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justament.de, 18.10.2021: Das Rätsel unserer Existenz

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Zum 100. Geburtstag von Hoimar v. Ditfurth

Als ich damals, Ende der Achtziger, im jugendlichen Alter die populärwissenschaftlichen Bücher des unvergesslichen Hoimar v. Ditfurth (1921-1989) regelrecht verschlungen habe, hat das einen überwältigenden Eindruck auf mich gemacht. Die Evolution des Lebendigen auf unserem Planeten, die Entwicklung des Universums seit dem mutmaßlichen Urknall, die Herausbildung der Sterne und Planeten – nichts hat mich damals brennender interessiert, als den Geheimnissen unseres Daseins auf die Spur zu kommen. Und natürlich führte der Weg mich dann von der Naturwissenschaft direkt zur Philosophie und unvermeidlich auch zu Metaphysik und Religion. Als Türöffner in solche Untiefen diente mir vor allem das wohl spekulativste – und gerade deshalb für mich aufregendste – Buch Hoimar von Ditfurths: „Wir sind nicht nur von dieser Welt. Naturwissenschaft, Religion und die Zukunft des Menschen“ aus dem Jahr 1981. Nach der Lektüre stand für mich fest, dass ich mich erst ganz am Anfang meiner diesbezüglichen Überlegungen befand und sie in meinem weiteren Leben unbedingt intensiv weiterverfolgen wollte. Doch wenn ich nun, nach mehr als drei Jahrzehnten, zurückblicke, fällt das Ergebnis leider ernüchternd aus. Da steht man also nun, man armer Tor, und ist eigentlich auch nicht viel schlauer geworden als zuvor…

Die bemerkenswerteste Aussage der Ditfurth-Bücher scheint mir immer noch die zu sein, dass es „Verstand auch ohne Gehirne“ gibt. Demnach ist die Evolution bereits lange, bevor es Individuen mit zerebralen Strukturen gab, auf eine Weise abgelaufen, die man als intelligent bezeichnen kann. Noch zugespitzter und spekulativer heißt es im besagten Buch „Wir sind nicht nur von dieser Welt“ sogar, dass „der Geist“ nicht erst mit intelligenten Lebensformen in die Welt gekommen sein könne, sondern mutmaßlich bereits von Anfang an zumindest in ihr angelegt gewesen sein müsse. Die im Laufe der Evolutionsgeschichte immer komplexer gewordenen Gehirne hätten so gesehen nur etwas in immer stärkerem Maße “aufgenommen”, das auch schon vor ihnen vorhanden war, womöglich schon seit dem Urknall.

Der große Hoimar v. Ditfurth hat nun daraus u.a. abgeleitet, dass sich naturwissenschaftliche und religiöse Weltbilder nicht unbedingt widersprechen müssen, und sogar ausdrücklich für einen Brückenschlag zwischen den sich traditionell feindlich gegenüberstehenden beiden Weltdeutungen plädiert. Problematisch daran ist vor allem, dass sich die großen Weltreligionen und ganz besonders gewisse sektiererisch-extremistische Gruppierungen, die aus ihnen hervorgegangen sind, durch solche „Brückenschläge“ in ihren abstrusen Weltbildern bestätigt fühlen können, u.a. mit der Folge, dass in manchen amerikanischen Bundesstaaten an den Schulen mittlerweile „Intelligent Design“ statt der Darwinschen Evolutionstheorie gelehrt wird. Das Verzwickte daran ist ja, dass man als denkender Mensch mit allen praktizierenden Religionen eigentlich nichts zu tun haben will, da sie nur wenig mehr als Menchheitsunterdrückungs- und Kontrollideologien sind, die sich das metaphysische Bedürfnis ihrer Anhänger zunutze machen und ihnen dabei immerhin als Nebeneffekt noch gelegentlich soziale Wohltaten erweisen. Andererseits sind die Naturwissenschaften und insbesondere die sich aus ihnen ergebenden Weltbilder aber so unbefriedigend und offensichtlich tautologisch, allen voran die Evolutionstheorie, dass man ihre (orthodoxen) Anhänger für ähnlich einfältig halten kann wie die Religionsgläubigen.

Doch was macht das mit einem, dass man hier, wo es im Leben endlich einmal interessant wird, niemals wirklich weiter kommt? Man schiebt es irgendwann beiseite und kümmert sich um andere Dinge. Oder man beneidet diejenigen Mitmenschen mit religiösen oder atheistischen Überzeugungen, die mit sich und der Welt im Reinen sind…

Heute vor 100 Jahren und drei Tagen wurde der große Naturforscher und Brückenbauer Hoimar v. Ditfurth geboren, der seinen Lesern und Fernsehzuschauern das Wunder ihrer Existenz vor Augen geführt und sie vom anthropozentrischen Mittelpunktswahn erlöst hat.