justament.de, 17.2.2025: Der grollende Osten (2)
“Lütten Klein” von Steffen Mau ist eins der wichtigsten Bücher über die Transformation in der Ex-DDR
Thomas Claer
Wer das jüngst an dieser Stelle hinreichend gewürdigte “Ungleich vereint” gelesen hat, ist selbstverständlich auch neugierig auf Steffen Maus bereits 2019 erschienenes Vorgängerbuch “Lütten Klein”. Dieses ebenfalls vieldiskutierte Werk nimmt den großen Umbruch im Osten am Beispiel des titelgebenden Rostocker Plattenbauviertels unter die Lupe, in welchem der Verfasser zu DDR-Zeiten aufgewachsen ist. Und “Lütten Klein” ist noch weitaus detaillierter und tiefschürfender als sein Nachfolger, vor allem aber – obwohl schon vor sechs Jahren geschrieben – gerade wieder bestürzend aktuell. Seinerzeit war noch nicht abzusehen, dass die weitgehend rechtsextreme AfD in mehreren östlichen Bundesländern zur stärksten oder beinahe stärksten politischen Kraft werden würde und diese Länder – auch durch die Erfolge des rechtslinkspopulistischen BSW – an den Rand der Unregierbarkeit gebracht werden könnten. Wer aber die Analysen von Steffen Mau studiert hat, den können diese verhängnisvollen politischen Entwicklungen keineswegs überraschen…
Aus westlicher Sicht sind die Bewohner des Ostens vor allem undankbar. Unzählige Millionen aus sauer verdienten westlichen Steuergeldern wurden in den Osten gepumpt, um dort vernünftige Strukturen aufzubauen und die nicht wettbewerbsfähigen Neubürger zu alimentieren. So weich wie in den neuen Bundesländern in die nun gesamtdeutschen Sozialsysteme ist wohl niemand im früheren Ostblock gefallen. Doch statt dafür auch nur einmal danke zu sagen, maulen und nörgeln diese Ossis in einem fort, beschweren sich über die Arroganz der “Besserwessis” und wählen nun sogar extremistische Parteien.
Aus östlicher Sicht betrachtet ergibt sich jedoch ein vollkommen anderes Bild. Eine ganze Generation wurde aus ihren gewohnten Lebenszusammenhängen gerissen, von heute auf morgen in die Arbeitslosigkeit entlassen und zu Bürgern zweiter Klasse im wiedervereinigten Land degradiert. Alles, was diese Menschen in ihrem bisherigen Leben gelernt und geleistet hatten, war nun nicht mehr gefragt. Nur ein kleiner Teil der Ostdeutschen, der mobil und flexibel war, konnte sich mit den neuen Verhältnissen arrangieren. Viele aber wurden nun nicht mehr gebraucht und in zumeist unsinnigen Umschulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen geparkt und ruhiggestellt, schließlich in den Vorruhestand abgeschoben. Für die Betreffenden, in deren Lebensmittelpunkt bis dahin ihre Berufstätigkeit gestanden hatte, war damit eine Welt zusammengebrochen und ihr Leben zerstört.
Natürlich musste damals angesichts der völlig überraschenden deutschen Wiedervereinigung alles ganz schnell gehen. Wichtige Positionen in Wirtschaft und Gesellschaft wurden daher nach der Wende im Osten fast ausschließlich mit Westimporten neu besetzt. Dies war zweifellos viel effektiver, als erst noch umständlich Einheimische für die jeweiligen Jobs auszubilden. Im Eifer des Gefechts hatte allerdings niemand daran gedacht, was es mit den Menschen einer Region macht, wenn dort plötzlich nur noch Zugewanderte den Ton angeben, wenn beinahe sämliche Führungspositionen von Zugezogenen bekleidet und die Alteingesessenen auf die Straße gesetzt werden.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Osten vor der Wende eine reine Angestellten-Gesellschaft gewesen ist. Freies Unternehmertum gab es nur vereinzelt im Kleinstsegment. Fast niemand verfügte über größere Ersparnisse oder gar über Immobilien-Eigentum. (Und falls doch, dann waren es zumeist Häuser in ländlichen und zunehmend entvölkerten Regionen, die sich nach der Wende als unverkäuflich erwiesen.) Sehr drastisch schildert Steffen Mau, welcher Orkan der Zerstörung bestehender Strukturen in den Transformationsjahren über Ostdeutschland hinweggefegt ist. Die neu eingezogene Freiheit und Marktwirtschaft traf auf eine Population, die nicht im Geringsten darauf vorbereitet war und damit größtenteils überhaupt nicht umgehen konnte.
In Lütten Klein, dem einstigen Vorzeige-Wohngebiet der Ostsee-Metropole, dessen Bewohner zu DDR-Zeiten noch stolz darauf waren, eine der damals heiß begehrten Neubauwohnungen ergattert zu haben, war der Absturz sogar noch gravierender, denn nun hieß es plötzlich: “Man wohnt nicht mehr in der Platte”. Wer etwas auf sich hielt, suchte schnell das Weite, und übrig blieben dort bald nur noch die Abgehängten und Genügsamen.
Das Ergebnis aus all diesen jahrelangen Frustrationen lässt sich mittlerweile an den ostdeutschen Wahlergebnissen ablesen. Die Menschen im Osten sind bockig, missmutig, ressentimentgetrieben gegen alles Westliche. Sie behandeln migranische Neuankömmlinge so schlecht, wie sie selbst sich mehr als drei Jahrzehnte lang von den Westdeutschen behandelt fühlten. Sie flüchten sich aus der Wirklichkeit des Fachkräftemangels in Fantasiewelten nationaler Autarkie. Doch geht die Schere überall im Osten weiter auseinander zwischen den vielen Kleinstädten und ländlichen Gebieten auf der einen Seite, die abgehängt und in fremdenfeindlicher Selbstabschottung immer tiefer in den Abwärtsstrudel geraten, und den wenigen längst wieder aufstrebenden Großstädten auf der anderen Seite, die dank Ansiedlung von Migranten wieder wachsen und mit neu entstandenen Jobs und noch vergleichsweise günstigem Wohnraum mittlerweile so mancher West-Stadt den Rang ablaufen.
Sehr lebendig und untermalt mit vielen O-Tönen aus zu Recherchezwecken selbst geführten Interviews mit den Bewohnern schildert Steffen Mau den Werdegang “seines” Viertels in Vor- und Nachwendezeit. Trotz einiger soziologischer Fachtermini ist das Buch flüssig geschrieben und liest sich durchweg unterhaltsam. Hinzu kommt eine Vielzahl an einschlägigen Zahlen und Diagrammen, die das Werk zu einer wahren Fundgrube machen. Nur eins liefert der Autor in diesem Buch leider nicht (und in seinem besagten späteren Buch “Ungleich vereint” dann auch nur ansatzweise): Rezepte für Auswege aus der beschriebenen Malaise. Und den Leser beschleicht die düstere Ahnung, dass der ostdeutschen “Generation Wiedervereinigung” wohl nicht mehr zu helfen ist. Stattdessen muss es jetzt darauf ankommen, die von den Erzählungen ihrer Eltern kontaminierten ostdeutschen Nachwendegenerationen “abzuholen” und “mitzunehmen”, was nach Erkenntnissen der soziologischen Forschung am besten durch Studienaufenthalte der jungen Ostler in Westdeutschland gelingt, aber auch durch den Kontakt mit aus dem Westen zugezogenen Studierenden an ostdeutschen Universitäten. Je mehr Austausch zwischen den jungen Generationen in Ost und West, desto besser. Und je mehr weitere trübsinnige Abschottung der östlichen Frustrations-Kollektive, desto schlimmer.
