www.justament.de, 1.6.2015: Leser, du bist ein Loser!
„Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million“ von Beate Sander in 3. Auflage
Thomas Claer
Beate Sander ist so etwas wie die „große alte Dame“ der Börsenliteratur. Eine ganze Reihe von Büchern über das Geldanlegen hat die gelernte Realschullehrerin, die seit vielen Jahren auch Volkshochschulkurse zur Thematik anbietet, schon herausgebracht, darunter den Megabestseller „Der Börsenführerschein“, der sich mehr als 50.000-fach verkauft hat. Bei den hier zu besprechenden „Neuen Aktienstrategien für Privatanleger“ handelt es sich um ein sogenanntes Arbeits- und Vertiefungsbuch, das laut der Verfasserin vornehmlich als Ergänzung zum „Börsenführerschein“ gedacht ist, wobei allerdings nicht ganz klar wird, was denn im „Börsenführerschein“ noch großartig anderes stehen soll als in diesem Buch, das doch nun wirklich das ganze Spektrum des für Privatanleger relevanten Wissens rund um die Anlageform Aktie mehr als abdeckt. (Nein, ich habe kein weiteres Buch der Autorin außer diesem gelesen und habe es auch nicht vor, sodass ich mich im Folgenden nur auf dieses vorliegende Buch beziehen kann.)
Zunächst einmal muss man Beate Sander durchaus Respekt zollen: Sie hat sich als Autodidaktin mit viel Fleiß über viele Jahre in das Thema Geldanlage eingearbeitet, konnte ihre eingesetzten Mittel offenbar langfristig gut vermehren und gibt ihren Lesern ganz überwiegend sehr vernünftige Hinweise (denen ich zu etwa 90 Prozent zustimmen würde). Es gibt keine unfehlbare, immer gleichermaßen gut funktionierende Strategie an der Börse; es braucht Lernbereitschaft, Disziplin, Mut und kontrolliertes Handeln; man darf um Himmels willen niemals alles auf eine Karte setzen, sondern muss immer breit streuen, sowohl bei der Anzahl der Einzelwerte als auch bei den Kaufzeitpunkten; wer noch steuerfreie Altbestände von vor 2009 besitzt, sollte diese hüten wie seinen Augapfel; lieber selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen, als immer die Schuld bei anderen suchen; vor allem direkt nach einem Crash sollte man beherzt zugreifen; Aktienkäufe auf Pump müssen Tabu sein. Es ist ja alles richtig und gut und schön.
Auch der etwas reißerische Untertitel „Auf dem Weg zur ersten Million“ ist nicht das Problem. Denn anders als wohl die meisten glauben, ist ein solcher Betrag an der Börse auf lange Sicht auch für Normalverdiener und mitunter sogar für Geringverdiener keineswegs unerreichbar, sofern sie nur jahrzehntelang klug investieren und – das sagt Beate Sander in ihrem Buch allerdings nicht so ausdrücklich – wenig konsumieren (sonst steht nicht genug Geld zur Verfügung, das eingesetzt werden kann) und außerdem – auch das ist ganz entscheidend – früh mit dem Sparen und Investieren anfangen, denn nur dann kommt man in den vollen Genuss des achten Weltwunders, des Zinseszinseffektes.
In einigen wenigen Punkten bin ich anderer Meinung als Frau Sander. So halte ich ihre anfängliche Einteilung in unterschiedliche Anlegertypen für wenig glücklich, wonach Menschen, die bei Kursverlusten schlecht schlafen und sich zu sehr darüber aufregen, sich lieber von der Börse fernhalten sollten. Man versteht ja den Beweggrund der Autorin, dass sie nicht schuld sein will an menschlichen Dramen infolge verzockter Vermögen. Doch bliebe dann wirklich ein sehr großer Anteil der Bevölkerung dauerhaft von der Börse ausgeschlossen. Dabei lässt sich der Umgang mit Kursverlusten doch erlernen, nicht zuletzt durch die Einsicht in die grundlegenden Zusammenhänge. So wird ein erfahrener Investor bei Rückschlägen vielleicht sogar Freude darüber empfinden, dass er noch etwas billiger an seine geliebten Aktien kommen kann, und entsprechend nachkaufen, denn die nächste Hausse kommt bestimmt.
Weiterhin empfiehlt die Autorin generell eine „konsequente Verlustbegrenzung“, bei einem Minus von 25 Prozent sollte man die Reißleine ziehen (oder seine Stopp-Loss-Aufträge entsprechend platzieren), da es dann ja meistens auch noch weiter runter zu gehen drohe. Das mag bei ohnehin schon völlig überteuerten oder bei spekulativen Werten angebracht sein, deren Geschäftsmodell man selbst nicht ganz durchschaut und die man nur auf Verdacht gekauft hat. Wer aber wahre Value-Titel im Depot hat, der wird sie doch nicht verkaufen, wenn sie fallen, sondern der wird sie zu Schnäppchen-Preisen nachkaufen und so seinen Einstandskurs massiv verbilligen und seine Dividendenrendite steigern, meine ich. Und hierfür empfiehlt es sich, immer ein gewisses Cash-Polster zu haben. Frau Sander macht es anders. Sie ist meistens nahezu voll investiert (man könne es sich einfach nicht leisten, das Geld einfach nur so liegenzulassen) und verkauft in solchen Schwächephasen, um Liquidität für günstige Nachkäufe zu gewinnen, teilweise (aber niemals vollständig) ihre bisher am besten gelaufenen Werte. Das kann man natürlich so machen. Nur sehe ich hier das Problem, dass in Korrekturphasen in der Regel auch die bisherigen Gewinneraktien stark leiden und man sie dann auch deutlich unter ihren Höchstkursen (teilweise) verkaufen müsste. Sollten aber diese Werte eine große relative Stärke zeigen und deutlich weniger als der Gesamtmarkt verlieren, dann wäre das aus meiner Sicht erst recht ein Grund, sich nicht von ihnen zu trennen. Allerdings spricht für Frau Sanders Methode, dass man so eine zu starke Schlagseite im Depot zugunsten einzelner Werte vermeidet, deren Anteil am Gesamtbestand infolge ihrer womöglich exorbitanten Kurssteigerungen zu groß zu werden droht.
Außerdem wendet sich die Autorin immer wieder eindringlich gegen die bekannte Faustformel, wonach der Aktienanteil eines Anlegers bei 100 minus Lebensalter in Prozent liegen sollte. Diese Formel sei lebensfremd, da junge Menschen meistens zu wenig Geld für Aktieninvestments hätten, da sie ja z.B. eine Familie gründen und eine Immobilie erwerben müssten. Da ist natürlich etwas dran, und doch ist es allzu kleinbürgerlich gedacht. Wer sich, sagen wir, bis Mitte 30 beim Wohnen stark einschränkt (ein Wohnheim- oder WG-Zimmer oder eine spartanische Unterkunft im Problembezirk tut es doch auch), der hat, wenn es gut läuft, bis dahin schon so viel an der Börse verdient, dass es annähernd für die erste Eigentumswohnung reicht (wer Glück hat, kriegt dafür dann sogar noch einen Zuschuss von seinen Eltern). Und mit der künftig eingesparten Wohnungsmiete lässt sich das vorübergehend geplünderte Depot schon bald wieder so gut füllen, dass die langfristige Geldvermehrung in eine neue Phase eintreten kann. Fraglich ist aber natürlich, ob die eigene Finanzplanung auch gerade mit dem Auf und Ab an der Börse harmoniert. Ein gutes Timing ist hier sicherlich sehr anspruchsvoll und weitgehend auch Glückssache. Die Immobilienpreise spielen hierbei selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle. Wer sich für seine Traumwohnung oder sein Traumhaus lebenslänglich verschulden muss, der ist für die Börse natürlich dauerhaft verloren (und hat außerdem bei seiner Geldanlage, was bekanntlich selten gut ist, alles auf eine Karte gesetzt). Über solche strategischen Fragen lässt sich trefflich streiten, und Beate Sanders Buch gibt hierzu eine Menge Anregungen.
Und doch gibt es so einiges, was mich mächtig stört an diesem Buch. Zunächst ist hier die schier unglaubliche Menge an (oftmals auch wortwörtlichen) Wiederholungen. Das hat gewiss auch seinen pädagogischen Effekt beim Leser, aber es sorgt vor allem dafür, dass das Buch unnötig und unangemessen in die Länge gezogen wird. Man fragt sich auch, ob fast neben jeder Seite ein großer Kasten stehen muss, der die Inhalte des laufenden Textes noch einmal stichpunktartig festhält. Warum nicht einfach die entscheidenden Signalwörter im Fließtext fett drucken? Alles in allem wäre also mindestens ein Drittel des Umfangs verzichtbar gewesen.
Auch der Aufbau des Werkes mit seinen zahlreichen Unterkapiteln ist nicht sehr überzeugend, zumal sich auch hier so einiges wiederholt. Eher an die Adresse des Lektorats geht der Einwand, dass es so manchen verunglückten Satzbau, fehlerhafte Angaben und auch verunglückte Formulierungen gibt. So behauptet die Autorin gleich zweimal, dass in Deutschland das „Durchschnittsalter“ bei etwa 80 Jahren“ liege (gemeint ist die durchschnittliche Lebenserwartung). Ebenfalls zweimal heißt es, dass es den DAX seit 1889 (statt 1989) gebe. An mehreren Stellen spricht die Verfasserin von dem „schon attraktiven“ Kursniveau einer Aktie, meint damit aber offensichtlich nicht, dass sie günstig wäre, sondern vielmehr, dass sie bereits ambitioniert bewertet ist.
Unter den stets in separaten Kästen abgedruckten Zitaten von Börsen-Autoritäten hat der Autorin das folgende vermutlich so gut gefallen, dass sie es gleich zweimal (S.28 und S.144) anführt: „Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für sein Geld zu arbeiten.“ (Heinz Brestel) Aber geschenkt, das Zitat ist in der Tat großartig!
Was den Rezensenten aber wirklich verstimmt, ist der Umstand, dass Frau Sander, die eingangs noch die Regel aufgestellt hat, dass man nie mit seinen Erfolgen prahlen dürfe und an der Börse stets demütig bleiben solle, über viele, viele Seiten „nachprüfbare Original-Auszüge“ aus ihren Depots abdruckt (sie hält offensichtlich mehr als hundert Einzelwerte), aus denen hervorgeht, welche gewinnbringenden Transaktionen sie durchgeführt und welche immensen Buchgewinne sie durch ihr konsequentes Einsteigen nach dem Crash 2008/2009 erzielt hat. Angeblich tut sie das „zur Ermutigung“ ihrer Leser. Es entsteht aber ein etwas anderer Eindruck, nämlich der, dass sich die Autorin vor ihren Lesern produzieren will. Immer wieder stellt sie ihnen rhetorische Fragen wie: „Hand aufs Herz: Haben Sie diese riesige und einmalige Chance 2008/2009 genutzt? Haben Sie damals beherzt zugegriffen, als die Kurse am Boden lagen?“ Frau Sander hat es getan und wiederholt es unablässig, dass sie es getan hat. Ihren Lesern, den Privatanlegern, traut sie das offensichtlich nicht zu, denn immer wieder behauptet sie, dass die große Mehrheit der Privatanleger dauerhaft zu den Verlierern an der Börse zähle. Es gibt darüber schon aus Datenschutzgründen keine wirklich zuverlässigen Informationen, aber ich habe in den letzten Jahren häufiger von Untersuchungen gelesen, wonach in privaten Depots in Deutschland bei Höchstständen mehr Aktien verkauft und bei Tiefstständen mehr gekauft werden. Das Klischee vom ahnungslosen und vertrottelten Kleinanleger hat vielleicht zu Zeiten des Telekom-Aktien-Wahns und des Neuen Marktes gestimmt, ist aber inzwischen ganz sicher überholt. Mein Eindruck ist eher, dass es sich bei den heute noch verbliebenen Kleinaktionären um eine qualifizierte Minderheit handelt, die sehr genau weiß, was sie tut. (Auch wenn vielleicht eher die weniger erfolgreichen unter ihnen den Weg in die Börsenseminare von Frau Sander finden.)
Besonders ärgerlich ist aber Frau Sanders Einteilung der Anleger in „Gewinner“ und „Verlierer“, die sie bereits im Vorwort vornimmt. Für mich zumindest klingt es so, dass sie dies nicht nur rein technisch meint, sondern unterschwellig auch mit einem Werturteil verbindet, was dann schon ein etwas unschöner neoliberaler Machismo in seiner weiblichen Variante wäre. Okay, Beate, du hast den Längsten!
