www.justament.de, 3.2.2014: Szene schlägt gutbürgerlich

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Gründerzeithäuser in Berlin (Foto: TC)

Im Berliner Wohnungsmarkt spiegelt sich, was gerade in der Stadt passiert

Thomas Claer

Wenn man nach ein paar Jahren der Abwesenheit in eine asiatische Großstadt kommt, dann erkennt man dort vieles nicht mehr wieder, weil sich alles so rasend schnell verändert. Hier in Europa dagegen verläuft der Wandel, wenn er denn überhaupt mal stattfindet, eher langsam und geordnet. Doch in unserer fröhlich-verrückten deutschen Hauptstadt ticken die Uhren bekanntlich anders. Und so springt dem Leser des brandneuen GSW-Wohnmarktreports nicht nur die allgemeine Explosion der Miet- und Immobilienpreise seit etwa fünf Jahren, insbesondere in zentralen Citylagen, ins Auge, sondern auch die vollständige Verwandlung früherer Problemgebiete in Hochpreislagen in kürzester Zeit. Die Rede soll ausdrücklich nicht von Prenzlauer Berg und Friedrichshain sein, wo diese Entwicklung schon gleich nach der Wende eingesetzt hat und nach langen Jahren des Szenekiez-Daseins inzwischen wohl fast an ihrem finalen neubürgerlichen Endpunkt angekommen ist. In Kreuzberg, dem Bezirk der sprichwörtlich langen Nächte,  war dieser Prozess sogar noch langwieriger und von ernsthaften Brüchen begleitet, man denke nur an die vorübergehende Abwanderung relevanter Teile der dortigen „Szene“ in die hipperen Ostbezirke nach dem Mauerfall. Aber dass es eine Gegend innerhalb weniger Jahre vom hinterletzten Igitt-Bezirk zum absoluten Hotspot bringt, das macht Berlin so schnell keiner nach: Gestern noch Rütli-Schule, Intensivtäter-Jugendbanden und vermüllte Gehwege, heute Szene-Bars, Luxus-Wohnungen und bepflanzte Baumscheiben – das ist der Norden von Neukölln!

Das ganze Ausmaß dieser Metamorphose wird aber erst deutlich, wenn man die Zahlen des aktuellen GSW-Reports für 2013 mit denen von 2008 vergleicht und von den etwas irreführenden Neubezirksgrenzen auf die wesentlich  kleinteiligeren Altbezirksgrenzen von vor der Gebietsreform von 2002 zurückrechnet. Und genau das habe ich getan. Hier das Ergebnis:

Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm) gem. GSW-Wohnreport 2013 (2008) nach Alt-Bezirken und ihre Sozialstruktur

1. Mitte (Alt): 11,96 (9,54) +25,4% (alternativ/repräsentativ)
2. Prenzlauer Berg: 10,18 (7,32) +39,1% (alternativ/neubürgerlich)
3. Kreuzberg: 10,14 (6,37) +59,2% (alternativ/lebendig)
4. Friedrichshain: 9,67 (6,60) +46,5% (alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf: 9,55 (8,06) +18,5% (großbürgerlich/bürgerlich)
6. Schöneberg: 9,18 (7,24) +26,8% (bürgerlich/lebendig)
7. Charlottenburg: 9,12 (7,24) +26,0% (großbürgerlich/lebendig)
8. Zehlendorf: 9,02 (7,94) +13,6% (großbürgerlich/bürgerlich)
9. Tiergarten: 8,80 (6,33) +39,0% (gemischt/lebendig)
10. Steglitz: 8,05 (6,45) +24,8% (bürgerlich/kleinbürgerlich)
11. Lichtenberg: 7,55 (5,50) +37,3% (proletarisch/kleinbürgerlich)
12. Weißensee: 7,54 (5,65) +33,5% (bürgerlich)
13. Neukölln*: 7,47 (5,23) +42,8% (alternativ/proletarisch)
14. Pankow: 7,47 (5,99) +24,7% (bürgerlich/lebendig)
15. Wedding: 7,26 (5,26) +38,0% (proletarisch/lebendig)
16. Köpenick: 7,19 (6,11) +17,7% (bürgerlich/proletarisch)
17. Tempelhof: 7,05 (5,82) +21,1% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow: 7,01 (5,47) +28,2% (proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf: 6,73 (5,76) +16,9% (kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen: 6,69 (5,96) +12,3% (proletarisch/gemischt)
21. Spandau: 6,32 (5,43) +16,4% (kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf: 6,29 (5,30) +18,7% (proletarisch/gemischt)
23. Marzahn: 5,57 (4,85) +14,8% (proletarisch/gemischt)

* Neukölln-Nord: 8,26 (5,08) +62,6% (alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd: 6,67 (5,41) +23,3% (kleinbürgerl./proletarisch)

Top 20 der Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2013 (2008)

1.   10117 Unter den Linden (Mitte): 13,11 (12,60) + 4,1%
2.   10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte): 13,00 (10,30) +26,3%
3.   10119 Rosenthaler Platz (Mitte): 12,21 (9,00) +35,7%
4.   10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg): 11,93 (8,60 ) +38,7%
5.   10115 Chausseestraße (Mitte): 11,50 (8,40) +36,9%
6.   10623 Savignyplatz (Charlottenburg): 11,50 (9,00) +27,8%
7.   10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 11,28 (9,70) +16,3 %
8.   10785 Potsdamer Platz (Tiergarten): 11,23 (7,80) +44,0%
9 .  10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
10. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf): 10,87 (8,40) +29,4%
11.  10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg): 10,56 (7,80) +35,4%
12. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg): 10,56 (9,00) +17,3%
13. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
14. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
15. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg): 10,51 (7,70) +36,5%
16. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
17. 14195 Dahlem (Zehlendorf): 10,50 (9,40) +11,7%
18. 14193 Grunewald (Wilmersdorf): 10,48 (10,60) – 1,1%
19. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
20. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%

Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Fünfjahreszeitraum

1. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln): 10,03 (5,50) +82,4%
2. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln): 8,95 (5,00) +79,0%
3. 12053 Rollbergstraße (Neukölln): 8,76 (4,90) +78,8%
4. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln): 9,21 (5,20) +77,1%
5. 10967 Graefestraße (Kreuzberg): 10,99 (6,30) +74,4%
6. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln): 8,86 (5,10) +73,7%
7. 10367 Am Stadtpark /Frankfurter Allee (Lichtenberg): 9,21 (5,40) +70,6%
8. 12059 Weigandufer (Neukölln): 8,50 (5,00) +70,0%
9. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg): 10,50 (6,20) +69,4%
10. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg): 10,55 (6,30) +67,5%
11. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln): 8,33 (5,00) +66,6%
12. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg): 10,42 (6,30) +65,4%
13. 12055 Richardplatz (Neukölln): 8,00 (5,00) +60,0%
14. 13051 Malchow (Hohenschönhausen): 7,24 (4,60) +57,4%
15. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg): 8,77 (5,60) +56,6%
16. 10553 Beusselstraße (Moabit): 7,96 (5,10) +56,1%
17. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg): 10,52 (6,80) +54,7%
18. 13359 Soldiner Straße (Wedding): 7,24 (4,70) +54,0%
19. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg): 9,63 (6,30) +52,9%
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg): 9,00 (5,90) +52,5%
21. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg): 9,75 (6,50) +50,0%
22. 13351 Rehberge (Wedding): 7,50 (5,00) +50,0%
23. 10963 Kreuzberg-West / Möckernbrücke (Kreuzberg): 10,00 (6,70) +49,3%
24. 12435 Treptower Park (Treptow): 8,51 (5,70) +49,3%
25. 10249 Volkspark Friedrichshain (Friedrichshain): 9,75 (6,60) +47,7%

Die Zahlen sprechen für sich, meine ich. Wenn sie sich auch durch den Umstand relativieren lassen, dass die durchschnittliche Größe der Wohnungen in den Szenekiezen meist sehr niedrig ist und die absolute Wohnkostenbelastung daher trotz Spitzenmieten nicht weit über der in durchschnittlichen Lagen liegt, so ist es doch bemerkenswert, wie viele Menschen das relativ teure Leben auf engem Raum in den angesagten Innenstadtlagen goutieren. Wohl nirgendwo sonst gilt so sehr wie auf dem Wohnungsmarkt, dass sich einmal etablierte Trends meist sehr viel länger fortsetzen als gedacht. Doch hat der aktuelle GSW-Report noch eine andere auffällige Tendenz ans Licht gebracht: Während die Neu-Berliner (natürlich!) bevorzugt in die zentralen Szene-Kieze ziehen, weichen die alteingesessenen Berliner zunehmend in weniger zentrale Lagen aus. Daraus mag jeder seine eigenen Schlüsse ziehen..

www.justament.de, 20.1.2014: Unter Geistern

Recht cineastisch Spezial: Vor 35 Jahren erschien die DDR-Fernsehserie „Spuk unterm Riesenrad“

