www.justament.de, 8.2.2016: Man liebt nur, was man nicht besitzt
Band 5 der „Recherche“ von Marcel Proust, „Die Gefangene“, widmet sich den Tücken der Zweisamkeit
Thomas Claer
Als ausdauernder Leser der “Suche nach der verlorenen Zeit” von Marcel Proust konnte man sich nach dem vierten der sieben Bände, „Sodom und Gomorra“, schon einmal die Frage stellen, wie es handlungstechnisch nun eigentlich noch über drei volle Bände weitergehen sollte. Klar, im siebten und letzten Band, der „Wiedergefundenen Zeit“, werden sich alle Kreise schließen, doch wie würden sich wohl Band 5 und 6 entwickeln, wo doch die Heirat zwischen Marcel und Albertine am Ende von Band 4 bereits ausgemachte Sache ist? Schließlich heißt es bei Kurt Tucholsky ganz treffend: „Es wird nach einem happy end/ Im Film jewöhnlich abjeblendt“. Soll nun etwa, so fragt man sich ein wenig irritiert, abweichend von dieser Regel ausgerechnet das Eheleben der beiden Protagonisten vor dem Leser ausgebreitet werden, obgleich doch schon ebenjener Tucholsky erkannte: „Die Ehe ist zum jrößten Teile/ Vabrühte Milch und Langeweile“?
Nein, soweit darf es bei Proust natürlich nicht kommen. Die Handlung in „Die Gefangene“ setzt erst einige Jahre nach Marcels Entschluss, Albertine zu heiraten, in Paris wieder ein. Die beiden leben schon seit längerem in Marcels Elternhaus zusammen, allerdings ohne dass sie verheiratet wären. Marcel hält Albertine gewissermaßen hin. Sie ist jetzt etwa Mitte, er vielleicht schon Ende zwanzig. Albertine ist offensichtlich sehr an einer Heirat mit Marcel interessiert, schließlich ist er für sie eine glänzende Partie, doch spricht sie dies wohlweislich niemals aus, um ihre Ambitionen nicht zu gefährden. Vielleicht macht sie sich aber auch schlicht keine großen Gedanken darüber, der Leser erfährt im Wesentlichen nur Marcels Sicht auf die Dinge. Dessen ohnehin für die damalige Zeit – die Handlung spielt im frühen 20. Jh. – bemerkenswert lockeren großbürgerlichen Eltern lassen ihn auch in dieser Frage völlig frei gewähren. Zumal sie, was dem jungen Paar entgegenkommt, zur Zeit der Romanhandlung gerade abwesend sind. Marcels Mutter kümmert sich um die nach dem Tod von Marcels Großmutter allein auf sich gestellte kränkliche Tante in Combray. Marcels Vater, der – im krassen Gegensatz zu seinem Sohn! – pausenlos arbeitet, tritt überhaupt nicht in Erscheinung.
Das schöne Leben zu zweit
So gestaltet sich das Leben der jungen Leute überaus angenehm. Einer „geregelten Tätigkeit“ im eigentlichen Sinne gehen beide nicht nach. Für Albertine ist dies ohnehin nicht vorgesehen, Marcel verfolgt weiter den vagen Wunsch, Schriftsteller zu werden. Zwischenzeitlich hat er immerhin schon „einige Blätter“ geschrieben, und zwar eine Erzählung über den mittlerweile verstorbenen Swann und die Unmöglichkeit seines Verzichts auf Odette. Auch im Haushalt ist für die beiden nichts zu tun, da die Dienerin Francoise alle anfallenden Arbeiten verrichtet. Und außerdem räumt Francoise stets auf, was insbesondere Albertine an Unordnung produziert. Marcel kommentiert das mit den Worten: „Ich glaube, dass Albertine Mama unerträglich gewesen wäre, da diese … Gewohnheiten der Ordnung bewahrt hatte, von denen meiner Freundin die elementarsten Grundbegriffe fehlten.“ Für Ausfahrten steht ein Automobil mit Chauffeur zur Verfügung. Selbstverständlich bestehen finanziell keinerlei Beschränkungen. Nur einmal seufzt Marcels Mutter beiläufig in einem ihrer Briefe an ihn: „Wo geht nur das ganze Geld bei dir hin?“