Beate Sander
Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million
Finanzbuchverlag München, 3. Auflage 2015
350 Seiten, Hardcover, 24,99 €
ISBN 978-3-89879-7
Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.
www.justament.de, 18.5.2015: Dirk mag sich einfach nicht mehr so
Tocotronic mit ihrem elften, dem „roten Album”
Thomas Claer
Rein optisch ist das neue Tocotronic-Album in seinem knallroten Cover ja eine durchaus runde Sache geworden, und auch die Marketing-Abteilung hat ganze Arbeit geleistet, wie das Erscheinungsdatum 1. Mai samt abendlichem Konzert im Kreuzberger SO36 beweist. Doch geht es inhaltlich auf der elften Platte der Tocos in über 20 Jahren Bandgeschichte mitnichten um den politischen Kampf oder gar die Arbeiterbewegung. (Man hätte es den Männern um Bandleader Dirk v. Lowtzow, seines Zeichens der Spross eines alten deutschen Landadelsgeschlechts mit Stammsitz in Mecklenburg, trotz mancher Flirts mit dem Salonbolschewismus in der Vergangenheit auch nicht so recht abgenommen.) Nein, das Thema des „roten Albums“ soll nicht weniger sein als: „die Liebe“.
Um gleich mit dem Positiven zu beginnen: Die Texte enthalten hin und wieder einige recht gelungene Passagen wie „Unter deiner Decke fasst mich das Chaos an“ oder auch „Ein Geheimnis vertraue ich dir noch an: Ich bin leicht zu haben / Nimm dir, was du kriegen kannst!“. Doch leider lässt die musikalische Umsetzung mal wieder sehr zu wünschen übrig. Man kann es ja verstehen, dass sich die Band nach all den Jahren nicht mehr ständig wiederholen, sondern ab und zu auch etwas Neues ausprobieren will. Aber musste sie wirklich solche Unmengen Weichspüler in ihre Songs schütten, dass man glauben muss, man hätte sich auf ein Schlagerfestival verirrt? Mit traumwandlerischer Sicherheit wurde auch diesmal wieder ausgerechnet einer der schwächsten Titel des Albums zur Single gemacht: „Die Erwachsenen“. Nicht der aus der Feder eines 44-Jährigen reichlich alberne, wenn auch in der Sache nicht ganz unzutreffende Text („Man kann den Erwachsenen nicht trauen“) ist hier das Problem, sondern die unerträglich kitschige Musik, wie ironisch sie auch immer gemeint sein mag. Es ist wirklich nur zum Weglaufen. Eine besonders schlimme Vorstellung ist es, dass sich davon womöglich junge Leute angesprochen fühlen könnten, die ja inzwischen bekanntlich eher wieder die seichten Klänge lieben, während sie z.B. krachenden Punkrock als die altmodische Musik ihrer Großeltern verspotten.
Allenfalls dem Auftaktsong, dem elektronisch instrumentierten, wenn auch textlich etwas rätselhaften „Prolog“, lässt sich noch etwas abgewinnen. Einen überraschenden Lichtblick gibt es dann aber immerhin ganz am Ende der CD – oder besser gesagt: nach ihrem regulären Ende: den „hidden Track“ „Ich hab ein Date mit Dirk“. Der ist zwar nicht weniger weichlich und verrätselt als die meisten anderen Stücke dieses Tonträgers, doch sorgen hier zielsichere Selbstironie und -kritik endlich einmal für einen überzeugenden Kontrapunkt. Der volle Text lautet: „Ich hab ein Date mit Dirk am ersten Frühlingstag/ Ich will wissen, ob er mich noch mag“. Die naheliegendste Interpretation dieser Zeile ist selbstverständlich die, dass das lyrische Ich hier gedanklich seinem früheren jugendlichen „Alter Ego“ begegnet (angeregt von Proust, das ist ja klar) und sich die bange Frage stellt, ob es von diesem wohl noch gemocht wird. Im Song bleibt es offen, aber wir kennen die Antwort schon: Nein, Dirk, dein früheres Ich würde dir angesichts dieser Platte vermutlich ein „Ich mag dich einfach nicht mehr so“ entgegennölen. Das Urteil lautet: 7 Punkte (befriedrigend).
Tocotronic
Tocotronic („Das rote Album“)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2015
ASIN: B00U9XT7MK
PS: Ohne jede Einschränkung empfehlen wir jedoch weiterhin das grandiose Frühwerk der Band aus den Neunzigern, also die Scheiben „Digital ist besser“, „Nach der verlorenen Zeit“, „Wir kommen um uns zu beschweren“, „Es ist egal, aber“ und „K.O.O.K.“, sowie ihre stärkste Platte aus den Nullerjahren „Kapitulation“.
justament.de, 4.5.2015: Jedes Wesen folgt seiner Lust
Fifty Shades of Grey? Nein, nur der vierte Band von Marcel Prousts “Recherche”: “Sodom und Gomorra”
Thomas Claer
Die ersten drei Bände seines großen Romanzyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ hatte Marcel Proust (1871-1922) noch zu Lebzeiten herausbringen können, die restlichen vier hingegen wurden erst posthum veröffentlicht. Nach der Lektüre von „Sodom und Gomorra“, dem ersten „nachgelassenen“ und insgesamt vierten Band, ist der Justament-Rezensent nunmehr immerhin schon in Hälfte zwei dieses beispiellosen literarischen Monumentalwerks angekommen. Zwar sollte man sich besser nie zu weit aus dem Fenster lehnen, aber so viel Optimismus muss doch erlaubt sein: Wenn alles gut geht, werde ich die „Recherche“ zu Ende gelesen haben, noch bevor ich im Jahr 2022 das Sterbealter des “göttlichen Proust“ (Willi Winkler) erreicht habe, der genau hundert Jahre vor mir geboren wurde. Und wer weiß, vielleicht geht es sogar noch etwas schneller…
„Sodom und Gomorra“ also. Gemeint ist mit diesem biblischen Titel die schillernde Welt der Homosexualität, wobei der erste Begriff für deren männliche und der zweite für deren weibliche Variante steht. Ich muss zugeben, zu Beginn des Buches gewisse Befürchtungen gehegt zu haben, es könnte sich um einen expliziten Schwulen-Roman handeln, der einem als „gewöhnlichem“ Hetero-Mann vielleicht nicht viel zu sagen hat. Doch so, wie das Thema hier verhandelt wird, ist gewissermaßen unabhängig von allen diesbezüglichen Präferenzen für jeden etwas dabei. (Für jeden, muss man einschränkend sagen, der bereits bis zu diesem Punkt des Gesamtwerkes vorgedrungen ist.) Die Handlung setzt unmittelbar dort ein, wo „Die Welt der Guermantes“ geendet hatte. Marcel ist noch immer bei der „High Society“ eingeladen, d.h. bei der Prinzessin von Guermantes, und beobachtet zwischenzeitlich sehr genau eine in einem Treppenhaus stehende prächtige Orchidee. Weit hat diese ihre Blütenblätter geöffnet, in der Hoffnung, so interpretiert es zumindest Marcel, von einem Insekt bestäubt zu werden. Aber wie unwahrscheinlich ist es, dass in dieses enge Treppenhaus ein entsprechendes Insekt kommt? Marcel ist fast schon geneigt, die wunderbare Orchidee zu bedauern, da sieht er schließlich doch noch, wie eine Hummel sich der Blume nähert. Und aus dem Fenster des Treppenhauses beobachtet er, wie der ebenfalls bei der Prinzessin von Guermantes eingeladene Baron de Charlus, ein Bruder des Herzogs von Guermantes, auf den ihm bislang unbekannten Schneider Juppé trifft.
Charlus und die Schwulen
Monsieur de Charlus, der in den ersten Bänden nur kurz als Freund von Swann aufgetreten war, ist eine der Schlüsselgestalten dieses Buches. Er wird beschrieben als „ein seltsamer, geistreicher, geschminkter Mann von fünfzig Jahren, mit dem man von Chateaubriand und Balzac sprechen kann“. An anderer Stelle heißt es, er sei „ein dicker Mann mit grauem Haar, schwarzem Schnurrbart und rot pomadisierten Lippen“.
Charlus hat „drei Päpste in seiner Familie“ „und das Recht auf rotes Wappentuch von einem Titel her, der dem eines Kardinals entspricht“. Sein Standesdünkel geht noch über den seines Bruders, des Herzogs von Guermantes, hinaus: „Ich weiß, es steht einem nicht wohl an, von den Tugenden seiner Vorfahren zu sprechen. Aber es ist bekannt, dass die unseren immer in der Stunde der Gefahr vornan gewesen sind. … Daher ist es alles in allem ganz legitim, wenn das Recht, überall die ersten zu sein, das wir so viele Jahrhunderte lang im Krieg für uns in Anspruch genommen haben, uns später bei Hofe zuteil geworden ist.“ Später einmal lässt er im Salon von Madame Verdurin alle anderen Gäste spüren, wie glücklich sie sich nach seiner Meinung schätzen können, einen solchen Aristokraten wie ihn in ihrer Runde zu haben: „Es gibt eine gewisse Zahl von hervorragenden Familien, in erster Linie die Guermantes, die vierzehnmal mit dem Hause Frankreich alliiert sind, was schmeichelhaft vor allem für das Haus Frankreich ist, denn an Aldonce de Guermantes und nicht an Ludwig den Dicken, seinen leiblichen, aber nachgeborenen Bruder, hätte der Thron von Frankreich fallen müssen… Weit unter den Guermantes stehend sind immerhin zu erwähnen die La Trémoille, Nachkommen des Königs von Neapel und der Grafen von Poitiers, die Uzès, weniger alt als Familie, aber die ältesten Pairs, die Luynes, die ganz neu sind, aber den Glanz großer Verbindungen haben, die Choiseul, die Harcourt, die La Rochefoucauld. Nehmen sie dazu noch die Noailles trotz des Grafen von Toulouse, die Montesquiou, die Castellane, und wenn ich niemand vergessen habe, so ist damit Schluss. Was all diese kleinen Herren anbetrifft, die sich Marquis, die sich Cambremerde oder Papperlapapp nennen, so besteht kein Unterschied zwischen ihnen und dem letzten kleinen Rekruten Ihres Regiments.“
Doch hat dieser hochmütige Baron de Charlus einen wunden Punkt, seine sexuelle Ausrichtung, denn damals, im Fin de Siècle, sind die Invertierten, wie Proust sie nennt, noch „ein ausgestoßener Teil der menschlichen Gemeinschaft, doch ein bedeutender Teil“. „Es ist ein Geschlecht, auf dem ein Fluch liegt, ein Geschlecht, das in Lüge und Meineid leben muss, da es weiß, dass für sträflich und schmachvoll, für ganz uneingestehbar gilt, was sein höchstes Verlangen ist.“ Und sehr ausführlich beschreibt der Verfasser die Sorgen und Nöte der Homosexuellen jener Zeit, dieses „Freimaurertums der Neigung“: „Sicher bilden sie in allen Ländern eine … kultivierte, musikalische Kolonie, die bezaubernde Vorzüge und unerträgliche Fehler besitzt.“ Und später heißt es: „Es ist seit langem eine gewisse Anzahl engelhafter Frauen durch einen Irrtum der Natur dem männlichen Geschlecht zugeordnet, wo sie nun, gleichsam im Exil, vergebens den Männern zustreben, denen sie physischen Widerwillen einflößen.“ Laut Proust ist es nämlich tragischerweise so, dass Schwule allenfalls notgedrungen an anderen Schwulen Gefallen finden. „Ein Invertierter trachtet wesensmäßig nach der Liebe eines Mannes von der anderen Rasse, das heißt eines Mannes, der Frauen liebt (und infolgedessen ihn nicht lieben kann).“ Das wird der Homosexuelle Proust wohl selbst so erfahren haben. Und als Angehöriger gleich zweier angefeindeter Minderheiten lässt er seinen Erzähler später sagen: „Wie die Juden meiden sie einander und suchen statt dessen jene, die ihnen am meisten entgegengesetzt sind, doch nichts von ihnen wissen wollen, deren raue Ablehnung sie aber zu verzeihen bereit sind und an deren Entgegenkommen sie sich förmlich berauschen.“
Nicht ganz unwichtig ist nun aber der Umstand, dass der Baron de Charlus geradezu unvorstellbar reich ist, was ihm ermöglicht, seine Vorliebe für reizende junge Männer auf dem Wege der großzügigen finanziellen Belohnung vergleichsweise Minderbemittelter für deren entsprechende Gefälligkeiten auszuleben. Zur Vornahme solcher Anbahnungen steigt der Baron oftmals tagsüber in die Pariser Straßenbahn, wobei sein Hauptaugenmerk den jungen Schaffnern (natürlich in Uniform!) gilt. Doch die Erfolgsquote ist trotz der gleichsam unbegrenzten ihm zur Verfügung stehenden wirtschaftlichen Mittel bescheiden, so dass er sich häufig bereits mit dem zufrieden gibt, was er eine „Vereinigung durch Worte“ nennt. Das heißt, die jungen Männer werden allein für ihre angeregte Unterhaltung mit dem Baron fürstlich entlohnt.