Thomas Claer

Spuk-unterm-RiesenradEnde der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre verbrachte ich im Sommer manchmal ein oder zwei Ferienwochen bei meinen Großeltern in einer ostmecklenburgischen Kleinstadt ohne Farb- und – was viel schlimmer war! – ohne Westfernsehen. Es war schon starker Tobak für ein fernsehverwöhntes Kind wie mich, ausgerechnet in den Schulferien mit nur zwei Programmen auskommen zu müssen, wie man sie sich langweiliger und eintöniger nicht vorstellen kann: DDR 1 und DDR 2! Manchmal fing auch noch das Bild zu flackern an. Dann stand mein Opa auf, ging bedächtig zu jenem großen Holzkasten mit Röhre, den man damals Fernsehapparat nannte, und klopfte einmal kräftig mit der Faust drauf. Das Bild wurde davon zwar meistens auch nicht besser, aber mein Opa konnte wenigstens mal so richtig seinen Ärger rauslassen.
Doch hatte es eine glückliche Fügung mit sich gebracht, dass gerade als ich in diesem „Tal der Ahnungslosen“ weilte (so nannte man damals die Gebiete des Ostens ohne Westfernsehempfang), im Ferienprogramm zum wiederholten Male die wirklich unübertreffliche Kinder-Serie „Spuk unterm Riesenrad“ ausgestrahlt wurde: eine Folge täglich. Was konnte es Schöneres geben? Ich kann mich auch nicht erinnern, dass überhaupt jemals irgendeine DDR-Filmproduktion bei uns westfernsehverdorbenen Ost-Kindern so gut angekommen wäre wie diese schaurig-schöne Spukgeschichte, von der es wegen ihres großen Erfolgs später auch noch eine zweiteilige Kino-Version gab. Drei Kinder im Grundschulalter verbringen die Ferien (so ähnlich wie ich in der Wirklichkeit) bei ihren Großeltern – allerdings nicht in irgendeinem Kaff, sondern auf einem Rummel, genau genommen im größten Freizeitpark der DDR in Berlin-Plänterwald. Ihr Großvater betreibt dort die Gespensterbahn, und auf mysteriöse Weise werden seine drei furchterregendsten lebensgroßen Figuren, nämlich Hexe, Riese und Rumpelstilzchen, zum Leben erweckt. Die drei Geister machen sich aus dem Staub und werden von den Kindern im Auftrag ihres Opas und bald auch von der Volkspolizei gejagt. Sie, die letztmalig irgendwann im Mittelalter lebendig waren, irren durch Ost-Berlin, wundern sich über dieses und jenes, fahren U-Bahn (man erkennt den U-Bahnhof Samariterstraße, heute absolute Friedrichshainer Szenelage) und besuchen das HO-Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz (heute Galeria Kaufhof). Zwischendurch warten sie mit allerhand Zauberkunststücken auf.
Wie sehr dabei eigentlich unentwegt der triste DDR-Alltag mit seinen heiter-tragischen Momenten auf die Schippe genommen wird, ist mir so richtig erst jetzt beim Ansehen der DVD klar geworden. Und die bürokratisch-vertrottelten Volkspolizisten! Und die nachgestellten stocksteifen Nachrichten der „Aktuellen Kamera“, die am Anfang jeder Folge über die Flucht der Gespenster berichten! Das ist mitunter von atemberaubender Komik. Überhaupt entdeckt man so viele kleine Nebensächlichkeiten. Wie schlecht zum Beispiel die Kinder zu jener Zeit behandelt wurden! Damals im Osten durfte man fremde Kinder einfach so anbrüllen oder ihnen Schläge androhen, da fand niemand etwas dabei. Es hat schon seinen Grund, wenn wir Ostdeutschen unserer Generation, jedenfalls verglichen mit gleichaltrigen Westdeutschen, immer etwas gehemmt und vorsichtig sind. Bei manchen Klassentreffen ist das schon ziemlich auffällig.
Es geht dann so weiter, dass die Hexe im Warenhaus keinen Besen finden kann und stattdessen einen Staubsauger erwirbt. (Da die Geister völlig mittellos sind, muss sie ihn stehlen, so wie der stets hungrige Riese allerhand Würstchen aus der Fleischabteilung und Rumpelstilzchen kostbaren Schmuck erbeutet.) Auf dem Staubsauger – die Stromversorgung gelingt, indem sie den Stecker dem stets wütenden Rumpelstilzchen kurzerhand in die Nase stecken – fliegen die Drei dann in den Harz und verschanzen sich schließlich in der Burg Falkenstein, wo die Hexe in besseren Tagen einmal ein edles Burgfräulein gewesen ist, das erst durch einen bösen Zauber zur Hexe mutierte. Am Ende werden Hexe und Riese, zwischen denen sich eine zunehmende erotische Spannung entwickelt („Ach, lieber Gevatter!“) durch gezielten Gegenzauber zu guten Menschen und anständigen DDR-Bürgern (ihnen werden feierlich die blauen Personalausweise ausgehändigt), während das unverbesserlich böse Rumpelstilzchen, das zwischenzeitlich ein kleines Mädchen entführt und um ein Haar die Burg angezündet hätte, zur Strafe wieder in eine Geisterbahn-Puppe zurückverwandelt wird.
Das namengebende Riesenrad ist im Plänterwald noch heute als Ruine zu bewundern. Überhaupt ist der Spreepark, wie er seit der Wende heißt, inzwischen ein verwunschener Ort geworden, seit der letzte Investor aus dem Westen bei seinem Versuch einer Wiederbelebung der Fuhr- und sonstigen Geschäfte vor zwölf Jahren Pleite ging. Es gab seitdem schon die verrücktesten Ideen, wie man das Gelände in bester Wasserlage, gleich hinter dem Treptower Park mit seinem kolossalen sowjetischen Ehrenmal, künftig nutzen könnte. (Erich von Däniken wollte dort sogar einmal einen Erlebnispark für Außerirdische errichten.) Bis heute wurden aber alle potentiellen Investoren von dem noch vom letzten Spreepark-Betreiber herrührenden immensen Schuldenberg abgeschreckt, der auf dem Pachtvertrag für das Grundstück lastet, in den jeder neue Investor einzutreten hätte. Als Zwischennutzung finden dort manchmal Popkonzerte statt, wie jenes legendäre im Mai 2013, als die Gruppe „The XX“ dort vor über 12.000 Berliner Hipstern spielte. Ach, wäre man da doch nur dabei gewesen!

Spuk unterm Riesenrad
DDR 1979
Länge: 200 Minuten (in 7 Teilen)
Regie/Drehbuch: C.U. Wiesner, Günter Meyer
Musik: Thomas Natschinski
Darsteller: Katja Paryla (Hexe), Stefan Lisewski (Riese), Siegfried Seibt (Rumpelstilzchen), Kurt Radeke (Opa), Käthe Reichel (Oma), Katrin Raukopf, Dima Gratschow, Henning Lehmbäcker (Kinder), Harry Pirtzsch (Leutnant Märzenbecher)

www.justament.de, 7.1.2014: Auf dem Weg zum Rechercheur

Marcel Proust im dritten Band seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“: „Die Welt der Guermantes“

