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justament, 24.10.2022: Die Welt als Grauzone

Peter Sloterdijk präsentiert mit „Wer noch kein Grau gedacht hat“ eine ganz eigene Farbenlehre

Thomas Claer

Ein ganzes Buch über die triste Farbe Grau. Kann das überhaupt interessant sein? Nun, durchaus, wenn der Autor Peter Sloterdijk heißt. Dem metaphorischen und allegorischen Bedeutungsgehalt dieser unscheinbaren Couleur sind nämlich, wenn man es genauer betrachtet, was Sloterdijk hier ausgiebig tut, kaum Grenzen gesetzt. Grau steht etwa für die unbestimmte Zone oder den Kompromiss zwischen den Gegensätzen Schwarz und Weiß, ferner für Langeweile und Ödnis, für bürokratische Nüchternheit, aber auch für das Laue und Unbestimmte, für das Indifferente, dem alles egal ist. Grau ist so gesehen also eine ganze Menge in unserer Welt, wenn nicht sogar das meiste… So behandelt dann der sprachgewaltige Philosoph in seiner kurzweiligen Betrachtung ein breites Themenspektrum, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen und landet dann doch immer wieder bei seinen bekannten Lieblingssujets: Religions- und sonstiger Autoritätenverspottung zum Beispiel oder dem moralischen Desaster des Weltkommunismus, welchem er unter dem Stichwort „Rotgrauverschiebung“ auch einige treffende Bemerkungen über die reale Alltagstönung in der verblichenen DDR hinzufügt. Längere Kapitel widmen sich auch der Geschichte der Fotographie und des Films (deren Schwarzweißphase eigentlich Grauphase hätte heißen müssen) sowie der Betrachtung gräulicher Landschaftsformen und Naturereignisse von Theodor Storms „grauer Stadt am Meer“ bis zur alpinen Schneesturmbeschreibung von Adalbert Stifter.

Natürlich darf an dieser Stelle auch die berühmte Traumszene im Schneesturm aus Thomas Manns „Zauberberg“ nicht fehlen, in der dem eingedösten Hans Castorp „zwei graue Vetteln“ (d.h. ungepflegte schlampige alte Frauen) mit langen Zitzen an ihren schlaffen hängenden Brüsten erscheinen, die Menschenfleisch verspeisen. Nur kurz widmet sich der Verfasser in einer „Digression“ (d.h. einer Abschweifung) der vielversprechenden Thematik „Grau und Frau“ und kommt darin auch auf die „vier grauen Weiber“ in Goethes Faust II zu sprechen, von denen drei (der Mangel, die Schuld und die Not) gleich wieder verschwinden („Vier sah ich kommen, drei nur gehen“), aber eine, nämlich die Sorge, in Fausts Nähe bleibt und ihn durch böswilliges Anhauchen erblinden lässt. Doch nach nur drei Seiten heißt es unvermittelt:

„Ein zynisches Kapitel ist schneller beendet als ausgeführt. Ein Windstoß vom offenen Fenster reißt die Mitautorschaft an sich und bläst die Notizen fürs Folgende durch den Flur ins Freie. Bedauernd schaut der Autor den verwehten Blättern nach… Vielleicht kam der Windstoß zur rechten Zeit – anderenfalls hätte der Lektor womöglich gesagt: Pass auf, wenn man keine Frau ist, kann man so etwas heute nicht mehr schreiben!“

Ach, wie schade! Das wäre doch zu interessant gewesen… Hoffentlich wird dieses unkorrekte verlorene Kapitel dann wenigstens im Nachlass des Autors erhalten bleiben und eines fernen Tages nach seinem Ableben doch noch den Weg zu seiner neugierigen Lesergemeinde finden… Die „grauen Ekstasen“, die man hier bereits vermutet hätte, bilden dann jedoch erst die Überschrift des fünften und letzten Kapitels.

Hier gelangt der Philosoph nämlich – nachdem er auf seinem fokussierten Streifzug durch die Ideengeschichte u.a. auch noch bei seinen Kollegen Platon, Hegel, Heidegger und Nietzsche haltgemacht hat – zur Interpretation des Projekts der Moderne als markante Grauzonenverschiebung in zweifacher Hinsicht: einerseits als Ausweitung all dessen, was „der Obrigkeit“ egal zu sein hat, also von Freiheiten aller Art, die das neuzeitliche Individuum nunmehr ungehindert genießen kann, worin der Verfasser einen beträchtlichen zivilisatorischem Fortschritt erkennt (sofern es so etwas überhaupt geben könne); andererseits als Aufweichung des zuvor noch elitär verstandenen Kunstbegriffs, was der Autor als ambivalent bewertet, da dies neben einer Absenkung der Zugangsschwelle zugleich auch jeder Form von Banalisierungen Tür und Tor öffnet. So schlicht, wie hier exzerpiert, sagt er es natürlich nicht, aber es dürfte ungefähr dem nahekommen, was er meint. Überhaupt gestaltet sich die Lektüre auch diesmal wieder mitunter etwas anstrengend, weil man immer wieder aufs Neue mehr oder weniger obskure Fremdwörter nachschlagen muss, was den Lesefluss schon erheblich stören kann, gerade auch bei den witzigen Stellen, die sich zum Glück in gewohnt großer Zahl finden lassen. Aber verglichen mit dem Vorgängerbuch „Den Himmel zum Sprechen bringen“ ist die Zahl der verwendeten Gräzismen, Latinismen, Gallizismen und Neologismen immerhin etwas zurückgegangen, die Richtung stimmt also…

Peter Sloterdijk
Wer noch kein Grau gedacht. Eine Farbenlehre
Suhrkamp Verlag 2022
286 Seiten; 28,00 Euro
ISBN: 978-3-518-43068-2