Auf einer anderen Ebene spielt sich hingegen im Hinterhof des Anwesens der Prinzessin von Guermantes etwas ab, was Marcel zum ersten Mal in seinem Leben beobachtet. Zwei gleichgesinnte Männer, Monsieur de Charlus und der Schneider Juppé, erkennen einander nahezu auf den ersten Blick, „so wie die Orchidee der Hummel entgegenkommt“. Unter einem Vorwand ziehen sie sich in eine leere Baracke zurück und werden vom neugierigen Marcel, der ihnen gefolgt ist, heimlich bei ihrem Treiben beobachtet, „denn jedes Wesen folgt seinem Drang zur Lust“.
Im Salon der Prinzessin von Guermantes
Im Anschluss an dieses aufwühlende Erlebnis begibt sich Marcel wieder in die illustre Abendgesellschaft, und für den Leser beginnt eine harte Geduldsprobe, denn das ganz überwiegend leere Geschwätz dieser Aristokraten, das sich abermals über mehr als hundert Seiten am Stück hinzieht, ist nicht immer leicht zu ertragen. „Die Einfallslosigkeit spielt in der großen Gesellschaft eine noch größere Rolle als die Eitelkeit.“ Allerdings kommt Marcel bei aller Faszination, die für ihn nach wie vor von der Upper Class ausgeht, dieser doch allmählich auf die Schliche: „Ich begann, die genaue Nuance der gesprochenen, der stummen Sprache aristokratischer Liebenswürdigkeit zu erkennen, einer Liebenswürdigkeit, die sich darin gefiel, Balsam auf das Inferioritätsbewusstsein derer zu gießen, an die sie sich wendete, aber doch nicht so weit ging, es vollkommen zu zerstreuen, denn in diesem Fall hätte sie keine Daseinsberechtigung mehr gehabt.“
Erfreulicherweise hat dann doch noch einmal der bereits todkranke Swann einen Auftritt – und was für einen! Zunächst äußert sich noch in seiner Abwesenheit der Herzog von Guermantes über ihn: „Aber was Swann anbetrifft, kann ich ihnen ganz offen sagen, dass sein Verhalten mit Rücksicht auf uns unqualifizierbar ist. In der Gesellschaft von uns beiden, sogar vom Herzog von Chartres protegiert, soll er, wie ich jetzt höre, sich in aller Offenheit zu diesem Dreyfus bekennen. Niemals hätte ich das von einem Manne gedacht, der solch ein Kenner, ein positiver Geist, ein Sammler, ein Liebhaber alter Bücher, dazu Mitglied des ‚Jockey‘ ist, einem Mann, von allgemeiner Achtung getragen, im Besitz hervorragender Adressen, der uns den besten Portwein geschickt hat, den man trinken kann, einem Freund der Künste, einem Familienvater! Ah! Ich muss sagen, ich fühle mich wirklich betrogen. … Er hätte sich offen gegen die Juden und gegen die Parteigänger des Verurteilten erklären müssen.“
Später tritt Swann dann selbst in Erscheinung und setzt Marcel etwas umständlich seine ohnehin bekannte Position in der Dreyfus-Affäre auseinander. Da erblickt er die Marquise de Surgis, eine Dame in den Vierzigern mit zwei fast erwachsenen Töchtern in einem auffällig transparenten Kleid. „Swann konnte sich nicht enthalten, auf deren Ausschnitt mit weitaufgerissenen und begehrlichen Augen lange Kennerblicke zu werfen. Er setzte sogar sein Monokel auf, um besser sehen zu können, und während er zu mir sprach (so der Erzähler), warf er von Zeit zu Zeit einen erneuten Blick in die Richtung der Dame.“
Bald darauf werden Swann und Madame de Surgis einander vorgestellt: „Die Marquise kehrte sich um und wendete ein Lächeln und einen Händedruck an Swann, der sich erhoben hatte, um sie zu begrüßen. Doch fast ohne jede Verhüllung – vielleicht weil er bei seinem stark vorgeschrittenen Leben durch Gleichgültigkeit gegenüber der Meinung anderer die moralische Kraft oder durch Übersteigerung der Begehrlichkeit und ein Nachlassen der Fähigkeit, sie zu verbergen, das physische Vermögen dazu verloren hatte – ließ Swann, sobald er die Hand der Marquise ergriff und aus der Nähe, von oben herab ihres Busens ansichtig wurde, einen aufmerksamen, ernsthaft vertieften, ja beinahe besorgten Blick in ihren Taillenausschnitt hinabgleiten, und seine Nasenflügel, vom Duft der Frau berauscht, erbebten wie ein Falter, der sich auf der von weitem erspähten Blume niederzulassen gedenkt. Jäh riss er sich aus dem Schwindel zurück, der ihn erfasst hatte, und Madame de Surgis selbst erstickte, wenn auch befangen, ein tiefes Aufatmen, so ansteckend kann zuweilen physisches Begehren sein.“
Geld ist reichlich da / Briefe an die Damenwelt
In manchen Romanen und Geschichten fragt man sich, wie die Protagonisten eigentlich ihren Lebensunterhalt bestreiten, womit sie ihr Geld verdienen. Nicht so in der „Recherche“. Hier sind offensichtlich alle wichtigen Figuren so gutgestellt, dass sie ein ausschweifendes Leben ohne materielle Beschränkungen führen können. Die Dienerin Francoise sagt einmal zu Marcel: „Ach! Sie haben Glück, dass Sie sich Ihre Eltern unter den Reichen haben aussuchen dürfen; was wäre sonst aus Ihnen geworden, wo Sie doch so verschwenderisch sind?“ Die französische Oberschicht kennt nun einmal keine Geldsorgen. Nur, dass die Adligen ihre Vermögen über viele Generationen hinweg angehäuft haben (wobei ihnen wohl selbst die Revolution nichts anhaben konnte), während das neureiche Bürgertum durchaus noch berufstätig ist. Von Marcels Vater heißt es im Roman, dass er „Tag und Nacht arbeitete“. Doch die einzige Andeutung von elterlicher Kritik am Lebensstil ihres Sohnes ist eine spitze Bemerkung von Marcels Mutter, als diese mit Marcel ein weiteres Mal die Sommermonate im luxuriösen Badeort Balbec verbringt: „Meine Mutter sagte mir, dass ich damals doch wenigstens gelesen habe, ich solle das doch auch in Balbec tun, wenn ich schon nicht arbeitete.“
Marcels offizieller Berufswunsch ist unverändert Schriftsteller. Doch beschränkt sich seine schriftstellerische Tätigkeit nach wie vor auf die fleißige Korrespondenz mit ausgewählten jungen Damen, oft auch mit mehreren gleichzeitig. Das Briefwechseln dieser Art innewohnende Vergnügen schildert er wie folgt: „Man kann sich zu Beginn einer Freundschaft mit einer Frau, oder sogar wenn sie auf die Dauer zu etwas führen sollte, nicht von den ersten Briefen trennen, die man erhalten hat. Man möchte sie unaufhörlich bei sich haben wie Blumen, die man noch ganz frisch als Geschenk erhalten hat und die man unaufhörlich betrachten und ihren Duft man aus immer größerer Nähe genießen möchte. Der Satz, den man schon auswendig weiß, ist angenehm noch einmal nachzulesen, und bei denen, die man weniger wörtlich in Erinnerung hat, möchte man von neuem feststellen, in welchem Maße der eine oder andere Ausdruck von geheimer Zärtlichkeit zeugt. Hat sie geschrieben „Ihr lieber Brief?“ Es bedeutet dann eine kleine Enttäuschung bei allen süßen Gefühlen, in denen man sich wiegt und die vielleicht dadurch entstanden sind, dass man zu schnell gelesen hat und dass die Schrift der Briefpartnerin nicht allzu deutlich ist, wenn man feststellen muss, sie hat nicht „Ihr lieber Brief“ geschrieben, sondern „Als ich Ihren Brief erhielt“. Aber der Rest ist so liebevoll. Oh! Möchte einem der morgige Tag doch gleiche Blüten schenken! … Dann aber genügt das auf einmal nicht mehr, man möchte den geschriebenen Worten auch die Blicke, die Stimme gegenüberstellen. Man verabredet sich und findet, ohne dass jene sich vielleicht verändert hat, da wo man nach der Beschreibung, die einem gemacht wurde, oder nach der persönlichen Erinnerung die Fee Viviane zu finden glaubte, nur einen gestiefelten Kater vor. … Das Verlangen aber, das man nach einer Frau trägt, von der man geträumt hat, erfordert nicht unbedingt die Schönheit irgendeines ganz bestimmten Zuges. Diese Wünsche sind das Verlangen nach einem bestimmten Wesen, schwebend und unbeschreiblich wie Düfte…“
Balbec und Albertine
Marcel reist also mit seiner Mutter ein weiteres Mal nach Balbec, um dort einen ausgedehnten – nur halbherzig als Kur für den asthmatischen Sohn getarnten – Badeurlaub zu verbringen. Er selbst ist es gewesen, der unbedingt wieder nach Balbec wollte, doch keineswegs, um an die schönen Erlebnisse des vergangenen Jahres mit den jungen Mädchen (der „kleinen Schar“) und mit der damals für ihn noch so verlockenden Albertine anknüpfen zu wollen. Marcel ist zu diesem Zeitpunkt – angeblich – „keineswegs in Albertine verliebt“, wenngleich er sie regelmäßig trifft und man als Leser den Eindruck gewinnt, dass zwischen beiden durchaus „etwas läuft“. Das Verhältnis der beiden zueinander droht zur – wie man vor zwanzig Jahren gesagt hätte – „komplizierten Beziehungskiste“ zu werden… Nein, Marcel hat von seinem Kumpel, dem Marquis Robert de Saint-Loup, gehört, dass „die Jungfer der Baronin von Putbus“ in einem Bordell nahe Balbec zu haben sei, was bei Marcel, der bekanntlich eine besondere Schwäche für die Welt des Adels hat, wollüstige Phantasien auslöst, ohne dass er diese Person jemals zu Gesicht bekommen oder anderweitig ihre Bekanntschaft gemacht hätte. In Balbec ist dann aber von der Jungfer der Baronin von Putbus schon bald nicht mehr die Rede; sie ist dann doch nicht anwesend, und er hat sie nach kurzer Zeit vergessen.
