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justament.de, 12.4.2021: Sex, das war sein letztes Wort

Star-Philosoph Slavoj Zizek über „Sex und das verfehlte Absolute“

Thomas Claer

Was für ein großartiger Typ ist doch dieser Slavoj Zizek, inzwischen auch schon 72. Ein intellektueller Popstar aus Ljubljana, Sloweniens wichtigster Kulturexport neben der Band Laibach. Immer mit zerzausten Haaren und einer Plastiktüte als einzigem Gepäckstück ist er bis zur Corona-Krise unermüdlich um die Welt gejettet, von einem Vortrag zum anderen, von einer Vorlesung zur nächsten. Bekleidet Professuren in Ljubljana, London und New York. Ein Hegelianer, der damit kokettiert, Kommunist zu sein. Seine Wortmeldungen in diversen Medien immer geistreich, witzig und pointiert. Und dann versucht man also, auch mal ein Buch von ihm zu lesen…

Was soll ich sagen? Ich hätte es doch wissen müssen. Schon einmal, vor zwei Jahrzehnten, bin ich an einem Zizek-Buch gescheitert („Liebe deinen Nächsten? Nein, danke!“). Dabei ging es darin richtig gut los mit einer steilen These, die ursprünglich auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) zurückgeht: Die Wahrheit von Kant liegt in de Sade. Klingt erstmal verrückt. Ist aber plausibel, wenn man es so sieht, dass – vereinfacht gesagt – die disziplinierte Askese gerade dazu führt, dass sich das unterschwellige Begehren niemals austoben kann, sondern sich durch seine permanente Unterdrückung nur immer und immer weiter bis ins Unermessliche steigert. Ins Politische gewendet führt dies dann zu der Paradoxie, dass es der freiheitlich-westliche Liberalismus selbst ist, der ungewollt aus sich heraus immer neue Monstrositäten gebiert. Es sei also keineswegs ein Zufall, dass auch Demokratien anfällig für barbarische Tendenzen seien, sondern entspreche nur ihrer innersten Logik. (Insbesondere aus heutiger Sicht klingen diese zwanzig Jahre alten Überlegungen bestürzend aktuell.) Bis hierhin, ungefähr auf S. 50, hatte ich es damals noch so halbwegs verstanden, aber dann war ich irgendwann raus. Immer sprunghafter und verwirrender wurden die Gedankengänge des Verfassers, immer grotesker seine Schlussfolgerungen. Ca. auf Seite 75 gab ich es auf.

Und nun, nach zwei Jahrzehnten, begegnet mir Zizek erneut in einem langen Interview in der Süddeutschen Zeitung. Was er dort erzählt, es geht um Sexualität im digitalen Zeitalter, ist witzig und provozierend, verständlich und nachvollziehbar. Meine Frau bricht bei der Lektüre mehrfach in schallendes Gelächter aus. Er sagt so etwas wie: Der Geschlechtsverkehr ist zur Masturbation am lebenden Objekt geworden. Und er erzählt die Anekdote vom Porno-Darsteller in Aktion, der plötzlich nicht mehr kann und sich erst wieder mit Hilfe seines Smartphones durch ein paar Online-Videos in Stimmung bringen muss, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Was liegt also näher, als Zizeks aktuelles Buch zum Thema namens „Sex und das verfehlte Absolute“ zu rezensieren.
Und auch hier beginnt es vielversprechend. Dieses Werk, so heißt es in der Einleitung, sei so etwas wie die Quintessenz von Slavoj Zizeks Philosophie, eine Art „Best of Zizek“ gewissermaßen. Doch dann kommt es knüppeldick, was jetzt keineswegs als frivole Anspielung gemeint sein soll. Will wirklich irgendjemand in der Welt ein Buch mit Kapitelüberschriften wie „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ lesen? Und weiter geht es mit: „Die Realität und ihr transzendentales Supplement“. Zum Glück gibt es vorne im Buch eine Einleitung, die auf 16 Seiten seine Kernaussagen auf den Punkt bringt. „Die Sexualität ist unser privilegierter Kontakt zum Absoluten“, ist die erste. „Die Dimension des Scheiterns … ist der menschlichen Sexualität konstitutiv“, ist die zweite. Dass hingegen der weibliche Orgasmus, dieser „rauschhafteste Moment sexueller Lust“, dieser „Gipfel der menschlichen Evolution“, eine „Neufassung des ontologischen Gottesbeweises“ sein solle, wie Zizeks Freund und Kollege Peter Sloterdijk meint, sei hingegen nur „eine weitere obskurantistische New-Age-Spekulation“.

