Justament April 2010: Die bewegten Nullerjahre
Rückblick auf ein sonderbares Jahrzehnt
Thomas Claer

Damals noch ohne Flashmob: Die “Schneeballschlacht” von Fritz Freund (1859-1936), deutscher Maler und studierter Jurist.
Die Welt hat sich, so Altkanzler Helmut Schmidt in einem seiner zahlreichen Interviews, in den letzten zwei Jahrzehnten stärker verändert als in den 80 Jahren zuvor. Und besonders rasant verlief, wer wollte da widersprechen, die just abgelaufene Dekade, die so genannten Nullerjahre. Zunächst einmal sorgte die sich vor unseren Augen vollziehende IT-Revolution für eine neue tiefe Kluft zwischen den Generationen.
Generationen driften auseinander
Denn wie schon vielfach beschrieben wurde, stehen sich heute zwei relativ klar trennbare Teilpopulationen weitgehend verständnislos gegenüber: die Digital Natives und die Digital Immigrants. Die ersteren, die bereits mit dem ganzen Kram des digitalen Zeitalters aufgewachsen sind, also die Jahrgänge ab 1980, können Informationen schneller empfangen und verarbeiten, arbeiten bevorzugt im Multitasking, fühlen sich unwohl, wenn sie nicht vernetzt sind, und brauchen ständig sofortige und häufige Belohnungen, sonst ist ihre Aufmerksamkeit gleich wieder perdu. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass sie aufgrund ihrer fundamental anderen Denkmuster auch andersartige Hirnstrukturen ausgebildet haben als frühere Jahrgänge. Die Digital Immigrants hingegen, welche die digitalen Techniken erst in fortgeschrittenem Alter erlernt haben, die Geburtenjahrgänge vor 1970 also, erkennt man daran, dass sie sich E-Mails gerne ausdrucken und am liebsten immer eins nach dem anderen machen, allerdings zumeist auch weniger vergesslich sind als die Jüngeren. Bestenfalls eine Vermittlerrolle können in diesem Szenario die Übergangsjahrgänge der zwischen 1970 und 1980 Geborenen einnehmen. Sie sollte man zur besseren Verständigung zwischen den Generationen heranziehen, wenn es in einigen Jahren nach Eintritt der Digital Natives in die Führungsebenen zum prognostizierten radikalen Umdenken in Unternehmensführungen kommt und die Älteren dann endgültig nicht mehr mitkommen. Eine vergleichbar tiefe Generationenkluft, wie sie zwischen den heute 30- und 40-Jährigen besteht, gab es wohl letztmals zwischen den heute 75- und 65-Jährigen, also der Wiederaufbau- und der Protestgeneration nach dem zweiten Weltkrieg. “Trau keinem über dreißig”, hieß es 1968. Heute sind es wohl eher die unter 30-Jährigen, die allen anderen nicht mehr ganz geheuer sind.
Rasender Stillstand
Gemessen an diesen epochalen Veränderungen tritt seit zehn Jahren aber auch so allerhand auf der Stelle. Kulturjournalisten haben dafür das Wort vom “rasenden Stillstand” geprägt. Bin Laden ist noch immer nicht gefasst, der Kampf gegen den Terror – wie die jüngsten Moskauer Explosionen zeigen – natürlich auch noch lange nicht gewonnen. Auf ein wirksames globales Klimaschutzabkommen warten wir ebenfalls seit Jahren vergeblich. Dank zahlreicher effizienzsteigernder Sozialreformen ist Deutschland vom “kranken Mann Europas” zum ökonomischen Musterschüler aufgestiegen, der inzwischen den Neid und die Missgunst seiner Nachbarn weckt. Doch gerade die stark verbesserte Wettbewerbsfähigkeit erwies sich für die immer exportlastigere deutsche Wirtschaft in der weltweiten Finanz- und Wirtschafskrise 2007-2009 als ein Handicap. Und erinnert sich noch jemand daran, wie vor zehn Jahren ein Finanzminister namens Eichel den völlig überschuldeten deutschen Staatshaushalt sanieren wollte? Heute wären wir froh, wenn wir “nur” die Schuldenlast von damals hätten.
Alles im Umbruch
Allerdings ist auch sehr vieles anders geworden in der letzten Dekade. Wie es sich für einen echten Epochenwechsel gehört, sterben ganze Wirtschaftszweige einen mal mehr, mal weniger qualvollen Tod oder schrumpfen auf Nischenformat. Ob Musikindustrie, Journalismus, Verlags-, Werbe- oder Erotikbranche: Wo früher noch regelmäßig gut bezahlt und verdient wurde, bedient sich heute einfach jeder kostenlos selbst im Netz. Wer da mit Urheberrechten kommt, kämpft letztlich gegen Windmühlen. Was früher qualifizierte Erwerbsarbeit war, wird tendenziell zum luxuriösen Hobby, das auszuüben man sich erst einmal leisten können muss. Die “digitale Boheme” ist vermutlich erst der Anfang.