Auch Albertine gelingt es, für sich einen erneuten Aufenthalt in Balbec, zeitgleich mit Marcel, zu organisieren. Sie reist mit ihrer Tante an, bei der sie dauerhaft lebt, da sie ihre Eltern schon in früher Kindheit verloren hat. Es ist offensichtlich, dass Albertine mittlerweile ein veritables Interesse an Marcel entwickelt hat, während er sie lediglich hinhält. Die Konstellation des Vorjahres hat sich also umgekehrt. Doch hat das natürlich seine Gründe. Schon bald merkt der Leser, dass an die Stelle des romantischen Zaubers in der Anfangsphase ihrer Beziehung längst eine Art allen emotionalen Verwirrungen übergeordnetes nüchternes Kalkül der Beteiligten getreten ist. Was sogar heute noch gilt, galt damals natürlich erst recht: Der Heiratsmarkt ist für Frauen attraktiver als der Arbeitsmarkt. Der äußerst wohlhabende Marcel wäre für die als relativ arm beschriebene Albertine, deren Tante „nur ein einziges Dienstmädchen hat“ (!), eine sehr gute Partie. Albertines Tante, so wird erzählt, würde eine Heirat der beiden wohl sehr begrüßen, während Marcels Mutter dies mit großer Skepsis sieht und ihrem Sohn ausdrücklich erklärt, dass es für ihn aber deutlich bessere Möglichkeiten der Eheschließung als die mit Albertine gäbe. Es hängt also alles an Marcel, und der wird angesichts seiner ihm zunehmend bewusst werdenden Machtfülle, er ist jetzt vermutlich etwa Mitte zwanzig, verständlicherweise arrogant, unverschämt und übermütig. Keine Sekunde hinterfragt er die Konstellation oder bildet gar ein kritisches Bewusstsein über die ihr zugrundeliegenden wirtschaftlichen Verhältnisse aus. Stattdessen hält er sich offensichtlich für unwiderstehlich und behandelt Albertine, die ihn nach ihrer Ankunft in Balbec gerne treffen würde, geradezu wie den letzten Dreck. (Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass ohne sein ihm so selbstverständliches und stets reichlich fließendes Geld gewissermaßen kein weiblicher Hahn nach ihm krähen würde, solange er sich so benimmt, abgesehen vielleicht von der kleinen Minderheit von Frauen, denen so etwas gefällt. Denn welche attraktive junge Dame würde schon einem Schnösel nachlaufen, der sie erst lange in der Hotelhalle warten lässt und ihr dann übermittelt, er wünsche sie jetzt doch nicht zu sehen, da er gerade nicht in der Stimmung sei. Es sei denn, dieser Schnösel ist steinreich.) Und überhaupt wird Albertine ja nicht nur als schön, sondern auch als durchaus klug beschrieben: „Man konnte sich nur über die Sicherheit des Geschmacks wundern, den sie in der Architektur bereits entwickelte“, allerdings „im Gegensatz zu dem jammervollen, den sie in der Musik besaß.“
Ein anderer Umstand, der im Roman mehrfach angesprochen wird und nicht mit Marcels gerade beschriebenem Übermut verwechselt werden darf, ist die Erfahrung, dass es in der Liebe meistens nicht ratsam ist, seine Gefühle zu deutlich zu zeigen und zu leicht verfügbar zu sein, da dies häufig eine relative Abkühlung auf der anderen Seite zur Folge hat, die sich ihrer Sache dann allzu sicher glaubt und einen zu leichten Sieg wittert: „Bestimmt sind die Reize einer Person weniger häufig ein Anlass zur Liebe als etwa ein Satz wie der folgende: ‚Nein, heute Abend bin ich nicht frei.‘“
Doch erwacht Marcels Interesse für Albertine nach einiger Zeit plötzlich und sehr lebhaft aufs Neue, als er auf einer abendlichen Tanzveranstaltung auf den ihm bereits aus den Pariser Salons gut bekannten Arzt Dr. Cottard trifft, welcher den gemeinsamen engen Tanz von Albertine und ihrer Freundin Andrée angeblich „von dem speziellen Gesichtspunkt des Mediziners“ ansieht und kommentiert: „Da sehen Sie, passen Sie auf, setzte er hinzu, indem er auf Albertine und Andrée wies, die langsam, dicht aneinandergepresst vorübertanzten, ich habe meinen Kneifer vergessen und sehe nicht sehr gut, aber bestimmt befinden sich die beiden jetzt auf der Höhe des Genusses. Es ist nicht genügend bekannt, dass die Empfindung bei Frauen vor allem durch die Brüste geht. Sie sehen ja, wie vollkommen beide sich mit ihren berühren.“ Und Marcel muss sich eingestehen: „Tatsächlich fand eine unaufhörliche leise Reibung zwischen denen Andrées und Albertines statt … Ich hatte gesehen, wie Andrée mit einer der anmutigen Bewegungen, die ihr eigen waren, schmeichelnd ihren Kopf an Albertines Schulter lehnte und sie mit halbgeschlossenen Augen in die Beugung des Halses küsste…“
Fortan hält Marcel Albertine für lesbisch, was ihn aber nicht, wie nun mancher vielleicht denken könnte, sexuell erregt, sondern vielmehr rasend eifersüchtig macht. Und diese manische Eifersucht wiederum ist es, die seine Liebe befeuert. Er trifft die darüber hocherfreute Albertine nun täglich, unternimmt mit ihr zahlreiche Ausflüge in die Umgebung und beobachtet sie dabei auf Schritt und Tritt hinsichtlich ihres Verhältnisses zu anderen Frauen. „Was Albertine anbelangt, so kann ich nicht sagen, dass sie im Kasino oder am Strand irgendeinem jungen Mädchen gegenüber allzu freie Sitten an den Tag gelegt hätte; eher stellte ich übertriebene undurchdringliche Kühle bei ihr fest, die mir weniger wie ein Zeichen guter Erziehung als vielmehr wie eine List erschien, die den Zweck verfolgte, den Argwohn zu zerstreuen.“ Irgendwann stellt er Albertine zur Rede, woraufhin diese Marcels Verdacht weit von sich weist und sogar ausdrücklich ihren unbedingten Abscheu gegenüber der lesbischen Liebe betont. Schließlich bringt er die Ambivalenz seiner Empfindungen für Albertine so auf den Punkt: „Es liegt … im Charakter der Liebe, dass sie uns gleichzeitig misstrauischer und leichtgläubiger macht, uns dazu bringt, leichter als jede andere die Geliebte zu beargwöhnen, ihren Beteuerungen aber auch desto bereitwilliger Glauben zu schenken. … Dann aber kann auch das Wesen, das wir lieben, in so vielfältiger Gestalt es uns erscheinen mag, auf alle Fälle zwei wesentliche Persönlichkeiten für uns darstellen, je nachdem ob es uns als ein uns zugehöriges erscheint oder als eines, das seine Wünsche auf jemand anderen richtet als auf uns. Die erste dieser Persönlichkeiten besitzt das besondere Vermögen, das uns daran hindert, an die Wirklichkeit jener zweiten zu glauben…“
Einmal treffen Albertine und Marcel auf dessen alten Freund Saint-Loup, welcher Marcel unter vier Augen seine Verwunderung darüber zum Ausdruck bringt, dass er und Albertine sich küssten, denn vor einem Jahr hätte Marcel ihm doch voller Überzeugung gesagt, „mit Albertine sei nichts anzufangen, sie sei die Tugend selbst“… Da aber bei diesem Treffen Saint-Loup und Albertine heftig miteinander flirten, ist Marcel, dem das keineswegs gefällt, immerhin insofern beruhigt, als er nun annimmt, dass Albertine wohl anscheinend doch keine „Bewohnerin von Gomorra“ sei. Später kommentiert er das mit den Worten: „Ich besaß die Naivität aller Leute, die des Glaubens sind, eine Art von Neigung schließe notwendig die andere aus.“
Besonders großen Gefallen findet Albertine am gehobenen Lebensstil, den sie nun mit Marcel teilt. Geradezu begeistert ist sie, als Marcel zur besseren Beweglichkeit auf den Ausflügen fortan ein Automobil mit Chauffeur bestellt. Als dieses einmal nicht fährt und sie wieder mit einer Kutsche vorlieb nehmen müssen, ruft Albertine enttäuscht: „Was für ein Rumpelkasten!“ Doch ist auch Marcel dem neuen Fortbewegungsmittel zugetan, wobei er jedoch differenziert: „Dem Automobil hält kein Geheimnis stand… Es mag so aussehen, als ob meine Liebe zu den fabelhaften Fahrten mit der Eisenbahn mich hindern müssen, das bewundernde Staunen Albertines dem Automobil gegenüber zu teilen, welches sogar einen Kranken dorthin fährt, wo er hin will, und verhindert, die Lage eines Ortes – wie ich es bisher getan hatte – als ein individuelles Merkmal, die unersetzliche Essenz seiner unverrückbaren Schönheiten zu betrachten. … Nein, das Automobil führte uns nicht in so märchenhafter Weise in eine Stadt, die wir zunächst nur in dem Bild ihres Namens verdichtet und mit den Illusionen des Theaterbesuchers im Zuschauerraum erblicken. Es trug uns unmittelbar in die Kulissen der Straßen hinein und blieb stehen, wenn man von einem Einwohner eine Auskunft brauchte. Aber die Kompensation für so ein geheimnisloses Eindringen bilden auf der anderen Seite die tastenden Berührungen sogar des Chauffeurs, der seines Weges nicht sicher ist, und manchmal wieder umkehren muss, wie auch die wechselseitige Verschiebung der Perspektive beim Näherkommen…; so kommt es, dass das Automobil die individuelle Lage an einem einzigartigen Punkt zwar des Geheimnisses entkleidet zu haben scheint, das ihr zur Zeit der Expresszüge anhaftete, uns andererseits aber den Eindruck schenkt, sie erst selbst zu entdecken und wie mit dem Kompass zu bestimmen, und uns dazu verhilft, mit verliebt sich vortastender Hand und in feinster Präzision der wahren Geometrie, dem schönen Maß der Erde nachzuspüren.“ So hat wohl noch niemand sonst das Autofahren beschrieben…
Im Salon der Madame de Verdurin / Baron de Charlus wird ausgenommen
Doch ist Marcel in Balbec nicht nur mit Albertine unterwegs. Viele vornehme Herrschaften aus Paris, die er von seinen dortigen Salonbesuchen kennt, verbringen ebenfalls die Sommermonate in dem mondänen Badeort. Und weil die feine Gesellschaft sich sonst langweilen würde, blüht die Salonkultur also auch in Balbec, namentlich bei Madame Verdurin. Marcel ist natürlich regelmäßig mit von der Partie, und alle freuen sich, als er auch Albertine in die Runde einführt, die er dort etwas schamhaft als seine Cousine ausgibt. Albertine ist es im Kreise der Großbürger und Aristokraten auch gar nicht langweilig, sondern sie freut sich, die schönen teuren Kleider, die ihr Marcel ständig kauft, dort präsentieren zu können.
Überhaupt finden es die jungen Leute zu dieser Zeit offensichtlich alle gut und richtig, ein Teil der Welt der Erwachsenen zu sein. Niemand von ihnen würde auf die Idee kommen, sich von diesen abzugrenzen, etwas abweichendes Eigenes darstellen zu wollen. Gedanken an etwas wie Jugendbewegungen oder Subkulturen sind ihnen vollkommen fremd. Aber wenn nicht alles täuscht, bewegen wir uns ja auch gegenwärtig wieder genau in diese Richtung. So werden heute z.B. Metal- oder auch Lady Gaga-Konzerte gemeinsam von Großeltern, Eltern und Kindern besucht, und Eltern und Großeltern wirken mit vereinten Kräften an den Seminararbeiten ihrer studierenden Kinder und Enkel mit („Wir schreiben jetzt deine Hausarbeit.“) All das hätte sich noch vor zwanzig Jahren kein Mensch vorstellen können!