Apropos Sloterdijk: Der ist vergleichsweise, selbst in seinem letzten ziemlich abgedrehten und mit unzähligen Fremdwörtern auf jeder Seite gespickten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, das wir vor einigen Wochen an dieser Stelle besprochen haben, regelrecht ein Ausbund an Klarheit und Verständlichkeit. Verglichen jedenfalls mit diesem Wirbelwind aus Ljubljana, der von Seite zu Seite immer neue und gefährlichere gedankliche Pirouetten dreht, die den Leser schwindelig machen und ein Goethe’sches Mühlrad in seinem Kopf in Bewegung setzen. Zizeks große philosophische Vorliebe ist der deutsche Idealismus. Zuerst Kant, dann aber ganz besonders Hegel, den er allerdings auf ganz eigene Weise vom Kopf auf die Füße stellt. Zizek rührt daraus nämlich einen „neuen dialektischen Materialismus“ an, den er so nennt, weil „diese Bewegung des abstrakt Immateriellen als vollkommen kontingent, aleatorisch, anorganisch, ziellos und in diesem Sinne nicht geistig aufzufassen ist.“ Man solle sich nicht scheuen, „sogar vom Materialismus der platonischen Ideen zu sprechen“. Spätestens hier bin ich raus. Es mag ja alles seine Berechtigung haben, dass man in gewisser Weise schwarz auch als eine Art weiß bezeichnen kann und umgekehrt. Aber ich verstehe das dann leider nicht mehr.

Schon in diesem frühen Stadium meiner Lektüre wird mir also klar, dass ich die 560 Seiten dieses Buches leider nicht bewältigen können werde. Was man aber noch machen könnte: Sich wie die jugendlichen Leser im vordigitalen Zeitalter einfach die interessantesten, das heißt natürlich die erotischen Stellen herauspicken und sich nur auf diese beschränken. Das Kapitel „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ überspringe ich also. Ebenso den nächsten großen Abschnitt „Folgerung 1: Intellektuelle Anschauung und intellectus archetypus: Reflexivität bei Kant und Hegel“. Erst auf S.131 setze ich mit dem Lesen wieder ein im „Theorem II: Sex als flüchtige Berührung mit dem Absoluten“. Es beginnt mit den „Antinomien der reinen Sexuierung“. Die sind aber, wie ich bald merke, auch nicht gerade leichtverdaulich. Zumindest darf man das, was dort über Kant steht – „die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erfassen“, die „Sackgassen der menschlichen Sexualität“ oder die „ethische Stoßrichtung des Erhabenen“ nicht zu wörtlich verstehen…

Interessant und sogar halbwegs verständlich wird es, wenn Zizek näher ausführt, was er mit der Sexualität als „Kontakt zum Absoluten“ meint. Die Abwertung der (von der Fortpflanzung abgekoppelten) Sexualität durch die Katholische Kirche liege darin begründet, dass diese intuitiv sehr genau erfasse, „dass der Sex ihr großer Konkurrent ist, denn schließlich bildet er die erste und grundlegendste Erfahrung eines im eigentlichen Sinne meta-physischen Erlebens. Sexuelle Leidenschaft unterbricht den Fluss des täglichen Lebens: Eine andere Dimension dringt in unseren Alltag ein und sorgt dafür, dass wir unsere üblichen Interessen und Verpflichtungen vernachlässigen.“ Dabei sei doch nur der Mensch imstande, das, was in der Natur lediglich der Fortpflanzung diene, „zu einem Selbstzweck, einem Akt intensiven vergeistigten Lusterlebens“ zu machen. Im übrigen sei „der Schmerz, der Schmerz des Scheiterns, Teil des intensiven sexuellen Erlebens, und der Genuss stellt sich erst als Folge der durch den Schmerz getrübten Lust ein“.

