären mit gleich zwei anderen attraktiven Damen ein, darunter einer Italienerin, mit der er im Sommer die Schäferstündchen in einem abgelegenen Winkel direkt an der Mauer verbringt. Doch völlig überraschend werden beide Frauen kurz nacheinander von ihm schwanger. Grund für Eduards unerwartete Produktivität könnte, so seine Ärzte, der selten beobachtete Fall der „Spermienkonkurrenz“ sein, bei dem aufgrund der besonderen Wettbewerbssituation angesichts mehrerer Sexualpartner die eigentlich bereits fast zum Erliegen gekommene Spermienproduktion noch einmal hochgefahren wird. Eduard entscheidet sich schließlich nach diversen zwischenmenschlichen Dramen für eine seiner bisherigen Nebenfreundinnen und gründet mit ihr – worauf er eigentlich gar nicht so scharf war – eine Kleinfamilie. Die Hauptfreundin hat ohnehin längst das Weite gesucht, die andere Nebenfreundin treibt ab.

Die Fortsetzung der Geschichte ist dann der nach dem Mauerfall spielende Roman „Eduards Heimkehr“. Eduard kommt mit seiner Familie nach einigen Jahren in den USA zurück ins wiedervereinigte Berlin und erkennt seine Stadt kaum noch wieder. Überdies hat er ein Mietshaus in der Rigaer Straße in bester Friedrichshainer Szenelage geerbt, das jedoch von Autonomen besetzt ist. Sein Anwalt, der zugleich sein alter Kumpel ist, muss ihn, was die Hausräumung und die Generierung von Mieteinnahmen angeht, immer wieder vertrösten, doch räumt er Eduard angesichts des gewaltigen Potentials der Wohnlage Zahlungsaufschub in voller Höhe für seine Anwaltsrechnungen ein. Inkognito nimmt Eduard an einer Versammlung der autonomen Hausbesetzer teil und muss sich dabei eingestehen, dass er die schwarz gekleideten jungen Damen unter ihnen mit ihren Mund- und Nasenpiercings außerordentlich reizvoll findet. Ferner liest er auf einer S-Bahn-Fahrt in der BILD-Zeitung seines Sitznachbarn die Überschrift, dass Ost-Frauen einer wissenschaftlichen Studie gemäß angeblich häufiger als West-Frauen einen Orgasmus bekommen. Und Eduard beginnt, na was schon, eine Affäre mit einer Ost-Frau. Indessen klagt Eduards Frau darüber, dass sie schon seit Jahren keinen Orgasmus mehr erlebt habe. Sie kann dieses Ziel, so glaubt sie, nur noch beim Sex an extrem gefährlichen Orten aufgrund des damit verbundenen Nervenkitzels erreichen. Nach zahlreichen gescheiterten Versuchen an verschiedensten Plätzen erleben Eduard und seine Frau schließlich doch noch den erlösenden Moment in über hundert Metern Höhe auf einer Baustelle am Potsdamer Platz.

Auf einen weiteren Berlin-Roman von Peter Schneider haben wir seitdem allerdings vergeblich gewartet. Stattdessen präsentiert uns der Autor nun seine gesammelten Ansichten über Berlin in einem 330 Seiten starken Stadtporträt, das aus Essays, Berichten, Reportagen, historischen Betrachtungen und autobiographischen Schilderungen besteht. Es liest sich alles sehr gut. Manches überfliegt man nur, weil man es schon zur Genüge kennt (das ist dann mehr etwas für Berlin-Neulinge), anderes ist selbst für den langjährigen Berlin-Bewohner noch von großem Interesse. Als roter Faden zieht sich ein Zitat des großen Publizisten Wolf Jobst Siedler durch das Buch: „Sie werden sich immer wieder zwischen der Schönheit eines Ortes und seiner Lebendigkeit entscheiden müssen.“ Klar, Berlin ist in erster Linie lebendig. „In schönen, perfekt restaurierten und teuren Städten fühlt sich der junge Besucher ausgeschlossen.“ Doch „Berlin gibt jedem Ankömmling das Gefühl, dass er hier noch eine Lücke finden und etwas auf die Beine stellen kann. Es ist diese Eigenschaft Berlins, die die Stadt heute zur Hauptstadt der Kreativen aus aller Welt macht.“ Aber wie jeder weiß, ist gerade dieses Berliner Alleinstellungsmerkmal akut bedroht: „In zehn oder 15 Jahren wird Berlin so teuer sein wie New York oder London.“

Eine besondere Vorliebe hat der Autor für die Architektur, die Erotik und die Soziologie. So hat er die Ossis und Wessis in seinem Bekanntenkreis jahrelang sehr genau beobachtet und befragt und daraus eine plausible Theorie zur Erklärung der größeren Orgasmushäufigkeit bei den Ost-Frauen entwickelt: „Die DDR-Frau war berufstätig, ökonomisch unabhängig, selbstbewusst und scheidungsfreudig.“ Sie sah „ihren männlichen Partner nicht als einen Feind, sondern als einen Partner, der ihr ökonomisch wenig oder nichts voraushatte.“ Der Ost-Mann allerdings konnte sich im DDR-Alltag „nicht mit Privilegien schmücken, die ihm ein Machogehabe gestatteten. Mit Geld, schnellen Autos und einem Haus auf Ibizza konnte er nicht protzen. Er war auf seine eventuellen Begabungen als Liebhaber und auf seine Qualitäten als Vater und Partner angewiesen.“ Und daraus folgt: „Die DDR-Frau suchte nicht den zukünftigen Versorger, wenn sie einen fremden Mann auf einen Wein mit nach Hause nahm. Sie war auf einen guten Liebhaber aus und brach das Abenteuer alsbald wieder ab, wenn sie enttäuscht wurde.“

Bemerkenswert ist weiterhin, was Peter Schneider über die „Ost-West-Paarungen“ seit der Wende herausgefunden hat: „Die Paarung Ostfrau/Westmann ist siebenmal häufiger anzutreffen als die umgekehrte Konstellation.“ Das ist natürlich kein Wunder, denn die selbstbewussten Ostfrauen, denen die Idee völlig fremd ist, sich von einem Mann ökonomisch aushalten zu lassen, gefallen vielen Westmännern nun einmal besser als die oft verbissen feministischen, aber seltener berufstätigen Westfrauen. Dagegen legen die Ost-Männer laut Schneider tendenziell nur wenig Wert auf ihr Äußeres, trinken zu viel und duschen zu selten. Noch als Fünfzig- oder Sechzigjährige verdienen sie nicht gut, denn ihnen fehlt die Fähigkeit, ihre Talente auf dem Markt anzupreisen. Immerhin verrichten sie mehr Hausarbeit als die Westmänner, doch kommen sie nach den Maßstäben der Westfrauen alles in allem für diese kaum in Frage. „Dennoch hat der Ostmann eine Chance: Sie betrifft die alleinstehende und von der Männerwelt enttäuschte Westfrau, die sich nach endlosem und schließlich unheilbarem Streit von dem Ernährer ihrer Kinder getrennt hat. Der Ostmann bietet sich ihr in dieser Situation als guter Kamerad an, er tröstet sie. … Es macht ihm nichts aus, die Kinder der Westfrau morgens in die Schule zu bringen oder sie im Kinderwagen stundenlang durch den Park zu schieben. Solidaritätsgewohnt schließt er diese nicht selten krass verwöhnten Kinder in seine Zuneigung ein, macht mit ihnen Hausaufgaben und erweist sich als geduldiger Spielkamerad. Vorsichtig – und nur in Abwesenheit der Mutter – versucht er ihnen ein Minimum an Erziehung zukommen zu lassen. Nach langer und bestandener Probezeit öffnet ihm seine westliche Geliebte endlich die Tür zu ihrem Schlafzimmer.“

Als Kommentator des politischen Geschehens hat Peter Schneider seine revolutionären Anfänge selbstverständlich schon seit Jahrzehnten weit hinter sich gelassen. Wie auch viele andere „Renegaten“ seiner Generation legt er sich besonders vehement ins Zeug, wenn es darum geht, gutgemeinte linke und linksradikale Bestrebungen zu kritisieren. Doch tut er das glücklicherweise zumeist mit Augenmaß und viel gesundem Menschenverstand. Immer wieder warnt er vor zu viel politischer Korrektheit. Man solle doch bitte die Probleme zuerst einmal beim Namen nennen, um sie dann später hoffentlich irgendwann lösen zu können. So dürfe man weder vor dem in Ostdeutschland deutlich stärker als in Westdeutschland verbreiteten Rechtsextremismus die Augen verschließen noch vor der besonders hohen Kriminalität und Gewaltbereitschaft unter jungen männlichen religiösen Muslimen in europäischen Großstädten.