Thomas Claer

Cover GuermantesIn der muslimischen Welt gibt es den Ehrentitel des Hadschi. So darf sich nennen, wer bereits eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat, zum Beispiel der Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Karl May-Lesern als ständiger Begleiter des Kara Ben Nemsi durch den Orient bekannt ist. Es soll hiermit angeregt werden, eine Entsprechung für den Hadschi-Titel in der Welt der Literatur einzurichten: Wer die gesamten (je nach Ausgabe bis zu 5000 Seiten umfassenden, dabei durchweg lange komplizierte Sätze enthaltenden) sieben Bände von Marcel Prousts Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dessen erster Band vor ziemlich genau 100 Jahren erschienen ist, vollständig gelesen hat, der darf sich künftig „Rechercheur“ nennen. Viele solche Rechercheure sind mir allerdings nicht bekannt: nur der unvergessliche Claus Koch (1929-2010), der früher gerne seine brillanten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung mit Zitaten aus den hinteren Bänden der „Recherche“ schmückte, der geschätzte Autoren-Kollege Jochen Schmidt, der daraus das Buch „Schmidt liest Proust: Quadratur der Krise“ (2010) machte, und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der daraufhin textete: „Nach der verlorenen Zeit / Hab ich erst mal / Mehr Zeit mit mir verbracht / Und manchmal hab ich wachgelegen / Mitten in der Nacht“ (1996). Heutzutage ist es sicherlich weitaus einfacher, mal eben nach Mekka zu pilgern (da nimmt man ja das Flugzeug und läuft nur noch die letzten Schritte), als das ganze Hauptwerk von Proust zu lesen. Letzteres braucht vor allem unendlich viel Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration – vielleicht die kostbarsten Ressourcen, über die wir heute verfügen. Und doch ist der Justament-Rezensent auf dem langen Weg zum Rechercheur schon ein ganzes Stück vorangekommen: Im folgenden geht es also um Band drei, die „Welt der Guermantes“.
Die Handlung setzt einige Monate nach der Rückkehr des Ich-Erzählers aus dem Sommerurlaub in Balbec nach Paris wieder ein. Seine Liebe zur schönen Albertine, die ihn in Balbec beim Versuch, sie zu küssen, energisch zurückgewiesen hat, ist merklich abgekühlt. Wie erst im weiteren Verlauf des Geschehens klar wird, ist er Albertine schon mehrfach wieder in Paris begegnet, doch ohne die zauberhafte Strandlandschaft im Hintergrund reißt ihn die junge Dame inzwischen keineswegs mehr sonderlich vom Hocker. Dazu trägt vor allem auch der Umstand bei, dass sich der Protagonist inzwischen anderweitig verliebt hat, wenn auch auf sehr schwärmerische und wenig handfeste Weise: Seine neue Nachbarin, die Familie ist inzwischen in eine Wohnung neben dem prächtigen Palais der hochadeligen Familie Guermantes umgezogen, hat es ihm angetan: die Herzogin von Guermantes in persona. Sie ist blond, stets sehr geschmackvoll und vornehm gekleidet und vor allem „noch recht jung“. Wie alt genau, erfahren wir zwar nicht, aber doch wohl deutlich jünger als ihr Ehemann, der Herzog von Guermantes, und vermutlich ein paar Jahre älter als der Ich-Erzähler, der nun wohl etwa Anfang bis Mitte zwanzig sein dürfte. Die Dreyfuß-Affäre sorgt für allerhand Gesprächsstoff, es müssen also die Jahre nach 1894 sein.
Der Erzähler führt ein großbürgerliches Leben ohne auch nur die geringsten materiellen Zwänge. Seine Eltern, bei denen er weiterhin logiert, haben sich großmütig damit arrangiert, dass ihr Sohn ausgerechnet Schriftsteller werden möchte. „Man mag das ja auch als eine schöne Laufbahn ansehen; es ist freilich nicht gerade, was ich mir für dich gewünscht habe, aber du bist nun bald ein ausgewachsener Mann, wir werden nicht immer bei dir sein, da dürfen wir dich nicht hindern, deiner Berufung zu folgen“, erklärt ihm sein Vater. Dabei hat Marcel (so wird der Erzähler in einem der späteren Bände endlich doch einmal genannt werden) noch keine einzige Zeile geschrieben – außer zahlreichen Briefen an seine Favoritinnen, versteht sich. „Ich war nur der Spielball meiner Gewohnheiten, nicht zu arbeiten, nicht früh zu Bett zu gehen, nicht zu schlafen, die sich um jeden Preis durchsetzen sollten“, beschreibt er seinen Lebensstil.
Vor allem ist es der einzigartige Zauber der Familie Guermantes, deren Wurzeln sich bis ins tiefe Mittelalter zurückverfolgen lassen, der unaufhörlich die Phantasie des Erzählers beschäftigt. Und so erscheint ihm Madame de Guermantes, die er bisher nur flüchtig kennt, als außerordentlich verlockend. Ihre Gewandung kommt ihm vor, „wie eine schneeige oder farbig schillernde Materialisation ihres inneren Lebens.“ Hier erhebt sich aber wieder die mahnende Stimme aus dem Off, die darauf hinweist, dass die  Schmerzen der Liebe maßgeblich auf der Macht der menschlichen Einbildungskraft, auf Illusionen, beruhen. Doch lässt sich Marcel davon nicht beirren. Fortan unternimmt er jeden Vormittag einen Spaziergang, nur um die Herzogin einmal täglich, während sie ihre Besorgungen macht, auf der Straße treffen und grüßen zu können, doch nimmt die vornehme Dame anscheinend keine besondere Notiz von ihm. „Ich liebte wirklich Madame de Guermantes … Als größtes Glück hätte ich am liebsten von Gott erbeten, er möge doch alles Ungemach der Welt über sie hereinbrechen lassen und bewirken, dass sie ruiniert, allen Ansehens, aller Vorrechte bar, die sie von mir trennten, ohne Haus und Heim und von niemand mehr gekannt, bei mir Zuflucht suchte. Ich stellte mir vor, sie tue es … Und wenn ich in dieser Weise Stunden damit zugebracht hatte, mir Umstände auszudenken und dann Sätze zu formulieren, die ich zu der Herzogin sagen würde… blieb die Situation die gleiche.“ So schmachtet Marcel vor sich hin. Die Stimme aus dem Off weiß das schon richtig einzuordnen: „Das furchtbare Täuschungsmanöver der Liebe besteht ja darin, dass sie uns nicht mit einer Frau der äußeren Welt in Gedanken spielen lässt, sondern mit einer aus unserem eigenen Hirn entsprungenen Marionette, dem einzigen Bilde, das wir immer zu unserer Verfügung haben, das wir besitzen und das die Willkür unserer Erinnerung, fast eben so unumschränkt wie die der reinen Imagination, ebenso verschieden von der wirklichen Frau gestaltet haben kann, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten war, einer künstlichen Schöpfung also, der wir ganz allmählich zu unserer Qual die wirkliche Frau gewaltsam anzugleichen suchen.“
Da kommt Marcel die rettende Idee, wie eine nähere Kontaktaufnahme mit der Angebeteten gelingen kann: Sein Kumpel aus dem Strandurlaub in Balbeck, der junge Marquis Robert de Saint-Loup, ist glücklicherweise ein Neffe der Herzogin. Ihn besucht er für ein paar Wochen während seines Militärdienstes bei seiner Armeeeinheit in einem kleinen Ort weit außerhalb von Paris. (Marcel selbst ist aus gesundheitlichen Gründen – er leidet unter Asthma – von allen militärischen Verpflichtungen befreit.) Und was sieht Marcel zu seiner großen Freude auf dem Schreibtisch in Roberts Zimmer stehen? Ein wundervolles Porträtfoto der Herzogin.
„Diese Photographie war wie eine weitere Begegnung … mit Madame de Guermantes; ja mehr noch, sie stellte eine sehr ausgedehnte Begegnung dar, als wäre die Dargestellte durch einen jähen Fortschritt in unserer Annäherung im Gartenhut bei mir stehengeblieben und habe mir zum ersten Male Zeit gelassen, hier die Rundung der Wange, dort die Nackenlinie oder den Ansatz der Braue (alles Dinge, die mir bislang beim raschen Vorübergehen, im Überwältigtsein durch den momentanen Eindruck und durch die Lückenhaftigkeit der Erinnerung verborgen geblieben waren) in Ruhe anzuschauen; ihr Anblick aber sowie der von Brust und Armen einer Frau, die ich sonst immer nur im hochgeschlossenen Kleid gesehen hatte, kam für mich einer berauschenden Entdeckung, ja einer Gunstbezeigung von ihrer Seite gleich. Diese Linien, deren Betrachtung mir beinahe unerlaubt erschien, durfte ich nun studieren als eine Abhandlung über die einzige Geometrie, die für mich Wert haben konnte.“
Möglichst unauffällig bittet er Robert unter einem Vorwand darum, eine Begegnung mit seiner Tante zu arrangieren. Robert begreift sofort, was los ist, und verspricht seinem Freund, sein Möglichstes zu tun.
Doch ist Marcel nicht der einzige, der in Liebesqualen verstrickt ist. Robert unterhält seinerseits – von seiner Familie aufs Schärfste missbilligt – eine Liebschaft zu einer Schauspielerin. (Das ist so weit unter „standesgemäß“, dass es dafür gar keinen Ausdruck mehr gibt.) Und die lässt ihn gerade wieder hängen, meldet sich nicht, obwohl Robert ihr schon dreimal nacheinander geschrieben hat. Ihr noch weiter hinterherzulaufen, das geht natürlich nicht. Doch wartet er Tag für Tag wie ein Besessener auf Post von ihr. „Er zwang sich dazu, nicht an sie zu schreiben, wobei er vielleicht dachte, es sei ein geringeres Leiden, ohne Geliebte zu leben, als unter bestimmten Voraussetzungen mit ihr.“ Hier kommt nun aus dem Off eine sehr fundierte Betrachtung über das Schweigen in der Liebe: „Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen dar, die geliebt werden. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, dass Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen!“
Aber der Marquis Robert de Saint-Loup hat noch einmal Glück gehabt mit seiner Schauspielerin. Irgendwann kommt doch noch der erhoffte Brief von ihr, und ein Versöhnungstreffen wird angesetzt, an dem als bester Freund auch Marcel teilnehmen darf. Doch der ist von Roberts Freundin, nach so viel Zirkus im Vorfeld, dann doch etwas enttäuscht und findet sie alles in allem nur „ziemlich gewöhnlich“. Umso erschütternder ist es für ihn, mit ansehen zu müssen, in welche mentale Abhängigkeit von ihr sich sein Freund Robert begeben hat. Und die Stimme aus dem Off setzt noch einen drauf: „Es ist nur der Zufall eines Augenblicks, jenes einen Augenblicks, in dem diejenige, die bereits sich zu schenken schien, sich entzieht, weil sie vielleicht ein Rendezvous oder einen anderen Grund hat, sich an dem betreffenden Tag etwas schwierig zu zeigen. Hat sie es mit einem stark in Gefühlen lebenden Menschen zu tun, beginnt, selbst wenn sie es gar nicht merkt, besonders aber, wenn sie es merkt, nun ein furchtbares Spiel. Unfähig, auf diese Frau zu verzichten, erhöht er den Einsatz, sie meidet ihn, so dass ein nicht mehr erhofftes Lächeln tausendmal höher bezahlt wird, als es der letzten Gunst angemessen wäre. Es kommt in solchen Fällen sogar manchmal vor, dass man diese letzte Gunst oder sogar einen ersten Kuss nie erlangt oder nicht einmal zu erbitten wagt, um die vorherigen Versicherungen einer rein platonischen Zuneigung nicht etwa Lügen zu strafen. Es ist dann ein großer Schmerz, aus dem Leben zu scheiden, ohne jemals erfahren zu haben, wie ein Kuss der Frau sein mag, die man am meisten geliebt hat.“
Als Marcel wieder nach Paris reist, kommen ihm jedenfalls erhebliche Zweifel an seiner schwärmerischen Begeisterung für Madame de Guermantes. Hinzu kommt, dass diese, als er sie das nächste Mal auf der Straße grüßt, langsam etwas genervt von Marcels Zudringlichkeit wirkt.
„Eine Wahrheit muss nicht ausgesprochen werden, um dennoch ruchbar zu werden. Man kann sie vielleicht mit größerer Sicherheit, ohne auf eine mündliche Mitteilung zu warten oder überhaupt nur darauf zu hören, aus tausend äußeren Zeichen entnehmen, selbst aus manchen unsichtbaren Phänomenen, die in der Welt der menschlichen Charaktere etwa dem entsprechen, was in der Welt der Physik die atmosphärischen Veränderungen sind“, weiß die Stimme aus dem Off. Als Marcel dann ein Brief von Robert erreicht, in welchem dieser ihm eröffnet, dass eine gewisse Madame de Sterma gerade wieder in Paris weilt, eine junge Dame, auf welche Marcel schon früher einmal ein Auge geworfen hat, ist Madame de Guermantes für ihn endgültig abgemeldet. Madame de Sterma lässt Marcel durch Robert ausrichten, dass sie einem Treffen mit ihm in Paris keineswegs abgeneigt sei. Marcel schreibt ihr kurzfristig und schlägt ein gemeinsames Dinet in einem exquisiten Restaurant in malerischer Umgebung auf einer Paris vorgelagerten Seine-Halbinsel in einigen Tagen vor. Madame de Sterma sagt zu.
Und da passiert etwas völlig Unerwartetes: Marcel, dessen Eltern für einige Tage verreist sind, erhält überraschend Besuch von … Albertine. Ausgerechnet von Albertine, in die er am Strand in Balbec so vernarrt gewesen war, und die er in Paris doch längst „abgeschossen“ hatte. Allerdings kommt Albertine in offensichtlich rein freundschaftlicher Absicht, möchte sich einfach nur ein wenig mit ihm unterhalten. Marcel, sonst ganz und gar nicht frei von Eitelkeit, ist gerade nicht besonders schick angezogen und auch nicht rasiert, das hat er sich alles für den Abend mit Madame de Sterma aufgespart. Ganz unbefangen plaudert er mit Albertine. „Ihr Anblick schuf mir keine Unruhe mehr.“ Doch je länger er sie im Gespräch betrachtet, desto öfter kommen ihm doch wieder die verlockenden Assoziationen von Sonne, Strand und Meer in den Sinn. Als Albertine gehen will, fordert er sie wiederholt auf, doch noch etwas länger zu bleiben. Und sie tut es, durchaus nicht widerwillig. Ganz beiläufig erwähnt er dann, dass er ja „überhaupt nicht kitzlig“ sei. Und Albertine, die sofort registriert, dass Marcel schlichtweg Lust auf sie bekommen hat, antwortet: „Soll ich es denn einmal versuchen?“ Sie suchen dafür eine bequeme Position und sind drauf und dran sich zu küssen – da geht im Zimmer plötzlich das Licht an. Es ist die Haushälterin Francois, die den jungen Herrn zum Abendessen ruft.
