www.justament.de, 21.6.2010: Tragische Asymmetrie

Recht cineastisch, Teil 6: „Same Same But Different“ – Detlev Bucks erster Liebesfilm

Thomas Claer

drum-herum-recht-cineastisch-same_same_but_different_intWenn Detlev Buck (Jahrgang 1962), immerhin schon ein alter Hase im Filmbusiness, nach langen Jahren als Regisseur (und nebenbei auch als sehr passabler Schauspieler) nun erstmals einen Liebesfilm gedreht hat, dann unterstreicht das nur seine vorsichtige Distanz zu diesem immer heiklen, fast unvermeidlich kitschnahen Genre. Das Experiment, so kann man sagen, ist gelungen. Der für seinen trockenen Humor und die immer ein wenig „independent“ anmutenden Filme bekannte Buck bringt auch die Geschichte von Ben (David Kross) und Sreykeo (Apinya Sakuljaroensuk) handwerklich sehr routiniert, gekonnt und stilsicher auf die Leinwand. Bemerkenswert ist vor allem, dass er diesmal nahezu gänzlich ohne Witz oder Ironie auskommt.
Es ist eher die Geschichte selbst, die nachdenklich macht. Der Hamburger Abiturient Ben begibt sich mit einem Kumpel auf eine Abenteuer-Rucksackreise nach Kambodscha. Dort verliebt er sich in einer Disko in die junge Prostituierte  Sreykeo, die, wie sich später herausstellen wird, HIV-positiv ist. Nach langen Wirren, mehreren Transkontinentalflügen, unzähligen Videotelefonaten und erheblichen finanziellen Aufwendungen auf Seiten von Ben (nicht zuletzt für Sreykeos Medikamente), entscheidet er sich für diese Liebe und ist bereit, Sreykeo zu heiraten. Nicht, dass hier etwas konstruiert wirken würde, die Handlung beruht auf einem autobiographischen Roman, und man glaubt gerne, dass sich alles so zugetragen hat. (Ausgenommen der Umstand, dass Sreykeo, die von einem früheren Kunden Deutsch gelernt haben soll, sich so vergleichsweise reibungslos mit Ben in dessen Sprache zu verständigen vermag. Das kann einfach nicht sein!) Bedenklich ist eher die Konstellation an sich, die zwischen den Protagonisten bestehende fundamentale Asymmetrie, die ein trübes Licht auf diese Liebe wirft. Für Sreykeo ist Ben nun einmal die einzige Chance, nicht nur ihrem Elend zu entkommen – die Armut in Kambodscha wird in drastischen Bildern gezeigt – sondern sich überhaupt mittelfristig am Leben zu erhalten. Und wer will es ihr da verdenken, dass sie mit allen Mitteln um Ben wirbt? Die Frage ist müßig, ob sie sich unter anderen Umstände auch nur ansatzweise für ihn interessiert hätte. Ben hingegen wird durch seine aufopfernde Zuwendung zu einer Art Lichtgestalt – im scharfen Kontrast zu den anderen westlichen Kambodscha-Besuchern im fließenden Übergang zwischen Hippitum und Sextourismus. Sehr treffend fängt der Film das Heuchlerische und Abstoßende dieses Milieus ein. Auch wenn mit den Liebenden schließlich alles – gegen jede Wahrscheinlichkeit – zu einem guten Ende kommt. Romantisch mag man diese Liebe dennoch nicht nennen.

Same Same But Different
Deutschland 2009
106 Minuten, FSK 6
Regie: Detlev Buck
Drehbuch: Ruth Thoma, Michael Ostrowski, Detlev Buck
Darsteller: David Kross, Apinya Sakuljaroensuk, Stefan Konarske, Jens Harzer, Anne Müller, Michael Ostrowski u.v.a.

www.justament.de, 31.5.2010: Das Wunder von Oslo

Die Debüt-CD der talentierten Lena Meyer-Landrut vor dem Justament-Gericht

Thomas Claer

Lena coverSelbst in eher verschlafenen Wohngebieten wurden in der Nacht zum letzten Sonntag Raketen abgeschossen und Fahnen geschwenkt. Dabei hat doch die Fußball-WM noch gar nicht begonnen. Was also war geschehen? Nach 28 Jahren hat Deutschland, man mag es glauben oder nicht, wieder beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewonnen, der inzwischen Eurovision Song Contest heißt. Früher, als eine Schlagersängerin namens Nicole dort mit einem „bisschen Frieden“ erstmals die Trophäe nach Deutschland holte, war dieser Wettbewerb noch ein Ausbund an Scheußlichkeiten. Inzwischen, so muss man feststellen, hat sich die Veranstaltung in bemerkenswerter Weise bis hin zum veritablen Popsong geöffnet. Überhaupt ist der Song-Contest, auch bedingt durch die Explosion der Anzahl teilnehmender Länder seit 1990ff., zu einem Medien-Großereignis für ganz Europa geworden, das gerade in Zeiten der Euro-Krise für etwas Zusammenhalt sorgt. Und nachdem Deutschland dort in den letzten Jahren nur durch Blödeleien von Stefan Raab und Guildo Horn aufgefallen war, durfte diesmal ein echtes Nachwuchstalent ins Rennen: lovely Lena Meyer-Landrut, die die Herzen zunächst der deutschen und nun auch der europäischen Zuschauer im Sturm erobern konnte. Ein neuer Popstar ist geboren, der wohl schon dadurch eine Lücke füllt, dass er so ganz anders rüberkommt als die anderen weiblichen Musikgrößen dieser Generation: als die clevere diabolisch-raffinierte Lady Gaga etwa oder die grandios konfus-kaputte Amy Winehouse. Lena ist der vollkommene Kontrast, wirkt natürlich, aufgeweckt, selbstbewusst und doch zugleich bescheiden, ohne jede Spur von Arroganz. Dass sie keine Stimme habe, wie zur Zeit gerne in den Feuilletons behauptet wird, ist natürlich Unfug. Sie singt ganz ausgezeichnet, sehr individuell – und lässt vor allem viel Potential erkennen. Auch das Grand-Prix-Lied „Satellite“, das ein internationales Songwriter-Team geschrieben hat, ist gar nicht einmal schlecht, wenn auch bestimmt nicht überragend. Aber es muss ja, so funktioniert eben das Pop-Business, gleich eine ganze CD her, für die ihr Mentor und Manager Stefan Raab eilig noch ein paar harmlose Songs zusammengeschustert hat. Da darf man natürlich keine Wunder erwarten, wenngleich Lena auch mittelmäßige Songs mit der ihr eigenen Grazie bewältigt. Immerhin: So richtig Peinliches sucht man auf der Scheibe vergeblich. Und schließlich muss man es Lena hoch anrechnen, dass sie den heute zu Unrecht fast vergessenen Tonträger Audio-Cassette, mit dem vor allem die weit fortgeschrittenen Semester unter uns manch süße Erinnerung verbinden dürften, wieder ins mediale Rampenlicht gerückt hat. Das Urteil lautet: befriedigend (7 Punkte).