Zu bemängeln sind an diesem Buch allenfalls ein paar geringfügige Fehler und Ungenauigkeiten: So muss es z.B. „Rosenthaler Platz“ statt „Rosenheimer Platz“ heißen, und der Kissingenplatz, wo Schneiders Freund, der Dramatiker Heiner Müller, einst wohnte, liegt genau genommen nicht in Prenzlauer Berg, sondern schon im angrenzenden Pankow. Weiterhin nehmen die vielen kleinen Eitelkeiten des Autors hin und wieder doch etwas Überhand, etwa das ausufernde „Namedropping“, wenn es um die zahlreichen Freundschaften des Verfassers mit allen möglichen Prominenten geht. Und schließlich kann es sich der Autor auch nicht immer ganz verkneifen, seine offensichtlich ganz außerordentliche Wirkung auf Frauen zu erwähnen. Sogar im legendären Nachtclub „Berghain“, den er noch im Alter von ca. 70 Jahren aus Recherchegründen besucht hat (sicherheitshalber nicht ohne sich zuvor auf die Gästeliste setzen zu lassen, um nicht vom gefürchteten Türsteher abgewiesen zu werden), wird er, kaum dass er die Tanzfläche betreten hat, unversehens von einer etwa 30-jährigen Dame geküsst. Als Schneider dies später voller Stolz seinem erwachsenen Sohn berichtet, meint dieser, dass dies sicherlich an den dort von fast allen Besuchern exzessiv eingeworfenen Drogen gelegen habe, woraufhin der Autor aber entgegnet, dass Drogen doch nur Gefühle verstärkten, die ohnehin vorhanden seien…

Peter Schneider
An der Schönheit kann’s nicht liegen. Berlin – Porträt einer ewig unfertigen Stadt
Verlag Kiepenheuer & Witsch
330 Seiten, EUR 19,99
ISBN-10: 3462047442

www.justament.de, 1.6.2015: Leser, du bist ein Loser!

„Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million“ von Beate Sander in 3. Auflage

Thomas Claer

sanderBeate Sander ist so etwas wie die „große alte Dame“ der Börsenliteratur. Eine ganze Reihe von Büchern über das Geldanlegen hat die gelernte Realschullehrerin, die seit vielen Jahren auch Volkshochschulkurse zur Thematik anbietet, schon herausgebracht, darunter den Megabestseller „Der Börsenführerschein“, der sich mehr als 50.000-fach verkauft hat. Bei den hier zu besprechenden „Neuen Aktienstrategien für Privatanleger“ handelt es sich um ein sogenanntes Arbeits- und Vertiefungsbuch, das laut der Verfasserin vornehmlich als Ergänzung zum „Börsenführerschein“ gedacht ist, wobei allerdings nicht ganz klar wird, was denn im „Börsenführerschein“ noch großartig anderes stehen soll als in diesem Buch, das doch nun wirklich das ganze Spektrum des für Privatanleger relevanten Wissens rund um die Anlageform Aktie mehr als abdeckt. (Nein, ich habe kein weiteres Buch der Autorin außer diesem gelesen und habe es auch nicht vor, sodass ich mich im Folgenden nur auf dieses vorliegende Buch beziehen kann.)

Zunächst einmal muss man Beate Sander durchaus Respekt zollen: Sie hat sich als Autodidaktin mit viel Fleiß über viele Jahre in das Thema Geldanlage eingearbeitet, konnte ihre eingesetzten Mittel offenbar langfristig gut vermehren und gibt ihren Lesern ganz überwiegend sehr vernünftige Hinweise (denen ich zu etwa 90 Prozent zustimmen würde). Es gibt keine unfehlbare, immer gleichermaßen gut funktionierende Strategie an der Börse; es braucht Lernbereitschaft, Disziplin, Mut und kontrolliertes Handeln; man darf um Himmels willen niemals alles auf eine Karte setzen, sondern muss immer breit streuen, sowohl bei der Anzahl der Einzelwerte als auch bei den Kaufzeitpunkten; wer noch steuerfreie Altbestände von vor 2009 besitzt, sollte diese hüten wie seinen Augapfel; lieber selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen, als immer die Schuld bei anderen suchen; vor allem direkt nach einem Crash sollte man beherzt zugreifen; Aktienkäufe auf Pump müssen Tabu sein. Es ist ja alles richtig und gut und schön.

Auch der etwas reißerische Untertitel „Auf dem Weg zur ersten Million“ ist nicht das Problem. Denn anders als wohl die meisten glauben, ist ein solcher Betrag an der Börse auf lange Sicht auch für Normalverdiener und mitunter sogar für Geringverdiener keineswegs unerreichbar, sofern sie nur jahrzehntelang klug investieren und – das sagt Beate Sander in ihrem Buch allerdings nicht so ausdrücklich –  wenig konsumieren (sonst steht nicht genug Geld zur Verfügung, das eingesetzt werden kann) und außerdem – auch das ist ganz entscheidend – früh mit dem Sparen und Investieren anfangen, denn nur dann kommt man in den vollen Genuss des achten Weltwunders, des Zinseszinseffektes.

In einigen wenigen Punkten bin ich anderer Meinung als Frau Sander. So halte ich ihre anfängliche Einteilung in unterschiedliche Anlegertypen für wenig glücklich, wonach Menschen, die bei Kursverlusten schlecht schlafen und sich zu sehr darüber aufregen, sich lieber von der Börse fernhalten sollten. Man versteht ja den Beweggrund der Autorin, dass sie nicht schuld sein will an menschlichen Dramen infolge verzockter Vermögen. Doch bliebe dann wirklich ein sehr großer Anteil der Bevölkerung dauerhaft von der Börse ausgeschlossen. Dabei lässt sich der Umgang mit Kursverlusten doch erlernen, nicht zuletzt durch die Einsicht in die grundlegenden Zusammenhänge. So wird ein erfahrener Investor bei Rückschlägen vielleicht sogar Freude darüber empfinden, dass er noch etwas billiger an seine geliebten Aktien kommen kann, und entsprechend nachkaufen, denn die nächste Hausse kommt bestimmt.

Weiterhin empfiehlt die Autorin generell eine „konsequente Verlustbegrenzung“, bei einem Minus von 25 Prozent sollte man die Reißleine ziehen (oder seine Stopp-Loss-Aufträge entsprechend platzieren), da es dann ja meistens auch noch weiter runter zu gehen drohe. Das mag bei ohnehin schon völlig überteuerten oder bei spekulativen Werten angebracht sein, deren Geschäftsmodell man selbst nicht ganz durchschaut und die man nur auf Verdacht gekauft hat. Wer aber wahre Value-Titel im Depot hat, der wird sie doch nicht verkaufen, wenn sie fallen, sondern der wird sie zu Schnäppchen-Preisen nachkaufen und so seinen Einstandskurs massiv verbilligen und seine Dividendenrendite steigern, meine ich. Und hierfür empfiehlt es sich, immer ein gewisses Cash-Polster zu haben. Frau Sander macht es anders. Sie ist meistens nahezu voll investiert (man könne es sich einfach nicht leisten, das Geld einfach nur so liegenzulassen) und verkauft in solchen Schwächephasen, um Liquidität für günstige Nachkäufe zu gewinnen, teilweise (aber niemals vollständig) ihre bisher am besten gelaufenen Werte. Das kann man natürlich so machen. Nur sehe ich hier das Problem, dass in Korrekturphasen in der Regel auch die bisherigen Gewinneraktien stark leiden und man sie dann auch deutlich unter ihren Höchstkursen (teilweise) verkaufen müsste. Sollten aber diese Werte eine große relative Stärke zeigen und deutlich weniger als der Gesamtmarkt verlieren, dann wäre das aus meiner Sicht erst recht ein Grund, sich nicht von ihnen zu trennen. Allerdings spricht für Frau Sanders Methode, dass man so eine zu starke Schlagseite im Depot zugunsten einzelner Werte vermeidet, deren Anteil am Gesamtbestand infolge ihrer womöglich exorbitanten Kurssteigerungen zu groß zu werden droht.

Außerdem wendet sich die Autorin immer wieder eindringlich gegen die bekannte Faustformel, wonach der Aktienanteil eines Anlegers bei 100 minus Lebensalter in Prozent liegen sollte. Diese Formel sei lebensfremd, da junge Menschen meistens zu wenig Geld für Aktieninvestments hätten, da sie ja z.B. eine Familie gründen und eine Immobilie erwerben müssten. Da ist natürlich etwas dran, und doch ist es allzu kleinbürgerlich gedacht. Wer sich, sagen wir, bis Mitte 30 beim Wohnen stark einschränkt (ein Wohnheim- oder WG-Zimmer oder eine spartanische Unterkunft im Problembezirk tut es doch auch), der hat, wenn es gut läuft, bis dahin schon so viel an der Börse verdient, dass es annähernd für die erste Eigentumswohnung reicht (wer Glück hat, kriegt dafür dann sogar noch einen Zuschuss von seinen Eltern). Und mit der künftig eingesparten Wohnungsmiete lässt sich das vorübergehend geplünderte Depot schon bald wieder so gut füllen, dass die langfristige Geldvermehrung in eine neue Phase eintreten kann. Fraglich ist aber natürlich, ob die eigene Finanzplanung auch gerade mit dem Auf und Ab an der Börse harmoniert. Ein gutes Timing ist hier sicherlich sehr anspruchsvoll und weitgehend auch Glückssache. Die Immobilienpreise spielen hierbei selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle. Wer sich für seine Traumwohnung oder sein Traumhaus lebenslänglich verschulden muss, der ist für die Börse natürlich dauerhaft verloren (und hat außerdem bei seiner Geldanlage, was bekanntlich selten gut ist, alles auf eine Karte gesetzt). Über solche strategischen Fragen lässt sich trefflich streiten, und Beate Sanders Buch gibt hierzu eine Menge Anregungen.

