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www.justament.de, 6.2.2017: Das tiefschwarze Album

Nick Cave auf „Skeleton Tree“

Thomas Claer

skeletonDer gute Nick Cave hat über die Jahre schon so manche Höhen und Tiefen durchschritten. Als die Platten seiner „Bad Seeds“ in den Nullerjahren immer langweiliger zu werden drohten, erfand er als Nebenprojekt kurzerhand „Grinderman“, eine Band, die letztlich auch nur aus Musikern der „Bad Seeds“ bestand, dafür aber einen infernalischen Garagenrock spielte, der an Nick Caves erste Band aus den frühen Achtzigern, die legendäre Birthday Party, erinnerte. Der herausragende Song der Grindermänner war der „No Pussy Blues“… Inzwischen ist dieses Kapitel aber längst schon wieder abgeschlossen. Nick Cave konzentriert sich voll und ganz auf seine „Bad Seeds“ und spielt mit ihnen langsamer, leiser und minimalistischer als jemals zuvor. Mit dem allerorts hochgelobten Vorgängeralbum „Push the Sky away“ (2013) hatte die düstere Combo einen unerwarteten Höhepunkt ihres Schaffens erreicht.
Nun also der Nachfolger „Skeleton Tree“, der sich in einem pechschwarzen Steckcover präsentiert. Unmöglich, dieser Platte gerecht zu werden, ohne den traurigen Hintergrund zu berücksichtigen: Nick Cave hat während der Aufnahmen seinen Sohn verloren, der tragisch verunglückt ist. Das ganze Album wirkt tieftraurig. Noch reduzierter geht es kaum. Ein einziges Jammern und Wehklagen mit karger instrumenteller Begleitung. Muss man oder kann das gut finden? Das wird wohl entscheidend von der Stimmungslage und der augenblicklichen Befindlichkeit des Hörers abhängen. Der Rezensent muss zugeben, diese CD beim ersten Hören (und auch noch beim zweiten und dritten) als etwas lahm empfunden zu haben. Später hingegen, in eher gedrückter Stimmung, hat er sie als durchaus beeindruckend wahrgenommen. Möge jeder selbst urteilen. Unser Votum jedenfalls lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Nick Cave and The Bad Seeds
Skeleton Tree
Bad Seed Ltd. 2016
ASIN: B01LW08ARQ

www.justament.de, 15.6.2009: Mit Bart und Schmiss

Altmeister Nick Cave kommt langsam wieder in Form

Thomas Claer

Cover CaveZwischenzeitlich schien es, als sei Nick Cave, 1957 in Australien geborener Meister des lärmigen Underground, einfach nur ein müder alter Sack geworden. Vom kommerziellen Erfolg seiner „Murder Ballads“ (1996) hatte er sich – daran konnte kein Zweifel bestehen – mehr als ein Jahrzehnt lang nicht mehr richtig erholt. Nach jenem seinerzeit in Szenekreisen misstrauisch beargwöhnten Turn zur hinreißenden Popballade mit Kylie Minogue („Where the Wild Roses Grow“) und zum nicht minder bezaubernden Duett mit P.J. Harvey („Henry Lee“ – Was für ein Video!) war bei Cave und seinen Bad Seeds irgendwie die Luft raus. Immer langsamer und schleppender wurden fortan ihre Songs, immer reduzierter und spartanischer die Arrangements. Meist plätscherten die Lieder ihrer zwischen 1997 und 2004 veröffentlichten Alben nur noch so dahin. (Immerhin wurden aber die Berliner Bad Seeds-Konzerte in jenen Jahren noch von Sven Regener, einer allzeit zuverlässigen Instanz des guten Geschmacks, besucht.) Man konnte allerdings gar nicht glauben, dass dort die einst so wilden Kerle am Werk waren, neben Cave noch Mick Harvey und Barry Adamson, die Anfang der Achtziger in Australien unter dem Namen „Birthday Party“ für gefeierte Lärmorgien gesorgt hatten, bevor sie 1983 nach West-Berlin zogen. Dort, in der Kreuzberger Szene vor dem Mauerfall, wurden unter Mitwirkung von Blixa Bargeld („Einstürzende Neubauten“), noch bis vor wenigen Jahren vollwertiges Mitglied der Band, kurz darauf die „Bad Seeds“ geboren. Mit „From Her To Eternety“ (1984) gelang ihnen ein unübertroffen morbides, wirres, destruktiv-schönes Debut, die Bandmitglieder auf den Plattencover-Fotos allesamt vom Wahnsinn gezeichnet. Seitdem galten Nick Cave & The Bad Seeds als Institution in der Dark Wave-Szene, bis sich Nick Cave unglücklicherweise in Kylie Minogue verliebte …

Es brauchte einen Umweg: Nick Cave, den viele schon abgeschrieben hatten, nahm 2006 mit dem Geiger Warren Ellis und einigen anderen härteren Jungs ein sehr kraftvolles Album namens „Grinderman“ auf, das auch textlich, etwa mit dem „No Pussy Blues“, zur harten Obszönität der ganz frühen Jahre zurückfand. Und diesem Jungbrunnen entstiegen geht es bei Mr. Cave nun auch mit seinen guten alten Bad Seeds wieder richtig zur Sache. Schon vor gut einem Jahr erschien das neue, überaus frisch wirkende Album „Dig, Lazarus, Dig!!!´”. (Wir sind spät dran mit unserer Rezension, ich weiß. Aber wie zuletzt schon bei den Breeders geht auch hier Relevanz vor Aktualität.) Auch optisch ist Nick Cave kaum wiederzuerkennen. Ein mächtiger Schnurrbart schmückt jetzt das Gesicht der einstigen Coolness-Ikone. Und musikalisch knüpft „Dig, Lazarus, Dig!!!” an die besten Jahre der Band an. Alle Lieder des Albums haben das, was unsere Großeltern-Generation ehedem als Schmiss bezeichnete, soll heißen: da geht was los. Der Opener und Single-Track ist noch gar nicht mal so überragend, aber dann kommen finstere Rassel-Nummern wie „Night Of The Lotus Eaters“, fulminante Rock-Kracher wie „Albert Goes West“, aber auch mit „Hold On To Yourself“  ein hochmelodiöses Stück der entspannteren Art. Das Urteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).

Nick Cave & The Bad Seeds
Dig, Lazarus, Dig!!!
4AD/Beggar (Indigo) Mute (EMI) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B000ZN258M