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justament.de, 12.4.2021: Sex, das war sein letztes Wort

Star-Philosoph Slavoj Zizek über „Sex und das verfehlte Absolute“

Thomas Claer

Was für ein großartiger Typ ist doch dieser Slavoj Zizek, inzwischen auch schon 72. Ein intellektueller Popstar aus Ljubljana, Sloweniens wichtigster Kulturexport neben der Band Laibach. Immer mit zerzausten Haaren und einer Plastiktüte als einzigem Gepäckstück ist er bis zur Corona-Krise unermüdlich um die Welt gejettet, von einem Vortrag zum anderen, von einer Vorlesung zur nächsten. Bekleidet Professuren in Ljubljana, London und New York. Ein Hegelianer, der damit kokettiert, Kommunist zu sein. Seine Wortmeldungen in diversen Medien immer geistreich, witzig und pointiert. Und dann versucht man also, auch mal ein Buch von ihm zu lesen…

Was soll ich sagen? Ich hätte es doch wissen müssen. Schon einmal, vor zwei Jahrzehnten, bin ich an einem Zizek-Buch gescheitert („Liebe deinen Nächsten? Nein, danke!“). Dabei ging es darin richtig gut los mit einer steilen These, die ursprünglich auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) zurückgeht: Die Wahrheit von Kant liegt in de Sade. Klingt erstmal verrückt. Ist aber plausibel, wenn man es so sieht, dass – vereinfacht gesagt – die disziplinierte Askese gerade dazu führt, dass sich das unterschwellige Begehren niemals austoben kann, sondern sich durch seine permanente Unterdrückung nur immer und immer weiter bis ins Unermessliche steigert. Ins Politische gewendet führt dies dann zu der Paradoxie, dass es der freiheitlich-westliche Liberalismus selbst ist, der ungewollt aus sich heraus immer neue Monstrositäten gebiert. Es sei also keineswegs ein Zufall, dass auch Demokratien anfällig für barbarische Tendenzen seien, sondern entspreche nur ihrer innersten Logik. (Insbesondere aus heutiger Sicht klingen diese zwanzig Jahre alten Überlegungen bestürzend aktuell.) Bis hierhin, ungefähr auf S. 50, hatte ich es damals noch so halbwegs verstanden, aber dann war ich irgendwann raus. Immer sprunghafter und verwirrender wurden die Gedankengänge des Verfassers, immer grotesker seine Schlussfolgerungen. Ca. auf Seite 75 gab ich es auf.

Und nun, nach zwei Jahrzehnten, begegnet mir Zizek erneut in einem langen Interview in der Süddeutschen Zeitung. Was er dort erzählt, es geht um Sexualität im digitalen Zeitalter, ist witzig und provozierend, verständlich und nachvollziehbar. Meine Frau bricht bei der Lektüre mehrfach in schallendes Gelächter aus. Er sagt so etwas wie: Der Geschlechtsverkehr ist zur Masturbation am lebenden Objekt geworden. Und er erzählt die Anekdote vom Porno-Darsteller in Aktion, der plötzlich nicht mehr kann und sich erst wieder mit Hilfe seines Smartphones durch ein paar Online-Videos in Stimmung bringen muss, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Was liegt also näher, als Zizeks aktuelles Buch zum Thema namens „Sex und das verfehlte Absolute“ zu rezensieren.
Und auch hier beginnt es vielversprechend. Dieses Werk, so heißt es in der Einleitung, sei so etwas wie die Quintessenz von Slavoj Zizeks Philosophie, eine Art „Best of Zizek“ gewissermaßen. Doch dann kommt es knüppeldick, was jetzt keineswegs als frivole Anspielung gemeint sein soll. Will wirklich irgendjemand in der Welt ein Buch mit Kapitelüberschriften wie „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ lesen? Und weiter geht es mit: „Die Realität und ihr transzendentales Supplement“. Zum Glück gibt es vorne im Buch eine Einleitung, die auf 16 Seiten seine Kernaussagen auf den Punkt bringt. „Die Sexualität ist unser privilegierter Kontakt zum Absoluten“, ist die erste. „Die Dimension des Scheiterns … ist der menschlichen Sexualität konstitutiv“, ist die zweite. Dass hingegen der weibliche Orgasmus, dieser „rauschhafteste Moment sexueller Lust“, dieser „Gipfel der menschlichen Evolution“, eine „Neufassung des ontologischen Gottesbeweises“ sein solle, wie Zizeks Freund und Kollege Peter Sloterdijk meint, sei hingegen nur „eine weitere obskurantistische New-Age-Spekulation“.