Und doch gibt es so einiges, was mich mächtig stört an diesem Buch. Zunächst ist hier die schier unglaubliche Menge an (oftmals auch wortwörtlichen) Wiederholungen. Das hat gewiss auch seinen pädagogischen Effekt beim Leser, aber es sorgt vor allem dafür, dass das Buch unnötig und unangemessen in die Länge gezogen wird. Man fragt sich auch, ob fast neben jeder Seite ein großer Kasten stehen muss, der die Inhalte des laufenden Textes noch einmal stichpunktartig festhält. Warum nicht einfach die entscheidenden Signalwörter im Fließtext fett drucken?  Alles in allem wäre also mindestens ein Drittel des Umfangs verzichtbar gewesen.

Auch der Aufbau des Werkes mit seinen zahlreichen Unterkapiteln ist nicht sehr überzeugend, zumal sich auch hier so einiges wiederholt. Eher an die Adresse des Lektorats geht der Einwand, dass es so manchen verunglückten Satzbau, fehlerhafte Angaben und auch verunglückte Formulierungen gibt. So behauptet die Autorin gleich zweimal, dass in Deutschland das „Durchschnittsalter“ bei etwa 80 Jahren“ liege (gemeint ist die durchschnittliche Lebenserwartung). Ebenfalls zweimal heißt es, dass es den DAX seit 1889 (statt 1989) gebe. An mehreren Stellen spricht die Verfasserin von dem „schon attraktiven“ Kursniveau einer Aktie, meint damit aber offensichtlich nicht, dass sie günstig wäre, sondern vielmehr, dass sie bereits ambitioniert bewertet ist.
Unter den stets in separaten Kästen abgedruckten Zitaten von Börsen-Autoritäten hat der Autorin das folgende vermutlich so gut gefallen, dass sie es gleich zweimal (S.28 und S.144) anführt: „Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für sein Geld zu arbeiten.“ (Heinz Brestel) Aber geschenkt, das Zitat ist in der Tat großartig!

Was den Rezensenten aber wirklich verstimmt, ist der Umstand, dass Frau Sander, die eingangs noch die Regel aufgestellt hat, dass man nie mit seinen Erfolgen prahlen dürfe und an der Börse stets demütig bleiben solle, über viele, viele Seiten „nachprüfbare Original-Auszüge“ aus ihren Depots abdruckt (sie hält offensichtlich mehr als hundert Einzelwerte), aus denen hervorgeht, welche gewinnbringenden Transaktionen sie durchgeführt und welche immensen Buchgewinne sie durch ihr  konsequentes Einsteigen nach dem Crash 2008/2009 erzielt hat. Angeblich tut sie das „zur Ermutigung“ ihrer Leser. Es entsteht aber ein etwas anderer Eindruck, nämlich der, dass sich die Autorin vor ihren Lesern produzieren will. Immer wieder stellt sie ihnen rhetorische Fragen wie: „Hand aufs Herz: Haben Sie diese riesige und einmalige Chance 2008/2009 genutzt? Haben Sie damals beherzt zugegriffen, als die Kurse am Boden lagen?“ Frau Sander hat es getan und wiederholt es unablässig, dass sie es getan hat. Ihren Lesern, den Privatanlegern, traut sie das offensichtlich nicht zu, denn immer wieder behauptet sie, dass die große Mehrheit der Privatanleger dauerhaft zu den Verlierern an der Börse zähle. Es gibt darüber schon aus Datenschutzgründen keine wirklich zuverlässigen Informationen, aber ich habe in den letzten Jahren häufiger von Untersuchungen gelesen, wonach in privaten Depots in Deutschland bei Höchstständen mehr Aktien verkauft und bei Tiefstständen mehr gekauft werden. Das Klischee vom ahnungslosen und vertrottelten Kleinanleger hat vielleicht zu Zeiten des Telekom-Aktien-Wahns und des Neuen Marktes gestimmt, ist aber inzwischen ganz sicher überholt. Mein Eindruck ist eher, dass es sich bei den heute noch verbliebenen Kleinaktionären um eine qualifizierte Minderheit handelt, die sehr genau weiß, was sie tut. (Auch wenn vielleicht eher die weniger erfolgreichen unter ihnen den Weg in die Börsenseminare von Frau Sander finden.)

Besonders ärgerlich ist aber Frau Sanders Einteilung der Anleger in „Gewinner“ und „Verlierer“, die sie bereits im Vorwort vornimmt. Für mich zumindest klingt es so, dass sie dies nicht nur rein technisch meint, sondern unterschwellig auch mit einem Werturteil verbindet, was dann schon ein etwas unschöner neoliberaler Machismo in seiner weiblichen Variante wäre. Okay, Beate, du hast den Längsten!

Beate Sander
Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million
Finanzbuchverlag München, 3. Auflage 2015
350 Seiten, Hardcover, 24,99 €
ISBN 978-3-89879-7

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

justament.de, 4.5.2015: Jedes Wesen folgt seiner Lust

Fifty Shades of Grey? Nein, nur der vierte Band von Marcel Prousts “Recherche”: “Sodom und Gomorra”

Thomas Claer

sodomDie ersten drei Bände seines großen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hatte Marcel Proust (1871-1922) noch zu Lebzeiten herausbringen können, die restlichen vier hingegen wurden erst posthum veröffentlicht. Nach der Lektüre von „Sodom und Gomorra“, dem ersten „nachgelassenen“ und insgesamt vierten Band, ist der Justament-Rezensent nunmehr immerhin schon in Hälfte zwei dieses beispiellosen literarischen Monumentalwerks angekommen. Zwar sollte man sich besser nie zu weit aus dem Fenster lehnen, aber so viel Optimismus muss doch erlaubt sein: Wenn alles gut geht, werde ich die „Recherche“ zu Ende gelesen haben, noch bevor ich im Jahr 2022 das Sterbealter des “göttlichen Proust“ (Willi Winkler) erreicht habe, der genau hundert Jahre vor mir geboren wurde. Und wer weiß, vielleicht geht es sogar noch etwas schneller…

„Sodom und Gomorra“ also. Gemeint ist mit diesem biblischen Titel die schillernde Welt der Homosexualität, wobei der erste Begriff für deren männliche und der zweite für deren weibliche Variante steht. Ich muss zugeben, zu Beginn des Buches gewisse Befürchtungen gehegt zu haben, es könnte sich um einen expliziten Schwulen-Roman handeln, der einem als „gewöhnlichen“ Hetero-Mann vielleicht nicht viel zu sagen hat. Doch so, wie das Thema hier verhandelt wird, ist gewissermaßen unabhängig von allen diesbezüglichen Präferenzen für jeden etwas dabei. (Für jeden, muss man einschränkend sagen, der bereits bis zu diesem Punkt des Gesamtwerkes vorgedrungen ist.) Die Handlung setzt unmittelbar dort ein, wo „Die Welt der Guermantes“ geendet hatte. Marcel ist noch immer bei der „High Society“ eingeladen, d.h. bei der Prinzessin von Guermantes, und beobachtet zwischenzeitlich sehr genau eine in einem Treppenhaus stehende prächtige Orchidee. Weit hat diese ihre Blütenblätter geöffnet, in der Hoffnung, so interpretiert es zumindest Marcel, von einem Insekt bestäubt zu werden. Aber wie unwahrscheinlich ist es, dass in dieses enge Treppenhaus ein entsprechendes Insekt kommt? Marcel ist fast schon geneigt, die wunderbare Orchidee zu bedauern, da sieht er schließlich doch noch, wie eine Hummel sich der Blume nähert. Und aus dem Fenster des Treppenhauses beobachtet er, wie der ebenfalls bei der Prinzessin von Guermantes eingeladene Baron de Charlus, ein Bruder des Herzogs von Guermantes, auf den ihm bislang unbekannten Schneider Juppé trifft.

