Category Archives: Über Bücher

www.justament.de, 4.4.2011: Da weiß man, was man tut

Das Creifelds Rechtswörterbuch in 20. Auflage

Thomas Claer

lit-tc-creifelds-coverNach vier Jahren wieder ein neuer Creifelds – die Welt, die hier in bewährter Manier durch die rechtliche Brille betrachtet wird, ist eine andere geworden. Der Vertrag von Lissabon, die Reform des Beamten- und des GmbH-Rechts – das und vieles mehr hat auf nunmehr 1500 Seiten, 20 mehr als in der Vorausgabe von 2007, erstmalig Berücksichtigung gefunden. Und wieder einmal liegt der große Vorzug in der begrifflichen Kürze und Präzision. Der Lissaboner Vertrag, komprimiert auf 47 eng bedruckte halbseitige Zeilen – der Creifelds bringt es auf den Punkt. Unter „Anlageberatung“ steht, dass das „Wertpapierdienstleistungsunternehmen über jede A. eines Privatkunden ein Protokoll anfertigen“ und „ein Schadensersatzanspruch wegen mangelhafter A. nach Ablauf des 3. Jahres nach Kenntniserlangung verjährt, ohne Rücksicht darauf in 10 Jahren.“ Das „Ehrenwort“, erfahren wir, „ist eine Bekräftigung einer Erklärung unter Bezugnahme auf außerrechtliche Maßstäbe und i.d.R. rechtlich ohne Bedeutung“. Ja, das ganze Leben ist ein Fall – und wir sind nur die, die all das dank Creifelds durchschauen. Günstig ist seine Anschaffung bei einem Preis von 46 (Vorausgabe 44) Euro zwar nicht gerade. Auch ist er als alleinige Lernhilfe zum Klausurenschreiben in Studium oder Referendariat naturgemäß nur etwas für ganz Mutige. Doch vermittelt er etwas in der juristischen Ausbildung eher Seltenes: Übersicht, Zusammenhänge, Hintergründe. Dieses Buch ist der erbitterte Feind des Fachidiotentums. Wohl wahr: Wer regelmäßig einen Blick in den Creifelds wirft, kriegt dadurch nicht unbedingt bessere Noten, aber er wird ganz sicher mehr verstehen von dem, was er da gerade lernt und tut. Schließlich noch ein kleiner Verbesserungsvorschlag: Vielleicht ist es nicht gerade völlig falsch, aber doch eher ungewöhnlich,  „Grafitti“ statt „Graffiti“ zu schreiben, wie es der Creifelds tut (S.546). Jedenfalls sind letztgenannte „i.d.R. keine Sachbeschädigung“, jedoch „strafbar gem. § 303 II StGB“.

Creifelds Rechtswörterbuch
20. neu bearbeitete Auflage 2011
Verlag C.H. Beck
1500 Seiten, EUR 46,00
ISBN 978-3-406-59578-3

Justament, Okt. 2010: Darwin im Irrtum?

Der “Einspruch gegen die Evolutionstheorie” von Burkhard Müller in zweiter Auflage

Thomas Claer

20 LIT TC - Burkhard Müller Glueck_d_Tiere_300dpiWenn heutzutage jemand die Evolutionstheorie in Zweifel zieht, dann schrillen hierzulande die Alarmglocken. Kein Wunder, denn wer Darwin nicht folgt, muss nach vorherrschender Logik entweder ein religiöser Fundamentalist oder zumindest ein Ewiggestriger, ein unbelehrbarer Reaktionär sein. All das ist Burkhard Müller, teilzeitberuflich Lateindozent an der Technischen Universität Chemnitz, Literaturkritiker und Feuilletonist bei der Süddeutschen Zeitung, mitnichten. Müller, geboren 1959 in Schweinfurt, gilt als freier Geist, dem Religion nichts bedeutet außer als Gegenstand seiner stets ätzenden Kritik. Doch selbst mit seinem Renommee ausgestattet hat man es heute schwer, ein politisch so unkorrektes Buch auf den Markt zu bringen: Die zweite, in etlichen Abschnitten an den aktuellen Stand der Evolutionsbiologie angepasste Auflage seines fulminanten “Anti-Darwin” namens “Das Glück der Tiere” aus dem Jahr 2000, konnte nur in einem auf Esoterik und Mystizismus spezialisierten Kleinverlag erscheinen. Zu anrüchig erschien es den seriösen Häusern offenbar, sich dem Verdacht der Unterstützung von Kreationismus und “Intelligent Design” auszusetzen.
Dabei hält Müller überhaupt nichts vom Kreationismus, den er als nicht satisfaktionsfähig betrachtet, und auch nichts von sonstigen übernatürlichen Erklärungen. Doch zeigt er – als evolutionsbiologischer Autodidakt nur auf die Kraft des vernünftigen Arguments vertrauend – die fundamentale Widersprüchlichkeit, den durch und durch tautologischen Charakter der Darwinschen Evolutionslehre und aller ihrer Nachfolger bis hin zu den angeblich “egoistischen Genen” des Richard Dawkins. Nein, auch Müller weiß keine fertige Lösung, wie es stattdessen gewesen sein könnte, aber mit Mutationen und Selektion lässt sich das Phänomen der Höherentwicklung vom Einzeller bis zum Säugetier schlichtweg nicht erklären. Je besser die Anpassung an einen Lebensraum und je höher dadurch der Überlebensvorteil im Daseinskampf, so macht er deutlich, desto unwahrscheinlicher, ja unmöglicher wird die Entstehung neuer komplexerer Lebensformen aus den bisherigen. Denn bloße Zwischenschritte zur höheren Entwicklungsstufe bringen keinerlei Fitnessvorteil. Und dass plötzlich rein zufällig fertige komplexere Organe entstehen, ist nun einmal von erdrückender Unwahrscheinlichkeit. Wie aus weißflügeligen Faltern infolge von Luftverschmutzung eine neue Art mit braunen Flügeln wird und dergleichen – nur das hat die Evolutionsbiologie in ihren Experimenten bisher aufzeigen können, aber nicht, wie es zu einer Höherentwicklung kommen kann, und schon gar nicht, wie das Leben überhaupt entstanden sein soll. Noch prekärer wird es für den Darwinismus angesichts der Erkenntnisse der modernen “Evo Devo”-Lehre, wonach Gene zu ganz bestimmten Zeiten der Individualentwicklung an- und ausgeschaltet werden und es bei allen höheren Lebewesen “modulare Grundprinzipien” zur Bildung bestimmter Organe und Körperteile gibt. Zwar macht dies etliche spätere Schritte der Evolution deutlich plausibler, doch wird es geradezu absurd, annehmen zu wollen, solche komplizierten Mechanismen seien irgendwann einmal durch Mutation und Selektion entstanden. Immer gibt es Mutationen, ständig laufen Selektionsprozesse ab, aber mit der eigentlichen Evolution haben beide, wie Müller aufzeigt, herzlich wenig zu tun. Diese Erkenntnis wirft, nebenbei gesagt, auch ein bezeichnendes Licht auf die neoliberale Leitideologie der Gegenwart, dass Innovation nur durch immer mehr Konkurrenz (statt durch Kooperation) zu erzielen sei.
Es ist nun aber zu befürchten, dass der Verfasser mit seinen Thesen bei den Fachbiologen auch weiterhin auf taube Ohren stoßen wird. Der sehr metaphernreiche und mitunter barocke Sprachstil, der noch deutlich verschwurbelter anmutet als in Müllers gegenwärtigen brillanten Feuilletons, wird wohl so ziemlich jeden Naturwissenschaftler in die Flucht jagen.

