Tag Archives: Terror

Justament April 2008: Triumph des Rechtsstaats

SZ-Feuilletonist Willi Winkler schreibt die Geschichte der RAF

Thomas Claer

Cover WinklerWilli Winkler, geboren 1957, ist der Gott des Spaß-Feuilletons. Wie kein anderer der schreibenden Zunft verkörpert er die ironische Weltsicht schlechthin, zugleich aber auch das ewig Subversive. Nichts ist ihm heilig, alles zieht er ins Lächerliche. Großzügigkeit ist seine Sache dabei keineswegs, eher eine geradezu verbissene Detailbesessenheit. In der Süddeutschen haben sie ihn inzwischen vorwiegend auf die Medienseite verbannt, wo er sich u.a. an den Zumutungen des deutschen Fernsehprogramms abarbeiten darf. Gut zupass kommt ihm hier seine herzliche Boshaftigkeit, und so mancher fürchtet seine scharfzüngigen Verrisse. Für Dampfpolemiker Henryk Broder ist er “ein Asket, der von schwarzem Kaffee und filterlosen Zigaretten lebt, ein kleiner Samurai, der sich züchtigt, bevor er andere peinigt.” Kann so einer, von dem bisher kaum ein ironiefreier Feuilleton-Satz überliefert ist, überhaupt seriöse Sachbücher schreiben? Er kann, das beweist nach “Bob Dylan” (2001), “Kino” (2002) und “Karl Philipp Moritz” (2006) nun auch “Die Geschichte der RAF”.
Selbstredend geht es Winkler in seinem bislang ambitioniertesten und voluminösesten Werk um keine bloße Chronologie der Ereignisse. Vielmehr hat er sich auch deren Deutung bis hin zu den vielen noch immer offenen Streitfragen auf die Fahne geschrieben. Wer war wann wo genau dabei? Waren die Selbstmorde in Stammheim tatsächlich welche? Was geschah wirklich auf dem Bahnhof in Bad Kleinen? Winkler untersucht all das mit einer – insbesondere für seine Verhältnisse – bemerkenswerten Sachlichkeit, räumt auch – wo nötig energisch – mit Legenden auf. So stützen seine Recherchen zwar im Wesentlichen die offizielle Geschichtsschreibung, doch attestiert er den staatlichen Organen nicht selten Schlamperei und Fahrlässigkeit, die der Legendenbildung erst richtig Vorschub leisten konnten.
Mit sichtlichem Vergnügen fängt der Verfasser das spezifisch altbundesrepublikanische Milieu ein, in welchem die RAF erst wachsen und gedeihen konnte: Auf der einen Seite die altbackene und selbstgerechte, autoritäre und naziverstrickte Mehrheitsgesellschaft und als deren Speerspitze die immer wieder genüsslich zitierte BILD. Auf der anderen Seite die von sich und ihrer Bedeutsamkeit berauschte Studentenbewegung, die ein Klima des Fanatismus erzeugte, in welchem sich ein paar versprengte Wirrköpfe als Vollstrecker des historisch Notwendigen fühlen konnten. So wird der damalige Terroristen-Strafverteidiger und spätere Innenminister Otto Schily mit Worten zitiert, die er heute nicht mehr bestätigen mag: “Alle rechtsstaatlichen Errungenschaften beruhen auf revolutionärer Gewalt.” Klar sei die RAF eine Verbrecherbande gewesen, so Winkler, aber eben nicht nur. Seine These ist, dass der wehrhafte westdeutsche Staat in seiner Unerbittlichkeit gegenüber allem Abweichenden nicht wenig zur späteren Eskalation der Gewalt beigetragen hat. Doch habe der Rechtsstaat dadurch einen großen Sieg errungen, dass er – entgegen dem Kalkül der Terroristen – gerade nicht zum Polizeistaat geworden ist. Schließlich kann dem Buch ein Vorwurf nicht erspart werden: dass – warum auch immer, jedenfalls bedauerlicherweise – an einem Personenregister gespart wurde. Hätte Willi Winkler sein Buch an dieser Stelle selbst rezensiert, dann hätte er gewiss noch mehr Tadelnswertes beanstandet. Er findet ja immer ein Haar in der Suppe. Aber uns hat es eben gefallen, was soll man machen?