Charlus und die Schwulen

Monsieur de Charlus, der in den ersten Bänden nur kurz als Freund von Swann aufgetreten war, ist eine der Schlüsselgestalten dieses Buches. Er wird beschrieben als „ein seltsamer, geistreicher, geschminkter Mann von fünfzig Jahren, mit dem man von Chateaubriand und Balzac sprechen kann“. An anderer Stelle heißt es, er sei „ein dicker Mann mit grauem Haar, schwarzem Schnurrbart und rot pomadisierten Lippen“.
Charlus hat „drei Päpste in seiner Familie“ „und das Recht auf rotes Wappentuch von einem Titel her, der dem eines Kardinals entspricht“. Sein Standesdünkel geht noch über den seines Bruders, des Herzogs von Guermantes, hinaus: „Ich weiß, es steht einem nicht wohl an, von den Tugenden seiner Vorfahren zu sprechen. Aber es ist bekannt, dass die unseren immer in der Stunde der Gefahr vornan gewesen sind. … Daher ist es alles in allem ganz legitim, wenn das Recht, überall die ersten zu sein, das wir so viele Jahrhunderte lang im Krieg für uns in Anspruch genommen haben, uns später bei Hofe zuteil geworden ist.“ Später einmal lässt er im Salon von Madame Verdurin alle anderen Gäste spüren, wie glücklich sie sich nach seiner Meinung schätzen können, einen solchen Aristokraten wie ihn in ihrer Runde zu haben: „Es gibt eine gewisse Zahl von hervorragenden Familien, in erster Linie die Guermantes, die vierzehnmal mit dem Hause Frankreich alliiert sind, was schmeichelhaft vor allem für das Haus Frankreich ist, denn an Aldonce de Guermantes und nicht an Ludwig den Dicken, seinen leiblichen, aber nachgeborenen Bruder, hätte der Thron von Frankreich fallen müssen… Weit unter den Guermantes stehend sind immerhin zu erwähnen die La Trémoille, Nachkommen des Königs von Neapel und der Grafen von Poitiers, die Uzès, weniger alt als Familie, aber die ältesten Pairs, die Luynes, die ganz neu sind, aber den Glanz großer Verbindungen haben, die Choiseul, die Harcourt, die La Rochefoucauld. Nehmen sie dazu noch die Noailles trotz des Grafen von Toulouse, die Montesquiou, die Castellane, und wenn ich niemand vergessen habe, so ist damit Schluss. Was all diese kleinen Herren anbetrifft, die sich Marquis, die sich Cambremerde oder Papperlapapp nennen, so besteht kein Unterschied zwischen ihnen und dem letzten kleinen Rekruten Ihres Regiments.“

Doch hat dieser hochmütige Baron de Charlus einen wunden Punkt, seine sexuelle Ausrichtung, denn damals, im Fin de Siècle, sind die Invertierten, wie Proust sie nennt, noch „ein ausgestoßener Teil der menschlichen Gemeinschaft, doch ein bedeutender Teil“. „Es ist ein Geschlecht, auf dem ein Fluch liegt, ein Geschlecht, das in Lüge und Meineid leben muss, da es weiß, dass für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt, was sein höchstes Verlangen ist.“ Und sehr ausführlich beschreibt der Verfasser die Sorgen und Nöte der Homosexuellen jener Zeit, dieses „Freimaurertums der Neigung“: „Sicher bilden sie in allen Ländern eine … kultivierte, musikalische Kolonie, die bezaubernde Vorzüge und unerträgliche Fehler besitzt.“ Und später heißt es: „Es ist seit langem eine gewisse Anzahl engelhafter Frauen durch einen Irrtum der Natur dem männlichen Geschlecht zugeordnet, wo sie nun, gleichsam im Exil, vergebens den Männern zustreben, denen sie physischen Widerwillen einflößen.“ Laut Proust ist es nämlich tragischerweise so, dass Schwule allenfalls notgedrungen an anderen Schwulen Gefallen finden. „Ein Invertierter trachtet wesensmäßig nach der Liebe eines Mannes von der anderen Rasse, das heißt eines Mannes, der Frauen liebt (und infolgedessen ihn nicht lieben kann).“ Das wird der Homosexuelle Proust wohl selbst so erfahren haben. Und als Angehöriger gleich zweier angefeindeter Minderheiten, lässt er seinen Erzähler später sagen: „Wie die Juden meiden sie einander und suchen statt dessen jene, die ihnen am meisten entgegengesetzt sind, doch nichts von ihnen wissen wollen, deren raue Ablehnung sie aber zu verzeihen bereit sind und an deren Entgegenkommen sie sich förmlich berauschen.“

Nicht ganz unwichtig ist nun aber der Umstand, dass der Baron de Charlus geradezu unvorstellbar reich ist, was ihm ermöglicht, seine Vorliebe für reizende junge Männer auf dem Wege der großzügigen finanziellen Belohnung vergleichsweise Minderbemittelter für deren entsprechende Gefälligkeiten auszuleben. Zur Vornahme solcher Anbahnungen steigt der Baron oftmals tagsüber in die Pariser Straßenbahn, wobei sein Hauptaugenmerk den jungen Schaffnern (natürlich in Uniform!) gilt. Doch die Erfolgsquote ist trotz der gleichsam unbegrenzten ihm zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Mittel bescheiden, so dass er sich häufig bereits mit dem zufrieden gibt, was er eine „Vereinigung durch Worte“ nennt. Das heißt, die jungen Männer werden allein für ihre angeregte Unterhaltung mit dem Baron fürstlich entlohnt.

Auf einer anderen Ebene spielt sich hingegen im Hinterhof des Anwesens der Prinzessin von Guermantes etwas ab, was Marcel zum ersten Mal in seinem Leben beobachtet. Zwei gleichgesinnte Männer, Monsieur de Charlus und der Schneider Juppé, erkennen einander nahezu auf den ersten Blick, „so wie die Orchidee der Hummel entgegenkommt“. Unter einem Vorwand ziehen sie sich in eine leere Baracke zurück und werden vom neugierigen Marcel, der ihnen gefolgt ist, heimlich bei ihrem Treiben beobachtet, „denn jedes Wesen folgt seinem Drang zur Lust“.

Im Salon der Prinzessin von Guermantes

Im Anschluss an dieses aufwühlende Erlebnis begibt sich Marcel wieder in die illustre Abendgesellschaft, und für den Leser beginnt eine harte Geduldsprobe, denn das ganz überwiegend leere Geschwätz dieser Aristokraten, das sich abermals über mehr als hundert Seiten am Stück hinzieht, ist nicht immer leicht zu ertragen. „Die Einfallslosigkeit spielt in der großen Gesellschaft eine noch größere Rolle als die Eitelkeit.“ Allerdings kommt Marcel bei aller Faszination, die für ihn nach wie vor von der Upper Class ausgeht, dieser doch allmählich auf die Schliche: „Ich begann, die genaue Nuance der gesprochenen, der stummen Sprache aristokratischer Liebenswürdigkeit zu erkennen, einer Liebenswürdigkeit, die sich darin gefiel, Balsam auf das Inferioritätsbewusstsein derer zu gießen, an die sie sich wendete, aber doch nicht so weit ging, es vollkommen zu zerstreuen, denn in diesem Fall hätte sie keine Daseinsberechtigung mehr gehabt.“

Erfreulicherweise hat dann doch noch einmal der bereits todkranke Swann einen Auftritt – und was für einen! Zunächst äußert sich noch in seiner Abwesenheit der Herzog von Guermantes über ihn: „Aber was Swann anbetrifft, kann ich ihnen ganz offen sagen, dass sein Verhalten mit Rücksicht auf uns unqualifizierbar ist. In der Gesellschaft von uns beiden, sogar vom Herzog von Chartres protegiert, soll er, wie ich jetzt höre, sich in aller Offenheit zu diesem Dreyfus bekennen. Niemals hätte ich das von einem Manne gedacht, der solch ein Kenner, ein positiver Geist, ein Sammler, ein Liebhaber alter Bücher, dazu Mitglied des ‚Jockey‘ ist, einem Mann, von allgemeiner Achtung getragen, im Besitz hervorragender Adressen, der uns den besten Portwein geschickt hat, den man trinken kann, einem Freund der Künste, einem Familienvater! Ah! Ich muss sagen, ich fühle mich wirklich betrogen. … Er hätte sich offen gegen die Juden und gegen die Parteigänger des Verurteilten erklären müssen.“

Später tritt Swann dann selbst in Erscheinung und setzt Marcel etwas umständlich seine ohnehin bekannte Position in der Dreyfus-Affäre auseinander. Da erblickt er die Marquise de Surgis, eine Dame in den Vierzigern mit zwei fast erwachsenen Töchtern in einem auffällig transparenten Kleid. „Swann konnte sich nicht enthalten, auf deren Ausschnitt mit weitaufgerissenen und begehrlichen Augen lange Kennerblicke zu werfen. Er setzte sogar sein Monokel auf, um besser sehen zu können, und während er zu mir sprach (so der Erzähler), warf er von Zeit zu Zeit einen erneuten Blick in die Richtung der Dame.“

Bald darauf werden Swann und Madame de Surgis einander vorgestellt: „Die Marquise kehrte sich um und wendete ein Lächeln und einen Händedruck an Swann, der sich erhoben hatte, um sie zu begrüßen. Doch fast ohne jede Verhüllung – vielleicht weil er bei seinem stark vorgeschrittenen Leben durch Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung anderer die moralische Kraft oder durch Übersteigerung der Begehrlichkeit und ein Nachlassen der Fähigkeit, sie zu verbergen, das physische Vermögen dazu verloren hatte – ließ Swann, sobald er die Hand der Marquise ergriff und aus der Nähe, von oben herab ihres Busens ansichtig wurde, einen aufmerksamen, ernsthaft vertieften, ja beinahe besorgten Blick in ihren Taillenausschnitt hinabgleiten, und seine Nasenflügel, vom Duft der Frau berauscht, erbebten wie ein Falter, der sich auf der von weitem erspähten Blume niederzulassen gedenkt. Jäh riss er sich aus dem Schwindel zurück, der ihn erfasst hatte, und Madame de Surgis selbst erstickte, wenn auch befangen, ein tiefes Aufatmen, so ansteckend kann zuweilen physisches Begehren sein.“