Burkhard Müller
Das Glück der Tiere
Veränderte Neuausgabe 2009
Edition “fabrica libri”
Pomaska-Verlag Schalksmühle
€ 19,80
ISBN: 978-3-935937-60-3

www.justament.de, 20.9.2010: Falsches Genre

Marcel Proust und der erste Band seiner „Recherche“

Thomas Claer

lit-tc-empfiehlt-proust-rech1Manche Menschen gehen so weit, ihr Leben gedanklich in zwei ungleiche Hälften zu unterteilen: in die Lebenshälfte vor und in die nach der „Verlorenen Zeit“. Dies zeigt die überwältigende Wertschätzung der Lektüre dieses Meisterwerks der literarischen Moderne unter Kennern. Zwischen 1913 und 1927 erschien das siebenbändige Hauptwerk des Arztsohns und Juristen Marcel Proust (1871-1922), der an der Sorbonne Jura studiert und dort 1893 seinen Abschluss erworben hatte, ohne später jemals einen juristischen Beruf auszuüben. Doch fand er während seines Studiums der Rechte Zugang zur gehobenen bürgerlich-adeligen Salonkultur von Paris und avancierte später zum bewunderten Romanschriftsteller. Einen Haken hat seine „Recherche du temps perdu“ allerdings: Ihr Umfang liegt bei weit über 4.000 Seiten. Und da sie dem Leser zudem schon aufgrund ihres durchgehend komplizierten Satzbaus stetige konzentrierte Aufmerksamkeit abfordert, werden wohl nur die wenigsten Interessenten überhaupt einmal im Leben „nach der verlorenen Zeit“ ankommen oder sich zumindest über lange Jahre „in der verlorenen Zeit“ einrichten müssen. So auch der Justament-Kolumnist, der nun aber – nach jahrelanger Leseunterbrechung – immerhin glücklich den Abschluss des ersten der sieben Bände, „In Swanns Welt“, vermelden kann. Dieser erste Band besteht wiederum aus drei Teilen, von denen der erste, „Combray“, noch vergleichsweise bedächtig anhebt – jedenfalls gemessen am wahren Feuerwerk des zweiten Teils, „Eine Liebe von Swann“. Diese gut 250 Seiten bilden quasi einen Roman im Roman, und wer einfach nur überhaupt mal etwas von Proust lesen will, ohne sich mit der gesamten „Recherche“ zu belasten, der mag zu einer der Einzelausgaben der „Liebe von Swann“ greifen.

Der im Zentrum der Handlung stehende Charles Swann, ein vermögender und in Bildung und Geschmack, Takt, Stil und Manieren überaus verfeinerter Pariser Privatier, ist ein Decadin aus dem Fin de siècle (Wende vom 19. zum 20. Jh.), wie er im Buche steht. Doch kann bei ihm von „anstrengungslosem Wohlstand“ keine Rede sein. Vielmehr ist er ein unermüdlich harter Arbeiter auf dem Feld der Liebe. Swann begnügt sich nämlich nicht wie andere Menschen mit den sich aus dem eigenen Umfeld quasi ohne besonderes Zutun ergebenden persönlichen Kontakten, sondern er ist ständig aktiv auf der Suche nach neuen Bekanntschaften vornehmlich weiblichen Geschlechts. Hat er aufgrund rein optischer Erwägungen seine Wahl getroffen, setzt er sein einzig zu diesem Zweck gepflegtes immenses Netzwerk in Bewegung, auf dass ihm jemand eine schickliche Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der betreffenden Person verschaffe. Bevorzugt vergleicht er das Antlitz oder den Körperbau seiner Freundschaften mit Gestalten aus Gemälden großer Künstler vergangener Epochen, schließlich hat er über zehn Jahre Kunst und Architektur studiert. Inzwischen hat Swann allerdings ein Alter erreicht, in dem er, wie er bemerken muss, größere Mühe als bisher aufwenden muss, um bei seinen Favoritinnen zu landen. Doch ist sein Verlangen jeweils umso größer, je schwieriger, ja eigentlich unmöglicher sich die Kontaktierung und spätere Eroberung, jedenfalls in seinen Augen, ausnimmt. Für die rein leiblichen Genüsse bevorzugt er ohnehin die „vulgäre Schönheit“ von Mädchen aus dem einfachen Volke, die er sich ohne größeren Aufwand mit etwas Taschengeld und ein wenig Standesrenommee gefügig zu machen versteht.

Das ist die Ausgangslage, als die abgründige Odette de Crecy in Swanns Leben tritt. Sie wird beschrieben als von kleiner Gestalt mit breitem Gesicht, breiter Stirn und hervorstehenden Wangenknochen, müden und melancholischen Augen, mit unfrischer Haut, doch ausgestattet mit dem „Reiz des Natürlichen“. Und sie gilt als eine der am besten gekleideten Frauen von Paris. Zwar ist sie so gar nicht „sein Typ“, doch fesselt sie ihn vom ersten Moment an durch ihre ungewöhnliche Ausstrahlung. Schon nach kurzer Zeit trifft man sich regelmäßig in den feinen Pariser Salons (so wie es seit einigen Jahren ja auch in Berlin-Prenzlauer Berg wieder en vogue ist, die Salonkultur zu pflegen) und schreibt sich unentwegt, oft mehrmals täglich (vom Privatkurier überbracht), zärtliche Briefe wie diesen, den Odette mit den Worten beginnt: „Lieber Freund, meine Hand zittert so sehr, dass ich Ihnen kaum zu schreiben vermag…“ Kurz, die beiden werden schließlich ein Paar – und für den nervenschwachen Swann beginnt das große Leiden. Denn von nun an beherrscht ihn, für den inzwischen nichts und niemand außer Odette noch von Interesse ist, nur noch die Eifersucht angesichts von Odettes ausschweifender Lebensführung. Und diese Eifersucht ist – wie sich später herausstellen wird – auch keineswegs aus der Luft gegriffen: Odette pflegte und pflegt auch weiterhin vermutlich unzählige intime Männer-, aber auch Frauenkontakte, deren Umfang womöglich selbst die erotischen Eskapaden eines heute bekannten Wettermoderators in den Schatten stellen dürfte. Swanns Gedanken kreisen jetzt nur noch um Odette: Pausenlos antizipiert er künftige Gespräche mit ihr, konzipiert Briefe an sie oder spioniert ihr nach. Als Odette eine „körperlich schlechte Zeit“ durchlebt, u. a. dick wird, sieht Swann das mit Genugtuung, weil er hofft, sie dadurch tendenziell leichter für sich alleine gewinnen zu können. Doch Odettes Attraktivität in den Augen anderer vermindert sich dadurch, wie Swann enttäuscht feststellen muss, nicht im Geringsten. Allmählich nimmt Odette sogar Einfluss auf sein künstlerisches Urteil. Zunehmend findet er Gefallen an ihrem in seinen Augen eigentlich schlechten Geschmack, wie an allem, „was von ihr kam“.