Aber zurück zum Salon von Madame Verdurin: Besonders gefällt es Albertine, wenn der eingangs beschriebene und auch in Balbec anwesende Monsieur de Charlus, der auch ein großer Modekenner ist, sich für ihre Kleidung interessiert. Besitzt Albertines Geschmack zunächst „sehr viel Sinn für maßvolle Nüchternheit“, so experimentiert sie mit der Zeit auch ein wenig mit ausgefalleneren und bunteren Stoffen, was den Beifall des Barons de Charlus findet: „Nur Frauen, die sich nicht anzuziehen verstehen, fürchten die Farben… Man kann bunt sein, ohne vulgär zu wirken.“ Allerdings gibt der Erzähler – an anderer Stelle – auch zu bedenken: „Fast alle Frauen bilden sich ein, ein Kompliment, das man ihnen macht, sei unbedingt der Ausdruck der Wahrheit und stelle ein Urteil dar, das man unparteiisch fällt und weil man einfach nicht anders kann, als handle es sich um einen Kunstgegenstand ohne Beziehung auf eine Person.“
Doch befindet sich Baron de Charlus in einer traurigen Lage. Er hat sich unsterblich in den jungen Musiker im Salon der Madame Verdurin verliebt, der zur Erbauung der vornehmen Gesellschaft auf seiner Geige stets ein breites Repertoire an klassischen Stücken zum Besten gibt. Die Gegenliebe des jungen Mannes geht, was wenig überraschend ist, aber nur so weit, dass der Baron als Gegenleistung für gemeinsam verbrachte Stunden immer neue und immer höhere Geldbeträge aufbringen muss, die der Musiker angeblich gerade dringend benötigt, denn „derjenige, welcher liebt“, ist „gezwungen, immer von neuem einen Versuch zu machen und sein Gebot dauernd zu erhöhen“. „Eine sinnlose gewaltige Macht stellen die Strömungen der Leidenschaft dar, von welchen der Liebende, wie jemand, der im Wasser treibend fortgerissen wird, ohne es zu bemerken, sehr bald den festen Boden unter den Füßen verliert. Zweifellos kann auch die Liebe eines Mannes, wenn der Liebende sich mit Hilfe der Erfindungsgabe, kraft deren nacheinander seine Wünsche, seine Sehnsüchte, seine Enttäuschungen, seine Pläne einen ganzen Roman um eine Frau her schaffen, die er gar nicht kennt, eine bemerkenswerte Abweichung der Magnetnadel auf dem Kompass bewerkstelligen. Doch wird diese Abweichung noch ganz erheblich vergrößert durch den Charakter einer nicht allgemein geteilten Leidenschaft…“
Es kommt so weit, dass der junge Musiker sich vor anderen über den einfältigen Baron mokiert. „Zweifellos ist es … ein allgemeines Gesetz, … dass uns ein Wesen, das wir selbst nicht lieben, welches aber uns liebt, unerträglich erscheint. Einem solchen Wesen, einer solchen Frau, von der wir auch nicht etwa sagen, dass sie uns liebt, sondern dass sie sich an uns hängt, ziehen wir dann die Gesellschaft jeder beliebigen anderen vor, auch wenn sie weder deren Charme, noch ihre angenehmen Umgangsformen, noch ihren Geist besitzt. Sie selbst wird ihn in unseren Augen erst wieder erlangen, wenn sie uns einmal nicht mehr liebt.“ Dabei ist Monsieur de Charlus, der den unglücklich geliebten Musiker mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit behandelt, ansonsten alles andere als ein netter, umgänglicher Mensch. Er behandelt so ziemlich alle und jeden anderen mit unfreundlicher spöttischer Herablassung. „Innerhalb der Menschheit besteht die Regel, von der es natürlich viele Ausnahmen gibt, darin, dass die harten Menschen Schwache sind, die keine Gegenliebe gefunden haben, und nur die Starken, da sie sich keine Gedanken darüber machen, ob man sie mag oder nicht, jene Sanftmut aufbringen, die der gemeine Mann für Schwäche hält.“
Showdown: Heirat mit Albertine
Marcel und Albertine erleben also in Balbec eine berauschende Zeit in geteilter Zweisamkeit, wobei man unterstellen darf, dass sie den damaligen bürgerlichen Konventionen doch so entsprochen haben, dass es zwischen ihnen noch nicht zur völligen finalen Erfüllung ihrer fleischlichen Lüste gekommen ist. (Es versteht sich natürlich von selbst, dass gerade dieser Zustand eine permanente Erotisierung mit sich bringt.) So schwebt über allem die Frage einer künftigen Heirat. „Mein ganzer Seelenzustand, die Zukunft meiner Existenz hatte vor mir die allegorische und schicksalhafte Gestalt eines jungen Mädchens angenommen.“ Doch Marcel ist sich der Tragweite einer solchen Entscheidung wohl bewusst. Es kommt zu den üblichen Aufs und Abs im Verhältnis zwischen den beiden Liebenden, zum „rhythmischen Schwanken zwischen Liebeserklärung und Bruch“, zu den „entgegengesetzten Bewegungen der Liebe“. Zum Ende des Romans hin ist Marcel in seinem Übermut zwischenzeitlich schon so weit, dass er Albertines „überdrüssig wird“, mit ihr Schluss machen und stattdessen mit ihrer Freundin Andrée etwas anfangen will, die ihm ja auch immer wieder schöne Augen gemacht hat (und Marcel war ja auch eigentlich in die ganze „kleine Schar“ verliebt), aber dabei – „um frei zu bleiben, sie nicht zu heiraten, wenn ich nicht wollte“ – nicht aufs Ganze zu gehen gedenkt. „Ich lächelte in mich hinein, wenn ich an dies Gespräch dachte, denn auf diese Weise würde ich in Andrée die Täuschung erwecken, dass ich sie nicht wirklich liebte; so würde sie meiner nicht müde werden, ich aber könnte vergnügt und in aller Ruhe mich ihrer Zärtlichkeit freuen.“ Marcel ist also gedanklich schon auf dem Weg, sozusagen ein Casanova zu werden.
Doch am entscheidenden Abend, als Marcel sich von Albertine trennen will, erzählt diese ihm ganz beiläufig davon, dass sie bald mit einer Bekannten in den Urlaub fahren möchte, von der Marcel aus angeblich sicherer Quelle weiß, dass sie der lesbischen Liebe zugeneigt ist. Augenblicklich erwacht in ihm wieder seine ungeheure Eifersucht – „die Überschärfe der Sinne bringt eingebildete Leiden hervor“: „Sie verursachte mir, als sie sich von mir trennte, einen derartigen Schmerz, dass ich nach ihr griff und sie verzweifelt am Arm zog.“ Fortan ist für Marcel mit den Qualen der Eifersucht auch seine Liebe zu Albertine wieder entflammt, und zwar in jeweils bisher ungekanntem Ausmaß. „Oft liegt es nur an einem Mangel schöpferischer Phantasie, dass man in seinen Leiden immer noch nicht weit genug geht…“ Damit sind für ihn die Würfel gefallen: „Ich spürte, dass der Tag, der gleich anbrechen sollte, und alle darauffolgenden Tage mir niemals mehr die Hoffnung auf ein unbekanntes Glück bringen würden, sondern nur die Fortdauer meiner Qual.“ Wobei die Qualen der Eifersucht für Marcel ganz offensichtlich auch eine verborgene lustvolle Seite haben: „Jede Regung der Eifersucht stellt etwas Besonderes dar und trägt den Stempel eines bestimmten Wesens, durch das sie geweckt worden ist.“ Und er erklärt sich diese Verkettung von Eifersucht und Liebe so: „Welch trügerischer Sinn ist das Gesicht! Ein menschlicher Körper scheint uns, selbst wenn er geliebt wird wie der Albertines, ein paar Meter oder Zentimeter von uns entfernt zu sein, nicht anders aber ist es mit der Seele, die in diesem Körper wohnt. Nur wenn ihre Stellung zu uns durch irgendetwas gewaltsam verändert und dadurch deutlicher spürbar wird, dass sie andere liebt und nicht uns, fühlen wir an den Schlägen unseres haltlos gewordenen Herzens, dass die, die wir lieben, nicht ein paar Schritte von uns entfernt, sondern in uns lebt.“ Am nächsten Morgen erklärt Marcel seiner Mutter: „Wir wollen es gleich als entschieden betrachten, weil ich mir jetzt darüber klar bin, weil ich mich nicht mehr ändern werde und weil ich auf andere Weise nicht leben kann: Ich heirate Albertine.“
Die Stimme aus dem Off weiß hierzu zu sagen: „Man wäre für immer von jeder Romantik geheilt, wenn man in Ansehung derjenigen, die man liebt, bereits der Mensch zu sein versuchte, der man sein wird, wenn man nicht mehr liebt.“
Das unbeständige Ich in der Zeit
Begleitet wird Marcels Entscheidung von seinen Reflexionen über das, was mit ihm und in ihm in den vergangenen Monaten und Jahren passiert ist und künftig noch passieren wird: „Ich wurde mir der Wandlungen meines eigenen Inneren bewusst, indem ich sie an der steten Gleichheit der mich umgebenden Dinge maß. An diese gewöhnt man sich, wie man sich an Personen gewöhnt, und wenn man sich plötzlich darüber klar wird, dass sie früher eine so ganz andere Bedeutung in sich trugen, dann scheint, nachdem sie jetzt jede Bedeutung verloren haben, die völlige Verschiedenheit der damals ihren Rahmen bildenden Umstände von den heutigen, die Mannigfaltigkeit der Szenen, die sich unter der gleichen Zimmerdecke zwischen den gleichen Bücherregalen mit ihren Glasscheiben abgespielt haben, scheint die Wandlung in Herz und Leben, welche in dieser Vielheit sichtbar wird, durch die unbewegliche Dauer der Dekoration noch vergrößert und durch die Einheit des Ortes verstärkt.“
Und es wird noch viel grundsätzlicher: „Immer hat unsere seelische Ganzheit nur einen beinahe fiktiven Wert trotz der umfangreichen Bilanz ihrer Reichtümer, denn bald stehen die einen, bald die anderen nicht zu unserer Verfügung, und zwar die effektiven Schätze ebensowenig wie die der Einbildungskraft… Denn mit den Störungen des Gedächtnisses ist eine Intermittenz, ein Versagen auch des Herzens verbunden. … Wenn die Güter unseres Inneren uns bleiben, so die meiste Zeit in einem unbekannten Bereich, in dem sie ohne Nutzen für uns sind und wo sogar die allervertrautesten von Erinnerungen einer anderen Ordnung zurückgedrängt werden, die jede Gleichzeitigkeit mit jenen in unserem Bewusstsein ausschließen…Die Bilder, welche die Erinnerung auswählt, sind ebenso willkürlich, ebenso enggefasst, ebenso ungreifbar wie die, welche die Einbildungskraft gestattet und die Wirklichkeit dann zerschlagen hat. Es besteht kein Grund, weshalb ein wirklicher Ort außerhalb von uns mehr Bilder der Erinnerung als des Traums in sich enthalten soll.“
Schon mancher wird sich irgendwann einmal die Frage gestellt haben, ob er gegenwärtig überhaupt noch etwas mit jener Person anfangen könnte, die er vor zehn oder zwanzig Jahren gewesen ist. Bei Proust aber resultiert aus dieser Überlegung sogar eine Absage an jede Vorstellung von Unsterblichkeit, da unser Ich ohnehin schon zu Lebzeiten tausende Tode stirbt. „Wir wünschen uns leidenschaftlich, es möchte ein anderes Leben geben, in dem wir dieselben bleiben, die wir hienieden gewesen sind. Aber wir bedenken nicht, dass wir, sogar ohne erst auf ein anderes Leben zu warten, schon in diesem hier nach einigen Jahren dem untreu werden, was wir gewesen sind und was wir selbst in der Unsterblichkeit noch wiederfinden wollten. Doch selbst wenn wir nicht voraussetzen, dass der Tod uns stärker verändert als die Wandlungen, die sich im Laufe unseres Lebens vollziehen, würden wir uns in jenem anderen Sein, sobald wir dem Ich begegneten, das wir gewesen sind, von ihm abwenden wie von Personen, mit denen wir zwar befreundet waren, die wir aber längere Zeit nicht mehr gesehen haben… Man träumt viel vom Paradies, oder vielmehr von zahlreichen, wechselnden Paradiesen, doch alle diese sind schon lange, bevor man stirbt, verlorene Paradiese, in denen man sich selbst verloren fühlen würde.“
All dies findet seine Entsprechung natürlich auch im immer trügerischen Charakter der Liebe. Marcel stellt fest: „Im übrigen haben die Frauen, für die ich das meiste empfunden habe, sich niemals mit meiner Liebe im richtigen Gleichtakt befunden. … Wenn ich sie sah, sie hörte, fand ich nichts in ihnen, was meiner Liebe glich und sie erklären konnte. Dennoch war meine einzige Freude, sie zu sehen, meine einzige Beängstigung, auf sie warten zu müssen. Man hätte meinen können, eine Kraft, die eigentlich in keiner Beziehung zu ihnen stand, sei ihnen von der Natur nachträglich hinzugesetzt worden, diese Kraft aber habe, der Elektrizität verwandt, die Wirkung auf mich gehabt, in mir Liebe zu entzünden, das heißt mein ganzes Handeln zu leiten und Ursache meiner Leiden zu sein. Etwas völlig anderes aber war die Schönheit, der Geist, die Güte dieser Frauen…“
Und überhaupt gilt doch: „Wie wir den Orientierungssinn nicht besitzen, mit dem manche Vögel ausgestattet sind, fehlt uns auch der für Sichtbarkeit und Distanzen, da wir in unserer unmittelbaren Nähe auf interessierte Aufmerksamkeit bei Menschen rechnen, die im Gegenteil gar nicht an uns denken und keine Ahnung haben, wer wir sind, während wir zur gleichen Zeit für andere den einzigen Gegenstand ihres Interesses bilden.“
Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 4:
Sodom und Gomorra
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
737 Seiten
Suhrkamp Verlag
www.justament.de, 20.4.2015: Auf den Spuren der All-Mächtigen
Thomas Claer empfiehlt Spezial: Zum 80. Geburtstag von Erich v. Däniken
Hatte unser Planet schon vor langer Zeit Besuch von Außerirdischen? Waren die in unseren Religionen beschriebenen Götter in Wahrheit nur Astronauten aus den Tiefen des Alls, die mit Raumschiffen auf unserer Erde gelandet waren? Die hier aus den vorgefundenen intelligenten Affen in ihren mitgebrachten Laboren mittels Genmanipulation den modernen Menschen erzeugt und sich später wieder aus dem Staub gemacht hatten, aber nicht ohne den Menschen ihre Rückkehr in einer fernen Zukunft zu versprechen? Lange bevor ich zu Romanen oder philosophischen Büchern griff, hatte ich, es muss wohl so mit 15 angefangen haben, eine große Leidenschaft für Sachbücher. Und zu den großen Helden meiner Pubertät zählte neben Hoimar v. Ditfurth, Konrad Lorenz und Gerd v. Haßler vor allem er: Erich v. Däniken, der wissenschaftliche Autodidakt und millionenfache Bestsellerautor aus der Schweiz, der die obskure Prä-Astronautik-These in die Welt gesetzt hatte. Ganz entscheidend trug zu meiner damaligen Begeisterung für solche Lektüre bei, dass sie in der DDR (damals in den Achtzigern) als äußerst anrüchig galt und nur ganz schwer zu bekommen war. Nach offizieller Lesart war Däniken völlig unvereinbar mit einem marxistisch-leninistischen wissenschaftlichen Weltbild. Dennoch besaß ich seinerzeit die Chuzpe, die Bücher, die ich selbst nur von Bekannten meiner Eltern ausgeliehen hatte, die sie sich ihrerseits illegal durch dunkle Kanäle aus dem Westen verschafft hatten, noch an meine teils ganz linientreuen Lehrer weiter zu verleihen. Sie rissen sie mir förmlich aus den Händen. „Erinnerungen an die Zukunft“, Dänikens erstes Buch aus dem Jahr 1968, war der absolute Knaller. Hier entwickelt der Autor seine Theorie vor allem anhand einer originellen Neuinterpretation bestimmter Bibelstellen. Wer das gelesen hat, der zweifelt keine Sekunde mehr daran, dass der Prophet Hesekiel („Da tat sich der Himmel auf“) in Wirklichkeit die Landung eines Raumschiffs auf der Erde beschrieben hatte und in Kontakt zu einem Alien getreten war. Die ominöse Bundeslade, ein Kasten, aus dem „die Stimme des Herrn erklang“, wurde von Däniken als ein Lautsprecher gedeutet. (Nach heutigem technischen Wissensstand würde man vielleicht eher an einen Laptop mit Skype-Anwendung denken.) Jahre später, schon im Westen, als ich bereits volljährig war, hatte mich das Thema noch immer so ergriffen, dass ich Mitglied der von Däniken gegründeten „Ancient Astronaut Society“ (AAS) wurde (siehe nebenstehende Abbildung meiner Mitgliedsurkunde). Und selbst als später andere Dinge für mich wichtiger geworden waren als die Prä-Astronautik und ich der AAS irgendwann den Rücken gekehrt hatte (schon um den Jahresbeitrag von immerhin 35 Mark einzusparen), zumal ich auch Erich v. Däniken zusehends kritischer sah, blieb ich der sogenannten Paläo SETI-Hypothese gegenüber doch immer aufgeschlossen.