So etwas wie Privatheit und Privatsphäre im heutigen Sinne war in jener Zeit nicht unbedingt vorgesehen. Die unteren Stände lebten zumeist sehr beengt mit vielen Personen dicht aneinander, die Bessergestellten hingegen hatten ständig ihre Angestellten um sich. Die Dinge, die jeder gerne tut, wenn sie oder er ganz allein ist, waren unter solchen Umständen gar nicht so einfach durchzuführen. Zum Abbau des allgemeinen Hormondrucks lockten dafür (zu Spottpreisen) Bordelle und Kupplerinnen, die auch Marcel ausgiebig frequentierte, die männliche Kundschaft. Den Frauen dagegen, sofern sie sich nicht selbst auf irgendeine Weise im horizontalen Gewerbe betätigten, blieben nur Eheschließungen, Affären oder jene Übellaunigkeit und Gereiztheit, wie sie etwa Madame de Guermantes im weiteren Verlauf der Handlung noch des Öfteren an den Tag legen sollte.
Doch können Albertine und Marcel ihre Annäherung immerhin noch für kurze Zeit fortsetzen. Und wieder fragt Marcel Albertine, warum sie ihn denn damals in Balbec so vehement abgewiesen habe. Und diesmal antwortet ihm Albertine: „ Ach! Damals in Balbec kannte ich Sie ja nicht, ich hätte glauben können, Sie hätten schlechte Absichten.“ Die Stimme aus dem Off kommentiert das mit den Worten: „Es ist für eine Frau schwierig, in den Bewegungen ihrer Glieder, in den Empfindungen ihres Körpers, wenn sie mit einem guten Freund zusammen ist, die unbekannte Sünde zu erkennen, in die sie bei einem Fremden befürchten würde hineingezogen zu werden.“
Als Albertine ein weiteres Treffen vorschlägt, äußert Marcel sich ausweichend, da er noch immer an nichts anderes denkt als an das Essen mit Madame de Sterma. Am Tag des geplanten Dinets, dem Marcel von einer Welle der Euphorie getragen entgegenfiebert, platzt dann die Bombe: Madame de Sterma sagt ab, einfach so, ohne weitere Begründung. Es sei etwas dazwischengekommen, sie müsse dringend Paris verlassen – und sie taucht dann auch nicht wieder auf, ist für Marcel zur bloßen Schimäre geworden. Die Stimme aus dem Off deutet schon an, was wohl noch passieren wird: „Unser Leben unter anderen Menschen gleicht einem Maleratelier voll beiseitegelegter Skizzen, da es mit allen jenen angefüllt ist, an welche wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten heften zu können; doch wurde mir dabei nicht bewusst, dass manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten.“
Man könnte ergänzen: Meistens kommt es anders, als man denkt. Und je größer der gedankliche und emotionale Aufwand in der Liebe, desto unwahrscheinlicher wird ihre Erfüllung. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass nur zwei zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Stimmung sein müssen und alles andere doch nur ein Produkt der Phantasie ist. Und das, was man die romantische Liebe nennt, also die ausdauernde, in der Regel unglückliche Fixierung auf eine ganz bestimmte Person, ist mehr das Ergebnis bestimmter Zufälle als irgendeine Art von „ höherer Bestimmung“. Als Proust-Leser ist man jedenfalls für jede Art von Romantik verloren.
Aber wenn es schon mit der Liebe nicht so weit her ist, kann einen denn nicht die Freundschaft, die echte, tiefe und wahre Freundschaft im Leben für alles entschädigen? Die Stimme aus dem Off ist hier ebenso skeptisch: „Das ganze Bestreben der Freundschaft ist es, den einzigen wirklichen und (es sei denn durch das Mittel der Kunst) nicht mitteilbaren Teil unserer selbst einem oberflächlichen Ich zum Opfer zu bringen, das nicht wie das andere Freude in sich selber findet, sondern eine verschwommene Rührung dabei verspürt, wenn es von außen her gestützt und in eine fremde Individualität gleichsam gastlich aufgenommen wird, wo es dann beglückt über den ihm zuteil gewordenen Schutz sein Wohlbehagen in Billigung ausströmen lässt und Vorzüge bewundert, die es an sich selbst als Fehler bezeichnen und zu korrigieren bemüht sein würde. Im übrigen können die Verächter der Freundschaft ganz illusionslos – jedoch nicht ohne Gewissensbisse – die besten Freunde der Welt sein…“ So bleibt als letzter Rettungsanker für den ästhetischen Menschen nur die stolze Einsamkeit: „Die Ideen, die mich heimsuchen, sind wie Göttinnen, die zuweilen geruhen, einem einsamen Sterblichen an der Biegung des Weges sichtbar zu erscheinen… Doch sobald man zu zweit ist, verschwinden sie; Menschen, die stets in Gesellschaft leben, bekommen sie nie zu Gesicht.“
In die große Enttäuschung Marcels über das ausgefallene Date mit Madame de Sterma platzt eine Mitteilung von Robert Saint-Loup, der sein Versprechen einhält und Marcel in den Salon seiner Großtante zu einer Abendgesellschaft einlädt, auf der auch seine Tante, die Madame de Guermantes, anwesend ist. Ein paar Wochen früher wäre das für Marcel noch der Gipfel der Genüsse gewesen, doch nun kann er an der Herzogin gar nicht mehr so viel finden. Allein der „Geist der Guermantes“, der Zauber des alten Adels reizt ihn jetzt noch. Und so lässt er sich natürlich nicht zweimal bitten, denn Zeit hat er ja ohnehin immer genug. Zu Marcels großer Überraschung ist die Herzogin, von der er vor kurzem noch so geschwärmt hat, ihm gegenüber nunmehr durchaus aufgeschlossen, allerdings ohne dass Marcel daraufhin wieder Feuer fänge. Sie lädt ihn fortan sogar regelmäßig auch in ihren eigenen Salon ein, was für einen „normalsterblichen“ Bürgerlichen eine vollkommen ungewöhnliche Ehre darstellt, denn ansonsten verkehren dort nur Angehörige des Hochadels oder die gerade angesagten Top-Prominenten. Man gewinnt fast den Eindruck, der Ich-Erzähler berausche sich so sehr an seinem exklusiven Zutritt bei den „Blaublütigen“, dass er es nicht unterdrücken kann, auf gut und gerne 300 Seiten die gesamten Konversationen auf diesen Veranstaltungen bis ins kleinste Detail wiederzugeben, was für den Leser ausgesprochen ermüdend ist. Zumal es sich dabei ganz überwiegend um, in schöne Worte gehülltes, redundantes Geschwafel handelt, was auch der Erzähler am Ende einräumen muss.
Zunächst überwiegt aber noch seine Begeisterung: „Die Guermantes – wenigstens die, die dieses Namens würdig waren, besaßen nicht nur eine erlesene Qualität der Haut, des Haares und des durchscheinenden Blicks, sondern hatten auch eine Art sich zu halten, zu schreiten, die Hand zu geben, durch die sie sich insgesamt von irgendeinem anderen Mann der großen Welt ebenso stark unterschieden wie dieser von einem Bauern in seinem Arbeitskittel.“ Ja, diese Adeligen spielen doch in einer ganz eigenen Liga: „Denn neben allen individuellen Eigentümlichkeiten bestand in jener Epoche zwischen einem eleganten und reichen Mann jenes bestimmten Teils der Aristokratie und einem ebenfalls eleganten und reichen Mann aus der Finanzwelt oder Großindustrie noch ein deutlich spürbarer Unterschied. Da wo einer dieser letzteren geglaubt hätte, seine Weltläufigkeit durch einen barschen und hochmütigen Ton einem Untergebenen gegenüber zu beweisen, schien der Grandseigneur mit seiner milde lächelnden Art als Privileg seiner guten Erziehung gerade eine gewisse vorgebliche Demut und Geduld hervorzukehren und zu üben…“ Und dann die Herzogin: „die achtzehnte Oriane de Guermantes ohne eine einzige Mesalliance, das reinste, älteste Blut, das in Frankreich existiert.“ Und sie pflegt mitunter „eine fast bäuerliche Art der Artikulation, die einen herben köstlichen Erdgeruch hatte“. Hinzu kommt „ihre schleppende, in ihrer Rauheit so angenehme Stimme“. Ihr Mann, der Herzog, „runzelt seine jupiterhafte Stirn“.
Marcel imponiert anfangs noch so ziemlich alles im Hause der Guermantes, bis hin zum dort servierten Fruchtsaft, der damals offenbar als erlesene Köstlichkeit gegolten hat: „Nichts wird man weniger leid als diese Umsetzung der Farbe einer Frucht, die durch das Einkochen noch einmal zur Jahreszeit der Blüte zurückzukehren scheint, in Duft und Wohlgeschmack. Purpurn erglühend wie ein Obstgarten im Frühling oder kühl und farblos wie der Zephir unter den Blütenbäumen lässt der Duft sich darin gleichsam destilliert einatmen und betrachten…“ Die Rede ist von nichts anderem als Kirsch- und Birnensaft. Heute kennen wir das tragische Schicksal vieler Delikatessen, die einst nur den Reichen und Schönen vorbehalten waren, und die heute in jedem Discounter vorrätig sind: „Jede Originalität wird sinnlos, sobald sie Allgemeingut geworden ist.“
Doch erhält Marcel bei seinen Besuchen auch schnell tiefe Einblicke in die ehelichen Verhältnisse bei den Guermantes: „Der Herzog schmückte sich gern mit seiner Frau, aber er liebte sie nicht.“ Ein Bildnis, das ihm nicht gefällt, soll seine Frau doch bitte in ihr Schlafzimmer hängen, damit er es nie wieder zu Gesicht bekomme. Dabei ist der Herzog ein „glühender Bewunderer weiblicher Reize“ und unterhält unzählige Liebschaften mit rangniedrigeren Damen, die aber selbstverständlich alle adelig zu sein haben, nur eben unterhalb des Kalibers der Guermantes. (Er soll mit seinen Liebschaften auch schon ebenso unzählige Kinder in die Welt gesetzt haben, worüber allgemein großzügig hinweggesehen wird.) Die Herzogin dagegen gilt allgemein als „tugendhaft“, was sie von so ziemlich allen anderen Angehörigen ihrer Gesellschaftsschicht unterscheidet. Angesichts der gewaltigen Menge an Klatsch und Tratsch, der im Salon von den Anwesenden über die gerade jeweils Abwesenden verbreitet wird, ist sogar zu vermuten, dass Madame de Guermantes zu recht in diesem Ruf steht, denn in diesen Kreisen lässt sich absolut nichts geheim halten, dafür sorgt schon das immer bestens informierte Personal. Als einer der Diener der Familie sich auf seinen freien Tag freut, den er mit seiner Verlobten verbringen will, befiehlt ihm die Herzogin, die das merkt, kurzfristig, aus purer Missgunst und aus Neid, völlig überflüssigerweise an dem Tag eine Extraschicht zu schieben. Der Herzog, der seinem Diener das Vergnügen von Herzen gönnt, kann seine Frau nicht davon abbringen. „Psychologische Gesetze haben gleich den physikalischen eine gewisse Allgemeingültigkeit. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind die gleichen, ein und derselbe Blick leuchtet aus den verschiedensten menschlichen Lebewesen hervor wie ein gleicher Morgenhimmel über weit auseinandergelegenen und einander ganz fremden Orten der Welt.“
Was im Salon der Guermantes sonst noch so erzählt wird, bewegt sich auf durchaus schwankendem Niveau. Es kommt für die Besucher nicht entscheidend darauf an, besonders gebildet oder belesen zu sein, sondern in erster Linie darauf, „Esprit“ zu haben. So wie bei „Monsieur de Guermantes, dessen bizarrer Wortschatz bewirkte, dass die Weltleute ihn als gar nicht so dumm bezeichneten, literarische Kreise jedoch als einen Idioten schlimmster Art.“ Sein Lieblingsthema ist die Genealogie: „Wir sind vom gleichen Blut wie die Hessen, aber die ältere Linie.“
Die politischen Debatten konzentrieren sich vor allem auf die ausgiebig diskutierte Dreyfus-Affäre. Was da aber von den angeblich so kultivierten Aristokraten, und zwar von fast allen, über „die Juden“ verbreitet wird, würde man heute schlicht als allerunterste Schublade bezeichnen. Einzige rühmliche Ausnahme ist der junge Marquis Robert de Saint-Loup, der unter dem Einfluss seiner geliebten Schauspielerin eine Pro-Dreyfus-Haltung einnimmt, die er aber im Salon seiner Großtante und Tante nicht zu vertreten wagt. Außerdem fürchtet er, aufgrund seiner politischen Ansichten nicht in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden.
Da wirkt es wie eine Erlösung für den Leser, als am Ende des Buches noch einmal Charles Swann einen Auftritt hat und der befreundeten Madame de Guermantes einen kurzen Besuch abstattet. Swann ist als Jude seit der Dreyfus-Affäre zur “Belastung“ für die aristokratischen Salons geworden. Zudem ist er durch seine Heirat mit der völlig unmöglichen Odette in diesen Kreisen „unten durch“. Doch weil er einfach so charmant und brillant ist wie kein Zweiter, verkehren einzelne Adelige zumindest sporadisch weiter mit ihm. Als er und Marcel einen Moment alleine sind, fragt Marcel ihn, warum wohl alle Guermantes gegen Dreyfus seien. Swanns Antwort: „Weil alle diese Leute Antisemiten sind.“ Endlich redet mal einer Klartext! Und Swann ergänzt noch: „Alle diese Leute gehören einer anderen Menschenart an. Man hat nicht ungestraft tausend Jahre Feudalwesen in seinem Blut.“ Gerade hat er eine Studie über ein weitläufig mit den Guermantes verwandtes Rittergeschlecht auf der Insel Rhodos verfertigt. Kurz darauf betrachtet er die Madame de Guermantes „wie ein Bild von Meisterhand“, woraufhin diese ihn geschmeichelt fragt: „Gefällt Ihnen meine Toilette?“ Doch Swann sieht bereits sehr angegriffen aus und berichtet, als die Herzogin ihn hartnäckig auffordert, sie in einem halben Jahr auf einer Reise zu begleiten, von seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung. Es wird wohl – leider! – sein letzter Auftritt im Romanzyklus gewesen sein.
Am Ende fällt Marcels Einschätzung der Salonkultur im Hause Guermantes jedenfalls zwiespältig aus. Viele der hochadeligen geladenen Gäste haben ihm „den Eindruck platter Gewöhnlichkeit gemacht“. Und nicht zuletzt würden dort „fade Bosheiten verbreitet“. So erschien ihm der Name Guermantes doch „stark an Leuchtkraft vermindert“. Doch sieht Marcel in ihnen immerhin noch „liebenswürdige Bewahrer der Vergangenheit“. Diesem Urteil möchte man als Leser, nach allem, was man sich von diesen aufgeblasenen Feudalheinis alles hat anhören müssen, dann doch nicht zustimmen.
So endet dieses Buch, ohne dass man erfährt, wie es mit Marcel und Albertine wohl weitergehen wird. Doch eine Bemerkung der Stimme aus dem Off erlaubt schon einen Blick in die Zukunft: „Sobald man ganz und gar mit einer Frau lebt, sieht man an ihr nichts mehr von dem, um dessentwillen man sie geliebt hat; sicherlich kann die Eifersucht zum Beispiel diese beiden getrennten Elemente wieder vereinigen. … Man kann unter einer so gefährlichen Form die Erneuerung des Wunders aber nicht für wünschenswert halten.“
Und zum Schluss noch einer der klügsten Sätze des Buches: „Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren aber unwillkürlich immer nur wie auf einer Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 3: Die Welt der Guermantes
Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (29. November 2004)
996 Seiten, 21,00 Euro
ISBN-10: 3518456431