Apropos Sloterdijk: Der ist vergleichsweise, selbst in seinem letzten ziemlich abgedrehten und mit unzähligen Fremdwörtern auf jeder Seite gespickten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, das wir vor einigen Wochen an dieser Stelle besprochen haben, regelrecht ein Ausbund an Klarheit und Verständlichkeit. Verglichen jedenfalls mit diesem Wirbelwind aus Ljubljana, der von Seite zu Seite immer neue und gefährlichere gedankliche Pirouetten dreht, die den Leser schwindelig machen und ein Goethe’sches Mühlrad in seinem Kopf in Bewegung setzen. Zizeks große philosophische Vorliebe ist der deutsche Idealismus. Zuerst Kant, dann aber ganz besonders Hegel, den er allerdings auf ganz eigene Weise vom Kopf auf die Füße stellt. Zizek rührt daraus nämlich einen „neuen dialektischen Materialismus“ an, den er so nennt, weil „diese Bewegung des abstrakt Immateriellen als vollkommen kontingent, aleatorisch, anorganisch, ziellos und in diesem Sinne nicht geistig aufzufassen ist.“ Man solle sich nicht scheuen, „sogar vom Materialismus der platonischen Ideen zu sprechen“. Spätestens hier bin ich raus. Es mag ja alles seine Berechtigung haben, dass man in gewisser Weise schwarz auch als eine Art weiß bezeichnen kann und umgekehrt. Aber ich verstehe das dann leider nicht mehr.

Schon in diesem frühen Stadium meiner Lektüre wird mir also klar, dass ich die 560 Seiten dieses Buches leider nicht bewältigen können werde. Was man aber noch machen könnte: Sich wie die jugendlichen Leser im vordigitalen Zeitalter einfach die interessantesten, das heißt natürlich die erotischen Stellen herauspicken und sich nur auf diese beschränken. Das Kapitel „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ überspringe ich also. Ebenso den nächsten großen Abschnitt „Folgerung 1: Intellektuelle Anschauung und intellectus archetypus: Reflexivität bei Kant und Hegel“. Erst auf S.131 setze ich mit dem Lesen wieder ein im „Theorem II: Sex als flüchtige Berührung mit dem Absoluten“. Es beginnt mit den „Antinomien der reinen Sexuierung“. Die sind aber, wie ich bald merke, auch nicht gerade leichtverdaulich. Zumindest darf man das, was dort über Kant steht – „die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erfassen“, die „Sackgassen der menschlichen Sexualität“ oder die „ethische Stoßrichtung des Erhabenen“ nicht zu wörtlich verstehen…

Interessant und sogar halbwegs verständlich wird es, wenn Zizek näher ausführt, was er mit der Sexualität als „Kontakt zum Absoluten“ meint. Die Abwertung der (von der Fortpflanzung abgekoppelten) Sexualität durch die Katholische Kirche liege darin begründet, dass diese intuitiv sehr genau erfasse, „dass der Sex ihr großer Konkurrent ist, denn schließlich bildet er die erste und grundlegendste Erfahrung eines im eigentlichen Sinne meta-physischen Erlebens. Sexuelle Leidenschaft unterbricht den Fluss des täglichen Lebens: Eine andere Dimension dringt in unseren Alltag ein und sorgt dafür, dass wir unsere üblichen Interessen und Verpflichtungen vernachlässigen.“ Dabei sei doch nur der Mensch imstande, das, was in der Natur lediglich der Fortpflanzung diene, „zu einem Selbstzweck, einem Akt intensiven vergeistigten Lusterlebens“ zu machen. Im übrigen sei „der Schmerz, der Schmerz des Scheiterns, Teil des intensiven sexuellen Erlebens, und der Genuss stellt sich erst als Folge der durch den Schmerz getrübten Lust ein“.