Steffen Mau
Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft
Suhrkamp Verlag 2019
285 Seiten; 22,00 Euro
ISBN: 978-3-518-47092-3
justament.de, 27.1.2025: Der grollende Osten (1)
Steffen Mau liefert mit “Ungleich vereint” die präziseste Analyse des “Problemfelds Ost”
Thomas Claer
Da gibt es eine Gegend, die zu den wohlhabendsten Regionen Europas zählt, doch ihre Bewohner sind voller Groll, denn ihren weiter westlich lebenden Landsleuten geht es noch ein Stück weit besser als ihnen, und das nicht immer einfache Zusammenwachsen mit jenen hat bei ihnen schwere Traumata zurückgelassen, die sie offenbar auch schon an die nächste Generation witergegeben haben. Mehrere vieldiskutierte Bücher über die schwierige deutsche Einheit und den zumindest in seiner Selbstwahrnehmung noch immer problembeladenen Osten sind in den letzten Jahren erschienen. Selbstverständlich wurden sie alle – ohne Ausnahme! – von aus Ostdeutschland stammenden Autorinnen und Autoren verfasst. Denn warum sollten Westdeutsche sich mit Problemfeldern auseinandersetzen, die in ihren Augen überhaupt nicht existieren, die sie zumindest nicht als solche zu erkennen vermögen?
Die besagten Bücher wenden sich entweder gegen die Arroganz des Westens gegenüber dem Osten (Dirk Oschmann) oder gegen die Ignoranz des Ostens gegenüber der Demokratie (Ilko-Sascha Kowalczuk), oder sie erzählen die Geschichte der untergegangenen DDR noch einmal ganz anders und stark beschönigend (Katja Hoyer). Und dann ist da auch noch der aus Rostock stammende Berliner Soziologie-Professor Steffen Mau (geb. 1968), der in seinem schmalen Bändchen namens “Ungleich vereint” unaufgeregt und ausgewogen, pointiert, aber nie polemisch all das analysiert und auf den Punkt bringt, was sich in gut drei Jahrzehnten (plus DDR-Vorgeschichte) in den noch immer so genannten Neuen Bundesländern so zusammengebraut hat.
Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses kleine Büchlein sollte unbedingt jeder gelesen haben, der ein Interesse an der Ost-Thematik mitbringt, der im Osten wohnt oder mit dem Osten und seinen Bewohnern zu tun hat. Steffen Maus zentrale These lautet: Der Osten ist in vieler Hinsicht anders als der Westen – und er wird es auch weiterhin bleiben. Damit ist zugleich gesagt, dass diese kleine Studie vermutlich noch für Jahrzehnte relevant sein wird! Die Anschaffung und Lektüre dieses Buches dürfte sich also mit großer Sicherheit voll armortisieren…
Das Buch richtet sich sowohl an Ostdeutsche, die sich über ihre Besonderheiten und ihren einheitsbedingten psychischen Knax klarwerden wollen, als auch an Westdeutsche, die wissen wollen, warum ihre ostdeutschen Brüder und Schwestern aus ihrer Sicht so seltsam sind. (“Ich möchte das Thema Ostdeutschland aus der dünkelhaften und selbstgewissen Ecke herausholen, in Ost wie in West.”, S.9) Es geht los mit dem unerwarteten Befund der Verfestigung bestehender Ost-West-Unterschiede, die man lange Zeit als nur vorübergehend angesehen hatte. Konkret wird sodann die “ausgebremste Demokratisierung” des Ostens unter die Lupe genommen. Wie konnte es passieren, dass die demokratischen Institutionen und Parteien auch nach über 30 Jahren im Osten noch alles andere als fest verwurzelt sind? Sehr aufschlussreich ist vor allem das Kapitel “Kein 1968”. Darin wird einerseits deutlich, wie tiefgreifend Westdeutschland von der anti-autoritären Generationenrevolte “von unten” seit den späten Sechzigern geprägt wurde und wie stark seine heutige hohe demokratische Kultur damit zusammenhängt. Genau dies fehlt aber andererseits dem Osten, denn es mangelt ihm an jeglichen Voraussetzungen für vergleichbare Generationen-Protestbewegungen. (“Die Älteren saßen nicht saturiert in ihren Wohn- und Amtsstuben, sondern standen oft genug in der Schlange des Arbeitsamts.”, S.64)
Die zweite Hälfte des Buches widmet sich dann ganz überwiegend der sich stattdessen vor unseren Augen im Osten abspielenden autoritären Revolte von rechtsaußen. Sehr treffend bemüht Steffen Mau hier den aus dem Versicherungswesen stammenden Begriff des “Allmählichkeitsschadens”. Mit der Zeit, angefangen von den “Baseballschlägerjahren” in den Neunzigern und ihren rechtsradikalen Vorläufern in der späten DDR über den Einzug von Neonazi-Kadern aus dem Westen in den Osten bis hin zum heutigen verstärkten Aufgreifen von Ost-Befindlichkeiten durch die AfD, hat sich über die Jahre eine trübe Melange aus Ost-Trotz, Ressentiment und Hetze so ausgebreitet, dass sie nun die Grundpfeiler von Demokratie und Rechtsstaatslichkeit anzugreifen droht. Immerhin, die gute Nachricht ist, dass die AfD im Westen (und damit auch auf Bundesebene) ihr Stimmenpotential mit 20 Prozent plus x sehr wahrscheinlich schon weitgehend ausgereizt hat. Im Osten allerdings könnte sie angesichts der dort vor allem im kleinstädtischen und ländlichen Raum stark verbreiteten antidemokratischen Misstrauenskultur sogar noch weiter wachsen. (Und gerade jene Orte, die infolge starken Einwohnerrückgangs besonders auf Zuwanderung angewiesen wären, drohen durch ihre fremdenfeindliche Abschottung in eine fatale Abwärtsspirale zu geraten.) Um so wichtiger ist es insofern, dass die vielzitierte Brandmauer nach rechtsaußen unbedingt weiter halten muss. Aber das ist leichter gesagt als umgesetzt, wenn wir es vielerorts im Osten bereits mit einer massiv “angebräunten Zivilgesellschaft” zu tun haben.
Na gut, der Rechtspopulismus und -extremismus ist derzeit leider weltweit enorm auf dem Vormarsch, weshalb womöglich gar nicht das dafür stark anfällige Ostdeutschland, sondern vielmehr das dafür kaum anfällige Westdeutschland die Besonderheit darstellt. Doch habe, so Mau, der Rechtsruck im Osten andere, nämlich eigene Ursachen. Dazu zählt z.B. auch der wahrhaft schockierende Umstand, dass unsere (allesamt im Westen erscheinenden) gehobenen Qualitätszeitungen von FAZ und Süddeutscher Zeitung bis zu SPIEGEL und ZEIT im Osten schlichtweg kaum gelesen werden. Nur zwei bis fünf Prozent ihrer Abonnenten leben in den Neuen Bundesländern! Stattdessen liest man im Osten offenbar lieber das Desinformations-Organ Berliner Zeitung oder informiert sich in den verhetzten Sozialen Netzwerken. Da muss man sich natürlich nicht wundern…
Als möglichen Ausweg aus der Misere empfiehlt Mau abschließend zur Ergänzung zum als elitär und abgehobenen wahrgenommenen Parlamentsbetrieb den forcierten Einsatz von Bürgerräten. Vielleicht würde es ja helfen.
Steffen Mau
Ungleich vereint
Suhrkamp Verlag, 2024
168 Seiten; 18,00 Euro
ISBN: 978-3-518-02989-3
justament.de, 23.12.2024: Mann der Ordnung, im Home-Office
Hans Hugo Klein über Goethe als Jurist
Thomas Claer
Längst haben wir uns mittlerweile daran gewöhnt, dass das alltägliche Leben unserer Prominenten (und oftmals auch das ganz gewöhnlicher Zeitgenossen) für ein jeweils interessiertes Publikum in allen Einzelheiten dokumentiert ist. Historisch gesehen war einer der Ersten, vermutlich sogar der Erste, über dessen Lebensführung wir auch heute noch genauestens und detailliert Bescheid wissen, der Großdichter und Multitasker Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Dank seinem langjährigen Vertrauten Eckermann sowie der Sammelwut der damaligen und erst recht der späteren Goethe-Forschung gibt es im 83 Jahre währenden Leben des Dichterfürsten wohl mittlerweile keine blinden Flecken mehr. So ist zuletzt sogar aus heutiger Sicht wenig Vorteilhaftes über Goethe ans Licht gekommen, nämlich dessen Missbilligung bestimmter Reformen zur Judenemanzipation in Preußen (gegenüber seinem Freund Friedrich v. Müller, dem Staatskanzler des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach).
