www.justament.de, 15.6.2009: Mit Bart und Schmiss

Altmeister Nick Cave kommt langsam wieder in Form

Thomas Claer

Cover CaveZwischenzeitlich schien es, als sei Nick Cave, 1957 in Australien geborener Meister des lärmigen Underground, einfach nur ein müder alter Sack geworden. Vom kommerziellen Erfolg seiner „Murder Ballads“ (1996) hatte er sich – daran konnte kein Zweifel bestehen – mehr als ein Jahrzehnt lang nicht mehr richtig erholt. Nach jenem seinerzeit in Szenekreisen misstrauisch beargwöhnten Turn zur hinreißenden Popballade mit Kylie Minogue („Where the Wild Roses Grow“) und zum nicht minder bezaubernden Duett mit P.J. Harvey („Henry Lee“ – Was für ein Video!) war bei Cave und seinen Bad Seeds irgendwie die Luft raus. Immer langsamer und schleppender wurden fortan ihre Songs, immer reduzierter und spartanischer die Arrangements. Meist plätscherten die Lieder ihrer zwischen 1997 und 2004 veröffentlichten Alben nur noch so dahin. (Immerhin wurden aber die Berliner Bad Seeds-Konzerte in jenen Jahren noch von Sven Regener, einer allzeit zuverlässigen Instanz des guten Geschmacks, besucht.) Man konnte allerdings gar nicht glauben, dass dort die einst so wilden Kerle am Werk waren, neben Cave noch Mick Harvey und Barry Adamson, die Anfang der Achtziger in Australien unter dem Namen „Birthday Party“ für gefeierte Lärmorgien gesorgt hatten, bevor sie 1983 nach West-Berlin zogen. Dort, in der Kreuzberger Szene vor dem Mauerfall, wurden unter Mitwirkung von Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“), noch bis vor wenigen Jahren vollwertiges Mitglied der Band, kurz darauf die „Bad Seeds“ geboren. Mit „From Her To Eternety“ (1984) gelang ihnen ein unübertroffen morbides, wirres, destruktiv-schönes Debut, die Bandmitglieder auf den Plattencover-Fotos allesamt vom Wahnsinn gezeichnet. Seitdem galten Nick Cave & The Bad Seeds als Institution in der Dark Wave-Szene, bis sich Nick Cave unglücklicherweise in Kylie Minogue verliebte …

Es brauchte einen Umweg: Nick Cave, den viele schon abgeschrieben hatten, nahm 2006 mit dem Geiger Warren Ellis und einigen anderen härteren Jungs ein sehr kraftvolles Album namens „Grinderman“ auf, das auch textlich, etwa mit dem „No Pussy Blues“, zur harten Obszönität der ganz frühen Jahre zurückfand. Und diesem Jungbrunnen entstiegen geht es bei Mr. Cave nun auch mit seinen guten alten Bad Seeds wieder richtig zur Sache. Schon vor gut einem Jahr erschien das neue, überaus frisch wirkende Album „Dig, Lazarus, Dig!!!´”. (Wir sind spät dran mit unserer Rezension, ich weiß. Aber wie zuletzt schon bei den Breeders geht auch hier Relevanz vor Aktualität.) Auch optisch ist Nick Cave kaum wiederzuerkennen. Ein mächtiger Schnurrbart schmückt jetzt das Gesicht der einstigen Coolness-Ikone. Und musikalisch knüpft „Dig, Lazarus, Dig!!!” an die besten Jahre der Band an. Alle Lieder des Albums haben das, was unsere Großeltern-Generation ehedem als Schmiss bezeichnete, soll heißen: da geht was los. Der Opener und Single-Track ist noch gar nicht mal so überragend, aber dann kommen finstere Rassel-Nummern wie „Night Of The Lotus Eaters“, fulminante Rock-Kracher wie „Albert Goes West“, aber auch mit „Hold On To Yourself“  ein hochmelodiöses Stück der entspannteren Art. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Nick Cave & The Bad Seeds
Dig, Lazarus, Dig!!!
4AD/Beggar (Indigo) Mute (EMI) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B000ZN258M

Justament Okt. 2009: Frauentyp als Fehlbesetzung

Recht cineastisch, Teil 3: Eine neue Effi Briest-Verfilmung

Thomas Claer

effibriest1Viermal bereits wurde Theodor Fontanes großer realistischer Roman von 1895 in der Vergangenheit verfilmt, letztmalig zur Zeit der deutschen Teilung relativ kurz nacheinander in Ost (1968) und West (1974). Eine nunmehr gesamtdeutsche und umfassend aktualisierte filmische Version von “Effi Briest” präsentiert nun die Regisseurin Hermine Huntgeburth. Und die Voraussetzungen waren gut: Der Film konnte angemessen prominent besetzt und weitgehend an den originalen Schauplätzen der Romanhandlung gedreht werden. (In Berlin haben wir erlebt, wie die Prachtstraße “Unter den Linden” wegen der Dreharbeiten tagelang abgesperrt war.) Hat sich der Aufwand also gelohnt?