www.justament.de, 16.12.2013: Unser Snobismus

Recht cineastisch, Teil 17: „Blue Jasmine“ von Woody Allen

Thomas Claer

blue-jasmineDieser Woody Allen-Film ist keine Komödie. So stand es überall geschrieben. Davon ist natürlich kein Wort wahr. Ich gestehe hier sogar, lange nicht mehr so in einem Film gelacht zu haben wie in diesem. Klar, da muss auch eine gehörige Portion Schadenfreude mit im Spiel sein, um angesichts des erschütternden sozialen Abstiegs der dem Film ihren Namen gebenden Protagonistin auf so herzlose Weise in Gelächter auszubrechen. Aber was soll man machen, dieser Film kitzelt auf raffinierte Weise die Ressentiments nur so aus einem heraus. Er hält dem Zuschauer letztlich auch den Spiegel seiner eigenen moralischen Abgründe vor.
Erzählt wird hier, und das so effektiv und elegant wie stets beim späten Woody Allen, die Geschichte von der Luxusdame Jasmine, die – völlig mittellos geworden – von New York nach San Francisco fliegt (natürlich in der Luxusklasse, damit geht es schon los!), um bei ihrer bescheiden lebenden Adoptivschwester Ginger, einer Supermarkt-Kassiererin, unterzukommen. Jasmine, Anfang oder Mitte 40 und ziemlich attraktiv, war ihrem Ehemann Hal, gespielt von Alec Baldwin, der in dieser Rolle optisch wirklich sehr an Klaus Wowereit erinnert, auf die Schliche gekommen, denn dieser hatte hinter ihrem Rücken unzählige Affären mit anderen, natürlich viel jüngeren, Frauen. Nun war Hal aber ein millionenschwerer Finanzbetrüger im Stile von Bernie Madoff, der u.a. auch Jasmines Schwester Ginger und deren Ex-Mann Augie um ihr gesamtes Vermögen, einen Lottogewinn von 200.000 Dollar, gebracht hat. Hal hatte ihnen bei angeblich geringem Risiko eine Rendite von  jährlich 20 Prozent versprochen. Jeder weiß, dass daran, sofern es einem nicht Warren Buffett höchstpersönlich verspricht, etwas faul sein muss. Aber Ginger und Augie wussten es nicht. Als also die gekränkte Jasmine – Hal hat gerade etwas mit dem 18-jährigen Au-pair-Mädchen angefangen  –, ihren Mann aus Wut beim FBI anschwärzt, wird gegen diesen ermittelt, und der ganze Finanzschwindel fliegt auf. Alles Geld ist weg, es bleiben nur Schulden. Später erhängt sich Hal dann im Gefängnis.
Jasmine, obzwar psychisch schwer angeschlagen und viel Alkohol und Tabletten in sich hineinschüttend, lässt sich doch keineswegs unterkriegen, nimmt all das als Herausforderung an und versucht einen Neuanfang. Ihr Studium hatte sie damals abgebrochen, als sie Hal kennengelernt hatte. Doch nun wird eben sehr zielstrebig eine eigene Karriere anvisiert. Bald merkt sie aber, wie mühsam das ist, und sucht stattdessen gezielt nach einem steinreichen Mann. Dabei kommen ihr ihre Upper-Class-Manieren sehr zupass. Mit spielerischer Leichtigkeit erobert sie auf einer High Society-Party einen angehenden Diplomaten mit riesiger Villa. Um ein Haar hätte es auch mit einer schnellen Hochzeit geklappt. Nur durch einen dummen Zufall kommen Details aus Jasmines Vorleben heraus, und sie verstrickt sich so in ihrem Lügengespinst, dass ihre Eroberung schnell das Interesse an ihr verliert. Am Ende des Films sitzt Jasmine nach einem Streit mit ihrer Schwester völlig desorientiert und mit zerzausten Haaren auf einer Parkbank.
Doch Mitleid ist hier völlig fehl am Platze. Die hochmütige Verachtung, mit der sie ihrer Schwester und ihrem Verlobten, einem Autoschlosser, und allen seinen Freunden bis zuletzt begegnet, sowie ihre unablässig zur Schau gestellte Anspruchsunverschämtheit bestärken einen während des Films immer wieder aufs Neue darin, dass sie es wirklich nicht anders verdient hat. Jasmine ist so durchdrungen von ihrem Überlegenheitsgefühl gegenüber ihrer in ihren Augen tief in der Mittelmäßigkeit feststeckenden Adoptivschwester, dass man als Zuschauer, zumal als bescheidener und sparsamer Mensch, den Ausgang der Handlung schon reflexhaft als gerechte Strafe für den hybriden Übermut der Protagonistin empfindet. Und gerade weil es im wirklichen Leben ja eigentlich immer anders läuft und ein bestimmter Frauentyp auf diese Tour bekanntlich noch in allen Zeiten gut durchgekommen ist, macht dieser Film, in dem so eine Frau mal so richtig auf die Schnauze fliegt, soviel Spaß.
Doch ist das nicht alles zu viel Schwarzweißmalerei? So wurde u.a. von Tobias Kniebe in der Süddeutschen Zeitung kritisiert, der Film bleibe oberflächlich, da die Figur der Jasmine so eindimensional gezeichnet sei. Aber ja nun, warum denn nicht? Wäre es anders, wäre der Film bestimmt nicht so witzig geworden! Und wenn manche Kritiker Woody Allen vorwerfen, er drehe inzwischen einfach nur noch einen Film nach dem anderen und gebe sich gar keine richtige Mühe mehr, dann muss man feststellen: Wahrscheinlich hat er sich mit diesem Film wirklich keine besondere Mühe gegeben. Das hat dem Film aber nicht geschadet, im Gegenteil. Denn darin, in der karikaturhaften Zuspitzung seiner Charaktere, ist Woody Allen nun einmal am besten. Und dafür braucht einer wie er schon lange keine Anstrengung mehr, das macht er gewissermaßen mit links. Man mag es vielleicht bedauern, dass er so viele gute Filme in die Welt setzt wie einst Balzac gute Romane und dadurch selbst zur inflationären Entwertung seiner Werke beiträgt, aber sehenswert bleiben seine Filme deshalb trotzdem.

Nachdenklich macht eher ein anderer Aspekt, der einem vor Augen führt, wie hintergründig diese mit so leichter Hand gewebte Geschichte letztendlich doch ist und wie tief man gewissermaßen auch selbst im Schlamassel drinsteckt. Die Rede ist von Jasmines demonstrativ vorgeführtem Snobismus, welcher ja immer die hässliche Fratze eines selbstbewussten Individualismus ist. Als sie – noch in glücklichen Zeiten – ihren feudal anmutenden Altbau-Palast bezieht, sagt sie: „Ich kann nicht verstehen, wie Leute in Wohnungen mit niedrigen Decken ziehen können, ich würde dort ersticken.“ Das erinnert mich an eine gute Bekannte, die sich früher einmal über das geräuschvolle Surren der „Billig-Laptops“ in der Uni-Bibliothek echauffierte und forderte, dass alle Notebooks, die lauter als ihr eigenes IBM-Gerät seien, verboten werden müssten. (Heute hat sie wahrscheinlich längst ein Teil von Apple.) In der scheinbar harmlosen Benennung einer persönlichen Vorliebe, die einen in Geschmacksfragen von anderen unterscheidet, grenzt man sich doch in Wahrheit über den dickeren Geldbeutel von ihnen ab, und lässt das deutlich mit anklingen. Für Jasmine – wir sind wieder im Film – ist es eine unvorstellbare Schande, sich das vornehme Manhattan nicht mehr leisten zu können. „Stell dir vor“, sagt sie zu ihrer Schwester, die von all dem nur träumen kann, „ich musste mir eine Wohnung in Brooklyn mieten.“  (Das ist ungefähr so, als würde sich jemand über einen Umzug von Berlin-Mitte nach Berlin-Schöneberg grämen.) Eine ganz ähnliche Haltung haben wir aber auch schon vor zehn Jahren in Berlin erlebt: Eine Freundin meiner Frau erklärte mir, nachdem sie uns dankenswerter Weise beim Einzug in unsere große und schöne damalige Wohnung im ärmlichen Bezirk Wedding geholfen hatte, dass sie künftig bestimmt nie wieder freiwillig einen Fuß in diese unmögliche Gegend setzen werde. (Sie selbst wohnte damals im feinen Wilmersdorf, inzwischen hat sie – natürlich – Karriere in Frankfurt am Main gemacht. Sie hat uns später – trotz mehrerer Einladungen – auch tatsächlich nie mehr in Wedding besucht.) Und sie fügte damals noch hinzu: „Wenn man schon einen Holzdielenfußboden hat, dann sollten die Dielen aber schon abgezogen und nicht gestrichen sein.“ Das hat gesessen. Wie bei James Bond: Nicht geschüttelt, sondern gerührt. Damals waren wir einfach nur froh, überhaupt ein Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Das Schlimme ist aber: Heute wohnen wir, obwohl der Wedding inzwischen schon als regelrecht cool gilt, wenn er auch noch längst nicht so angesagt ist wie der andere frühere Igitt-Bezirk Neukölln, schon lange nicht mehr dort. Unseren jetzigen Dielenboden haben wir auch nicht gestrichen, sondern abgeschliffen. Dabei ist gegen das Fußbodenstreichen eigentlich auch nichts zu sagen, nur dass abgezogene Dielen in der Tat schöner aussehen. Wo genau verläuft eigentlich die Grenze zwischen Coolness und Snobismus? Und ist es nicht ein aussichtsloses Unterfangen, sich von letzterem fernhalten zu wollen? Auch sei an dieser Stelle daran erinnert, dass der eigentlich so sympathische Herr Lehmann in Sven Regeners gleichnamigem Roman auf einem nächtlichen Nachhauseweg in seine Kreuzberger Wohnung extra einen Umweg macht, nur um nicht, und seien es auch nur ein paar Schritte, durch Neukölln gehen zu müssen. Mit anderen Worten: Selbst er ist ein Snob. (Es muss sich, nebenbei gesagt, um den nördlichen, in Kreuzberg gleichsam hineinragenden Zipfel Neuköllns, den Postleitzahlbezirk 12047 am Maybachufer, gehandelt haben, der heute ironischerweise zum Inbegriff einer hippen Wohngegend geworden ist, wo die Angebotsmieten zwischen 2008 und 2012 um sage und schreibe 62,9 Prozent gestiegen sind!)
Neulich habe ich im Bus ein Gespräch zwischen zwei jungen Mädchen belauscht. Die eine sagte: „Das ist eben der Unterschied: In Hamburg kommt es immer darauf an, seinen Reichtum zu präsentieren, in Berlin hingegen geht es darum, cool zu erscheinen.“ Gefährlich wird es spätestens dann, wenn das eine nicht mehr vom anderen zu unterscheiden ist.

