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www.justament.de, 11.6.2018: Wider den zerebralen Chauvinismus

In „Die Wurzeln der Welt“ präsentiert Emanuele Coccia eine „Philosophie der Pflanzen“

Thomas Claer

„Ach, was kümmern mich die Pflanzen?“ Wer so spricht, der weiß nicht, wovon er redet. Auch der Rezensent muss einräumen, in seinem bisherigen Leben der Pflanzenwelt eher mit Gleichgültigkeit begegnet zu sein. Doch es ist nie zu spät zur Umkehr. Wer „Die Wurzeln der Welt“ des französischen Philosophie-Professors Emanuele Coccia, Jahrgang 1976, gelesen hat, blickt gleichsam mit neuen Augen auf alles um sich herum. Dieses Buch ist nicht nur die Rehabilitierung der grünen Mitbewohner unseres Planeten für eine mehrere Jahrtausende währende Ignoranz durch den Menschen, sondern es eröffnet dem Leser zugleich auch einen völlig anderen Blick auf das große Ganze. Doch wirklich neu ist dieser Blick eigentlich gar nicht. Schon in der Antike, aber durchaus auch noch später gab es Anhänger einer „organischen“ Weltsicht, denen die moderne Aufspaltung aller Wissenschaften in immer detailliertere Unterdisziplinen zutiefst suspekt gewesen ist. (Ihr prominentester Vertreter war zweifellos Johann Wolfgang von Goethe.) Jedoch wurden sie allmählich, über die Jahrhunderte, verdrängt von den Fachidioten aller Disziplinen, denen es nur auf Spezialwissen und nicht mehr auf Welterkenntnis ankam.

Inzwischen befinden wir uns aber vermutlich bereits in einem Prozess der Kehrtwende. Man denke nur an den Boom der traditionellen asiatischen Medizin hierzulande, welche nicht die jeweiligen Krankheitssymptome, sondern stets den kranken Menschen als Ganzen vor Augen hat. Und diese ihrerseits beruht schließlich auf der antiken chinesischen Philosophie, die ebenfalls nie etwas anderes als ganzheitlich orientiert gewesen ist. Und wie der diesem Buch angehängte immense Apparat aus Fußnoten beweist, gibt es mittlerweile auch eine umfangreiche wissenschaftliche Literatur (vor allem aus dem Überschneidungsbereich von Biologie und Philosophie), die emsig daran arbeitet, das ganzheitlich-organische Denken der unverbindlichen Esoterik zu entreißen und in die Fachwissenschaften zurückzuholen.

Es war klar, dass dieses Buch etwas taugen musste, wenn Koryphäen wie Denis Scheck (ARD) und Burkhard Müller (Süddeutsche Zeitung) es empfehlen. Doch es ist trotz seines schmalen Umfangs (der eigentliche Text besteht aus gerade einmal 150 Seiten) alles andere als leichte oder auch nur leicht verdauliche Kost. Es verlangt seinem Leser so einiges ab. Auch bei konzentrierter Lektüre bleiben immer wieder dunkle Stellen zurück, die sich dem Verständnis widersetzen. Doch das Entscheidende wird klar gesagt: Die Pflanzen sind die Grundlage allen Lebens. Ohne sie gäbe es uns Tiere nicht – und uns Menschen schon gar nicht. Keiner von uns könnte auch nur kurze Zeit ohne die Luft existieren, die allein die Pflanzen für uns bereitstellen. Es sind die Pflanzen, die mit der Photosynthese das Sonnenlicht für sich und alle anderen Lebewesen in Energie umzuwandeln verstehen. Durch unsere Atmung stehen wir in einem ständigen Austausch mit der Pflanzenwelt, ja wir sind mit ihr weitaus enger verbunden, als es uns vielleicht je bewusst geworden ist. Und nicht nur das: Die Pflanzen waren es, die erst für die Entstehung einer Atmosphäre gesorgt haben. Sie haben die Erde weitaus intensiver umgestaltet als alle Tierarten zusammen. (Und erst wir Menschen können sie heute, im Anthropozän, auf schreckliche Weise übertreffen, indem wir in unserer Hybris alle unsere Lebensgrundlagen vernichten.) Mit welcher Kraft sich die Wurzeln der Pflanzen in tiefste Schichten der Erde schieben, mit welcher Anmut sich ihre Blätter in den Lüften wiegen! Die Pflanzen verkörpern die denkbar intensivste Form der Weltaneignung. Und ihre Blüten und Samen, der Urtypus aller Sexualität, sind nichts anderes als pure Rationalität.

