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Justament Dez. 2008: Alles ist flüchtig

Montaignes Essais für kurz Angebundene nebst Reisetagebüchern

Thomas Claer

Cover MontaigneDa hatte einer – ein Jurist – mit Ende dreißig schon genug vom Lärm der Welt, hängte nach dem Tode seines Vaters den ungeliebten Job als “Parlementsrat” in Bordeaux an den Nagel, zog sich, ausgestattet mit einem auskömmlichen Erbe, zurück in sein Schloss in der Dordogne, legte dort im Turmzimmer eine für damalige Verhältnisse sehr umfangreiche Bibliothek an, las und las und begann schließlich zu schreiben – was und worüber er wollte, über alles und nichts, aber immer zugleich auch über sich selbst. Diese Versuche, die “Essais”, deren erste beiden Bände zehn Jahre später, im Jahre 1580, erschienen, markierten, so sehen es heute viele, den Beginn der modernen Subjektivität. Ohne wissenschaftliche Systematik vorgehend, nur durch Intuition, Reflexion und Verstand stieß Michel de Montaigne (1533-1592) auf Erkenntnisse über die menschliche Seele, die seiner Zeit weit voraus waren: Unser Selbst ist keine feste Größe, sondern von flüchtiger, widersprüchlicher Natur. Widersprüchlich sind auch unsere Ansichten aller Dinge, je nachdem, von welcher Seite wir sie betrachten. Und ob wir etwas als Wohltat oder Übel empfinden, wird nicht von den Dingen selbst, sondern von unserer Einstellung zu ihnen bestimmt. Bei Montaigne mischt sich radikale Skepsis mit Stoizismus als Lebenshaltung und darüber hinaus ganz ausdrücklich mit einer Bejahung aller Sinnesfreuden. Vollkommen unideologisch, gänzlich frei von Rechthaberei, wenn auch mit Freude am Disput und an der Polemik, tritt er uns als freier Geist entgegen, nicht immer ganz frei von Eitelkeit, doch immer mit augenzwinkerndem Understatement.
Die Essais wurden nach ihrer Publikation ein überraschender Erfolg, das heißt, es gab viel Lob aus belesenen Kreisen – Bestseller im heutigen Sinne kannte man damals noch nicht. Ihr Autor genoss fortan ein solches Renommee, dass nicht einmal die katholische Kirche es wagte, seine Schriften auf den Index zu setzen. (Das tat sie erst hundert Jahre später). Montaigne ließ sich daraufhin zu einem fulminanten beruflichen Comeback als Bürgermeister von Bordeaux (1582-1585) überreden. Wiederholt vermittelte er in seinen letzten Lebensjahren als “Elder Statesman” zwischen den Streitparteien der Religionskriege seiner Zeit. Sein Terminkalender erlaubte ihm gerade noch die Veröffentlichung eines dritten Bandes seiner Essais (1588).
“Dass ein solcher Mann wie Montaigne geschrieben hat, dadurch ist die Lust, auf dieser Erde zu leben, vermehrt worden”. Also sprach Friedrich Nietzsche (1844-1900) – und wie er wurden zahlreiche andere vom Begründer der Essayistik beeinflusst. Anziehend machte Montaigne aber nicht zuletzt auch die implizite Unterweisung seiner Leser in Fragen der Lebenstechnik, was ihn – leider – auch zum Vorläufer der Ratgeberliteratur unserer Tage  à la “Sorge dich nicht, lebe!” macht. Auf einen solchen Markt scheint der hier besprochene Auswahlband ein wenig zu schielen, wie schon der Titel “Von der Kunst, das Leben zu lieben” ahnen lässt. Selbst das Vorwort des verdienstvollen Übersetzers Hans Stilett ist nicht ganz frei von solcher Tendenz. Dennoch werden all jene, die vielleicht dreihundert Seiten, aber nicht über eintausendsiebenhundert Seiten Essais bewältigen können, weil ihre Lebensumstände ihnen mehr nicht gestatten, kaum um eine solche Kurzfassung herumkommen. Es sei hier versichert, dass es sich lohnt. Cover Montaigne TagebuchGleichermaßen lohnt sich das “Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581”, die Montaigne als Individualreisender auf dem Pferde unternahm. Besonders lobend äußert er sich darin über die rustikale (süd-)deutsche Küche, wo im Gasthaus alle aus einem gemeinsamen Topf deftige Reissuppe löffeln. Allerdings versteht es sich, dass Montigne nicht wirklich allein, sondern stets “mit seinem Gefolge” unterwegs war. Für einen Edelmann dieser Zeit waren ein paar Diener eben unterster Standard.