Blue Jasmine
USA 2013
Regie: Woody Allen
Drehbuch: Woody Allen
98 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Cate Blanchett, Alec Baldwin, Sally Hawkins, Bobby Cannavale, Andrew Dice Clay u.v.a.

www.justament.de, 2.12.2013: 17 jahr? Wieder da!

Die wunderbaren Mazzy Star mit ihrem neuen Werk “Seasons of Your Day“

Thomas Claer

cover-mazzy-starWas sind schon gut anderthalb Jahrzehnte Pause für eine Band wie Mazzy Star, deren Songs, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, für die Ewigkeit gemacht sind. Richtig aufgelöst hatten sie sich zwar nie, doch glaubte angesichts der langen Funkstille nach ihren drei großartigen Alben aus den 90ern lange Zeit niemand mehr an eine Fortsetzung ihres Schaffens. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 aus den Trümmern der kalifornischen Indie-Legende Opal, als die damals noch sehr junge Sängerin Hope Sandoval anstelle der ebenfalls durchaus bezaubernden Kendra Smith die Frau an der musikalischen Seite des Gitarristen David Roback wurde, waren Mazzy Star die amerikanische Neo-Psychedelic-Folk-Band schlechthin. Manche nannten ihre Leichtigkeit und Schwere auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindende Musik damals auch Dream Pop.
Und jetzt, nach geschlagenen 17 Jahren, sind sie also tatsächlich mit einem neuen Album in alter Bandbesetzung wieder da. Irgendwelche Presseerklärungen oder Gründe für die lange Abstinenz? Fehlanzeige. Nun ja, schon 2009 hatte Hope Sandoval in einem Interview der entzückten Fangemeinde verraten, dass eine neue Mazzy Star-Platte bereits so gut wie im Kasten sei. Aber auf die vier Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung kam es dann offenbar auch nicht mehr an. Der Faktor Zeit ist bei dieser Band ganz nebensächlich. Alles an Mazzy Star ist gewissermaßen slow motion. Berühmt geworden sind ihre frühen Interviews, in denen sie zu den Fragen der Journalisten manchmal minutenlang schwiegen, um dann doch noch einsilbig zu antworten. Aber zurück zum neuen Album: Optisch hat sich bei den beiden Haupt-Protagonisten nicht allzu viel verändert. Na gut, David Roback hat eine mächtige Geheimratsecke bekommen, aber Hope Sandoval sieht mit ihren 47 Jahren, zumindest auf den Bildern, noch immer aus wie ein junges Mädchen, ihre Stimme klingt ebenfalls vollkommen unverändert, so wie auch David Robacks Gitarrenspiel. Überhaupt ist bei Ihnen in musikalischer Hinsicht – was allerdings auch niemanden überraschen wird – nahezu alles beim Alten geblieben. Und das bedeutet: Vom ersten bis zum letzten Song sind diese zehn Lieder – jedes auf seine Weise – beinahe vollendet. (Allenfalls über die Orgel im Auftaktstück kann man geteilter Meinung sein.) Eine solch profunde Melancholie hat man selten gehört. Mazzy Star sind und bleiben in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).

Mazzy Star
Seasons of Your Day
Rhymes of An Hour (Rough Trade) 2013
ASIN: B00DYEBM3I

PS: Hier noch ein sehr schöner Live-Auftritt von 1994!

www.justament.de, 18.11.2013: Einer wie keiner

Recht cineastisch, Teil 16: Die andere Heimat von Edgar Reitz

Thomas Claer

bild-heimatAhnenforschung hat mittlerweile Hochkonjunktur in Deutschland (Justament September 2012 berichtete). Und so dachte sich wohl auch der inzwischen über 80-jährige Filmemacher Edgar Reitz, der für sein Lebenswerk, die wunderbare dreißigteilige Filmreihe “Heimat” (1982-2004), immer wieder verdientermaßen gefeiert wurde, hier ließe sich doch noch eins draufsetzen, indem man einfach mal anderthalb Jahrhunderte zurückgeht. “Die andere Heimat”, diesmal als vierstündiger Kinofilm konzipiert, spielt nun um 1840 in der Welt der Vorfahren der aus den früheren Heimat-Filmen bekannten Familie Simon im fiktiven Hunsrück-Dörfchen Schabbach. (Gedreht wurde in einem Ort namens Gehlweiler.) Edgar Reitz vermischt hier auf einprägsame Weise Erfundenes mit Biographischem aus dem Leben seiner Ahnen. Zugegeben, ein vierstündiger Kinofilm – das wirkt erst einmal abschreckend. Und man kann auch nicht behaupten, dass sich in ihm nun ständig etwas Aufregendes ereignen würde. Doch gerade diese – im besten Sinne des Wortes – Langatmigkeit des filmischen Erzählens, verbunden mit einer sehr subtilen Kameraführung und den radikal-ästhetischen Schwarzweiß-Bildern, gelegentlich und unvermittelt unterbrochen durch kurzzeitige Ausflüge ins Farbige, macht die Edgar Reitz-Filme so einzigartig. Und in der “Anderen Heimat” kommt noch die weitgehend authentisch hergerichtete historische Dorfkulisse hinzu.
Der Zuschauer erfährt, in welch bitterer Armut die Menschen im ländlichen Raum – damals die große Mehrheit der Bevölkerung – zu jener Zeit leben. Da findet es wenig Verständnis beim Schmied Johann Simon, dass sein Sohn Jakob einer so seltsamen Tätigkeit wie Bücherlesen nachgeht. Immer wieder prügelt er Jakob und wirft sein Buch auf den Misthaufen. Vielleicht wird man ja wirklich vor allem dadurch zum Individualisten, dass man es eigentlich nicht sein darf, dass einen Eltern und Umfeld mit sehr klaren Erwartungen konfrontieren, denen man aber auf gar keinen Fall entsprechen möchte. Jakob träumt vom Auswandern nach Brasilien, verschlingt förmlich die entsprechenden Reiseberichte und lernt schließlich die Sprache der Indianer vom Amazonas. “So einen wie dich gibt es im ganzen Hunsrück nicht!”, sagt ihm, halb anerkennend, halb vorwurfsvoll, seine Freundin Jettchen. Auf berührende Weise erzählt der Film die sich zunächst anbahnende, dann verhinderte und schließlich sich doch noch auf überraschende Weise wenigstens für kurze Zeit erfüllende Liebesgeschichte zwischen Jakob und Jettchen. Stark!

Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht
Deutschland / Frankreich 2013
Regie: Edgar Reitz
Drehbuch: Edgar Reitz / Gert Heidenreich
230 Minuten
Darsteller: Jan Dieter Schneider, Antonia Bill, Maximilian Scheidt, Marita Breuer, Rüdiger Kriese, Philine Lembeck, Christoph Luser u.v.a.

www.justament.de, 7.10.2012: Der Mann mit der Apfelschorle

Sven Regener mit seinem vierten Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

Thomas Claer

regener-coverLange war ja gerätselt worden, wovon der neue Roman von Sven Regener wohl handeln könnte, denn die Figur Frank Lehmann, die der Leser über drei Romane auf zusammen weit über 1000 Seiten ins Herz geschlossen hatte, war ja nach allseits kundgetaner Meinung des Autors schon irgendwie auserzählt. Nun ist es also raus: Herr Lehmanns bester Freund, der Bierzapfer-Kollege und unverstandene Schrott-Künstler Karl Schmidt, der ausgerechnet in der Nacht der Mauer-Öffnung einen durch ausgedehnte Schlaflosigkeit und massiven Drogenabusus beförderten depressiven Nervenzusammenbruch erlitten hat und von Geburtstagskind Frank Lehmann ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus gebracht worden ist, nimmt den Erzählfaden im Frühjahr 1995 nunmehr aus der Ich-Perspektive wieder auf.

Karl, inzwischen 36 Jahre alt, lebt nun im „Clean Cut 1“, einer Drogenentzugs-WG in Hamburg-Altona und wird von Werner, seinem sozialpädagogischen Betreuer, streng auf totale Abstinenz getrimmt: keine Drogen, kein Alkohol. Erlaubt sind nur Kaffee und Zigaretten. Daneben hat Karl einen Job als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und ist zudem verantwortlich für die Versorgung der Tiere des angeschlossenen Streichel-Zoos. Besonders demütigend ist für einen früheren Szene-Menschen wie Karl neben dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr morgens natürlich auch, dass seine Mutter ihm den Job besorgt hat, die „ein hohes Tier beim Hamburger Senat“ ist. Als eines Tages seine früheren Kreuzberger Kumpels Ferdi und Raimund auftauchen und Karl einen Job anbieten, wagt dieser den Absprung. Doch traut Karl Schmidt sich selbst noch nicht so ganz. Die Psycho-Pillen hat er inzwischen abgesetzt, doch erlebt er immer wieder labile Schübe, die er aber einigermaßen unter Kontrolle bringen kann. Sicherheitshalber schwört er auch weiterhin auf völlige Abstinenz und ist genau dadurch der richtige Mann für Ferdi und Raimund, mit denen Karl schon um 1980 in der Berliner Avantgarde-Band „Glitterschnitter“ zusammengespielt hat (Karl Schmidt übrigens an der Bohrmaschine). Die beiden früheren Bandkollegen betreiben nämlich inzwischen das sehr erfolgreiche Techno-Label „BumBum Records“ und suchen für ihre Tournee mit mehreren DJs einen zuverlässigen Fahrer, der garantiert keine Drogen nimmt und immer nüchtern bleibt.

