Justament April 2009: Ungleiche Brüder

Recht cineastisch, Teil 2: “Buddenbrooks”

Thomas Claer

BuddenbrooksDie Erwartungshaltung anlässlich der vierten Verfilmung von Thomas Manns Roman “Buddenbrooks” (1901) war so groß, dass sie eigentlich nur enttäuscht werden konnte. Stolze 16,2 Millionen Euro kostete die hochkarätig besetzte Herstellung, für die mitproduzierende “Bavaria Film” war es das teuerste Projekt seit “Das Boot”. Und so hagelte es nach der Premiere auch reichlich Verrisse, wurden dem Film zahlreiche Mängel vorgeworfen: von der “Fernsehserien-Perspektive” der Kamera über den schwülstigen Bombast der Musik bis zur übertriebenen Inszenierung zeittypischer Details, die den damaligen Akteuren doch stinknormaler Alltag gewesen sein müssen. Auch sei bei der Straffung der sehr umfangreichen Geschichte vom Aufstieg und Niedergang der Lübecker Kaufmannsfamilie auf nur 150 Minuten allzu viel Wesentliches ausgespart geblieben.
Nun haben diese Einwände durchaus ihre Berechtigung, fallen aber angesichts der herausragenden schauspielerischen Umsetzung gar nicht sonderlich ins Gewicht. Geringe Abstriche muss man an Jessica Schwarz’ Spiel als Tony Buddenbrook machen, aber nicht unbedingt aufgrund ihrer die Romanvorlage weit übertreffenden “überirdischen Schönheit”, wie Willi Winkler in der Süddeutschen meinte. Vielmehr ist zumindest bei der jungen, 18-jährigen Tony, die sich nicht völlig unzutreffend selbst als “dumme Gans” bezeichnet, die überaus reife und charaktervolle Ausstrahlung der Darstellerin ein Störfaktor, der wohl auch mit größter maskenbildnerischer Kunst kaum zu beseitigen gewesen wäre. Vortrefflich hingegen passen sich Mark Waschke und August Diehl ihren Rollen als Thomas und Christian Buddenbrook an. Vielleicht ist die überzeugende Darstellung des ewig prekären Verhältnisses zwischen den beiden Brüdern sogar der größte Vorzug dieser Verfilmung, eskalierend im kompromittierenden Diktum des kunstinteressierten, hypochondrischen Lebemannes Christian “Eigentlich und bei Lichte besehen ist doch jeder Geschäftsmann ein Gauner.” Bruder Thomas, der sich pflichtbewusst der Firma widmet, bekennt später gegenüber Christian: “Ich bin geworden, wie ich bin, weil ich nicht so werden wollte wie du.” Schließlich stirbt Thomas Buddenbrook im Jahre 1875 mit nur 48 Jahren an den Folgen einer missglückten Zahnextraktion ohne Betäubung.
Die im Unterschied zu den eher steifen Vorläufern fast schon poppige Interpretation der Vorlage sorgt für hohen Unterhaltungswert, ohne den Stoff übermäßig zu trivialisieren. Es ist vor allem aber auch die Magie der Geschichte selbst, die den Film zu einem Ereignis macht. Langeweile wird allenfalls empfinden können, wer das Buch nicht gelesen hat.

Buddenbrooks
Deutschland 2008
Regie: Heinrich Breloer
Drehbuch: Heinrich Breloer, Horst Königstein
150 Minuten, FSK 6

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