Natürlich ist Goethes so hinlänglich dokumentiertes Leben auch eine Fundgrube für alle, die sich bestimmten Aspekten seines Wirkens auch jenseits der schönen Künste näher widmen möchten. Hierzu hat der Ex-Verfassungsrichter Hans Hugo Klein in zehn Aufsätzen für diverse juristische Festschriften eine Menge Erhellendes zusammengeragen, das nun erstmals auch in Buchform – und ergänzt um ein Zusatzkapitel über “Goethes letzte Amtshandlung” – erschienen ist. Allerdings führt der Titel dieser Aufsatzsammlung “Der Jurist Goethe” doch etwas in die Irre, denn um Goethes im engeren Sinne juristische Tätigkeit (seine vier Jahre als Rechtsanwalt, in denen er 28 Prozesse führte, ohne dabei jemals vor Gericht anwesend gewesen zu sein) geht es hier nur am Rande. Vielmehr behandelt der Band vor allem Goethes administrative Rolle im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach, u.a. als Staatsminister, Mitglied des Geheimen Collegiums (der höchsten Regierungsbehörde des Landes), leitender Oberaufseher in sämtlichen Angelegenheiten der Wissenschaft und Kultur, Direktor des Weimarer Theaters sowie Mitglied und Leiter diverser Wirtschafts- und Finanzkommissionen.
Der Hintergrund all dessen ist, dass der junge Goethe als aufstrebender Literat mit juristischer Ausbildung das Gück hatte, im zehn Jahre jüngeren Herzog (ab 1815 Großherzog) von Sachsen-Weimar-Eisenach einen großen Fan seiner Werke zu haben. Carl August holte Goethe also zu sich nach Weimar, versah ihn mit einem fürstlichen Salär und kaufte ihm ein prächtiges Stadthaus mit 18 Räumen in bester Innenstadtlage, in dem Goethe alsdann jedes Zimmer in jeweils anderen Farbtönen streichen ließ (Empfangsräume gelb, Arbeitszimmer grün, Gesellschaftsräume rot, Schlafräume weiß) und später seine immensen Sammlungen u.a. antiker Skulpturen unterbrachte. Auch für Goethes eineinhalbjährige Bildungsreise nach und durch Italien kam Carl August auf. Im Gegenzug nahm Goethe neben seiner literarischen Tätigkeit bis zu seinem Lebensende auch allerlei administrative Aufgaben im Großherzogtum wahr und stellte so seine Expertise und insbesondere auch seinen gesunden Menschenverstand in den Dienst des Großherzogs.
Goethe versah diese Ämter, wie wir aus Kleins Sammelband erfahren, stets sehr gewissenhaft und wendete viel Mühe, Kraft und Zeit für sie auf (ohne über ihnen freilich jemals sein literarisches Schaffen, seine Naturstudien oder seine privaten Korrespondenzen zu vernachlässigen). Zumeist erledigte er seine administrativen Aufgaben im häuslichen Arbeitszimmer, da sich alle erforderlichen Unterlagen stets rasch durch seine Bediensteten herbeischaffen ließen. Goethe war glänzend organisiert und gnadenlos effektiv, nutzte etwaige Wartezeiten regelmäßig zum Nachdenken über andere laufende Projekte; schließlich arbeitete er fortwährend an mehreren parallel.
In der Tagespolitik nahm Goethe, im Unterschied zu seinem für liberale Reformen aller Art zumeist aufgeschlossenen Freund und Vorgesetzten Carl August, eher den konservativen Part ein. Eine der hervorstechendsten Eigenschaften Goethes in allen Lebensbereichen war seine unbedingte Ordnungsliebe. Klein vermutet, dass Goethe die von damaligen Zeitgenossen vielfach angeprangerte Unsauberkeit im Straßenbild der Stadt Karlsruhe (offenbar hat es dort seinerzeit ähnlich ausgesehen wie heute in Berlin!) zu den folgenden Sentenzen in seinem Epos “Hermann und Dorothea” (1797) inspiriert hat:
“Sieht man am Hause doch gleich so deutlich, wes Sinnes der Herr sei, wie man, das Städtchen betretend, die Obrigkeiten beurteilt. Denn wo die Türme verfallen und Mauern, wo in den Gräben Unrat sich häufet und Unrat auf allen Gassen herumliegt, wo der Stein aus der Fuge sich rückt und nicht wieder gesetzt wird, wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue Unterstützung erwartet: der Ort ist übel regieret. Denn wo nicht immer von oben die Ordnung und Reinlichkeit wirket, da gewöhnet sich leicht der Bürger zu schmutzigem Saumsal, wie der Bettler sich auch an lumpige Kleider gewöhnet.”
Als positive Gegenbeispiele für ordentliche und reinliche Städte nennt das Werk im Folgenden übrigens “Straßburg und Frankfurt und das freundliche Mannheim, das gleich und heiter gebaut ist”.
Auch wenn Kleins Goethe-Aufsätze angesichts ihrer vielen Fußnoten mitunter etwas schwer lesbar sind (anders als etwa die weniger akademisch gehaltenen Goethe-Bücher von Rüdiger Safranski oder Manfred Osten), so gewähren sie doch eine Menge hochinteressante Einblicke in ein außergewöhnliches und lückenlos erfasstes Leben vor 200 Jahren.
Hans Hugo Klein
Der Jurist Johann Wolfgang von Goethe. Eine Spurensuche in Werk und Wirken
Verlag C.H. Beck, 2024
290 Seiten; 29,95 EUR
ISBN: 978-3-406-81474-7
justament.de, 26.8.2024: Witzig ist’s, wenn jemand lacht
Sven Regeners acht Jahre alte Vorlesung über “Humor in der Literatur”erscheint als kleines Büchlein
Thomas Claer
Vermutlich um den zahlreichen Regener-Fans die Wartezeit bis zum nächsten Lehmann-Roman zu verkürzen, ist der Galiani-Verlag auf die Idee gekommen, die im Rahmen seiner Gastprofessur an der Uni Kassel bereits 2016 vom Autor gehaltene Poetik-Vorlesung “Über Humor in der Literatur” als schmales Bändchen herauszubringen. Dabei täuscht die Seitenzahl von immerhin 90 angesichts des sehr großen gewählten Schriftbilds sogar noch über den tatsächlich viel knapperen Umfang des Textes hinweg, zumal im Buch auch ein Anhang mit einer (noch älteren) Regener-Laudatio für den Kollegen Frank Schulz enthalten ist, aus der noch dazu im Hauptteil mehr als vier Seiten wörtlich zitiert werden. Aber schlimm ist das natürlich alles nicht. Auch nicht, dass auf dem Buchdeckel etwas hochtrabend von einem “kühnen Versuch über ein großes, fast unerforschtes Thema” die Rede ist. Im Gegenteil muss man froh sein, dass der Verfasser auf die zahlreichen existenten Humor-Theorien nicht weiter eingegangen ist (abgesehen von einem kurzen Exkurs zu den einschlägigen Ausdeutungen Sigmund Freuds), denn bis heute hat wohl noch niemand überzeugend darlegen können, was es mit dem Lustigen und Komischen in der Welt nun wirklich auf sich hat. Das kann selbstredend auch der Romanautor und Musiker Sven Regener nicht leisten, aber ihm gelingen in seinen knappen Annäherungen und Einkreisungen der Thematik doch einige bemerkenswerte Treffer, und das vor allem bezugnehmend auf sein eigenes Romanwerk.