Lena
My Cassette Player
Usfo (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003I4V8BU

www.justament.de, 3.5.2010: Everybody’s Darling

Eine Ausstellung im Schloss Charlottenburg zum 200. Todestag der preußischen Königin Luise

Thomas Claer

Bild LuiseVor zweihundert Jahren gab es natürlich noch keinen Popstarkult im eigentlichen Sinne. Aber wie will man es sonst nennen, wenn eine junge, schöne und allseits beliebte preußische Königin ihre Tücher auf besondere Weise um die Schultern zu tragen pflegte, und junge Menschen verschiedenster Stände imitierten es? Und all das entstand nur mit den Popularitätsverbreitungsmitteln der damaligen Zeit: Gemälden, immer wieder Gemälden, ein paar versprengten Journalen für die Gebildeten und ansonsten Hörensagen. Die Maler standen förmlich Schlange, um sie zu porträtieren. Doch weit mehr als ihre Schönheit war es ihr natürlicher Charme, der Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776-1810), die siebzehnjährig den etwa sechs Jahre älteren späteren preußischen König Friedrich Wilhelms III. ehelichte, zum Gegenstand allgemeiner Verehrung machte. Und so makaber es klingen mag: Nichts ist dem unsterblichen Ruhm förderlicher als ein früher Tod. Mit nur 34 Jahren hat eine Lungenentzündung sie hinweggerafft – worauf die Vereinnahmung und Legendenbildung begann.

Ungezwungene Umgangsformen
Klar, ein solcher Stoff ist wie geschaffen für eine Sonderausstellung im ohnehin sehenswerten Schloss Charlottenburg in Berlin. Kein Wunder, dass die Besucher in Scharen dorthin strömen. Sie werden nicht enttäuscht. Mag man auch die anhaltende Tendenz zur Kommerzialisierung im Ausstellungswesen beklagen, ist es doch allemal anschaulicher, durch die Privatgemächer der Königin zu spazieren, als sich nur durch Wikipedia oder die zahlreichen Verfilmungen oder Bücher zu unterrichten.
Schon der erste Augenschein verrät: Luise wirkt überraschend zeitgenössisch, regelrecht modern mutet der Schnitt ihrer Kleidung auf etlichen Porträts an. Gepriesen wird in den Zitaten auf den Wandtafeln vor allem der für die damaligen Verhältnisse erfrischend unaristokratische Stil der Königin. Von ungezwungenen Umgangsformen ist die Rede, sie duzte sich sogar mit ihrem Gemahl. Doch ging sie bei ihren Tabubrüchen so behutsam vor und erwies der Etikette gerade noch so viel Respekt, dass sie konservative Kreise nicht völlig gegen sich aufbrachte.
Vieles an ihr gilt als Produkt der Erziehung ihrer liberalen Großmutter in Darmstadt, bei der sie ab 1786 aufwuchs und, wie es hieß, so manche Freiheiten genoss. Über den Besuch der vierzehnjährigen Luise (gemeinsam mit Schwester und Oma) in Frankfurt schreibt die Mutter Goethes an ihren Sohn: “Das Zusammentreffen mit der Prinzessin von Mecklenburg hat mich außerordentlich gefreut … von einer steifen Hofetikette waren sie da in voller Freyheit – tantzend – sangen und sprangen den gantzen Tag …” Noch als Jugendliche wird Luise als “kindlich unbefangen und verspielt” beschrieben. Dabei war sie keine eifrige Schülerin, in ihren Briefen häuften sich Rechtschreibfehler. Doch tat das der ihr überall entgegengebrachten Bewunderung keinen Abbruch.

Liebesheirat mit Friedrich Wilhelm
Obgleich von den Eltern arrangiert kann ihre Ehe mit Friedrich Wilhelm als ausgesprochene Liebesheirat gelten, was seinerzeit bekanntlich eher die Ausnahme war. Zum ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen am 14. März 1793, am 19. März machte er ihr persönlich seinen Heiratsantrag, und am 24. April fand die offizielle Verlobung statt. Bereits Weihnachten 1793 feierte man Hochzeit. Nach Berichten von Augenzeugen wirkte der Bräutigam, sonst eher schüchtern und introvertiert, an diesem Tag heiter und ausgelassen. Und was auch schon sehr modern anmutet, es gab einen Ehevertrag. Weniger fortschrittlich allerdings war sein Inhalt: Luise sollte eine bestimmte Summe Geldes “zu selbsteigener Disposition” erhalten, die sich bei der Geburt eines Sohnes, nicht aber bei der Geburt einer Tochter deutlich erhöhen würde. Tatsächlich gebar Luise, die 1797 mit 21 Jahren Königin wurde, dann nicht weniger als zehn Kinder in knapp 17 Ehejahren (sieben von ihnen erreichten das Erwachsenenalter), darunter den späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. (Nebenbei gesagt ist Luise somit auch die Urgroßmutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.) Das hohe Ansehen der Königin war nicht zuletzt ihrem Pflichtbewusstsein geschuldet, das sie trotz eher leichtlebiger Veranlagung in ihrer hoheitlichen Position walten ließ.