Ausführlich äußert sich Zizek auch zur „MeToo-Bewegung“. Ob zustimmend oder kritisch, das werden wohl nur die wenigsten Leser seinen Ausführungen entnehmen können, so dass ihm vermutlich jede Art von medialem Shitstorm erspart bleiben dürfte: „Die Differenz der Geschlechter ist, kurz gesagt, ihre eigene Metadifferenz: Sie ist nicht die Differenz zwischen den beiden Geschlechtern, sondern die Differenz zwischen den beiden Modi, den beiden Funktionsweisen der Geschlechterdifferenz: Lacans Formeln der Sexuierung lassen sich auch so verstehen, dass die Geschlechterdifferenz von der Männerseite her die Differenz zwischen dem (männlichen) Universalmenschlichen und seiner (weiblichen) Ausnahme ist, während sie sich von der Frauenseite her als die Differenz zwischen dem (weiblichen) Nicht-Alles und der (männlichen) Nicht-Ausnahme darstellt.“ Gut, das lassen wir dann mal so stehen. Ob das wirklich jemand versteht?

Die anschließenden Unterkapitel „Geschlechterparallaxe und Erkenntnis“ sowie „Das geschlechtliche Subjekt“ überspringe ich dann wieder. Weiter geht es mit „Folgerung 2: Das Mäandrieren einer sexualisierten Zeit“. Das klingt doch spannend. Ist es aber dann leider nur ansatzweise: „Eine bestimmte Aktivität wird in dem Moment sexualisiert, in dem sie sich in einer verzerrten zirkulären Zeitlichkeit verfängt. Sexualisierte Zeit ist, kurz gesagt, die Zeit dessen, was Freud als Todestrieb bezeichnet: jener obszönen Unsterblichkeit eines Wiederholungszwangs, der jenseits von Leben und Tod fortbesteht.“ Der Erste, der diese Logik obszöner Unsterblichkeit formuliert habe, sei übrigens der „heimliche Kantianer“ Marquis de Sade gewesen. „Weil dieser Hindernisse und Umwege verwirft und auf direktestem Wege nach Lust strebt, entsteht eine vollkommen mechanisierte, kalte Sexualität, der all das abgeht, was wir mit Erotik verbinden.“ Immer wieder geht es auch um Lacan („Das Begehren ist das Begehren des Anderen“) und schließlich um die Digitalisierung. Doch gerade über diese ist leider nicht viel Erhellendes zu erfahren: „Die Digitalisierung dezentriert das Subjekt nicht, sie schafft dessen Dezentrierung vielmehr ab.“ Immerhin lässt sich hier noch ahnen, was damit gemeint sein könnte…

Dann wird es aber doch noch einmal interessanter, nämlich ab S. 241 im „Zusatz 2.2: Marx, Brecht und Sexualverträge“. In diesem überraschend zugänglichen und sehr lesenswerten Abschnitt wird der etwaige Vertragscharakter sexueller Beziehungen behandelt. Karl Marx wird als Kritiker aller nur scheinbar gleichberechtigten Vertragsbeziehungen ins Spiel gebracht, der auf die in ihnen immer bestehende strukturelle Ungleichheit verweist. Dies lässt sich auch gegen die berühmt-berüchtigte Definition der Ehe von Immanuel Kant aus seiner Metaphysik der Sitten anwenden, wonach diese den „wechselseitigen Gebrauch“ beinhalte, „den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht“. (Nur in der Ehe wird Kant zufolge der Partner nicht auf ein Objekt reduziert, so dass Sex außerhalb der Ehe somit ganz buchstäblich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt: In ihm reduzieren sich beide Partner zu Objekten, die zur Lustgewinnung gebraucht werden, und sprechen sich dadurch ihre menschliche Würde ab.)

Doch nun kommt der Verfasser doch noch einmal auf MeToo zurück und kritisiert diesmal klar und deutlich bestimmte dieser Bewegung innewohnende Tendenzen („Hier waltet der Geist der Rache.“) Dabei nimmt er auch wesentliche Teile der aktuellen Debatte um Identitäts-Politik vorweg und positioniert sich eindeutig in Distanz zu deren Verfechtern (nachdem er von ihnen als „alter weißer Mann“ diffamiert worden ist).