Vor ein paar Jahren verfolgte ich dann ein langes Fernseh-Interview mit einem Professor für Astrophysik, Forschungsschwerpunkt „Extraterrestrische Intelligenzen“, in einer von Alexander Kluges mitternächtlichen Kultursendungen. Und was dieser Herr erzählte, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ging über Däniken, der von der Fachwissenschaft regelmäßig belächelt oder angefeindet worden war, noch weit hinaus. Wenn es, so begann sein Gedankenexperiment, nach allen Regeln der Wahrscheinlichkeit außer uns noch zahlreiche andere intelligente Lebensformen im All gibt, dann sollten einige von ihnen auch in unserer näheren Umgebung beheimatet sein. Und von jenen wiederum dürften einige, wenn man nur das rasante technische Entwicklungstempo der Menschheit in den vergangenen Jahrzehnten zum Maßstab nimmt, uns so unendlich weit überlegen sein, dass sie uns räumlich leicht erreichen könnten und aus wissenschaftlicher Neugier heraus vermutlich auch gerne erforschen wollten. Doch wäre eine „Kontaktaufnahme“ mit uns wohl in ihren Augen etwa so sinnvoll wie die von Menschen mit Regenwürmern. Kurzum, zum wahrscheinlichsten Szenario erklärte es der Astrophysiker, dass wir bereits seit hunderttausenden, wenn nicht Millionen Jahren ständig von Außerirdischen beobachtet und untersucht werden, doch diese sich aus Gründen der Diskretion, um uns Erdlinge nicht zu verwirren, vor uns verborgen halten. Womöglich würden sie aber, so der Professor, im Notfall doch eingreifen, etwa bevor es zum ultimativ-apokalyptischen Atomkrieg auf der Erde käme. Das heißt also, die Aliens leben vielleicht schon seit Menschengedenken unerkannt unter uns, unter Umständen in menschlicher Gestalt, ohne dass man sie – wie im Film „Louis‘ unheimliche Begegnung mit den Außerirdischen“ mit Louis de Funes – am scheppernden Klang beim Klopfen auf ihren Brustkorb erkennen könnte? Aber was würde dies für die Gültigkeit von Rechtsgeschäften oder die strafrechtliche Verantwortlichkeit für Delikte bedeuten, an denen unerkannt Außerirdische beteiligt waren? Ach, die Welt ist schon reich an ungelösten Rätseln und Geheimnissen. Vorige Woche beging der große Unterhaltungsschriftsteller Erich v. Däniken seinen 80. Geburtstag.
P.S.: Und hier noch die unübertreffliche Däniken-Parodie von Oliver Kalkofe aus den Neunzigern, die mir immer wieder die Lachtränen in die Augen getrieben hat:
www.justament.de, 20.4.2015: Schrilles Vergnügen
Recht cineastisch, Teil 22: Oskar Roehlers Berlin-Groteske „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!”
Thomas Claer
Die Berlinale hat diesen Film abgelehnt. Sie hätte ihn nehmen sollen, denn „Tod den Hippies – Es lebe der Punk!“ ist ein großer Spaß. Auch wenn er, wie alle Werke von Oskar Roehler, reichlich überkandidelt ist. Es beginnt in der westdeutschen Provinz in den frühen Achtzigern. Der junge Robert (Tom Schilling) hält es in Schule und Internat mit all den Friedensbewegungs- und Ökospießern nicht mehr aus. Er wird, na was schon?, Punk natürlich! Und er zieht, wohin schon? Klar, nach West-Berlin! Dort lebt sein Vater (Samuel Finzi), der frühere „Kassenwart der RAF“, als Lektor und Schriftsteller und hütet den Schatz der Terroristen, gut hunderttausend DM in Banknoten, die noch von einem Banküberfall mit Gudrun Ensslin stammen. Doch Robert, dem eine Laufbahn als Schriftsteller und Punkmusiker vorschwebt, sieht vom Vater zunächst keinen Pfennig. Stattdessen helfen ihm seine einzigen beiden Bekannten in Berlin auf die Sprünge: der Peepshow-Conférencier Schwarz (Wilson Gonzales Ochsenknecht) und der schwule Nazi und Bandleader Gries (Frederick Lau). Schwarz verschafft Robert seinen ersten Job im Erotik-Club am Bahnhof Zoo: Er muss die von den Kunden vollgespritzten Glasscheiben putzen und für die Striptease-Damen etwas zu essen herbeischaffen. Dabei macht er die intime Bekanntschaft gleich zweier blonder Sexbomben (Emilia Schüle und Anna-Maria Hirsch), die beide ungeheuer scharf auf ihn und später aufeinander eifersüchtig sind. Außerdem lässt Gries ihn noch in seiner Band Gitarre spielen. Als Wohnung dient Robert eine Art Kellerverschlag, an dessen Wand „No Future!“ gesprüht ist. Gemeinsam mit seinen Freunden stürzt er sich ins Berliner Nachtleben und begegnet dort neben anderen lebendigen Speed-Leichen den leibhaftigen Blixa Bargeld und Nick Cave, die hier als bizarre Witzfiguren auftreten. Und es passiert dann noch so viel Verrücktes, dass es hier nicht einmal ansatzweise wiedergegeben werden kann. Während man bei anderen Filmemachern mitunter einen Mangel an Ideen beklagen muss, leidet Oskar Roehler ganz eindeutig am Gegenteil davon: Über weite Strecken ist es bei ihm einfach zu viel des Guten! Doch Roehler kann nun einmal nicht anders. Bei ihm geht nur: schrill oder gar nicht. Amüsant ist das ganze aber allemal.
Tod den Hippies – Es lebe der Punk!
Deutschland 2015
Regie: Oskar Roehler
Drehbuch: Oskar Roehler
104 Minuten, FSK: 16
Darsteller: Tom Schilling, Frederick Lau, Wilson Gonzales Ochsenknecht, Hannelore Hoger, Samuel Finzi, Emilia Schüle, Anna-Maria Hirsch, Alexander Scheer u.v.a.
www.justament.de, 30.3.2015: Fünf Freunde
Recht cineastisch, Teil 21: „Als wir träumten“ von Andreas Dresen
Thomas Claer
Schon zweimal hat sich die Zusammenarbeit von Regisseur Andreas Dresen und Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase als Glücksfall erwiesen: in der Künstlerkomödie „Whisky, Wodka und Tango im Gesicht“ (2009) und im wunderbaren Prenzlauer Berg-Film „Sommer vorm Balkon“ (2006), vielleicht einem der schönsten Berlin-Filme überhaupt. Der 51-jährige Dresen und der 32 Jahre ältere Kohlhaase, haben, wie sie einmal selbst erklärten, „dieselbe Sicht auf die Welt“. Vielleicht liegt es ja an der Sozialisation beider im Osten, an der frühen Desillusionierung und an der doch strengen ästhetischen Schule. Kohlhaase: „Von Kunst wurde in der DDR viel erhofft – und zugleich viel befürchtet.” Typisch für beide ist der zarte Blick auf die kleinen Leute, die ewigen Verlierer. Nun haben sich Dresen und Kohlhaase also der Romanvorlage „Als wir träumten“ des gefeierten Leipziger Krawall-Poeten Clemens Meyer, 37, angenommen, in der dieser von seiner eigenen chaotischen Jugend in den Nachwendejahren berichtet. Man durfte gespannt sein, wie die beiden erprobten Leisetreter wohl mit diesem harten Action-Stoff zurechtkommen würden.
Die Geschichte geht so: Fünf Freunde, die schon seit Jahren gemeinsam die Schulbank gedrückt haben, werden als Jugendliche im Nachwende-Leipzig, das damals noch weit davon entfernt war, zum Hypezig, ja zum besseren Berlin geadelt zu werden, eine Straßengang, deren Leben sich vornehmlich um Kleinkriminalität, Alkohol, Drogen und Gewalt dreht. Mit großer Selbstverständlichkeit knacken sie Autos, rauben Supermärkte aus und zertrümmern reihenweise Schaufensterscheiben. Wie schon viele andere junge Leute vor ihnen fühlen sie sich als „die Größten“, doch gibt es in den Nachwende-Wirren kaum noch Autoritäten, die ihnen Grenzen setzen könnten. Besonders verstörend wirken die immer wieder eingeschobenen Rückblenden auf den einst gemeinsam erlebten sozialistischen Schulalltag. Welch ein Kontrast zur Zeit danach! (Unterschwellig klingt immer auch die Frage an, was eine autoritäre Erziehung mit jungen Menschen macht.) Doch ist nicht alles, was die Freunde tun, nur destruktiv. Sie gründen einen Underground-Techno-Club, es sind halt die frühen Neunziger, und bringen so einen kräftigen Schuss Hippness in ihre Metropole, die immerhin die zweitgrößte Stadt der DDR war. Doch es kommt, wie es kommen muss: Rivalisierende Neonazi-Schläger, die die fünf Freunde ohnehin von Anbeginn in ausgedehnte und brutale Revierkämpfe verwickelt haben, zertrümmern die coole Keller-Disco und machen dem Party-Spaß ein Ende. Natürlich kommt es noch viel schlimmer: Einer der Jungen krepiert an seinen Drogen. Sein dealender Freund, der ihm das Zeug verkauft hat, muss sich schuldig fühlen. Wiederum zwei andere der Freunde kommen wegen ihrer unzähligen Delikte ins Gefängnis. Erst im traurigen letzten Drittel des Films offenbart sich vollends die Handschrift von Regisseur und Drehbuchautor. Ein wilder und melancholischer Film über das Erwachsenwerden in Umbruchzeiten, über Freundschaft und Verrat.