Geld ist reichlich da / Briefe an die Damenwelt

In manchen Romanen und Geschichten fragt man sich, wie die Protagonisten eigentlich ihren Lebensunterhalt bestreiten, womit sie ihr Geld verdienen. Nicht so in der „Recherche“. Hier sind offensichtlich alle wichtigen Figuren so gutgestellt, dass sie ein ausschweifendes Leben ohne materielle Beschränkungen führen können. Die Dienerin Francoise sagt einmal zu Marcel: „Ach! Sie haben Glück, dass Sie sich Ihre Eltern unter den Reichen haben aussuchen dürfen; was wäre sonst aus Ihnen geworden, wo Sie doch so verschwenderisch sind?“ Die französische Oberschicht kennt nun einmal keine Geldsorgen. Nur, dass die Adligen ihre Vermögen über viele Generationen hinweg angehäuft haben (wobei ihnen wohl selbst die Revolution nichts anhaben konnte), während das neureiche Bürgertum durchaus noch berufstätig ist. Von Marcels Vater heißt es im Roman, dass er „Tag und Nacht arbeitete“. Doch die einzige Andeutung von elterlicher Kritik am Lebensstil ihres Sohnes ist eine spitze Bemerkung von Marcels Mutter, als diese mit Marcel ein weiteres Mal die Sommermonate im luxuriösen Badeort Balbec verbringt: „Meine Mutter sagte mir, dass ich damals doch wenigstens gelesen habe, ich solle das doch auch in Balbec tun, wenn ich schon nicht arbeitete.“

Marcels offizieller Berufswunsch ist unverändert Schriftsteller. Doch beschränkt sich seine schriftstellerische Tätigkeit nach wie vor auf die fleißige Korrespondenz mit ausgewählten jungen Damen, oft auch mit mehreren gleichzeitig. Das Briefwechseln dieser Art innewohnende Vergnügen schildert er wie folgt: „Man kann sich zu Beginn einer Freundschaft mit einer Frau, oder sogar wenn sie auf die Dauer zu etwas führen sollte, nicht von den ersten Briefen trennen, die man erhalten hat. Man möchte sie unaufhörlich bei sich haben wie Blumen, die man noch ganz frisch als Geschenk erhalten hat und die man unaufhörlich betrachten und ihren Duft man aus immer größerer Nähe genießen möchte. Der Satz, den man schon auswendig weiß, ist angenehm noch einmal nachzulesen, und bei denen, die man weniger wörtlich in Erinnerung hat, möchte man von neuem feststellen, in welchem Maße der eine oder andere Ausdruck von geheimer Zärtlichkeit zeugt. Hat sie geschrieben „Ihr lieber Brief?“ Es bedeutet dann eine kleine Enttäuschung bei allen süßen Gefühlen, in denen man sich wiegt und die vielleicht dadurch entstanden sind, dass man zu schnell gelesen hat und dass die Schrift der Briefpartnerin nicht allzu deutlich ist, wenn man feststellen muss, sie hat nicht „Ihr lieber Brief“ geschrieben, sondern „Als ich Ihren Brief erhielt“. Aber der Rest ist so liebevoll. Oh! Möchte einem der morgige Tag doch gleiche Blüten schenken! … Dann aber genügt das auf einmal nicht mehr, man möchte den geschriebenen Worten auch die Blicke, die Stimme gegenüberstellen. Man verabredet sich und findet, ohne dass jene sich vielleicht verändert hat, da wo man nach der Beschreibung, die einem gemacht wurde, oder nach der persönlichen Erinnerung die Fee Viviane zu finden glaubte, nur einen gestiefelten Kater vor. … Das Verlangen aber, das man nach einer Frau trägt, von der man geträumt hat, erfordert nicht unbedingt die Schönheit irgendeines ganz bestimmten Zuges. Diese Wünsche sind das Verlangen nach einem bestimmten Wesen, schwebend und unbeschreiblich wie Düfte…“

Balbec und Albertine

Marcel reist also mit seiner Mutter ein weiteres Mal nach Balbec, um dort einen ausgedehnten – nur halbherzig als Kur für den asthmatischen Sohn getarnten – Badeurlaub zu verbringen. Er selbst ist es gewesen, der unbedingt wieder nach Balbec wollte, doch keineswegs, um an die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres mit den jungen Mädchen (der „kleinen Schar“) und mit der damals für ihn noch so verlockenden Albertine anknüpfen zu wollen. Marcel ist zu diesem Zeitpunkt – angeblich – „keineswegs in Albertine verliebt“, wenngleich er sie regelmäßig trifft und man als Leser den Eindruck gewinnt, dass zwischen beiden durchaus „etwas läuft“. Das Verhältnis der beiden zueinander droht zur – wie man vor zwanzig Jahren gesagt hätte – „komplizierten Beziehungskiste“ zu werden… Nein, Marcel hat von seinem Kumpel, dem Marquis Robert de Saint-Loup, gehört, dass „die Jungfer der Baronin von Putbus“ in einem Bordell nahe Balbec zu haben sei, was bei Marcel, der bekanntlich eine besondere Schwäche für die Welt des Adels hat, wollüstige Phantasien auslöst, ohne dass er diese Person jemals zu Gesicht bekommen oder anderweitig ihre Bekanntschaft gemacht hätte. In Balbec ist dann aber von der Jungfer der Baronin von Putbus schon bald nicht mehr die Rede; sie ist dann doch nicht anwesend, und er hat sie nach kurzer Zeit vergessen.

Auch Albertine gelingt es, für sich einen erneuten Aufenthalt in Balbec, zeitgleich mit Marcel, zu organisieren. Sie reist mit ihrer Tante an, bei der sie dauerhaft lebt, da sie ihre Eltern schon in früher Kindheit verloren hat. Es ist offensichtlich, dass Albertine mittlerweile ein veritables Interesse an Marcel entwickelt hat, während er sie lediglich hinhält. Die Konstellation des Vorjahres hat sich also umgekehrt. Doch hat das natürlich seine Gründe. Schon bald merkt der Leser, dass an die Stelle des romantischen Zaubers in der Anfangsphase ihrer Beziehung längst eine Art allen emotionalen Verwirrungen übergeordnetes nüchternes Kalkül der Beteiligten getreten ist. Was sogar heute noch gilt, galt damals natürlich erst recht: Der Heiratsmarkt ist für Frauen attraktiver als der Arbeitsmarkt. Der äußerst wohlhabende Marcel wäre für die als relativ arm beschriebene Albertine, deren Tante „nur ein einziges Dienstmädchen hat“ (!), eine sehr gute Partie. Albertines Tante, so wird erzählt, würde eine Heirat der beiden wohl sehr begrüßen, während Marcels Mutter dies mit großer Skepsis sieht und ihrem Sohn ausdrücklich erklärt, dass es für ihn aber deutlich bessere Möglichkeiten der Eheschließung als die mit Albertine gäbe. Es hängt also alles an Marcel, und der wird angesichts seiner ihm zunehmend bewusst werdenden Machtfülle, er ist jetzt vermutlich etwa Mitte zwanzig, verständlicherweise arrogant, unverschämt und übermütig. Keine Sekunde hinterfragt er die Konstellation oder bildet gar ein kritisches Bewusstsein über die ihr zugrundeliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse aus. Stattdessen hält er sich offensichtlich für unwiderstehlich und behandelt Albertine, die ihn nach ihrer Ankunft in Balbec gerne treffen würde, geradezu wie den letzten Dreck. (Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass ohne sein ihm so selbstverständliches und stets reichlich fließendes Geld gewissermaßen kein weiblicher Hahn nach ihm krähen würde, solange er sich so benimmt, abgesehen vielleicht von der kleinen Minderheit von Frauen, denen so etwas gefällt. Denn welche attraktive junge Dame würde schon einem Schnösel nachlaufen, der sie erst lange in der Hotelhalle warten lässt und ihr dann übermittelt, er wünsche sie jetzt doch nicht zu sehen, da er gerade nicht in der Stimmung sei. Es sei denn, dieser Schnösel ist steinreich.) Und überhaupt wird Albertine ja nicht nur als schön, sondern auch als durchaus klug beschrieben: „Man konnte sich nur über die Sicherheit des Geschmacks wundern, den sie in der Architektur bereits entwickelte“, allerdings „im Gegensatz zu dem jammervollen, den sie in der Musik besaß.“

Ein anderer Umstand, der im Roman mehrfach angesprochen wird und nicht mit Marcels gerade beschriebenem Übermut verwechselt werden darf, ist die Erfahrung, dass es in der Liebe meistens nicht ratsam ist, seine Gefühle zu deutlich zu zeigen und zu leicht verfügbar zu sein, da dies häufig eine relative Abkühlung auf der anderen Seite zur Folge hat, die sich ihrer Sache dann allzu sicher glaubt und einen zu leichten Sieg wittert: „Bestimmt sind die Reize einer Person weniger häufig ein Anlass zur Liebe als etwa ein Satz wie der folgende: ‚Nein, heute Abend bin ich nicht frei.‘“