Oft warnt man ihn, dass Odette im zweifelhaften Ruf stehe, sich von Männern aushalten zu lassen, um sich so ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Aber das ist für Swann eher beruhigend, hofft er doch, sie letztlich durch seine großzügigen Geldtransfers und Geschenke an sich binden zu können. Nichts bereitet ihm so starke Glücksgefühle, wie Odette immer kostspieligere Geschenke machen zu können. Jedoch verblasst Odettes Begeisterung für Swann schon nach einigen Monaten zusehends. Nicht, dass sie ihn jemals abserviert hätte, aber in der Hierarchie ihrer Interessen und Bekanntschaften geht es für Swann doch merklich abwärts. Die Treffen werden seltener, immer wieder ist Odette verhindert. Dabei hat sie keinen blassen Schimmer, welche Schmerzen, welche Qualen sie Swann bereitet. Das liegt völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Doch steht sie zu Swann dennoch in bemerkenswerter Loyalität: Das einzig Schlechte über ihn, was jemals über ihre Lippen kommt, ist, dass sie ihn vor anderen der Faulheit bezichtigt, was nicht ganz falsch ist, da er mit seiner seit Jahren betriebenen Studie über den Maler Vermeer so gar nicht vorankommen will. Schließlich unternimmt Odette mit mehreren Freunden, aber ohne Swann, eine von diesem bezahlte jahrelange luxuriöse Transkontinentalreise.

Zu den Pointen des Romans gehört es sicherlich, dass sich der Geistesmensch Swann beständig – nicht nur ökonomisch betrachtet – alles andere als klug verhält, während die von den übrigen Romanfiguren fortwährend als „dumm“, „von geringer Intelligenz“ und „nicht gescheit“ bezeichnete Odette durch ihre überragenden „soft skills“ mutmaßlich alle ihre Ziele erreicht. Am Ende, nach andauernder räumlicher Entfernung von Odette, die seine Liebeskrankheit lindert, seufzt der entnervte Swann darüber, dass er sich Jahre seines Lebens verdorben habe, dass er sterben wollte, dass er seine größte Leidenschaft erlebt habe, „alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“ Man sollte meinen, er sei nun endlich fertig mit dieser Frau. Doch im sich anschließenden, anfangs sehr essayistisch gehaltenen, dritten Teil des ersten Bandes, „Ortsnamen. Namen überhaupt“ taucht Odette plötzlich wieder auf – und zwar als Madame Swann.

Marcel Proust
In Swanns Welt (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 1997
576 Seiten, EUR 13,00
ISBN 3518391712

www.justament.de, 28.6.2010: Eislecken verboten!

Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, findet Seyran Ates

Thomas Claer

Ates CoverDie deutsch-türkisch-kurdische Juristin Seyran Ates, geboren 1963 in Istanbul und als Kind nach Berlin eingewandert, ist eine Frau der Tat, die jahrelang großen Mut bewiesen hat. Als Rechtsanwältin vornehmlich im Berliner Migrantenmilieu (Schwerpunkte: Strafrecht und Familienrecht) unterstützte sie trotz ständiger Bedrohungen bis hin zu offenen Übergriffen seitens aggressiv-traditionalistischer Kreise immer wieder muslimische Frauen dabei, sich aus autoritären, oft auch gewalttätigen Familienstrukturen zu befreien. Daneben tritt sie zunehmend auch als streitbare Sachbuch-Autorin auf. Nach Erscheinen ihres hier zu besprechenden aktuellen Werkes, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“, im Oktober 2009 zog sie sich angesichts glaubhafter Morddrohungen gegen sie und ihre Familienangehörigen ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Schon 2006 hatte sie wegen ähnlicher Vorfälle vorübergehend  ihre Anwaltstätigkeit ruhen lassen.
Diesen Hintergrund muss man kennen, um dieser Autorin gerecht zu werden. Denn gegen das Buch lässt sich allerhand einwenden. Schon der reißerische Titel und die sensationsheischende Schlagzeile auf dem Buchrücken, „Ein Tabu wird gebrochen“, haben beim Rezensenten ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst. Wie soll denn eine Religion, ein Gedankengebäude aus fernen Jahrhunderten, eine sexuelle Revolution erleben können? Hat denn vielleicht das Christentum Vergleichbares erfahren? Natürlich nicht, es blieb in seinem Kern – man muss nur dem Papst zuhören – so sexualfeindlich wie eh und je, nur wurde sein gesellschaftlicher Einfluss, u.a. infolge der sexuellen Revolution in vielen westlichen Ländern in den Jahren 1968 ff., allmählich zurückgedrängt, und es öffnete sich – eher gezwungenermaßen – der neuen Zeit. Gemeint ist von der Verfasserin wohl eher, dass nicht „der Islam“, sondern, wie sie es einige Male auch selbst ausdrückt, die „muslimische Welt“ eine sexuelle Revolution benötige. Die stark von der islamischen Religion geprägten Länder und die muslimischen Bevölkerungsgruppen in den westlichen Großstädten also sind aufgerufen, sich von innen heraus zu modernisieren, dem nachzueifern, was die Befreiungsbewegungen vornehmlich der westlichen Welt während der vergangenen Jahrzehnte in ihren jeweiligen Regionen schon weitgehend erreicht haben: die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und die Emanzipation von traditionell-familiärer Bevormundung. So weit, so richtig. Nur vertritt die Autorin, man kennt ihre Positionen bereits aus Fernsehtalkshows, mitunter einen Rigorismus, der ihrem Anliegen wenig dienlich ist. Gleichwohl ist der erschütternde Befund festzuhalten, dass seit einigen Jahren sexuelle Unterdrückung und Ehrenmorde wieder weltweit auf dem Vormarsch sind.
Interessant und informativ ist das Buch vor allem als umfangreiche Stoffsammlung. Die Autorin hat in großer Zahl Frauen mit muslimischem Hintergrund (überwiegend in Deutschland) über ihr Sexualleben befragt und hier, wie die ihr vielfach entgegengebrachte Zurückhaltung und Ablehnung zeigt, tatsächlich an ein Tabu gerührt. Ein weitaus treffenderer Titel für die Publikation wäre „Schwarzbuch Sexualität in islamisch geprägten Milieus“ gewesen. Nicht wenige muslimische Frauen und Mädchen, erfahren wir, sehen sich in ihrem sozialen Umfeld einem Kontrolldruck durch männliche Familienangehörige ausgesetzt, der geradezu totalitäre Ausmaße erreicht. In manchen muslimischen Familien, so berichtet die Autorin, wird sogar kleinen Mädchen das Eislecken auf offener Straße verboten, weil es als unanständig gilt. Also darauf muss man wirklich erst mal kommen, dass das aussehen könnte, wie … Nun muss man aber wissen, dass der Islam – was ihn von fast allen anderen Religionen unterscheidet – eine durchaus sexualfreundliche Religion ist, allerdings nur für die Männer. Man könnte ihn eine Religion der Verherrlichung der männlichen Fruchtbarkeit und der strikten Unterordnung der weiblichen Sexualität unter diese innerhalb der Grenzen des gesellschaftlich Normierten nennen. Das einzige Recht der Frauen, neben dem, von ihrem Mann versorgt zu werden, ist nach traditionell-islamischem Verständnis das Recht auf Scheidung bei Impotenz oder Zeugungsunfähigkeit ihres Mannes. Im übrigen sorgen natürlich, wie Seyran Ates feststellt, gerade die unzähligen Verbote im Alltag für eine tendenziell immer sexuell aufgeladene Atmosphäre zwischen Frauen und Männern in islamisch geprägten Milieus. Der Kontrast zu unserer von sexuellem Überdruss und erotischer Übersättigung bestimmten Mehrheitsgesellschaft könnte nicht stärker sein.
So kann man letztlich beträchtlichen Gewinn aus der Lektüre des Buches ziehen, erfährt viel Erhellendes über die Sorgen unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Einige begriffliche Unschärfen und der inhaltlich abwegige, daher unnötig provozierende Titel wären bei einem umsichtigeren Lektorat sicherlich vermeidbar gewesen. Das gilt auch für den Satz auf S.189, dass es die Türken bewegt habe, „als die Türkei 2008 bei der Fußball-Weltmeisterschaft zum ersten Mal ins Halbfinale kam“. Hier muss entweder die Weltmeisterschaft 2002 oder die Europameisterschaft 2008 gemeint sein. So, wie es dasteht, ist es jedenfalls verkehrt. In der Generation der Verfasserin gehört es für Frauen wohl noch zum guten Ton, nichts vom Fußball zu verstehen …