Abermals überspringe ich sodann gut 150 Seiten und lande schließlich im Kapitel „Wahnsinn, Sex und Krieg“. Dieses beginnt mit der bemerkenswerten Feststellung, dass „der barbarische Kern im Inneren jeder Zivilisation ihr ethisches Gefüge erhält“, weshalb Zivilisationen sich nicht unmittelbar dadurch zivilisieren ließen, „dass man die friedlichen Verhältnisse, wie sie die Rechtsstaatlichkeit garantiert, auf den Bereich internationaler Beziehungen insgesamt ausdehnt (dies war Kants Idee einer Weltrepublik)“. Über die Sexualität heißt es dann, dass diese sich „in ihrer extremen Form ebenso als eine spezifische Gestalt der Verrücktheit charakterisieren lässt“. Sie bilde keineswegs die natürliche Grundlage des menschlichen Lebens, sondern sei vielmehr gerade das Gebiet, auf dem der Mensch sich von der Natur loslöse: „Sexuelle Perversionen sind im Tierreich ebenso unbekannt wie irgendwelche tödlichen Leidenschaften sexueller Art.“ Die menschliche Sexualität sei nicht mehr der instinktive Fortpflanzungstrieb, „sondern ein Trieb, der sich von seinem natürlichen (Fortpflanzungs-)Zweck abgeschnitten findet und dadurch in eine unendliche, wahrhaft metaphysische Leidenschaft ausbricht. Auf diese Weise setzt bzw. transformiert die Zivilisation oder Kultur rückwirkend ihre eigenen Voraussetzungen. Sie entnaturalisiert rückwirkend die Natur“.

An dieser Stelle breche ich meine bruchstückhafte Lektüre dieses wahrhaft herausfordernden Werkes ab. Wer mag, kann sich veranlasst fühlen, diesem Buch noch mehr Erkenntnisse abzugewinnen, als der Rezensent es vermocht hat.

Slavoj Zizek
Sex und das verfehlte Absolute
Aus dem Englischen übersetzt von Axel Walter und Frank Born
Wbg Academic 2020
560 Seiten; 50,00 Euro
ISBN: 978-3-534-27243-3

www.justament.de, 1.8.2016: Spricht so ein Rechtspopulist?

Gesammelte Reden von Peter Sloterdijk: „Was geschah im 20. Jahrhundert?“

Thomas Claer

SloterdijkReichlich Prügel bezogen hat der Philosoph Peter Sloterdjk in den vergangenen Monaten ob seiner Äußerungen in der Flüchtlingsdebatte. Insbesondere hat sich SPIEGEL-Online-Kolumnist Georg Diez auf ihn eingeschossen und ihn wiederholt in die Nähe der rechtspopulistischen AfD gerückt. (Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel machte sich diese Vorwürfe unlängst zu eigen.) Vor allem delikat ist hieran, dass ein Musterschüler von Prof. Sloterdijk, der Karlsruher Philosophie-Dozent Marc Jongen, ausgerechnet für die AfD im Baden-Württembergischen Parlament sitzt und als intellektueller Vordenker dieser Partei gilt. Für Jongen ist Deutschland eine geknechtete Nation, der es an „thymotischen Energien“ fehle (ein auf den griechischen Philosophen Platon rekurrierender Neologismus Sloterdijks aus seinem 2006 erschienenen Werk „Zorn und Zeit“). Inzwischen hat Sloterdijk zum Gegenschlag ausgeholt, sich in einem Handelsblatt-Beitrag scharf von der AfD und seinem missratenen Zögling Jongen distanziert. Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch.

Ist Peter Sloterdijk, der einstige Hippie-Philosoph und Indien-Erleuchtungssucher, die wortgewaltige Metaphernschleuder mit der Altachtundsechziger-Frisur, inzwischen wirklich vom „typischen Vertreter linker Kulturkritik“ zum „Überläufer ins Lager der Gegenaufklärung“ mutiert, wie es sogar bei Wikipedia unter dem Stichwort „Neue Rechte“ heißt? Da kommt der neue Band mit dem Titel „Was geschah im 20. Jahrhundert?“, der Sloterdijks wichtigste Reden aus den vergangenen zehn Jahren enthält, gerade recht, um diesen ungeheuerlichen Verdacht  zu überprüfen.

