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justament.de, 10.1.2021: Graphic Novel 1.0

Thomas Claer empfiehlt Spezial: Vor 150 Jahren erschien „Die fromme Helene“ von Wilhelm Busch

Wer hat heutzutage eigentlich noch Zeit dazu, dicke Romane zu lesen? Wohl kaum jemand, und so überrascht es nicht, dass die Graphic Novel, die längere und thematisch anspruchsvolle Bildgeschichte im Buchformat, sich zunehmender Beliebtheit erfreut. Was allerdings weniger bekannt ist: So etwas hat es auch schon zur Kaiserzeit gegeben, wenn auch im deutschen Sprachraum nur von einem Solitär hervorgebracht, der mit einer außergewöhnlichen Doppelbegabung als Zeichner und Versdichter aufwarten konnte. Die Rede ist natürlich von niemand anderem als Wilhelm Busch (1832-1908), dem Godfather des deutschen Comics (gemeinsam mit dem noch früheren Struwwelpeter-Schöpfer Heinrich Hoffmann, versteht sich), dessen Werk sich freilich keineswegs in lustigen (wenngleich keineswegs harmlosen!) Kindergeschichtchen a la „Max und Moritz“ erschöpfte. Sieben Jahre nach dieser bis heute enorm populären „Bubengeschichte in sieben Streichen“ wagte sich Busch im Jahr nach der deutschen Reichsgründung, vor 150 Jahren, erstmals an die ganz große Form – und lieferte einen ganzen Roman in Reimen und Bildern.

„Die fromme Helene“ orientiert sich ganz am bürgerlichen Roman des 19. Jahrhunderts, den sie aber zugleich auf satirische Weise verfremdet. In 17 Kapiteln samt einem Epilog wird die Lebensgeschichte einer elternlosen Frau erzählt, die als junges Mädchen von ihrem Vormund zu Onkel und Tante aufs Land geschickt wird, um sie vor dem angeblich sündigen Großstadtleben zu bewahren. Ihr weiterer Lebensweg liest sich dann allerdings wie eine Aufeinanderfolge sündiger Versuchungen, denen sie oft genug nicht widerstehen kann, obwohl sie sich immer wieder mit Nachdruck an Religion, Sitte und Moral auszurichteten versucht. Der Plot bietet das volle Programm: Schon als Jugendliche eine amouröse Affäre mit ihrem Vetter, später dann die Heirat mit einem schwerreichen Industriellen, eine glänzende Partie. Es folgt – wie kann es in einem Quasi-Roman aus dem 19. Jahrhundert auch anders sein – der unvermeidliche Ehebruch, der jedoch gottlob unentdeckt bleibt. Nachdem ihr Ehemann an einer Fischgräte erstickt ist, wendet sich Helene ihrer langjährigen Liebschaft zu, wird aber nun ihrerseits von dieser hintergangen und bekommt schließlich ein ernstes Alkoholproblem. Und natürlich landet die „fromme Helene“ am Lebensende mit viel Trara in der Hölle, wo sie aber immerhin ihren Geliebten wieder trifft…

Das große Thema dieser Bildgeschichte ist also die religiös überhöhte Doppelmoral, wie sie sich im übrigen ganz ähnlich auch heute noch in weiten Teilen der Welt und nicht zuletzt auch in manchen Zuwanderermilieus unserer Großstädte zeigt. Und es ist nun einmal auch von immenser Komik, wie ein Mensch immer und immer wieder daran scheitert, ein vorgeblich gottgefälliges Leben zu führen. Besonders überzeugend gezeichnet sind auch die selbstgerechten Nebenfiguren, allen voran der stets mit erhobenem Zeigefinger auftretende Onkel Nolte.