Alles Retro außer Flashmob
Popkulturell gesehen werden die Nullerjahre wohl als das erste Jahrzehnt seit langem in die Annalen eingehen, das keine neue charakteristische Stilrichtung hervorgebracht hat. Und Besserung ist nicht in Sicht. Alles ist und bleibt Retro. Was an Formen der populären Musik oder auch in anderen Kunstrichtungen zu erfinden war, wurde bis zum Jahr 2000 erfunden. Seitdem erfreuen wir uns am ewig Altbekannten im immer neuen Gewand. Die Innovationen von heute kommen vielmehr aus der schönen neuen digitalen Welt. Das Twittern zum Beispiel ist eine neue Kulturtechnik, die in einer global vernetzten Welt auch viel subversives Potenzial entfalten kann. Die vielleicht einzig wahre Pop-Revolution des vergangenen Jahrzehnts ist aber der Flashmob. Wenn sich etwa in Berlin Hunderte junge Menschen spontan über Facebook zur Schneeballschlacht des Teams “Kreuzberg” gegen das Team “Neukölln” im Görlitzer Park verabreden und nach kurzer Zeit ebenso plötzlich wieder verschwunden sind, dann hat das einfach Klasse. Übrigens hat Kreuzberg gewonnen. Wie sagte der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen: “Die Jugend hat immer recht.”
www.justament.de, 18.1.2010: Er irrt sich ständig!
Rainer Erlingers unterhaltsame Moralkolumnen als Taschenbuch
Thomas Claer
Was richtig und was falsch ist im Leben, wie man sich in dieser oder jener Situation am besten verhalten sollte, wer weiß das schon immer ganz genau? Da ist es doch schön, dass es jemanden gibt, der mehr weiß als wir alle. Unzählige Leser des Magazins der Süddeutschen Zeitung fiebern Woche für Woche der Erlinger-Kolumne entgegen, die es inzwischen zu einiger Berühmtheit gebracht hat. Jeden Freitag beantwortet Dr. jur Dr. med Rainer Erlinger, Rechtsanwalt mit Schwerpunkt Medizinrecht aus München, eine konkrete Frage der Alltagsmoral, die ihm von einer Leserin oder einem Leser angetragen wurde. Er führt das Problem dann zumeist auf widerstreitende moralphilosophische Grundprinzipien zurück, wägt das Für und Wider gewissenhaft ab – und fällt dann sein salomonisches Urteil. Das Problem und gleichzeitig das Schöne dabei ist aber, dass seine Ratschläge so oft dem eigenen Urteil widersprechen. Man kann sich als langjähriger süchtiger Leser seiner Kolumne so wunderbar über ihn aufregen!
Beispielhaft seien hier nur drei besonders eklatante Fehlurteile aufgeführt: Erster Fall: Es fragt ein Leser, der neben einer türkischen Frau mit Kopftuch an der Supermarktkasse steht und sieht, wie diese Gummibärchen mit Gelatinezusatz für ihre Kinder kauft, allen Ernstes, ob er die Dame nicht eigentlich darauf hinweisen müsste, dass der Gelatinezusatz vom Schwein stammt und daher in ihren Augen doch bestimmt nicht helal sein wird. Und was antwortet Erlinger darauf? Gewiss doch, man müsse sich stets um seine Mitmenschen bemühen und sie darauf aufmerksam machen, wenn ihnen Unheil drohe – und sei es auch nur nach ihren eigenen Maßstäben. Ich spare mir hier eine ausführliche Begründung meiner Auffassung, dass sich jemand, der so fragt, nicht wundern sollte, wenn er – Pardon! – mal “eine reingehauen” bekommt. Die einzig angebrachte Antwort auf ein solches Ansinnen wäre der Satz – Nochmal pardon! – “Verarschen kann ich mich alleine.”
Zweiter Fall: Da wurde unser Moralkolumnist regelrecht ausfällig gegen Knoblauch- und sogar Bärlauchesser. Die sollten das, Erlinger zufolge, entweder bleiben lassen oder nicht unter Menschen gehen. Ja, wo leben wir denn? Es verbietet sich zwar an dieser Stelle, noch irgendetwas gegen die Raucher zu sagen, das wäre übelstes Nachtreten. Aber wer Knoblauch isst, tut das in der Regel nicht im Büro, und die Folgeausdünstungen sind denen der Raucher nach der Zigarettenpause in der Intensität vergleichbar. Schließlich fiele es doch auch nicht dem militantesten Nichtraucher ein, den Rauchern den sozialen Umgang nach ihrem Laster zu verbieten. Sollen die Knoblauchverächter doch einfach Abstand halten!