Als Karl nach fünfjähriger Abwesenheit ins wiedervereinigte Berlin einfährt, erkennt er es kaum wieder. Auf der Suche nach dem BumBum-Büro in der Sophien-Straße in Mitte wundert er sich zunächst darüber, dass die S-Bahn-Station nicht mehr „Marx-Engels-Forum“, sondern „Hackescher Markt“ heißt. Label-Chef Ferdi, inzwischen 50 Jahre alt, einen Joint nach dem anderen rauchend und zur Illustration seiner Popmusik-Theorien ständig auf fragwürdige Weise „Masse und Macht“ von Elias Canetti zitierend, erklärt ihm dann, dass bei ihnen mittlerweile das Geld nur so durch die Decke regne. „Der Mauerfall … das war ja überhaupt der Hammer, plötzlich machen die da neben uns eine ganz neue Stadt auf und überall die leeren Gebäude, du glaubst ja nicht, was wir da mit Partys verdient haben, da sind wir einfach rein…“ BumBum landen einen Techno-Hit nach dem anderen, die organisatorische Arbeit wird ganz überwiegend von günstigen Praktikanten erledigt. Ferdi berichtet weiter, dass sie, wo soll man mit dem ganzen Geld denn sonst hin, gleich das ganze Haus mit dem Büro in der Sophienstraße gekauft haben und das daneben gleich auch noch. (Aus heutiger Sicht betrachtet, war das, vorsichtig gesagt, keine schlechte Idee…)

Es geht also los auf die „Magic Mystery-Tour“, für 12 Tage einmal quer durch Deutschland in einem kleinen engen Bus mit 10 Personen. Besonders erfüllend ist für Karl, der alle Schwierigkeiten überwindet und als einziger statt Bier mit Koks immer eisern seine Apfelschorle trinkt, die sich anbahnende Liebe zur mitreisenden DJane Rosa. Ihre erste persönliche Begegnung verläuft allerdings denkbar ungünstig für ihn: „Was läuft denn hier für ein schrottiges Gedudel?“, fragt Karl. Und der neben Rosa stehende Ferdi antwortet: „Das ist Rosas neuer Track.“ Doch Rosa ist so ganz anders als Karls frühere Gefährtinnen und auch als die immer aufs Neue enttäuschenden Flammen des Frankie Lehmann. Rosa findet es gar nicht so schlimm, dass er „aus der Klapsmühle“ kommt, und auch nicht, dass er so fett geworden ist (denn immerhin ist er ja noch groß und stark). Sein unsicherer beruflicher Status ist für sie ebenfalls nicht abschreckend, und sie interessiert sich nicht einmal für seine Vermögensverhältnisse. Vermutlich gibt es solche Frauen nur im Roman… Am Ende der Rave trifft Karl Schmidt auf der „Springtime“ in Essen dann sogar noch seinen früheren Kreuzberger Kneipen-Chef, den „Diskurs-Gastronomen“ Erwin Kächele („Kerle, Kerle, Kerle“), den schwäbischen Millionär mit dem Lebensstil eines Sozialhilfeempfängers. Auch Frank Lehmann soll in der Nähe sein, doch der von der anstrengenden Tour völlig übermüdete Karl verpennt das geplante Treffen mit ihm.

Aber immerhin erfährt der Leser dann am Ende des Buches doch noch, wie es mit Herrn Lehmann nach der Wende weitergegangen ist: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Chef Erwin Kächele hat er die hervorragend laufende Firma „Rave Gastro Berlin“ gegründet, die sich um die gastronomische Versorgung von Techno-Großveranstaltungen kümmert. Klar, Frank Lehmann ist, wie wir aus „Neue Vahr Süd“ wissen, gelernter Einzelhandelskaufmann. Und außerdem hatte er von seinen vielen Sonderschichten im „Einfall“, wie es in „Herr Lehmann“ hieß, „sehr viel Geld gespart“. Das wird er dann wohl als Gesellschafter in die neue Firma überführt haben. Womöglich ist damals auch die eine oder andere Mark an der Steuer vorbei geflossen, weshalb Erwin auch seinerzeit immer so panische Angst vor den „Zivilbullen“ hatte. Selbst der langweilige Informatiker Kristall-Reiner, der Frank Lehmann die schöne Köchin Katrin als Freundin ausspannte (denn Herr Lehman war in ihren Augen viel zu unambitioniert), wurde von Erwin verdächtigt, ein Spitzel zu sein. Hoffentlich hat Katrin später von Frank Lehmanns „Karriere“ erfahren und sich darob in eines ihrer hübschesten Körperteile gebissen…

Ist „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ nun also ein gutes Buch, das viele Leser verdient? Ja und nein. Sicher, der Plot ist mal wieder ganz ausgezeichnet. Und gut schreiben kann Sven Regener in seiner sehr individuellen Mischung aus Einfühlsamkeit und Schnodderigkeit, aus opulentem Satzbau und Gossenslang, wenn es drauf ankommt, auch. „Das dunkle Gefühl“ der sich immer wieder anschleichenden Depression des Karl Schmidt ist glänzend geschildert, ebenso die zarte Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (die ja schon rein namenstechnisch nach einer Fortsetzung in Ost-Berlin schreit). Die Dialoge zwischen den beiden sind vor allem deshalb so gelungen, weil sie in jenem frühen Stadium ihrer Beziehung zueinander noch vorsichtig miteinander umgehen und sich vor ihren Antworten noch Zeit zum Nachdenken nehmen – im Gegensatz zum hemmungslosen Draufloslabern der übrigen Romanfiguren. Ja, dieses Buch hat eigentlich nur einen einzigen gravierenden Fehler: Es ist mit über 500 Seiten um mindestens 150 Seiten zu lang! Zwar liegt der besondere Witz des Romans natürlich nicht zuletzt in den Redundanzen, die in den Gesprächen der Figuren fast schon permanent verhandelt werden, aber irgendwann, spätestens auf der nicht enden wollenden Rave-Tournee, kommt dann doch der Punkt, an dem man als Leser so langsam ein wenig genervt ist. Eine eingedampfte Version auf 300 bis 350 Seiten wäre ein richtig gutes Buch geworden.

Das ändert aber nichts daran, dass, so wie der große Walter Kempowski als Chronist des deutschen Bürgertums gilt, sich Sven Regener mittlerweile als redlicher Chronist des deutschen Szenelebens im ausgehenden 20. Jahrhundert etabliert hat. Wir verdanken Kempowski sieben Bände seiner bürgerlichen Chronik. Wenn Regener, 52, sein bisheriges Tempo durchhält und alle vier Jahre mit einem weiteren Band aufwartet, kann er bis zum Eintritt ins Rentenalter mit Kempowski gleichziehen. Wir warten auf eine Fortsetzung, bei der der Autor vielleicht einen Tick schneller als diesmal zum Punkt kommt.

Sven Regener
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verlag Galiani Berlin 2013
503 Seiten, EUR 22,99
ISBN: 978-3-86971-073-0

www.justament.de, 23.9.2013: Zum Tod von Otto Sander und Marcel Reich-Ranicki

Thomas Claer empfiehlt – Spezial –

Das Leben ist immer auch eine Verkettung verpasster Gelegenheiten. Aber endgültig verpasst sind sie erst dann, wenn die Person, um die es sich handelt, oder man selbst unter der Erde liegt.

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Otto Sander (Foto: Wikipedia)

Bis vor einigen Jahren saß der große Schauspieler Otto Sander bei schönem Wetter oft vor dem Bistro unter den Lexxion-Verlagsräumen in der Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf. Er wohnt hier gleich um die Ecke, erzählte man sich. Damals kam ich zeitweise täglich in den Verlag und sah ihn dort häufig sitzen, immer mit einem Glas Rotwein und brennender Zigarette. Manchmal klingelte sein Handy, und dann sprach er mit seiner unverkennbaren tiefen olympischen Stimme ein “Ja, hallo?” ins Gerät, so wie man es gerade noch bei einem seiner Auftritte in einer Fernsehkrimi-Reihe gehört zu haben glaubte. Seine Stimme hatte in den letzten beiden Jahrzehnten eine Art Solo-Karriere gemacht. Nachdem er auf ganz und gar großartige Weise einige Hörbücher eingelesen hatte, konnte er sich vor Anfragen gar nicht mehr retten,  sprach in historischen Fernsehsehsendungen ebenso wie auf Audio-Guides zu Sonderausstellungen in Berliner Museen. Allein durch die einzigartige Aura seiner Stimme verlieh er den Dingen, die er da vorlas, ein Gewicht, das sie sonst vielleicht gar nicht gehabt hätten.

Er saß dort also damals öfter, als ich in den Verlag ging, und einmal bin ich sogar mit ihm zusammen in der U-Bahn gefahren. (Die U-Bahn-Station Güntzelstraße kommt ja auch im Film “Der Himmel über Berlin” vor, in dem Otto Sander eine der Hauptrollen spielt.) Immer, wenn ich ihn sah, dachte ich mir, ich könnte ihn doch einmal darum bitten, mir meine von ihm eingelesene Montaigne-CD zu signieren. Aber dazu ist es nie gekommen. Da hätte man zumindest die CD und einen Stift immer dabei haben müssen. Einen Prominenten einfach nur blöd anquatschen will man ja auch nicht. Aber das schöne blaue, von keinem Kratzer verunstaltete Papp-CD-Cover ständig mit sich herumtragen für den Fall, dass einem Otto Sander mal wieder begegnet, das war auch keine Lösung. Denn das Cover hätte ja dabei Schaden nehmen können. Und so ist meine Montaigne-CD bis heute unsigniert geblieben – und wird es auch für alle Zeiten bleiben.

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Marcel Reich-Ranicki (Foto: Wikipedia)

Zufälligerweise hat in besagter Güntzelstraße in Berlin-Wilmersdorf aber auch ein anderer berühmter Mann seine Kindheit verbracht, der nur wenige Tage nach Otto Sander gestorben ist. Es ist ja wirklich ein sonderbares Gesetz der Serie, dass auf einen verstorbenen Prominenten kurz darauf noch mindestens ein weiterer folgt. So war es zumindest in den letzten Jahren, wenn ich da nicht einer optischen Täuschung unterliege. Nun kann man gegen Marcel Reich-Ranicki sicherlich eine Menge einwenden, ihn selbst als rachsüchtigen Machtmenschen und sein “Literarisches Quartett” als oberflächliches Spektakel ansehen. Doch weiß ich wirklich nicht, ob ich ohne seine theatralische Aufbereitung der Klassiker der Weltliteratur überhaupt jemals zu einem Roman gegriffen hätte. Es war Anfang der 90er Jahre gewissermaßen mein postpubertärer Teenagertraum, einmal selbst mit einem eigenhändig verfassten Buch in dieser scharfzüngigen Fernsehrunde besprochen zu werden. Genüsslich malte ich mir aus, wie Reich-Ranicki mit grimmigem Gesicht, lispelnd und zischend und mit dramatisch rollendem R meinen Namen skandierte, um dann erst einmal Frau Löffler, die sich ohnehin ständig irrte, und Hellmuth Karasek nach ihrer Meinung zu befragen, bevor er schließlich selbst sein unumstößliches Urteil fällte.

