Tag Archives: Juristin

justament.de, 11,.3.2019: Heiter statt wolkig

„Die Heiterkeit auf ihrem großartigen vierten Album „Was passiert ist“

Thomas Claer

Juristen-Popstars, also erfolgreiche Gesangskünstler mit abgeschlossener juristischer Ausbildung, gibt es nicht gerade viele. Dieter Meier von Yello fällt einem da ein und auch noch der singende Rechtsanwalt Paolo Conte. Aber sonst? Von Juristinnen mit Popstar-Status hatte man bislang sogar noch nie etwas gehört. Doch nun ist alles anders, denn wir haben Stella Sommer, 32, examinierte Juristin, und ihre gefeierte Band „Die Heiterkeit“, mit der sie parallel zu ihrer Juristenausbildung seit 2010 drei vielbeachtete Alben aufgenommen hat. (Hinzu kommt noch ein sogenanntes Soloalbum im vorigen Jahr.)

Dieser Bandname, das muss man wissen, war von Anfang an nicht gerade als programmatisch zu verstehen. Reichlich unterkühlt in jeder Hinsicht präsentierte sich die ursprünglich aus Sankt Peter-Ording in Schleswig-Holstein stammende junge Dame mit den kryptischen Texten und der markanten Stimme (zwischen Nico und Hildegard Knef) auf ihren früheren Veröffentlichungen. Doch nun, auf ihrer vierten Platte, muss, wie es der Albumtitel bereits andeutet, etwas passiert sein. Denn eine ganz andere, viel positivere, ja überschwängliche Grundstimmung – vor allem im Vergleich zum etwas zwiespältigen Vorgängeralbum „Pop und Tod I+II“ von 2016 – durchzieht „Was passiert ist“. Die von der Musikpresse einst ausgerufene „Göttin aus Hamburg“, die mittlerweile längst in Berlin lebt, hat sich hier regelrecht neu erfunden. Vor allem gilt das für ihre Texte. Was bei ihr früher zumeist vage, wolkig und unbestimmt klang, ist nun erfreulich zugänglich geworden.

Man könnte auch sagen: Als Textdichterin ist Stella Sommer spürbar gereift. „Zeit ist nur ein Gummiband, das man zwischen Menschen spannt“ heißt es in „Jeder Tag ist ein kleines Jahrhundert“. (Ein wahrlich abgründiger Vers, wenn man es bedenkt.) Und „Das Loch ist bodenlos und frisst sich langsam groß“. Wir erleben kraftvolle Texte mit mutigen, unverbrauchten Metaphern. „Die Sterne am Himmel sind ausgelaufen, der Himmel ist jetzt ein Aschehaufen“. Wer so textet, geht voll ins Risiko – und wird am Ende belohnt. Man ahnt es ja, was das lyrische Ich umtreibt. „Ich bin in allem, was du siehst, in den Büchern, die du liest.“ „Es ist nur ein Blick, es ist ein Trick, es geht voran und zurück.“ Und „Ich bin in allem, was du kennst, eine Kerze, die immer brennt.“ Die Eisprinzessin wurde zum Schmelzen gebracht, wirkt befreit und beglückt.

Musikalisch ist dieses – Gott sei Dank nicht wieder so überlange – Album vielschichtig geraten: Wir hören Klavier, Bläser, viel Elektronik, nur selten wird es etwas rockig. Und leider gibt gar keine Schrammel-Gitarren mehr, die noch die ersten beiden Heiterkeits-Platten geprägt hatten. Dafür aber viele Chöre, immer haarscharf an der Grenze zum Schlagerkitsch. Doch fällt das alles gar nicht besonders ins Gewicht, denn wir haben ihre Stimme, und wir haben ihre Texte. Auch die Kompositionen sind durchweg beachtlich, es sind kaum schwächere Songs auszumachen. Besonders schön vielleicht: „Wie finden wir uns?“ – eine wahrlich große, vieldeutige Frage. Und dann heißt es in „Alles sieht groß aus“: „Wir wissen, was zu tun ist, und sparen es uns auf“.