Dritter Fall: Ein Leser aus München fragte, ob es unmoralisch sei, wenn er als Student manchmal zur Aufbesserung seines Salärs im Park herumliegende Pfandflaschen mitnehme. Man habe ihn ermahnt, er würde so die Obdachlosen um ihre Einnahmequelle bringen. Genau, sagt Erlinger, die Pfandflaschen sind für die Obdachlosen. So schlecht gehe es keinem Studenten, dass er so etwas machen müsse. Na meine Herren! In unserem Berliner Kiez sammelt einer, wahrscheinlich ein “Hartzer”, tagaus, tagein Pfandflaschen in großer Zahl. Wenn er vor mir am Pfandflaschenautomat bei Edeka steht, muss ich manchmal schon sehr lange warten, bis er endlich alle im Gerät versenkt hat. Der ist mitnichten ein Obdachloser, der wohnt schräg gegenüber von uns. “Nach Pfandflascheneinnahmen” hat er sicherlich mehr im Portemonnaie als so mancher Student – außer im Winter, da sieht es deutlich schlechter aus. Ist dieser Mann jetzt auch unmoralisch, weil er den Obdachlosen etwas wegnimmt? Oder ist derjenige unmoralisch, der diesem Manne “seine Pfandflschen” wegnimmt, weil die doch zu seinem Lebensunterhalt beitragen? Oder sind womöglich alle die unmoralisch, die ihre Pfandflaschen für ihn liegen lassen, da er sich doch seine Einnahmen bestimmt nicht auf sein Hartz IV anrechnen lässt? Andererseits arbeitet er härter für sein Geld als manch anderer …
Sicherheitshalber keinen Kommentar gebe ich zu folgendem Fall ab: Ein Leser hat ein 9-Uhr-S-Bahnticket. Sein Zug, den er unbedingt nehmen muss, um rechtzeitig bei der Arbeit zu sein, fährt um 8.58 Uhr ab. Bis zur nächsten Station gibt es niemals Kontrollen. Unmoralisch? Klar, sagt Erlinger. Auch bei Kleinigkeiten, sagt er, muss es immer ums Prinzip gehen. Selbstverständlich begrüßt er auch die Kündigungen wegen eines Kassenbons, eines Brötchens oder einer Frikadelle im Grundsatz und plädiert allenfalls für punktuelle Gnade im Einzelfall. Manchmal spricht Erlinger aber auch dem Leser aus dem Herzen: Wer nur verschenkt, was ihm selbst gefällt, aber dem Beschenkten vielleicht nicht, beschenkt sich doch letztlich nur selber. Dies und vieles andere nachlesen kann man mittlerweile in mehreren Sammelbänden, von denen der hier anzuzeigende nun auch als Taschenbuch vorliegt. Da kann man nur allen Lesern eine muntere Diskussion wünschen!
Rainer Erlinger
Wenn Sie mich fragen: Antworten zu Fragen der Alltagsmoral
Taschenbuch
Goldmann Verlag 2009
272 Seiten, EUR 7,95
ISBN-10: 3442169941
www.justament.de, 4.1.2010: Billard der Geschlechter
Recht dramatisch, Teil 1: Ibsens “Hedda Gabler” im Neuen Schauspielhaus in Bremen
Thomas Claer
Hedda Gabler, allseits beliebtes und begehrtes Partygirl aus gutem Hause, ehelicht nach Jahren des unbeschwerten Genusses (“Ich habe mich müde getanzt.”) den ambitionierten Staatsstipendiaten der Kulturgeschichte Jörgen Tesman, dem eine Professur winkt. Doch schon nach kurzer Zeit langweilt sie sich mit ihrem fleißigen und gutherzigen, aber farblosen Gatten. Ein sehr modernes Nebenwerk des Dramatikers Henrik Ibsen (1828-1906) gibt es im Bremer Schauspielhaus in der Inszenierung von Sebastian Schug zu entdecken: Mit großer Zielstrebigkeit verfolgen die Protagonisten des Stücks – drei weibliche und drei männliche Figuren, das von Ibsen eigentlich noch vorgesehene Dienstmädchen wurde eingespart – ihren jeweils spezifischen Willen zur Macht und spielen dabei auch munter über die Bande. Den Männern geht es dabei letztlich immer nur um das eine: die Gunst der schönen Hedda. Die Frauen hingegen streben vorrangig nach dem Mann, der ihnen gerade den höchsten sozialen Status verspricht. Und weil die Männer das merken, basteln sie eifrig an ihrer Karriere. Pikant wird die Konstellation dadurch, dass fast alle Beteiligten jeweils schon vormals “etwas miteinander gehabt” haben.