Ob Humor zwingend eine, wie es bei Regener heißt, “kalte Technik, herz- und mitleidlos” sein muss, das mag man bezweifeln. Aber sein Ansatz, dass das Witzige und Lustige eine Art der Daseinsbewältigung neben mehreren anderen wie etwa Kunst oder Religion ist und den Menschen dabei hilft, sich mit ihrer Existenz mitsamt dem Wissen um ihre eigene Vergänglichkeit zu versöhnen, ist sicher nicht von der Hand zu weisen. Ebenso plausibel ist Regeners Humor-Begriff (anknüpfend an den legendären Kunstbegriff seines Romanhelden Karl Schmidt), wonach darunter schlichtweg alles fällt, was mindestens einen anderen Menschen zum Lachen bringt. Brauchbar ist ferner die Kategorisierung des Humors in die drei Spielarten übel, flach und gut, wobei sich hieran allerdings bemängeln ließe, dass damit eine moralische und eine qualitative sowie eine aus beidem gemischte Kategorie einander gegenübergestellt werden. Gut kann nämlich sowohl handwerklich gut gemacht (im Gegensatz zu schlecht oder mangelhaft gemacht) als auch moralisch gut (im Gegensatz zu böse) bedeuten. Würde man also auch noch zwischen diesen beiden Arten von gut differenzieren, ergäbe sich ein vierachsiges dreidimensionales Koordinatensystem mit den Polen moralisch gut und böse auf der einen und den Polen handwerklich gut und schlecht auf der anderen Ebene. Demnach gäbe es dann also auch handwerklich gut gemachten, aber moralisch verwerflichen Humor, etwa solchen, der sich gegen Schwächere oder Minderheiten richtet. Und es gäbe auch politisch korrekten Humor, der aber einfach nur flach ist. Am schlimmsten wäre, so gesehen, natürlich ein übler und zugleich flacher Humor, und die beste Variante wäre einer mit Niveau und zugleich tadelloser Gesinnung, wobei letztere allerdings auch nicht zu indiskret im Vordergrund stehen dürfte, denn das zöge dann wiederum das Niveau herab…
Doch zum Glück wird in Regeners Vorlesung gar nicht so viel theoretisiert, sondern auch ausführlich auf die veritable Problematik der missverstandenen Humorrezeption eingegangen. Immer liegt es ja auch maßgeblich am jeweiligen Leser, was in der Literatur als witzig empfunden und worüber aus welchen Gründen gelacht wird. Und der Autor hat darauf am Ende gar keinen Einfluss mehr. So werden etwa Leser, die in Herrn Lehmann eine verkrachte Existenz sehen und sich über sein ambitionsloses Bierzapferdasein lustig machen, womöglich aus ganz anderen Gründen beim Lesen des Romans lachen als andere Leser, die ihn von Anfang an ins Herz geschlossen und sich vielleicht in ihm wiedererkannt haben, denn letztere lachen ja dann zugleich auch über sich selbst. Und so ist anzunehmen, dass auch eher Leserinnen und Leser mit Humor und Herz zu diesem Bändchen greifen werden.
Sven Regener
Zwischen Depression und Witzelsucht: Humor in der Literatur
Galiani Verlag Berlin, 1. Aufl. 2024
90 Seiten; 14,00 Euro
ISBN: 978-3-86971-310-6
justament.de, 10.7.2023: Ruf nach der Feuerwehr
Peter Sloterdijks fulminanter Essay “Die Reue des Prometheus”
Thomas Claer
Gibt es eigentlich nicht schon mehr als genug alarmistische Publikationen zum bevorstehenden Klimawandel? Ist denn nicht längst schon wirklich alles darüber gesagt? Nun, das mag schon sein. Doch so pointiert und originell wie nun von Peter Sloterdijk, dem einstigen Enfant terrible der deutschen Philosophie, haben wir es bislang noch nicht gehört. Dabei schien Sloterdijk als Buchautor, man muss es so sagen, zuletzt schon auf dem absteigenden Ast zu sein. Nach den grandiosen “Schrecklichen Kindern der Neuzeit” (2014) mit dem überaus witzigen Kapitel über Jesus von Nazareth wurden seine Werke zuletzt zusehends verschwurbelter und fremdwortüberladener. Doch nun ist er gottlob wieder zugänglicher geworden, fast schon allgemeinverständlich. Nicht zufällig endet sein schmales Bändchen, das man beinahe ein Manifest nennen könnte, mit den an zwei prominente Kollegen angelehnten Worten: “Fire-Fighters aller Länder, dämmt die Brände ein!”
Er redet nun Tacheles, nimmt kein Blatt vor den Mund und positioniert sich politisch – nach all den Irritationen der vergangenen Jahrzehnte – nunmehr eindeutig im aufgeklärt-demokratisch-ökologischen Lager. Na gut, ein paar ironische Spitzen gegen die immer zu optimistischen Freunde des Fortschritts kann er sich auch diesmal nicht verkneifen. Aber dafür teilt er auch ordentlich aus gegen die in seinen Augen Hauptschuldigen am sich vor unseren Augen vollziehenden Weltenbrand durch Verfeuerung unserer “unterirdischen Wälder”: “Es ist eine brandstifterische Elite von Ingenieuren und interkontinental operierenden Handelsgesellschaften, die – vom Europa des späten 18. Jahrhunderts, danach von den USA ausgehend – ein weltweites Netzwerk von nahezu schicksalhaften, bis auf weiteres fast irreversiblen Energieabhängigkeiten geschaffen hat.” Vor allem adressiert er seinen Vorwurf dabei an die rohstoffreichen Länder, die keinen Millimeter von ihren unheilvollen Geschäftsmodellen abrücken wollen: “Die Vorsprecher der pyromanischen Internationale machen keinen Hehl aus ihrer Absicht, den Sektor der flüssigen und gasförmigen Brennstoffe den wachsenden Anforderungen eines zuverlässig blinden und gierigen Weltmarkts anzupassen.” Und: “Ohne Zweifel wird man die aktuellen Praktiken eines Tages, bei nahender Erschöpfung der Vorkommen, als Extraktionsverbrechen verurteilen, so wie man heute viele Aspekte des Kolonialismus verurteilt… Die Malignität des bestehenden Systems manifestiert sich besonders grell an einem rein fossil-parasitischen System wie Russland, das außer seinen flüssigen und gasförmigen Bodenschätzen nur einen einzigartigen Exportüberschuss an Lügen und gewollter Demoralisierung vorzuweisen hat.” Nimm das, Putin! (Diesen bezeichnet Sloterdijk übrigens en passant sehr treffend als “die momentan evidenteste Personifikation eines Feindes des Menschengeschlechts”.) Hinsichtlich der Araber heißt es: “Die Öl- und Gasdespotien… fürchten die Emanzipation ihrer oft noch in stammesfamiliären, gelegentlich halb sklavischen Mentalitätsverhältnissen fixierten Populationen, besonders was deren weibliche Hälften betrifft.” Und über China schreibt er: “Ein nahezu lückenloses, die Generationen übergreifendes System permanenter Gehirnwäsche generiert bei der Mehrheit der Subjekte forcierter Sinisierung eine Art von Einverständnis, zu dessen Deutung und Prognose man in die Archive einer schwarzen Sozialpsychologie zurückgehen müsste.”
Doch natürlich kriegen auch wir westlichen Wohlstandsmenschen unser Fett weg, und das nicht zu knapp: “Die in die Produktion einschießenden Exzesse an fossilen Energien des 19. und 20. Jahrhunderts trieben den Massenausstoß von Gütern in solchem Maße voran, dass aus den abhängig Beschäftigten der Industriegesellschaftsära mehr und mehr auch eine Population von Konsumenten übernotwendiger Güter werden musste… Oscar Wildes Bonmot ‘Lasst mich in Luxus schwelgen, auf das Notwendige kann ich verzichten!’ ist in den Snobismus der Massen eingegangen.” … “Eine extensive und invasive Gesundheits-, Schönheits- und Wellness-Industrie überflutet die entfalteten Freizeitgesellschaften mit weiteren Angeboten an Mitteln zur Selbstsorge und zum Selbstgenuss… Daher gleichen moderne Gesellschaften eher Konsumvereinen…” “So ergibt sich für jeden erwachsenen Angehörigen der Industriegesellschaften ein Zuschuss an disponibler Kraft, der (je nach seinem oder ihrem Aufwand an Mobilität, Reisetätigkeit, Garderobe, Wohnkultur und Tischkonsum) dem Leistungsvermögen von zwanzig bis fünfzig Haushaltssklaven entspräche, in einzelnen Fällen sehr viel mehr… Die Erwartungen in Bezug auf Teilhabe an den quasi anonym und massenhaft anströmenden Überflussgütern wurden für große Mehrheiten zu einer zweiten Natur. … An zahlreichen Erzeugnissen, auch solchen, die man inzwischen für basal hält, lässt sich ein Aspekt von Abhängigkeiten beobachten, die Analogien zum Drogenkonsum aufweisen… darstellbar an den unterschiedlichen Entzugserscheinungen bei gelegentlichem Fehlen von Nachschub…” Hinzu kommt: “Die fleischproduzierende Industrie hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einem globalen Gulag der Tiere entwickelt.” Das vierte Kapitel “Moderne Welt. Die Ausbeutungsverschiebung”, aus dem die meisten hier aufgeführten Zitate stammen, kann man als besonderen Höhepunkt von Sloterdijks Formulierungskünsten, nicht nur innerhalb dieses Buches, ansehen.