Stella Sommer hat mit dieser Platte etwas ganz Eigenständiges geschaffen. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte)

Die Heiterkeit
Was passiert ist
Buback 2019

http://dieheiterkeit.de/

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Justament Dez. 2009: Juristin lehrt das Dichten

Martina Weber gibt eine Anleitung zum “Lyrik schreiben und veröffentlichen”

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Martina Weber 21ivOqb%2BjCL._SL500_AA180_Manche Zeitgenossen, die ausdrücken wollen, dass etwas vielleicht schön formuliert, aber völlig unwichtig und überflüssig ist, dass ihm jede Relevanz für die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens, nämlich die geschäftlichen, abgeht, die nennen das besagte schlicht und ergreifend “Lyrik”. Wenn einer “Lyrik” redet oder schreibt, dann kommt er nicht zum Punkt und raubt seinen Mitmenschen nur ihre Zeit und Aufmerksamkeit. Und dieser Ausdrucksweise liegt scheinbar ein weit verbreitetes Urteil über die eigentliche Lyrik, also die Dichtkunst, zugrunde. Seit einigen Jahrzehnten schon sind Gedichte, so scheint es,  aber so was von verpönt, geradezu ein Anachronismus. Schließlich machen Gedichtbände auch nur einen winzigen Bruchteil der Umsätze an literarischen Büchern aus.

Und doch hat sich in den letzten Jahren, abseits vom Mainstream, etwas entwickelt, das in dem vorliegenden, bereits in zweiter Auflage erschienenen Bändchen der Frankfurter Juristin und Lyrikerin Martina Weber seinen Ausdruck findet: “Viele Menschen haben ein echtes Bedürfnis, literarische Texte zu schreiben, wissen aber nicht, wie sie es anfangen sollen …”, heißt es im Vorwort. An Leser mit solchen Interessen und Ambitionen, die auch die immer zahlreicher werdenden Poetenwerkstätten und Seminare für literarisches Schreiben bevölkern, richtet sich das vorliegende Werk. Es besteht, analog zu seinem Subtitel, aus zwei Teilen: einem ersten, der die Dichtkunst als ein durch gezielte Aufmerksamkeit und Übung erlernbares Handwerk darstellt, und einem zweiten, der aufzeigt, wie und auf welche Weise die Gedichte im Wege der “Veröffentlichung” den Weg zu den Lesern finden können. Neben der Verfasserin haben noch mehrere andere Autoren, überwiegend ihrerseits Lyriker, einzelne Passagen und Kapitel beigesteuert.

Schon auf den ersten Seiten werden sich all jene bestätigt fühlen, die solcher Ratgeber-Literatur, erst recht einer auf literarisches Schreiben bezogenen, skeptisch gegenüber stehen: “Aus der Offenheit des Lyrikbegriffs folgt, dass man niemandem sagen kann, wie er ein Gedicht zu schreiben hat”, räumt die Autorin ein. Ein Gedicht kann so ziemlich alles und nichts sein, solange es nur aus mindestens zwei Zeilen besteht, erfahren wir. Was also kann eine Anleitung zum Dichten da überhaupt noch leisten? Zunächst zeigt die Autorin auf, was nach ihrer Ansicht gute Lyrik ausmacht und woran man schlechte erkennen kann: Gute Lyrik erzeugt im Leser Gefühle, überrascht den Leser, z.B. durch Zeilensprünge, unerwartete inhaltliche Wendungen, Brüche im Gedankengang und im Rhythmus, ungewöhnliche Bilder und Aussagen, Mehrdeutigkeit, Pointen, Wortspiele, Witz und Humor. Zu vermeiden wären hingegen Klischees, Trivialität und Abstrakta (“Drei Orangen sind sinnlicher als Obst.”). Alle diese Punkte, an deren Evidenz wohl kaum jemand zweifeln dürfte, werden in den folgenden Kapiteln noch ausführlich erläutert und mit Beispielen besonders gelungener, manchmal auch missratener Lyrik untermauert. Vor allem diese mit Bedacht ausgewählten Zitate machen auch dem interessierten Laien schnell deutlich, ob, wann und warum ein Gedicht etwas taugt. Auf diese Weise präpariert kann der Leser dann eigene Versuche unternehmen. Die durchweg brauchbaren Tipps zur Veröffentlichung der Resultate tun ihr übriges.