Willi Winkler
Die Geschichte der RAF
Rowohlt Verlag Berlin 2007
528 Seiten, 22,90 €
ISBN-10: 3871345105

Justament Sept. 2006: Vater aller Dinge

Herfried Münkler erzählt die Geschichte der symmetrischen und asymmetrischen Kriege

Thomas Claer

Organisierte bewaffnete Konflikte haben die Menschheit durch alle Epochen ihrer Historie begleitet und nur ausgeprägte Optimisten können sich vorstellen, dass dies einmal anders sein könnte. Daher täten wir alle – einschlägig erfahrene Senioren, Migranten und Weltenbummler ausgenommen – gut daran, uns von Zeit zu Zeit den seltenen Glücksfall bewusst zu machen, von all dem bislang verschont worden zu sein. Herfried Münkler, Professor für Politikwissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität und als Jahrgang 1951 ebenfalls mit einer Friedens-Biographie ausgestattet, zählt zu den großen Autoritäten der Kriegsforschung und versteht es meisterhaft, seinen Lesern die Augen für die bemerkenswerten Akzentverschiebungen in der Geschichte des Krieges zu öffnen. Zupass kommt seinen Schriften dabei die Gabe der plastischen, treffsicheren Formulierung, die aufs Vorteilhafteste mit der analytischen Schärfe des Gedankenflusses korrespondiert. Der hier zu besprechende Aufsatz beschreibt zunächst die (in erster Linie europäische) Entwicklung zum faktischen Kriegsmonopol des Staates, aus dem schließlich auch der völkerrechtlich kodifizierte klassische Krieg hervorging. Haupttriebfeder waren die über Jahrhunderte stetig steigenden Kosten der Kriegsführung. Ausgiebig werden Clausewitz und Machiavelli zitiert. Den Gipfel dieser Entwicklung stellten die Materialschlachten des Ersten und Zweiten Weltkriegs dar. Als etwas völlig Neues bewertet Münkler nun den Terror, wie er sich in New York, London oder Madrid manifestiert hat, denn erstmals werde hier das Territorialitätsprinzip als bislang entscheidendes Merkmal des Krieges aufgegeben. Anders als bei den Vorläufern dieses Terrors, die ihren Ursprung im Russland des 19. Jahrhunderts hatten, aber gänzlich andere Ziele, Strategien und Methoden aufwiesen, habe es sich bei 11/9 & Co. um originäre Kriegsakte gehandelt. In diesem Punkt befindet sich der Verfasser in begrifflicher Übereinstimmung mit der Doktrin des amerikanischen Präsidenten, dessen Konzeption er ansonsten aber für wenig überzeugend hält. Der jüngste Kriegs-Terrorismus sei heute die wahrscheinlich wichtigste Erosionskraft der internationalen Ordnung und als Asymmetrisierung von Gewalt auch bestens auf unser Medienzeitalter zugeschnitten. Er entfalte seine beste Wirkung in urbanen Ballungsräumen mit großer medialer Dichte und stelle insofern eine parasitäre Nutzung der modernen Welt dar, gegen die er sich letztlich wende. Seine effiziente Bekämpfung sei nur mit einem Mix polizeilicher und sozialer, politischer, aber auch militärischer Mittel möglich. Für entscheidend hält Münkler die mentale Gelassenheit der Bevölkerung in der Reaktion auf solche Anschläge. In den Augen der Bombenleger sei hingegen die größte Schwäche der westlichen Gesellschaften ihre “post-heroische” Grunddisposition, die wenig ausgeprägte Neigung zum konsequenten Handeln.
Die den Text begleitenden Zeichnungen des Zeichners Martial (sic!) Leiter sind schön anzusehen, aber ihr Bedeutungsgehalt erschließt sich dem Rezensenten meist weder auf den ersten noch auf den zweiten oder dritten Blick. Doch das muss nicht viel heißen, Lichtenberg hat das Passende dazu gesagt. Im Übrigen ist es natürlich immer erwähnenswert, wenn es irgendwo auf der Welt etwas umsonst gibt. Die Schweizer Vontobel-Stiftung bietet allen Interessierten eine 22 Hefte umfassende Schriftenreihe für lau, in welcher sie “aktuelle und grundlegende Themen aufgreift”. Also zugreifen, liebe Leserinnen und Leser, denn da spart man am meisten!