Einsatz in der großen Politik
Sie unterstützte ihren Gatten bei dessen politischen Geschäften nach Kräften, machte Außenpolitik und eine gute Figur in ihren Begegnungen mit dem russischen Zaren Alexander und Napoleon. Über Zar Alexander (den Namensgeber des Berliner Alexanderplatzes) liest man in ihren Aufzeichnungen: “Er ist wunderbar gut gebaut und von sehr stattlicher Erscheinung. Er sieht aus wie ein junger Herkules.” Besonders ausführlich widmet sich die Ausstellung ihrem Aufeinandertreffen mit Napoleon, der anschließend an seine Frau nach Paris schreibt: “Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. Aber sei ja nicht eifersüchtig …”

Mausoleum, Insel, Propaganda
Gleich nach Luises Tod ließ Friedrich Wilhelm ein beeindruckendes Mausoleum im Park des Schlosses Charlottenburg errichten, wo sie (wie später noch andere wichtige Familienmitglieder) ihre letzte Ruhestätte fand. Ihr liebster Aufenthaltsort im Charlottenburger Schlosspark erhielt Skulpturen von Amor und Aphrodite, eine steinerne Büste mit ihrem Antlitz und fortan den Namen “Luiseninsel”. Weitgehend schuldlos ist Luise an ihrer postumen politisch-propagandistischen Instrumentalisierung durch deutschnationale Kreise. “Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat Luise von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verehrer zu leiden gehabt”, befand Theodor Fontane in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” (1862). Wie ungebrochen auch heute noch ihre Wirkung ist, beweist ein frisches Graffiti am Ausgang des Schlossparks zur Spree: ein Herz mit der Inschrift “Luise”.

Luise. Leben und Mythos der Königin
6. März – 30. Mai 2010
Schloss Charlottenburg, Berlin

Justament April 2010: Feuer und Flamme

Warum die brennenden Autos in Berlin die Gentrifizierung nur vorantreiben

Thomas Claer

FeuerBeeindruckend minutiös listet es die Seite http://www.brennende-autos.de auf: 533 Brandanschläge von Unbekannten auf Autos hat es in Berlin seit dem Frühjahr 2007 gegeben (Stand: 1.4.10). Die Tendenz ist dabei stark zunehmend: Gingen im gesamten Jahr 2008 lediglich 135 Fahrzeuge in Flammen auf, waren es 2009 bereits 212. Fast jede Nacht, heißt das, brennt in Berlin irgendwo ein Pkw. Betroffen sind, die Karte auf besagter Internetseite verrät es, ganz überwiegend die Innenstadtbezirke Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg, also jene Bezirke, in denen Stadtsoziologen schon seit mehr als einem Jahrzehnt eine ausgeprägte Tendenz zur Gentrifizierung ausgemacht haben, also zur gezielten Aufwertung der Stadtviertel durch Restaurierung, Umbau und Verränderung der Bevölkerungsstruktur. Keineswegs ausschließlich, aber doch mehrheitlich trifft es Luxusfahrzeuge der Marken Mercedes (118 Fälle) und BMW (55 Fälle). Vereinzelte Bekenntnisse aus der linksautonomen “Szene” bestätigen nur, was ohnehin jeder weiß: Die Brandstiftungen sollen politische Aktionen gegen die “kapitalistische Gentrifizierung” darstellen. Brennen nur möglichst viele Nobelkarossen, dann werden es sich die Yuppies schon überlegen, ob sie unbedingt hier wohnen wollen, war laut “taz” aus Kreuzberg zu vernehmen. Assistiert werden die feurigen autonomen Bemühungen regelmäßig durch gezielte Brandsätze auf Baustellen von Luxus-Wohnhäusern sowie entsprechende Graffiti: An Parolen wie “Fuck Yuppies!” oder “Yuppies und Schwaben raus!” an Häuserwänden hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt.

Haben wir es bei den Zündeleien nun also mit einer neuen Form des sozialen Protestes zu tun oder sind es letztlich doch nur stinknormale Brandstiftungen gem. § 306 Abs. 1 Nr. 4, 1. Var. StGB – allerdings in ungewöhnlich großer Zahl? Für letzteres plädiert der Kriminologe Christian Pfeifer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und füherer niedersächsischer Landesjustizminister (SPD). Er sieht nur “ganz normale Brandstifter” am Werk, die “politisch nichts bewegen” können, zitiert ihn die “taz”. Schließlich seien Brandstifter “meistens Serientäter.” “Jede neue Tat bedeutet eine Luststeigerung. Macht ausüben. Manche haben sogar ein Hochgefühl, vergleichbar einem Orgasmus, wenn sie aus sicherer Entfernung den Anblick der Flammen und die Aufregung genießen. Dieses Tatütata, wenn Polizei und Feuerwehr kommen und sich überall die Fenster öffnen.” Manche Brandstifter würden nun eben “ein politisches Mäntelchen drumhängen”. Slogans wie “Ein brennendes Auto eine Straftat – 100 brennende Autos eine politische Aktion” bezeichnet Pfeifer als “dumme Sprüche”. Die Einzigen, die durch die Brandanschläge auf die meist vollkaskoversicherten Autos beglückt würden, seien die Taxifahrer, weil das Opfer eine Weile keinen fahrbaren Untersatz habe.

