www.justament.de, 18.1.2010: Er irrt sich ständig!

Rainer Erlingers unterhaltsame Moralkolumnen als Taschenbuch

Thomas Claer

Cover ErlingerWas richtig und was falsch ist im Leben, wie man sich in dieser oder jener Situation am besten verhalten sollte, wer weiß das schon immer ganz genau? Da ist es doch schön, dass es jemanden gibt, der mehr weiß als wir alle. Unzählige Leser des Magazins der Süddeutschen Zeitung fiebern Woche für Woche der Erlinger-Kolumne entgegen, die es inzwischen zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Jeden Freitag beantwortet Dr. jur Dr. med Rainer Erlinger, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Medizinrecht aus München, eine konkrete Frage der Alltagsmoral, die ihm von einer Leserin oder einem Leser angetragen wurde. Er führt das Problem dann zumeist auf widerstreitende moralphilosophische Grundprinzipien zurück, wägt das Für und Wider gewissenhaft ab – und fällt dann sein salomonisches Urteil. Das Problem und gleichzeitig das Schöne dabei ist aber, dass seine Ratschläge so oft dem eigenen Urteil widersprechen. Man kann sich als langjähriger süchtiger Leser seiner Kolumne so wunderbar über ihn aufregen!
Beispielhaft seien hier nur drei besonders eklatante Fehlurteile aufgeführt: Erster Fall: Es fragt ein Leser, der neben einer türkischen Frau mit Kopftuch an der Supermarktkasse steht und sieht, wie diese Gummibärchen mit Gelatinezusatz für ihre Kinder kauft, allen Ernstes, ob er die Dame nicht eigentlich darauf hinweisen müsste, dass der Gelatinezusatz vom Schwein stammt und daher in ihren Augen doch bestimmt nicht helal sein wird. Und was antwortet Erlinger darauf? Gewiss doch, man müsse sich stets um seine Mitmenschen bemühen und sie darauf aufmerksam machen, wenn ihnen Unheil drohe – und sei es auch nur nach ihren eigenen Maßstäben. Ich spare mir hier eine ausführliche Begründung meiner Auffassung, dass sich jemand, der so fragt, nicht wundern sollte, wenn er – Pardon! – mal “eine reingehauen” bekommt. Die einzig angebrachte Antwort auf ein solches Ansinnen wäre der Satz – Nochmal pardon! – “Verarschen kann ich mich alleine.”
Zweiter Fall: Da wurde unser Moralkolumnist regelrecht ausfällig gegen Knoblauch- und sogar Bärlauchesser. Die sollten das, Erlinger zufolge, entweder bleiben lassen oder nicht unter Menschen gehen. Ja, wo leben wir denn? Es verbietet sich zwar an dieser Stelle, noch irgendetwas gegen die Raucher zu sagen, das wäre übelstes Nachtreten. Aber wer Knoblauch isst, tut das in der Regel nicht im Büro, und die Folgeausdünstungen sind denen der Raucher nach der Zigarettenpause in der Intensität vergleichbar. Schließlich fiele es doch auch nicht dem militantesten Nichtraucher ein, den Rauchern den sozialen Umgang nach ihrem Laster zu verbieten. Sollen die Knoblauchverächter doch einfach Abstand halten!

Dritter Fall: Ein Leser aus München fragte, ob es unmoralisch sei, wenn er als Student manchmal zur Aufbesserung seines Salärs im Park herumliegende Pfandflaschen mitnehme. Man habe ihn ermahnt, er würde so die Obdachlosen um ihre Einnahmequelle bringen. Genau, sagt Erlinger, die Pfandflaschen sind für die Obdachlosen. So schlecht gehe es keinem Studenten, dass er so etwas machen müsse. Na meine Herren! In unserem Berliner Kiez sammelt einer, wahrscheinlich ein “Hartzer”, tagaus, tagein Pfandflaschen in großer Zahl. Wenn er vor mir am Pfandflaschenautomat bei Edeka steht, muss ich manchmal schon sehr lange warten, bis er endlich alle im Gerät versenkt hat. Der ist mitnichten ein Obdachloser, der wohnt schräg gegenüber von uns. “Nach Pfandflascheneinnahmen” hat er sicherlich mehr im Portemonnaie als so mancher Student – außer im Winter, da sieht es deutlich schlechter aus. Ist dieser Mann jetzt auch unmoralisch, weil er den Obdachlosen etwas wegnimmt? Oder ist derjenige unmoralisch, der diesem Manne “seine Pfandflschen” wegnimmt, weil die doch zu seinem Lebensunterhalt beitragen? Oder sind womöglich alle die unmoralisch, die ihre Pfandflaschen für ihn liegen lassen, da er sich doch seine Einnahmen bestimmt nicht auf sein Hartz IV anrechnen lässt? Andererseits arbeitet er härter für sein Geld als manch anderer …
Sicherheitshalber keinen Kommentar gebe ich zu folgendem Fall ab: Ein Leser hat ein 9-Uhr-S-Bahnticket. Sein Zug, den er unbedingt nehmen muss, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, fährt um 8.58 Uhr ab. Bis zur nächsten Station gibt es niemals Kontrollen. Unmoralisch? Klar, sagt Erlinger. Auch bei Kleinigkeiten, sagt er, muss es immer ums Prinzip gehen. Selbstverständlich begrüßt er auch die Kündigungen wegen eines Kassenbons, eines Brötchens oder einer Frikadelle im Grundsatz und plädiert allenfalls für punktuelle Gnade im Einzelfall. Manchmal spricht Erlinger aber auch dem Leser aus dem Herzen: Wer nur verschenkt, was ihm selbst gefällt, aber dem Beschenkten vielleicht nicht, beschenkt sich doch letztlich nur selber. Dies und vieles andere nachlesen kann man mittlerweile in mehreren Sammelbänden, von denen der hier anzuzeigende nun auch als Taschenbuch vorliegt. Da kann man nur allen Lesern eine muntere Diskussion wünschen!