Herfried Münkler
Vom Krieg zum Terror. Das Ende des klassischen Krieges
Schriftenreihe Vontobel-Stiftung 2006
94 S.
Kostenlos zu beziehen unter http://www.vontobel-stiftung.ch

Justament Juni 2005: Terror – Totschlag – Talk im Trüben

Uwe Tellkamp setzt den überhitzten Neunzigern ein Denkmal

Thomas Claer

Tellkamp CoverDiesmal also ein Zeitgeist-Buch über einen (und vermutlich auch von einem) “angry young man”: Der Bachmann-Preis-gekrönte Lyriker und studierte Mediziner Uwe Tellkamp (Jahrgang 1968) legt seinen zweiten Roman vor. Im Mittelpunkt steht darin der Leidensweg des zunächst arbeitslosen, später freiberuflich lebensberatend praktizierenden Philosophen Wiggo Ritter (30) in den späten neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. In Teilen der Kritik ist schon von einem Schlüsseltext zum aktuellen Mode-Phänomen des akademischen Proletariats die Rede. Doch halten sich die Berührungspunkte zur unlängst von der ZEIT ausgerufenen “Generation Praktikum” in Grenzen. Anders als heute konnte sich nämlich damals ein Berufsanfänger tatsächlich als Versager fühlen, wenn es trotz hunderter Bewerbungsschreiben nicht mit einem Arbeitsplatz klappte. Zumindest galt dies, wenn man sich wie unser Held in Kreisen bewegte, die unmittelbar vom Medien- und Technologie-, Spaßgesellschafts- und  Börsenhype profitierten. Im “Eisvogel” tragen junge Männer um die 30 grundsätzlich Anzug, siezen sich und haben in erster Linie ihren weiteren beruflichen Aufstieg im Kopf. Wiggo Ritters Vater, ein steinreicher Investmentbanker, der seine Sätze häufig mit einem “Also, als ich in deinem Alter war …” einleitet, wenn er seinem missratenen Sohn die Leviten liest, wird als rücksichtslos egozentrischer und cholerischer Charakter gezeichnet und lässt selbst an Wiggos glänzender Dissertation kein gutes Haar.
Dabei wäre es für manch anderen der Inbegriff von Coolness, wie Wiggo in einem verfallenen Altbau in Berlin-Friedrichshain das Leben eines Bohemien zu führen. Doch der zum pathetischen Lamentieren neigende Jung-Philosoph erkennt für sich nur die Möglichkeiten zu resignieren oder Widerstand gegen jene Gesellschaft zu leisten, die ihm, dem Hochbegabten, keine Chance gibt – statt seine Einstellung (und die seines Umfelds) zu den Dingen zu hinterfragen. Unter dem Einfluss des politisch irrlichternden gleichaltrigen Patentanwalts Mauritz Kaltmeister stehend, entscheidet er sich fatalerweise für den Widerstand und schließt sich einer reaktionären Loge an, die von einem national erwachten Ständestaat träumt und von Adeligen und Großindustriellen finanziert wird. Schließlich verliebt sich Wiggo auch noch in die schöne, politisch indifferente Schwester des paranoid-faschistoiden Mauritz, der einen Bombenanschlag auf das KaDeWe plant – und am Ende entladen sich die Emotionen in blutiger Gewalt.
Der Roman ist – stilistisch den modernen Avantgarden verpflichtet – in einer Art short-cut-Erzähltechnik komponiert, in der die kraftvolle, bilderreiche Sprache des Verfassers voll zur Geltung kommt. So haben bei Tellkamp die Frauen mitunter Brombeeraugen oder hagebuttenrote Lippen. Doch ermüden die larmoyanten inneren und expliziten Monologe der Hauptfigur den Leser allmählich derart, dass er Lust verspürt, selbst ins Geschehen einzugreifen und dem Protagonisten einmal produktiv Contra zu geben (was im Roman nur sporadisch geschieht). Schließlich setzt sich der Autor am Ende gar dem (jüngst im SPIEGEL formulierten) Verdacht der geistigen Komplizenschaft aus, indem er den einfältig-trüben Kaskaden der rechten Schwadroneure ungebührlich viel Raum gibt. Oder wollte er nur die intellektuelle Beschränktheit jener neuen Rechten vorführen, gegen deren Vereinnahmungen die gleichermaßen scharfsinnigen wie prekären konservativ-revolutionären Demokratieskeptiker früherer Tage (von Sorel bis Jünger) ganz entschieden in Schutz zu nehmen sind?

Uwe Tellkamp
Der Eisvogel. Roman
Rowohlt Berlin 2005
318 Seiten
EUR 19,90
ISBN: 3 87134 522 9