Michel de Montaigne
Von der Kunst, das Leben zu lieben
Deutscher Taschenbuch Verlag München 2007
300 Seiten, EUR 9,50
ISBN 978-3-423-13618-1

Michel de Montaigne
Tagebuch einer Reise durch Italien, die Schweiz und Deutschland in den Jahren 1580 und 1581
Insel Verlag Frankfurt am Main 1988
366 Seiten, EUR 10,00
ISBN 3-458-32774-6

Justament Dez. 2008: Juristen als Komiker

Thomas Claer

Cover AhrensHier ist im alten Jahr noch etwas abzuarbeiten. So einiges hat sich angehäuft auf dem Schreibtisch des Rezensenten in Sachen Juristerei und Humor.
Zunächst ist da die Audio-CD “Humoristisches aus der Justiz”, auf der kuriose Gerichtsurteile von Schauspielern in eine Hörspielfassung gebracht werden. Jeweils wird erst der Fall, dann die Gerichtsverhandlung teilweise nachgespielt. Viele deutsche Dialekte sind da zu vernehmen, und allerhand Hintergrundgeräusche sollen für Alltagsnähe sorgen. All das wirkt reichlich bemüht. Die eigentliche Komik, die zumeist in der trockenen, nicht selten unfreiwillig lächerlichen Juristensprache und in deren Kontrast zum blühenden Leben liegt, wird durch diese Form der Darbietung regelmäßig unterlaufen.
Schon eher funktionieren da Sammlungen Juristischer Stilblüten in Buchform wie die
des Göttinger Oberstaatsanwalts Wilfried Ahrens. Nur legt er mittlerweile schon deren vierte in wenigen Jahren vor, so dass gewisse Abnutzungserscheinungen im bewährten Schema nicht zu übersehen sind. Immer mehr eher belanglose missverständliche Formulierungen haben ins Buch gefunden, z.B. wenn die Polizei über einen Bericht schreibt: “Schwerer Diebstahl aus Wohnung von einem Zwergkaninchen”. Darüber, dass hier rein sprachlich auch das Kaninchen als Täter in Betracht käme oder aber die Entwendung von Kaninchenutensilien als schwerer Diebstahl gewertet würde, wird bestenfalls noch ein achtjähriges Kind lachen können. Und so geht es leider über viele Seiten weiter. Nur gelegentlich findet sich ein Highlight wie dieses: “Herr Bechert lehnte einen Alcotest ab mit dem Hinweis, dass dieser das Gerät sprengen würde.”
cover heinischSchließlich soll an dieser Stelle auf einen nur noch antiquarisch erhältlichen Justiz-Comic aus dem Jahre 1998 hingewiesen werden, der illusionslos die ersten Schritte eines jungen Berufsanfängers auf dem Anwaltsmarkt begleitet. Vor allem geht es hier um brisante Fälle aus dem Straßenverkehrsrecht, die den Helden in allerhand Turbulenzen stürzen. Wer sich über Juristisches amüsieren will, kommt mit “Wenzel & Sohn: 3 * abgeschleppt” vielleicht am ehesten auf seine Kosten.

NJW Audio-CD
Humoristisches aus der Justiz
Verlag C.H. Beck München 2007
EUR 17,60
ISBN-10: 3406572332

Wilfried Ahrens
Der Polizist rettet sich durch einen Seitensprung. Neue juristische Stilblüten
Verlag C.H. Beck München 2008
156 Seiten
EUR 8,95
ISBN-10: 3406568122

Philipp Heinisch & Michael Schmuck
Wenzel & Sohn, Kanzlei für heikle Fälle: 3*abgeschleppt (Justiz-Comic)
Verlag Reno Service Berlin 1998
48 Seiten
ISBN 3-9806339-7-7
(vergriffen)

Justament Okt. 2008: Überall Zivilbullen!

Sven Regener vollendet mit “Der kleine Bruder” seine Lehmann-Trilogie

Thomas Claer

Cover Kleiner BruderDen Ritterschlag als Romanautor erhielt Sven Regener, geboren 1961 in Bremen und bekannt als Sänger und Texter der Band Element Of Crime, im Literarischen Quartett. Großkritiker Marcel Reich-Ranicki erklärte seiner Runde, dass er beim Lesen von Regeners Debüt, “Herr Lehmann” (2001), wiederholt in schallendes Gelächter ausgebrochen sei. Kritikerkollege Helmut Karasek gab hingegen zu, in einigen traurigen Szenen des Romans den Tränen nahe gewesen zu sein. Nur Frau Radisch konnte der Geschichte des Kreuzberger Bierzapfers Frank Lehmann, die exakt an dessen 30. Geburtstag am Tag des Berliner Mauerfalls 1989 endete, nicht viel abgewinnen. Gleichwohl wurde das Buch zum Kassenschlager, und die anschließende gelungene Verfilmung mit Christian Ulmen und Detlev Buck in den Hauptrollen sorgte für nochmals steigende Popularität. 2004 legte der Autor dann mit “Neue Vahr Süd” einen ausführlichen Rückblick auf Frank Lehmanns Bundeswehr- und WG-Zeit 1980 in Bremen nach, der ebenfalls mit viel Witz und einer kenntnisreichen Schilderung der damaligen Verhältnisse zu überzeugen wusste. Der dritte und abschließende Teil der Roman-Trilogie sollte, so war es seit langem angekündigt, die Zeit zwischen dem Aufbruch Frank Lehmanns nach Berlin im Herbst 1980 (so endete “Neue Vahr Süd”) und dem Beginn von “Herr Lehmann” im Herbst 1989 behandeln.
Jedoch knüpft die Handlung im jüngst erschienenen “Kleinen Bruder” zwar direkt ans Ende des Vorgängers an, umfasst dann aber nur ganze zwei Tage. In denen allerdings werden bereits alle Weichen so gestellt, dass sich die Metamorphose vom Bundeswehr-Abbrecher zum Kneipenwirt als ganz folgerichtig darstellt. Zwei ganz entscheidende und ereignisreiche Tage im Leben des Frank Lehmann also, der sich von heute auf morgen in einem völlig ungewohnten Umfeld wiederfindet und gezwungen ist, sich kurzfristig eine neue Existenz aufzubauen. Und das neue Umfeld, die Kreuzberger Szene der frühen Achtziger, hat es in sich: Ohne Unterbrechung wird literweise Bier getrunken, permanent werden Selbstgedrehte geraucht, ständig brüllt irgendjemand “Scheiße” oder “Arsch”, die Gespräche sind zumeist redundant, es wird erbärmlich gefroren in den ofenbeheizten Altbauten, die Hygiene lässt zu wünschen übrig, der Smog von den vielen verbrannten Briketts zersetzt die Atemwege, die Menschen dort sind entweder Künstler oder Hausbesetzer oder beides, und jeder Neuankömmling wird zunächst allerorts verdächtigt, ein “Zivilbulle” zu sein. Den Lebensunterhalt bestreitet man entweder mit Taxifahren oder, wie auch bald schon Frank Lehmann, in der Kneipe. Dabei wollte Frank doch eigentlich zuerst seinen älteren Bruder finden, seine einzige Anlaufstelle in Berlin, doch der wandert bald schon als Schrottskulpturen-Künstler nach New York aus, und “der kleine Bruder” wird in Kreuzberg seinen Platz einnehmen.
Nun hat auch diese fast schon naturalistische Milieuschilderung ihre komischen Seiten, vor allem die bereits aus “Herr Lehmann” bekannten Figuren wie Karl Schmidt (nicht zu verwechseln mit Carl Schmitt!) und Erwin Kächele reizen die Lachmuskeln. Doch insgesamt hat dieser dritte Teil nur wenig von der Heiterkeit seiner Vorgänger, ist in vielfacher Hinsicht eher bedrückend. Auch fehlt diesmal eine Liebesgeschichte. Viel schlimmer ist aber, dass uns der Autor so einfach mit dem Ende der Geschichte im November 1989 abspeisen will. Das geht nicht, Herr Regener! Was macht einer wie Frank Lehmann nach der Wende? Wird er, wie viele andere, nach Prenzlauer Berg ziehen? Wir wollen es, wir müssen es erfahren. Bitte eine Fortsetzung!