Zunächst einmal fällt auf, wie natürlich und ungezwungen hier inszeniert und gespielt wurde. Das macht die Figuren und den Stoff für heutige Begriffe zwar sehr lebendig, sorgt allerdings für umso schärfere Kontraste zu den Zwängen, in denen sich die Personen, den damaligen gesellschaftlichen Konventionen entsprechend, zu bewegen hatten. So wird die größere Anschaulichkeit und Zugänglichkeit notwendigerweise mit Abstrichen bei der Werktreue und dem nur bedingt eingefangenen damaligen Zeitgeist erkauft. Doch das ist kein Einwand gegen den Film, die dadurch erreichte Popularisierung kann diese Zugeständnisse durchaus rechtfertigen.

Schwerer wiegt hier schon die geradezu spektakuläre (und folgenreiche) Fehlbesetzung bei der Person des Baron von Innstetten, des 38-jährigen Landrats mit großen politischen Ambitionen, den zu ehelichen die erst 17-jährige Effi Briest (Julia Jentsch) von ihrer Familie genötigt wurde. Dieser Innstetten ist ein kaltherziger, vom Ehrgeiz zerfressener Bürokrat – und einen solchen kann ein schon physiognomisch unverkennbarer “Frauentyp” wie Senbastian Koch (der oppositionelle Künstler in “Das Leben der Anderen”) nun einmal nicht spielen. Auch wenn er sich noch so müht, sein Charisma zu verbergen – es will und kann ihm nicht gelingen. Die Folge davon ist, dass im Film auch nicht recht verständlich wird, warum die vom tristen, kleinstädtischen Leben im hinterpommerschen Kessin bedrückte Effi den von Misel Maticevic passabel gespielten Major von Crampas ihrem Gatten vorzieht und mit ihm eine Liaison beginnt. Hingegen wirkt Julia Jentsch in ihrer Rolle als Effi überzeugend, zumal sie auch bemerkenswert reizvoll in Szene gesetzt wird.

Etwas ärgerlich, wenngleich folgerichtig, gerät dann aber doch der Schluss, wo Effi energisch gegen ihr Umfeld rebelliert, statt – wie im Roman – resigniert mit nur 29 Jahren an gebrochenem Herzen zu sterben. So wünscht es sich natürlich der heutige Zuschauer, wenn er sieht, wie Innstetten die im Nähkästchen versteckten sechs Jahre alten Liebesbriefe Major Crampas’ an seine Frau findet, sich daraufhin von Effi scheiden lässt, ihr das Kind wegnimmt und den Major (den Nebenbuhler von vor vielen Jahren!) im Duell erschießt. Doch durch diesen wesentlichen inhaltlichen Eingriff, den man fast eine Geschichtsklitterung nennen möchte, geht leider auch die eigentlich unauflösliche Tragik der Geschichte verloren. Kurzum: Eine nicht ungelungene Adaption des Stoffs – aber mit einigen Unstimmigkeiten.

Effi Briest
Deutschland 2009
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Volker Einrauch
118 Minuten
FSK: 12
Darsteller: Julia Jentsch, Sebastian Koch, Misel Maticevic, Margarita Broich, Barbara Auer, Juliane Köhler

Justament Okt. 2009: Melancholisch und ungezogen

Mit “Mountain Battles” setzen die Breeders ein Lebenszeichen, das gefallen kann

Thomas Claer

Cover BreedersSo weit ist es schon gekommen: Vor einem Jahr haben die Breeders ein neues Album herausgebracht, und ich hab’s erst jetzt gemerkt. Doch ist ein Jahr gar nicht so viel Zeit – gemessen an den ausgedehnten Schaffenszyklen dieser Band. Tatsächlich ist “Mountain Battles” erst ihre vierte Platte in zwanzig Jahren.

Angefangen hat es mit den Breeders 1989 als Kim Deal, Bassistin und Co-Sängerin der legendären Pixies (1986-1992) – der womöglich besten Band aller Zeiten – sich mit Tanya Donelly (Throwing Muses) und Josephine Wiggs zu einem explizit feministischen Nebenprojekt zusammenfand. 1991 erschien ihr Debütalbum “Pod”, verglichen mit den Nachfolgern ein ungeschliffenes Juwel, ein furioses Gitarrenrockalbum. Insbesondere ist das Stück “Opened” ein Gigant von einem Song in bester Pixies-Manier. Mit den Pixies allerdings ging es nach einem vollständigen Zerwürfnis zwischen Lead-Sänger Black Francis (a.k.a. Frank Black) und Kim Deal bald zu Ende. Black erklärte damals u.a., die Zickigkeit seiner Bassistin nicht mehr ertragen zu können. So wurden die Breeders für Kim Deal zum Hauptprojekt: 1993 gelang ihnen – bereits ohne die ausgeschiedene Tanya Donelly – mit ihrem zweiten Album “Last splash” und der Single “Cannonball” ein weltweiter Erfolg, obgleich die viel zu poppig geratenen Songs Fans und Kritiker keineswegs durchweg überzeugen konnten. Es folgte nach langer Pause mit Kim Deals Präsenz in mehreren anderen Projekten erst 2002 das wunderbar reife, begnadete, in jeder Hinsicht großartige “Title TK”.
Zu dieser Zeit bewies Kim Deal ihr unvermindertes Temperament mit dem unvergesslichen Statement in der 3Sat-Kulturzeit: “Hey, Mann, wenn der Gitarrist eine Pussy ist, dann kannst du gleich die ganze Band vergessen!” Es folgte noch eine emphatisch gefeierte Wiedervereinigungs-Tournee der versöhnten Pixies.