Rainer Erlinger
Wenn Sie mich fragen: Antworten zu Fragen der Alltagsmoral
Taschenbuch
Goldmann Verlag 2009
272 Seiten, EUR 7,95
ISBN-10: 3442169941

www.justament.de, 4.1.2010: Billard der Geschlechter

Recht dramatisch, Teil 1: Ibsens “Hedda Gabler” im Neuen Schauspielhaus in Bremen

Thomas Claer

Hedda Gabler, allseits beliebtes und begehrtes Partygirl aus gutem Hause, ehelicht nach Jahren des unbeschwerten Genusses (“Ich habe mich müde getanzt.”) den ambitionierten Staatsstipendiaten der Kulturgeschichte Jörgen Tesman, dem eine Professur winkt. Doch schon nach kurzer Zeit langweilt sie sich mit ihrem fleißigen und gutherzigen, aber farblosen Gatten. Ein sehr modernes Nebenwerk des Dramatikers Henrik Ibsen (1828-1906) gibt es im Bremer Schauspielhaus in der Inszenierung von Sebastian Schug zu entdecken: Mit großer Zielstrebigkeit verfolgen die Protagonisten des Stücks – drei weibliche und drei männliche Figuren, das von Ibsen eigentlich noch vorgesehene Dienstmädchen wurde eingespart – ihren jeweils spezifischen Willen zur Macht und spielen dabei auch munter über die Bande. Den Männern geht es dabei letztlich immer nur um das eine: die Gunst der schönen Hedda. Die Frauen hingegen streben vorrangig nach dem Mann, der ihnen gerade den höchsten sozialen Status verspricht. Und weil die Männer das merken, basteln sie eifrig an ihrer Karriere. Pikant wird die Konstellation dadurch, dass fast alle Beteiligten jeweils schon vormals “etwas miteinander gehabt” haben.
Das Unglück nimmt seinen Lauf, als bekannt wird, dass Ejlert Lövborg, ein Hallodri und Trinker, dabei Heddas früherer Geliebter und Jörgens früherer Kumpel, wieder in der Stadt ist. Er hat unter dem Einfluss von Thea Elvstedt, der einstigen Geliebten von Jörgen, die – für damalige Verhältnisse ein unerhörter Schritt – Kinder und Ehemann verlassen hat, um mit ihm, Ejlert Lövborg, zusammenzuleben, ein herausragendes wissenschaftliches Werk verfasst, durch das er zum aussichtsreichen Konkurrenten von Jörgen für die ausgeschriebene Professur wird. Daraufhin entdeckt Hedda ihre alte Liebe zu Ejlert aufs Neue (vielleicht auch, um ihrer alten Freundin Thea eins auszuwischen) und ist drauf und dran, sich von ihrem Ehemann ab- und Ejlert zuwenden. Dieser jedoch, der seine Lebensabschnittsgefährtin Thea mit den entwaffnend ehrlichen Worten “Ich brauche dich nicht mehr!” in die Wüste schickt, manövriert sich durch einige Ausraster im trunkenen Zustand auf der Privatparty des Richters Assessor Brack, der seinerseits um die Zuwendung der schönen Hedda buhlt und sie später sogar zu diesem Zweck erpresst, ins gesellschaftliche Abseits. Darauf verliert Hedda nicht nur blitzschnell wieder das Interersse an Ejlert, sondern verbrennt auch gleich noch sein Buchmanuskript (es gibt keine Kopie), um so die Professur ihres Mannes Jörgen vollends abzusichern. Am Ende geben sich zuerst Ejlert und dann auch Hedda die Kugel.
Sehr zeitgenössisch wirkt dieser faszinierende Plot in der Bremer Aufführung, die sich auf  einige optische und verbale Anpassungen ans Hier und Jetzt beschränkt. Mehr ist auch gar nicht nötig, um das erstmals vor 128 Jahren aufgeführte Drama in unsere Gegenwart  zu überführen. Die Akteure spielen durchweg exzellent. Der musikalische Rahmen mit dem leitmotivischen Popsong “Bang Bang” von Nancy Sinatra – besonders gelungen: am Klavier vorgetragen von Hedda-Darstellerin Franziska Schubert – rundet das Schauspiel ganz vortrefflich ab.
Und doch denkt man sich, die Geschichte ließe sich in ihrer Radikalität noch steigern. Stückeschreiber und Regisseure aufgepasst: Ein “Hedda Gabler reloaded 2010” könnte wie folgt aussehen: Die Protagonisten sind allesamt bisexuell und begehren einander zusätzlich noch von Frau zu Frau und von Mann zu Mann. Auch die Damen sind ihrerseits im Karrierewettstreit mit von der Partie und verschaffen sich so einen Wettbewerbsvorteil durch strategische Diversifizierung. Doch lassen sich die Akteure nicht so leicht entmutigen und die Pistolen folglich aus dem Spiel. Wenn schon, dann werfen sie sich vor einen Zug.

Hedda Gabler
von Henrik Ibsen, Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiel, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Sven Fricke, Franziska Schubert, Gabriele Möller-Lukasz, Susanne Schrader, Guido Gallmann, Glenn Goltz.