Sven Regener
Der kleine Bruder
Eichborn Verlag Frankfurt am Main 2008
282 Seiten, EUR 19,95
ISBN 978-3-8218-0744-7

Justament Sept. 2008: Juristen als Literaten

Thomas Claer

Literatur Recht CoverSchriftstellernde Juristen gibt es zuhauf. Doch wenn zwei prominente und mit Preisen überhäufte Autoren über den Einfluss ihrer juristischen Ausbildung auf ihr literarisches Werk Auskunft geben, hört man gerne zu. Nachzulesen sind die Schilderungen von Juli Zeh, geboren 1974 in Bonn, und Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, auf einer Tagung namens “Literatur und Recht” in dem vorzüglichen Sammelband “Literatur, Recht, Musik”. Dieser harrte schon geraume Zeit auf dem Schreibtisch des Rezensenten einer Besprechung und erhielt nun endlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit, auch wenn die erwähnte Tagung bereits 2005 stattgefunden hat.
Einserjuristin Juli Zeh wollte nach dem zweien Staatsexamen eigentlich Richterin werden, entschied sich aber dann “nach einigen schlaflosen Nächten” dagegen, weil sie sich nicht zutraute, nur nebenher Schriftstellerin zu sein, auf das Schreiben aber keinesfalls verzichten wollte. Seitdem begrenzt sie ihre juristische Tätigkeit auf ihre Dissertation im Völkerrecht, an der sie schon einige Jahre nebenher werkelt. Aktuell hat sie noch eine Verfassungsbeschwerde gegen den biometrischen Reisepass eingelegt. Außer ihren von der Literaturkritik zuletzt eher zwiespältig aufgenommenen Romanen verfasst sie vor allem Essays und mischt sich permanent und streitlustig in politische und sonstige Debatten ein. Ihre Bücher (“Adler und Engel”, “Spieltrieb”, “Schilf”) sind voll mit Bezügen zur Juristerei. Ihr künstlerisches Schaffen, so die Autorin, sähe völlig anders aus, wenn sie dem Recht nicht begegnet wäre: “Ich weiß noch nicht einmal, ob ich überhaupt in der Lage wäre, Romane zu schreiben, wenn ich nicht Jura studiert hätte.” Das Verfassen von Romanen erfordere strukturierte Denkvorgänge, und die juristische Ausbildung habe eine “ganz wertvolle Konstruktionsfähigkeit” in ihrem Denken geschaffen, die ihr dabei helfe, “große Formen und große Texte einfach zu verwalten”.
Martin Mosebach, Büchnerpreisträger von 2007, ist hingegen mit der Rechtswissenschaft nie recht warm geworden. Er habe großen Respekt vor Amtsrichtern oder Rechtsanwälten, die Romane schreiben, doch würde seine Vitalität für beides zugleich nicht hinreichen. Dafür sei das Romanschreiben für ihn zu anstrengend. Doch räumt er für sich “eine gewisse Zähmung und Erziehung durch die Jurisprudenz ein im Bedürfnis, Charaktere wahrscheinlich zu machen”. Er erkenne aber leider erst in großem zeitlichen Abstand, was für interessante Aspekte die Welt des Rechts in sich berge. In seinem umfangreichen literarischen Werk wirft er nur ein einziges Mal einen Blick auf das juristische Milieu, im Roman “Eine lange Nacht” (2000), der Geschichte eines verkrachten Juristen und schöngeistigen Taugenichts.