Teil der Krawall-Folklore
Doch ist das alles? Könnte es nicht sein, dass die brennenden Autos sehr wohl etwas Größeres bewirken, nämlich stadtsoziologisch und damit gewissermaßen auch politisch, nur gänzlich anders, als es sich die autonomen Feuerteufel vorstellen können? Sind sie nicht schon zu einem Teil der Krawall-Folklore geworden, ähnlich den ritualisierten Gewalt-Eskalationen wie wir sie seit langen Jahren am 1. Mai erleben? Wer die Entwicklung der Mieten und Immobilienpreise in den entsprechenden Bezirken in den letzten Jahren verfolgt hat, der wird feststellen, dass autonome Krawalle eine zahlungskräftige Klientel keineswegs vom Zuzug in die schicken, coolen Szeneviertel abhalten konnten. Ganz im Gegenteil: Der Revolutions-Chic der autonomen Protestler gibt den Trend-Bezirken erst jene Spur von Anrüchigkeit, die die Gegenden für eine sich als irgendwie “alternativ” fühlende, wohlhabende und amüsierfreudige Schicht so richtig hipp macht. Sogar viele Prominente, von Sandra Maischberger über Alfred Biolek (“Mein New York ist heute Prenzlauer Berg.”) bis zu diversen internationalen Filmstars, wohnen inzwischen in den Berliner Szenebezirken.
Die, die man früher als “Spießer” bezeichnet hat, mögen in den ruhigen, gediegenen Vierteln am südwestlichen Stadtrand bleiben. Wer jedoch das blühende Leben, das Bunte, das ständige Abenteuer liebt, den zieht es in die angesagten Szenebezirke.
Das hat natürlich, wie gesagt, inzwischen seinen Preis. Fast vierhunderttausend Euro kostet eine Vier-Zimmer-Luxuswohnung etwa am Viktoriapark in Kreuzberg. Das mag Münchener, Hamburger oder Frankfurter nicht sonderlich beeindrucken, doch muss man wissen, dass die durchschnittlichen Berliner Eigentumswohnungen noch immer für fünfstellige Summen gehandelt werden.

Arme Autonome
Den Krawall-Brüdern geht es also wie der wütenden jungen Frau in jenem alten Film, dessen Namen ich vergessen habe. Sie schreit und tobt und wütet gegen ihren Ehemann, doch der lächelt nur überlegen und sagt: “Du bist hinreißend, Liebling, wenn du dich aufregst!” Es ist wie beim Protestsong gegen die Kommerzialisierung, der an die Spitze der Hitparade gelangt. Lenin hätte die autonomen Brandstifter als “nützliche Idioten der Gentrifizierung” bezeichnet.
Neulich war ich zu Besuch in einer der Kreuzberger Luxuswohnungen. Der Bildschirmschoner auf dem Laptop der Bewohnerin zeigte ein Bildnis von Che Guevara.

Justament April 2010: Se(e)lig sind die Griechen

Recht cineastisch, Teil 5: Fatih Akins Hamburg-Film “Soul Kitchen”

Thomas Claer

KF Soul KitchenSo funktioniert also die Gentrifizierung in Hamburg: Eine alte frühere Fabrikhalle im  Arbeiterbezirk Wilhelmsburg. Dort, im Armenhaus Hamburgs, liegen die Einkommen lediglich auf dem Durchschnitts-Niveau von Berlin. Der deutsch-griechische Underdog Zinos Kazantsakis (Adam Bousdoukos) betreibt hier ein Restaurant für den Unterschichten-Geschmack, das “Soul Kitchen”. Seine Stammgäste, Hartz IV-Empfänger und abgebrannte Hafen-Existenzen, goutieren die Würstchen- und Schnitzel-Hausmannskost und das schmuddelige Ambiente. Der neue Koch Shayn (Birol Ünel, der finstere Liebhaber von Sibel Kekilli aus Fatih Akins erstem Film “Gegen die Wand”) vertreibt mit seiner Gourmet-Küche nach kurzer Zeit sämtliche alten Kunden. In seiner Verzweiflung lässt Restaurantbetreiber Zinos die Band seines Kellners in den nun leeren Räumen proben. Plötzlich stömt hippes Szenepublikum in die Halle, um die Musik zu hören, und die Leute verlangen nach den Gourmet-Gerichten auf dem Wandanschlag. Der eigentlich schon beurlaubte Koch Shayn wird reaktiviert. Die Halle entwickelt sich blitzschnell zum beliebten Szenetreff. Zinos Geschäfte laufen blendend. Da taucht sein alter Schulfreund von der Gesamtschule, der Immobilien-Unternehmer Thomas Neumann, auf und will das Grundstück kaufen, um auf dem Gelände später Luxuswohnungen zu errichten…
Schwungvoll und witzig geht es zu in der Hamburg-Komödie des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, der sich hier erstmals auch als ein Meister des komischen Fachs erweist. Als hätte er das aktuelle Griechenland-Bashing geahnt, sind die positiven Helden des Films ausgerechnet Griechen. (Ein vorbildlicher Dienst des Regisseurs an der Völkerfreundschaft – vergessen ist die berüchtigte Kebab-Gyros-Rivalität.) Auch als Grieche, nämlich als eigentlich inhaftierter Bruder des Lokalbetreibers, der nur im Wege des Freigangs erscheint, tritt Moritz Bleibtreu auf – und spielt wieder einmal phantastisch. Famos ist insbesondere die Liebesgeschichte zwischen ihm und der Kellnerin Lucia (nebenher noch Malerin). Sie findet es zu seiner großen Erleichterung “voll romantisch”, dass er im Knast sitzt. Nun, wir sind eben im Kino. Manchmal gibt es aber doch eine Spur zu viel Klamauk (z.B. in der Szene mit dem Aphrodisiakum im Essen). Empfehlenswert ist der Streifen aber ohne Frage.