Justament Dez. 2009: Weniger in der Wirtschaft, mehr in der Politik

Warum man an der Spitze deutscher Top-Unternehmen immer weniger Juristen findet, in politischen Spitzenämtern aber immer mehr

Thomas Claer

Das wird niemanden überraschen: Der gute Jurist, der angeblich alles kann, der immer alles im Griff hat und alles kompetent beurteilen kann, ist in den Chefetagen der deutschen Top-Konzerne immer weniger gefragt. Was in vielen Ministerien noch ganz gut funktioniert, ist an der Spitze der 30 größten und umsatzstärksten börsennotierten deutschen Unternehmen die Ausnahme geworden – und war doch noch vor gar nicht langer Zeit die Regel. Wie eine im ersten Halbjahr 2009 durchgeführte Studie der Personalberatung Odgers Berndtson ergibt (siehe untenstehender Kasten), hat nur noch weniger als ein Fünftel aller Dax-Chefs einen juristischen Abschluss. Bei Gründung des Dax im Jahre 1988 waren es noch fast die Hälfte gewesen. Die Zeit ist eben eine andere geworden. Die Zukunft gehört eindeutig den Ingenieuren und Ökonomen. Der Vorstandsvorsitzende von morgen kommt aus dem operativen Geschäft und hat in den Kernbereichen seines Unternehmens bereits operative Erfolge erzielt. Das dabei erworbene Fachwissen wird künftig als selbstverständlich vorausgesetzt. Was ein CEO sonst noch braucht? Laut der Studie: Soft Skills, Führungsstärke, Mitarbeiterorientierung, Sozialkompetenz und Teamfähigkeit. Und was davon lernt man im Jurastudium? Eben!

Frauenanteil unterirdisch
Bemerkenswert ist ferner der Anteil von Frauen unter den Vorstandsvorsitzenden. Er liegt stabil bei 0,0 Prozent. In den 200 größten deutschen Unternehmen (ohne Finanzsektor) sind nach einer DIW-Studie vom Frühjahr immerhin 2,5 Prozent der Spitzenpositionen mit Frauen besetzt. In den Aufsichtsräten betrug der Anteil sogar neun Prozent. Doch der Großteil der Frauen in Aufsichtsräten sitzt dort nur wegen der obligatorischen betrieblichen Mitbestimmung und ist als Vertreterin der Arbeitnehmer dorthin gelangt.
Auch die Promotion verliert zunehmend gegenüber dem MBA-Abschluss an Bedeutung. Während 1988 noch 68 Prozent der Dax-CEOs einen Doktortitel hatten, waren es 2008 nur noch 55 Prozent. Dafür hat sich der Anteil von Dax-Chefs mit einem MBA von Null auf 23 Prozent erhöht – Tendenz: weiter zunehmend. Heißt das nun also, dass der Dr. jur. ein Auslaufmodell geworden ist? Das vielleicht nicht gerade, aber er ist gewiss nicht mehr das, was er früher einmal war.

Acht Minister sind Volljuristen
Wie anders sieht es da doch in der großen Politik aus. Hier, aber auch nur hier, hat sich das früher oft beschriebene und mitunter auch beklagte Juristen-Monopol nicht nur erhalten, sondern sogar noch verfestigt. Acht der 16 Minister unserer frisch vereidigten neuen schwarz-gelben Bundesregierung sind Volljuristen, eine Quote von 50 Prozent. Guido Westerwelle, Thomas de Maizière, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Wolfgang Schäuble, Franz Josef Jung, Karl-Theodor zu Guttenberg, Norbert Röttgen und Ronald Pofalla haben allesamt beide juristischen Examen absolviert. Mit Rainer Brüderle (der überdies auch noch Jura im Nebenfach studierte) und Peter Ramsauer gehören dem Kabinett nur noch ganze zwei Ökonomen an. Hinzu kommen noch zwei Mediziner (Ursula von der Leyen und Philipp Rösler), ein Verwaltungswirt (Dirk Niebel, ist das nicht auch ein verkappter Jurist?), eine Theologin (Annette Schavan), eine Elektrotechnikerin (Ilse Aigner) und – last not least – eine Physikerin (Super-Angie).
Wie ist nun dieser auffällige Befund zu erklären? Der Generalismus, also das, was den Volljuristen immer gerne vorgeworfen wird, ist hier die optimale Qualifikation. Wer an der Spitze eines Ministeriums steht (dem wiederum zahlreiche Juristen angehören, die ihrerseits die kniffligsten Aufgaben bevorzugt auf fachlich stärker spezialisierte Top-Anwaltskanzleien übertragen), muss vor allem drei Dinge können: organisieren, moderieren und präsentieren. Und was lernt man davon in der juristischen Ausbildung? So ziemlich alles. Das Letztere versteht sich von selbst. Die Big Points werden, wie jeder weiß, in der mündlichen Examensprüfung vergeben – und zwar an die Performer, wer neidisch ist, nennt sie: die Blender. Aber auch eine gute Organisiertheit und gute Organisation sind in Studium und Referendariat (im ersteren mehr als im letzteren, von den Verschulungstendenzen der letzten Reformen jeweils etwas abgeschwächt) unverzichtbar. Und das Moderieren der unterschiedlichen Tendenzen, Meinungen, Strömungen, auch im eigenen Umfeld, das Taktieren, Intrigieren und Überreden? All das lernt jeder, der an die zur Verfertigung einer juristischen Hausarbeit unbedingt nötigen Informationen, Quellen und Texte kommen will. Wer hier am liebsten alleine vor sich hin werkelt, läuft stets Gefahr, Wichtiges, ja Entscheidendes zu verpassen. Und so erscheint die Prognose nicht allzu gewagt: Der Ort, an dem gute Juristen auch weiterhin zuverlässig gebraucht werden, ist die große Politik.