Und nun also “Mountain Battle”: Auch mit siebenundvierzig Jahren singt Kim Deal noch wie ein manchmal ungezogenes kleines Mädchen. Rockig, krachend und schmutzig kommen die meisten Stücke daher, aber gerade auch die langsamen Lieder wie das besonders zu rühmende Titelstück “Mountain Battles” entfalten einen unwiderstehlichen Reiz. Mein Gott, wie melancholisch sind Songs wie “Night Of Joy” oder “We’re Gonna Rise”! Und dann noch eine Neuerung: Der Song “Bang On” enthält Ausflüge in die Elektronik, aber so vorsätzlich stümperhaft, so augenzwinkernd dilettantisch, dass man die Breeders schon allein dafür lieben muss. Im vergnüglichen Song “German Studies” schließlich heißt es z.B. mehrmals: “Lass das Licht an!” und “Was machst du bloß?” Ansonsten reicht das musikalische Spektrum von der sehr Pixies-mäßigen Pop-Hymne “Walk It Off” bis zum Countrysong “Here No More”. Für 13 Lieder brauchen sie keine 37 Minuten: Immer kurz und schmerzlos. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

The Breeders
Mountain Battles
4AD/Beggar (Indigo) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B00133FBDY

Justament Okt. 2009: Entzückendes Pumphöschen

Martin Mosebachs “Die Türkin” als Taschenbuch

Thomas Claer

Cover MosebachSo kann es kommen in unserer “durchmischten und durchrassten Gesellschaft” (Den Begriff prägte vor langer Zeit der heutige EU-Sonderbeauftragte für Demokratie- äääh Bürokratieabbau in Brüssel.): Ein 36-jähriger frisch gebackener Doktor der Kunstgeschichte verliebt sich Hals über Kopf in eine überaus hübsche blutjunge türkische Wäschereimitarbeiterin, die alsbald von ihrer Familie in die Türkei zurückgeholt wird. Der pedantisch streberhafte Ehrgeizling, ein regelrechter Kotzbrocken, der sich bevorzugt um den Zustand seiner Oberhemden sorgt, wirft daraufhin alle Karrierepläne über den Haufen – eigentlich sollte er bei einem angesehenen Antiquar in New York anheuern – und folgt der Angebeteten ins ländlich-patriarchalische Milieu nach Lykien im Südwesten der Türkei. Dort erlebt er letztlich sein blaues Wunder, gewinnt aber tiefe Einblicke in die fremdartige Landschaft, Tradition und Kultur.

Davon handelt, kurz gesprochen, der bereits 1999 erschienene Roman “Die Türkin” des inzwischen viel gerühmten schriftstellernden Juristen Martin Mosebach. Seit dieser sich, bedingt durch seine Auszeichnung mit dem Büchner-Preis 2007, ein breiteres Publikum erschlossen hat, kommt es nun vermehrt zu Neuauflagen seiner früheren Werke als Taschenbuch, so geschehen auch mit der “Türkin”.

Zweifellos gehört Mosebach zu den Schriftstellern, die polarisieren: Er pflegt einen opulenten, gehobenen, also nicht gerade zeitgemäßen Sprachstil, der neben viel Bewunderung auch häufig Vorbehalte im Literaturbetrieb weckt. Hinzu kommt der Vorwurf, er transportiere in seinen Romanen ein durch und durch reaktionäres Weltbild. Vor allem müht sich mein lieber Kollege Thomas Wagner von der “Jungen Welt” seit Jahren nach Kräften, ihm ein solches nachzuweisen. Nicht den Büchner-Preis, nein, den Ernst-Jünger-Preis, den man allerdings erst noch eigens dafür ins Leben rufen müsse, hätte Mosebach verdient gehabt, sagte mir Wagner vor etwas über einem Jahr auf einer Feier. Und so ging ich also entsprechend sensibilisiert in meine erste Begegnung mit dem Romanautor Mosebach.