Indessen verdichten sich die Anzeichen für eine Lyrik-Renaissance weiter: Nicht nur, dass unsere Schulkinder nach dem Pisa-Schock inzwischen wieder so viele Gedichte einpauken müssen, wie seit 1968 nicht mehr. In der “Wetten, dass…?”-Sendung vom 7.11.2009 präsentierte Popstar Lady Gaga ein riesiges Tattoo mit Versen von Rainer Maria Rilke auf ihrem linken Oberarm. Lyrik ist en vogue, heißt das. Vielleicht wird ja die Lyrik im Zeitalter der neuen Medien – gerade wegen ihrer Kürze und Prägnanz – sogar die literarische Form der Zukunft sein. Allen, die nun selber dichten wollen, ob mit oder ohne Ratgeber, sei noch das rekordverdächtig kurze Gedicht Erich Kästners ans Herz gelegt: Es gibt nichts Gutes / Außer: Man tut es.

Martina Weber
Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen
2. vollständig überarbeitete Auflage
Uschtrin Verlag München 2008
236 Seiten, EUR 18,90
ISBN 978-3-932522-09-3

Informationen:
http://www.uschtrin.de/weber.html

www.justament.de, 31.8.2009: Die Energische

Foto Künast

Renate Künast (Foto: Wikipedia)

Sommerserie: Juristen in der Politik. Eine Stilkritik

Teil 3: Renate Künast

Thomas Claer

Unseren Parteien fehlen die guten Köpfe, hört man immer. Für eine Partei gilt das aber ganz und gar nicht: für Bündnis 90 / Die Grünen. Dort wetteifert seit langem unbestritten eine Vielzahl versierter und prominenter Politiker um die naturgemäß begrenzte Anzahl an lukrativen Ämtern. Doch entstammen diese Charakterköpfe – abgesehen vom ebenfalls fabelhaften anatolischen Schwaben – allesamt der (westdeutschen) Generation der heute 50- bis 65-Jährigen, wurden also in den wilden Siebzigern sozialisiert, als politisches Engagement zumeist vom scharfen Widerspruch zu den bestehenden Verhältnissen getragen wurde. Das prägt für ein ganzes Leben. Wer aus einer Protestkultur kommt, der hat eben eine Überzeugungskraft, die all den Westerwelles, Heils und Pofallas für ewig abgehen wird, mögen sich auch die vertretenen Ansichten mit der Zeit geändert haben. So auch bei Renate Künast, 54, tiefverwurzelt im Westberliner Alternativmileu. Einst war sie ein Schreckgespenst wohlbehüteter Bürgerlichkeit als Fraktionschefin der Alternativen Liste, die 1990 die rot-grüne Koalition in Berlin unter Walter Momper platzen ließ. Die AL war damals der radikalste Haufen unter allen Grünen Landesverbänden, in kritischer Solidarität stehend zu Hausbesetzern und Krawallmachern. Wie die meisten Alternativen jener Tage stammt Künast aus der westdeutschen Provinz (Recklinghausen) und kam in den späten Siebzigern aus Abenteuerlust in die Frontstadt Westberlin. Von 1977 bis 1979 arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, speziell mit Drogenabhängigen. Dann studierte sie Jura an der FU – und zwar (anders als es damals szeneüblich war) ziemlich fix. Schon 1985 hatte sie beide Examen in der Tasche und ließ sich als Rechtsanwältin zulassen, trat als solche aber kaum in Erscheinung. Als in den Achtzigern und Neunzigern die – heute fast vergessenen – Flügelkämpfe zwischen grünen Fundis und Realos eskalierten, erklärte sie sich zur „pragmatischen Linken“ und baute so den einstigen Fundamental-Kräften der Partei eine Brücke zur Macht. Der große Durchbruch kam 2001 mit der Berufung zur Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft ins Kabinett Schröder. Man suchte damals jemanden, der nach dem Gammelfleisch-Skandal mal so richtig aufräumte, der Nahrungsmittelindustrie mal so richtig den Marsch blies – und kam schnell auf Renate Künast. Wenn man neben ihr steht, glaubt man zunächst kaum, dass diese kleine, zierliche Frau eine solche Energie ausstrahlen kann. Das Wort der Power-Frau machte damals die Runde. Und heute? Da hat sie als Fraktionsvorsitzende ihrer Partei bislang erfolgreich die innerparteiliche Konkurrenz weggebissen, marschiert wie ehedem munter von Talkshow zu Talkshow, entrüstet sich lautstark und mit markigen Sprüchen („Merkel will im Schlafwagen an die Macht“) über echte und vermeintliche Skandale – und schießt gerne auch rein vorsorglich in alle Richtungen. Unser Politikbetrieb ohne Renate Künast? Undenkbar.