Kasten:
Akademische Ausbildung der Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen im Jahr 2008 (Anteil in Prozent, in Klammern 1988):
Natur- und Ingenieurwissenschaften   42 % (26 %)
Wirtschaftswissenschaften    35 % (23 %)
Rechtswissenschaften     19 % (45 %)
Sonstige/keine        4 % (6 %)
Quelle: Odgers Berndtson (2009)

Justament Dez. 2009: Teenagertraum mit Schönheitsfehlern

Recht cineastisch, Teil 4: “Der Vorleser” nach Bernhard Schlink

Thomas Claer

27 DRUM HERUM TC Recht cineastisch der vorleser fotoDavon träumen wahrscheinlich viele männliche Teenager: von einer Frau über dreißig in die Geheimnisse der erotischen Liebe eingeführt zu werden. Was “real” eher selten vorkommen dürfte (und gem. § 182 Abs. 3 Nr. 1 StGB auch heute noch formal unter Strafe steht), in der Literatur ist es tausendfach beschrieben: wie in Joseph Roths Radetzkymarsch, in Hermann Hesses Demian oder Marcel Reich-Ranickis “Mein Leben” – so auch im “Vorleser” von Bernhard “Grundrechte” Schlink. Nun sollen über den Roman aus dem Jahr 1996 an dieser Stelle nicht viele Worte verloren werden. Dies wird demnächst der Kollege Jean-Claude Alexandre Ho in seiner Kolumne “Recht literarisch” besorgen. Nur dass sich die von den Fünfzigern bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland und Westberlin spielende Geschichte vortrefflich zur Verfilmung eignet, ist festzuhalten.
Das dachten sich auch die Macher dieses Films, die aus dem Weltbestseller-Roman flugs auch noch einen Blockbuster zu fabrizieren gedachten. Und das stellt sich dann so dar: Die Handlung in bester Hollywood-Manier ziemlich platt gewalzt, die (ganz überwiegend deutschen) Darsteller alle sehr prominent und exzellent – mit Superstar Kate Winslet (dem früheren Titanic-Girl) in der Hauptrolle der Hanna Schmitz. Hervorzuheben ist zunächst die schauspielerische Leistung des jungen David Kross (wir kennen ihn aus Detlev Bucks grandiosem Berlin-Actionfilm “Knallhart” von 2006), der den 15-jährigen Schüler Michael Berg sehr natürlich und glaubwürdig verkörpert. Wie aus dem schüchternen und vorsichtigen Jungen später der skrupulöse und nachdenkliche Jurist wird – das zeigt der Film ganz ausgezeichnet. Aber die weibliche Hauptrolle…  Es ist schon klar, dass sich ein so aufwendig produzierter und kostenintensiver Film nur rechnet, wenn dank einer weltweit bekannten Hauptdarstellerin die Menschen auch weltweit zahlreich in die Kinos strömen. Doch werden es zumindest viele deutsche Betrachter als störend empfinden, dass die frühere KZ-Aufseherin in ihren Bewegungen, in ihrer Gestik und Mimik so wenig deutsch erscheint, wie sie es ja schließlich auch ist. So professionell und passabel die Britin Kate Winslet auch spielen mag (man verlieh ihr sogar einen OSCAR für die beste Hauptrolle), als deutsche Nazi-Frau überzeugt sie einfach nicht, und es ist ein Schwachpunkt des Films.

Angenommen, nur einmal angenommen, es wäre mehr um die Kunst und weniger um das Geld gegangen, dann hätten wir viel lieber Nina Hoss oder Johanna Wokalek in der Rolle der Hanna Schmitz gesehen. So bleibt die Verfilmung alles in allem doch etwas hinter den Erwartungen zurück. Dank zahlreicher Nacktszenen kommen aber immerhin die Freunde des erotischen Kinos auf ihre Kosten, vorausgesetzt sie fahren auf Kate Winslet ab.

Der Vorleser (“The Reader”)
USA, Deutschland 2008
124 Minuten
Rgeie: Stephen Daldry
Drehbuch: David Hare
FSK: 12
Darsteller: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Volker Bruch, Susanne Lothar u.v.a.