Hermann Weber (Hrsg.)
Literatur, Recht, Musik. Tagung im Nordkolleg Rendsburg
BWV Berliner Wissenschafts-Verlag 2007
224 Seiten, EUR 40,00
ISBN: 978-3-8305-1339-1

Justament Sept. 2008: Eheleute-Report

Was Päpste streng verschlossen hielten

Thomas Claer

Ehen CoverDas Mittelalter, also jene Epoche relativer historischer Ereignisarmut, die eine um Übersichtlichkeit bemühte westliche Geschichtsschreibung auf etwa 500 bis 1500 nach Christi Geburt datiert hat, wird gemeinhin als finster angesehen. Auch das Spätmittelalter gilt uns heute noch als rückständig, was die weit verbreitete Vorstellung einschließt, im Geschlechtsleben der mittelalterlichen Frauen und Männer habe Puritanismus vorgeherrscht und das Verhältnis zwischen Eheleuten und Liebespaaren sei von Prüderie beherrscht gewesen. Diese Annahme jedoch wird durch die hier zu besprechende Publikation des emeritierten Züricher Historikers Ludwig Schmugge, “Ehen vor Gericht”, maßgeblich erschüttert. In einer Mischung aus erzählender Darstellung, Statistik und umfassender Analyse des sozialen und rechtlichen Hintergrundes berichtet er von mehr als 6.000 Bittschriften deutschsprachiger Eheleute an den Papst aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die in den vatikanischen Geheimarchiven entdeckt wurden. Bis zum Jahre 1913 schlummerten diese Quellen in vergessenen und vermauerten Räumen des Vatikans, blieben dann weitere 70 Jahre für die Benutzung gesperrt und sind erst seit 1983 der Forschung zugänglich.
Jeder Verfasser dieser Bittschriften hatte seinerzeit in irgendeiner Weise gegen das Kirchenrecht verstoßen und war in der Folge oft sozial diskriminiert. Daher baten die Betreffenden den Heiligen Vater um Gnade und erhielten von ihm zumeist Absolution und Dispens. (Im Vergeben kleinerer Sünden war die katholische Kirche schon immer großzügig.) Seit dem 13. Jahrhundert konnten die Päpste die steigende Flut von Anträgen (es sollen mehrere Dutzend pro Tag gewesen sein) aber nicht mehr alleine bewältigen, und so übertrug man die Bearbeitung auf ein eigenes Amt, die Pönitentiarie, die sich im 15. Jahrhundert als zentraler Gerichtshof der römischen Kirche für Buß-, Beicht- und Gnadensachen zu einer veritablen Behörde ausweitete. Dort wirkten gegen Ende des Mittelalters über 200 Mitarbeiter unter Leitung eines Kardinals. Und die Sachbearbeiter sahen sich Fällen wie diesem gegenüber, der ursprünglich 1456 am Churer Ehegericht verhandelt worden war: Magdalena aus Schiers, 20 Jahre alt, hatte Klage gegen ihren Mann Bartholomeus, 18 Jahre alt, erhoben. Der Mann verlangte die Mitgift seiner Frau. Sie behauptete jedoch, er sei nicht ihr legitimer Ehemann, denn er sei impotent und habe die Ehe mit ihr nie vollzogen, weshalb sie ihn bald nach der Hochzeit verlassen habe. Sie stellte den Antrag auf Scheidung. Bartholomeus jedoch sagte aus, sich “im Verkehr mit anderen Frauen als potent erwiesen zu haben, wenn auch nicht immer und auf jede Weise”. “Wenn die Klägerin auf dem Rücken liegt, kann ich den Akt nicht vollziehen”, fährt er fort, “aber auf der Seite liegend geht es” (S.159 f.).
Aus diesem und zahlreichen anderen Fällen, in denen selten ein Blatt vor den Mund genommen wird,  ergibt sich ein buntes Panorama der Epoche, in welcher man, so der Verfasser, eine “lockere Sexualpraxis” feststellen könne, die durchaus moderne Züge aufweise. Es ergebe sich der Eindruck eines “vielfach unverklemmten sexuellen Umgangs zwischen den Geschlechtern”, der offenbar auch vor der Ehe in allen Schichten der Bevölkerung praktiziert worden sei. Auch sei das Zusammenleben von Paaren ohne Trauschein weit verbreitet gewesen.
Ganz so streng und finster kann es also damals gar nicht gewesen sein, denkt man sich. Vielleicht liegt die Finsternis aber gerade darin, dass solche Fragen überhaupt die Gerichte beschäftigt haben.