Nun, es stimmt schon: Die Bewunderung des Helden für die Geordnetheit der engen patriarchalischen Welt, dass die Pumphosen und Kopftücher die schönen Frauen doch sehr gut kleiden, dass Männer und Frauen aus gutem Grund streng getrennt und die Frauen mit Recht in Abgeschlossenheit gehalten werden, ja dass auch Zwangsheiraten irgendwie doch ganz in Ordnung seien – alle diese Gedanken des Erzählers kann man durchaus reaktionär finden. Doch ist das gewiss kein Einwand gegen den Roman, denn es entspricht seiner inneren Logik, und schließlich ist das Hinterfragen unserer westlich-aufgeklärten Selbstgewissheit so legitim wie es künstlerisch ergiebig sein kann. Problematisch ist eher die sprachlich-stilistische Seite, denn dem sehr hohen Anspruch, den der Autor erhebt, vermag er nicht immer gerecht zu werden. So geraten ihm die reflektierenden Passagen des Helden, insbesondere dessen ausgiebige Landschaftsschilderungen und die schwüle Ausbreitung seiner Liebesqualen, mitunter zu einer fast schon quälenden Langatmigkeit, wofür aber andererseits der überaus dramatische und rasante Schluss des Romans entschädigt. Im übrigen rechtfertigt der namenlose Romanheld seine chronisch uncharmante Art mit den bedenkenswerten Worten: “Was gemeinhin als charmant gilt, ist doch bei Licht gesehen oft recht ekelhaft. Es wird in sachliche und vernünftige Beziehungen da immer etwas Schmieriges hineingemischt, und geschmiert werden soll ja auch, es sollen Vorteile erreicht und eingestrichen und Zugeständnisse erzwungen werden, die den, der sie macht, schädigen, denn die Gegenleistung soll ja in dem bewussten Charme bestehen.” (S.216 f.) Fazit: Leser mit besonderer Affinität zur Thematik können getrost zugreifen, andere sollten sich lieber an die übrigen Roman des Verfassers halten.

Martin Mosebach
Die Türkin
Deutscher Taschenbuchverlag München 2008
287 Seiten, EUR 8,90
ISBN 342313674X

www.justament.de, 21.9.2009: Der Unverfrorene

Foto Koch

Roland Koch (Foto: Wikipedia)

Herbstserie: Juristen in der Politik. Eine Stilkritik

Teil 4: Roland Koch

Thomas Claer

„Lieber Roland Kotz … äh Koch“ – das war Angela Merkels Versprecher des Jahres 2008, und er sollte Eingang finden in alle Lehrbücher der Psychoanalyse als Musterbeispiel einer Freudschen Fehlleistung. Roland Koch ist und bleibt Deutschlands einziger Rechtspopulist – ein Landesvater, dem es nichts ausmacht, von niemandem geliebt zu werden und bei vielen verhasst zu sein. Wenn oft das fehlende Profil in unserer politischen Klasse beklagt wird – bei ihm kann davon keine Rede sein. Jeder weiß, wofür er steht und wogegen: Erstmals Hessischer Ministerpräsident wurde Koch 1999 mit einer Unterschriftenaktion gegen die damals von der rot-grünen Koalition in Berlin geplante Reform des deutschen Staatsbürgerschaftsrechts. An den CDU-Wahlständen fragten damals viele interessierte Leute, wo man denn hier „gegen die Ausländer“ unterschreiben könne. Solche tief im Volke schlummernden Empfindungen müssen erst einmal geweckt werden – und das kann derzeit keiner besser als Roland Koch. Im Wahlkampf zur Hessischen Landtagswahl 2008 warb er in einer Plakataktion mit dem Slogan: „Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!“und erklärte zu den Münchner U-Bahn-Schlägern: „Es gibt zu viele kriminelle Ausländer in Deutschland!“ (Die S-Bahn-Totschläger von voriger Woche hatten allerdings keinerlei Migrationshintergrund. Warum sagt jetzt eigentlich niemand: „Es gibt zu viele kriminelle Deutsche in Deutschland?“). Ähnlich wie vor Jahrzehnten der selige Franz Josef Strauß überstand auch Roland Koch zahlreiche Spenden-, Schwarzgeld- und sonstige Affären unbeschadet im Amt und gewann durch seine Unverfrorenheit bei seinen Wählern sogar noch an Wertschätzung.
Ein Überflieger war Koch schon in jungen Jahren. 1982 absolvierte er mit nur 24 Jahren sein erstes juristisches Staatsexamen. Nach dem „Zweiten“ wurde er 1985 Rechtsanwalt und praktizierte vor allem im Wirtschafts- und Wettbewerbsrecht in einer Eschborner Kanzlei, bis er dazu seit 1999 als Ministerpräsident keine Zeit mehr fand. Um hier kein einseitiges Bild zu zeichnen, ist noch Roland Kochs langjährige enge Freundschaft mit dem Dalai Lama zu erwähnen, den er auf buddhistische Weise Stirn an Stirn zu begrüßen pflegt. Vielleicht ist diese Verbrüderung aber weniger verwunderlich, wenn man bedenkt, dass auch Tibet ein vom Dalai Lama oft beklagtes „Überfremdungsproblem“ hat, nämlich mit den Chinesen. Für seine Verdienste um Volk und Vaterland wurde Roland Koch 2007 mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband ausgezeichnet.