Doch erwacht Marcels Interesse für Albertine nach einiger Zeit plötzlich und sehr lebhaft aufs Neue, als er auf einer abendlichen Tanzveranstaltung auf den ihm bereits aus den Pariser Salons gut bekannten Arzt Dr. Cottard trifft, welcher den gemeinsamen engen Tanz von Albertine und ihrer Freundin Andrée angeblich „von dem speziellen Gesichtspunkt des Mediziners“ ansieht und kommentiert: „Da sehen Sie, passen Sie auf, setzte er hinzu, indem er auf Albertine und Andrée wies, die langsam, dicht aneinandergepresst vorübertanzten, ich habe meinen Kneifer vergessen und sehe nicht sehr gut, aber bestimmt befinden sich die beiden jetzt auf der Höhe des Genusses. Es ist nicht genügend bekannt, dass die Empfindung bei Frauen vor allem durch die Brüste geht. Sie sehen ja, wie vollkommen beide sich mit ihren berühren.“ Und Marcel muss sich eingestehen: „Tatsächlich fand eine unaufhörliche leise Reibung zwischen denen Andrées und Albertines statt … Ich hatte gesehen, wie Andrée mit einer der anmutigen Bewegungen, die ihr eigen waren, schmeichelnd ihren Kopf an Albertines Schulter lehnte und sie mit halbgeschlossenen Augen in die Beugung des Halses küsste…“

Fortan hält Marcel Albertine für lesbisch, was ihn aber nicht, wie nun mancher vielleicht denken könnte, sexuell erregt, sondern vielmehr rasend eifersüchtig macht. Und diese manische Eifersucht wiederum ist es, die seine Liebe befeuert. Er trifft die darüber hocherfreute Albertine nun täglich, unternimmt mit ihr zahlreiche Ausflüge in die Umgebung und beobachtet sie dabei auf Schritt und Tritt hinsichtlich ihres Verhältnisses zu anderen Frauen. „Was Albertine anbelangt, so kann ich nicht sagen, dass sie im Kasino oder am Strand irgendeinem jungen Mädchen gegenüber allzu freie Sitten an den Tag gelegt hätte; eher stellte ich übertriebene undurchdringliche Kühle bei ihr fest, die mir weniger wie ein Zeichen guter Erziehung als vielmehr wie eine List erschien, die den Zweck verfolgte, den Argwohn zu zerstreuen.“ Irgendwann stellt er Albertine zur Rede, woraufhin diese Marcels Verdacht weit von sich weist und sogar ausdrücklich ihren unbedingten Abscheu gegenüber der lesbischen Liebe betont. Schließlich bringt er die Ambivalenz seiner Empfindungen für Albertine so auf den Punkt: „Es liegt … im Charakter der Liebe, dass sie uns gleichzeitig misstrauischer und leichtgläubiger macht, uns dazu bringt, leichter als jede andere die Geliebte zu beargwöhnen, ihren Beteuerungen aber auch desto bereitwilliger Glauben zu schenken. … Dann aber kann auch das Wesen, das wir lieben, in so vielfältiger Gestalt es uns erscheinen mag, auf alle Fälle zwei wesentliche Persönlichkeiten für uns darstellen, je nachdem ob es uns als ein uns zugehöriges erscheint oder als eines, das seine Wünsche auf jemand anderen richtet als auf uns. Die erste dieser Persönlichkeiten besitzt das besondere Vermögen, das uns daran hindert, an die Wirklichkeit jener zweiten zu glauben…“

Einmal treffen Albertine und Marcel auf dessen alten Freund Saint-Loup, welcher Marcel unter vier Augen seine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringt, dass er und Albertine sich küssten, denn vor einem Jahr hätte Marcel ihm doch voller Überzeugung gesagt, „mit Albertine sei nichts anzufangen, sie sei die Tugend selbst“… Da aber bei diesem Treffen Saint-Loup und Albertine heftig miteinander flirten, ist Marcel, dem das keineswegs gefällt, immerhin insofern beruhigt, als er nun annimmt, dass Albertine wohl anscheinend doch keine „Bewohnerin von Gomorra“ sei. Später kommentiert er das  mit den Worten: „Ich besaß die Naivität aller Leute, die des Glaubens sind, eine Art von Neigung schließe notwendig die andere aus.“

Besonders großen Gefallen findet Albertine am gehobenen Lebensstil, den sie nun mit Marcel teilt. Geradezu begeistert ist sie, als Marcel zur besseren Beweglichkeit auf den Ausflügen fortan ein Automobil mit Chauffeur bestellt. Als dieses einmal nicht fährt und sie wieder mit einer Kutsche vorlieb nehmen müssen, ruft Albertine enttäuscht: „Was für ein Rumpelkasten!“ Doch ist auch Marcel dem neuen Fortbewegungsmittel zugetan, wobei er jedoch differenziert: „Dem Automobil hält kein Geheimnis stand… Es mag so aussehen, als ob meine Liebe zu den fabelhaften Fahrten mit der Eisenbahn mich hindern müssen, das bewundernde Staunen Albertines dem Automobil gegenüber zu teilen, welches sogar einen Kranken dorthin fährt, wo er hin will, und verhindert, die Lage eines Ortes – wie ich es bisher getan hatte – als ein individuelles Merkmal, die unersetzliche Essenz seiner unverrückbaren Schönheiten zu betrachten. … Nein, das Automobil führte uns nicht in so märchenhafter Weise in eine Stadt, die wir zunächst nur in dem Bild ihres Namens verdichtet und mit den Illusionen des Theaterbesuchers im Zuschauerraum erblicken. Es trug uns unmittelbar in die Kulissen der Straßen hinein und blieb stehen, wenn man von einem Einwohner eine Auskunft brauchte. Aber die Kompensation für so ein geheimnisloses Eindringen bilden auf der anderen Seite die tastenden Berührungen sogar des Chauffeurs, der seines Weges nicht sicher ist, und manchmal wieder umkehren muss, wie auch die wechselseitige Verschiebung der Perspektive beim Näherkommen…; so kommt es, dass das Automobil die individuelle Lage an einem einzigartigen Punkt zwar des Geheimnisses entkleidet zu haben scheint, das ihr zur Zeit der Expresszüge anhaftete, uns andererseits aber den Eindruck schenkt, sie erst selbst zu entdecken und wie mit dem Kompass zu bestimmen, und uns dazu verhilft, mit verliebt sich vortastender Hand und in feinster Präzision der wahren Geometrie, dem schönen Maß der Erde nachzuspüren.“ So hat wohl noch niemand sonst das Autofahren beschrieben…

Im Salon der Madame de Verdurin / Baron de Charlus wird ausgenommen

Doch ist Marcel in Balbec nicht nur mit Albertine unterwegs. Viele vornehme Herrschaften aus Paris, die er von seinen dortigen Salonbesuchen kennt, verbringen ebenfalls die Sommermonate in dem mondänen Badeort. Und weil die feine Gesellschaft sich sonst langweilen würde, blüht die Salonkultur also auch in Balbec, namentlich bei Madame Verdurin. Marcel ist natürlich regelmäßig mit von der Partie, und alle freuen sich, als er auch Albertine in die Runde einführt, die er dort etwas schamhaft als seine Cousine ausgibt. Albertine ist es im Kreise der Großbürger und Aristokraten auch gar nicht langweilig, sondern sie freut sich, die schönen teuren Kleider, die ihr Marcel ständig kauft, dort präsentieren zu können.

Überhaupt finden es die jungen Leute zu dieser Zeit offensichtlich alle gut und richtig, ein Teil der Welt der Erwachsenen zu sein. Niemand von ihnen würde auf die Idee kommen, sich von diesen abzugrenzen, etwas abweichendes Eigenes darstellen zu wollen. Gedanken an etwas wie Jugendbewegungen oder Subkulturen sind ihnen vollkommen fremd. Aber wenn nicht alles täuscht, bewegen wir uns ja auch gegenwärtig wieder genau in diese Richtung. So werden heute z.B. Metal- oder auch Lady Gaga-Konzerte gemeinsam von Großeltern, Eltern und Kindern besucht, und Eltern und Großeltern wirken mit vereinten Kräften an den Seminararbeiten ihrer studierenden Kinder und Enkel mit („Wir schreiben jetzt deine Hausarbeit.“) All das hätte sich noch vor zwanzig Jahren kein Mensch vorstellen können!

