Tag Archives: 60. Geburtstag

justament.de, 21.9.2026: Altes Mädchen

Scheiben Spezial: Holly Golightly zum Sechzigsten

Thomas Claer

Sie war schon immer das etwas aufgekratzte Mädchen mit der rauchigen Stimme. Zu ihrem ungewöhnlichen Namen, der tatsächlich ihr richtiger Name und kein Künstlername ist, kam sie, weil Ihre Mutter ein großer Fan der berühmten Hauptfigur Holly Golightly aus Truman Capotes Roman “Frühstück bei Tiffany” (und der gleichnamigen Verfilmung mit Audrey Hepburn von 1961) war. Begeistert von dieser Roman- und Filmfigur entschied sich die Mutter, ihre Tochter vor sechzig Jahren nach jener zu benennen. Und so musste Holly Golightly Smith zu Beginn ihrer musikalischen Karriere in London Anfang der Neunziger in der Band “Thee Headcoatees” nur noch ihren Allerweltsfamiliennamen Smith weglassen – und die Musikerin Holly Golightly war geboren, genauer gesagt: hatte sich selbst erfunden und erschaffen.

“Thee Headcoatees” spielten eine rohe Mischung aus Garagenrock, Girl-Group-Pop der 1960er-Jahre und Punk. Holly Golightlys Solokarriere begann bereits Mitte der Neunzigerjahre, also noch während sie (bis 1999) parallel bei “Thee Headcoatees” aktiv war. Ohne ihre lärmigen Bandkolleginnen ließ sie es vergleichsweise ruhiger angehen, wobei ihr Repertoire eine Mischung aus akustischem Blues und Jazz, 1960er-Jahre Folk, Soul und traditionellem Country war. 1995 veröffentlichte sie ihr Debütalbum “The Good Things”, dem noch 12 weitere Platten folgen sollten. Den Höhepunkt ihrer Popularität erreichte sie in den frühen Nullerjahren durch ihre Zusammenarbeit mit den White Stripes. Kurz gesagt, Holly Golightly sollte man unbedingt kennen.

Leider kannte ich sie aber bis vor wenigen Monaten noch gar nicht. Und so beschritt ich den Königsweg, um Holly Golightly kennenzulernen und erwarb ihr ausgezeichnetes Compilation-Album mit dem programmatischen Titel “My First Holly Golightly Album” aus dem Jahr 2005, das weitgehend ihr damaliges Live-Programm enthält. Holly Golightly, das muss man wissen, vermischt auf fast allen ihren Soloalben eigene Songs mit Coverversionen. Sie gilt als leidenschaftliche Sammlerin und Interpretin alter, oft obskurer Blues-, Country-, R&B- und Folk-Klassiker. Und da ihre Live-Auftritte traditionell stark auf ihren liebsten Oldies, Blues- und Garage-Covers basieren, ist der Anteil an Fremdkompositionen auf “My First Holly Golightly Album” besonders hoch: Von den 17 Tracks wurden nur fünf von ihr selbst geschrieben. Gleichwohl macht sie durch ihre einzigartigen Interpretationen alle diese Lieder  überzeugend zu ihren eigenen. Die Grundstimmung des Albums ist fröhlich, beinahe überschwänglich. Und doch sind die beiden stärksten Songs der Platte – jedenfalls für mich – eher traurig und ernst: “Your Love is Mine” (Original von Ike Turner, also ausgerechnet von Tina Turners prügelndem Ex-Mann!) und “My Love is” (Original von Billy Myles), das 1960 mal ein Hit war. Alles Gute, Holly Golightly, zum Sechzigsten!

Holly Golightly
My First Holly Golightly Album
Damaged Good Records 2005

www.justament.de, 16.3.2015: Exzentrische Diva

Scheiben vor Gericht Spezial: Zum 60. Geburtstag von Nina Hagen

Thomas Claer

nina-hagen-coverSchon als ganz kleines Mädchen hat sie Opernsängerinnen imitiert. Später saß sie vor dem Berliner Ensemble auf dem Schoß des steinernen Bertolt Brecht und las dessen in Stein gemeißelte Zitate. Mit neun Jahren wurde Wolf Biermann ihr Stiefvater und brachte ihr das Gitarrespielen bei. Etwas anderes als eine große Karriere als Popstar ist für Nina Hagen nie in Frage gekommen. Und schon sehr früh wurde ihr klar, dass sie dazu raus musste, nur raus aus der kleinen, muffigen DDR, in der sie immer nur „die Tochter von Eva Maria Hagen“ war, aber doch immerhin 1974 schon ihren ersten Hit hatte: „Du hast den Farbfilm vergessen“. Nach Biermanns Ausbürgerung 1976 schrieb sie, darunter machte sie es nicht!, einen Brief an den Genossen Erich Honecker persönlich. Ein paar Monate später war sie bereits im Westen und quartierte sich zunächst ganz standesgemäß in einer prominenten Hamburger Künstler-WG ein. Ihre Mitbewohner hießen: Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen und Otto Waalkes. Letzterer zeigte ihr Hamburg. Doch lange hielt sie es dort nicht aus. Es lockte – nach einem kurzen Intermezzo in London – der goldene Westen ihrer Heimatstadt Berlin. Sie gründete ihre erste Punkrockgruppe und brachte ihre einhellig gefeierte Debüt-Platte „Nina Hagen Band“ heraus, die zu drei Vierteln noch aus frühen Kompositionen aus dem Osten bestand. Unvergesslich sind ihre Provokationen in den folgenden Jahren. Die ganzen Achtziger hindurch sorgte sie für einen Skandal nach dem anderen: demonstrierte in einer spießigen österreichischen Talkshow die Techniken der weiblichen Selbstbefriedigung, nannte ihre Tochter Cosma Shiva, heiratete 1987 auf Ibizza einen 17-jährigen Punk (die Ehe hielt eine Woche). Auch ihre beiden darauffolgenden Ehemänner waren 15 und 22 Jahre jünger als sie selbst. Zuletzt war sie vor zehn Jahren mit einem 28 Jahre jüngeren Mann liiert. Seitdem hat sie, wie sie die Boulevardpresse vielfach wissen ließ, „keinen Mann mehr angefasst“, zumal sie ja mittlerweile auch zur strenggläubigen Christin mutiert ist. Ein legendäres Wortgefecht über UFOs lieferte sie sich 2005 in der Fernsehsendung „Maischberger“ mit der früheren Grünen-Politikerin Jutta Ditfurth.
Das vielleicht Ungewöhnlichste an Nina Hagen ist jedoch, dass sie sich auch noch in fortgeschrittenem Alter kleidet und aufführt wie ein Clown. Am vergangenen Mittwoch ist die große exzentrische Diva der deutschen Popmusik 60 Jahre jung geworden. Das Urteil über ihre Debüt-LP „Nina Hagen Band“ aus dem Jahr 1978 lautet: gut (13 Punkte).