Ein sehr lustiger Spot der Satirendung Extra3 über Roland Koch:

www.justament.de, 7.9.2009: Irgendwas singen

Die neue Single von Element Of Crime macht Appetit aufs bald erscheinende Album

Thomas Claer

Cover EOCNa endlich! Die Lieblingsgruppe nicht nur vieler Strafrechtlerinnen und Strafrechtler setzt ihre sparsame Veröffentlichungspolitik mit der am 18. September erscheinenden neuen Platte „Immer da wo du bist bin ich nie“ fort, der ersten regulären CD seit vier Jahren. Als Vorgeschmack darauf gibt es jetzt schon eine Single gleichen Namens mit dem Titelsong und einer Coverversion des Andreas-Dorau-Klassikers “Blaumeise Yvonne”. Die Single erscheint wohlgemerkt nicht als CD, sondern lediglich als Download und als streng limitiertes kleines Vinyl. Aber macht Euch keine Hoffnungen, liebe Justament-Leserinnen und –leser! Nicht einmal mir ist es gelungen, eins der 500 Exemplare zu ergattern! Man kann es aber auch einfacher haben, indem man sich kurzerhand auf http://www.element-of-crime.de den Song anhört und das dazugehörige Musik-Video betrachtet.
Und das ist sehr vielversprechend, ein Ohrwurm geradezu. Ziemlich folkig, countrymäßig klingt das Ganze, weit weniger glattgebügelt als die letzten beiden (gleichwohl sehr starken) Alben, von der Songstruktur eine Mischung aus dem 1993er „Immer unter Strom“ und dem 2005er „Mittelpunkt der Welt“. Zum Text des Liedes ist zunächst zu sagen, dass es beckmesserisch wäre, an dieser Stelle die fehlende Kommasetzung in der Titelzeile zu monieren. Nur ein unverbesserlicher Pedant würde darauf insistieren, dass es sich hier um einen eingeschobenen Lokalsatz (als Sonderfall eines Adverbialsatzes) handelt, der durch Kommas vorne und hinten vom Hauptsatz abzutrennen wäre. Daher will ich auch gar nicht erst den Versuch unternehmen, darüber eine Diskussion zu beginnen, ob es nicht eigentlich „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ heißen müsste. Vielleicht ist mir ja auch eine versteckte Doppeldeutigkeit des Titels entgangen, die erst durch diesen orthografische Mangel erreicht wird?
Es bleibt noch darauf hinzuweisen, dass jede Element Of Crime-Veröffentlichung mittlerweile ein Medienereignis geworden ist. Zahllose Interviews hat Sven Regener in diesen Tagen bereits gegeben, die sich leicht durch eine simple Google-Recherche finden lassen. Am erstaunlichsten aber fiel sein Statement aus, als er auf seine Songtexte angesprochen wurde: „Irgendwas muss man ja singen.“ Das muss man sich einmal vorstellen! Da gibt es inzwischen zahlreiche germanistische und literaturwissenschaftliche Arbeiten über die Lyrik von Element Of Crime, und er sagt dazu nur: „Irgendwas muss man ja singen.“
Nun gut. Wir erfreuen uns schon einmal an der Single und warten ungeduldig auf das Album, das gottlob auch als gute, alte Vinyl-Langspielplatte herauskommen wird. Ich meine, irgendwas muss man ja schreiben. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).

Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
7’’ Vinyl-Single in limitierter Auflage (500 Stück) und Download-Single
Weitere Informationen auf: http://www.element-of-crime.de

www.justament.de, 31.8.2009: Die Energische

Foto Künast

Renate Künast (Foto: Wikipedia)

