Justament Okt. 2009: Entzückendes Pumphöschen

Martin Mosebachs “Die Türkin” als Taschenbuch

Thomas Claer

Cover MosebachSo kann es kommen in unserer “durchmischten und durchrassten Gesellschaft” (Den Begriff prägte vor langer Zeit der heutige EU-Sonderbeauftragte für Demokratie- äääh Bürokratieabbau in Brüssel.): Ein 36-jähriger frisch gebackener Doktor der Kunstgeschichte verliebt sich Hals über Kopf in eine überaus hübsche blutjunge türkische Wäschereimitarbeiterin, die alsbald von ihrer Familie in die Türkei zurückgeholt wird. Der pedantisch streberhafte Ehrgeizling, ein regelrechter Kotzbrocken, der sich bevorzugt um den Zustand seiner Oberhemden sorgt, wirft daraufhin alle Karrierepläne über den Haufen – eigentlich sollte er bei einem angesehenen Antiquar in New York anheuern – und folgt der Angebeteten ins ländlich-patriarchalische Milieu nach Lykien im Südwesten der Türkei. Dort erlebt er letztlich sein blaues Wunder, gewinnt aber tiefe Einblicke in die fremdartige Landschaft, Tradition und Kultur.

Davon handelt, kurz gesprochen, der bereits 1999 erschienene Roman “Die Türkin” des inzwischen viel gerühmten schriftstellernden Juristen Martin Mosebach. Seit dieser sich, bedingt durch seine Auszeichnung mit dem Büchner-Preis 2007, ein breiteres Publikum erschlossen hat, kommt es nun vermehrt zu Neuauflagen seiner früheren Werke als Taschenbuch, so geschehen auch mit der “Türkin”.

Zweifellos gehört Mosebach zu den Schriftstellern, die polarisieren: Er pflegt einen opulenten, gehobenen, also nicht gerade zeitgemäßen Sprachstil, der neben viel Bewunderung auch häufig Vorbehalte im Literaturbetrieb weckt. Hinzu kommt der Vorwurf, er transportiere in seinen Romanen ein durch und durch reaktionäres Weltbild. Vor allem müht sich mein lieber Kollege Thomas Wagner von der “Jungen Welt” seit Jahren nach Kräften, ihm ein solches nachzuweisen. Nicht den Büchner-Preis, nein, den Ernst-Jünger-Preis, den man allerdings erst noch eigens dafür ins Leben rufen müsse, hätte Mosebach verdient gehabt, sagte mir Wagner vor etwas über einem Jahr auf einer Feier. Und so ging ich also entsprechend sensibilisiert in meine erste Begegnung mit dem Romanautor Mosebach.

Nun, es stimmt schon: Die Bewunderung des Helden für die Geordnetheit der engen patriarchalischen Welt, dass die Pumphosen und Kopftücher die schönen Frauen doch sehr gut kleiden, dass Männer und Frauen aus gutem Grund streng getrennt und die Frauen mit Recht in Abgeschlossenheit gehalten werden, ja dass auch Zwangsheiraten irgendwie doch ganz in Ordnung seien – alle diese Gedanken des Erzählers kann man durchaus reaktionär finden. Doch ist das gewiss kein Einwand gegen den Roman, denn es entspricht seiner inneren Logik, und schließlich ist das Hinterfragen unserer westlich-aufgeklärten Selbstgewissheit so legitim wie es künstlerisch ergiebig sein kann. Problematisch ist eher die sprachlich-stilistische Seite, denn dem sehr hohen Anspruch, den der Autor erhebt, vermag er nicht immer gerecht zu werden. So geraten ihm die reflektierenden Passagen des Helden, insbesondere dessen ausgiebige Landschaftsschilderungen und die schwüle Ausbreitung seiner Liebesqualen, mitunter zu einer fast schon quälenden Langatmigkeit, wofür aber andererseits der überaus dramatische und rasante Schluss des Romans entschädigt. Im übrigen rechtfertigt der namenlose Romanheld seine chronisch uncharmante Art mit den bedenkenswerten Worten: “Was gemeinhin als charmant gilt, ist doch bei Licht gesehen oft recht ekelhaft. Es wird in sachliche und vernünftige Beziehungen da immer etwas Schmieriges hineingemischt, und geschmiert werden soll ja auch, es sollen Vorteile erreicht und eingestrichen und Zugeständnisse erzwungen werden, die den, der sie macht, schädigen, denn die Gegenleistung soll ja in dem bewussten Charme bestehen.” (S.216 f.) Fazit: Leser mit besonderer Affinität zur Thematik können getrost zugreifen, andere sollten sich lieber an die übrigen Roman des Verfassers halten.

Martin Mosebach
Die Türkin
Deutscher Taschenbuchverlag München 2008
287 Seiten, EUR 8,90
ISBN 342313674X

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