Justament Dez. 2009: Abgründige Parallelwelt

Hope Sandoval beglückt uns mit ihrem zweiten Soloalbum

Thomas Claer

21 Scheiben TC Cover Hope SandovalDas CD-Cover zeigt einen nackten Arm über einer unbestimmbaren Lichtquelle in völliger Dunkelheit und sonst gar nichts. Hope Sandoval ist wieder da: die rätselhafte, undurchdringliche, undurchschaubare. Ihre letzte Platte, “Bavarien Fruit Bread”, liegt schon acht Jahre zurück. Wenn wir richtig gerechnet haben, ist sie jetzt 43 Jahre alt. Ihre Stimme aber klingt kaum anders als vor zwanzig Jahren: eigentlich hell und klar, doch immer auch etwas gedämpft und zerbrechlich. Klein und zierlich, elfengleich und mädchenhaft stand sie erstmals Ende der Achtziger mit “Opal” auf der Bühne, der Band des amerikanischen Underground-Gitarristen David Roback. Die junge Hope Sandoval, aus einer mexikanischen Einwandererfamilie in Los Angeles stammend, war Opal-Fan, hatte der Band Demo-Kassetten mit eigenen Songs geschickt und wurde von den Musikern kurz darauf als Bühnenvertretung für Sängerin Kendra Smith engagiert. Nach deren Ausscheiden 1989 übernahm Hope Sandoval den Gesangs-Part, und Roback nannte die Gruppe nun “Mazzy Star”. Fortan waren alle Lieder auf Hope Sandoval und ihren einzigartig-geheimnisvollen, seltsam entrückten sphärischen Gesangsstil zugeschnitten. Das Mazzy Star-Debütalbum “She Hangs Brightly” (1990) begeisterte mit Sechzigerjahre-Psychedelic-Anklängen, spartanisch instrumentierten Gitarrenpop-Nummern und einem einfach unbeschreiblichen Titelstück. Auch die beiden folgenden Mazzy-Star CDs “So Tonight that I Might See” (1993) und “Among my Swan” (1996) entzückten mit traumhaft-düsteren Songs im Zeitlupentempo. Legendär sind ferner die schüchternen Interviews, die Hope Sandoval in den 90ern gab, in denen sie die Fragesteller manchmal minutenlang anschwieg, um sie dann mit knappen und vieldeutigen Antworten zu verwirren. Ohne dass Mazzy Star sich jemals aufgelöst hätten, brachte Hope Sandoval die nächsten beiden stilistisch ähnlichen CDs ohne Dave Roback unter dem Bandnamen “Hope Sandoval & The Warm Inventions” (2001) heraus, nämlich das besagte “Bavarien Fruit Bread” und nun also “Through The Devil Softly”: Geradezu gemächlich hebt das Album an, erst der dritte Song “For the Rest of your Life” wird richtig abgründig. Doch atmet das ganze Album jenen Mazzy Star-Spirit der ausgedehnten Töne und zerfließenden Realitäten. Es dominieren Gitarren, mitunter kommen Mundharmonikas und Violine hinzu. Scheinbar ist das Folk, aber ein bodenloser Folk, der einen in die Tiefe zieht. Das überraschend kraftvolle “Trouble” klingt dann jedoch plötzlich wie ein Lied von Portishead. Und das effektvoll als Schlussstück angeordnete “Satellite” mutet an wie eine Botschaft aus dem Jenseits. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Hope Sandoval & The Warm Inventions
Through The Devil Softly
Nettwerk (Soulfood Music) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002GZQZQ0

Justament Dez. 2009: Herzlich und schmerzlich

Die neue Platte von Element Of Crime enthält wenig Überraschendes und macht dennoch Freude

Thomas Claer

20 SCHEIBEN TC EOC Immer da Album cover_immerdaElement Of Crime – das sind seit 25 Jahren hingerotzte Chansons meist traurigen Inhalts mit Rockgitarren und Jazztrompete. Gab es in ihrer Frühphase noch manche stilistische Änderung  – etwa den Wechsel von der englischen zur deutschen Sprache – ist seit “Damals hinterm Mond” (1991) mehr oder weniger alles beim Alten geblieben. “Immer da wo du bist bin ich nie” ist nun das insgesamt zwölfte Studioalbum des Berliner Kollektivs um Sänger, Texter, Trompeter und Romanautor Sven Regener, allerdings auch erst das dritte in diesem Jahrzehnt.
Und es geht einem mit dieser CD ähnlich wie mit den Vorgängern: Sie enthält einige famose Kracher, diesmal neben dem country-folkig rockenden Titelstück noch das grotesk-überdrehte “Kopf aus dem Fenster”, das schmerzlich-wehmütige “Euro und Markstück” sowie “Kuchen und Karin”, das in seiner tiefen Schlichtheit an einen Tom Waits-Song erinnert. Vor allem letzteres gehört zu jenen Liedern, bei denen einem – um es mit einem bekannten Dichter zu sagen – zumute ist, als ob “das Herz recht angenehm verblute”.
Zwar gewinnen auch die übrigen Stücke mit jedem weiteren Hören, doch fallen sie diesmal, zumal die sehr langsamen unter ihnen, teilweise doch etwas ab. Regeners über weite Strecken gewohnt kraftvolle und metaphernreiche Songlyrik verirrt sich hier mitunter – um nicht zu sagen: Er tappt gelegentlich in die Sentimentalitätsfalle. Zu tadeln ist vor allem das ziemlich alberne “Der weiße Hai”, auf dem Alexandra Regener, die neunjährige Tochter des Sängers, nebst einer Freundin im Hintergrund zu vernehmen ist. Doch bleibt dieses Lied die einzige wirkliche Enttäuschung.
Die größte Entdeckung befindet sich hingegen gar nicht auf diesem Album, sondern auf der B-Seite der auf 500 Exemplare limitierten Vinyl-Single mit dem Titelstück als A-Track. Es handelt sich um eine Cover-Version des Stücks “Blaumeise Yvonne” vom NDW-Altmeister Andreas Dorau. Dieses Lied ist so schön, dass man sich nach einigen Malen Hören gar nicht mehr vorstellen kann, wie man bisher ohne es leben konnte. Und die Kinderstimmen stören hier – anders als beim “Weißen Hai” – in keinster Weise. Aber leider ist der Song nicht auf der LP und findet hier daher auch keinen Eingang in die Bewertung. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).
PS: Element of Crime haben Erbarmen und bieten den Song “Blaumeise Yvonne” jetzt über Ihre Homepage zum kostenlosen Download an, aber nur für alle Abonnenten des Newsletters. Die Prozedur ist ziemlich umständlich.

Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
Vertigo Berlin (Universal) 2009
Ca. € 15,95
ASIN: B002IS1466

Justament Dez. 2009: Juristin lehrt das Dichten

Martina Weber gibt eine Anleitung zum “Lyrik schreiben und veröffentlichen”

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Martina Weber 21ivOqb%2BjCL._SL500_AA180_Manche Zeitgenossen, die ausdrücken wollen, dass etwas vielleicht schön formuliert, aber völlig unwichtig und überflüssig ist, dass ihm jede Relevanz für die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens, nämlich die geschäftlichen, abgeht, die nennen das Besagte schlicht und ergreifend “Lyrik”. Wenn einer “Lyrik” redet oder schreibt, dann kommt er nicht zum Punkt und raubt seinen Mitmenschen nur ihre Zeit und Aufmerksamkeit. Und dieser Ausdrucksweise liegt scheinbar ein weit verbreitetes Urteil über die eigentliche Lyrik, also die Dichtkunst, zugrunde. Seit einigen Jahrzehnten schon sind Gedichte, so scheint es, aber so was von verpönt, geradezu ein Anachronismus. Schließlich machen Gedichtbände auch nur einen winzigen Bruchteil der Umsätze an literarischen Büchern aus.

Und doch hat sich in den letzten Jahren, abseits vom Mainstream, etwas entwickelt, das in dem vorliegenden, bereits in zweiter Auflage erschienenen Bändchen der Frankfurter Juristin und Lyrikerin Martina Weber seinen Ausdruck findet: “Viele Menschen haben ein echtes Bedürfnis, literarische Texte zu schreiben, wissen aber nicht, wie sie es anfangen sollen …”, heißt es im Vorwort. An Leser mit solchen Interessen und Ambitionen, die auch die immer zahlreicher werdenden Poetenwerkstätten und Seminare für literarisches Schreiben bevölkern, richtet sich das vorliegende Werk. Es besteht, analog zu seinem Subtitel, aus zwei Teilen: einem ersten, der die Dichtkunst als ein durch gezielte Aufmerksamkeit und Übung erlernbares Handwerk darstellt, und einem zweiten, der aufzeigt, wie und auf welche Weise die Gedichte im Wege der “Veröffentlichung” den Weg zu den Lesern finden können. Neben der Verfasserin haben noch mehrere andere Autoren, überwiegend ihrerseits Lyriker, einzelne Passagen und Kapitel beigesteuert.

Schon auf den ersten Seiten werden sich all jene bestätigt fühlen, die solcher Ratgeber-Literatur, erst recht einer auf literarisches Schreiben bezogenen, skeptisch gegenüber stehen: “Aus der Offenheit des Lyrikbegriffs folgt, dass man niemandem sagen kann, wie er ein Gedicht zu schreiben hat”, räumt die Autorin ein. Ein Gedicht kann so ziemlich alles und nichts sein, solange es nur aus mindestens zwei Zeilen besteht, erfahren wir. Was also kann eine Anleitung zum Dichten da überhaupt noch leisten? Zunächst zeigt die Autorin auf, was nach ihrer Ansicht gute Lyrik ausmacht und woran man schlechte erkennen kann: Gute Lyrik erzeugt im Leser Gefühle, überrascht den Leser, z.B. durch Zeilensprünge, unerwartete inhaltliche Wendungen, Brüche im Gedankengang und im Rhythmus, ungewöhnliche Bilder und Aussagen, Mehrdeutigkeit, Pointen, Wortspiele, Witz und Humor. Zu vermeiden wären hingegen Klischees, Trivialität und Abstrakta (“Drei Orangen sind sinnlicher als Obst.”). Alle diese Punkte, an deren Evidenz wohl kaum jemand zweifeln dürfte, werden in den folgenden Kapiteln noch ausführlich erläutert und mit Beispielen besonders gelungener, manchmal auch missratener Lyrik untermauert. Vor allem diese mit Bedacht ausgewählten Zitate machen auch dem interessierten Laien schnell deutlich, ob, wann und warum ein Gedicht etwas taugt. Auf diese Weise präpariert kann der Leser dann eigene Versuche unternehmen. Die durchweg brauchbaren Tipps zur Veröffentlichung der Resultate tun ihr übriges.

Indessen verdichten sich die Anzeichen für eine Lyrik-Renaissance weiter: Nicht nur, dass unsere Schulkinder nach dem Pisa-Schock inzwischen wieder so viele Gedichte einpauken müssen, wie seit 1968 nicht mehr. In der “Wetten, dass…?”-Sendung vom 7.11.2009 präsentierte Popstar Lady Gaga ein riesiges Tattoo mit Versen von Rainer Maria Rilke auf ihrem linken Oberarm. Lyrik ist en vogue, heißt das. Vielleicht wird ja die Lyrik im Zeitalter der neuen Medien – gerade wegen ihrer Kürze und Prägnanz – sogar die literarische Form der Zukunft sein. Allen, die nun selber dichten wollen, ob mit oder ohne Ratgeber, sei noch das rekordverdächtig kurze Gedicht Erich Kästners ans Herz gelegt: Es gibt nichts Gutes / Außer: Man tut es.

Martina Weber
Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen
2. vollständig überarbeitete Auflage
Uschtrin Verlag München 2008
236 Seiten, EUR 18,90
ISBN 978-3-932522-09-3