Schon als Jugendlicher hat mich bei der Lektüre von „Im Anfang war der Wasserstoff“ des unvergesslichen Pioniers des Wissenschaftsjournalismus Hoimar v. Ditfurth ein Satz nicht losgelassen: „Es gibt Verstand auch ohne Gehirne.“ Ditfurth konstatierte dies im Hinblick auf Strategien der Evolution. Emanuele Coccia sieht das genauso. Er zitiert sogar zustimmend einen Kollegen, der sich dem „zerebralen Chauvinismus“ widersetzt, wonach die Vernunft erst mit den Gehirnen in die Welt gekommen sei. Die Gehirne nehmen, so gesehen, nur etwas in sich auf, das womöglich bereits von Anfang an in der Welt vorhanden war. Für Coccia bedeutet Leben das Sich-Mischen mit der Welt. Jeder ist Teil der Welt und trägt weite Teile der Welt in seinem Inneren. Wer sich zunächst einmal für ein Individuum hält, hat wenig verstanden. Die Welt steht niemals still, sondern sie fließt in erster Linie. Wer lebt, taucht in die Welt ein (und die Welt in ihn). Es ist kein Zufall, dass uns zumeist jene Kunst am heftigsten ergreift, in die sich am tiefsten eintauchen lässt: die Musik.

Was folgt nun aber aus all dem?, fragt man sich abschließend. Eine ganze Menge. Wer etwa die Darwinsche Evolutionstheorie, wonach zufällige Mutationen und anschließende Selektionsprozesse die Haupttriebkräfte aller Entwicklung des Lebens auf der Erde gewesen sein sollen, schon immer für sehr unplausibel gehalten hat, kann sich bestätigt sehen. Es sind wohl in der Tat ganz andere Kräfte am Werk. Doch genau hier liegt das Problem. Leider haben wir noch keine nüchterne, sachliche Sprache für diese Dinge. Diese zu erahnen, blieb lange Zeit nur Metaphysikern und Literaten vorbehalten. Und auch Coccias fulminantes Buch ist wohl nur als einer der ersten fachwissenschaftlichen Versuch anzusehen, denn es steht ganz sicher bei der übergroßen Mehrzahl seiner Kollegen längst unter stärkstem Esoterikverdacht…
Als letztes noch eine kleine Anekdote: Als ich vor Jahren mit einem Nachhilfeschüler aus der Oberstufe während der Sommerferien u.a. Goethes „Faust“ las (seine Mutter bezahlte mich dafür, ihren Sohn dreimal wöchentlich auf lehrreiche Weise zu bespaßen, da er ansonsten ohnehin nur Blödsinn triebe), zeigte sich mein Schüler vom Handlungsverlauf des Dramas tief enttäuscht. „Mephisto sollte Faust doch zeigen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Aber was hat er ihm stattdessen gezeigt? Doch nur die erotische Liebe.“ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen… „Vielleicht ist es das ja gerade?“, gab ich zu Bedenken. Doch überzeugte dies meinen Schüler keineswegs: „Also das kann es ja wohl nicht sein.“ „Vielleicht ja doch“, bleib ich hartnäckig. Ein weiterer Anwärter auf jene Urkraft-Rolle ist nun Coccias Durchmischungs- und Eintauch-Prinzip.