Und ja, auch in diesem Buch finden sich einige anrüchige Formulierungen des Meisters, wie sie Georg Diez ja bereits zusammengetragen hat. Doch sollte man den Zusammenhang, in dem sie auftauchen, nicht verkennen. Ungefähr 80 Prozent der politisch relevanten Inhalte dieses Buches dürften ohne weiteres kompatibel mit dem Parteiprogramm der GRÜNEN sein: Im „Anthropozän“, also dem ganz wesentlich vom Homo sapiens bestimmten Erdzeitalter, in welchem wir uns seit zwei Jahrhunderten befänden, komme es ganz entscheidend auf einen Bewusstseinswandel der Menschheit in Richtung eines sparsameren Ressourcenverbrauchs an. Der „absolute Imperativ“ eines jeden Menschen müsse es daher heute sein, sein Leben so zu ändern, dass der Fortbestand der Menschheit und unseres Planeten auch weiterhin gewährleistet sei. Übrigens habe das Hauptereignis des 20. Jahrhunderts, um die Titelfrage des Buches zu beantworten, „im Ausbruch der westlichen Zivilisation aus dem Dogmatismus der Schwere bestanden“, d.h. das Leben der Menschen sei durch allerlei technische Erleichterungen zusehends komfortabler geworden. Doch hätten sich die durch diese Entwicklung bedingten Kollateralschäden längst zur existentiellen Bedrohung ausgewachsen.

Weiterhin heißt es in einem anderen Vortrag Sloterdijks aus dem Jahr 2010, die Menschheit bedürfe einer Zivilisierung, einer Selbstzähmung, die u.a. in einer „Domestikation zweiter Ordnung“ liegen könne. Alle erfolgreichen Kulturen seien, stark vereinfacht gesagt, häuslich nach innen, aber kriegerisch nach außen, d.h. gegenüber Kulturfremden, gewesen. Schon früher habe oft genug nur die zwischenstaatliche Diplomatie das Schlimmste verhindert. Auf einer höheren Stufe der Domestikation komme es aber gegenwärtig auf einen Wandel zu „höherstufigen politischen Domestikationseinheiten“ an, das Musterbeispiel dafür sei die Europäische Union. Fernziel müsse es sein, dass schließlich auch die  großen, bislang nur „intern domestizierten Überlebenseinheiten“, die Civilisations im Sinne von Huntington, wiederum untereinander „über das Stadium der Nichthäuslichkeit hinausgelangen“.

Bis hierhin hätte wohl selbst Jürgen Habermas, der als Sloterdijks Intimfeind in der deutschen  Philosophen-Zunft gilt, keine Einwände gehabt. Aber dann kommt es am Ende des Vortrags knüppeldick: Ganz beiläufig fordert Sloterdijk hier die „Entschärfung der Bevölkerungswaffe“. Neben den „noch unzureichend gezähmten polemischen Außenverhältnissen der Kulturen“ sei auch „das biologische Reproduktionsgeschehen in hohem Maße regulierungsbedürftig“. Das bedeute „die Absenkung der Geburtsraten in allen Kulturen auf Proportionen, die mit sozioökonomisch beherrschbaren Lebensbedingungen verträglich sind“. Und das schließe – Achtung! –„jede Art von Elendsfruchtbarkeit ebenso aus wie verwilderte Kampffortpflanzungen – wie man sie seit längerem in arabischen Ländern beobachtet“. Denn: „Riesige Gewaltentladungen werden hiervon die beinahe unvermeidliche Folge sein.“ Und Sloterdijk verweist auf die von der demographischen Forschung evident gemachte positive Korrelation zwischen überhöhten Geburtsraten und kriegerischen bzw. genozidalen Ereignissen. „Durch manifest oder latent polemisch motivierte Überproduktion von Menschen“ würden „vor allem die jungen Männer zwischen 15 und 30 Jahren zu einer Risikogruppe, die das Domestikationspotential ihrer eigenen Kulturen überfordern“. In den kommenden 20 Jahren stünden mehrere hundert Millionen junge Männer in der arabischen und afrikanischen Welt „für alle Arten von polemischen Aktivitäten bereit“. Es sei zu befürchten, dass nicht wenige von ihnen sich für religiös codierte Selbstvernichtungsprogramme rekrutieren ließen.