Informationen:
http://www.uschtrin.de/weber.html

www.justament.de, 15.6.2009: Mit Bart und Schmiss

Altmeister Nick Cave kommt langsam wieder in Form

Thomas Claer

Cover CaveZwischenzeitlich schien es, als sei Nick Cave, 1957 in Australien geborener Meister des lärmigen Underground, einfach nur ein müder alter Sack geworden. Vom kommerziellen Erfolg seiner „Murder Ballads“ (1996) hatte er sich – daran konnte kein Zweifel bestehen – mehr als ein Jahrzehnt lang nicht mehr richtig erholt. Nach jenem seinerzeit in Szenekreisen misstrauisch beargwöhnten Turn zur hinreißenden Popballade mit Kylie Minogue („Where the Wild Roses Grow“) und zum nicht minder bezaubernden Duett mit P.J. Harvey („Henry Lee“ – Was für ein Video!) war bei Cave und seinen Bad Seeds irgendwie die Luft raus. Immer langsamer und schleppender wurden fortan ihre Songs, immer reduzierter und spartanischer die Arrangements. Meist plätscherten die Lieder ihrer zwischen 1997 und 2004 veröffentlichten Alben nur noch so dahin. (Immerhin wurden aber die Berliner Bad Seeds-Konzerte in jenen Jahren noch von Sven Regener, einer allzeit zuverlässigen Instanz des guten Geschmacks, besucht.) Man konnte allerdings gar nicht glauben, dass dort die einst so wilden Kerle am Werk waren, neben Cave noch Mick Harvey und Barry Adamson, die Anfang der Achtziger in Australien unter dem Namen „Birthday Party“ für gefeierte Lärmorgien gesorgt hatten, bevor sie 1983 nach West-Berlin zogen. Dort, in der Kreuzberger Szene vor dem Mauerfall, wurden unter Mitwirkung von Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“), noch bis vor wenigen Jahren vollwertiges Mitglied der Band, kurz darauf die „Bad Seeds“ geboren. Mit „From Her To Eternety“ (1984) gelang ihnen ein unübertroffen morbides, wirres, destruktiv-schönes Debut, die Bandmitglieder auf den Plattencover-Fotos allesamt vom Wahnsinn gezeichnet. Seitdem galten Nick Cave & The Bad Seeds als Institution in der Dark Wave-Szene, bis sich Nick Cave unglücklicherweise in Kylie Minogue verliebte …

Es brauchte einen Umweg: Nick Cave, den viele schon abgeschrieben hatten, nahm 2006 mit dem Geiger Warren Ellis und einigen anderen härteren Jungs ein sehr kraftvolles Album namens „Grinderman“ auf, das auch textlich, etwa mit dem „No Pussy Blues“, zur harten Obszönität der ganz frühen Jahre zurückfand. Und diesem Jungbrunnen entstiegen geht es bei Mr. Cave nun auch mit seinen guten alten Bad Seeds wieder richtig zur Sache. Schon vor gut einem Jahr erschien das neue, überaus frisch wirkende Album „Dig, Lazarus, Dig!!!´”. (Wir sind spät dran mit unserer Rezension, ich weiß. Aber wie zuletzt schon bei den Breeders geht auch hier Relevanz vor Aktualität.) Auch optisch ist Nick Cave kaum wiederzuerkennen. Ein mächtiger Schnurrbart schmückt jetzt das Gesicht der einstigen Coolness-Ikone. Und musikalisch knüpft „Dig, Lazarus, Dig!!!” an die besten Jahre der Band an. Alle Lieder des Albums haben das, was unsere Großeltern-Generation ehedem als Schmiss bezeichnete, soll heißen: da geht was los. Der Opener und Single-Track ist noch gar nicht mal so überragend, aber dann kommen finstere Rassel-Nummern wie „Night Of The Lotus Eaters“, fulminante Rock-Kracher wie „Albert Goes West“, aber auch mit „Hold On To Yourself“  ein hochmelodiöses Stück der entspannteren Art. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Nick Cave & The Bad Seeds
Dig, Lazarus, Dig!!!
4AD/Beggar (Indigo) Mute (EMI) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B000ZN258M

Justament Okt. 2009: Frauentyp als Fehlbesetzung

Recht cineastisch, Teil 3: Eine neue Effi Briest-Verfilmung

Thomas Claer

effibriest1Viermal bereits wurde Theodor Fontanes großer realistischer Roman von 1895 in der Vergangenheit verfilmt, letztmalig zur Zeit der deutschen Teilung relativ kurz nacheinander in Ost (1968) und West (1974). Eine nunmehr gesamtdeutsche und umfassend aktualisierte filmische Version von “Effi Briest” präsentiert nun die Regisseurin Hermine Huntgeburth. Und die Voraussetzungen waren gut: Der Film konnte angemessen prominent besetzt und weitgehend an den originalen Schauplätzen der Romanhandlung gedreht werden. (In Berlin haben wir erlebt, wie die Prachtstraße “Unter den Linden” wegen der Dreharbeiten tagelang abgesperrt war.) Hat sich der Aufwand also gelohnt?

Zunächst einmal fällt auf, wie natürlich und ungezwungen hier inszeniert und gespielt wurde. Das macht die Figuren und den Stoff für heutige Begriffe zwar sehr lebendig, sorgt allerdings für umso schärfere Kontraste zu den Zwängen, in denen sich die Personen, den damaligen gesellschaftlichen Konventionen entsprechend, zu bewegen hatten. So wird die größere Anschaulichkeit und Zugänglichkeit notwendigerweise mit Abstrichen bei der Werktreue und dem nur bedingt eingefangenen damaligen Zeitgeist erkauft. Doch das ist kein Einwand gegen den Film, die dadurch erreichte Popularisierung kann diese Zugeständnisse durchaus rechtfertigen.

