Tag Archives: Schlager

justament.de, 30.3.2026: Lässig wie ein Tiger

Scheiben Spezial: Vor 50 Jahren erschien der Song “Schmidtchen Schleicher” von Nico Haak

Thomas Claer

“Schmidtchen Schleicher” war mein Lieblingslied im Kindergarten. Immerzu lief dieser Song seinerzeit im Radio und auch sonst überall, und wir kleinen Knirpse sangen ihn lauthals mit, so oft es ging. Schon lange vor meiner Einschulung kannte ich den Text auswendig und konnte auch präzise den holländischen Akzent des Sängers Nico Haak imitieren. Dieser rasante schlagerhafter Popsong hatte alles, was ein gutes Lied haben sollte: Ohrwurm-Melodie, swingenden Rhythmus, einen witzigen Text und einen charismatischen Sänger mit lustiger Aussprache. Manchmal korrigierten uns die Kindergarten-Erzieherinnen, wenn wir den Text von “Schmidtchen Schleicher” nicht richtig verstanden hatten.

Was ich damals noch nicht wissen konnte: Ursprünglich war dieses Lied unter dem Titel “Foxy Foxtrot” auf Holländisch erschienen. Sein Sänger Nico Haak, der in Deutschland erst durch diesen Song bekannt wurde, war in den Niederlanden ein beliebter Show-Man und Entertainer. Während der deutsche Text von einem begeisterten Hobby-Tänzer und Party-Löwen handelt, einem Frauen-Schwarm mit Allerweltsnamen und Alkoholproblem, ist der holländische Original-Text allein auf das Foxtrott-Tanzen seines Protagonisten fokussiert, das dieser, so heißt es dort, auch noch bis ins sehr hohe Alter fortzusetzen gedenke. Für seinen Interpreten Nico Haak endete dieser allzu konkrete Zukunfts-Ausblick allerdings tragisch, denn er verstarb bereits 1990 im Alter von gerade einmal 51 Jahren.

Ganz ähnlich hat dieser Fluch des übergenauen Zukunfts-Szenarios beim Hamburger-Szene-Sänger Lonzo Westphal gewirkt, der sich im berühmten Song “Hamburg 75” detailliert als künftiger Insasse eines Altersheims im fernen Jahr 2010 beschrieben hatte, tatsächlich jedoch bereits 2001 im Alter von erst 49 Jahren das Zeitliche segnete. Entsprechend groß war die spätere Erleicherung beim Schweizer Performance-Künstler und Yello-Musiker Dieter Meier, der auf der Documenta 1972 eine gusseiserne Platte auf dem Bahnhofsplatz von Kassel installieren lassen hatte, die ankündigte, dass er, Dieter Meier, dort am 23. März 1994 von 15 bis 16 Uhr stehen werde – was er 22 Jahre später dann auch wirklich tat. Ihm sei, so Meier im Nachhinein, nicht wohl dabei gewesen, das Schicksal auf diese Weise herausgefordert zu haben, denn es hätte ja auch etwas dazwischenkommen können…

Der Text der deutschen “Foxy Foxtrot”-Version “Schmidtchen Schleicher” behandelt im übrigen ein spezifisches Phänomen der insbesondere deutschen Nachkriegszeit, nämlich den von vielen Damen umschwärmten männlichen Frauenliebling (“Alle Frauen werden weich / Wenn ich lässig wie ein Tiger über den Tanzboden schleich”). Wie auch in “Mit 18” von Marius-Müller-Westernhagen (“An Mädchen hat es uns nie gemangelt, auch ohne ‘n dickes Konto”) macht sich hier der in diesen Generationen erhebliche Frauen-Überschuss infolge der zahlreichen männlichen Weltkriegstoten und -versehrten bemerkbar. Nämliches war auch schon nach dem Ersten Weltkrieg in der Weimarer Republik der Fall. (“Du hast Glück bei den Frau’n, Bel Ami” von Lizzi Waldmüller oder “Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n” von den Commedian Harmonists). Und so heißt es bei Nico Haak: “Dann liegen sie in seinen Armen, den weichen / Und flüstern ‘Schmidtchen, ist das schön, mit dir zu schleichen'”. Von einem solchen geballten Interesse seitens des weiblichen Geschlechts können heutige Männer nur träumen; insbesondere in weiten Teilen Ostdeutschlands, deren Population einen massiven Männer-Überschuss aufweist.

