Tag Archives: Dirk v. Lowtzow

www.justament.de, 19.2.2018: Der aus dem Reihenhaus

Tocotronic auf ihrer zwölften Platte „Die Unendlichkeit“

Thomas Claer

Das Problem bei Tocotronic ist: Ihr Sänger Dirk v. Lowtzow hat einen weichen, mitunter larmoyanten Gesangsstil. Das passt sehr gut (kontrapunktisch) inmitten eines lärmenden Gitarrensounds, und noch besser passte es in Verbindung mit jugendlicher Unbekümmertheit (oder auch jugendbedingter Bekümmertheit) und sehr direkten, griffigen, parolenhaften Texten wie auf den ersten Tocotronic-Alben vor zwei Jahrzehnten. Weit weniger gut passt dieser Gesangsstil allerdings zu glatten, überproduzierten Songs mit abstrakten Texten. Und hier war bereits das weiße Album aus dem Jahr 2000 mit Songzeilen wie „Eines ist jetzt sicher/ Eins zu eins ist jetzt vorbei“ eine Art Sündenfall, von dem sich die Band bis heute nicht erholt hat. Denn das textliche „Eins zu eins“ konnten und können sie entschieden besser. Zwar gab es auch in den Jahren danach immer mal wieder Höhepunkte: „Pure Vernunft darf niemals siegen“ (2005) war nicht ganz schlecht, sogar recht ansprechend war das Album „Kapitulation“ (2007) mit musikalischen Anklängen an The Smiths / Morrissey (wobei sich letzterer längst in einer ähnlichen künstlerischen Falle wie Tocotronic befindet, um von seinen aktuellen politischen Verirrungen gar nicht erst zu reden). Auch „Wie wir leben wollen“ (2013) hatte gelungene Momente. Doch hätten diese Platten – wie eigentlich alle Tocotronic-Veröffentlichungen seit dem Jahr 2000 – weitaus mehr überzeugt, wären sie ohne all den überflüssigen Zuckerguss, gleichsam in der Garage eingespielt worden. Mit Tocotronic ist es wie mit einer alten Geliebten, die man gelegentlich noch trifft und die einem in immer neuen und aufwendigeren Outfits und Zurechtmachungen begegnet; dabei hätte man sie doch viel lieber pur und ungeschminkt.

Das neue, inzwischen zwölfte Album der Band, „Die Unendlichkeit“, stellt nun immerhin einen Schritt in die richtige Richtung dar. In jedem Falle gilt dies inhaltlich, denn diese Platte ist eine Art gesungene Autobiographie des Sängers Dirk v. Lowtzow. In chronologischer Reihenfolge erzählen die Songs dieser Platte von Lowtzows Werdegang, und das fast so direkt und unverblümt wie früher, wenn auch (natürlich) leider nicht mehr so unbekümmert wie im Frühwerk der Band. Und die Texte lassen tief blicken, berichten von den schweren Anfängen dieser Künstlerexistenz. Nicht etwa in einem Schloss, wie man glauben könnte, oder wenigstens in einem angesagten Szeneviertel einer Großstadt ist dieser spätere Coolness-Trendsetter aufgewachsen, nein – horribile dictu – in einem Reihenhaus in einer süddeutschen Kleinstadt. Auch der anschließende Studienort Freiburg kommt auf dem Album nicht gut weg und wird als „Schwarzwaldhölle“ geschmäht. Die Erlösung wird dann im Song „1993“ beschrieben bzw. besungen: das Ankommen in Hamburg – und in der dortigen „Schule“, versteht sich. Der spätere Ortswechsel nach Berlin war dann nur noch das Sahnehäubchen.
Musikalisch lässt „Die Unendlichkeit“ ebenfalls einen Aufwärtstrend erkennen. Solides Songwriting, eingängige Melodien. Nur leider haben sie sich auch diesmal in der Produktion verhoben und dadurch einmal mehr ihre Musik verschlimmbesssert. „Alles, was ich immer wollte, war alles“ heißt es im letzten Song. Dabei wäre weniger wirklich mehr gewesen. Jeder Albumtitel soll im musikalischen Gewand seiner jeweiligen Zeit erscheinen und ist zu diesem Zwecke endlos durch diverse Studio-Klangmühlen gedreht worden. Nun ja, irgendwie müssen sie die Millionen-Einnahmen aus ihren Plattenverkäufen wohl auch wieder unter das Volk bringen…

Was allerdings unerträglich ist, ist das ausufernde Geschwätz der Musikpresse und der Feuilletons über diese angeblich so kluge Band und ihren „Diskursrock“. Man tut den Tocos sicherlich keinen Gefallen damit, sie zu tiefsinnigen Intellektuellen aufzublasen. „Es ist einfach Rockmusik“ heißt ein Songtitel aus den frühen Jahren. Das trifft es besser. Das Urteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).