Ausführlich äußert sich Zizek auch zur „MeToo-Bewegung“. Ob zustimmend oder kritisch, das werden wohl nur die wenigsten Leser seinen Ausführungen entnehmen können, so dass ihm vermutlich jede Art von medialem Shitstorm erspart bleiben dürfte: „Die Differenz der Geschlechter ist, kurz gesagt, ihre eigene Metadifferenz: Sie ist nicht die Differenz zwischen den beiden Geschlechtern, sondern die Differenz zwischen den beiden Modi, den beiden Funktionsweisen der Geschlechterdifferenz: Lacans Formeln der Sexuierung lassen sich auch so verstehen, dass die Geschlechterdifferenz von der Männerseite her die Differenz zwischen dem (männlichen) Universalmenschlichen und seiner (weiblichen) Ausnahme ist, während sie sich von der Frauenseite her als die Differenz zwischen dem (weiblichen) Nicht-Alles und der (männlichen) Nicht-Ausnahme darstellt.“ Gut, das lassen wir dann mal so stehen. Ob das wirklich jemand versteht?

Die anschließenden Unterkapitel „Geschlechterparallaxe und Erkenntnis“ sowie „Das geschlechtliche Subjekt“ überspringe ich dann wieder. Weiter geht es mit „Folgerung 2: Das Mäandrieren einer sexualisierten Zeit“. Das klingt doch spannend. Ist es aber dann leider nur ansatzweise: „Eine bestimmte Aktivität wird in dem Moment sexualisiert, in dem sie sich in einer verzerrten zirkulären Zeitlichkeit verfängt. Sexualisierte Zeit ist, kurz gesagt, die Zeit dessen, was Freud als Todestrieb bezeichnet: jener obszönen Unsterblichkeit eines Wiederholungszwangs, der jenseits von Leben und Tod fortbesteht.“ Der Erste, der diese Logik obszöner Unsterblichkeit formuliert habe, sei übrigens der „heimliche Kantianer“ Marquis de Sade gewesen. „Weil dieser Hindernisse und Umwege verwirft und auf direktestem Wege nach Lust strebt, entsteht eine vollkommen mechanisierte, kalte Sexualität, der all das abgeht, was wir mit Erotik verbinden.“ Immer wieder geht es auch um Lacan („Das Begehren ist das Begehren des Anderen“) und schließlich um die Digitalisierung. Doch gerade über diese ist leider nicht viel Erhellendes zu erfahren: „Die Digitalisierung dezentriert das Subjekt nicht, sie schafft dessen Dezentrierung vielmehr ab.“ Immerhin lässt sich hier noch ahnen, was damit gemeint sein könnte…

Dann wird es aber doch noch einmal interessanter, nämlich ab S. 241 im „Zusatz 2.2: Marx, Brecht und Sexualverträge“. In diesem überraschend zugänglichen und sehr lesenswerten Abschnitt wird der etwaige Vertragscharakter sexueller Beziehungen behandelt. Karl Marx wird als Kritiker aller nur scheinbar gleichberechtigten Vertragsbeziehungen ins Spiel gebracht, der auf die in ihnen immer bestehende strukturelle Ungleichheit verweist. Dies lässt sich auch gegen die berühmt-berüchtigte Definition der Ehe von Immanuel Kant aus seiner Metaphysik der Sitten anwenden, wonach diese den „wechselseitigen Gebrauch“ beinhalte, „den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht“. (Nur in der Ehe wird Kant zufolge der Partner nicht auf ein Objekt reduziert, so dass Sex außerhalb der Ehe somit ganz buchstäblich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt: In ihm reduzieren sich beide Partner zu Objekten, die zur Lustgewinnung gebraucht werden, und sprechen sich dadurch ihre menschliche Würde ab.)

Doch nun kommt der Verfasser doch noch einmal auf MeToo zurück und kritisiert diesmal klar und deutlich bestimmte dieser Bewegung innewohnende Tendenzen („Hier waltet der Geist der Rache.“) Dabei nimmt er auch wesentliche Teile der aktuellen Debatte um Identitäts-Politik vorweg und positioniert sich eindeutig in Distanz zu deren Verfechtern (nachdem er von ihnen als „alter weißer Mann“ diffamiert worden ist).