Als wir träumten
Deutschland 2015
Regie: Andreas Dresen
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
Romanvorlage: Clemens Meyer
117 Minuten, FSK: 12
Darsteller: Merlin Rose, Julius Nitschkoff, Joel Basman, Marcel Heuperman, Frederic Haselon, Ruby O. Fee u.v.a.
www.justament.de, 16.3.2015: Exzentrische Diva
Scheiben vor Gericht Spezial: Zum 60. Geburtstag von Nina Hagen
Thomas Claer
Schon als ganz kleines Mädchen hat sie Opernsängerinnen imitiert. Später saß sie vor dem Berliner Ensemble auf dem Schoß des steinernen Bertolt Brecht und las dessen in Stein gemeißelte Zitate. Mit neun Jahren wurde Wolf Biermann ihr Stiefvater und brachte ihr das Gitarrespielen bei. Etwas anderes als eine große Karriere als Popstar ist für Nina Hagen nie in Frage gekommen. Und schon sehr früh wurde ihr klar, dass sie dazu raus musste, nur raus aus der kleinen, muffigen DDR, in der sie immer nur „die Tochter von Eva Maria Hagen“ war, aber doch immerhin 1974 schon ihren ersten Hit hatte: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nach Biermanns Ausbürgerung 1976 schrieb sie, darunter machte sie es nicht!, einen Brief an den Genossen Erich Honecker persönlich. Ein paar Monate später war sie bereits im Westen und quartierte sich zunächst ganz standesgemäß in einer prominenten Hamburger Künstler-WG ein. Ihre Mitbewohner hießen: Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und Otto Waalkes. Letzterer zeigte ihr Hamburg. Doch lange hielt sie es dort nicht aus. Es lockte – nach einem kurzen Intermezzo in London – der goldene Westen ihrer Heimatstadt Berlin. Sie gründete ihre erste Punkrockgruppe und brachte ihre einhellig gefeierte Debüt-Platte „Nina Hagen Band“ heraus, die zu drei Vierteln noch aus frühen Kompositionen aus dem Osten bestand. Unvergesslich sind ihre Provokationen in den folgenden Jahren. Die ganzen Achtziger hindurch sorgte sie für einen Skandal nach dem anderen: demonstrierte in einer spießigen österreichischen Talkshow die Techniken der weiblichen Selbstbefriedigung, nannte ihre Tochter Cosma Shiva, heiratete 1987 auf Ibizza einen 17-jährigen Punk (die Ehe hielt eine Woche). Auch ihre beiden darauffolgenden Ehemänner waren 15 und 22 Jahre jünger als sie selbst. Zuletzt war sie vor zehn Jahren mit einem 28 Jahre jüngeren Mann liiert. Seitdem hat sie, wie sie die Boulevardpresse vielfach wissen ließ, „keinen Mann mehr angefasst“, zumal sie ja mittlerweile auch zur strenggläubigen Christin mutiert ist. Ein legendäres Wortgefecht über UFOs lieferte sie sich 2005 in der Fernsehsendung „Maischberger“ mit der früheren Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth.
Das vielleicht Ungewöhnlichste an Nina Hagen ist jedoch, dass sie sich auch noch in fortgeschrittenem Alter kleidet und aufführt wie ein Clown. Am vergangenen Mittwoch ist die große exzentrische Diva der deutschen Popmusik 60 Jahre jung geworden. Das Urteil über ihre Debüt-LP „Nina Hagen Band“ aus dem Jahr 1978 lautet: gut (13 Punkte).
www.justament.de, 2.3.2015: Er nennt es Arbeit
Die Erfindung des Home-Office: Eine vergnüglich-böse Kurzgeschichte von Joris-Karl Huysmans aus dem Jahr 1888
Thomas Claer
Dem Verwaltungsjuristen Bougran ist übel mitgespielt worden. Wegen angeblicher „moralischer Invalidität“ hat man ihn nach über zwei Jahrzehnten im Ministerium mit gerade erst 50 Jahren vorzeitig zwangspensioniert. Aber alles ist streng nach Recht und Gesetz abgelaufen. Der Hintergrund ist, dass ein junger Günstling des Ministers auf einem lukrativen Posten untergebracht werden muss. Also wird Monsieur Bougran hinauskomplimentiert, seine Stelle abgeschafft und für den Novizen unter anderer Bezeichnung wieder neu eingerichtet. So ziemlich das Schlimmste, was man Menschen antun kann, ist es, ihnen Privilegien erst zu geben und sie ihnen später wieder wegzunehmen. Sie betrachten das dann zumeist als himmelschreiende Ungerechtigkeit und brechen darüber in großes Wehklagen aus. So auch Monsieur Bougran, die titelgebende Hauptperson in der nur 18 Seiten umfassenden Kurzgeschichte des großen französischen Romanautors Joris-Karl Huysmans (1848-1907), eines der maßgeblichen Wegbereiter der literarischen Moderne, aus dem Jahr 1888.
Huysmans hatte einen Ruf „als Kunstkritiker und leicht perverser Ästhet“, so Daniel Grojnowski in seinem vorzüglichen Nachwort, das die sehr gelungene Neuausgabe dieser Meistererzählung im Kleinverlag „Friedenauer Presse“ krönt, die seit 2012 inzwischen schon in mehreren Auflagen erschienen ist. Huysmans‘ Hauptantriebsfeder für all sein literarisches Schreiben soll seine vielfache Enttäuschung von den Frauen gewesen sein. Berühmt geworden ist er vor allem durch den Roman „Gegen den Strich“, in dem es um einen dekadenten und neurotischen jungen Aristokraten geht, der schließlich in geistiger Umnachtung versinkt. Der Erfolg von „Gegen den Strich“ hatte sich allerdings eher auf ein intellektuelles Publikum beschränkt. Daneben landete Huysmans mit einigen weniger ambitionierten Romanen, die heute fast völlig vergessen sind, auch mehrere Bestseller. Doch hatte er darüber hinaus noch einen „Brotberuf“, der es in sich hatte: Er war Beamter im Pariser Innenministerium und brachte es bis zum „Stellvertretenden Leiter des Politischen Büros der Direktion des Amtes für Öffentliche Sicherheit“. In seiner kleinen und überaus feinen Erzählung „Monsieur Bougran in Pension“ plaudert Huysmans also gewissermaßen aus dem Nähkästchen. Sehr anschaulich und pointiert berichtet der Autor darin vom Pariser Behördenalltag im ausgehenden 19. Jahrhundert. Und der Leser, vor dessen geistigem Auge ein lebendiges Bild von der streng reglementierten damaligen Verwaltung entsteht, fühlt sich trotz aller Unterschiede doch auch ein wenig an Fernsehserien wie „Stromberg“ und an eigene Erfahrungen in deutschen Amtsstuben erinnert. Wir wollen jetzt nicht spekulieren, wie viele von Huysmans‘ literarischen Werken während seiner Dienstzeit im Büro entstanden sind. Doch immerhin war es ihm nachweislich möglich, in der Arbeitszeit bedeutende Briefe an Schriftstellerkollegen zu verfassen.
Nun muss der weit eher zum Schriftsteller denn zum Bürokraten berufene Huysmans in der tristen Arbeitswelt mächtig gelitten haben. Sein einfacher gestrickter Erzählungsheld Bougran hingegen ist das, was man heute einen Workaholic nennt, und daher ob seiner Degradierung zum Frühpensionär völlig verzweifelt. Allein im Beruf findet er seine Bestimmung und Erfüllung. Er hat keine Freunde außer seinen Kollegen und keine Hobbies außer seiner Arbeit. Kurz, das Büro ist sein Leben. Und über den Verlust seiner alten geregelten Daseinsform kann ihn auch nicht die durchaus ordentliche Pension hinwegtrösten, die ihm jetzt zusteht. Jedoch blüht er regelrecht auf, als ihm auf einem seiner traurigen Spaziergänge durch Paris nach seiner Pensionierung der rettende Gedanke kommt: Er tapeziert das kleinste Zimmer seiner Wohnung auf exakt die gleiche Weise wie seinen früheren Büroraum, besorgt sich die entsprechenden Schreibtische, Stühle und Regale und stellt in diese irgendwelche alten Akten hinein. Vor allem aber sorgt er dafür, dass das Zimmer von nun an weder vernünftig gereinigt noch gelüftet wird, damit es dort schon bald so staubig riechen soll wie in seinem alten Büro – und fertig ist das perfekte Home-Office! Nein, noch nicht ganz. Er braucht ja noch etwas zu tun. Doch hierbei hilft er sich, indem er täglich fiktive Behördenbriefe verfasst und an sich selbst adressiert, die ihn dann am nächsten Tag wieder erreichen und beantwortet werden wollen und so fort. Doch merkt er schon nach kurzer Zeit, dass ihm noch etwas ganz Entscheidendes fehlt: der Klatsch und Tratsch mit den Kollegen. Aber auch diesem Mangel weiß er abzuhelfen. Kurzerhand gibt er seinem früheren alten, inzwischen ebenfalls pensionierten Bürodiener eine Anstellung bei sich, so dass dieser für ihn künftig alle Botengänge erledigen und ansonsten ausgedehnte Konversation mit ihm pflegen kann.
Natürlich ist das alles eine groteske Donquichotterie. Und dennoch hat Huysmans in seinem flüchtig verfassten Nebenwerk weit mehr geschaffen als eine bloße amüsante Parabel auf die damalige Büro-Arbeitswelt und ihre sinnentleerten Rituale. Vielleicht ganz ohne Absicht ist dabei auch eine ungemein moderne Figur entstanden: ein früher Vorläufer der heutigen urbanen Do-it-yourself-Klasse, die sich nicht mehr länger den Unzumutbarkeiten einer Angebot-und-Nachfrage-Arbeitswelt unterordnen mag, sondern sich – notfalls ohne Aussicht auf ein auskömmliches Einkommen – ihren Traum von der beruflichen Selbstverwirklichung erfüllt. „Wie nennt man einen arbeitslosen Journalisten?“, so lautete vor einigen Jahren ein weit verbreiteter Witz. Antwort: „Blogger.“ Womöglich sind das ja schon die Vorübungen für das langsam, aber sicher heraufziehende neue Zeitalter der Digitalisierung 3.0, in dem dann auch unzählige andere altvertraute Jobs irgendwann überflüssig werden.
Joris-Karl Huysmans
Monsieur Bougran in Pension
Friedenauer Presse 2012
32 Seiten (broschiert), EUR 9,50
ISBN-10: 3932109724
www.justament.de, 16.2.2015: Zustände wie in Neukölln?!
Der neue Berliner Wohnmarktreport liefert wieder brisantes Zahlenmaterial
Thomas Claer

Berlin-Neukölln (Foto: TC)
„Weiß jemand von euch, wo Zehlendorf liegt? War schon mal jemand von euch in Zehlendorf?“, fragt der Lehrer seine Neuköllner Schulklasse in Detlev Bucks grandiosem Film „Knallhart“ aus dem Jahr 2006, als ein neuer Schüler aus dem großbürgerlichen Zehlendorf im Berliner Südwesten die Klasse einer offenkundigen „Problemschule“ im damaligen „Problembezirk“ Nord-Neukölln betreten hat. Fast alle sind damit überfragt, nur einer weiß Bescheid: „Zehlendorf? Reiche Arschlochgegend!“, klärt er seine Mitschüler auf. Zu jener Zeit, die noch nicht einmal ein Jahrzehnt zurückliegt, waren das reiche Zehlendorf und das arme Migrantenviertel Neukölln annähernd die größten Gegensätze in Berlin. Bei den von den Vermietern verlangten Angebots-Kaltmieten auf dem Wohnungsmarkt lag Zehlendorf gleich hinter dem neureichen Trendbezirk Mitte an der Spitze der Berliner Alt-Bezirke. (Alt-Bezirke heißt: Man legt die 23 alten Bezirke von vor der Gebietsreform 2001 zugrunde und nicht die zwölf neuen Bezirke, die durch Zusammenlegungen von sozial z.T. sehr heterogenen Gebieten entstanden sind, was seitdem oft zu irreführenden Verzerrungen in den Statistiken geführt hat.) Neukölln lag damals – so gerechnet – knapp vor dem östlichen Plattenbaubezirk Marzahn (der fiktiven Heimat der mittlerweile zu Berühmtheit gelangten Komikerin Cindy) auf dem vorletzten Platz. Am Ende des Films „Knallhart“ ist der Protagonist (gespielt vom jungen David Kross) heilfroh, dass er das schreckliche Neukölln schnell wieder verlassen kann, da seine Mutter eine Wohnung im bürgerlichen Steglitz gefunden hat.