Ludwig Schmugge
Ehen vor Gericht
Paare der Renaissance vor dem Papst
Berlin University Press 2008
291 Seiten, EUR 44,90
ISBN-10: 3940432237

Justament April 2008: Triumph des Rechtsstaats

SZ-Feuilletonist Willi Winkler schreibt die Geschichte der RAF

Thomas Claer

Cover WinklerWilli Winkler, geboren 1957, ist der Gott des Spaß-Feuilletons. Wie kein anderer der schreibenden Zunft verkörpert er die ironische Weltsicht schlechthin, zugleich aber auch das ewig Subversive. Nichts ist ihm heilig, alles zieht er ins Lächerliche. Großzügigkeit ist seine Sache dabei keineswegs, eher eine geradezu verbissene Detailbesessenheit. In der Süddeutschen haben sie ihn inzwischen vorwiegend auf die Medienseite verbannt, wo er sich u.a. an den Zumutungen des deutschen Fernsehprogramms abarbeiten darf. Gut zupass kommt ihm hier seine herzliche Boshaftigkeit, und so mancher fürchtet seine scharfzüngigen Verrisse. Für Dampfpolemiker Henryk Broder ist er “ein Asket, der von schwarzem Kaffee und filterlosen Zigaretten lebt, ein kleiner Samurai, der sich züchtigt, bevor er andere peinigt.” Kann so einer, von dem bisher kaum ein ironiefreier Feuilleton-Satz überliefert ist, überhaupt seriöse Sachbücher schreiben? Er kann, das beweist nach “Bob Dylan” (2001), “Kino” (2002) und “Karl Philipp Moritz” (2006) nun auch “Die Geschichte der RAF”.
Selbstredend geht es Winkler in seinem bislang ambitioniertesten und voluminösesten Werk um keine bloße Chronologie der Ereignisse. Vielmehr hat er sich auch deren Deutung bis hin zu den vielen noch immer offenen Streitfragen auf die Fahne geschrieben. Wer war wann wo genau dabei? Waren die Selbstmorde in Stammheim tatsächlich welche? Was geschah wirklich auf dem Bahnhof in Bad Kleinen? Winkler untersucht all das mit einer – insbesondere für seine Verhältnisse – bemerkenswerten Sachlichkeit, räumt auch – wo nötig energisch – mit Legenden auf. So stützen seine Recherchen zwar im Wesentlichen die offizielle Geschichtsschreibung, doch attestiert er den staatlichen Organen nicht selten Schlamperei und Fahrlässigkeit, die der Legendenbildung erst richtig Vorschub leisten konnten.
Mit sichtlichem Vergnügen fängt der Verfasser das spezifisch altbundesrepublikanische Milieu ein, in welchem die RAF erst wachsen und gedeihen konnte: Auf der einen Seite die altbackene und selbstgerechte, autoritäre und naziverstrickte Mehrheitsgesellschaft und als deren Speerspitze die immer wieder genüsslich zitierte BILD. Auf der anderen Seite die von sich und ihrer Bedeutsamkeit berauschte Studentenbewegung, die ein Klima des Fanatismus erzeugte, in welchem sich ein paar versprengte Wirrköpfe als Vollstrecker des historisch Notwendigen fühlen konnten. So wird der damalige Terroristen-Strafverteidiger und spätere Innenminister Otto Schily mit Worten zitiert, die er heute nicht mehr bestätigen mag: “Alle rechtsstaatlichen Errungenschaften beruhen auf revolutionärer Gewalt.” Klar sei die RAF eine Verbrecherbande gewesen, so Winkler, aber eben nicht nur. Seine These ist, dass der wehrhafte westdeutsche Staat in seiner Unerbittlichkeit gegenüber allem Abweichenden nicht wenig zur späteren Eskalation der Gewalt beigetragen hat. Doch habe der Rechtsstaat dadurch einen großen Sieg errungen, dass er – entgegen dem Kalkül der Terroristen – gerade nicht zum Polizeistaat geworden ist. Schließlich kann dem Buch ein Vorwurf nicht erspart werden: dass – warum auch immer, jedenfalls bedauerlicherweise – an einem Personenregister gespart wurde. Hätte Willi Winkler sein Buch an dieser Stelle selbst rezensiert, dann hätte er gewiss noch mehr Tadelnswertes beanstandet. Er findet ja immer ein Haar in der Suppe. Aber uns hat es eben gefallen, was soll man machen?

Willi Winkler
Die Geschichte der RAF
Rowohlt Verlag Berlin 2007
528 Seiten, 22,90 €
ISBN-10: 3871345105

Justament März 2008: Die ewigen Eiferer

Peter Sloterdijk mahnt zur Zivilisierung der monotheistischen Intoleranz-Kulturen