Das Unglück nimmt seinen Lauf, als bekannt wird, dass Ejlert Lövborg, ein Hallodri und Trinker, dabei Heddas früherer Geliebter und Jörgens früherer Kumpel, wieder in der Stadt ist. Er hat unter dem Einfluss von Thea Elvstedt, der einstigen Geliebten von Jörgen, die – für damalige Verhältnisse ein unerhörter Schritt – Kinder und Ehemann verlassen hat, um mit ihm, Ejlert Lövborg, zusammenzuleben, ein herausragendes wissenschaftliches Werk verfasst, durch das er zum aussichtsreichen Konkurrenten von Jörgen für die ausgeschriebene Professur wird. Daraufhin entdeckt Hedda ihre alte Liebe zu Ejlert aufs Neue (vielleicht auch, um ihrer alten Freundin Thea eins auszuwischen) und ist drauf und dran, sich von ihrem Ehemann ab- und Ejlert zuwenden. Dieser jedoch, der seine Lebensabschnittsgefährtin Thea mit den entwaffnend ehrlichen Worten “Ich brauche dich nicht mehr!” in die Wüste schickt, manövriert sich durch einige Ausraster im trunkenen Zustand auf der Privatparty des Richters Assessor Brack, der seinerseits um die Zuwendung der schönen Hedda buhlt und sie später sogar zu diesem Zweck erpresst, ins gesellschaftliche Abseits. Darauf verliert Hedda nicht nur blitzschnell wieder das Interersse an Ejlert, sondern verbrennt auch gleich noch sein Buchmanuskript (es gibt keine Kopie), um so die Professur ihres Mannes Jörgen vollends abzusichern. Am Ende geben sich zuerst Ejlert und dann auch Hedda die Kugel.
Sehr zeitgenössisch wirkt dieser faszinierende Plot in der Bremer Aufführung, die sich auf einige optische und verbale Anpassungen ans Hier und Jetzt beschränkt. Mehr ist auch gar nicht nötig, um das erstmals vor 128 Jahren aufgeführte Drama in unsere Gegenwart zu überführen. Die Akteure spielen durchweg exzellent. Der musikalische Rahmen mit dem leitmotivischen Popsong “Bang Bang” von Nancy Sinatra – besonders gelungen: am Klavier vorgetragen von Hedda-Darstellerin Franziska Schubert – rundet das Schauspiel ganz vortrefflich ab.
Und doch denkt man sich, die Geschichte ließe sich in ihrer Radikalität noch steigern. Stückeschreiber und Regisseure aufgepasst: Ein “Hedda Gabler reloaded 2010” könnte wie folgt aussehen: Die Protagonisten sind allesamt bisexuell und begehren einander zusätzlich noch von Frau zu Frau und von Mann zu Mann. Auch die Damen sind ihrerseits im Karrierewettstreit mit von der Partie und verschaffen sich so einen Wettbewerbsvorteil durch strategische Diversifizierung. Doch lassen sich die Akteure nicht so leicht entmutigen und die Pistolen folglich aus dem Spiel. Wenn schon, dann werfen sie sich vor einen Zug.
Hedda Gabler
von Henrik Ibsen, Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel
Regie: Sebastian Schug, Bühne: Christian Kiel, Kostüme: Geraldine Arnold, Musik: Johannes Winde, Dramaturgie: Diana Insel.
Mit: Sven Fricke, Franziska Schubert, Gabriele Möller-Lukasz, Susanne Schrader, Guido Gallmann, Glenn Goltz.
Justament Dez. 2009: Weniger in der Wirtschaft, mehr in der Politik
Warum man an der Spitze deutscher Top-Unternehmen immer weniger Juristen findet, in politischen Spitzenämtern aber immer mehr
Thomas Claer
Das wird niemanden überraschen: Der gute Jurist, der angeblich alles kann, der immer alles im Griff hat und alles kompetent beurteilen kann, ist in den Chefetagen der deutschen Top-Konzerne immer weniger gefragt. Was in vielen Ministerien noch ganz gut funktioniert, ist an der Spitze der 30 größten und umsatzstärksten börsennotierten deutschen Unternehmen die Ausnahme geworden – und war doch noch vor gar nicht langer Zeit die Regel. Wie eine im ersten Halbjahr 2009 durchgeführte Studie der Personalberatung Odgers Berndtson ergibt (siehe untenstehender Kasten), hat nur noch weniger als ein Fünftel aller Dax-Chefs einen juristischen Abschluss. Bei Gründung des Dax im Jahre 1988 waren es noch fast die Hälfte gewesen. Die Zeit ist eben eine andere geworden. Die Zukunft gehört eindeutig den Ingenieuren und Ökonomen. Der Vorstandsvorsitzende von morgen kommt aus dem operativen Geschäft und hat in den Kernbereichen seines Unternehmens bereits operative Erfolge erzielt. Das dabei erworbene Fachwissen wird künftig als selbstverständlich vorausgesetzt. Was ein CEO sonst noch braucht? Laut der Studie: Soft Skills, Führungsstärke, Mitarbeiterorientierung, Sozialkompetenz und Teamfähigkeit. Und was davon lernt man im Jurastudium? Eben!
Frauenanteil unterirdisch
Bemerkenswert ist ferner der Anteil von Frauen unter den Vorstandsvorsitzenden. Er liegt stabil bei 0,0 Prozent. In den 200 größten deutschen Unternehmen (ohne Finanzsektor) sind nach einer DIW-Studie vom Frühjahr immerhin 2,5 Prozent der Spitzenpositionen mit Frauen besetzt. In den Aufsichtsräten betrug der Anteil sogar neun Prozent. Doch der Großteil der Frauen in Aufsichtsräten sitzt dort nur wegen der obligatorischen betrieblichen Mitbestimmung und ist als Vertreterin der Arbeitnehmer dorthin gelangt.