Seyran Ates
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift
Ullstein Verlag Berlin 2009
219 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-550-08758-5

Justament April 2010: Der absolute Imperativ

Peter Sloterdijks tiefschürfendes anthropologisches Werk “Du musst dein Leben ändern”

Thomas Claer

Cover SloterdijkMan kann sich den Buchautor Peter Sloterdijk, das “bekannteste Gesicht deutscher Gegenwartsphilosophie” (SZ), gut als Kapitän eines Schiffes vorstellen, mit dem er seine Leser unterhaltsam und sachkundig über die Ozeane des Denkens führt und dabei mal hier, mal dort anlegt, an den Kontinenten der westlichen, aber auch östlichen Philosophie ebenso wie an den vielen verstreuten Inseln der Ideen- und Ereignisgeschichte, um dann schließlich auf dem Eiland seines eigenen philosophischen Denkens vor Anker zu gehen. Jeweils stehen diese “Rundreisen” unter einem bestimmten Motto: Zynismus, Globalisierung, monotheistische Religionen …
Und diesmal sind das Thema die “Anthropotechniken”, d. h. im sloterdijkschen Sinne die Selbstoptimierungsprozesse durch menschliches Verhalten im Wege gezielter Askesen (griechisch ganz allgemein für Übungen). Was wir als Religionen kennen, das sind für Sloterdijk nur beispielhafte Übungen dieser Art, andere wären etwa sportlicher oder künstlerischer Natur. Der Mensch als Übender also, das ist der zentrale Begriff in Peter Sloterdijks neuer Anthropologie. Als Stichwortgeber fungiert hierbei Friedrich Nietzsche, der in der “Genealogie der Moral” inmitten seiner Polemik gegen die priesterlichen Asketen, die “das Leben wie einen Irrweg” behandeln, den Asketismus an sich als eine “der breitesten und längsten Thatsachen, die es gibt” ausmacht. Explizit Übende sind für Sloterdijk alle Menschen, die dem ursprünglichsten aller ethischen Impulse folgen, dem “absoluten Imperativ”, der da – entsprechend dem Schlusssatz des berühmten Sonetts “Archaischer Torso Apollos” von Rainer Maria Rilke – lautet: Du musst dein Leben ändern! Entscheidend ist der Ausbruch aus den bloßen Gewohnheiten durch ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu einer “Vertikalen”. Das war der Impuls der ersten Asketen, der antiken Sportler, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit perfektionierten. Nach der “Spiritualisierung der Askesen” in den Klöstern des Mittelalters setzte mit der heraufziehenden Moderne allmählich die Entspiritualisierung der Übungen ein, die letztere in zielgerichtete Naturbeherrschungs- und Erwerbsprozesse trug. Dieser Großzyklus neigt sich nun seinem Ende zu. Und als eine Art wiederholende Renaissance oder gar als “anthropotechnische Wende” deutet Sloterdijk die geistigen Umwälzungen unserer Tage. Was uns derzeit als Wiederkehr der Religionen erscheint, sei nur ein Symptom für den Hunger der Menschen nach neuen Askesen. Aktueller Absender des Rilkeschen Appells sei die globale Krise, die alle zur Umkehr aufrufe, die Ohren zum Hören hätten.
Das klingt zum Ende hin, zumal in der hier unvermeidlich komprimierten Form, reichlich esoterisch. Und das ist es letztlich auch: Selbst wer jeden der in gewohnter sprachlicher Meisterschaft präsentierten einzelnen Abschnitte (deren Inhalt hier unmöglich rekapituliert werden kann) für sich genommen als plausibel erachtet, wird mit der conclusio so seine Probleme haben. Erst auf den letzten hundert Seiten wird ein Einwand aufgenommen, den wohl mancher Leser über viele hundert Seiten (und damit mehrere Wochen lang) stillschweigend mit sich herumgeschleppt haben mag: Irgendwo ist doch schließlich jeder Mensch ein Übender, “man kann nicht nicht üben”, schreibt Sloterdijk schließlich selbst. Aber wo genau verläuft dann die Grenze zwischen den explizit und den nur gewohnheitsmäßig Übenden? Bei seiner ambitionierten Weltumseglung ist Kapitän Sloterdijk gewissermaßen kurz vor dem Ziel auf einer Sandbank gestrandet, was jedoch keineswegs heißt, dass sich die Reise bis hierhin für die Passagiere nicht gelohnt hätte. Wieder abgeholt werden sie von ihm allemal.