Inzwischen hat sich das Kräfteverhältnis auf dem Berliner Wohnungsmarkt nun aber, vorsichtig ausgedrückt, ein wenig verschoben:
Wohnkosten in Berliner Bezirken (Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008) nach Alt-Bezirken gem. Wohnmarktreport Berlin / eigenen Berechnungen
1. Mitte (Alt) (12,05/9,54/+26,3%/alternativ/repräsentativ)
2. Kreuzberg (10,92/6,37/+59,2%/alternativ/lebendig)
3. Prenzlauer Berg (10,44/7,32/+39,1%/alternativ/neubürgerlich)
4. Friedrichshain (10,00/6,60/+51,5%/alternativ/lebendig)
5. Wilmersdorf (9,82/8,06/+21,8%/großbürgerlich/bürgerlich)
6. Charlottenburg (9,56/7,24/+32,1%/großbürgerlich/lebendig)
7. Schöneberg (9,44/7,24/+26,8%/bürgerlich/lebendig)
8. Tiergarten (9,40/6,33/+39,0%/gemischt/lebendig)
9. Zehlendorf (9,32/7,94/+13,6%/großbürgerlich/bürgerlich)
10. Neukölln* (8,24/5,23/+57,5%/alternativ/proletarisch)
11. Steglitz (8,24/6,45/+27,7%/bürgerlich/kleinbürgerlich)
12. Weißensee (8,09/5,65/+43,2%/bürgerlich)
13. Lichtenberg (8,00/5,50/+45,5%/proletarisch/kleinbürgerl.)
14. Wedding (7,79/5,26/+48,1%/proletarisch/lebendig)
15. Köpenick (7,78/6,11/+17,7%/bürgerlich/proletarisch)
16. Pankow (7,75/5,99/+29,4%/bürgerlich/lebendig)
17. Tempelhof (7,47/5,82/+28,3%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
18. Treptow (7,34/5,47/+34,2%/proletarisch/lebendig)
19. Reinickendorf (7,15/5,76/+24,1%/kleinbürgerlich/bürgerlich)
20. Hohenschönhausen (7,00/5,96/+17,5%/proletarisch/gemischt)
21. Spandau (6,76/5,43/+24,5%/kleinbürgerlich/lebendig)
22. Hellersdorf (6,55/5,30/+23,6%/proletarisch/gemischt)
23. Marzahn (6,24/4,85/+28,7%/proletarisch/gemischt)
* Neukölln-Nord (9,18/5,08/+80,7%/alternativ/proletarisch)
Neukölln-Süd (7,03/5,41/+30,0%/kleinbürgerl./proletarisch)
Für Zehlendorf reicht es jetzt also nur noch zu einem guten Mittelplatz. Nun ist Zehlendorf zweifellos auch heute noch eine „reiche Arschlochgegend“. Die Solideren unter den dort ansässigen Vermögenden haben natürlich, um es James-Bond-haft auszudrücken, nicht gemietet, sondern gekauft. Und doch sagt es eine Menge über den dynamischen Wandel in Berlin aus, dass dieser Bezirk in den letzten sechs Jahren den prozentual niedrigsten Anstieg der Angebotskaltmieten – gerade einmal 13,6 Prozent – zu verzeichnen hatte. Nahezu alle Innenstadtbezirke sind mit Karacho an Zehlendorf vorbeigezogen, allen voran die heiß begehrten Szenelagen von Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain mit Zuwächsen von bis zu 59,2 Prozent in diesem Zeitraum.
Und was macht Neukölln? Innerhalb weniger Jahre ist es zum ausgesprochenen „place to be“ geworden. Zuerst kamen nur ein paar versprengte Künstler, die sich in die billigen leer stehenden Läden einmieteten. Dann wurde es zum Geheimtipp für die feierwütige Jugend der Welt. Schließlich gab es eine regelrechte Invasion. Längst ist Neukölln bei den Mieten an Steglitz vorbei- und mit Zehlendorf nahezu gleichgezogen. Mit Zuwächsen bei den Angebots-Kaltmieten von 80,7 Prozent im Sechsjahreszeitraum schießt die nunmehrige Hipster-Gegend Neukölln-Nord dabei den Vogel ab. Unter den zehn Postleitzahlgebieten mit dem stärksten Mietanstieg seit 2008 befinden sich acht aus Nord-Neukölln. (Und nahezu alle 30 Postleitzahlgebiete mit dem stärksten Mietanstieg liegen in der Innenstadt.)
Gebiete mit dem stärksten Anstieg der Angebotskaltmieten im Sechsjahreszeitraum
1. 12049 Hermannstraße West /Reuterkiez (Neukölln/10,00/5,10/+96,1%)
2. 12045 Sonnenallee Nord (Neukölln/10,00/5,20/+92,3%)
3. 12043 Rathaus Neukölln (Neukölln/9,54/5,00/+90,8%)
4. 12053 Rollbergstraße (Neukölln/9,32/4,90/+90,2%)
5. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
7. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
8. 12059 Weigandufer (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
9. 12055 Richardplatz (Neukölln/9,00/5,00/+80,0%)
10. 12051 Hermannstraße Süd (Neukölln/8,94/5,00/+78,8%)
11. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenb./11,79/6,60/+78,6%)
12. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
13. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
14. 10559 Stephanstraße (Moabit/Tiergarten/9,22/5,30/+74,0%)
15. 10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
16. 10551 Birkenstraße (Moabit/Tiergarten/8,96/5,40/+65,9%)
17. 13359 Soldiner Straße (Wedding/7,71/4,70/+64,0%)
18. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
19. 13357 Gesundbrunnen (Wedding/8,25/5,10/+61,7%)
20. 10827 Crellestraße/Kleistpark (Schöneberg/9,51/5,90/+61,2%)
21. 12526 Bohnsdorf/ Schönefeld (Köpenick/8,50/5,30/+60,4%)
22. 10553 Beusselstraße (Moabit/Tiergarten/8,15/5,10/+59,8%)
23. 10555 Alt-Moabit-West (Tiergarten/9,42/5,90/+59,7%)
24. 13351 Rehberge (Wedding/7,98/5,00/+59,6%)
25. 10823 Alt-Schöneberg /Eisenacher Str. (Schöneberg/10,00/6,30/+58,7%)
26. 10783 Bülowbogen/Bülowstraße (Schöneberg/8,76/5,60/+56,4%)
27. 10247 Samariterstraße (Friedrichshain/10,00/6,40/+56,2%)
28. 10365 Siegfriedstraße (Lichtenberg/8,04/5,20/+54,6%)
29. 10439 Arnimplatz (Prenzlauer Berg/10,00/6,50/+53,8%)
30. 12435 Treptower Park (Treptow/8,75/5,70/+53,6%)
Aber was ist denn nun aus der ausufernden Kriminalität in Neukölln geworden, den Problemschulen und den Jugendbanden? Das alles kann natürlich nicht von heute auf morgen völlig verschwinden, aber es wird angesichts des rasanten sozialen Wandels massiv zurückgedrängt. Jedenfalls redet davon heute kaum noch jemand – außer vielleicht auf PEGIDA-Demonstrationen und AfD-Parteitagen. Dort wurde in letzter Zeit oft gewarnt, es dürfe nicht zugelassen werden, dass sich „Zustände wie in Berlin-Neukölln“ in ganz Deutschland ausbreiten, womöglich noch in Dresden. Hier drängt sich allerdings der Verdacht auf, dass diese Leute in ihrer Argumentation nicht ganz auf dem neuesten Stand sind. Vielleicht sollten sie neben Sarrazin und Buschkowsky auch einfach mal den Berliner Wohnmarktreport lesen? Laut Wikipedia ist die zurückgetretene PEGIDA-Oberaktivistin Kathrin Oertel, die nun eine Bürgerbewegung „rechts von der CDU“ gegründet hat, ja als „freiberufliche Wirtschaftsberaterin und Immobiliensachverständige“ tätig. Doch zeugt es gewiss nicht von viel Sachverstand, generell einen Verfall der Immobilienpreise aufgrund von immer neuen Flüchtlingsheimen zu befürchten, wie es ja häufig aus der Ecke dieser „besorgten Bürger“ zu hören war. Für Berlin jedenfalls gilt: Wenn etwas die Explosion der Mieten und Immobilienpreise aufhalten kann, dann bestimmt nicht ein paar zusätzliche Flüchtlingsheime, sondern vielmehr die Aufmärsche der rechten Aktivisten, die eine durchaus abschreckende Wirkung auf internationale Investoren haben. Man kann nur hoffen, dass das die Gentrifizierungsgegner nicht mitbekommen…
Top 25 aller Postleitzahlbezirke nach Höhe der Angebotskaltmiete pro qm 2014/2008
1. 10117 Unter den Linden (Mitte/12,90/12,60/+2,4%)
2. 10178 Hackescher Markt/ Alexanderplatz (Mitte/12,50/10,30/+21,4%)
3. 10119 Rosenthaler Platz (Mitte/12,50/9,00/+38,9%)
4. 10627 Westliche Kantstr./ Bismarckstr. (Charlottenburg/11,79/6,60/+78,6%)
5. 10999 Görlitzer Park (Kreuzberg/11,71/6,20/+88,9%)
6. 10435 Kollwitzplatz (Prenzlauer Berg/11,66/8,60/+35,6%)
7. 10115 Chausseestraße (Mitte/11,53/8,40/+37,3%)
8. 10785 Potsdamer Platz (Tiergarten/11,25/7,80/+44,2%)
9. 10965 Mehringdamm / Bergmannstraße (Kreuzberg/11,21/6,30/+77,9%)
10. 10997 Wrangelstraße / Paul-Lincke-Ufer (Kreuzberg/11,15/6,30/+77,0%)
11. 10707 Olivaer Platz / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/11,14/8,40/+32,6%)
12. 14195 Dahlem (Zehlendorf/11,11/9,40/+18,2%)
13. 10623 Savignyplatz (Charlottenburg/11,01/9,00/+22,4%)
14. 10405 Prenzlauer Allee (Prenzlauer Berg/11,00/7,80/+41,0%)
15. 10961 Gneisenaustraße (Kreuzberg/11,00/6,80/+61,8%)
16. 10629 Sybelstraße/ Kurfürstendamm (Charlottenburg/10,95/9,00/+21,7%)
17. 10969 Prinzenstraße (Kreuzberg/10,90/6,00/+81,7%)
18. 10719 Ludwigkirchplatz/ Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,91/9,70/+12,5%)
19. 10179 Jannowitzbrücke (Mitte/10,84/7,40/+46,5%)
20. 10437 Helmholtzplatz (Prenzlauer Berg/10,70/7,70/+39,0%)
21. 14193 Grunewald (Wilmersdorf/10,63/10,60/+0,3%)
22 .10967 Graefestraße (Kreuzberg/10,50/6,30/+66,7%)
23. 12047 Maybachufer („Kreuzkölln“) (Neukölln/10,37/5,50/+88,5%)
24. 10777 Viktoria-Luise-Platz (Schöneberg/10,37/7,60/+36,4%)
25. 10789 Tauentzienstr. / Kurfürstendamm (Wilmersdorf/10,25/9,10/+12,6%)
Reichlich befremdlich ist es, den Klängen von „Vulnicura“ zu lauschen, Björks neuer Veröffentlichung, auf der die unvergängliche Popprinzessin aus Island – wie es heißt – die Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten, dem amerikanischen Installations- und Performancekünstler Matthew Barney, künstlerisch verarbeitet. Es ist, so kommt es einem zumindest beim ersten flüchtigen Durchhören vor, ein einziges Heulen und Wehklagen. Nun mag man es grundsätzlich problematisch finden, wenn eine Sängerin ihr Privatleben derart öffentlich ausstellt. Doch wem, wenn nicht Björk, würden wir selbst so etwas immer wieder verzeihen. Lässt man sich nämlich erst einmal näher auf dieses merkwürdige Album ein, so ist man am Ende doch wieder hin und weg von der emotionalen Intensität dieser Dame (die übrigens in diesem Jahr ihren 50. Geburtstag begehen wird). Glücklicherweise fehlen diesmal die allzu überladenen Programmierungen des wenig überzeugenden Vorgänger-Albums „Biophilia“ und der ganze Multimedia-Schnickschnack. Die Arrangements der Songs sind im Wesentlichen auf Streicher und Computerdrums reduziert. So steht mehr denn je Björks noch immer überwältigende Stimme im Vordergrund, was manchen Liedern des Albums sehr gut tut, in anderen aber, insbesondere wenn mehrere Tonspuren übereinandergelegt sind und auch noch weiblicher Chorgesang ins Spiel kommt, eher bedenklich ist. Die CD beginnt mit „Stonemilker“ und „Lionsong“, zwei gelungenen Popsongs, die ziemlich viel von dem enthalten, wofür wir Björk über die Jahre so abgöttisch geliebt haben. Höhepunkt des Albums ist dann das einfach nur ergreifende „Black Lake“, in das Björk all ihren tiefen schönen Schmerz legt. Passend hierzu posiert sie auf der Cover-Abbildung mit aufgeschlitztem Brustkorb, als hätte ihr jemand das Herz aus dem lebendigen Leibe herausgerissen und nur eine klaffende Wunde zurückgelassen. Was muss dieser Matthew Barney, mit dem sie jetzt gerichtlich über das Sorgerecht für die gemeinsame Tochter streitet, bloß für ein Mistkerl sein, denkt man sich. Andererseits kann man es sich aber auch gut vorstellen, wie anstrengend es sein muss, eine Frau wie Björk immer um sich zu haben… Jedenfalls lässt das Album in der zweiten Hälfte dann doch etwas nach. Insbesondere der Song „Mouth Mantra“, schon der Name spricht Bände, kann einem mächtig auf den Zeiger gehen. Dennoch lautet das Urteil: voll befriedigend (11 Punkte).