Was ist nun von diesen Ausführungen zu halten? Sind sie punktuelle islamophobe Panikmache, wie Gustav Seibt in seiner Rezension dieses Buches in der Süddeutschen Zeitung meinte, während er dem Autor im übrigen den gewohnten Respekt zollte? Oder müssen wir in diesen Tagen, nach den Anschlägen von Nizza, Würzburg, Ansbach und Rouen, nach jahrelangem Bürgerkrieg in Syrien und Irak, womöglich erkennen, dass Sloterdijk als Kassandra sogar richtiggelegen hat? Doch selbst wenn, was würde daraus folgen? Eine „Islamisierung des Abendlandes“ im Sinne von PEGIDA ist laut Sloterdijk jedenfalls nicht zu befürchten, diese Montagsspaziergänger hätten, so Sloterdijk in einem Fernsehinterview, nur „das tiefe innere Bedürfnis, einen Feind zu haben“.

Was aber ist sonst noch anstößig in diesem Buch? Dass Auschwitz vom Autor nur als ein Horror-Ereignis neben vielen anderen im 20. Jahrhundert und nicht als Singularität bezeichnet wird? Geschenkt, ein übergeordneter Blick aus der geschichtlichen Distanz wird dies irgendwann ohnehin so beurteilen, wenngleich es gegenwärtig hierzulande noch immer gute Gründe gibt, insbesondere die unbedingte Wahrung der Würde der noch lebenden Opfer, an der politisch-historischen und rechtlichen Sonderstellung des Holocaust festzuhalten. Dass Sloterdijk ferner zustimmend einen Soziologen zitiert, der vom neuen Phänomen einer „parasitären Unterschicht“ spricht? Das kann man als – im übrigen gar nicht so selten anzutreffenden  – „Sozialneid von oben“ ansehen. Dabei befand schon Marcel Proust in seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“, tatsächlich sei es weitaus anstrengender und führe oft zu einer weit größeren Erschöpfung, einen ganzen Tag lang rein gar nichts zu tun als unentwegt hart und schwer zu arbeiten…

Solche und in ähnliche Richtungen abzielende Passagen sorgen gleichsam für ein paar schrille neoliberale Farbtupfer – ergänzend zu den angeführten latent islamophoben und ansatzweise populistischen – auf dem grünlich grundierten Argumentationsteppich. In diesem Zusammenhang kann es allerdings schon erstaunen, dass Peter Sloterdijk sich vor einigen Jahren im SPIEGEL-Interview als notorischer SPD-Wähler geoutet hat, „wenn auch nicht aus philosophischen, sondern aus persönlichen und biographischen Gründen“. Und zuletzt bezeichnete er sich in der ZEIT als „linken Konservativen“. Nun ist aber auch wirklich fast alles dabei gewesen. Vielleicht ist er ja einfach nur ein bunter Hund…