Soul Kitchen
Deutschland 2009
100 Minuten, FSK 6
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos
Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Pheline Roggan, Dorka Gryllus, Lucas Gregorowicz

Justament April 2010: Krachender Kontrapunkt

PJ Harvey hat mit John Parish eine furiose Platte aufgenommen

Thomas Claer

27 SCHEIBEN TC PJ Harvey 41XlBLCDBvL._SS400_Wow! Sie ist wieder ganz die Alte! Zum verstörend gespenstisch-genialen Vorgänger “White Chalk” (Justament berichtete in Heft 1-2008) setzt PJ Harvey mit “A Woman a Man Walked by” nun einen krachenden Kontrapunkt. Noch mehr als zu früheren Alben hat diesmal ihr alter Freund und Weggefährte John Parish beigetragen, u.a. die komplette Musik geschrieben, weshalb er auch verdientermaßen gemeinsam mit Polly Jean als Urheber der CD firmieren darf. Parish kann als PJs Entdecker gelten, holte er doch schon vor zwanzig Jahren die damals blutjunge Polly in seine Band “Automatic Dlamini”, von wo aus sie ihre Solo-Karriere startete. Ein Höhepunkt jener frühen Jahre war das gemeinsame Album der beiden, “Dance Hall at Louse Point” von 1996, herausragend hier wiederum der Song “City of No Sun”. Hieran knüpfen die neuen Songs an: PJ, inzwischen 40, kreischt und röhrt, gurgelt und ächzt bei den schnellen, lauten Songs. Und sie säuselt und winselt, schmeichelt und piepst bei den langsamen und leisen. John Parish, inzwischen 50, der auch die meisten Instrumente eigenhändig spielt, sorgt für den schrägen, schrillen und chaotischen, doch immer wieder überraschend melodiösen Rahmen zur Inszenierung von Polly Jeans überragender Stimme.
Schon der Opener “Black Hearted Love” packt einen mit Macht, und erst recht tun dies die raffinierten Banjoklänge von “Sixteen, Fifteen, Fourteen”. Sirenenhaft – sowohl im antik-homerischen als auch im neuzeitlich-polizeilichen Sinne – ist Polly auf “Leaving California” zu vernehmen. Und die zur Grundmelodie so seltsam entgegengesetzt verlaufenden Klavierläufe auf “The Chair” … Und die feinen, zarten Klänge von “April” und das ganz besonders tolle “The Souldier”… Es gibt praktisch keine Ausfälle – jeder Song auf dieser Platte ist eine Granate. Nicht, dass PJ Harveys eigene Kompositionen nichts taugen würden, aber das, was John Parish ihr diesmal auf den Leib komponiert hat, ist noch eine glückliche Steigerung. Hier hat sich einer, so scheint es, jahrelang viel Kreativität für seine Lieblingssängerin aufgespart. Wir genießen das Ergebnis. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

PJ Harvey & John Parish
A Woman A Man Walked By
Universal Island Records 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B001U0HBHO

Justament April 2010: Der absolute Imperativ

Peter Sloterdijks tiefschürfendes anthropologisches Werk “Du musst dein Leben ändern”

Thomas Claer

Cover SloterdijkMan kann sich den Buchautor Peter Sloterdijk, das “bekannteste Gesicht deutscher Gegenwartsphilosophie” (SZ), gut als Kapitän eines Schiffes vorstellen, mit dem er seine Leser unterhaltsam und sachkundig über die Ozeane des Denkens führt und dabei mal hier, mal dort anlegt, an den Kontinenten der westlichen, aber auch östlichen Philosophie ebenso wie an den vielen verstreuten Inseln der Ideen- und Ereignisgeschichte, um dann schließlich auf dem Eiland seines eigenen philosophischen Denkens vor Anker zu gehen. Jeweils stehen diese “Rundreisen” unter einem bestimmten Motto: Zynismus, Globalisierung, monotheistische Religionen …
Und diesmal sind das Thema die “Anthropotechniken”, d. h. im sloterdijkschen Sinne die Selbstoptimierungsprozesse durch menschliches Verhalten im Wege gezielter Askesen (griechisch ganz allgemein für Übungen). Was wir als Religionen kennen, das sind für Sloterdijk nur beispielhafte Übungen dieser Art, andere wären etwa sportlicher oder künstlerischer Natur. Der Mensch als Übender also, das ist der zentrale Begriff in Peter Sloterdijks neuer Anthropologie. Als Stichwortgeber fungiert hierbei Friedrich Nietzsche, der in der “Genealogie der Moral” inmitten seiner Polemik gegen die priesterlichen Asketen, die “das Leben wie einen Irrweg” behandeln, den Asketismus an sich als eine “der breitesten und längsten Thatsachen, die es gibt” ausmacht. Explizit Übende sind für Sloterdijk alle Menschen, die dem ursprünglichsten aller ethischen Impulse folgen, dem “absoluten Imperativ”, der da – entsprechend dem Schlusssatz des berühmten Sonetts “Archaischer Torso Apollos” von Rainer Maria Rilke – lautet: Du musst dein Leben ändern! Entscheidend ist der Ausbruch aus den bloßen Gewohnheiten durch ein Sich-in-Beziehung-Setzen zu einer “Vertikalen”. Das war der Impuls der ersten Asketen, der antiken Sportler, die ihre körperliche Leistungsfähigkeit perfektionierten. Nach der “Spiritualisierung der Askesen” in den Klöstern des Mittelalters setzte mit der heraufziehenden Moderne allmählich die Entspiritualisierung der Übungen ein, die letztere in zielgerichtete Naturbeherrschungs- und Erwerbsprozesse trug. Dieser Großzyklus neigt sich nun seinem Ende zu. Und als eine Art wiederholende Renaissance oder gar als “anthropotechnische Wende” deutet Sloterdijk die geistigen Umwälzungen unserer Tage. Was uns derzeit als Wiederkehr der Religionen erscheint, sei nur ein Symptom für den Hunger der Menschen nach neuen Askesen. Aktueller Absender des Rilkeschen Appells sei die globale Krise, die alle zur Umkehr aufrufe, die Ohren zum Hören hätten.
Das klingt zum Ende hin, zumal in der hier unvermeidlich komprimierten Form, reichlich esoterisch. Und das ist es letztlich auch: Selbst wer jeden der in gewohnter sprachlicher Meisterschaft präsentierten einzelnen Abschnitte (deren Inhalt hier unmöglich rekapituliert werden kann) für sich genommen als plausibel erachtet, wird mit der conclusio so seine Probleme haben. Erst auf den letzten hundert Seiten wird ein Einwand aufgenommen, den wohl mancher Leser über viele hundert Seiten (und damit mehrere Wochen lang) stillschweigend mit sich herumgeschleppt haben mag: Irgendwo ist doch schließlich jeder Mensch ein Übender, “man kann nicht nicht üben”, schreibt Sloterdijk schließlich selbst. Aber wo genau verläuft dann die Grenze zwischen den explizit und den nur gewohnheitsmäßig Übenden? Bei seiner ambitionierten Weltumseglung ist Kapitän Sloterdijk gewissermaßen kurz vor dem Ziel auf einer Sandbank gestrandet, was jedoch keineswegs heißt, dass sich die Reise bis hierhin für die Passagiere nicht gelohnt hätte. Wieder abgeholt werden sie von ihm allemal.