Thomas Claer

Cover Gottes EiferDem Monotheismus als solchem kritisch zu begegnen, ist derzeit en vogue. Vor allem der Ägyptologe Jan Assmann konnte zuletzt in mehreren Büchern und einem ihm gewidmeten SPIEGEL-Titel aufzeigen, wie eng einerseits Religionskriege und Terror, andererseits aber eben auch alle unsere modernen Universalismen letztlich mit dem Eingötter-Glauben zusammenhängen, der große Teile der Welt entscheidend geprägt hat. Wenn der Philosoph Peter Sloterdijk nun ein kompaktes und gedankenreiches Bändchen über die drei monotheistischen Weltreligionen und die ihnen jeweils affinen Konfliktneigungen vorlegt, macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube. Weniger die Religionen selbst als vielmehr das mit ihnen in die Welt gekommene spezifische Eiferertum ist ihm herzlich zuwider.
Die eifernden Monotheismen, so Sloterdijk, ziehen ihren Elan “aus der phantastischen Vorstellung, es könne gelingen, gegen alle Irrungen und Wirrungen der kontrovers versprachlichten und multipel verbildlichten Wirklichkeit die einwertige Ursprache wiederherzustellen”. Den logischen Ursprung ihres Eiferertums sieht Sloterdijk daher im Herunterzählen auf die Eins, die nichts und niemanden neben sich duldet. Diese Eins sei die Mutter der Intoleranz. Anders als etwa in den religiösen Toleranzkulturen des alten Ägyptens oder des Buddhismus sei es für alle echten monotheistischen Eiferer evident, dass die Menschen es ohne den Zusammenprall mit dem “wahren Gott” nur zu glänzenden Lastern bringen könnten. Daher dürfe man, ginge es nach jenen, die Menschen nie in Ruhe lassen und solle ihre Gewohnheiten unterbrechen, wo man kann. In sein eigentliches Element, so Sloterdijk, komme das Eifern aber erst, wenn Strenge auf Unterkomplexität trifft. Und deshalb hält es der Verfasser auch für keinen Zufall, dass typische Eiferer instinktsicher im Humor den Feind erkennen, der jeder militanten Einseitigkeit das Geschäft verdirbt.
Keinesfalls lässt sich aber diese eifernde Intoleranz einfach von den Monotheismen abtrennen, ist sie doch geradezu kennzeichnend für sie und, Sloterdijk sagt es vorsichtshalber nur indirekt, hat sich von Moses über Jesus und Paulus (“der erste Puritaner, der erste Jakobiner und der erste Leninist in einer Person”) zu Mohammed sogar noch verschärft. War für das Judentum noch ein souveränistischer Separatismus mit defensiven Zügen prägend, waren es für das Christentum die Expansion durch Mission und für den Islam die Expansion durch den heiligen Krieg. Etwas knapper behandelt, doch in ihrer Nähe zum Religiösen markant herausgestellt, werden die Neo-Monotheismen, die Ideologien des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem die “atheistische Kirche des Kommunismus”. Erst von diesen Menschheitsideologen sei der Ruf des Moses: “Es töte ein jeder selbst den Bruder, Freund und Nächsten” in den größten Verhältnissen befolgt worden, erst in ihnen seien die hybriden Saaten des Monotheismus aufgegangen.
Was also ist zu tun, was hilft gegen das destruktive “Eiferertum als pathologisches Symptom”? Für Sloterdijk einzig und allein eine fortschreitende “Zivilisierung” der Monotheismen, wie sie etwa durch frühere Institutionalisierungs- und Säkularisierungsprozesse bereits erfolgreich angegangen worden ist. Das Fernziel ist jedenfalls klar: “Die Zivilisierung der Monotheismen ist abgeschlossen, sobald die Menschen sich für gewisse Äußerungen ihres Gottes, die unglücklicherweise schriftlich festgehalten wurden, schämen wie für die Auftritte eines im allgemeinen sehr netten, doch jähzornigen Großvaters, den man seit längerem nicht mehr ohne Begleitung in die Öffentlichkeit lässt.” (S.168)

Peter Sloterdijk
Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen
Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag Frankfurt am Main und Leipzig 2007
218 Seiten, 17,80 €
ISBN-10: 3458710043

Justament Dez. 2007: Ein Alptraum für Juristen

Unsere Willensfreiheit ist nur eine Illusion, weiß der Evolutions-Biologe Franz M. Wuketis

Thomas Claer

Cover WuketisVielen narzisstischen Kränkungen sah sich der moderne Mensch schon ausgesetzt: Erst sagte ihm Kopernikus, die Sonne drehe sich nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne. Später offerierte ihm Darwin, dass der Mensch nicht Gottes Geschöpf sei, sondern vom Affen abstamme. Dann fand Freud heraus, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause und der Mensch maßgeblich von unbewussten Trieben gesteuert sei. Doch was wir jetzt erleben, ist ein besonders schwerer Anschlag auf unser Selbstwertgefühl: Schon seit Jahren behaupten Hirnforscher, dass ihren Experimenten zufolge der Mensch keinen freien Willen habe. Bevor wir eine Hand heben, fanden sie heraus, haben neuronale Vorgänge schon über unsere Handlung entschieden. Warum das eigentlich keine Überraschung ist, erklärt der Wiener Biologe Franz M. Wuketis nun aus der Sicht des Evolutions-Forschers. Als Produkt der Evolution sei der menschliche Geist eben nur ein Überlebens-Instrument wie andere Organe auch und nicht zur objektiven Erkenntnis seiner Umwelt oder gar zur freien Selbstbestimmung geschaffen. Doch brachte die rasante Entwicklung der Gehirnfunktion der höheren Primaten jene sich selbst verstärkenden Rückkopplungen hervor, durch die es allmählich zur Abstraktion der Außenwelt durch Symbole und zur beträchtlichen Erweiterung der Vorstellungskraft bis hin zur Antizipation künftiger Ereignisse kam. Dabei seien Illusionen oft sehr nützlich im “struggle for life” und begünstigten ungemein das “survival of the fittest”. Und ein Musterbeispiel für solch eine Illusion sei auch die Annahme, der Mensch könne sich in jeder Situation stets so oder anders entscheiden. Tatsächlich sei das Verhalten des Menschen aber vollständig durch seine genetische Ausstattung sowie die Summe seiner Sozialisationserfahrungen determiniert. Er werde sich, sofern er keinen äußeren Zwänge unterliegt, letztlich immer so verhalten, wie es für ihn am angenehmsten ist. Aus evolutionsbiologischer Sicht sei auch nichts anderes denkbar. Entschieden tritt Wuketis dem unter Philosophen und auch naturwissenschaftlichen Sachbuch-Autoren wie Hoimar von Ditfurth lange sehr populären Dualismus entgegen, wonach es eine eigenständige Welt des Geistes gebe, die mit den materiellen Gehirnen interagiere. Vielmehr sei der Geist nur eine Funktion des Gehirns wie die Bewegung eine Funktion der Gliedmaßen.
Für Juristen ist das alles ein Alptraum, denn wie sollte man Straftäter verurteilen, wenn sie allesamt gar nicht anders konnten? Womöglich sind am Ende auch noch sämtliche zivilrechtlichen Verträge unwirksam, wenn alle Beteiligten unter permanenten schweren Willensmängeln leiden. Da hilft dann wohl nur noch der Rückgriff auf den  Strafrechtler Eduard Kohlrausch (1874-1948), für den die Freiheit eine “staatsnotwendige Fiktion” war, an der festzuhalten sei, weil nur auf diese Weise eine unverzichtbare Voraussetzung des Strafrechts erfüllt werden könne. Im Übrigen wird Wuketis, der sein Buch salopp und unterhaltsam bis zur Krawalligkeit abgefasst hat, besonders gerne ausfällig gegen Politiker und Juristen: “Wir Menschen sind Affen, und so verhalten wir uns auch. Gesetzgeber, Staatsanwälte, Richter und Rechtsanwälte sind davon natürlich nicht auszunehmen, auch wenn die meisten von ihnen über die Natur des Menschen – und damit über ihre eigene Natur – nichts wissen und nichts wissen wollen. Grundlegende biologische Kenntnisse gehören nicht zum Ausbildungsmuster von Juristen” (S.150). Das ist vielleicht – siehe oben – auch besser so. Wo soll das schließlich hinführen?