Ansonsten ist „Was geschah im 20. Jahrhundert“ eine Art „Parerga und Paralipomina“ geworden, eine gelungene Zusammenstellung kleinerer Abhandlungen, die in den Hauptwerken keinen Platz mehr gefunden haben. Am besten ist Sloterdijk, wie immer, wenn er die Religion durch den Kakao zieht. In „Starke Beobachtung“ entwickelt er den Gedanken, dass die moderne Raumfahrt einen „Teil der göttlichen Funktion übernommen und auf technische Systeme (Beobachtungssatelliten) und natürliche Intelligenzen (Menschen an Bord von Raumstationen) übertragen hat. Einst, in Mesopotamien, habe „die Erfindung bzw. Offenbarung der Götter“ einem „überaus wichtigen psychopolitischen Zweck“ gedient: Es galt „die Menschen an den Gedanken zu gewöhnen, dass ihr Leben durchgehend unter der Beobachtung einer ebenso allwissenden wie allaufmerksamen Intelligenz stehe“, die „zugleich die Vollmacht besitzt, jedem einzelnen Menschen post mortem die moralische Bilanz seines Handelns zu präsentieren.“ Klar, so konnte man die Menschen äußerst effektiv disziplinieren. Alle höheren Kulturen, so Sloterdijk, beruhten auf der Idee, „es existiere eine externe Beobachterintelligenz, die imstande sei, sämtliche Lebensvorgänge synchron zu erfassen, auch jene, die sich in der Dunkelheit des Unwissens oder des bösen Willens verstecken.“ … „Was die Tradition Gott nennt, ist ein starker Beobachter, für den alle Tatsachen auf derselben Oberfläche liegen. Er sieht alles synchron und von allen Seiten, sei es von oben, sei es von innen.“ Ein Recht auf Privatheit war zu jener Zeit noch nicht bekannt. Und nun, so Sloterdijk weiter, schauten die Menschen des globalen Zeitalters erneut an den nächtlichen Himmel. „Sie glauben aber nicht nur, dass sie beobachtet werden, sie wissen es auch…“

Nicht jeder der Vorträge ist so witzig, leicht und pointiert geschrieben. „Derridas Traumdeutung“ etwa kann man schon für einen ziemlichen Schnickschnack halten. Doch ist „Odysseus der Sophist. Über die Geburt der Philosophie aus dem Geist des Reise-Stress“ einfach köstlich, ebenso die kleine Ideengeschichte des Indirekten „Der andere Logos oder: Die Vernunft der List“. Und auch „Die permanente Renaissance“ über Boccacios Decamerone und die Folgen sollte man sich nicht entgehen lassen. Fast überall ergreift Sloterdijk Partei für die Frechheit (beispielsweise die der Sophisten) und gegen die altehrwürdigen Autoritäten (wie etwa Platon).

So fragt man sich am Ende dieses ausgezeichneten Buches doch etwas besorgt, wie es passieren konnte, dass der sonst so gewitzte Sloterdijk sich mit so völlig derangierten Äußerungen zu Merkels Flüchtlingspolitik (das berüchtigte Cicero-Interview im vergangenen Frühjahr: „territorialer Imperativ“, „Lob der Grenzen“, „Souveränitätsverzicht“, Überrollung“, Lügenäther“, „keine moralische Pflicht zur Selbstzerstörung“) gegen viele der bislang von ihm selbst vertretenen Positionen und sich selbst damit in die rechte Ecke gestellt hat. Bis heute ist er offensichtlich damit beschäftigt, den Scherbenhaufen, den er selbst angerichtet hat, mit großem Aufwand wieder zusammenzukehren. Hätte er einfach nur gesagt, wie er es später beschwichtigend nachgeschoben hat, es gebe keine Pflicht, gegen die eigenen Interessen zu handeln, dann wäre das – insbesondere im Licht der jüngsten Ereignisse betrachtet – zweifellos bedenkenswert gewesen. Durch seine maßlosen verbalen Zuspitzungen jedoch (und wohl auch durch seine anschließenden ungeordneten Rückzugsmanöver) hat er am Ende vor allem sich selbst geschadet.

Wie heißt es in Sloterdijks grandiosem Religions-Rundumschlag „Gottes Eifer“ (2007): „Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.“ (S.168) Sollte es etwa auch mit unserem Lieblings-Philosophen, der im nächsten Jahr 70 wird, schon so weit gekommen sein? Im September erscheint erst einmal sein erster erotischer (!) Roman „Das Schelling-Projekt“. Wir sind gespannt.

 

Peter Sloterdijk

Was geschah im 20. Jahrhundert?