Ursprünglich zog ich es sogar in Erwägung, wie Thomas Mann bereits im Alter von 25 Jahren ein ganz großes Meisterwerk vorzulegen, doch je näher mein 25. Geburtstag rückte, desto bewusster wurde mir, dass es eng werden würde, denn ich hatte noch nicht einmal damit angefangen. Als ich dann schon deutlich über 25 war und noch immer kein einziges Buch zustande gebracht hatte, sorgte ein Eklat zwischen Ranicki und Frau Löffler für das Ende des “Literarischen Quartetts”, von dem ich nie auch nur eine einzige Folge versäumt hatte. Der Traum, im “Quartett” besprochen zu werden, war damit ausgeträumt. Doch es gab ja noch die ganz kleine Hoffnung, eines Tages, wenn der erste Roman abgeschlossen sein würde, diesen an den greisen Reich-Ranicki zu schicken, auf dass er sich seiner erbarme und anfange ihn zu lesen – und damit, weil es so interessant wäre, gar nicht mehr aufhören könne. Auch diese letzte verbliebene Hoffnung ist nun also geplatzt. Doch sollte ich irgendwann doch noch einen Roman verfassen, werde ich ständig daran denken, was ER wohl dazu sagen würde.

Justament Sept. 2013: Mächtig gewaltig

Vor 45 Jahren gab es den ersten Film der Olsenbande

Thomas Claer

24 RECHT HISTORISCH TC -_OLSENBANDE08Etwas Besseres kann einem eigentlich gar nicht passieren, als an einem freien Sonntagnachmittag beim Durchzappen vor dem Fernseher beim MDR oder RBB hängenzubleiben, wenn dort ein kleinen Mann im verbeulten Anzug mit altmodischem Hut und Zigarre strahlenden Auges verkündet: “Ich hab einen Plan!” Und ein anderer Mann im etwas lächerlichen karierten Jackett kommentiert das stets mit den Worten “Mächtig gewaltig, Egon!” Auch wenn man alle 14 Folgen der “Olsenbande”, so der Titel dieser aus Dänemark stammenden Gangsterkomödien-Reihe aus den 70er und 80er Jahren, nicht nur einmal und nicht nur mehrmals, sondern wohl schon unzählige Male gesehen hat, wird man es kaum über sich bringen, die Episode, in die man zufällig hineingeraten ist, nicht bis zum Ende weiterzugucken.
Immer vorausgesetzt allerdings, man hat seine Sozialisation in der DDR erlebt, denn einem Westdeutschen die Olsenbanden-Filme nahebringen zu wollen, ist ein völlig sinnloses Unterfangen. Er wird es schlichtweg nie begreifen. In den Kritiken der Zeitschrift TV-Spielfilm ist bislang noch jede Olsenbanden-Folge als unsäglich albern und banal, als billigster Klamauk abgekanzelt worden. Hingegen erblicken Filmexperten aus dem Osten in den Filmen mit dem dänischen Gauner-Trio Sternstunden der Filmgeschichte, etwa in jener berühmten Szene, als die Olsenbande sich im “Königlichen Theater” in Kopenhagen während der Overtüre von Friedrich Kuhlaus “Elverhoj” im Takt der Musik mit Hilfe von Brecheisen und Sprengsätzen unbemerkt bis in den Zuschauerraum vorarbeitet, wo sie eine kostbare Vase und einen Geldkoffer entwenden kann (“Die Olsenbande sieht rot”, 1976). Es ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten schon ausgiebig diskutiert worden, sogar in Universitätsseminaren der Filmwissenschaften, woran diese so unterschiedliche Rezeption der Olsenbanden-Filme in Ost- und West wohl liegen könnte. Erkannten die Ostdeutschen in Egon Olsens immer wieder vergeblichen Bemühungen um den ganz großen Coup wirklich ihre zum Scheitern verurteilte Planwirtschaft wieder? Lag es an der sehr gelungenen, ganz eigene Akzente setzenden DEFA-Synchronisation mit zahlreichen Insider-Jokes? Manche Diskutanten konstatierten am Ende eine tiefgreifende mentale Andersartigkeit von Ost- und Westdeutschen und ihres jeweiligen Humors und resümierten, die DDR hätte sich statt mit der BRD doch lieber mit Dänemark vereinigen sollen.
Mit heutigen Augen betrachtet taucht man in diesen Filmen allerdings in eine in vieler Hinsicht längst vergangene Zeit ein, bei deren Betrachtung sogar die alten Ost- und West-Unterschiede ein wenig verblassen. Was da überall an alltäglicher Gemächlichkeit und Gemütlichkeit vorexerziert wird, man denke nur an die ausgiebig Kaffee trinkenden verbiesterten Bahnbeamten in “Die Olsenbande stellt die Weichen” (1975), das hat es damals wohl ganz ähnlich im Westen wie im Osten, in beiden Deutschlands wie in Dänemark gegeben. Heute ist all das in unserer von Controllern gnadenlos auf schlanke Strukturen, Kostenersparnis und Effektivität getrimmten Welt  nahezu vollkommen verschwunden.
Es war jene (auch im östlichen Realsozialismus) zutiefst sozialdemokratische Ära kurz vor dem von Maggy Thatcher und Ronald Reagan angeschobenen Neoliberalismus, in der man noch grundsätzlich fünfe gerade sein ließ und nichts so heiß gegessen wurde, wie es gekocht worden war. Ja, gerade diese so weit verbreitete Nachlässigkeit und Gutmütigkeit all der Wachmänner und Beamten, der Müllkutscher und sogar der Geldleute war es, die Schlitzohr Egon Olsen und seinen beiden loyalen Mitstreitern Benny und Kjeld ein ums andere Mal die Chance eröffnete, mit sehr einfachen Mitteln immense kleinkriminelle Husarenstücke zu vollbringen und dabei sogar den ganz großen Wirtschaftsverbrechern in die Quere zu kommen.
In einer der letzten Folgen deutet sich allerdings der drohende Epochenwechsel an: Ein Computerexperte namens Georg hat ebenfalls einen – allerdings auf modernste Technik setzenden – Plan, lässt Benny und Kjeld für sich arbeiten und Bandenchef Egon vorübergehend ganz schön alt aussehen. Doch Egon kann mit einem raffinierten Akt der Sabotage (ein in der Öffnung eines Computers versenkter Nagel legt die gesamte IT-Anlage lahm) noch einmal den Status Quo und die Gefolgschaft seiner beiden Kumpane zurückerobern.
Heute lässt sich bei Wikipedia der Plot jeder einzelnen Folge nachlesen. Vor allem die immer wieder auftretenden haarsträubenden Korruptionsfälle in Politik und Großkapital, die Lenkung der Polizei per Telefon durch den zuständigen Minister persönlich, die unbedingt verhindern soll, dass bestimmte brisante Fälle jemals aufgeklärt werden, zeigen, welche überaus kapitalismuskritische Gesellschaftssatire diesen Klamauk-Krimis dann doch zugrundelag.
Aus juristischer Sicht ist noch anzumerken, dass die Olsenbande in ihren 14 Filmen zwar Diebstähle und Unterschlagungen, Sachbeschädigungen und kleinere Betrügereien in großer Zahl beging, auch – allerdings eher zufällig und ohne selbst das Ausmaß zu überblicken – einige kapitale Wirtschaftsdelikte, doch niemals Tötungen oder auch nur Körperverletzungen, letztere allenfalls fahrlässig oder in mittelbarer Täterschaft. Der allererste Olsenbanden-Film, in dem allerdings einige später stilbildende Details noch nicht ganz ausgereift waren, erblickte vor 45 Jahren das Licht der Welt.

Justament Sept. 2013: Immer wieder Goethe

SZ-Feuilletonist Gustav Seibt mit gesammelten Aufsätzen und Reden

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Cover Gustav SeibtAls Zeitungleser hat man natürlich immer so seine Lieblinge, deren Artikel man schon allein deshalb ohne Ausnahme liest, weil sie von jenen geschrieben wurden. Neben dem Schreibstil ist es dann meist auch das Themenspektrum der Texte, von dem man sich auf besondere Weise angesprochen fühlt. Und so verhält es sich auch beim Justament-Rezensenten mit Gustav Seibt, geboren 1959 in München und nun schon seit zwölf Jahren die Stimme des SZ-Feuilletons aus Berlin-Prenzlauer Berg. Seine aktuelle Aufsatzsammlung enthält insgesamt zehn Texte, die in den letzten Jahren bereits in diversen Blättern erschienen sind, wovon man als Leser allein der Süddeutschen Zeitung aber nicht immer Wind bekommen hat. Anders als es der Name dieses auch optisch und haptisch sehr feinen Bändchens suggeriert, geht es in ihnen keineswegs nur oder auch nur in erster Linie um Goethe (das ist gerade einmal bei drei dieser Texte der Fall), doch behandeln die übrigen – großzügig betrachtet – Goethes Zeitalter und so bedeutende Personen aus diesem wie Jacob Burckhardt, Friedrich von Gentz und Theodor Fontane. Oder es geht um die Bedeutung Preußens und Mitteldeutschlands, um die Figur des Außenseiters in der Literatur oder um eine Philosophie des Lachens. So schwebt am Ende über allen Abhandlungen doch zumindest der Geist Goethes. Herausgekommen ist ein sehr gelehrtes Büchlein, das mitunter auch schon mal tiefer ins Detail geht, als man es bei dieser kleinen Form erwartet hätte.
Besonders hervorzuheben ist “Sein Kaiser”, der das anfangs von Skepsis, später von Bewunderung und noch später von Ambivalenz gekennzeichnete Verhältnis Goethes zu Napoleon thematisiert. Dieser Text ergänzt eine frühere Veröffentlichung des Verfassers über das einzige Aufeinandertreffen des deutschen Dichterfürsten mit dem französischen Kaiser, die berühmte Unterredung am Vormittag des 2. Oktober 1808, die eine knappe Stunde dauerte. Goethe zeigte sich anschließend sehr geschmeichelt davon, dass Napoleon offensichtlich so gut mit ihm konnte: “Ich will gerne gestehen”, schrieb er an seinen Verleger Cotta, “daß mir in meinem Leben nichts Höheres oder Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich doch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen, mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ, und nicht undeutlich ausdrückte, daß ihm mein Wesen gemäß sei.” Doch sind später doch noch “Details der Unterredung” bekannt geworden, vor allem dieses, dass Napoleon gegenüber Goethe gewisse erzähltechnische Inkonsequenzen im “Werther” getadelt habe. Lange spekulierte die Literaturwissenschaft darüber, was Napoleon damit wohl gemeint haben könnte. Heute nimmt man an, dass Napoleon die Verzweiflung des Rechtspraktikanten Werther nicht so ganz nachvollziehen konnte, denn dieser hätte  doch schließlich mit Lotte unbeschadet ihrer Heirat mit Albert einfach etwas anfangen können. So kann aber natürlich nur ein Franzose respektive Korse denken… Es wird berichtet, auf dem schmählichen Rückzug mit seiner Grande Armée aus Russland vor 200 Jahren habe Napoleon beim Radwechsel in Erfurt Goethe seine Grüße ausrichten lassen.
Im Nachwort schreibt Gustav Seibt in Anspielung auf das berühmte Nietzsche-Zitat: “Ob Goethe ein Zwischenfall ohne Folgen bleibt, das hat jeder seiner Leser selbst in der Hand.” Und wir möchten hinzufügen, dass es auch jeder Leser selbst in der Hand hat, sich mit den gelungenen Aufsätzen und Reden von Gustav Seibt tief hinein in die Goethe-Zeit zu begeben.

Gustav Seibt
Goethes Autorität. Aufsätze und Reden
Zu Klampen Verlag Springe 2013
175 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-86674-223-9