Franz M. Wuketis
Der freie Wille. Die Evolution einer Illusion
Hirzel Verlag Stuttgart 2007
181 Seiten, 22,00 €
ISBN-10: 3777615099

Justament Okt. 2007: Mensch Meier

Das erste Buch des Popmusikers und Performancekünstlers Dieter Meier  

Thomas Claer

Meier CoverAuch wenn er es in seinem Buch nur ein einziges Mal und nur andeutungsweise erwähnt (“ein als Student der Jurisprudenz getarnter Spieler”): Neben Paolo Conte ist der Schweizer Dieter Meier (Jahrgang 1945) vermutlich der einzige internationale Popmusikstar mit abgeschlossener juristischer Ausbildung. Doch hat Meier, mit seiner Band YELLO seit 1980 ein Pionier der elektronischen Musik, der eigentliche Erfinder der Techno-Musik (“Bostich”) und des Musikvideos (mit “Da Da Da” von Trio) die Rechtswissenschaft schon früh weit hinter sich gelassen. Aus dem Zürcher Geldadel stammend und daher von der Notwendigkeit der Erwerbsarbeit befreit, schloss er sich nach seinem Jurastudium diversen Happeningzirkeln an, experimentierte als Performencekünstler, stellte seine Exponate auf mehreren documentas aus, avancierte vorübergehend zum Pokerspiel-Profi und Schweizer Nationalspieler im Golfsport, bis es 1979 zur schicksalhaften Begegnung mit dem Lkw-Fahrer Boris Blank und dem gelernten Rohkaffeekaufmann Carlos Perón kam, welche sich – so sagt es die Legende – ihrerseits kurz zuvor bei Tonaufnahmen in einer Autoschrottpresse kennen gelernt hatten. Sie, die ihre Klangexperimente fortan zusammenführten, engagierten Dieter Meier kurzerhand als Sänger und YELLO war geboren. Es folgte eine beispiellose Karriere mit weltweit mehr als 10 Millionen verkauften Tonträgern. Meiers revolutionäre Musikvideos zu den YELLO-Songs (“The Evening’s young”, “Oh yeah”) prägten das junge Genre maßgeblich, wurden mit Preisen überhäuft und werden noch heute auf youtube abgefeiert. (Dass die Band allerdings seit den mittleren Achtzigern musikalisch stagnierte, wurde meist mit dem Ausscheiden des genialen Carlos Perón (1983) in Zusammenhang gebracht, dessen Soloalben “Impersonator I” (1981) und “Nothing ist true – everything is permitted” (1984) zu den unsterblichen Klassikern der elektronischen Musik gehören.)
Nach all den langen Jahren mit YELLO hat Dieter Meier nun also sein erstes Buch veröffentlicht und sich damit einen Jugendtraum erfüllt, denn er wollte, so sagt er, eigentlich immer Schriftsteller werden. Man darf sich das Buch des Popstars Meier aber nicht wie eines seiner Kollegen 50 Cent oder Madonna vorstellen. Meier, ganz Bildungsbürger, gibt als literarische Vorlieben Robert Walser und Walter Benjamin an. Der Band enthält kurze Prosatexte mit immer wieder eingeschobenen lyrischen Ausflügen, die während der letzten 20 Jahre u.a. in der ZEIT und der NZZ  erschienen sind. Geschrieben wurden diese Texte ausschließlich auf einer alten Schreibmaschine, dem “Hermes Baby”, in welche der Genussmensch Meier, der sinnlichen Erbauung wegen, seine sprachlichen Werke einzutippen pflegt. Diese, überwiegend gut lesbar, meist pointiert und ironisch (“Die Schwerarbeit des Müßiggangs”), legen Zeugnis ab von den Ambitionen und Leiden des Menschen Dieter Meier, den, wie er bekennt, ein Leben lang die Fratze des Ungenügens angegafft hat. Denn als von aller materiellen Not Entbundener fühlte er sich stets dazu angehalten, etwas ganz Außerordentliches zu schaffen. Dieser Anspruch habe ihn in jungen Jahren fast in den Wahnsinn getrieben. Die erste wirkliche Bestätigung in jener Zeit zwischen Matura und Popkarriere verschaffte ihm seine Laufbahn als Pokerspieler, wo er schnell einen exzellenten Ruf als gefürchteter “Bluffer” erwarb.
Heute betätigt sich Meier auch als Bio-Winzer in Argentinien und als Unternehmer, aus infantilem Antrieb, wie er sagt, um seinem hochbetagten Vater zu beweisen, dass er es auch auf diesem Felde doch noch zu etwas bringen kann.