Doch wie realistisch ist es denn nun, dass die globale Klimakatastrophe noch abgewendet oder zumindest abgemildert oder auch nur ein wenig verzögert werden kann? Laut Sloterdijks Analyse hätte dazu längst den rohstoffreichen Ländern das Eigentum an ihren jeweiligen Vorräten entzogen und in die Zuständigkeit internationaler Organisationen überführt werden müssen. “Was man die Vereinten Nationen nennt, wäre eine weniger farcenhafte Organisation, wenn sie rechtzeitig die Macht gefordert und erlangt hätte, aus dem Gebot der Bewahrung des Weltbodenschatzes geltendes Recht zu schaffen.” Doch da solche radikalen Schritte derzeit kaum umsetzbar erscheinen, bleibt am Ende nur große Skepsis und das Prinzip Hoffnung, auch im Hinblick auf neue Technologien, die mit der Zeit einen sparsameren und effizienteren Energieverbrauch ermöglichen könnten. Im Schlusskapitel untersucht Sloterdijk noch die Positionen der “ökologischen Leninisten” (u.a. “Letzte Generation”) versus der “ökologischen Sozialdemokratie” und ergreift Partei für letztere.
Betrachtet man allerdings aktuell den Aufschrei in unserer ganz überwiegend in absurdem Luxus – siehe oben – schwelgenden Wohlstandsgesellschaft angesichts des von der Ampelkoalition geplanten neuen Heizungsgesetzes, dann gibt es wohl leider nicht viel Anlass zu Optimismus für einen rechtzeitigen und erfolgreichen ökologischen Umbau.
Peter Sloterdijk
Die Reue des Prometheus. Von der Gabe des Feuers zur globalen Brandstiftung
Suhrkamp Verlag 2023
79 Seiten; 12,00 Euro
ISBN: 978-3-518-02985-5
justament.de, 5.12.2022: Meerjungfrauen-Fetisch und Produktivität im Bett
Die letzten kleinen Schriften des verstorbenen Karl Heinz Bohrer sind eine fesselnde Lektüre
Thomas Claer
Dieser kleine rote Essay-Band mit „Dreizehn alltäglichen Phantasiestücken“ des großen Literaturwissenschaftlers und -kritikers Karl Heinz Bohrer (1932-2021) ist kurz nach seinem Tod erschienen und zeigt den Verfasser – man kann es nicht anders sagen – noch einmal in schriftstellerischer Bestform. Auf jeweils nur zehn bis fünfzehn Seiten widmet er sich darin ganz unterschiedlichen Themen, von der apokalyptisch anmutenden Sommerhitze auf einer Bahnfahrt von Köln nach London bis zur „Seuche von heute mit ihrem fast schon poetischen Namen Corona-Virus“. Viele der Texte sind sehr persönlich gehalten, fungieren gewissermaßen als Nachträge zu seiner zweibändigen Autobiographie und sind in der Summe eine Art von „Was ich noch sagen wollte“ geworden, wie Ex-Kanzler Helmut Schmidt vor einigen Jahren seine finalen Abhandlungen genannt hat, in denen er seinen Lesern quasi auf den letzten Metern noch einige durchaus heikle Dinge offenbarte. Dies tut nun auch Bohrer, indem er sich etwa über Freundschaften auslässt und noch einmal detailliert auf bestimmte Aspekte seiner Kindheit und Jugend zurückblickt: zum einen auf die „Kampfspiele“, d.h. seine Indianer- und Fußballbegeisterung, zum anderen auf sein sexuelles Erwachen.
Hier wird es natürlich besonders interessant, denn es passiert unendlich viel im Inneren des heranreifenden Jugendlichen, was auch in den buntesten Farben geschildert, jedoch – Spoiler – kaum jemals von entsprechenden „äußeren Ereignissen“ begleitet wird, bis der Bericht des Erzählers im Alter von 17 Jahren jählings abbricht… Karl Heinz Bohrers erste große Liebe war – wie könnte es anders sein – eine literarische Figur, genauer gesagt deren Abbildung. In seinem Märchenbuch befand sich eine hocherotische Darstellung von Hans Christian Andersens „Kleiner Meerjungfrau“, die er schon im frühen Kindesalter über lange Zeiträume hinweg mehrmals täglich ausgiebig betrachtete, dabei aber stets blitzschnell eine andere Seite aufschlug, sobald seine Mutter sein Zimmer betrat. Der Autor ist der Ansicht, dass seine lebenslange obsessive Fixierung auf weibliche Brüste letztlich aus dieser Märchenbuch-Illustration resultiere, wobei jedoch relativierend anzumerken ist, dass eine solche Vorliebe unter seinen Geschlechtsgenossen nicht gerade Seltenheitswert haben dürfte. Weitaus ungewöhnlicher ist da schon des Verfassers Begeisterung für den Fischschwanz der Meerjungfrau… Ein „reales“ Erlebnis, das ihn in jungen Jahren ähnlich tief geprägt hat, hatte er, als seine Mutter während der Abwesenheit des Vaters Besuch von einer Freundin erhielt, die dann gemeinsam mit der Mutter leicht bekleidet und Schokolade essend im Bett lag, wobei die Freundin der Mutter kurzzeitig vor dem Jungen ihre Brust entblößte… Karl Heinz Bohrers zweite große Liebe war dann einige Jahre später erneut eine Figur aus der Literatur, nämlich die feurige Gruschenka aus dem Roman „Die Brüder Karamasow“ von Fjodor Dostojewski. Bereits als Teenager schlägt ihm dann eine von ihm heiß begehrte Mitschülerin namens Helga einen gemeinsamen Waldspaziergang vor. Doch außer verstockten Gesprächen und heißen Blickwechseln geschieht dabei letztendlich nicht viel… Weitere Annäherungen an das weibliche Geschlecht verlaufen ähnlich ergebnislos.
Ein ebenfalls großartiger Text widmet sich dem Thema Schlaflosigkeit. Diese muss für einen Geistesarbeiter, anders als für gewöhnliche Menschen, die oftmals sehr darunter leiden, gar kein Unglück sein: „Denn der Schlaflose unterscheidet sich von demjenigen, der bloß ohne Schlaf bleibt, durch seine reflexive Existenz. Er denkt in der Nacht über Phänomene und Eindrücke nach, über die er in alltäglich wachem Zustand vielleicht nicht nachdenken würde.“ Dabei kann er dann sogar überaus produktiv werden und all das schon vorab druckreif konzipieren, was er dann beim eigentlichen Schreibvorgang am Folgetag nur noch aus dem Gedächtnis abzurufen braucht. Dem kann man übrigens auch als kleiner Rezensent nur beipflichten: Der überwiegende Teil des Geschriebenen entsteht auch bei einem selbst keineswegs am Schreibtisch, sondern entweder beim Warten aufs Einschlafen in der Horizontalen oder während monotoner Tätigkeiten wie Wäsche aufhängen, Spülmaschine ausräumen, Staub saugen und dergleichen. Oder in der Schlange an der Supermarktkasse. Karl Heinz Bohrer jedenfalls nennt seine in schlaflosen Nächten entstandenen Texte in Anlehnung an E.T.A. Hoffmann „Phantasiestücke“, was den Untertitel dieser kleinen Schriftensammlung erklärt.
Weitere Aufsätze behandeln die Fragen, was gute Filme und was gute Literatur ausmacht. In letzterem findet sich Bohrers ästhetische Theorie komprimiert auf wenigen Seiten: Einen besseren Einstieg in sein Gesamtwerk wird man schwerlich finden. In „Schöne, hässliche, interessante Städte“ wiederum verrät der passionierte Großstadt-Flaneur seine Präferenzen und kommt zum Befund, dass schöne Städte oftmals nicht besonders interessant, interessante Städte hingegen oft nicht besonders schön seien. „Was Berlin betrifft, so kommt eben das Interessante ins Spiel. Doch warum ist diese Stadt, manchmal schön und meistens hässlich, so interessant? (…) Wohin man auch fährt oder geht, wo immer man aussteigt – man ist konfrontiert: mit Aussichten, die das Interesse entweder in historisch-politischer oder kultureller Hinsicht wecken.“ Und ganz ähnlich geht es einem auch beim Lesen in diesem wunderbaren Büchlein: Wohin man auch blättert, es wird nie langweilig.