Abermals überspringe ich sodann gut 150 Seiten und lande schließlich im Kapitel „Wahnsinn, Sex und Krieg“. Dieses beginnt mit der bemerkenswerten Feststellung, dass „der barbarische Kern im Inneren jeder Zivilisation ihr ethisches Gefüge erhält“, weshalb Zivilisationen sich nicht unmittelbar dadurch zivilisieren ließen, „dass man die friedlichen Verhältnisse, wie sie die Rechtsstaatlichkeit garantiert, auf den Bereich internationaler Beziehungen insgesamt ausdehnt (dies war Kants Idee einer Weltrepublik)“. Über die Sexualität heißt es dann, dass diese sich „in ihrer extremen Form ebenso als eine spezifische Gestalt der Verrücktheit charakterisieren lässt“. Sie bilde keineswegs die natürliche Grundlage des menschlichen Lebens, sondern sei vielmehr gerade das Gebiet, auf dem der Mensch sich von der Natur loslöse: „Sexuelle Perversionen sind im Tierreich ebenso unbekannt wie irgendwelche tödlichen Leidenschaften sexueller Art.“ Die menschliche Sexualität sei nicht mehr der instinktive Fortpflanzungstrieb, „sondern ein Trieb, der sich von seinem natürlichen (Fortpflanzungs-)Zweck abgeschnitten findet und dadurch in eine unendliche, wahrhaft metaphysische Leidenschaft ausbricht. Auf diese Weise setzt bzw. transformiert die Zivilisation oder Kultur rückwirkend ihre eigenen Voraussetzungen. Sie entnaturalisiert rückwirkend die Natur“.

An dieser Stelle breche ich meine bruchstückhafte Lektüre dieses wahrhaft herausfordernden Werkes ab. Wer mag, kann sich veranlasst fühlen, diesem Buch noch mehr Erkenntnisse abzugewinnen, als der Rezensent es vermocht hat.

Slavoj Zizek
Sex und das verfehlte Absolute
Aus dem Englischen übersetzt von Axel Walter und Frank Born
Wbg Academic 2020
560 Seiten; 50,00 Euro
ISBN: 978-3-534-27243-3

Justament März 2003: Dynamische Seilschaften

Kulturell drängt es Slowenien schon seit langem nach Mitteleuropa. Doch auch wirtschaftlich stellt die alpine Zwergrepublik die übrigen osteuropäischen EU-Beitrittsländer deutlich in den Schatten. Dies ist aber keineswegs auf knallharte marktwirtschaftliche Reformen zurückzuführen. Vielmehr haben die auf allen Ebenen dominierenden alten kommunistischen Seilschaften und eine pragmatische Vetternwirtschaft das Alpenland fit für Europa gemacht.

Thomas Claer

Plattencover der slowenischen Band Laibach

Plattencover der slowenischen Band Laibach

Die junge Kulturszene der einstigen Provinzstadt des Habsburger Reiches und jetzigen slowenischen Hauptstadt Ljubljana (Laibach) befand sich bereits in den 80er Jahren nicht nur voll auf der Höhe westlicher Trends, sondern setzte eigene dagegen, die den Westen nachhaltig beeinflussen sollten. Zum exponiertesten Exportschlager avancierten zu dieser Zeit die Popmusiker der Gruppe Laibach, die eine Art frühen Industrial-Sound mit der exzessiven Präsentation ideologischer Symbolik (durch in die Songs integrierte Versatzstücke politischer Reden und eine obskure Gestaltung der Plattencover) verbanden. Insbesondere durch ihre ironisch-übersteigerte Rezeption der Nazi-Ästhetik, die auch vor Hakenkreuzen nicht halt machte (und daher trotz ihres Erfolgs in der westeuropäischen Alternativkultur immer umstritten blieb, vgl. http://www.laibach.nsk.si) ebneten Laibach den Weg für spätere, kommerziell sehr einträgliche, intellektuell aber eher schlichte Projekte wie Rammstein, die sogar den amerikanischen Markt erobern konnten.

Abschied vom Balkan
Niemanden durfte es überraschen, dass dieses nach Größe und Einwohnerzahl lediglich mit Mecklenburg-Vorpommern vergleichbare Land, in dem zur Vorwendezeit die Subkultur, zumal auch als politische Dissidenz, blühte wie vielleicht nirgends sonst im Ostblock, sich 1990/91 schleunigst aus dem politischen Zwangsverband Jugoslawiens befreite. Glücklich war dabei der Umstand, dass das machtbewusste Kern-Jugoslawien unter Präsident Milosevic die imperialen Schwerpunkte woanders (in Kroatien, später in Bosnien) setzen musste und das ethnisch relativ homogene Slowenien nach nur 10 Tagen Krieg im Sommer 1991 in die Unabhängigkeit entließ. Damit zogen die Slowenen einen Schlussstrich unter ihre über 70 Jahre währende faktische Ausgeschlossenheit aus Mitteleuropa, die – vor allem von ihnen selbst – im Laufe der Jahre immer mehr als ein Irrweg empfunden wurde. Mit dem für Mai 2004 verbindlich zugesagten EU-Beitritt wähnt sich Slowenien nun endgültig dem Balkan entronnen, jenem Strudel dunkler und zerstörerischer völkischer Leidenschaften, den der inzwischen zu weltweiter Bekanntheit gelangte slowenische Philosoph Slavoj Zizek eher der “imaginären Kartographie” als der faktischen Geographie zuordnet.