Peter Sloterdijk
Du musst dein Leben ändern. Über Religion, Artistik und Anthropotechnik
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009
712 Seiten, EUR 24,80
ISBN 978-3-518-41995-3

www.justament.de, 8.3.2010: Karrieretipps aus Entenhausen

Eine Comic-Biographie über “Onkel Dagobert. Sein Leben, seine Milliarden”

Thomas Claer

Cover Onkel DagobertEin 10-Jähriger Abkömmling eines verarmten schottischen Adelsgeschlechts verdient sich im Schweiße seines Angesichts seinen ersten Zehner als Schuhputzer in Glasgow anno 1877. So beginnt die Comic-Biographie der reichsten Ente aller Zeiten, erstmals 2003 auf Deutsch in zwölf Kapiteln erschienen und nun um nicht weniger als acht eingeschobene Zusatzkapitel erweitert, die das Werk zum Teil erheblich bereichern. Mit viel Liebe zum Detail hat Don Rosa, Schüler des bekanntesten Disneyzeichners und Dagobert-Schöpfers Carl Barks (1901-2000), den Stoff seines Meisters fortgewebt und aus den versprengten Rückblenden in etlichen Donald Duck-Geschichten den Lebenslauf des kauzigen alten Enterichs rekonstruiert und phantasievoll ergänzt.
Onkel Dagobert, der Gründer von Entenhausen, der es am Ende auf ein Vermögen von fünf Fantastilliarden und neun Trillionen Talern sowie sechzehn Kreuzern bringen wird, hat also, so erfahren wir, klein, ganz klein angefangen. Was er aber von Anfang an schon mitbrachte, war sein unbedingter Fleiß und Ehrgeiz. Härter werden als alle anderen und auf ehrliche Weise sein Geld verdienen, das wurde ihm zur Lebensmaxime. Sein Weg war steinig und erst nach unzähligen Versuchen, die ihn in die unterschiedlichsten Ecken der Welt verschlugen, von Erfolg gekrönt. Im Alter von 35 Jahren hatte er es dann geschafft: Der Fund und die anschließende Ausbeutung einer Goldmine in Klondike im Norden Kanadas im Jahre 1902 brachte ihm seine erste Million, die sprichwörtlich immer am schwersten verdiente. Mit diesem Startkapital versehen mutierte er zum genialen Investor, erwarb zunächst die örtliche Bank von Dawson, später Beteiligungen an allerhand Unternehmen verschiedenster Branchen (Methode Buffett), kaufte beim großen Börsenkrach 1929 an der Wallstreet werthaltige Aktien zu Spottpreisen, wurde Milliardär und schließlich – noch vor dem Maharadscha von Zasterabad – zum reichsten Mann der Welt.
Sehr realistisch werden die vielfältigen Hindernisse auf Dagoberts Weg zum Erfolg gezeichnet, genretypisch unrealistisch hingegen, wie er diese allesamt überwindet, nämlich vor allem dank seiner unbändigen Willenskraft, die ihn ein ums andere Mal über sich hinauswachsen lässt. Dabei erscheint Dagobert als Muster des amerikanischen Selfmademans. Nie war er sich für irgendeine Arbeit zu schade, und doch hat er im Leben immer nur das gemacht, was ihm Freude bereitete. “Das Geheimnis wahren Glücks”, so lautete eine seiner Weisheiten, “ist, seine Arbeit zu genießen … und niemand genießt seine Arbeit so sehr wie ich!” Fast alles unternahm er auf eigene Faust, getreu dem Schillerschen Motto “Der Starke ist am Mächtigsten allein.” Das machte ihn bereits in der Goldgräberstadt Dawson allseits unbeliebt, weil er die Erträge seiner Grabungen stets zur Bank brachte, statt sie, wie es alle anderen taten, im Saloon zu verjubeln. Sparsamkeit ist eine Tugend, aber Geiz ist ein Laster. Der Sparsame gönnt nur sich selber (noch) nichts, weil er noch Größeres vorhat, der Geizige aber gönnt auch den anderen nichts und spart auf ihre Kosten. Die Übergänge sind fließend und Dagobert war beides, ließ regelmäßig seine Verwandten für einen Hungerlohn (Donald bekam dreißig Kreuzer die Stunde) für ihn schuften.
Immerhin kam – anders als für die Glücksritter unserer Tage – für den grundsoliden Dagobert bei seinen Unternehmungen nur eine Eigenkapitalquote von 100 Prozent infrage. Lediglich ein einziges, aber entscheidendes Mal, er war “abgebrannt” auf dem Weg zu “seiner” Goldmine und die Zeit drängte, musste er zum “schändlichsten aller Mittel” greifen, zum Kredit. Das brachte ihm eine lebenslange Feindschaft mit dem gaunerhaften Geldverleiher Shandy Shofel ein, einer fabelhaft diabolischen Figur, die, nebenbei bemerkt, eine verblüffende physiognomische Ähnlichkeit mit einem meiner früheren Mitschüler aufweist, der es inzwischen ganz real zum Millionär gebracht haben soll.
Ein rechter Geizhals beschränkt sich natürlich auch nur auf eine einzige Dame seines Herzens (alles andere wäre ja Verschwendung), und diese ist für Dagobert die schöne Saloon-Betreiberin Nelly, genannt der “Stern des Nordens”, die ihm anfangs seine geschäftsschädigende Abstinenz in ihrem Hause sehr verübelte. Um ein Haar wäre er ihr ganz nahe gekommen, er hielt schon alle Trümpfe in der Hand, verdarb aber alles, indem er ihr für die mehrwöchige harte Arbeit in seiner Goldmine einen Lohn von nur 50 Cent pro Tag auszahlen wollte. Anrührend ist dann das zarte Wiedersehen der jeweils ergrauten Nelly und Dagobert Jahrzehnte später im fünften Ergänzungskapitel.
Im Jahr 1947, im Alter von 80 Jahren, ist Dagobert eigentlich ein mürrischer alter Mann, aber die unerwartete Begegnung mit seinem Neffen Donald und vor allem mit seinen Großneffen Tick, Trick und Track weckt noch einmal alle seine Lebensgeister. Nicht zuletzt findet er in ihnen dankbare Zuhörer für seine alten abenteuerlichen Geschichten. Inzwischen bereitet ihm das Stöbern in seiner verstaubten Kiste mit alten Erinnerungsstücken deutlich mehr Spaß als die Vermögensverwaltung. Ihm wird klar: Der Weg war das Ziel. Reich geboren zu sein ist vergleichsweise öde, wenn man sich seinen Reichtum auch in einem abenteuerlichen Leben selbst zusammenschaffen und -raffen kann.

Don Rosa
Onkel Dagobert. Sein Leben, seine Milliarden
Ehapa Comic Collection / Egmont 2009
496 Seiten, EUR 29,95
ISBN-10: 3770432452

www.justament.de, 18.1.2010: Er irrt sich ständig!