Aber zurück zum Salon von Madame Verdurin: Besonders gefällt es Albertine, wenn der eingangs beschriebene und auch in Balbec anwesende Monsieur de Charlus, der auch ein großer Modekenner ist, sich für ihre Kleidung interessiert. Besitzt Albertines Geschmack zunächst „sehr viel Sinn für maßvolle Nüchternheit“, so experimentiert sie mit der Zeit auch ein wenig mit ausgefalleneren und bunteren Stoffen, was den Beifall des Barons de Charlus findet: „Nur Frauen, die sich nicht anzuziehen verstehen, fürchten die Farben… Man kann bunt sein, ohne vulgär zu wirken.“ Allerdings gibt der Erzähler – an anderer Stelle – auch zu bedenken: „Fast alle Frauen bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, sei unbedingt der Ausdruck der Wahrheit und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und weil man einfach nicht anders kann, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.“

Doch befindet sich Baron de Charlus in einer traurigen Lage. Er hat sich unsterblich in den jungen Musiker im Salon der Madame Verdurin verliebt, der zur Erbauung der vornehmen Gesellschaft auf seiner Geige stets ein breites Repertoire an klassischen Stücken zum Besten gibt. Die Gegenliebe des jungen Mannes geht, was wenig überraschend ist, aber nur so weit, dass der Baron als Gegenleistung für gemeinsam verbrachte Stunden immer neue und immer höhere Geldbeträge aufbringen muss, die der Musiker angeblich gerade dringend benötigt, denn „derjenige, welcher liebt“, ist „gezwungen, immer von neuem einen Versuch zu machen und sein Gebot dauernd zu erhöhen“. „Eine sinnlose gewaltige Macht stellen die Strömungen der Leidenschaft dar, von welchen der Liebende, wie jemand, der im Wasser treibend fortgerissen wird, ohne es zu bemerken, sehr bald den festen Boden unter den Füßen verliert. Zweifellos kann auch die Liebe eines Mannes, wenn der Liebende sich mit Hilfe der Erfindungsgabe, kraft deren nacheinander seine Wünsche, seine Sehnsüchte, seine Enttäuschungen, seine Pläne einen ganzen Roman um eine Frau her schaffen, die er gar nicht kennt, eine bemerkenswerte Abweichung der Magnetnadel auf dem Kompass bewerkstelligen. Doch wird diese Abweichung noch ganz erheblich vergrößert durch den Charakter einer nicht allgemein geteilten Leidenschaft…“

Es kommt so weit, dass der junge Musiker sich vor anderen über den einfältigen Baron mokiert. „Zweifellos ist es … ein allgemeines Gesetz, … dass uns ein Wesen, das wir selbst nicht lieben, welches aber uns liebt, unerträglich erscheint. Einem solchen Wesen, einer solchen Frau, von der wir auch nicht etwa sagen, dass sie uns liebt, sondern dass sie sich an uns hängt, ziehen wir dann die Gesellschaft jeder beliebigen anderen vor, auch wenn sie weder deren Charme, noch ihre angenehmen Umgangsformen, noch ihren Geist besitzt. Sie selbst wird ihn in unseren Augen erst wieder erlangen, wenn sie uns einmal nicht mehr liebt.“ Dabei ist Monsieur de Charlus, der den unglücklich geliebten Musiker mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelt, ansonsten alles andere als ein netter, umgänglicher Mensch. Er behandelt so ziemlich alle und jeden anderen mit unfreundlicher spöttischer Herablassung. „Innerhalb der Menschheit besteht die Regel, von der es natürlich viele Ausnahmen gibt, darin, dass die harten Menschen Schwache sind, die keine Gegenliebe gefunden haben, und nur die Starken, da sie sich keine Gedanken darüber machen, ob man sie mag oder nicht, jene Sanftmut aufbringen, die der gemeine Mann für Schwäche hält.“

Showdown: Heirat mit Albertine

Marcel und Albertine erleben also in Balbec eine berauschende Zeit in geteilter Zweisamkeit, wobei man unterstellen darf, dass sie den damaligen bürgerlichen Konventionen doch so entsprochen haben, dass es zwischen ihnen noch nicht zur völligen finalen Erfüllung ihrer fleischlichen Lüste gekommen ist. (Es versteht sich natürlich von selbst, dass gerade dieser Zustand eine permanente Erotisierung mit sich bringt.) So schwebt über allem die Frage einer künftigen Heirat. „Mein ganzer Seelenzustand, die Zukunft meiner Existenz hatte vor mir die allegorische und schicksalhafte Gestalt eines jungen Mädchens angenommen.“ Doch Marcel ist sich der Tragweite einer solchen Entscheidung wohl bewusst. Es kommt zu den üblichen Aufs und Abs im Verhältnis zwischen den beiden Liebenden, zum „rhythmischen Schwanken zwischen Liebeserklärung und Bruch“, zu den „entgegengesetzten Bewegungen der Liebe“. Zum Ende des Romans hin ist Marcel in seinem Übermut zwischenzeitlich schon so weit, dass er Albertines „überdrüssig wird“, mit ihr Schluss machen und stattdessen mit ihrer Freundin Andrée etwas anfangen will, die ihm ja auch immer wieder schöne Augen gemacht hat (und Marcel war ja auch eigentlich in die ganze „kleine Schar“ verliebt), aber dabei – „um frei zu bleiben, sie nicht zu heiraten, wenn ich nicht wollte“ – nicht aufs Ganze zu gehen gedenkt. „Ich lächelte in mich hinein, wenn ich an dies Gespräch dachte, denn auf diese Weise würde ich in Andrée die Täuschung erwecken, dass ich sie nicht wirklich liebte; so würde sie meiner nicht müde werden, ich aber könnte vergnügt und in aller Ruhe mich ihrer Zärtlichkeit freuen.“ Marcel ist also gedanklich schon auf dem Weg, sozusagen ein Casanova zu werden.

Doch am entscheidenden Abend, als Marcel sich von Albertine trennen will, erzählt diese ihm ganz beiläufig davon, dass sie bald mit einer Bekannten in den Urlaub fahren möchte, von der Marcel aus angeblich sicherer Quelle weiß, dass sie der lesbischen Liebe zugeneigt ist. Augenblicklich erwacht in ihm wieder seine ungeheure Eifersucht – „die Überschärfe der Sinne bringt eingebildete Leiden hervor“: „Sie verursachte mir, als sie sich von mir trennte, einen derartigen Schmerz, dass ich nach ihr griff und sie verzweifelt am Arm zog.“ Fortan ist für Marcel mit den Qualen der Eifersucht auch seine Liebe zu Albertine wieder entflammt, und zwar in jeweils bisher ungekanntem Ausmaß. „Oft liegt es nur an einem Mangel schöpferischer Phantasie, dass man in seinen Leiden immer noch nicht weit genug geht…“ Damit sind für ihn die Würfel gefallen: „Ich spürte, dass der Tag, der gleich anbrechen sollte, und alle darauffolgenden Tage mir niemals mehr die Hoffnung auf ein unbekanntes Glück bringen würden, sondern nur die Fortdauer meiner Qual.“ Wobei die Qualen der Eifersucht für Marcel ganz offensichtlich auch eine verborgene lustvolle Seite haben: „Jede Regung der Eifersucht stellt etwas Besonderes dar und trägt den Stempel eines bestimmten Wesens, durch das sie geweckt worden ist.“ Und er erklärt sich diese Verkettung von Eifersucht und Liebe so: „Welch trügerischer Sinn ist das Gesicht! Ein menschlicher Körper scheint uns, selbst wenn er geliebt wird wie der Albertines, ein paar Meter oder Zentimeter von uns entfernt zu sein, nicht anders aber ist es mit der Seele, die in diesem Körper wohnt. Nur wenn ihre Stellung zu uns durch irgendetwas gewaltsam verändert und dadurch deutlicher spürbar wird, dass sie andere liebt und nicht uns, fühlen wir an den Schlägen unseres haltlos gewordenen Herzens, dass die, die wir lieben, nicht ein paar Schritte von uns entfernt, sondern in uns lebt.“ Am nächsten Morgen erklärt Marcel seiner Mutter: „Wir wollen es gleich als entschieden betrachten, weil ich mir jetzt darüber klar bin, weil ich mich nicht mehr ändern werde und weil ich auf andere Weise nicht leben kann: Ich heirate Albertine.“

Die Stimme aus dem Off weiß hierzu zu sagen: „Man wäre für immer von jeder Romantik geheilt, wenn man in Ansehung derjenigen, die man liebt, bereits der Mensch zu sein versuchte, der man sein wird, wenn man nicht mehr liebt.“

Das unbeständige Ich in der Zeit

Begleitet wird Marcels Entscheidung von seinen Reflexionen über das, was mit ihm und in ihm in den vergangenen Monaten und Jahren passiert ist und künftig noch passieren wird: „Ich wurde mir der Wandlungen meines eigenen Inneren bewusst, indem ich sie an der steten Gleichheit der mich umgebenden Dinge maß. An diese gewöhnt man sich, wie man sich an Personen gewöhnt, und wenn man sich plötzlich darüber klar wird, dass sie früher eine so ganz andere Bedeutung in sich trugen, dann scheint, nachdem sie jetzt jede Bedeutung verloren haben, die völlige Verschiedenheit der damals ihren Rahmen bildenden Umstände von den heutigen, die Mannigfaltigkeit der Szenen, die sich unter der gleichen Zimmerdecke zwischen den gleichen Bücherregalen mit ihren Glasscheiben abgespielt haben, scheint die Wandlung in Herz und Leben, welche in dieser Vielheit sichtbar wird, durch die unbewegliche Dauer der Dekoration noch vergrößert und durch die Einheit des Ortes verstärkt.“