Sommerserie: Juristen in der Politik. Eine Stilkritik

Teil 3: Renate Künast

Thomas Claer

Unseren Parteien fehlen die guten Köpfe, hört man immer. Für eine Partei gilt das aber ganz und gar nicht: für Bündnis 90 / Die Grünen. Dort wetteifert seit langem unbestritten eine Vielzahl versierter und prominenter Politiker um die naturgemäß begrenzte Anzahl an lukrativen Ämtern. Doch entstammen diese Charakterköpfe – abgesehen vom ebenfalls fabelhaften anatolischen Schwaben – allesamt der (westdeutschen) Generation der heute 50- bis 65-Jährigen, wurden also in den wilden Siebzigern sozialisiert, als politisches Engagement zumeist vom scharfen Widerspruch zu den bestehenden Verhältnissen getragen wurde. Das prägt für ein ganzes Leben. Wer aus einer Protestkultur kommt, der hat eben eine Überzeugungskraft, die all den Westerwelles, Heils und Pofallas für ewig abgehen wird, mögen sich auch die vertretenen Ansichten mit der Zeit geändert haben. So auch bei Renate Künast, 54, tiefverwurzelt im Westberliner Alternativmileu. Einst war sie ein Schreckgespenst wohlbehüteter Bürgerlichkeit als Fraktionschefin der Alternativen Liste, die 1990 die rot-grüne Koalition in Berlin unter Walter Momper platzen ließ. Die AL war damals der radikalste Haufen unter allen Grünen Landesverbänden, in kritischer Solidarität stehend zu Hausbesetzern und Krawallmachern. Wie die meisten Alternativen jener Tage stammt Künast aus der westdeutschen Provinz (Recklinghausen) und kam in den späten Siebzigern aus Abenteuerlust in die Frontstadt Westberlin. Von 1977 bis 1979 arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, speziell mit Drogenabhängigen. Dann studierte sie Jura an der FU – und zwar (anders als es damals szeneüblich war) ziemlich fix. Schon 1985 hatte sie beide Examen in der Tasche und ließ sich als Rechtsanwältin zulassen, trat als solche aber kaum in Erscheinung. Als in den Achtzigern und Neunzigern die – heute fast vergessenen – Flügelkämpfe zwischen grünen Fundis und Realos eskalierten, erklärte sie sich zur „pragmatischen Linken“ und baute so den einstigen Fundamental-Kräften der Partei eine Brücke zur Macht. Der große Durchbruch kam 2001 mit der Berufung zur Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft ins Kabinett Schröder. Man suchte damals jemanden, der nach dem Gammelfleisch-Skandal mal so richtig aufräumte, der Nahrungsmittelindustrie mal so richtig den Marsch blies – und kam schnell auf Renate Künast. Wenn man neben ihr steht, glaubt man zunächst kaum, dass diese kleine, zierliche Frau eine solche Energie ausstrahlen kann. Das Wort der Power-Frau machte damals die Runde. Und heute? Da hat sie als Fraktionsvorsitzende ihrer Partei bislang erfolgreich die innerparteiliche Konkurrenz weggebissen, marschiert wie ehedem munter von Talkshow zu Talkshow, entrüstet sich lautstark und mit markigen Sprüchen („Merkel will im Schlafwagen an die Macht“) über echte und vermeintliche Skandale – und schießt gerne auch rein vorsorglich in alle Richtungen. Unser Politikbetrieb ohne Renate Künast? Undenkbar.

www.justament.de, 13.7.2009: Der Trockene

Foto Struck

Peter Struck (Foto: Wikipedia)

Sommerserie: Juristen in der Politik. Eine Stilkritik

Teil 2: Peter Struck

Thomas Claer

Besser als unsere Bundeskanzlerin kann man es nicht auf den Punkt bringen: „Der Struck ist eben der Struck.“ Wenn er nun mit 66 Jahren demnächst von der politischen Bühne abtreten wird, ist es dringend geboten, ihn an dieser Stelle noch einmal eingehend zu würdigen: als einen der letzten Haudegen vom ganz alten Schlag. Nun sprechen aus dem besagten Satz der durchaus listigen Angela Merkel sowohl die Genervtheit angesichts eines oftmals grobschlächtigen und wenig differenzierungsfreudigen parteipolitischen Gegners als auch der Respekt, welcher dem unverwechselbar knorrigen Typen allseits gezollt wird. Der Struck ist einer, der sich nichts vormachen lässt. Wo man ihn hinstellt, hat er den Laden im Griff. Vor allem hat er eine klare Vorstellung von Autorität: „Wenn in der Fraktion einer zu lange quasselt und ich sage: ‚Jetzt ist aber gut’ – dann hören die auch auf“, sagt Struck. Als Verteidigungsminister (2002-2005) und SPD-Fraktionsvorsitzender (bis heute) war er wohl eine Art Idealbesetzung. Stets unterscheidet er das Wesentliche vom Unwesentlichen – zu Letzterem zählen für ihn Zweifel und Bedenkenträgerei: „Deutschlands Freiheit wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Und damit basta. Andere hätten womöglich gesagt: „Man könnte vielleicht … oder sollte doch lieber …, einerseits ist es so, aber andererseits auch anders …“ Nicht Peter Struck, der lieber gleich Klartext redet und seine Linie durchzieht: als  unerbittlicher Kritiker des notorischen Politikergeschwätzes. So etwas kommt an bei den Wählern, obwohl er niemals lächelt, geschweige denn irgendwelche Faxen macht. Zwei Herzinfarkte und einen Schlaganfall hat er weggesteckt wie nichts. Natürlich raucht er weiter Pfeife und fährt Motorrad. Seit er dem Tod ein paar Mal von der Schippe gesprungen ist, regt ihn nichts mehr auf, sagt er. Man glaubt es ihm aufs Wort, auch dass er, wie er sagt, sein Leben lang noch nie betrunken war. Nach seinem Jurastudium hat Struck über Alkoholismus und Jugenddelinquenz promoviert, hat dazu Knastinsassen befragt. Das prägt. Wie war das so bei ihm im Jurastudium? „Im Studium hatte ich nie Schwierigkeiten… Ich sage das noch heute den Gymnasiasten: Wenn ihr nichts Besseres wisst, macht Jura. Das ist ein leichtes Studium, wenn man einigermaßen was im Kopf hat.“ Und da wundern wir uns noch über den starken Andrang an den juristischen Fakultäten trotz fragwürdiger Berufsaussichten. Der Struck ist eben der Struck …