Rainer Erlingers unterhaltsame Moralkolumnen als Taschenbuch

Thomas Claer

Cover ErlingerWas richtig und was falsch ist im Leben, wie man sich in dieser oder jener Situation am besten verhalten sollte, wer weiß das schon immer ganz genau? Da ist es doch schön, dass es jemanden gibt, der mehr weiß als wir alle. Unzählige Leser des Magazins der Süddeutschen Zeitung fiebern Woche für Woche der Erlinger-Kolumne entgegen, die es inzwischen zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Jeden Freitag beantwortet Dr. jur Dr. med Rainer Erlinger, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Medizinrecht aus München, eine konkrete Frage der Alltagsmoral, die ihm von einer Leserin oder einem Leser angetragen wurde. Er führt das Problem dann zumeist auf widerstreitende moralphilosophische Grundprinzipien zurück, wägt das Für und Wider gewissenhaft ab – und fällt dann sein salomonisches Urteil. Das Problem und gleichzeitig das Schöne dabei ist aber, dass seine Ratschläge so oft dem eigenen Urteil widersprechen. Man kann sich als langjähriger süchtiger Leser seiner Kolumne so wunderbar über ihn aufregen!
Beispielhaft seien hier nur drei besonders eklatante Fehlurteile aufgeführt: Erster Fall: Es fragt ein Leser, der neben einer türkischen Frau mit Kopftuch an der Supermarktkasse steht und sieht, wie diese Gummibärchen mit Gelatinezusatz für ihre Kinder kauft, allen Ernstes, ob er die Dame nicht eigentlich darauf hinweisen müsste, dass der Gelatinezusatz vom Schwein stammt und daher in ihren Augen doch bestimmt nicht helal sein wird. Und was antwortet Erlinger darauf? Gewiss doch, man müsse sich stets um seine Mitmenschen bemühen und sie darauf aufmerksam machen, wenn ihnen Unheil drohe – und sei es auch nur nach ihren eigenen Maßstäben. Ich spare mir hier eine ausführliche Begründung meiner Auffassung, dass sich jemand, der so fragt, nicht wundern sollte, wenn er – Pardon! – mal “eine reingehauen” bekommt. Die einzig angebrachte Antwort auf ein solches Ansinnen wäre der Satz – Nochmal pardon! – “Verarschen kann ich mich alleine.”
Zweiter Fall: Da wurde unser Moralkolumnist regelrecht ausfällig gegen Knoblauch- und sogar Bärlauchesser. Die sollten das, Erlinger zufolge, entweder bleiben lassen oder nicht unter Menschen gehen. Ja, wo leben wir denn? Es verbietet sich zwar an dieser Stelle, noch irgendetwas gegen die Raucher zu sagen, das wäre übelstes Nachtreten. Aber wer Knoblauch isst, tut das in der Regel nicht im Büro, und die Folgeausdünstungen sind denen der Raucher nach der Zigarettenpause in der Intensität vergleichbar. Schließlich fiele es doch auch nicht dem militantesten Nichtraucher ein, den Rauchern den sozialen Umgang nach ihrem Laster zu verbieten. Sollen die Knoblauchverächter doch einfach Abstand halten!

Dritter Fall: Ein Leser aus München fragte, ob es unmoralisch sei, wenn er als Student manchmal zur Aufbesserung seines Salärs im Park herumliegende Pfandflaschen mitnehme. Man habe ihn ermahnt, er würde so die Obdachlosen um ihre Einnahmequelle bringen. Genau, sagt Erlinger, die Pfandflaschen sind für die Obdachlosen. So schlecht gehe es keinem Studenten, dass er so etwas machen müsse. Na meine Herren! In unserem Berliner Kiez sammelt einer, wahrscheinlich ein “Hartzer”, tagaus, tagein Pfandflaschen in großer Zahl. Wenn er vor mir am Pfandflaschenautomat bei Edeka steht, muss ich manchmal schon sehr lange warten, bis er endlich alle im Gerät versenkt hat. Der ist mitnichten ein Obdachloser, der wohnt schräg gegenüber von uns. “Nach Pfandflascheneinnahmen” hat er sicherlich mehr im Portemonnaie als so mancher Student – außer im Winter, da sieht es deutlich schlechter aus. Ist dieser Mann jetzt auch unmoralisch, weil er den Obdachlosen etwas wegnimmt? Oder ist derjenige unmoralisch, der diesem Manne “seine Pfandflschen” wegnimmt, weil die doch zu seinem Lebensunterhalt beitragen? Oder sind womöglich alle die unmoralisch, die ihre Pfandflaschen für ihn liegen lassen, da er sich doch seine Einnahmen bestimmt nicht auf sein Hartz IV anrechnen lässt? Andererseits arbeitet er härter für sein Geld als manch anderer …
Sicherheitshalber keinen Kommentar gebe ich zu folgendem Fall ab: Ein Leser hat ein 9-Uhr-S-Bahnticket. Sein Zug, den er unbedingt nehmen muss, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, fährt um 8.58 Uhr ab. Bis zur nächsten Station gibt es niemals Kontrollen. Unmoralisch? Klar, sagt Erlinger. Auch bei Kleinigkeiten, sagt er, muss es immer ums Prinzip gehen. Selbstverständlich begrüßt er auch die Kündigungen wegen eines Kassenbons, eines Brötchens oder einer Frikadelle im Grundsatz und plädiert allenfalls für punktuelle Gnade im Einzelfall. Manchmal spricht Erlinger aber auch dem Leser aus dem Herzen: Wer nur verschenkt, was ihm selbst gefällt, aber dem Beschenkten vielleicht nicht, beschenkt sich doch letztlich nur selber. Dies und vieles andere nachlesen kann man mittlerweile in mehreren Sammelbänden, von denen der hier anzuzeigende nun auch als Taschenbuch vorliegt. Da kann man nur allen Lesern eine muntere Diskussion wünschen!

Rainer Erlinger
Wenn Sie mich fragen: Antworten zu Fragen der Alltagsmoral
Taschenbuch
Goldmann Verlag 2009
272 Seiten, EUR 7,95
ISBN-10: 3442169941

Justament Dez. 2009: Juristin lehrt das Dichten

Martina Weber gibt eine Anleitung zum “Lyrik schreiben und veröffentlichen”

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Martina Weber 21ivOqb%2BjCL._SL500_AA180_Manche Zeitgenossen, die ausdrücken wollen, dass etwas vielleicht schön formuliert, aber völlig unwichtig und überflüssig ist, dass ihm jede Relevanz für die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens, nämlich die geschäftlichen, abgeht, die nennen das Besagte schlicht und ergreifend “Lyrik”. Wenn einer “Lyrik” redet oder schreibt, dann kommt er nicht zum Punkt und raubt seinen Mitmenschen nur ihre Zeit und Aufmerksamkeit. Und dieser Ausdrucksweise liegt scheinbar ein weit verbreitetes Urteil über die eigentliche Lyrik, also die Dichtkunst, zugrunde. Seit einigen Jahrzehnten schon sind Gedichte, so scheint es, aber so was von verpönt, geradezu ein Anachronismus. Schließlich machen Gedichtbände auch nur einen winzigen Bruchteil der Umsätze an literarischen Büchern aus.