Und es wird noch viel grundsätzlicher: „Immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie die der Einbildungskraft… Denn mit den Störungen des Gedächtnisses ist eine Intermittenz, ein Versagen auch des Herzens verbunden. … Wenn die Güter unseres Inneren uns bleiben, so die meiste Zeit in einem unbekannten Bereich, in dem sie ohne Nutzen für uns sind und wo sogar die allervertrautesten von Erinnerungen einer anderen Ordnung zurückgedrängt werden, die jede Gleichzeitigkeit mit jenen in unserem Bewusstsein ausschließen…Die Bilder, welche die Erinnerung auswählt, sind ebenso willkürlich, ebenso enggefasst, ebenso ungreifbar wie die, welche die Einbildungskraft gestattet und die Wirklichkeit dann zerschlagen hat. Es besteht kein Grund, weshalb ein wirklicher Ort außerhalb von uns mehr Bilder der Erinnerung als des Traums in sich enthalten soll.“

Schon mancher wird sich irgendwann einmal die Frage gestellt haben, ob er gegenwärtig überhaupt noch etwas mit jener Person anfangen könnte, die er vor zehn oder zwanzig Jahren gewesen ist. Bei Proust aber resultiert aus dieser Überlegung sogar eine Absage an jede Vorstellung von Unsterblichkeit, da unser Ich ohnehin schon zu Lebzeiten tausende Tode stirbt. „Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, dass wir, sogar ohne erst auf ein anderes Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, dass der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht mehr gesehen haben… Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von zahlreichen, wechselnden Paradiesen, doch alle diese sind schon lange, bevor man stirbt, verlorene Paradiese, in denen man sich selbst verloren fühlen würde.“

All dies findet seine Entsprechung natürlich auch im immer trügerischen Charakter der Liebe. Marcel stellt fest: „Im übrigen haben die Frauen, für die ich das meiste empfunden habe, sich niemals mit meiner Liebe im richtigen Gleichtakt befunden. … Wenn ich sie sah, sie hörte, fand ich nichts in ihnen, was meiner Liebe glich und sie erklären konnte. Dennoch war meine einzige Freude, sie zu sehen, meine einzige Beängstigung, auf sie warten zu müssen. Man hätte meinen können, eine Kraft, die eigentlich in keiner Beziehung zu ihnen stand, sei ihnen von der Natur nachträglich hinzugesetzt worden, diese Kraft aber habe, der Elektrizität verwandt, die Wirkung auf mich gehabt, in mir Liebe zu entzünden, das heißt mein ganzes Handeln zu leiten und Ursache meiner Leiden zu sein. Etwas völlig anderes aber war die Schönheit, der Geist, die Güte dieser Frauen…“

Und überhaupt gilt doch: „Wie wir den Orientierungssinn nicht besitzen, mit dem manche Vögel ausgestattet sind, fehlt uns auch der für Sichtbarkeit und Distanzen, da wir in unserer unmittelbaren Nähe auf interessierte Aufmerksamkeit bei Menschen rechnen, die im Gegenteil gar nicht an uns denken und keine Ahnung haben, wer wir sind, während wir zur gleichen Zeit für andere den einzigen Gegenstand ihres Interesses bilden.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 4:
Sodom und Gomorra
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
737 Seiten
Suhrkamp Verlag

www.justament.de, 20.4.2015: Auf den Spuren der All-Mächtigen

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Zum 80. Geburtstag von Erich v. Däniken

AASHatte unser Planet schon vor langer Zeit Besuch von Außerirdischen? Waren die in unseren Religionen beschriebenen Götter in Wahrheit nur Astronauten aus den Tiefen des Alls, die mit Raumschiffen auf unserer Erde gelandet waren? Die hier aus den vorgefundenen intelligenten Affen in ihren mitgebrachten Laboren mittels Genmanipulation den modernen Menschen erzeugt und sich später wieder aus dem Staub gemacht hatten, aber nicht ohne den Menschen ihre Rückkehr in einer fernen Zukunft zu versprechen? Lange bevor ich zu Romanen oder philosophischen Büchern griff, hatte ich, es muss wohl so mit 15 angefangen haben, eine große Leidenschaft für  Sachbücher. Und zu den großen Helden meiner Pubertät zählte neben Hoimar v. Ditfurth, Konrad Lorenz und Gerd v. Haßler vor allem er: Erich v. Däniken, der wissenschaftliche Autodidakt und millionenfache Bestsellerautor aus der Schweiz, der die obskure Prä-Astronautik-These in die Welt gesetzt hatte. Ganz entscheidend trug zu meiner damaligen Begeisterung für solche Lektüre bei, dass sie in der DDR (damals in den Achtzigern) als äußerst anrüchig galt und nur ganz schwer zu bekommen war. Nach offizieller Lesart war Däniken völlig unvereinbar mit einem marxistisch-leninistischen wissenschaftlichen Weltbild. Dennoch besaß ich seinerzeit die Chuzpe, die Bücher, die ich selbst nur von Bekannten meiner Eltern ausgeliehen hatte, die sie sich ihrerseits illegal durch dunkle Kanäle aus dem Westen verschafft hatten, noch an meine teils ganz linientreuen Lehrer weiter zu verleihen. Sie rissen sie mir förmlich aus den Händen. „Erinnerungen an die Zukunft“, Dänikens erstes Buch aus dem Jahr 1968, war der absolute Knaller. Hier entwickelt der Autor seine Theorie vor allem anhand einer originellen Neuinterpretation bestimmter Bibelstellen. Wer das gelesen hat, der zweifelt keine Sekunde mehr daran, dass der Prophet Hesekiel („Da tat sich der Himmel auf“) in Wirklichkeit die Landung eines Raumschiffs auf der Erde beschrieben hatte und in Kontakt zu einem Alien getreten war. Die ominöse Bundeslade, ein Kasten, aus dem „die Stimme des Herrn erklang“, wurde von Däniken als ein Lautsprecher gedeutet. (Nach heutigem technischen Wissensstand würde man vielleicht eher an einen Laptop mit Skype-Anwendung denken.) Jahre später, schon im Westen, als ich bereits volljährig war, hatte mich das Thema noch immer so ergriffen, dass ich Mitglied der von Däniken gegründeten „Ancient Astronaut Society“ (AAS) wurde (siehe nebenstehende Abbildung meiner Mitgliedsurkunde). Und selbst als später andere Dinge für mich wichtiger geworden waren als die Prä-Astronautik und ich der AAS irgendwann den Rücken gekehrt hatte (schon um den Jahresbeitrag von immerhin 35 Mark einzusparen), zumal ich auch Erich v. Däniken zusehends kritischer sah, blieb ich der sogenannten Paläo SETI-Hypothese gegenüber doch immer aufgeschlossen.
Vor ein paar Jahren verfolgte ich dann ein langes Fernseh-Interview mit einem Professor für Astrophysik, Forschungsschwerpunkt „Extraterrestrische Intelligenzen“, in einer von Alexander Kluges mitternächtlichen Kultursendungen. Und was dieser Herr erzählte, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ging über Däniken, der von der Fachwissenschaft regelmäßig belächelt oder angefeindet worden war, noch weit hinaus. Wenn es, so begann sein Gedankenexperiment, nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit außer uns noch zahlreiche andere intelligente Lebensformen im All gibt, dann sollten einige von ihnen auch in unserer näheren Umgebung beheimatet sein. Und von jenen wiederum dürften einige, wenn man nur das rasante technische Entwicklungstempo der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten zum Maßstab nimmt, uns so unendlich weit überlegen sein, dass sie uns räumlich leicht erreichen könnten und aus wissenschaftlicher Neugier heraus vermutlich auch gerne erforschen wollten. Doch wäre eine „Kontaktaufnahme“ mit uns wohl in ihren Augen etwa so sinnvoll wie die von Menschen mit Regenwürmern. Kurzum, zum wahrscheinlichsten Szenario erklärte es der Astrophysiker, dass wir bereits seit hunderttausenden, wenn nicht Millionen Jahren ständig von Außerirdischen beobachtet und untersucht werden, doch diese sich aus Gründen der Diskretion, um uns Erdlinge nicht zu verwirren, vor uns verborgen halten. Womöglich würden sie aber, so der Professor, im Notfall doch eingreifen, etwa bevor es zum ultimativ-apokalyptischen Atomkrieg auf der Erde käme. Das heißt also, die Aliens leben vielleicht schon seit Menschengedenken unerkannt unter uns, unter Umständen in menschlicher Gestalt, ohne dass man sie – wie im Film „Louis‘ unheimliche Begegnung mit den Außerirdischen“ mit Louis de Funes – am scheppernden Klang beim Klopfen auf ihren Brustkorb erkennen könnte?  Aber was würde dies für die Gültigkeit von Rechtsgeschäften oder die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Delikte bedeuten, an denen unerkannt Außerirdische beteiligt waren? Ach, die Welt ist schon reich an ungelösten Rätseln und Geheimnissen. Vorige Woche beging der große Unterhaltungsschriftsteller Erich v. Däniken seinen 80. Geburtstag.

P.S.: Und hier noch die unübertreffliche Däniken-Parodie von Oliver Kalkofe aus den Neunzigern, die mir immer wieder die Lachtränen in die Augen getrieben hat:

https://www.youtube.com/watch?v=-XFPVv0iifM