Dieter Meier
Hermes Baby . Geschichten und Essays
Ammann Verlag Zürich 2006
160 Seiten, mit DVD, 19,90 €
ISBN 3-250-60093-8

Justament Sept. 2007: Peng, Rumpel, Schepper

Cover HerzogFelix Herzog bringt berühmte Strafrechts-Fälle als Comic heraus

Thomas Claer

Merkwürdige Geschichten hören die jungen Studenten in den Strafrechtsvorlesungen an der Uni. Sie klingen so unwahrscheinlich, dass man sie kaum glauben würde, hätte man nicht schon im ersten Semester gelernt, um Gottes willen niemals den Sachverhalt in Frage zu stellen: Da erschleicht sich ein Heiratsschwindler das Vertrauen seines Opfers und bringt es dazu, mit ihm eine Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit abzuschließen. Sodann gaukelt er der Dame vor, er sei ein außerirdischer Abgesandter vom Stern Sirius und verfüge über besondere Fähigkeiten. Zum Beispiel könne er mit Hilfe eines von ihr in die gefüllte Badewanne geworfenen Föns ihre Seele in eine schönere menschliche Hülle schlüpfen lassen. Die Dame glaubt dem Heiratsschwindler und kommt dadurch zu Tode, worauf dieser bei der Versicherung seine Ansprüche anmeldet. Oder die folgende Begebenheit: Zwei Räuber überfallen einen Supermarkt. Auf der Flucht mit der Beute erschießt der eine versehentlich den anderen, weil er ihn für einen Verfolger hält.
“Sirius-Fall”, “Verfolgerverwechslungs-Fall” und andere prominente und kuriose Lehrbuchfälle wie der Jauchegruben-Fall, der Katzenkönig-Fall und der Kirschendieb-Fall sind Ereignissen nachgebildet, die zumindest tatsächlich irgendwann einmal so vor Gericht verhandelt wurden. Damit diese Fälle, einschließlich der jeweiligen Lösungen und Problemerörterungen, sich aber auch wirklich und nachhaltig in den Hirnwindungen der Studiosi einnisten, gibt es nun als besondere Lernhilfe eine Comic-Version der 30 brisantesten von ihnen. Wer ein gutes visuelles Gedächtnis hat oder aber einfach nur mal ohne schlechtes Gewissen einen Comic lesen möchte, wird hiervon profitieren. Verantwortlich für das revolutionäre Projekt zeichnet der derzeit in Bremen lehrende Felix “Strafrecht” Herzog, nicht zu verwechseln mit Ö-Rechtler Roman “Ex-Bundespräsi” Herzog, der längst seinen wohlverdienten Ruhestand genießt. 30 Kurzcomics des Zeichners Matthias Huberty findet der Leser neben den von Prof. Herzog verknappten und mit anschaulichen Personennamen (z.B. Herr Holzer im Haustyrannen-Fall) versehenen Fallschilderungen. Man mag einwenden, dass die Bildgeschichten sich in manchen Fällen nicht aus sich selbst heraus erklären. Zum einen haben die einzelnen Bildchen ein recht kleines Format und sind in schwarz-weiß gehalten, zum anderen haben wir es eher mit einer Art simplem Brachial-Comic zu tun. Wer Asterix & Obelix oder das Mosaik von Hannes Hegen bevorzugt, wird vielleicht enttäuscht sein. Aber das ist Geschmackssache! Auch das Peng, Rumpel, Schepper, dem Raschel, Würg und Bäng, wie es die Norddeutschen ganz ähnlich aus den Werner-Büchern kennen, kann reizvoll sein, mitunter sogar richtig witzig. Und Zeichner Huberty, bei dem es sich um einen Mitschüler von Prof. Herzogs Tochter handeln soll, schreckt auch vor gewaltsamen und erotischen Darstellungen nicht zurück, was dem Unterhaltungswert der Publikation jedenfalls nicht abträglich ist.
In der Summe ist das Buch die eigentlich längst fällige Umsetzung einer guten Idee, die wohl schon manchem Jura-Studenten einmal gekommen ist. Dem Justament-Kolumnisten kam sie vor etlichen Jahren anlässlich einer Hausarbeit im Zivilrecht. Und nun warten wir gespannt auf die mutmaßlich nächsten Folgen dieser Reihe: Zivilrecht illustrated und Öffentliches Recht illustrated. Oder kommen womöglich bald die ersten Lehrfilmchen – Vorbild: Fahrschule – in allen Rechtsgebieten zum Download aufs Handy?

Felix Herzog
Strafrecht illustrated. 30 Fälle aus dem Strafrecht in Wort und Bild
merus verlag Hamburg 2007
171 Seiten, 15,90 €
ISBN 978-3-939519-10