Auch die Promotion verliert zunehmend gegenüber dem MBA-Abschluss an Bedeutung. Während 1988 noch 68 Prozent der Dax-CEOs einen Doktortitel hatten, waren es 2008 nur noch 55 Prozent. Dafür hat sich der Anteil von Dax-Chefs mit einem MBA von Null auf 23 Prozent erhöht – Tendenz: weiter zunehmend. Heißt das nun also, dass der Dr. jur. ein Auslaufmodell geworden ist? Das vielleicht nicht gerade, aber er ist gewiss nicht mehr das, was er früher einmal war.
Acht Minister sind Volljuristen
Wie anders sieht es da doch in der großen Politik aus. Hier, aber auch nur hier, hat sich das früher oft beschriebene und mitunter auch beklagte Juristen-Monopol nicht nur erhalten, sondern sogar noch verfestigt. Acht der 16 Minister unserer frisch vereidigten neuen schwarz-gelben Bundesregierung sind Volljuristen, eine Quote von 50 Prozent. Guido Westerwelle, Thomas de Maizière, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Wolfgang Schäuble, Franz Josef Jung, Karl-Theodor zu Guttenberg, Norbert Röttgen und Ronald Pofalla haben allesamt beide juristischen Examen absolviert. Mit Rainer Brüderle (der überdies auch noch Jura im Nebenfach studierte) und Peter Ramsauer gehören dem Kabinett nur noch ganze zwei Ökonomen an. Hinzu kommen noch zwei Mediziner (Ursula von der Leyen und Philipp Rösler), ein Verwaltungswirt (Dirk Niebel, ist das nicht auch ein verkappter Jurist?), eine Theologin (Annette Schavan), eine Elektrotechnikerin (Ilse Aigner) und – last not least – eine Physikerin (Super-Angie).
Wie ist nun dieser auffällige Befund zu erklären? Der Generalismus, also das, was den Volljuristen immer gerne vorgeworfen wird, ist hier die optimale Qualifikation. Wer an der Spitze eines Ministeriums steht (dem wiederum zahlreiche Juristen angehören, die ihrerseits die kniffligsten Aufgaben bevorzugt auf fachlich stärker spezialisierte Top-Anwaltskanzleien übertragen), muss vor allem drei Dinge können: organisieren, moderieren und präsentieren. Und was lernt man davon in der juristischen Ausbildung? So ziemlich alles. Das Letztere versteht sich von selbst. Die Big Points werden, wie jeder weiß, in der mündlichen Examensprüfung vergeben – und zwar an die Performer, wer neidisch ist, nennt sie: die Blender. Aber auch eine gute Organisiertheit und gute Organisation sind in Studium und Referendariat (im ersteren mehr als im letzteren, von den Verschulungstendenzen der letzten Reformen jeweils etwas abgeschwächt) unverzichtbar. Und das Moderieren der unterschiedlichen Tendenzen, Meinungen, Strömungen, auch im eigenen Umfeld, das Taktieren, Intrigieren und Überreden? All das lernt jeder, der an die zur Verfertigung einer juristischen Hausarbeit unbedingt nötigen Informationen, Quellen und Texte kommen will. Wer hier am liebsten alleine vor sich hin werkelt, läuft stets Gefahr, Wichtiges, ja Entscheidendes zu verpassen. Und so erscheint die Prognose nicht allzu gewagt: Der Ort, an dem gute Juristen auch weiterhin zuverlässig gebraucht werden, ist die große Politik.
Kasten:
Akademische Ausbildung der Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen im Jahr 2008 (Anteil in Prozent, in Klammern 1988):
Natur- und Ingenieurwissenschaften 42 % (26 %)
Wirtschaftswissenschaften 35 % (23 %)
Rechtswissenschaften 19 % (45 %)
Sonstige/keine 4 % (6 %)
Quelle: Odgers Berndtson (2009)
Justament Dez. 2009: Teenagertraum mit Schönheitsfehlern
Recht cineastisch, Teil 4: “Der Vorleser” nach Bernhard Schlink
Thomas Claer
Davon träumen wahrscheinlich viele männliche Teenager: von einer Frau über dreißig in die Geheimnisse der erotischen Liebe eingeführt zu werden. Was “real” eher selten vorkommen dürfte (und gem. § 182 Abs. 3 Nr. 1 StGB auch heute noch formal unter Strafe steht), in der Literatur ist es tausendfach beschrieben: wie in Joseph Roths Radetzkymarsch, in Hermann Hesses Demian oder Marcel Reich-Ranickis “Mein Leben” – so auch im “Vorleser” von Bernhard “Grundrechte” Schlink. Nun sollen über den Roman aus dem Jahr 1996 an dieser Stelle nicht viele Worte verloren werden. Dies wird demnächst der Kollege Jean-Claude Alexandre Ho in seiner Kolumne “Recht literarisch” besorgen. Nur dass sich die von den Fünfzigern bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in Westdeutschland und Westberlin spielende Geschichte vortrefflich zur Verfilmung eignet, ist festzuhalten.