Und doch hat sich in den letzten Jahren, abseits vom Mainstream, etwas entwickelt, das in dem vorliegenden, bereits in zweiter Auflage erschienenen Bändchen der Frankfurter Juristin und Lyrikerin Martina Weber seinen Ausdruck findet: “Viele Menschen haben ein echtes Bedürfnis, literarische Texte zu schreiben, wissen aber nicht, wie sie es anfangen sollen …”, heißt es im Vorwort. An Leser mit solchen Interessen und Ambitionen, die auch die immer zahlreicher werdenden Poetenwerkstätten und Seminare für literarisches Schreiben bevölkern, richtet sich das vorliegende Werk. Es besteht, analog zu seinem Subtitel, aus zwei Teilen: einem ersten, der die Dichtkunst als ein durch gezielte Aufmerksamkeit und Übung erlernbares Handwerk darstellt, und einem zweiten, der aufzeigt, wie und auf welche Weise die Gedichte im Wege der “Veröffentlichung” den Weg zu den Lesern finden können. Neben der Verfasserin haben noch mehrere andere Autoren, überwiegend ihrerseits Lyriker, einzelne Passagen und Kapitel beigesteuert.

Schon auf den ersten Seiten werden sich all jene bestätigt fühlen, die solcher Ratgeber-Literatur, erst recht einer auf literarisches Schreiben bezogenen, skeptisch gegenüber stehen: “Aus der Offenheit des Lyrikbegriffs folgt, dass man niemandem sagen kann, wie er ein Gedicht zu schreiben hat”, räumt die Autorin ein. Ein Gedicht kann so ziemlich alles und nichts sein, solange es nur aus mindestens zwei Zeilen besteht, erfahren wir. Was also kann eine Anleitung zum Dichten da überhaupt noch leisten? Zunächst zeigt die Autorin auf, was nach ihrer Ansicht gute Lyrik ausmacht und woran man schlechte erkennen kann: Gute Lyrik erzeugt im Leser Gefühle, überrascht den Leser, z.B. durch Zeilensprünge, unerwartete inhaltliche Wendungen, Brüche im Gedankengang und im Rhythmus, ungewöhnliche Bilder und Aussagen, Mehrdeutigkeit, Pointen, Wortspiele, Witz und Humor. Zu vermeiden wären hingegen Klischees, Trivialität und Abstrakta (“Drei Orangen sind sinnlicher als Obst.”). Alle diese Punkte, an deren Evidenz wohl kaum jemand zweifeln dürfte, werden in den folgenden Kapiteln noch ausführlich erläutert und mit Beispielen besonders gelungener, manchmal auch missratener Lyrik untermauert. Vor allem diese mit Bedacht ausgewählten Zitate machen auch dem interessierten Laien schnell deutlich, ob, wann und warum ein Gedicht etwas taugt. Auf diese Weise präpariert kann der Leser dann eigene Versuche unternehmen. Die durchweg brauchbaren Tipps zur Veröffentlichung der Resultate tun ihr übriges.

Indessen verdichten sich die Anzeichen für eine Lyrik-Renaissance weiter: Nicht nur, dass unsere Schulkinder nach dem Pisa-Schock inzwischen wieder so viele Gedichte einpauken müssen, wie seit 1968 nicht mehr. In der “Wetten, dass…?”-Sendung vom 7.11.2009 präsentierte Popstar Lady Gaga ein riesiges Tattoo mit Versen von Rainer Maria Rilke auf ihrem linken Oberarm. Lyrik ist en vogue, heißt das. Vielleicht wird ja die Lyrik im Zeitalter der neuen Medien – gerade wegen ihrer Kürze und Prägnanz – sogar die literarische Form der Zukunft sein. Allen, die nun selber dichten wollen, ob mit oder ohne Ratgeber, sei noch das rekordverdächtig kurze Gedicht Erich Kästners ans Herz gelegt: Es gibt nichts Gutes / Außer: Man tut es.

Martina Weber
Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen
2. vollständig überarbeitete Auflage
Uschtrin Verlag München 2008
236 Seiten, EUR 18,90
ISBN 978-3-932522-09-3

Informationen:
http://www.uschtrin.de/weber.html

Justament Okt. 2009: Entzückendes Pumphöschen

Martin Mosebachs “Die Türkin” als Taschenbuch

Thomas Claer

Cover MosebachSo kann es kommen in unserer “durchmischten und durchrassten Gesellschaft” (Den Begriff prägte vor langer Zeit der heutige EU-Sonderbeauftragte für Demokratie- äääh Bürokratieabbau in Brüssel.): Ein 36-jähriger frisch gebackener Doktor der Kunstgeschichte verliebt sich Hals über Kopf in eine überaus hübsche blutjunge türkische Wäschereimitarbeiterin, die alsbald von ihrer Familie in die Türkei zurückgeholt wird. Der pedantisch streberhafte Ehrgeizling, ein regelrechter Kotzbrocken, der sich bevorzugt um den Zustand seiner Oberhemden sorgt, wirft daraufhin alle Karrierepläne über den Haufen – eigentlich sollte er bei einem angesehenen Antiquar in New York anheuern – und folgt der Angebeteten ins ländlich-patriarchalische Milieu nach Lykien im Südwesten der Türkei. Dort erlebt er letztlich sein blaues Wunder, gewinnt aber tiefe Einblicke in die fremdartige Landschaft, Tradition und Kultur.

Davon handelt, kurz gesprochen, der bereits 1999 erschienene Roman “Die Türkin” des inzwischen viel gerühmten schriftstellernden Juristen Martin Mosebach. Seit dieser sich, bedingt durch seine Auszeichnung mit dem Büchner-Preis 2007, ein breiteres Publikum erschlossen hat, kommt es nun vermehrt zu Neuauflagen seiner früheren Werke als Taschenbuch, so geschehen auch mit der “Türkin”.

Zweifellos gehört Mosebach zu den Schriftstellern, die polarisieren: Er pflegt einen opulenten, gehobenen, also nicht gerade zeitgemäßen Sprachstil, der neben viel Bewunderung auch häufig Vorbehalte im Literaturbetrieb weckt. Hinzu kommt der Vorwurf, er transportiere in seinen Romanen ein durch und durch reaktionäres Weltbild. Vor allem müht sich mein lieber Kollege Thomas Wagner von der “Jungen Welt” seit Jahren nach Kräften, ihm ein solches nachzuweisen. Nicht den Büchner-Preis, nein, den Ernst-Jünger-Preis, den man allerdings erst noch eigens dafür ins Leben rufen müsse, hätte Mosebach verdient gehabt, sagte mir Wagner vor etwas über einem Jahr auf einer Feier. Und so ging ich also entsprechend sensibilisiert in meine erste Begegnung mit dem Romanautor Mosebach.