Suhrkamp Verlag Berlin 2016

348 Seiten, 26,95 €

ISBN: 978-3-518-42507-7

Justament Sept. 2004: Schäume im Nomotop

Peter Sloterdijk vollendet seine Sphären-Trilogie

Thomas Claer

Sloterdijk CoverUnter deutschen Intellektuellen, insbesondere bei seinen Fachkollegen, haftet dem Philosophen Peter Sloterdijk, geboren 1947, hartnäckig der zweifelhafte Ruf des unseriösen Gauklers, ja des Scharlatans an, der – eine sensationsgierige Öffentlichkeit bedienend – mit großer Formulierungskunst unverantwortliche  Ideen in die Welt setzt. 1998 hatte er mit seiner Elmauer Rede “Regeln für den Menschenpark” für einen Skandal im Kulturbetrieb gesorgt und sich mit seiner Forderung eines “Codex der Anthropotechniken” zur Menschenzüchtung dem Faschismusverdacht ausgesetzt. Wer wie er die vieldeutig-ironische Geste und Darstellung liebt, läuft mitunter Gefahr, auf groteske Weise missverstanden zu werden. Hinzu kommt der in gewissen Kreisen als anstößig geltende Umstand, dass Sloterdijk Fernsehauftritte nicht scheut, wenngleich sich seine Präsenz auf die vorgerücktesten Sendezeiten  beschränkt.
Andere sehen in ihm dagegen den glänzender Stilisten, der es unternimmt, die Philosophie auf die Höhe der Zeit zu bringen. Daran arbeitet er auch im nun vorliegenden dritten Band “Schäume” seiner vor sechs Jahren mit “Blasen” begonnenen und ein Jahr darauf mit “Globen” fortgesetzten “Sphärologie”, die dem Leser nicht weniger als eine hochkomplexe Theorie der Gegenwart zumutet. Im Umfang gewichtig (zusammen sind es über 2500 Seiten), inhaltlich gleichwohl von einer beschwingten Leichtigkeit, wird hier alle metaphysische Schwere über Bord geworfen. Der Schaum, traditionell das Denkbild des Unzuverlässigen, Flüchtigen, aber auch Unkonventionellen, dient dabei als Metapher der menschlichen Gesellschaft: eine fragile Struktur, auf unwahrscheinliche Weise zusammenhängende luftige Elemente (die Lebenssphären der Individuen), stets vom Zerplatzen bedroht.
“Schäume”, das sich auch ohne weiteres so lesen lässt, als wäre es der erste der drei Teile, nimmt sich vornehmlich drängender “gesellschaftlicher” Fragen an und macht dabei “anthropogene Inseln” aus, darunter auch das “Nomotop”: Jede Kultureinheit insuliere sich spontan durch ihre normative Verfassung eine Art sittlichen Äther. Die Geltung von Recht und Sitte innerhalb der Gruppe übe einen permanenten selbst-stressierenden Reiz auf die Mitglieder aus und versetze das Kollektiv so in eine symbolische Vibration, die man am ehesten mit der endogen stabilisierten Körpertemperatur eines warmblütigen Lebewesens vergleichen könne. Eine zentrale Rolle spiele dabei die Kommunikation, die aber keinesfalls als ein Miteinander-Einigwerden im Sinne der “Konsensusidealisten” (eine Breitseite gegen den philosophischen Erzrivalen Habermas) gedacht werden dürfe, sondern – viel kühler und nüchterner – als ein bloßes Aufeinander-Bezugnehmen. Ein solcher Kommunikationsbegriff liege näher am Modell des Parasitismus als bei der Verständigung unter Chancengleichen. Das soziale Feld lasse sich so auch als ein Netzwerk von selbstbedienenden Anknüpfungen an den Leistungen anderer verstehen und die Umwelt wird zum Verzeichnis der von einem gegebenen Standort aus parasitierbaren Adressen bzw. zur Liste der Parasiten, auf deren Besuch man gefasst sein sollte.
Gibt es Einwände gegen dieses desillusionierende Panorama zeitgenössischer Anthroposphären? Schopenhauer hat in seiner Parabel die bürgerliche Gesellschaft nicht als “Gruppen frierender Igel”, sondern frierender Stachelschweine charakterisiert (S.305) und es heißt schon seit längerem nicht mehr “Deutsche Bundesbahn”, sondern Deutsche Bahn AG (S.469). Geschenkt.

Peter Sloterdijk
Sphären III. Schäume
Broschiert
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2004
916 Seiten
EUR 29,90
ISBN: 3-518-41466-6