Zitate aus: SZ-Magazin vom 5.6.09, S. 24 ff.

www.justament.de, 22.6.2009: Der Eloquente

Foto Guttenberg

KT zu Guttenberg (Foto: Wikipedia)

Sommer-Serie: Juristen in der Politik. Eine Stilkritik

Teil 1: Karl-Theodor zu Guttenberg

Thomas Claer

Er ist der mediale Senkrechstarter schlechthin. Vor ein paar Monaten noch war er der breiten Öffentlichkeit völlig unbekannt, nun liegt der bisher jüngste Wirtschaftsminister der Bundesrepublik Deutschland (37) laut Politbarometer bereits gleichauf mit unserer Bundeskanzlerin an der Spitze der demoskopisch ermittelbaren Beliebtheit.
Wie kommt das? Zunächst einmal macht Minister zu Guttenberg in den Interviews der Fernseh-Nachrichtensendungen eine ausnehmend gute Figur. Und Politiker im Medienzeitalter müssen vor allem das: eine gute Figur machen, Vertrauen einflößen, glaubhaft den Eindruck erwecken, man habe die Lage im Griff. Ein Politiker, der das nicht kann, ist kein guter Politiker, mag er fachlich noch so brillant sein. Doch nicht nur das: Zusätzlich verfügt der junge zu Guttenberg über die heute so selten gewordene Gabe einer Redegewandtheit, die sich nicht in den immergleichen Floskeln und Sprachschablonensätzen erschöpft, was ihn wohltuend etwa von unserer Bundeskanzlerin oder unserem Außenminister unterscheidet, die stets „der festen Überzeugung sind“ und dergleichen mehr Worthülsen aneinanderreihen. Nicht, dass zu Guttenberg das Phrasendreschen völlig fremd wäre, doch  verfügt er – anders als die überwältigende Mehrheit seiner Kolleginnen und Kollegen im Politikbetrieb – über eine eigene Sprache, kann sich vielfältig, präzise und dazu noch allgemeinverständlich ausdrücken.
Hat er diese Eloquenz in seiner juristischen Ausbildung erworben? Man kann es sich kaum vorstellen, wenngleich ihm diese Fähigkeiten, wie Prädikatsexamen und Summa-cum-laude-Dissertation beweisen, offensichtlich nicht zu sehr geschadet haben. (Eine Spur zu auftrumpfend, vor allem für seine Maßstäbe, ist es allerdings, die guten Noten überhaupt auf seiner Homepage zu erwähnen, aber er tut dies vermutlich, um dem gegen ihn gerne erhobenen Vorwurf der Unerfahrenheit und fehlenden Kompetenz zu begegnen.) Nein, das Entscheidende wurde ihm ohne Zweifel von zu Hause mitgegeben: Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg entstammt einem traditionsreichen und begüterten fränkischen Adelsgeschlecht, sein Vater ist ein berühmter Dirigent.
Und wie es vielfach bei blaublütigen Politikern zu beobachten ist, ihr Politikstil ist einfach ein anderer. Wie all die Dohnanyis, Weizsäckers und von Beusts zeigt auch zu Guttenberg wenig Neigung, auf den politischen Gegner einzuschlagen. Für den Wahlkampf im Bierzelt der CSU wäre er wohl nicht unbedingt der Richtige. Immer wieder ermahnt er zur Sachlichkeit und fordert – wie in der Frage einer Arcandor-Rettung –, den Parteienstreit auf dem Rücken der Betroffenen zu unterlassen. Das geht nun manchmal fast schon zu weit, denn dazu gibt es schließlich unterschiedliche Parteien: damit sie auch über ihre unterschiedlichen politischen Konzepte streiten. Allein, er kommt damit überwiegend gut an, weil viele Wähler einfach genervt sind von den immergleichen ritualisierten Hahnenkämpfen der Politiker über Nichtigkeiten.
Dennoch hat sich Karl-Theodor zu Guttenberg, wenn nötig, als ausgesprochen schlagfertig erwiesen. Den Anwurf, es fehle ihm für das Amt des Wirtschaftsministers an der erforderlichen Sachkenntnis, konterte er mit den wohlgesetzten  Worten: „Tun wir nicht alle gut daran, jeden Tag etwas dazuzulernen?“ Einem gewissen jugendlichen Überschwang geschuldet war allerdings sein Bild mit ausgebreiteten Armen in New York auf dem Times Square. Durch diese unbedachte Geste wurde er zumindest angreifbar. Doch gehen ihm die vulgären Attitüden einer neureichen europäischen Politikerkaste – man denke nur an den unsäglichen italienischen Ministerpräsidenten – völlig ab. Auch wenn es für ein abschließendes Urteil noch viel zu früh ist: Hier haben wir einen Politiker mit großer Begabung, hohem Potential und bereits jetzt beachtlichem Format. Irgendwann kann er vielleicht Kanzler.

www.justament.de, 8.6.2009: Keine Panik!