Nun, es stimmt schon: Die Bewunderung des Helden für die Geordnetheit der engen patriarchalischen Welt, dass die Pumphosen und Kopftücher die schönen Frauen doch sehr gut kleiden, dass Männer und Frauen aus gutem Grund streng getrennt und die Frauen mit Recht in Abgeschlossenheit gehalten werden, ja dass auch Zwangsheiraten irgendwie doch ganz in Ordnung seien – alle diese Gedanken des Erzählers kann man durchaus reaktionär finden. Doch ist das gewiss kein Einwand gegen den Roman, denn es entspricht seiner inneren Logik, und schließlich ist das Hinterfragen unserer westlich-aufgeklärten Selbstgewissheit so legitim wie es künstlerisch ergiebig sein kann. Problematisch ist eher die sprachlich-stilistische Seite, denn dem sehr hohen Anspruch, den der Autor erhebt, vermag er nicht immer gerecht zu werden. So geraten ihm die reflektierenden Passagen des Helden, insbesondere dessen ausgiebige Landschaftsschilderungen und die schwüle Ausbreitung seiner Liebesqualen, mitunter zu einer fast schon quälenden Langatmigkeit, wofür aber andererseits der überaus dramatische und rasante Schluss des Romans entschädigt. Im übrigen rechtfertigt der namenlose Romanheld seine chronisch uncharmante Art mit den bedenkenswerten Worten: “Was gemeinhin als charmant gilt, ist doch bei Licht gesehen oft recht ekelhaft. Es wird in sachliche und vernünftige Beziehungen da immer etwas Schmieriges hineingemischt, und geschmiert werden soll ja auch, es sollen Vorteile erreicht und eingestrichen und Zugeständnisse erzwungen werden, die den, der sie macht, schädigen, denn die Gegenleistung soll ja in dem bewussten Charme bestehen.” (S.216 f.) Fazit: Leser mit besonderer Affinität zur Thematik können getrost zugreifen, andere sollten sich lieber an die übrigen Roman des Verfassers halten.

Martin Mosebach
Die Türkin
Deutscher Taschenbuchverlag München 2008
287 Seiten, EUR 8,90
ISBN 342313674X

www.justament.de, 23.3.2009: Mensch bleiben!

Nietzsche ist ein verkannter Rechtsphilosoph, findet Jens Petersen

Thomas Claer

Cover NietzscheWie der Leibhaftige persönlich muss uns guten, anständigen Juristen der Philosoph Friedrich Nietzsche (1844-1900) vorkommen. Denn nahezu alles, was uns lieb und teuer ist, wozu man uns jahrelang – gleichsam mit Zuckerbrot und Peitsche – erzogen hat, wurde von diesem Denker aufs Entschiedenste abgelehnt: Nietzsche befürwortete ausdrücklich eine Rangordnung und Ungleichheit der Menschen vor dem Gesetz, der Staat war für ihn „das kälteste aller kalten Ungeheuer“ und eine „organisierte Unmoralität“, staatliches Strafen war in seinen Augen nichts Anderes als Rache und jede Strafzumessung willkürlich. Hinzu kommt seine Auffassung, dass „es kein Recht gibt, das nicht in seinem Fundamente Anmaßung, Usurpation, Gewalttat ist“. Und schließlich beruhten alle Systeme, ob die seiner philosophischen Kollegen Kant und Hegel oder das der Rechtsdogmatik, auf einem „Mangel an Rechtschaffenheit“.

Es verwundert nicht, dass Rechtsgelehrte die längste Zeit einen großen Bogen um diesen Philosophen machten, zumal der sich aufgrund seiner unsystematischen und aphoristischen Darstellungsweise auch jeder geordneten Untersuchung zu entziehen schien. Doch spätestens seit den Wendejahren vor zwei Jahrzehnten gilt der einst von den Nazis instrumentalisierte Nietzsche als nicht mehr allzu sehr politisch anrüchig und wird inzwischen weltweit als der große Theoretiker und Prophet der Moderne („Gott ist tot!“) geschätzt und verehrt. So kam es, dass sich ihm eines Tages auch die Juristen nicht mehr länger verweigern konnten. Mit besonderer Gründlichkeit hat sich nun Jens Petersen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut in Rom, des Themas angenommen und aus Nietzsches umfangreichem Gesamtwerk so ziemlich alles zusammengetragen, was sich im juristischen Kontext verwerten lässt. Und siehe da: Die Gedanken des Systemverweigerers Nietzsche zu Recht und Gerechtigkeit erweisen sich als erstaunlich systematisch. Vor allem aber setzt der Verfasser viel daran, Nietzsche als Rechtsphilosophen zu etablieren, der bei aller ätzenden Kritik am Bestehenden durchaus eine konstruktive Vorstellung von Gerechtigkeit hatte. Die entscheidende Passage aus „Menschliches; Allzumenschliches“ lautet: „Es gibt freilich auch eine ganz andere Gattung der Genialität: die der Gerechtigkeit … Ihre Art ist es, mit herzlichem Unwillen allem aus dem Weg zu gehen, was das Urteil über die Dinge blendet und verwirrt; sie ist folglich eine Gegnerin der Überzeugungen, denn sie will jedem, sei es ein Belebtes oder Totes, Wirkliches oder Gedachtes, das Seine geben – und dazu muss sie es rein erkennen; sie stellt daher jedes Ding in das beste Licht und geht um dasselbe mit sorgsamem Auge herum.“ Das ist zwar, wie auch der Verfasser erkennt, „keine auf das Recht selbst bezogene inhaltliche Idee der Gerechtigkeit“, aber doch eine „Erscheinungsform juristischer Urteilskraft“. Letztere wiederum hält Nietzsche für ganz entscheidend, denn „die schrecklichsten Leiden sind gerade aus dem Gerechtigkeitstriebe ohne Urteilskraft über die Menschen gekommen“. Doch dürfe andererseits, so Nietzsche, der Gerechte kein „kalter Dämon der Erkenntnis“ sein, der eine „eisige Atmosphäre einer übermenschlich, schrecklichen Autorität“ ausbreite. Erst dadurch, dass er „ein Mensch ist, … stellt ihn dies alles in eine einsame Höhe hin, als das ehrwürdigste Exemplar der Gattung Mensch“. Ganz Ähnliches verlangte einst auch Adolf Tegtmeier (Jürgen von Manger) als Schwiegermuttermörder von seinem Richter: „Man muss doch irgendwie, äh, Mensch bleiben, näch?“

Jens Petersen

Nietzsches Genialität der Gerechtigkeit

De Gruyter Recht, Berlin 2008

251 Seiten, EUR 48,00

ISBN 978-3-89949-473-0