Peter Sloterdijk
Du musst dein Leben ändern. Über Religion, Artistik und Anthropotechnik
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2009
712 Seiten, EUR 24,80
ISBN 978-3-518-41995-3

Justament April 2010: Die bewegten Nullerjahre

Rückblick auf ein sonderbares Jahrzehnt

Thomas Claer

05 TITEL 10 Jahre TC Rückblick Schneeballschlacht

Damals noch ohne Flashmob: Die “Schneeballschlacht” von Fritz Freund (1859-1936), deutscher Maler und studierter Jurist.

Die Welt hat sich, so Altkanzler Helmut Schmidt in einem seiner zahlreichen Interviews, in den letzten zwei Jahrzehnten stärker verändert als in den 80 Jahren zuvor. Und besonders rasant verlief, wer wollte da widersprechen, die just abgelaufene Dekade, die so genannten Nullerjahre. Zunächst einmal sorgte die sich vor unseren Augen vollziehende IT-Revolution für eine neue tiefe Kluft zwischen den Generationen.

Generationen driften auseinander
Denn wie schon vielfach beschrieben wurde, stehen sich heute zwei relativ klar trennbare Teilpopulationen weitgehend verständnislos gegenüber: die Digital Natives und die Digital Immigrants. Die ersteren, die bereits mit dem ganzen Kram des digitalen Zeitalters aufgewachsen sind, also die Jahrgänge ab 1980, können Informationen schneller empfangen und verarbeiten, arbeiten bevorzugt im Multitasking, fühlen sich unwohl, wenn sie nicht vernetzt sind, und brauchen ständig sofortige und häufige Belohnungen, sonst ist ihre Aufmerksamkeit gleich wieder perdu. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sie aufgrund ihrer fundamental anderen Denkmuster auch andersartige Hirnstrukturen ausgebildet haben als frühere Jahrgänge. Die  Digital Immigrants hingegen, welche die digitalen Techniken erst in fortgeschrittenem Alter erlernt haben, die Geburtenjahrgänge vor 1970 also, erkennt man daran, dass sie sich E-Mails gerne ausdrucken und am liebsten immer eins nach dem anderen machen, allerdings zumeist auch weniger vergesslich sind als die Jüngeren. Bestenfalls eine Vermittlerrolle können in diesem Szenario die Übergangsjahrgänge der zwischen 1970 und 1980 Geborenen einnehmen. Sie sollte man zur besseren Verständigung zwischen den Generationen heranziehen, wenn es in einigen Jahren nach Eintritt der Digital Natives in die Führungsebenen zum prognostizierten radikalen Umdenken in Unternehmensführungen kommt und die Älteren dann endgültig nicht mehr mitkommen. Eine vergleichbar tiefe Generationenkluft, wie sie zwischen den heute 30- und 40-Jährigen besteht, gab es wohl letztmals zwischen den heute 75- und 65-Jährigen, also der Wiederaufbau- und der Protestgeneration nach dem zweiten Weltkrieg. “Trau keinem über dreißig”, hieß es 1968. Heute sind es wohl eher die unter 30-Jährigen, die allen anderen nicht mehr ganz geheuer sind.

Rasender Stillstand
Gemessen an diesen epochalen Veränderungen tritt seit zehn Jahren aber auch so allerhand auf der Stelle. Kulturjournalisten haben dafür das Wort vom “rasenden Stillstand” geprägt. Bin Laden ist noch immer nicht gefasst, der Kampf gegen den Terror – wie die jüngsten Moskauer Explosionen zeigen – natürlich auch noch lange nicht gewonnen. Auf ein wirksames globales Klimaschutzabkommen warten wir ebenfalls seit Jahren vergeblich. Dank zahlreicher effizienzsteigernder Sozialreformen ist Deutschland vom “kranken Mann Europas” zum ökonomischen Musterschüler aufgestiegen, der inzwischen den Neid und die Missgunst seiner Nachbarn weckt. Doch gerade die stark verbesserte Wettbewerbsfähigkeit erwies sich für die immer exportlastigere deutsche Wirtschaft in der weltweiten Finanz- und Wirtschafskrise 2007-2009 als ein Handicap. Und erinnert sich noch jemand daran, wie vor zehn Jahren ein Finanzminister namens Eichel den völlig überschuldeten deutschen Staatshaushalt sanieren wollte? Heute wären wir froh, wenn wir “nur” die Schuldenlast von damals hätten.