Gestern im ZDF: Juristen stürmen Sloterdijks Philosophisches Quartett

Thomas Claer

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Juli Zeh (Foto: Wikipedia)

Eine illustre Runde fand sich da gestern zu später Stunde im “Philosophischen Quartett” zusammen. Gleich zwei gelernte Rechtswissenschaftler hatten Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski ins VW-Haus nach Wolfsburg (ohne Sponsor geht natürlich gar nichts) geladen: die Schriftstellerin Juli Zeh und den Zukunftsforscher Meinhard Miegel. Das Thema war: “Was hält unsere Gesellschaft eigentlich noch zusammen?” Gleich zu Beginn mutmaßte Gastgeber Peter Sloterdijk (61), es mit einer ” Verschwörung der Juristen auf diesem Podium” zu tun zu haben. Doch praktizieren beide Gäste längst nur noch sporadisch auf ihrem Stammgebiet. Einserjuristin und Bummeldoktorandin Juli Zeh (34) gewinnt mit ihren Romanen – trotz mäßiger Kritiken in den Feuilletons – einen Literaturpreis nach dem anderen. Allround-Sozialwissenschaftler Meinhard Miegel (70), bis vor kurzem noch eher neoliberaler Warner vor einem wuchernden und künftig nicht mehr bezahlbaren Sozialstaat, hat nun ein Buch geschrieben, indem er dafür plädiert, endlich von der Wachstumsideologie abzurücken und allen mehr Bescheidenheit empfiehlt. Zu bedenken gibt er aber, dass hierzulande durch die sich verstärkt öffnende Schere zwischen Arm und Reich bald der soziale Zusammenhalt gefährdet sein könnte. Co-Gastgeber Rüdiger Safranski (64) paraphrasierte Miegel dahingehend, dass als sozialer Kitt in den Staaten Europas die längste Zeit die Religion gewirkt habe, welche vorübergehend von der Nation abgelöst und nun seit mehr als einem halben Jahrhundert vom Versprechen ständigen Wirtschaftswachstums verdrängt worden sei. Doch bereits hier intervenierte Juli Zeh, die gerade einen kulturpessimistischen Roman über eine Gesellschaft im Jahr 2057 publiziert hat, in der das Rauchen auch nur einer einzigen Zigarette unter schwerster Strafe steht. Frau Zeh also widersprach der These vom Wachstum als sozialem Kitt, denn in ihrem Umfeld – seit 2007 lebt sie zurückgezogen in einem einsamen Gehöft in Barnewitz, Landkreis Havelland, Brandenburg – glaube ohnehin niemand mehr an Wachstum.
Diesem Muster folgte die Sendung auch im weiteren Verlauf: Die frisch-fröhliche Jung-Autorin bot den alten Herren zwar mutig Paroli, zeigte sich aber – vermutlich bedingt durch ihre, auch mediale Abgeschiedenheit (“Ich habe keinen Fernseher!”) – ein ums andere Mal nicht gut informiert (“Die meisten leben auf dem Lande!”) oder überraschte mit gewagten Thesen (“Wir brauchen überhaupt keine deutsche oder europäische Identität, das eigene Dorf genügt!”). Die älteren Herren protestierten nur milde. Da sich die Runde jedoch zunehmend in Nebensächlichkeiten verlor, vor allem Juli Zeh ihre besondere Vorliebe für Haarspaltereien demonstrierte und nicht einmal Meinhard Miegels vorsichtige Definition eines historisch-kulturell, institutionell und mentalitätsstrukturell  bedingten deutschen Gemeinschaftsgefühls akzeptierte (“Haben Sie mal versucht, Einvernehmen zwischen einem Bayern und einem Ostfriesen herzustellen?”), gelangte man während der Sendezeit kaum zu tieferen Einsichten. Immerhin versicherten beide Gäste wiederholt, wenn auch von völlig unterschiedlicher Position aus argumentierend, es bestehe nun wirklich kein Anlass zur Panik angesichts einer vom Zerfall bedrohten Gesellschaft. Die Gastgeber zeigten sich insofern sichtlich enttäuscht: Sloterdijk sprach von einem beschämenden Ergebnis für die Moderatoren, Safranski gar von einem solchen für das Medium Fernsehen, dessen Erregungspotentiale man leider nicht habe ausschöpfen können. Unterhaltsam war das Ganze allerdings durchaus.