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www.justament.de, 16.3.2015: Exzentrische Diva

Scheiben vor Gericht Spezial: Zum 60. Geburtstag von Nina Hagen

Thomas Claer

nina-hagen-coverSchon als ganz kleines Mädchen hat sie Opernsängerinnen imitiert. Später saß sie vor dem Berliner Ensemble auf dem Schoß des steinernen Bertolt Brecht und las dessen in Stein gemeißelte Zitate. Mit neun Jahren wurde Wolf Biermann ihr Stiefvater und brachte ihr das Gitarrespielen bei. Etwas anderes als eine große Karriere als Popstar ist für Nina Hagen nie in Frage gekommen. Und schon sehr früh wurde ihr klar, dass sie dazu raus musste, nur raus aus der kleinen, muffigen DDR, in der sie immer nur „die Tochter von Eva Maria Hagen“ war, aber doch immerhin 1974 schon ihren ersten Hit hatte: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nach Biermanns Ausbürgerung 1976 schrieb sie, darunter machte sie es nicht!, einen Brief an den Genossen Erich Honecker persönlich. Ein paar Monate später war sie bereits im Westen und quartierte sich zunächst ganz standesgemäß in einer prominenten Hamburger Künstler-WG ein. Ihre Mitbewohner hießen: Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und Otto Waalkes. Letzterer zeigte ihr Hamburg. Doch lange hielt sie es dort nicht aus. Es lockte – nach einem kurzen Intermezzo in London – der goldene Westen ihrer Heimatstadt Berlin. Sie gründete ihre erste Punkrockgruppe und brachte ihre einhellig gefeierte Debüt-Platte „Nina Hagen Band“ heraus, die zu drei Vierteln noch aus frühen Kompositionen aus dem Osten bestand. Unvergesslich sind ihre Provokationen in den folgenden Jahren. Die ganzen Achtziger hindurch sorgte sie für einen Skandal nach dem anderen: demonstrierte in einer spießigen österreichischen Talkshow die Techniken der weibliche Selbstbefriedigung, nannte ihre Tochter Cosma Shiva, heiratete 1987 auf Ibizza einen 17-jährigen Punk (die Ehe hielt eine Woche). Auch ihre beiden darauffolgenden Ehemänner waren 15 und 22 Jahre jünger als sie selbst. Zuletzt war sie vor zehn Jahren mit einem 28 Jahre jüngeren Mann liiert. Seitdem hat sie, wie sie die Boulevardpresse vielfach wissen ließ, „keinen Mann mehr angefasst“, zumal sie ja mittlerweile auch zur strenggläubigen Christin mutiert ist. Ein legendäres Wortgefecht über UFOs lieferte sie sich 2005 in der Fernsehsendung „Maischberger“ mit der früheren Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth.
Das vielleicht Ungewöhnlichste an Nina Hagen ist jedoch, dass sie sich auch noch in fortgeschrittenem Alter kleidet und aufführt wie ein Clown. Am vergangenen Mittwoch ist die große exzentrische Diva der deutschen Popmusik 60 Jahre jung geworden. Das Urteil über ihre Debüt-LP „Nina Hagen Band“ aus dem Jahr 1978 lautet: gut (13 Punkte).

Justament März 2011: Fromme Rehabilitierung

Nina Hagen entdeckt ihren “Personal Jesus”

Thomas Claer

23 SCHEIBEN TC Nina HagenIn Würde zu altern, das ist die große Herausforderung für so viele Rock’n Roll-Helden von einst. Doch kann man nicht unbedingt behaupten, dass dies Nina Hagen, inzwischen auch schon 55, besonders gut gelungen wäre. Wenn sie in den letzten Jahren ein ums andere Mal durch mittelmäßige Fernsehshows tingelte und wild grimassierend von UFOs und Erleuchtung schwadronierte, sich schließlich sogar für menschenverachtende Casting-Shows im Privatfernsehen hergab, dann dachte man nur mit Wehmut an die rebellische junge Frau von ehedem, die eine so einzig- wie großartige Mischung aus Komik und Erotik verkörperte. Vom launisch-frechen DDR-Schlagersternchen (“Du hast den Farbfilm vergessen”) wandelte sie sich nach ihrer Übersiedlung in den Westteil Berlins schnell zur exzentrischen Punk-Diva, die 1978 mit “Nina Hagen Band” eines der stärksten deutschen Punk-Alben aller Zeiten herausbrachte. Sie sang darauf vom Klo auf’m Bahnhof-Zoo, vom Farbfernsehen zwischen Ost und West und vom Feminismus (“Ich bin nicht deine Fickmaschine”), fühlte sich “unbeschreiblich weiblich” und war dabei immer “sooo heiß” … einfach unvergesslich!
Nun ist Nina Hagen also, ausgerechnet sie, die notorische Autoritätenverspotterin!, irgendwie auf die christliche Schiene gekommen. “Personal Jesus” ist die Zusammenstellung von 13 Hagenschen Neuinterpretationen bekannter (ganz überwiegend amerikanischer Gospel-) Songs aus (ganz überwiegend) längst vergangenen Zeiten. Und das vage Misstrauen des Rezensenten findet umgehend Bestätigung: Die etwas dümmliche Fröhlichkeit der meisten dieser Nummern kann einem schon nach kurzer Zeit auf den Wecker fallen, ganz zu schweigen von ihrem oft einfältigen Inhalt. Unwillkürlich fühlt man sich an die “Jungen Christen” in der Comedy-Sendung Switch, an Sarah Palin und die amerikanische Tea Party-Bewegung erinnert. Seine starken Momente hat das Album hingegen, wenn es musikalisch in Richtung Pop, Jazz oder Blues geht. “Personal Jesus” von Depeche Mode ist eben einfach ein echt starker Song, dessen Nina-Adaption sich dem Original nahezu als ebenbürtig erweist. Auch “Sometimes I ring up heaven” lässt sich hören und ganz besonders das mindestens 70 Jahre alte “Mean old world”. Hier stimmt einfach alles, auch Ninas verrauchte Stimme, die allerdings eindringlich vor Augen bzw. Ohren führt, wohin jahrzehntelanger Nikotin-Abusus führen kann. Positiv anzumerken ist schließlich noch, dass die CD, was bei einer unrettbaren Ulknudel wie Nina Hagen schon etwas heißen will, völlig ohne Blödeleien auskommt. Gut, dass jemand sie gebremst hat. Das Gesamturteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).

Nina Hagen
Personal Jesus
Koch Universal Music (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003M8DV5S