Justament Okt. 2009: Frauentyp als Fehlbesetzung

Recht cineastisch, Teil 3: Eine neue Effi Briest-Verfilmung

Thomas Claer

effibriest1Viermal bereits wurde Theodor Fontanes großer realistischer Roman von 1895 in der Vergangenheit verfilmt, letztmalig zur Zeit der deutschen Teilung relativ kurz nacheinander in Ost (1968) und West (1974). Eine nunmehr gesamtdeutsche und umfassend aktualisierte filmische Version von “Effi Briest” präsentiert nun die Regisseurin Hermine Huntgeburth. Und die Voraussetzungen waren gut: Der Film konnte angemessen prominent besetzt und weitgehend an den originalen Schauplätzen der Romanhandlung gedreht werden. (In Berlin haben wir erlebt, wie die Prachtstraße “Unter den Linden” wegen der Dreharbeiten tagelang abgesperrt war.) Hat sich der Aufwand also gelohnt?

Zunächst einmal fällt auf, wie natürlich und ungezwungen hier inszeniert und gespielt wurde. Das macht die Figuren und den Stoff für heutige Begriffe zwar sehr lebendig, sorgt allerdings für umso schärfere Kontraste zu den Zwängen, in denen sich die Personen, den damaligen gesellschaftlichen Konventionen entsprechend, zu bewegen hatten. So wird die größere Anschaulichkeit und Zugänglichkeit notwendigerweise mit Abstrichen bei der Werktreue und dem nur bedingt eingefangenen damaligen Zeitgeist erkauft. Doch das ist kein Einwand gegen den Film, die dadurch erreichte Popularisierung kann diese Zugeständnisse durchaus rechtfertigen.

Schwerer wiegt hier schon die geradezu spektakuläre (und folgenreiche) Fehlbesetzung bei der Person des Baron von Innstetten, des 38-jährigen Landrats mit großen politischen Ambitionen, den zu ehelichen die erst 17-jährige Effi Briest (Julia Jentsch) von ihrer Familie genötigt wurde. Dieser Innstetten ist ein kaltherziger, vom Ehrgeiz zerfressener Bürokrat – und einen solchen kann ein schon physiognomisch unverkennbarer “Frauentyp” wie Senbastian Koch (der oppositionelle Künstler in “Das Leben der Anderen”) nun einmal nicht spielen. Auch wenn er sich noch so müht, sein Charisma zu verbergen – es will und kann ihm nicht gelingen. Die Folge davon ist, dass im Film auch nicht recht verständlich wird, warum die vom tristen, kleinstädtischen Leben im hinterpommerschen Kessin bedrückte Effi den von Misel Maticevic passabel gespielten Major von Crampas ihrem Gatten vorzieht und mit ihm eine Liaison beginnt. Hingegen wirkt Julia Jentsch in ihrer Rolle als Effi überzeugend, zumal sie auch bemerkenswert reizvoll in Szene gesetzt wird.

Etwas ärgerlich, wenngleich folgerichtig, gerät dann aber doch der Schluss, wo Effi energisch gegen ihr Umfeld rebelliert, statt – wie im Roman – resigniert mit nur 29 Jahren an gebrochenem Herzen zu sterben. So wünscht es sich natürlich der heutige Zuschauer, wenn er sieht, wie Innstetten die im Nähkästchen versteckten sechs Jahre alten Liebesbriefe Major Crampas’ an seine Frau findet, sich daraufhin von Effi scheiden lässt, ihr das Kind wegnimmt und den Major (den Nebenbuhler von vor vielen Jahren!) im Duell erschießt. Doch durch diesen wesentlichen inhaltlichen Eingriff, den man fast eine Geschichtsklitterung nennen möchte, geht leider auch die eigentlich unauflösliche Tragik der Geschichte verloren. Kurzum: Eine nicht ungelungene Adaption des Stoffs – aber mit einigen Unstimmigkeiten.

Effi Briest
Deutschland 2009
Regie: Hermine Huntgeburth
Drehbuch: Volker Einrauch
118 Minuten
FSK: 12
Darsteller: Julia Jentsch, Sebastian Koch, Misel Maticevic, Margarita Broich, Barbara Auer, Juliane Köhler

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