Alles im Umbruch
Allerdings ist auch sehr vieles anders geworden in der letzten Dekade. Wie es sich für einen echten Epochenwechsel gehört, sterben ganze Wirtschaftszweige einen mal mehr, mal weniger qualvollen Tod oder schrumpfen auf Nischenformat. Ob Musikindustrie, Journalismus, Verlags-, Werbe- oder Erotikbranche: Wo früher noch regelmäßig gut bezahlt und verdient wurde, bedient sich heute einfach jeder kostenlos selbst im Netz. Wer da mit Urheberrechten kommt, kämpft letztlich gegen Windmühlen. Was früher qualifizierte Erwerbsarbeit war, wird tendenziell zum luxuriösen Hobby, das auszuüben man sich erst einmal leisten können muss. Die “digitale Boheme” ist vermutlich erst der Anfang.

Alles Retro außer Flashmob
Popkulturell gesehen werden die Nullerjahre wohl als das erste Jahrzehnt seit langem in die Annalen eingehen, das keine neue charakteristische Stilrichtung hervorgebracht hat. Und Besserung ist nicht in Sicht. Alles ist und bleibt Retro. Was an Formen der populären Musik oder auch in anderen Kunstrichtungen zu erfinden war, wurde bis zum Jahr 2000 erfunden. Seitdem erfreuen wir uns am ewig Altbekannten im immer neuen Gewand. Die Innovationen von heute kommen vielmehr aus der schönen neuen digitalen Welt. Das Twittern zum Beispiel ist eine neue Kulturtechnik, die in einer global vernetzten Welt auch viel subversives Potenzial entfalten kann. Die vielleicht einzig wahre Pop-Revolution des vergangenen Jahrzehnts ist aber der Flashmob. Wenn sich etwa in Berlin Hunderte junge Menschen spontan über Facebook zur Schneeballschlacht des Teams “Kreuzberg” gegen das Team “Neukölln” im Görlitzer Park verabreden und nach kurzer Zeit ebenso plötzlich wieder verschwunden sind, dann hat das einfach Klasse. Übrigens hat Kreuzberg gewonnen. Wie sagte der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen: “Die Jugend hat immer recht.”

www.justament.de, 22.3.2010: Er hod’s gwusst

Georg Ringsgwandl nimmt seine Hörer mit nach “Untersendling”

Thomas Claer

Cover RingsgwandlDer bayrische Kabarettist und Liedermacher Georg Ringsgwandl, inzwischen 61, ist nicht nur ein kluger und witziger Zeitgenosse. Er hat daneben auch noch prophetische Fähigkeiten. Auf dem Album “Vogelwild” (1992) lautet eine der zahlreichen Strophen im “Lied vom Stau”: “Warum studierst du Rechtsanwalt? Sag mal, ist das schlau?/ Später kriegst du keine Stelle, denn dort ist ein Stau.” Und auch so manchem Häuslebauer hat er im Lied “Mir baun” vom Album “Trulla! Trulla! (1989) – leider zutreffend – vorhergesagt, dass der Herzinfarkt ihn “zsammenstaucht”. Hat er denn etwa sogar … ? Ja, selbst die Finanzkrise hat er als einer der wenigen vorhergesehen, sagt er jedenfalls auf Anfrage im Interview. Ein halbes Jahr, bevor es 2008 losging, habe er alle Geldanlagen aufs Festgeldkonto umgeschichtet. Es sei nur so ein Gefühl gewesen.
In einem früheren Leben war Dr. med Georg Ringsgwandl einmal Oberarzt in der Kardiologie am Klinikum Garmisch-Partenkirchen. 1993 hängte er jedoch seinen Arztkittel an den Nagel, um fortan nur noch – wie zuvor schon als Parallelexistenz – künstlerisch zu wirken. Seine Bühnenshows haben es in sich: Grell geschminkt tritt der “schräge Hund” bis heute auf die Bühne und unternimmt verwegene Luftsprünge beim Gitarrensolo, wenn auch nördlich des Weißwurstäquators die Verständlichkeit seiner Mundart zu wünschen übrig lässt. Der Rezensent wurde in den Neunzigern in Bremen einmal Zeuge einer seiner gefürchteten Publikumsbeschimpfungen, als Ringsgwandl mit den Worten “Ihr seid zu dumm, ihr versteht’s net!” entrüstet die Bühne verließ.
Großartige Songs hat er über die Jahre geschrieben, deren Texte mitunter sprichwörtlich wurden (“Denn da spart man am meisten!” “Der Garten-Nazi”) Seine besondere Vorliebe für existentielle Fragen – sarkastisch aufgearbeitet – rührt wohl nicht zuletzt aus den Erfahrungen seiner medizinischen Praxis: Dem “Konsumverweigerer” vom Album “Der schärfste Gang” (2006) reicht am Ende “ein gebrauchter Fichtensarg”.
Mit seinem neuen Album “Untersendling”, benannt nach dem Münchener Stadtbezirk, wo Ringsgwandl seit langen Jahren eine Wohnung unterhält, kann er jedoch nur bedingt an die starken früheren Veröffentlichungen anknüpfen. Textlich fehlt diesmal insgesamt etwas die Schärfe. Auch musikalisch bewegt sich seine munter rockende Begleitband ein wenig zu sehr in eingefahrenen Gleisen. Das Urteil lautet: befriedigend (8 Punkte).