Nun ist „Die fromme Helene“ allerdings in den letzten Jahrzehnten etwas ins Gerede gekommen angesichts des gegen ihren Verfasser oftmals erhobenen Antisemitismus-Vorwurfs. Denn es heißt im ersten Kapitel, in dem vor den vorgeblichen Gefahren des sündigen Großstadtlebens gewarnt wird:

„Und der Jud mit krummer Ferse,
Krummer Nas‘ und krummer Hos‘
Schlängelt sich zur hohen Börse
Tief verderbt und seelenlos.“

Doch hat schon der fabelhafte Robert Gernhardt seinen großen Lehrmeister gegen diesen Vorwurf (zumindest an dieser Stelle) in Schutz genommen, da es sich ganz offensichtlich um ein Rollengedicht handelt. Nicht der Verfasser der „Frommen Helene“ spricht im ersten Kapitel, sondern ein „frommer Sänger“, ein Feind vornehmlich aller Vergnügungen des Großstadtlebens:

„Wie der Wind in Trauerweiden
Tönt des frommen Sängers Lied,
Wenn er auf die Lasterfreuden
In den großen Städten sieht.

Ach die sittenlose Presse!
Tut sie nicht in früher Stund
All die sündlichen Exzesse
Schon den Bürgersleuten kund?!

Offenbach ist im Thalia,
Hier sind Bälle, da Konzerts.
Annchen, Hannchen und Maria
Hüpft vor Freude schon das Herz.

Kaum trank man die letzte Tasse,
Putzt man schon den ird’schen Leib.
Auf dem Walle, auf der Gasse
Wimmelt man zum Zeitvertreib.“

In diesem Zusammenhang steht der als krumm in jeder Hinsicht diffamierte Jude, der sich schlängelnd, also auf krummem Wege, zur Börse begibt (wo er vermutlich entsprechend krumme Geschäfte machen wird), also in einer Reihe mit all den anderen Phänomenen des bunten Großstadtlebens, die beim „frommen Sänger“ solchen Abscheu hervorrufen. Nimmt man noch die satirische Zuspitzung hinzu, so folgt daraus, dass Wilhelm Busch hier keineswegs antisemitische Klischees verbreitet, sondern sich im Gegenteil über das reaktionäre Weltbild der konservativ-bäuerlichen Landbevölkerung mitsamt ihrem Antisemitismus lustig macht. Im übrigen hat sich der Verfasser im weiteren Verlauf des ersten Kapitels – erneut auf indirekte Weise – sogar recht eindeutig selbst politisch positioniert:

„Schweigen will ich von Lokalen,
Wo der Böse nächtlich prasst,
Wo im Kreis der Liberalen
Man den Heil’gen Vater hasst.“

Indem er den „frommen Sänger“ auf solche Weise überzeichnet und der Lächerlichkeit preisgibt, macht Wilhelm Busch doch mehr als deutlich, wo seine eigenen Sympathien liegen.

Problematischer sind da schon andere Stellen im Werk dieses Künstlers: In der Figur Schmulchen Schievelbeiner im fünften Kapitel seiner grandiosen Geschichte „Plisch und Plum“ (1882) verwendet er zweifellos antisemitische Stereotypen, ohne sich eindeutig von ihnen zu distanzieren, was auch Robert Gernhardt einräumen musste. Ähnlich fatal aus heutiger Sicht mutet die Figur des „schwarzen Mannes“ im ersten Kapitel der ebenfalls ausgezeichneten Geschichte „Fipps der Affe“ (1879) an, die wohl nur zufällig ohne das N-Wort auskommt. Doch zeigt nicht zuletzt der ganz ähnlich gelagerte Fall Astrid Lindgrens hundert Jahre danach, dass auch eine grundsätzlich progressive Gesinnung niemanden zuverlässig davor schützt, mitunter zeitgebundenen abwertenden Klischees auf den Leim zu gehen. Und es empfiehlt sich für uns Nachgeborene, dies mit der gebotenen Milde und Nachsicht zu kontextualisieren, auf dass nicht eines Tages auch uns die Rechnung über unsere Verfehlungen und Versäumnisse präsentiert wird, von denen wir heute womöglich noch gar nichts ahnen…