Karl Heinz Bohrer
Was alles so vorkommt. Dreizehn alltägliche Phantasiestücke
Suhrkamp Verlag 2021
185 Seiten; 18,00 Euro
ISBN 978-3-518-47213-2
justament.de, 28.11.2022: Der letzte Großintellektuelle?
Zum Tod von Hans Magnus Enzensberger (1929-2022)
Thomas Claer
Seine literarische Lieblingsfigur, so hat Hans Magnus Enzensberger einmal gesagt, sei immer der „Fliegende Robert“ aus dem „Struwwelpeter“ gewesen, der sich trotz aller Warnungen und Ermahnungen so gerne hinaus ins stürmische Ungewisse begeben hat und genussvoll in ihm treiben ließ: „Wo der Wind ihn hingetragen? Nein, das weiß kein Mensch zu sagen.“ Mit ganz ähnlicher Leichtigkeit hat sich dieser gelernte Lyriker, der schon in relativ jungen Jahren zum intellektuellen Superstar avancierte, durch die Winde des Zeitgeistes bewegt, sich mal hierhin, mal dorthin treiben lassen, immer seiner Maxime verpflichtet: „Du sollst nicht langweilen!“. Auch wenn sich seine Standpunkte und Haltungen des Öfteren verändert haben, an Originalität und an der spielerischen Lust zur polemischen Zuspitzung hat es ihm nie gemangelt, ebenso wenig an selbstbewusstem Stolz bei der Verwaltung seines Ruhms. Es gab eine Zeit, in den Jahren nach der Wiedervereinigung, da erreichte der SPIEGEL seine höchsten Verkaufszahlen stets dann, wenn er mit einem Enzensberger-Essay zu aktuellen Zeitgeistfragen erschien. Und Enzensberger ließ sich seine Popularität auch gehörig versilbern, feilschte bei jedem neuen Text mit den SPIEGEL-Verantwortlichen um ein noch fürstlicheres Honorar. (Das weiß ich aus sicherer Quelle, die allerdings ihrerseits nicht mehr am Leben ist.)
Sein Lieblingsgenre neben der Versdichtung war der freie Essay, der „Nomade im Regal“, der schon deshalb seine bevorzugte Form war, weil er sich darin – von keinerlei Regelwerk gestört – nach Herzenslust und Laune austoben konnte. Während sein Schriftstellerkollege Thomas Bernhard einmal verzweifelt beklagte, niemals habe er in seinen Schriften das ausdrücken können, was er wirklich sagen wollte, fand der stets fröhlich-heitere Enzensberger, es sei doch prima, wenn man am Anfang eines Textes noch nicht wisse, wohin er sich letztlich entwickeln werde. Schließlich sei es langweilig, wenn das Ergebnis schon von vornherein feststünde, dann sei es doch kein „Essai“, also Versuch, mehr, und es mache ihm sogar riesigen Spaß, sich immer wieder von sich selbst überraschen zu lassen.
Über die Schriftstellerei hinaus war Enzensberger, der unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich als Schwarzmarkthändler tätig gewesen sein soll, auch eine Art Projektmacher. Mehre Zeitschriften brachte er heraus, allen voran das berühmte „Kursbuch“, aber auch die „Andere Bibliothek“, die vergessene und verschollene literarische Schätze vergangener Epochen in Prachtausgaben neu erscheinen ließ und ihnen mit dem Nachdruck des eigenen Renommees zu Aufmerksamkeit verhalf. Kurzum, Enzensberger ist eine Institution in unserer geistigen Landschaft gewesen. Aber war er wirklich der letzte Großintellektuelle aus der Weltkriegsgeneration, der nun 93-jährig ins Gras gebissen und damit auch einen Schlussstrich unter die Ära der Nachkriegszeit gezogen hat? Nein, nicht ganz, denn der Allerletzte war er nicht. Noch leben schließlich Großphilosoph Jürgen Habermas (93) und Großschriftsteller Martin Walser (95), wobei letzterer Umstand die schöne Pointe mit sich bringt, dass ausgerechnet Walser mit seinen Trinkgewohnheiten (von denen zu berichten Marcel Reich-Ranicki einmal die Indiskretion hatte) nunmehr alle Autorenkollegen seiner Generation überlebt hat…
Aber zurück zu Enzensberger. Von ihm bleiben werden nicht zuletzt einige wunderbare Zitate wie dieses: „Heiterkeit ist eine moralische Frage. Mürrische Leute, die andere mit ihren Problemen behelligen, die halte ich für rücksichtslos.“ Oder dieses: „Wer ist überhaupt dieser Herr Konrad Duden? Irgendein Sesselfurzer!“ Man sollte noch betonen, dass mit Hans Magnus Enzensberger auch einer der witzigsten Intellektuellen deutscher Sprache von der Bühne gegangen ist.
justament, 24.10.2022: Die Welt als Grauzone
Peter Sloterdijk präsentiert mit „Wer noch kein Grau gedacht hat“ eine ganz eigene Farbenlehre
Thomas Claer
Ein ganzes Buch über die triste Farbe Grau. Kann das überhaupt interessant sein? Nun, durchaus, wenn der Autor Peter Sloterdijk heißt. Dem metaphorischen und allegorischen Bedeutungsgehalt dieser unscheinbaren Couleur sind nämlich, wenn man es genauer betrachtet, was Sloterdijk hier ausgiebig tut, kaum Grenzen gesetzt. Grau steht etwa für die unbestimmte Zone oder den Kompromiss zwischen den Gegensätzen Schwarz und Weiß, ferner für Langeweile und Ödnis, für bürokratische Nüchternheit, aber auch für das Laue und Unbestimmte, für das Indifferente, dem alles egal ist. Grau ist so gesehen also eine ganze Menge in unserer Welt, wenn nicht sogar das meiste… So behandelt dann der sprachgewaltige Philosoph in seiner kurzweiligen Betrachtung ein breites Themenspektrum, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und landet dann doch immer wieder bei seinen bekannten Lieblingssujets: Religions- und sonstiger Autoritätenverspottung zum Beispiel oder dem moralischen Desaster des Weltkommunismus, welchem er unter dem Stichwort „Rotgrauverschiebung“ auch einige treffende Bemerkungen über die reale Alltagstönung in der verblichenen DDR hinzufügt. Längere Kapitel widmen sich auch der Geschichte der Fotographie und des Films (deren Schwarzweißphase eigentlich Grauphase hätte heißen müssen) sowie der Betrachtung gräulicher Landschaftsformen und Naturereignisse von Theodor Storms „grauer Stadt am Meer“ bis zur alpinen Schneesturmbeschreibung von Adalbert Stifter.
Natürlich darf an dieser Stelle auch die berühmte Traumszene im Schneesturm aus Thomas Manns „Zauberberg“ nicht fehlen, in der dem eingedösten Hans Castorp „zwei graue Vetteln“ (d.h. ungepflegte schlampige alte Frauen) mit langen Zitzen an ihren schlaffen hängenden Brüsten erscheinen, die Menschenfleisch verspeisen. Nur kurz widmet sich der Verfasser in einer „Digression“ (d.h. einer Abschweifung) der vielversprechenden Thematik „Grau und Frau“ und kommt darin auch auf die „vier grauen Weiber“ in Goethes Faust II zu sprechen, von denen drei (der Mangel, die Schuld und die Not) gleich wieder verschwinden („Vier sah ich kommen, drei nur gehen“), aber eine, nämlich die Sorge, in Fausts Nähe bleibt und ihn durch böswilliges Anhauchen erblinden lässt. Doch nach nur drei Seiten heißt es unvermittelt:
„Ein zynisches Kapitel ist schneller beendet als ausgeführt. Ein Windstoß vom offenen Fenster reißt die Mitautorschaft an sich und bläst die Notizen fürs Folgende durch den Flur ins Freie. Bedauernd schaut der Autor den verwehten Blättern nach… Vielleicht kam der Windstoß zur rechten Zeit – anderenfalls hätte der Lektor womöglich gesagt: Pass auf, wenn man keine Frau ist, kann man so etwas heute nicht mehr schreiben!“
Ach, wie schade! Das wäre doch zu interessant gewesen… Hoffentlich wird dieses unkorrekte verlorene Kapitel dann wenigstens im Nachlass des Autors erhalten bleiben und eines fernen Tages nach seinem Ableben doch noch den Weg zu seiner neugierigen Lesergemeinde finden… Die „grauen Ekstasen“, die man hier bereits vermutet hätte, bilden dann jedoch erst die Überschrift des fünften und letzten Kapitels.