Schwerer wiegt hier schon die geradezu spektakuläre (und folgenreiche) Fehlbesetzung bei der Person des Baron von Innstetten, des 38-jährigen Landrats mit großen politischen Ambitionen, den zu ehelichen die erst 17-jährige Effi Briest (Julia Jentsch) von ihrer Familie genötigt wurde. Dieser Innstetten ist ein kaltherziger, vom Ehrgeiz zerfressener Bürokrat – und einen solchen kann ein schon physiognomisch unverkennbarer “Frauentyp” wie Senbastian Koch (der oppositionelle Künstler in “Das Leben der Anderen”) nun einmal nicht spielen. Auch wenn er sich noch so müht, sein Charisma zu verbergen – es will und kann ihm nicht gelingen. Die Folge davon ist, dass im Film auch nicht recht verständlich wird, warum die vom tristen, kleinstädtischen Leben im hinterpommerschen Kessin bedrückte Effi den von Misel Maticevic passabel gespielten Major von Crampas ihrem Gatten vorzieht und mit ihm eine Liaison beginnt. Hingegen wirkt Julia Jentsch in ihrer Rolle als Effi überzeugend, zumal sie auch bemerkenswert reizvoll in Szene gesetzt wird.

Etwas ärgerlich, wenngleich folgerichtig, gerät dann aber doch der Schluss, wo Effi energisch gegen ihr Umfeld rebelliert, statt – wie im Roman – resigniert mit nur 29 Jahren an gebrochenem Herzen zu sterben. So wünscht es sich natürlich der heutige Zuschauer, wenn er sieht, wie Innstetten die im Nähkästchen versteckten sechs Jahre alten Liebesbriefe Major Crampas’ an seine Frau findet, sich daraufhin von Effi scheiden lässt, ihr das Kind wegnimmt und den Major (den Nebenbuhler von vor vielen Jahren!) im Duell erschießt. Doch durch diesen wesentlichen inhaltlichen Eingriff, den man fast eine Geschichtsklitterung nennen möchte, geht leider auch die eigentlich unauflösliche Tragik der Geschichte verloren. Kurzum: Eine nicht ungelungene Adaption des Stoffs – aber mit einigen Unstimmigkeiten.

Effi Briest
Deutschland 2009
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Volker Einrauch
118 Minuten
FSK: 12
Darsteller: Julia Jentsch, Sebastian Koch, Misel Maticevic, Margarita Broich, Barbara Auer, Juliane Köhler

Justament Okt. 2009: Melancholisch und ungezogen

Mit “Mountain Battles” setzen die Breeders ein Lebenszeichen, das gefallen kann

Thomas Claer

Cover BreedersSo weit ist es schon gekommen: Vor einem Jahr haben die Breeders ein neues Album herausgebracht, und ich hab’s erst jetzt gemerkt. Doch ist ein Jahr gar nicht so viel Zeit – gemessen an den ausgedehnten Schaffenszyklen dieser Band. Tatsächlich ist “Mountain Battles” erst ihre vierte Platte in zwanzig Jahren.

Angefangen hat es mit den Breeders 1989 als Kim Deal, Bassistin und Co-Sängerin der legendären Pixies (1986-1992) – der womöglich besten Band aller Zeiten – sich mit Tanya Donelly (Throwing Muses) und Josephine Wiggs zu einem explizit feministischen Nebenprojekt zusammenfand. 1991 erschien ihr Debütalbum “Pod”, verglichen mit den Nachfolgern ein ungeschliffenes Juwel, ein furioses Gitarrenrockalbum. Insbesondere ist das Stück “Opened” ein Gigant von einem Song in bester Pixies-Manier. Mit den Pixies allerdings ging es nach einem vollständigen Zerwürfnis zwischen Lead-Sänger Black Francis (a.k.a. Frank Black) und Kim Deal bald zu Ende. Black erklärte damals u.a., die Zickigkeit seiner Bassistin nicht mehr ertragen zu können. So wurden die Breeders für Kim Deal zum Hauptprojekt: 1993 gelang ihnen – bereits ohne die ausgeschiedene Tanya Donelly – mit ihrem zweiten Album “Last splash” und der Single “Cannonball” ein weltweiter Erfolg, obgleich die viel zu poppig geratenen Songs Fans und Kritiker keineswegs durchweg überzeugen konnten. Es folgte nach langer Pause mit Kim Deals Präsenz in mehreren anderen Projekten erst 2002 das wunderbar reife, begnadete, in jeder Hinsicht großartige “Title TK”.
Zu dieser Zeit bewies Kim Deal ihr unvermindertes Temperament mit dem unvergesslichen Statement in der 3Sat-Kulturzeit: “Hey, Mann, wenn der Gitarrist eine Pussy ist, dann kannst du gleich die ganze Band vergessen!” Es folgte noch eine emphatisch gefeierte Wiedervereinigungs-Tournee der versöhnten Pixies.

Und nun also “Mountain Battle”: Auch mit siebenundvierzig Jahren singt Kim Deal noch wie ein manchmal ungezogenes kleines Mädchen. Rockig, krachend und schmutzig kommen die meisten Stücke daher, aber gerade auch die langsamen Lieder wie das besonders zu rühmende Titelstück “Mountain Battles” entfalten einen unwiderstehlichen Reiz. Mein Gott, wie melancholisch sind Songs wie “Night Of Joy” oder “We’re Gonna Rise”! Und dann noch eine Neuerung: Der Song “Bang On” enthält Ausflüge in die Elektronik, aber so vorsätzlich stümperhaft, so augenzwinkernd dilettantisch, dass man die Breeders schon allein dafür lieben muss. Im vergnüglichen Song “German Studies” schließlich heißt es z.B. mehrmals: “Lass das Licht an!” und “Was machst du bloß?” Ansonsten reicht das musikalische Spektrum von der sehr Pixies-mäßigen Pop-Hymne “Walk It Off” bis zum Countrysong “Here No More”. Für 13 Lieder brauchen sie keine 37 Minuten: Immer kurz und schmerzlos. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).

The Breeders
Mountain Battles
4AD/Beggar (Indigo) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B00133FBDY