Das dachten sich auch die Macher dieses Films, die aus dem Weltbestseller-Roman flugs auch noch einen Blockbuster zu fabrizieren gedachten. Und das stellt sich dann so dar: Die Handlung in bester Hollywood-Manier ziemlich platt gewalzt, die (ganz überwiegend deutschen) Darsteller alle sehr prominent und exzellent – mit Superstar Kate Winslet (dem früheren Titanic-Girl) in der Hauptrolle der Hanna Schmitz. Hervorzuheben ist zunächst die schauspielerische Leistung des jungen David Kross (wir kennen ihn aus Detlev Bucks grandiosem Berlin-Actionfilm “Knallhart” von 2006), der den 15-jährigen Schüler Michael Berg sehr natürlich und glaubwürdig verkörpert. Wie aus dem schüchternen und vorsichtigen Jungen später der skrupulöse und nachdenkliche Jurist wird – das zeigt der Film ganz ausgezeichnet. Aber die weibliche Hauptrolle… Es ist schon klar, dass sich ein so aufwendig produzierter und kostenintensiver Film nur rechnet, wenn dank einer weltweit bekannten Hauptdarstellerin die Menschen auch weltweit zahlreich in die Kinos strömen. Doch werden es zumindest viele deutsche Betrachter als störend empfinden, dass die frühere KZ-Aufseherin in ihren Bewegungen, in ihrer Gestik und Mimik so wenig deutsch erscheint, wie sie es ja schließlich auch ist. So professionell und passabel die Britin Kate Winslet auch spielen mag (man verlieh ihr sogar einen OSCAR für die beste Hauptrolle), als deutsche Nazi-Frau überzeugt sie einfach nicht, und es ist ein Schwachpunkt des Films.
Angenommen, nur einmal angenommen, es wäre mehr um die Kunst und weniger um das Geld gegangen, dann hätten wir viel lieber Nina Hoss oder Johanna Wokalek in der Rolle der Hanna Schmitz gesehen. So bleibt die Verfilmung alles in allem doch etwas hinter den Erwartungen zurück. Dank zahlreicher Nacktszenen kommen aber immerhin die Freunde des erotischen Kinos auf ihre Kosten, vorausgesetzt sie fahren auf Kate Winslet ab.
Der Vorleser (“The Reader”)
USA, Deutschland 2008
124 Minuten
Rgeie: Stephen Daldry
Drehbuch: David Hare
FSK: 12
Darsteller: Kate Winslet, David Kross, Ralph Fiennes, Bruno Ganz, Hannah Herzsprung, Karoline Herfurth, Volker Bruch, Susanne Lothar u.v.a.
Justament Dez. 2009: Abgründige Parallelwelt
Hope Sandoval beglückt uns mit ihrem zweiten Soloalbum
Thomas Claer
Das CD-Cover zeigt einen nackten Arm über einer unbestimmbaren Lichtquelle in völliger Dunkelheit und sonst gar nichts. Hope Sandoval ist wieder da: die rätselhafte, undurchdringliche, undurchschaubare. Ihre letzte Platte, “Bavarien Fruit Bread”, liegt schon acht Jahre zurück. Wenn wir richtig gerechnet haben, ist sie jetzt 43 Jahre alt. Ihre Stimme aber klingt kaum anders als vor zwanzig Jahren: eigentlich hell und klar, doch immer auch etwas gedämpft und zerbrechlich. Klein und zierlich, elfengleich und mädchenhaft stand sie erstmals Ende der Achtziger mit “Opal” auf der Bühne, der Band des amerikanischen Underground-Gitarristen David Roback. Die junge Hope Sandoval, aus einer mexikanischen Einwandererfamilie in Los Angeles stammend, war Opal-Fan, hatte der Band Demo-Kassetten mit eigenen Songs geschickt und wurde von den Musikern kurz darauf als Bühnenvertretung für Sängerin Kendra Smith engagiert. Nach deren Ausscheiden 1989 übernahm Hope Sandoval den Gesangs-Part, und Roback nannte die Gruppe nun “Mazzy Star”. Fortan waren alle Lieder auf Hope Sandoval und ihren einzigartig-geheimnisvollen, seltsam entrückten sphärischen Gesangsstil zugeschnitten. Das Mazzy Star-Debütalbum “She Hangs Brightly” (1990) begeisterte mit Sechzigerjahre-Psychedelic-Anklängen, spartanisch instrumentierten Gitarrenpop-Nummern und einem einfach unbeschreiblichen Titelstück. Auch die beiden folgenden Mazzy-Star CDs “So Tonight that I Might See” (1993) und “Among my Swan” (1996) entzückten mit traumhaft-düsteren Songs im Zeitlupentempo. Legendär sind ferner die schüchternen Interviews, die