Justament April 2009: Intelligente Oberfläche

Annett Louisan liefert Identifikationsmuster auf “Teilzeithippie”

Thomas Claer

Zugegeben, eine gewisse Grundsympathie des Rezensenten hat bei der Auswahl unserer “Scheiben” bislang stets eine Rolle gespielt. Das ist diesmal aber anders: Es gilt einzig, dem irritierenden Phänomen Annett Louisan auf den Grund zu gehen. Und phänomenal ist sie allemal, die 31-jährige – inzwischen nicht mehr ganz so hellblonde – Blondine, die seit ihrem Debüt “Bohème” (2005) schon mehr als eine Million Tonträger verkauft und es inzwischen sogar in die Feuilletons geschafft hat.
Stilistisch bewegt sich die Musik, auch auf ihrer nun schon vierten CD “Teilzeithippie”, konsequent zwischen poppigem Chanson und deutschem Schlager. Entscheidend und charakteristisch aber ist der allgegenwärtige Kontrast zwischen Annetts lolitahafter Stimme und den messerscharfen, stets treffenden, mitunter auch komischen Texten, die ihr ganz überwiegend Texter und Produzent Frank Ramond auf den Leib geschrieben hat. Ramond ist ein sehr versierter Texter, der es versteht, so unterschiedlichen Künstlern wie Roger Cicero, Roger Whittaker, Yvonne Catterfeld und Vicky Leandros und sogar Truckstop zuzuarbeiten. Ganz ohne Berührungsängste und sehr geschäftstüchtig ist er, was ihn mit seiner Interpretin verbindet, die ihrerseits seit Neuestem auch Werbung für Unterwäsche macht, aber dafür nicht ein einziges ihrer Lieder selbst getextet oder komponiert hat. Credibility (früher sagte man etwas pathetisch: Glaubwürdigkeit) ist heute offenbar nicht mehr ganz so wichtig. Klar, wer “weiterkommen” will, kann sich so etwas auch nicht mehr leisten. In so einer Welt spielt auch das Album, vor allem das Titelstück “Teilzeithippie”: Das coole Hippietum erledigt man nebenher, die übrige Zeit wird eifrig Karriere gemacht. Die Vereinigung solcher Gegensätze verkörpert Annett Louisan, die die Songtexte als “sehr nah an mir dran” empfindet, auch in persona. Ihr kürzlicher Umzug nach Berlin-Kreuzberg in die Oranienstraße sorgte dort für einen nochmaligen Gentrifizierungsschub.
Respekt zu zollen ist ohne Abstriche dem handwerklichen Können ihrer Begleitband und der musikalischen Qualität vieler Songs. Das weitaus stärkste Lied ist das beschwingte “Drück die 1”. Ferner ist der originelle Text des Songs “Die Siezgelegenheit” hervorzuheben: “In meinen Kreisen sagt man du”, heißt es dort, aber die “Distanz” des Siezens “macht interessant”. Im übrigen lässt sich Annett Louisan in ihren Liedtexten als puppenhafte Kunstfigur inszenieren, die bestimmten erotischen Männerträumen entsprechen mag und doch jederzeit alle Fäden in der Hand behält. Eine selbstbewusste Frau, so kommt es rüber, die sich nimmt, worauf sie gerade Lust hat, ohne Rücksicht auf Verluste. Das macht die Fans anscheinend erst so richtig scharf. Das Urteil lautet befriedigend (8 Punkte).

Annett Louisan
Teilzeithippie
Sony BMG 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B001F4Z6NQ