Emanuele Coccia
Die Wurzeln der Welt. Eine Philosophie der Pflanzen
Hanser Verlag München, 3. Auflage 2018
188 Seiten; 20,00 Euro
ISBN 978-3-446-25834-1

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Justament April 2010: Der absolute Imperativ

Peter Sloterdijks tiefschürfendes anthropologisches Werk “Du musst dein Leben ändern”

Thomas Claer

Cover SloterdijkMan kann sich den Buchautor Peter Sloterdijk, das “bekannteste Gesicht deutscher Gegenwartsphilosophie” (SZ), gut als Kapitän eines Schiffes vorstellen, mit dem er seine Leser unterhaltsam und sachkundig über die Ozeane des Denkens führt und dabei mal hier, mal dort anlegt, an den Kontinenten der westlichen, aber auch östlichen Philosophie ebenso wie an den vielen verstreuten Inseln der Ideen- und Ereignisgeschichte, um dann schließlich auf dem Eiland seines eigenen philosophischen Denkens vor Anker zu gehen. Jeweils stehen diese “Rundreisen” unter einem bestimmten Motto: Zynismus, Globalisierung, monotheistische Religionen …
Und diesmal sind das Thema die “Anthropotechniken”, d. h. im sloterdijkschen Sinne die Selbstoptimierungsprozesse durch menschliches Verhalten im Wege gezielter Askesen (griechisch ganz allgemein für Übungen). Was wir als Religionen kennen, das sind für Sloterdijk nur beispielhafte Übungen dieser Art, andere wären etwa sportlicher oder künstlerischer Natur. Der Mensch als Übender also, das ist der zentrale Begriff in Peter Sloterdijks neuer Anthropologie. Als Stichwortgeber fungiert hierbei Friedrich Nietzsche, der in der “Genealogie der Moral” inmitten seiner Polemik gegen die priesterlichen Asketen, die “das Leben wie einen Irrweg” behandeln, den Asketismus an sich als eine “der breitesten und längsten Thatsachen, die es gibt” ausmacht. Explizit Übende sind für Sloterdijk alle Menschen, die dem ursprünglichsten aller ethischen Impulse folgen, dem “absoluten Imperativ”, der da – entsprechend dem Schlusssatz des berühmten Sonetts “Archaischer Torso Apollos” von Rainer Maria Rilke – lautet: Du musst dein Leben ändern! Entscheidend ist der Ausbruch aus den bloßen Gewohnheiten durch ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu einer “Vertikalen”. Das war der Impuls der ersten Asketen, der antiken Sportler, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit perfektionierten. Nach der “Spiritualisierung der Askesen” in den Klöstern des Mittelalters setzte mit der heraufziehenden Moderne allmählich die Entspiritualisierung der Übungen ein, die letztere in zielgerichtete Naturbeherrschungs- und Erwerbsprozesse trug. Dieser Großzyklus neigt sich nun seinem Ende zu. Und als eine Art wiederholende Renaissance oder gar als “anthropotechnische Wende” deutet Sloterdijk die geistigen Umwälzungen unserer Tage. Was uns derzeit als Wiederkehr der Religionen erscheint, sei nur ein Symptom für den Hunger der Menschen nach neuen Askesen. Aktueller Absender des Rilkeschen Appells sei die globale Krise, die alle zur Umkehr aufrufe, die Ohren zum Hören hätten.
Das klingt zum Ende hin, zumal in der hier unvermeidlich komprimierten Form, reichlich esoterisch. Und das ist es letztlich auch: Selbst wer jeden der in gewohnter sprachlicher Meisterschaft präsentierten einzelnen Abschnitte (deren Inhalt hier unmöglich rekapituliert werden kann) für sich genommen als plausibel erachtet, wird mit der conclusio so seine Probleme haben. Erst auf den letzten hundert Seiten wird ein Einwand aufgenommen, den wohl mancher Leser über viele hundert Seiten (und damit mehrere Wochen lang) stillschweigend mit sich herumgeschleppt haben mag: Irgendwo ist doch schließlich jeder Mensch ein Übender, “man kann nicht nicht üben”, schreibt Sloterdijk schließlich selbst. Aber wo genau verläuft dann die Grenze zwischen den explizit und den nur gewohnheitsmäßig Übenden? Bei seiner ambitionierten Weltumseglung ist Kapitän Sloterdijk gewissermaßen kurz vor dem Ziel auf einer Sandbank gestrandet, was jedoch keineswegs heißt, dass sich die Reise bis hierhin für die Passagiere nicht gelohnt hätte. Wieder abgeholt werden sie von ihm allemal.

Peter Sloterdijk
Du musst dein Leben ändern. Über Religion, Artistik und Anthropotechnik
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009
712 Seiten, EUR 24,80
ISBN 978-3-518-41995-3