Hope Sandoval in den 90ern gab, in denen sie die Fragesteller manchmal minutenlang anschwieg, um sie dann mit knappen und vieldeutigen Antworten zu verwirren. Ohne dass Mazzy Star sich jemals aufgelöst hätten, brachte Hope Sandoval die nächsten beiden stilistisch ähnlichen CDs ohne Dave Roback unter dem Bandnamen “Hope Sandoval & The Warm Inventions” (2001) heraus, nämlich das besagte “Bavarien Fruit Bread” und nun also “Through The Devil Softly”: Geradezu gemächlich hebt das Album an, erst der dritte Song “For the Rest of your Life” wird richtig abgründig. Doch atmet das ganze Album jenen Mazzy Star-Spirit der ausgedehnten Töne und zerfließenden Realitäten. Es dominieren Gitarren, mitunter kommen Mundharmonikas und Violine hinzu. Scheinbar ist das Folk, aber ein bodenloser Folk, der einen in die Tiefe zieht. Das überraschend kraftvolle “Trouble” klingt dann jedoch plötzlich wie ein Lied von Portishead. Und das effektvoll als Schlussstück angeordnete “Satellite” mutet an wie eine Botschaft aus dem Jenseits. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
Hope Sandoval & The Warm Inventions
Through The Devil Softly
Nettwerk (Soulfood Music) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002GZQZQ0
Justament Dez. 2009: Herzlich und schmerzlich
Die neue Platte von Element Of Crime enthält wenig Überraschendes und macht dennoch Freude
Thomas Claer
Element Of Crime – das sind seit 25 Jahren hingerotzte Chansons meist traurigen Inhalts mit Rockgitarren und Jazztrompete. Gab es in ihrer Frühphase noch manche stilistische Änderung – etwa den Wechsel von der englischen zur deutschen Sprache – ist seit “Damals hinterm Mond” (1991) mehr oder weniger alles beim Alten geblieben. “Immer da wo du bist bin ich nie” ist nun das insgesamt zwölfte Studioalbum des Berliner Kollektivs um Sänger, Texter, Trompeter und Romanautor Sven Regener, allerdings auch erst das dritte in diesem Jahrzehnt.
Und es geht einem mit dieser CD ähnlich wie mit den Vorgängern: Sie enthält einige famose Kracher, diesmal neben dem country-folkig rockenden Titelstück noch das grotesk-überdrehte “Kopf aus dem Fenster”, das schmerzlich-wehmütige “Euro und Markstück” sowie “Kuchen und Karin”, das in seiner tiefen Schlichtheit an einen Tom Waits-Song erinnert. Vor allem letzteres gehört zu jenen Liedern, bei denen einem – um es mit einem bekannten Dichter zu sagen – zumute ist, als ob “das Herz recht angenehm verblute”.
Zwar gewinnen auch die übrigen Stücke mit jedem weiteren Hören, doch fallen sie diesmal, zumal die sehr langsamen unter ihnen, teilweise doch etwas ab. Regeners über weite Strecken gewohnt kraftvolle und metaphernreiche Songlyrik verirrt sich hier mitunter – um nicht zu sagen: Er tappt gelegentlich in die Sentimentalitätsfalle. Zu tadeln ist vor allem das ziemlich alberne “Der weiße Hai”, auf dem Alexandra Regener, die neunjährige Tochter des Sängers, nebst einer Freundin im Hintergrund zu vernehmen ist. Doch bleibt dieses Lied die einzige wirkliche Enttäuschung.
Die größte Entdeckung befindet sich hingegen gar nicht auf diesem Album, sondern auf der B-Seite der auf 500 Exemplare limitierten Vinyl-Single mit dem Titelstück als A-Track. Es handelt sich um eine Cover-Version des Stücks “Blaumeise Yvonne” vom NDW-Altmeister Andreas Dorau. Dieses Lied ist so schön, dass man sich nach einigen Malen Hören gar nicht mehr vorstellen kann, wie man bisher ohne es leben konnte. Und die Kinderstimmen stören hier – anders als beim “Weißen Hai” – in keinster Weise. Aber leider ist der Song nicht auf der LP und findet hier daher auch keinen Eingang in die Bewertung. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).
PS: Element of Crime haben Erbarmen und bieten den Song “Blaumeise Yvonne” jetzt über Ihre Homepage zum kostenlosen Download an, aber nur für alle Abonnenten des Newsletters. Die Prozedur ist ziemlich umständlich.
Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
Vertigo Berlin (Universal) 2009
Ca. € 15,95
ASIN: B002IS1466
Justament Dez. 2009: Juristin lehrt das Dichten
Martina Weber gibt eine Anleitung zum “Lyrik schreiben und veröffentlichen”
Thomas Claer
Manche Zeitgenossen, die ausdrücken wollen, dass etwas vielleicht schön formuliert, aber völlig unwichtig und überflüssig ist, dass ihm jede Relevanz für die eigentlich wichtigen Dinge des Lebens, nämlich die geschäftlichen, abgeht, die nennen das Besagte schlicht und ergreifend “Lyrik”. Wenn einer “Lyrik” redet oder schreibt, dann kommt er nicht zum Punkt und raubt seinen Mitmenschen nur ihre Zeit und Aufmerksamkeit. Und dieser Ausdrucksweise liegt scheinbar ein weit verbreitetes Urteil über die eigentliche Lyrik, also die Dichtkunst, zugrunde. Seit einigen Jahrzehnten schon sind Gedichte, so scheint es, aber so was von verpönt, geradezu ein Anachronismus. Schließlich machen Gedichtbände auch nur einen winzigen Bruchteil der Umsätze an literarischen Büchern aus.
Und doch hat sich in den letzten Jahren, abseits vom Mainstream, etwas entwickelt, das in dem vorliegenden, bereits in zweiter Auflage erschienenen Bändchen der Frankfurter Juristin und Lyrikerin Martina Weber seinen Ausdruck findet: “Viele Menschen haben ein echtes Bedürfnis, literarische Texte zu schreiben, wissen aber nicht, wie sie es anfangen sollen …”, heißt es im Vorwort. An Leser mit solchen Interessen und Ambitionen, die auch die immer zahlreicher werdenden Poetenwerkstätten und Seminare für literarisches Schreiben bevölkern, richtet sich das vorliegende Werk. Es besteht, analog zu seinem Subtitel, aus zwei Teilen: einem ersten, der die Dichtkunst als ein durch gezielte Aufmerksamkeit und Übung erlernbares Handwerk darstellt, und einem zweiten, der aufzeigt, wie und auf welche Weise die Gedichte im Wege der “Veröffentlichung” den Weg zu den Lesern finden können. Neben der Verfasserin haben noch mehrere andere Autoren, überwiegend ihrerseits Lyriker, einzelne Passagen und Kapitel beigesteuert.
Schon auf den ersten Seiten werden sich all jene bestätigt fühlen, die solcher Ratgeber-Literatur, erst recht einer auf literarisches Schreiben bezogenen, skeptisch gegenüber stehen: “Aus der Offenheit des Lyrikbegriffs folgt, dass man niemandem sagen kann, wie er ein Gedicht zu schreiben hat”, räumt die Autorin ein. Ein Gedicht kann so ziemlich alles und nichts sein, solange es nur aus mindestens zwei Zeilen besteht, erfahren wir. Was also kann eine Anleitung zum Dichten da überhaupt noch leisten? Zunächst zeigt die Autorin auf, was nach ihrer Ansicht gute Lyrik ausmacht und woran man schlechte erkennen kann: Gute Lyrik erzeugt im Leser Gefühle, überrascht den Leser, z.B. durch Zeilensprünge, unerwartete inhaltliche Wendungen, Brüche im Gedankengang und im Rhythmus, ungewöhnliche Bilder und Aussagen, Mehrdeutigkeit, Pointen, Wortspiele, Witz und Humor. Zu vermeiden wären hingegen Klischees, Trivialität und Abstrakta (“Drei Orangen sind sinnlicher als Obst.”). Alle diese Punkte, an deren Evidenz wohl kaum jemand zweifeln dürfte, werden in den folgenden Kapiteln noch ausführlich erläutert und mit Beispielen besonders gelungener, manchmal auch missratener Lyrik untermauert. Vor allem diese mit Bedacht ausgewählten Zitate machen auch dem interessierten Laien schnell deutlich, ob, wann und warum ein Gedicht etwas taugt. Auf diese Weise präpariert kann der Leser dann eigene Versuche unternehmen. Die durchweg brauchbaren Tipps zur Veröffentlichung der Resultate tun ihr übriges.
Indessen verdichten sich die Anzeichen für eine Lyrik-Renaissance weiter: Nicht nur, dass unsere Schulkinder nach dem Pisa-Schock inzwischen wieder so viele Gedichte einpauken müssen, wie seit 1968 nicht mehr. In der “Wetten, dass…?”-Sendung vom 7.11.2009 präsentierte Popstar Lady Gaga ein riesiges Tattoo mit Versen von Rainer Maria Rilke auf ihrem linken Oberarm. Lyrik ist en vogue, heißt das. Vielleicht wird ja die Lyrik im Zeitalter der neuen Medien – gerade wegen ihrer Kürze und Prägnanz – sogar die literarische Form der Zukunft sein. Allen, die nun selber dichten wollen, ob mit oder ohne Ratgeber, sei noch das rekordverdächtig kurze Gedicht Erich Kästners ans Herz gelegt: Es gibt nichts Gutes / Außer: Man tut es.
Martina Weber
Zwischen Handwerk und Inspiration. Lyrik schreiben und veröffentlichen
2. vollständig überarbeitete Auflage
Uschtrin Verlag München 2008
236 Seiten, EUR 18,90
ISBN 978-3-932522-09-3
Informationen:
http://www.uschtrin.de/weber.html