Alte Kader
An der Spitze der Unabhängigkeitsbewegung standen vor 13 Jahren die Reformkommunisten, welche ihre Macht bis heute zementieren konnten, indem sie sich, was ein nicht nur in Osteuropa einmaliger Vorgang war, zur Liberaldemokratischen Partei Sloweniens (LDS) umdeklarierten und als solche mit zunächst ultraliberaler Rhetorik (von der deutschen FDP gesponserte) Aufnahme in die Liberale Internationale fanden, deren einzige in ihrem Lande dominierende Regierungspartei sie heute sind. Mit unterschiedlichen Juniorpartnern regierend, fuhren die “Wendehälse” der LDS seitdem einen Kurs der behutsamen Westintegration bei größtmöglicher personeller Kontinuität zum alten System. Bis 2002 bekleidete der letzte KP-Vorsitzende Kucan das Amt des Staatspräsidenten. Ihm folgte nun der langjährige Ministerpräsident Drnovsek (LDS, ebenfalls KP-Biographie). Auch ist der größte Teil der “roten Direktoren”, die schon vor der Wende die Staatsbetriebe lenkten, in den Nachfolgeunternehmen bis heute im Amt.
Dabei kann die immerhin vorsichtige Öffnung der slowenischen Märkte für ausländische Investoren als maßgebliches Verdienst der LDS gelten. Alle anderen politischen Kräfte, darunter die von ehemaligen Dissidenten geführten Sozial- und Christdemokraten (welche derzeit nicht mehr zur Regierung gehören) hegen Vorbehalte gegenüber dem Regierungskurs mit Argumenten wie dem, dass nach dem EU-Beitritt ein einziger reicher Italiener die gesamten 42 km slowenischer Adriaküste aufkaufen könnte …
Doch ist die Meinungshoheit der führenden Partei nicht ernsthaft in Gefahr. Keine der in Slowenien erscheinenden wichtigen Tages- oder Wochenzeitungen ließe sich als regierungskritisch bezeichnen. Eine politische oder juristische “Bewältigung” der kommunistischen Vergangenheit stößt in Slowenien auf wenig Interesse. Vor allem letzteres illustriert einen für das Land typischen Pragmatismus. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet.

Es geht auch so
Die wirtschaftlichen Erfolge Sloweniens sprechen für sich: Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner ist doppelt so hoch wie in den anderen EU-Neuländern Osteuropas und erreicht mit 70 % des Alt-EU-Durchschnitts bereits die Stärke Griechenlands oder Portugals. Ähnlich verhält es sich mit dem Lohnniveau. Die Arbeitslosigkeit liegt formal bei nur noch 8 %. Und mit dem Tourismus hat Slowenien, das sowohl mit Adriastrand als auch mit Skipisten und Thermalbädern in den Alpen gesegnet ist, eine immer noch ausbaufähige Wachstumsbranche.
Weniger rosarot wird Slowenien von volkswirtschaftlicher Seite bewertet. Bei allen Erfolgen, so wird eingewendet, seien mit dem alten Management die Schwachstellen des Selbstverwaltungssozialismus fortgesetzt und dringende Neuinvestitionen vernachlässigt worden. Die Textil- und Stahlindustrie, von deren Exporten das Land noch stark profitiert, gelten als problembeladen, erstere wegen (im osteuropäischen Vergleich) zu hoher Lohnkosten, letztere weil sie veraltet ist. Auch sei das Wirtschaftswachstum von zuletzt nur noch knapp drei Prozent für ein junges Reformland, das nach deutschem Vorbild soziale Wohltaten verteile, einfach zu niedrig. Die Slowenen seien, so heißt es, schon zu anspruchsvoll geworden und nicht mehr opferbereit genug.
Auch insofern ist Slowenien anscheinend in Mitteleuropa angekommen. Ein Tigerstaat, der Jahr für Jahr nahezu zweistellig wächst und dessen Bürger ohne Atempause dafür schuften müssen, ist Slowenien nicht. Aber seine herausragende Position im einstigen politischen Osteuropa zeigt: Es geht auch so – und das gar nicht schlecht.