Hier gelangt der Philosoph nämlich – nachdem er auf seinem fokussierten Streifzug durch die Ideengeschichte u.a. auch noch bei seinen Kollegen Platon, Hegel, Heidegger und Nietzsche haltgemacht hat – zur Interpretation des Projekts der Moderne als markante Grauzonenverschiebung in zweifacher Hinsicht: einerseits als Ausweitung all dessen, was „der Obrigkeit“ egal zu sein hat, also von Freiheiten aller Art, die das neuzeitliche Individuum nunmehr ungehindert genießen kann, worin der Verfasser einen beträchtlichen zivilisatorischem Fortschritt erkennt (sofern es so etwas überhaupt geben könne); andererseits als Aufweichung des zuvor noch elitär verstandenen Kunstbegriffs, was der Autor als ambivalent bewertet, da dies neben einer Absenkung der Zugangsschwelle zugleich auch jeder Form von Banalisierungen Tür und Tor öffnet. So schlicht, wie hier exzerpiert, sagt er es natürlich nicht, aber es dürfte ungefähr dem nahekommen, was er meint. Überhaupt gestaltet sich die Lektüre auch diesmal wieder mitunter etwas anstrengend, weil man immer wieder aufs Neue mehr oder weniger obskure Fremdwörter nachschlagen muss, was den Lesefluss schon erheblich stören kann, gerade auch bei den witzigen Stellen, die sich zum Glück in gewohnt großer Zahl finden lassen. Aber verglichen mit dem Vorgängerbuch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ ist die Zahl der verwendeten Gräzismen, Latinismen, Gallizismen und Neologismen immerhin etwas zurückgegangen, die Richtung stimmt also…
Peter Sloterdijk
Wer noch kein Grau gedacht. Eine Farbenlehre
Suhrkamp Verlag 2022
286 Seiten; 28,00 Euro
ISBN: 978-3-518-43068-2
justament.de, 30.5.2022: Mit Goethe durch die Pandemie
Manfred Osten über „Die Welt, ‚ein großes Hospital‘. Goethe und die Erziehung des Menschen zum ‚humanen Krankenwärter‘“
Thomas Claer
„Goethe weiß alles“, so hat es Peter Handke schon vor mehr als drei Jahrzehnten auf den Punkt gebracht. Und da Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) ein so umfangreiches Werk hinterlassen hat, zu dem neben all den literarischen und naturwissenschaftlichen Schriften (und Zeichnungen) auch noch unendlich viele Briefe an Zeitgenossen sowie ebenso unzählige Aufzeichnungen seiner Verlautbarungen in unterschiedlichsten Lebenslagen gehören und Goethe noch dazu eine fast schon seherische Begabung in der Wahrnehmung der mitunter verhängnisvoll sich steigernden Gefährdungen der Menschheit in der Moderne mitbrachte, lässt sich wohl sagen, dass wir bei ihm Antwort auf beinahe alles finden, was uns heute, 200 Jahre später, noch umtreibt und beschäftigt. Man muss nur wissen, wo es steht und wie es sich interpretieren lässt. Aber genau hier liegt freilich die Crux, denn wer einmal versucht hat, etwa den Faust II ohne sekundärliterarische Unterstützung zu bewältigen, weiß, wovon die Rede ist…
Bewährte Hilfestellung im ambitionierten Unterfangen der Goethe-Exegese gibt schon seit langen Jahren (und ganz besonders seit seiner Pensionierung) der mittlerweile 84-jährige Manfred Osten, promovierter Jurist, Ex-Diplomat und wohl einer der versiertesten noch lebenden Goethe-Kenner überhaupt. Wie schon in seinen früheren Publikationen wie „Alles veloziferisch. Goethes Entdeckung der Langsamkeit“ (2003) oder „Goethe und das Glück“ (2017) widmet sich Osten auch diesmal wieder einem aktuellen, aber gleichwohl von Goethe bereits hinreichend antizipierten Themenbereich, nämlich der Immunität des Einzelnen und der Allgemeinheit, noch konkreter gesagt: der Corona-Pandemie mit all ihren medizinischen bis hin zu ökologischen Implikationen.
Bekanntlich hat es vergleichbare Seuchen auch schon früher gegeben, sogar zur Genüge, wenn man an die Pest- und Cholera-Epidemien denkt, die sich erst in der frühen Neuzeit dank vermehrter hygienischer Sorgfalt besser eindämmen ließen, an Pocken und Blattern, mit denen sich auch der junge Goethe infizierte. Nach Goethes dezidierter Auffassung jedoch ist individuelle Gesundheit keinesfalls nur Glückssache, sondern es obliegt auch jedem Einzelnen, seine persönliche Immunität durch eine achtsame Lebensführung zu kräftigen. Und obschon die Virologie damals noch nicht einmal in den Kinderschuhen steckte, hatte Goethe schon eine hinlängliche Ahnung der Zusammenhänge, sprach von „kleinen Tieren in unseren Körpern“ und empfahl eine ausgewogene Ernährung nebst regelmäßigen Spaziergängen und überhaupt muntere Bewegung. Hart ging er mit seinem Freund und Kollegen Friedrich Schiller ins Gericht, dessen sich selbst stets verausgabenden und überfordernden Arbeitsstil („Das Leben ist der Güter höchstes nicht.“) er scharf missbilligte und diesem eine universelle Ethik der Mäßigung entgegensetzte. Oder wie es im „Wilhelm Meister“ heißt: „Der verständige Mann braucht sich nur zu mäßigen, so ist er auch glücklich.“
Dabei war es auch für Goethe selbst eine lebenslange Herausforderung, sein von Natur aus feuriges und leidenschaftliches Temperament unter Kontrolle zu halten. (Seine Figuren Werther und Faust weisen unverkennbar in diese Richtung.) In jungen Jahren, so erfahren wir außerdem, litt Goethe sogar unter diversen Ängsten und Phobien. Doch gelang ihm unter dem Einfluss von Denkern wie Spinoza und Konfuzius eine allmähliche Selbst-Stabilisierung, wozu übrigens auch seine ganz eigene Islam-Rezeption als „Religion der Furchtlosigkeit“ beigetragen haben dürfte. Fortan mochte er mit den „schwankenden Gestalten“ seiner frühen Schaffensjahre nichts mehr zu tun haben, distanzierte sich insbesondere auch von seinem „Werther“, zumal dieser etliche junge Leser in den Nachahmungs-Selbstmord getrieben hatte. Vielmehr entwickelte Goethe die für ihn äußerst fruchtbare Methode, seine keineswegs seltenen Überdruss- und Verzweiflungsschübe jeweils in erhöhte schriftstellerische Produktivität umzumünzen…
Doch nicht nur die individuelle Immunisierung durch Selbstdisziplinierung empfiehlt Goethe, sondern ebenso das, was er als „Reinhaltung der Elemente“ bezeichnet hat, worunter sich nicht weniger als ein lupenreines ökologisches Vordenkertum verbirgt. Im Schulterschluss mit Alexander von Humboldt, der bereits damals gegen die Abholzung des Regenwaldes in Südamerika protestiert, prangert Goethe, der als Minister in Thüringen die Umweltzerstörungen durch den Bergbau miterlebt hat, den Frevel an der Natur an, mit welcher der Mensch „seine Späße treibe“, mit der aber nicht zu spaßen sei. Weite Teile des Faust II beschreiben zerstörerische menschliche Eingriffe in ökologische Zusammenhänge, die sich später rächen werden. So wie uns ja auch aktuell durch das Überspringen tierischer Krankheitserreger auf den Menschen einmal mehr die Rechnung der Natur für unsere Fortschritts-Projekte präsentiert wird.