Tocotronic
Die Unendlichkeit
Vertigo Berlin 2017
ASIN: B0775ZP3VC

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www.justament.de, 18.5.2015: Dirk mag sich einfach nicht mehr so

Tocotronic mit ihrem elften, dem „roten“ Album

Thomas Claer

tocoRein optisch ist das neue Tocotronic-Album in seinem knallroten Cover ja eine durchaus runde Sache geworden, und auch die Marketing-Abteilung hat ganze Arbeit geleistet, wie das Erscheinungsdatum 1. Mai samt abendlichem Konzert im Kreuzberger SO36 beweist. Doch geht es inhaltlich auf der elften Platte der Tocos in über 20 Jahren Bandgeschichte mitnichten um den politischen Kampf oder gar die Arbeiterbewegung. (Man hätte es den Männern um Bandleader Dirk v. Lowtzow, seines Zeichens der Spross eines alten deutschen Landadelsgeschlechts mit Stammsitz in Mecklenburg, trotz mancher Flirts mit dem Salonbolschewismus in der Vergangenheit auch nicht so recht abgenommen.) Nein, das Thema des „roten Albums“ soll nicht weniger sein als: „die Liebe“.
Um gleich mit dem Positiven zu beginnen: Die Texte enthalten hin und wieder einige recht gelungene Passagen wie  „Unter deiner Decke fasst mich das Chaos an“ oder auch „Ein Geheimnis vertraue ich dir noch an: Ich bin leicht zu haben / Nimm dir, was du kriegen kannst!“. Doch leider lässt die musikalische Umsetzung mal wieder sehr zu wünschen übrig. Man kann es ja verstehen, dass sich die Band nach all den Jahren nicht mehr ständig wiederholen, sondern ab und zu auch etwas Neues ausprobieren will. Aber musste sie wirklich solche Unmengen Weichspüler in ihre Songs schütten, dass man glauben muss, man hätte sich auf ein Schlagerfestival verirrt? Mit traumwandlerischer Sicherheit wurde auch diesmal wieder ausgerechnet einer der schwächsten Titel des Albums zur Single gemacht: „Die Erwachsenen“. Nicht der aus der Feder eines 44-Jährigen reichlich alberne, wenn auch in der Sache nicht ganz unzutreffende Text („Man kann den Erwachsenen nicht trauen“) ist hier das Problem, sondern die unerträglich kitschige Musik, wie ironisch sie auch immer gemeint sein mag. Es ist wirklich nur zum Weglaufen. Eine besonders schlimme Vorstellung ist es, dass sich davon womöglich junge Leute angesprochen fühlen könnten, die ja inzwischen bekanntlich eher wieder die seichten Klänge lieben, während sie z.B. krachenden Punkrock als die altmodische Musik ihrer Großeltern verspotten.
Allenfalls dem Auftaktsong, dem elektronisch instrumentierten, wenn auch textlich etwas rätselhaften „Prolog“, lässt sich noch etwas abgewinnen. Einen überraschenden Lichtblick gibt es dann aber immerhin ganz am Ende der CD – oder besser gesagt: nach ihrem regulären Ende: den „hidden Track“ „Ich hab ein Date mit Dirk“. Der ist zwar nicht weniger weichlich und verrätselt als die meisten anderen Stücke dieses Tonträgers, doch sorgen hier zielsichere Selbstironie und -kritik endlich einmal für einen überzeugenden Kontrapunkt. Der volle Text lautet: „Ich hab ein Date mit Dirk am ersten Frühlingstag/ Ich will wissen, ob er mich noch mag“. Die naheliegendste Interpretation dieser Zeile ist selbstverständlich die, dass das lyrische Ich hier gedanklich seinem früheren jugendlichen „alter ego“ begegnet (angeregt von Proust, das ist ja klar) und sich die bange Frage stellt, ob es von diesem wohl noch gemocht wird. Im Song bleibt es offen, aber wir kennen die Antwort schon: Nein, Dirk, dein früheres Ich würde dir angesichts dieser Platte vermutlich ein „Ich mag dich einfach nicht mehr so“ entgegennölen. Das Urteil lautet: 7 Punkte (befriedrigend).

Tocotronic
Tocotronic („Das rote Album“)
Vertigo Berlin (Universal Music) 2015
ASIN: B00U9XT7MK

PS: Ohne jede Einschränkung empfehlen wir jedoch weiterhin das grandiose Frühwerk der Band aus den Neunzigern, also die Scheiben „Digital ist besser“, „Nach der verlorenen Zeit“, „Wir kommen um uns zu beschweren“, „Es ist egal aber“ und „K.O.O.K.“, sowie ihre stärkste Platte aus den Nullerjahren „Kapitulation“.