Ringsgwandl
Untersendling
Lawine (Sony Music) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002ICGDAY

www.justament.de, 8.3.2010: Karrieretipps aus Entenhausen

Eine Comic-Biographie über “Onkel Dagobert. Sein Leben, seine Milliarden”

Thomas Claer

Cover Onkel DagobertEin 10-Jähriger Abkömmling eines verarmten schottischen Adelsgeschlechts verdient sich im Schweiße seines Angesichts seinen ersten Zehner als Schuhputzer in Glasgow anno 1877. So beginnt die Comic-Biographie der reichsten Ente aller Zeiten, erstmals 2003 auf Deutsch in zwölf Kapiteln erschienen und nun um nicht weniger als acht eingeschobene Zusatzkapitel erweitert, die das Werk zum Teil erheblich bereichern. Mit viel Liebe zum Detail hat Don Rosa, Schüler des bekanntesten Disneyzeichners und Dagobert-Schöpfers Carl Barks (1901-2000), den Stoff seines Meisters fortgewebt und aus den versprengten Rückblenden in etlichen Donald Duck-Geschichten den Lebenslauf des kauzigen alten Enterichs rekonstruiert und phantasievoll ergänzt.
Onkel Dagobert, der Gründer von Entenhausen, der es am Ende auf ein Vermögen von fünf Fantastilliarden und neun Trillionen Talern sowie sechzehn Kreuzern bringen wird, hat also, so erfahren wir, klein, ganz klein angefangen. Was er aber von Anfang an schon mitbrachte, war sein unbedingter Fleiß und Ehrgeiz. Härter werden als alle anderen und auf ehrliche Weise sein Geld verdienen, das wurde ihm zur Lebensmaxime. Sein Weg war steinig und erst nach unzähligen Versuchen, die ihn in die unterschiedlichsten Ecken der Welt verschlugen, von Erfolg gekrönt. Im Alter von 35 Jahren hatte er es dann geschafft: Der Fund und die anschließende Ausbeutung einer Goldmine in Klondike im Norden Kanadas im Jahre 1902 brachte ihm seine erste Million, die sprichwörtlich immer am schwersten verdiente. Mit diesem Startkapital versehen mutierte er zum genialen Investor, erwarb zunächst die örtliche Bank von Dawson, später Beteiligungen an allerhand Unternehmen verschiedenster Branchen (Methode Buffett), kaufte beim großen Börsenkrach 1929 an der Wallstreet werthaltige Aktien zu Spottpreisen, wurde Milliardär und schließlich – noch vor dem Maharadscha von Zasterabad – zum reichsten Mann der Welt.
Sehr realistisch werden die vielfältigen Hindernisse auf Dagoberts Weg zum Erfolg gezeichnet, genretypisch unrealistisch hingegen, wie er diese allesamt überwindet, nämlich vor allem dank seiner unbändigen Willenskraft, die ihn ein ums andere Mal über sich hinauswachsen lässt. Dabei erscheint Dagobert als Muster des amerikanischen Selfmademans. Nie war er sich für irgendeine Arbeit zu schade, und doch hat er im Leben immer nur das gemacht, was ihm Freude bereitete. “Das Geheimnis wahren Glücks”, so lautete eine seiner Weisheiten, “ist, seine Arbeit zu genießen … und niemand genießt seine Arbeit so sehr wie ich!” Fast alles unternahm er auf eigene Faust, getreu dem Schillerschen Motto “Der Starke ist am Mächtigsten allein.” Das machte ihn bereits in der Goldgräberstadt Dawson allseits unbeliebt, weil er die Erträge seiner Grabungen stets zur Bank brachte, statt sie, wie es alle anderen taten, im Saloon zu verjubeln. Sparsamkeit ist eine Tugend, aber Geiz ist ein Laster. Der Sparsame gönnt nur sich selber (noch) nichts, weil er noch Größeres vorhat, der Geizige aber gönnt auch den anderen nichts und spart auf ihre Kosten. Die Übergänge sind fließend und Dagobert war beides, ließ regelmäßig seine Verwandten für einen Hungerlohn (Donald bekam dreißig Kreuzer die Stunde) für ihn schuften.
Immerhin kam – anders als für die Glücksritter unserer Tage – für den grundsoliden Dagobert bei seinen Unternehmungen nur eine Eigenkapitalquote von 100 Prozent infrage. Lediglich ein einziges, aber entscheidendes Mal, er war “abgebrannt” auf dem Weg zu “seiner” Goldmine und die Zeit drängte, musste er zum “schändlichsten aller Mittel” greifen, zum Kredit. Das brachte ihm eine lebenslange Feindschaft mit dem gaunerhaften Geldverleiher Shandy Shofel ein, einer fabelhaft diabolischen Figur, die, nebenbei bemerkt, eine verblüffende physiognomische Ähnlichkeit mit einem meiner früheren Mitschüler aufweist, der es inzwischen ganz real zum Millionär gebracht haben soll.
Ein rechter Geizhals beschränkt sich natürlich auch nur auf eine einzige Dame seines Herzens (alles andere wäre ja Verschwendung), und diese ist für Dagobert die schöne Saloon-Betreiberin Nelly, genannt der “Stern des Nordens”, die ihm anfangs seine geschäftsschädigende Abstinenz in ihrem Hause sehr verübelte. Um ein Haar wäre er ihr ganz nahe gekommen, er hielt schon alle Trümpfe in der Hand, verdarb aber alles, indem er ihr für die mehrwöchige harte Arbeit in seiner Goldmine einen Lohn von nur 50 Cent pro Tag auszahlen wollte. Anrührend ist dann das zarte Wiedersehen der jeweils ergrauten Nelly und Dagobert Jahrzehnte später im fünften Ergänzungskapitel.
Im Jahr 1947, im Alter von 80 Jahren, ist Dagobert eigentlich ein mürrischer alter Mann, aber die unerwartete Begegnung mit seinem Neffen Donald und vor allem mit seinen Großneffen Tick, Trick und Track weckt noch einmal alle seine Lebensgeister. Nicht zuletzt findet er in ihnen dankbare Zuhörer für seine alten abenteuerlichen Geschichten. Inzwischen bereitet ihm das Stöbern in seiner verstaubten Kiste mit alten Erinnerungsstücken deutlich mehr Spaß als die Vermögensverwaltung. Ihm wird klar: Der Weg war das Ziel. Reich geboren zu sein ist vergleichsweise öde, wenn man sich seinen Reichtum auch in einem abenteuerlichen Leben selbst zusammenschaffen und -raffen kann.

Don Rosa
Onkel Dagobert. Sein Leben, seine Milliarden
Ehapa Comic Collection / Egmont 2009
496 Seiten, EUR 29,95
ISBN-10: 3770432452