Ostens wieder einmal kleines, feines Bändchen endet mit einem Nachwort Peter Sloterdijks aus philosophisch-anthropologischer Sicht, das den Menschen als fürsorgebedürftiges Wesen herausstellt, was aber auch ausdrücklich die zu erlernende Fähigkeit zur Selbst-Fürsorge einschließe. So könne der moderne Mensch seine Rolle als „humaner Krankenwärter“ finden – für sich selbst und für andere.
Manfred Osten
Die Welt, „ein großes Hospital“. Goethe und die Erziehung des Menschen zum „humanen Krankenwärter“. Mit einem Nachwort von Peter Sloterdijk
Wallstein Verlag 2022
160 Seiten; 18,00 Euro
ISBN 978-3-8353-5045-8
justament.de, 10.1.2021: Graphic Novel 1.0
Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 150 Jahren erschien „Die fromme Helene“ von Wilhelm Busch
Wer hat heutzutage eigentlich noch Zeit dazu, dicke Romane zu lesen? Wohl kaum jemand, und so überrascht es nicht, dass die Graphic Novel, die längere und thematisch anspruchsvolle Bildgeschichte im Buchformat, sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Was allerdings weniger bekannt ist: So etwas hat es auch schon zur Kaiserzeit gegeben, wenn auch im deutschen Sprachraum nur von einem Solitär hervorgebracht, der mit einer außergewöhnlichen Doppelbegabung als Zeichner und Versdichter aufwarten konnte. Die Rede ist natürlich von niemand anderem als Wilhelm Busch (1832-1908), dem Godfather des deutschen Comics (gemeinsam mit dem noch früheren Struwwelpeter-Schöpfer Heinrich Hoffmann, versteht sich), dessen Werk sich freilich keineswegs in lustigen (wenngleich keineswegs harmlosen!) Kindergeschichtchen a la „Max und Moritz“ erschöpfte. Sieben Jahre nach dieser bis heute enorm populären „Bubengeschichte in sieben Streichen“ wagte sich Busch im Jahr nach der deutschen Reichsgründung, vor 150 Jahren, erstmals an die ganz große Form – und lieferte einen ganzen Roman in Reimen und Bildern.
„Die fromme Helene“ orientiert sich ganz am bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts, den sie aber zugleich auf satirische Weise verfremdet. In 17 Kapiteln samt einem Epilog wird die Lebensgeschichte einer elternlosen Frau erzählt, die als junges Mädchen von ihrem Vormund zu Onkel und Tante aufs Land geschickt wird, um sie vor dem angeblich sündigen Großstadtleben zu bewahren. Ihr weiterer Lebensweg liest sich dann allerdings wie eine Aufeinanderfolge sündiger Versuchungen, denen sie oft genug nicht widerstehen kann, obwohl sie sich immer wieder mit Nachdruck an Religion, Sitte und Moral auszurichteten versucht. Der Plot bietet das volle Programm: Schon als Jugendliche eine amouröse Affäre mit ihrem Vetter, später dann die Heirat mit einem schwerreichen Industriellen, eine glänzende Partie. Es folgt – wie kann es in einem Quasi-Roman aus dem 19. Jahrhundert auch anders sein – der unvermeidliche Ehebruch, der jedoch gottlob unentdeckt bleibt. Nachdem ihr Ehemann an einer Fischgräte erstickt ist, wendet sich Helene ihrer langjährigen Liebschaft zu, wird aber nun ihrerseits von dieser hintergangen und bekommt schließlich ein ernstes Alkoholproblem. Und natürlich landet die „fromme Helene“ am Lebensende mit viel Trara in der Hölle, wo sie aber immerhin ihren Geliebten wieder trifft…
Das große Thema dieser Bildgeschichte ist also die religiös überhöhte Doppelmoral, wie sie sich im übrigen ganz ähnlich auch heute noch in weiten Teilen der Welt und nicht zuletzt auch in manchen Zuwanderermilieus unserer Großstädte zeigt. Und es ist nun einmal auch von immenser Komik, wie ein Mensch immer und immer wieder daran scheitert, ein vorgeblich gottgefälliges Leben zu führen. Besonders überzeugend gezeichnet sind auch die selbstgerechten Nebenfiguren, allen voran der stets mit erhobenem Zeigefinger auftretende Onkel Nolte.
Nun ist „Die fromme Helene“ allerdings in den letzten Jahrzehnten etwas ins Gerede gekommen angesichts des gegen ihren Verfasser oftmals erhobenen Antisemitismus-Vorwurfs. Denn es heißt im ersten Kapitel, in dem vor den vorgeblichen Gefahren des sündigen Großstadtlebens gewarnt wird:
„Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas‘ und krummer Hos‘
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tief verderbt und seelenlos.“
Doch hat schon der fabelhafte Robert Gernhardt seinen großen Lehrmeister gegen diesen Vorwurf (zumindest an dieser Stelle) in Schutz genommen, da es sich ganz offensichtlich um ein Rollengedicht handelt. Nicht der Verfasser der „Frommen Helene“ spricht im ersten Kapitel, sondern ein „frommer Sänger“, ein Feind vornehmlich aller Vergnügungen des Großstadtlebens:
„Wie der Wind in Trauerweiden
Tönt des frommen Sängers Lied,
Wenn er auf die Lasterfreuden
In den großen Städten sieht.
Ach die sittenlose Presse!
Tut sie nicht in früher Stund
All die sündlichen Exzesse
Schon den Bürgersleuten kund?!
Offenbach ist im Thalia,
Hier sind Bälle, da Konzerts.
Annchen, Hannchen und Maria
Hüpft vor Freude schon das Herz.
Kaum trank man die letzte Tasse,
Putzt man schon den ird’schen Leib.
Auf dem Walle, auf der Gasse
Wimmelt man zum Zeitvertreib.“
In diesem Zusammenhang steht der als krumm in jeder Hinsicht diffamierte Jude, der sich schlängelnd, also auf krummem Wege, zur Börse begibt (wo er vermutlich entsprechend krumme Geschäfte machen wird), also in einer Reihe mit all den anderen Phänomenen des bunten Großstadtlebens, die beim „frommen Sänger“ solchen Abscheu hervorrufen. Nimmt man noch die satirische Zuspitzung hinzu, so folgt daraus, dass Wilhelm Busch hier keineswegs antisemitische Klischees verbreitet, sondern sich im Gegenteil über das reaktionäre Weltbild der konservativ-bäuerlichen Landbevölkerung mitsamt ihrem Antisemitismus lustig macht. Im übrigen hat sich der Verfasser im weiteren Verlauf des ersten Kapitels – erneut auf indirekte Weise – sogar recht eindeutig selbst politisch positioniert:
„Schweigen will ich von Lokalen,
Wo der Böse nächtlich prasst,
Wo im Kreis der Liberalen
Man den Heil’gen Vater hasst.“
Indem er den „frommen Sänger“ auf solche Weise überzeichnet und der Lächerlichkeit preisgibt, macht Wilhelm Busch doch mehr als deutlich, wo seine eigenen Sympathien liegen.
Problematischer sind da schon andere Stellen im Werk dieses Künstlers: In der Figur Schmulchen Schievelbeiner im fünften Kapitel seiner grandiosen Geschichte „Plisch und Plum“ (1882) verwendet er zweifellos antisemitische Stereotypen, ohne sich eindeutig von ihnen zu distanzieren, was auch Robert Gernhardt einräumen musste. Ähnlich fatal aus heutiger Sicht mutet die Figur des „schwarzen Mannes“ im ersten Kapitel der ebenfalls ausgezeichneten Geschichte „Fipps der Affe“ (1879) an, die wohl nur zufällig ohne das N-Wort auskommt. Doch zeigt nicht zuletzt der ganz ähnlich gelagerte Fall Astrid Lindgrens hundert Jahre danach, dass auch eine grundsätzlich progressive Gesinnung niemanden zuverlässig davor schützt, mitunter zeitgebundenen abwertenden Klischees auf den Leim zu gehen. Und es empfiehlt sich für uns Nachgeborene, dies mit der gebotenen Milde und Nachsicht zu kontextualisieren, auf dass nicht eines Tages auch uns die Rechnung über unsere Verfehlungen und Versäumnisse präsentiert wird, von denen wir heute womöglich noch gar nichts ahnen…