Die Wohnsituation für die jungen Herrschaften in der Stadtvilla von Marcels Eltern kann als äußerst komfortabel bezeichnet werden. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit eigenem Bad und eigener Ankleide. Besonders großen Wert legt Marcel allerdings darauf, dass man ihn morgens immer ausschlafen lässt. Niemand, weder Albertine noch die Dienerin, darf ihn wecken, bevor er selbst das Glöckchen nach der Hausangestellten geläutet hat. (Ja, das tägliche Ausschlafenkönnen ist in der Tat so ziemlich der größte Luxus, den ein Mensch sich leisten kann. Vom eingangs erwähnten Kurt Tucholsky stammt der schöne Ausspruch: „Das Stigma aller Unterdrückten: früh aufstehen müssen.“) Überhaupt ist Marcel, was das Schlafen angeht (wie auch sonst), ein Genießer: „Der Schlaf ist göttlich, aber wenig dauerhaft; beim leisesten Anstoß verflüchtigt er sich. … Wie in der Musik bestimmte bei diesen verschiedenen Arten von Schlaf die Erhöhung oder Verminderung eines Intervalls die Schönheit.“ Und wenn Marcel nicht schläft, bleibt er auch gerne, besonders bei schönem Wetter, stundenlang im Bett liegen, ist dann für niemanden zu sprechen und durchlebt „Erinnerungsräusche“: „An diesem heiteren Sonnentag von morgens bis abends mit geschlossenen Augen liegenzubleiben, war eine ebenso erlaubte, gebräuchliche, heilsame, angenehme, der Jahreszeit entsprechende Sache, wie die Fensterläden gegen Hitze geschlossen zu halten. … Indem ich träge von Tag zu Tag weiterschiffte wie auf einem Kahn und vor mir immer neue verzauberte Erinnerungen auftauchen sah, die ich nicht selbst auswählte, sondern die, im Augenblick zuvor noch unsichtbar, mir von meinem Gedächtnis nacheinander angeboten wurden, ohne dass ich sie mir etwa aussuchen konnte, setzte ich träge in diesen immer gleichen Räumen meine Spazierfahrt in der Sonne fort.“
Nun kann man Marcels Gewohnheiten für dekadent halten, doch „der Snobismus ist zwar eine ernste Krankheit der Seele, aber örtlich begrenzt und nicht dazu angetan, sie ganz und gar zu zerstören.“ Glücklicherweise nimmt Albertine ihrem Freund solche Eskapaden jedenfalls zunächst nicht krumm, denn immerhin beschäftigt er sich „doch unaufhörlich damit, wie sie ihre Zeit verbrachte“. Und – was nicht zu unterschätzen ist – Marcel tankt Kraft durch sein langes Schlafen: „Da unser Wohlbefinden sehr viel weniger aus unserem guten Gesundheitszustand als aus dem ungenutzten Überschuss unserer Kräfte resultiert, können wir ebensogut wie durch Vermehrung der letzteren durch Beschränkung unserer Aktivität dazu gelangen. Diejenige, von der ich überströmte und deren Potential ich im Bett liegend intakt hielt, machte mich springlebendig im Innern, so wie eine Maschine, die sich nicht vom Platz rühren kann, in sich selber schnurrt.“
Wusste man in Balbec noch nichts Genaues über das Ausmaß der körperlichen Annäherung zwischen Marcel und Albertine, so besteht darüber mittlerweile kein Zweifel mehr: Marcel erfüllt „die Pflichten eines blühenden und schmerzlichen Kultes, der der Jugend und Schönheit der Frau wie eine Opfergabe dargebracht wurde.“ Sehr explizit heißt es über Albertine: „Ihre beiden kleinen hochsitzenden Brüste waren so rund, dass sie weniger einen integrierenden Teil ihres Körpers zu bilden als vielmehr wie zwei Früchte daran gereift zu sein schienen; und ihr Leib, bei dem die Stelle verborgen war, an der es beim Manne hässlich wird, als sei ein Haken steckengeblieben in einer Statue, von der man den Mantel abgeschlagen hat, fügte sich da, wo die Schenkel zusammentreffen, mit zwei muschelartigen Wölbungen zu einer sanften, ruhevollen, abschließenden Linie gleich der des Horizonts, wenn die Sonne untergegangen ist.“
Besonders lustvoll gestaltet sich der Liebesakt für Marcel jedoch, wenn er sich ergänzend dazu vor seinem inneren Auge noch einmal den Strand von Balbec vorstellt: „Hinter diesem jungen Mädchen spielten wie hinter dem purpurfarbenen Licht, das aus meinen Fenstervorhängen in Balbec niederfiel, während draußen das Konzert der Musikanten aufklang, in perlmutfarbenen Tönen die bläulichen Wellenlinien des Meeres.“ Und hinsichtlich Albertines und ihrer Freundinnen befindet er: „Sie waren … erblühte junge Mädchen geworden, aus deren Schar ich die schönste Rose gepflückt und allen anderen fortgenommen hatte.“
Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf
Nun entdeckt Marcel aber neben seiner Meeres-Obsession noch einen weiteren „Fetisch“ an sich: „Ich habe bezaubernde Abende im Geplauder, im Spiel mit Albertine verbracht, aber niemals so süße, wie wenn ich sie schlafen sah. … Der Länge nach auf meinem Bett ausgestreckt, in einer Haltung von einer Natürlichkeit, die man nicht hätte erfinden können, fand ich sie einer langgestielten Blüte ähnlich, die man dorthin gelegt hatte; und so war es in der Tat: die Macht zu träumen, die ich nur in ihrer Abwesenheit besaß, fand ich in jenen Augenblicken auch in ihrer Nähe wieder, als sei sie eben im Schlaf zu einer Pflanze geworden. Dadurch verwirklichte ihr Schlummer in gewissem Maße, was die Liebe als Möglichkeit enthielt. Wenn ich allein war, konnte ich an sie denken, aber sie fehlte mir, ich besaß sie nicht; wenn sie da war, sprach ich zu ihr, aber war zu fern von mir selbst, um zugleich denken zu können. Wenn sie schlief, brauchte ich nicht mehr zu sprechen, ich wusste, dass ihr Blick nicht länger auf mir ruhte, ich hatte nicht mehr nötig, an meiner eigenen Oberfläche zu leben.“
Über mehrere engbedruckte Seiten wird ausschließlich die schlafende Albertine beschrieben: „Ihr Schlaf, an dessen Gestade ich mit immer neuer Lust träumte, so dass ich nicht müde wurde, sie immer wieder zu kosten, war eine ganze Landschaft für mich. Ihr Schlaf rückte etwas so Ruhevolles, so sinnlich Köstliches dicht an meine Seite wie etwa die Vollmondnächte in der Bucht von Balbec. … Ich hörte das Geräusch ihrer Atemzüge, die in kurzen Abständen über ihre Lippen kamen, regelmäßig wie Brandungswellen, aber sanfter und leiser. In dem Augenblick jedoch, da mein Ohr diesen göttlichen Laut in sich aufnahm, schien mir in ihm die gesamte Persönlichkeit, das ganze Leben der reizvollen Gefangenen, die dort vor meinen Augen ausgestreckt lag, verdichtet enthalten zu sein. … Ihre Brauen, die so geschwungen waren, wie ich es niemals gesehen hatte, umgaben die Wölbung der Augenlider wie ein weiches Seevogelnest … Ihre nach und nach immer tiefere Atmung hob regelmäßig ihre Brust und darüber auch noch ihre gekreuzten Hände, ihre Perlen, die auf so verschiedene Art bei der gleichen Bewegung ihren Platz verschoben wie Fischerboote und Ankerketten, die eine Bewegung der Wellen zu leisem Schaukeln bringt. Dann, wenn ich spürte, dass ihr Schlaf seinen Höhepunkt erreicht hatte, dass ich mich nicht mehr an Klippen des Bewusstsein stoßen würde, die jetzt von der hohen Flut des Tiefschlafs überdeckt waren, sprang ich entschlossen lautlos auf das Bett, ich streckte mich neben ihr aus, umfasste sie mit meinen Armen, drückte die Lippen auf ihre Wangen und ihr Herz und legte dann auf alle Teile ihres Körpers meine freigebliebene Hand, die nun auch wie die Perlen vom Atem meiner Freundin leicht emporgehoben wurde; ja ich selbst wurde von ihrer rhythmischen Bewegung leise auf und nieder gewiegt: ich hatte mich auf dem Schlummer Albertines eingeschifft. … Das stärker werdende Geräusch ihres Atems konnte die Illusion erzeugen, sie keuche vor Lust, doch als die meine auf dem Höhepunkt war, konnte ich sie umarmen, ohne ihren Schlaf unterbrochen zu haben. … Ich genoss ihren Schlummer in selbstloser und beschwichtigender Liebe, so wie ich Stunden hindurch dem leisen Wellenschlag der Brandung lauschen konnte. … Diesem Vergnügen aber, ihrem Schlaf zuzuschauen, das ebenso süß war, wie ihr Leben nahe bei mir zu spüren, bereitete ein anderes ein Ende, nämlich das, sie erwachen zu sehen.“ Doch schließt diese Schlaf-Orgie mit dem beunruhigenden Satz: „Süße heitere Augenblicke, die scheinbar so unschuldig sind, unter denen sich aber doch eine ungeahnte Möglichkeit des Unheils drohend erhebt…“
Nur der Vollständigkeit halber sei noch eine dritte, besonders kuriose Vorliebe Marcels auf diesem Sektor erwähnt: „Einen immateriellen, zuweilen aber nicht weniger intimen Reiz als bei der Annäherung und Vermischung unserer Körper stellte ich in der unserer Schatten fest.“ Wer es nicht glaubt, der möge es googeln: Tatsächlich gibt es auch heute noch „Schattenfetischisten“. Wie sagt die Stimme aus dem Off: „In jedem Augenblick muss man zwischen der Gesundheit, der Vernunft auf der einen Seite und den subtilen Genüssen des Geistes auf der anderen wählen.“
Freuden der Äußerlichkeit
Auch in einer anderen Hinsicht gestaltet sich Albertines Leben mit Marcel als sehr genussvoll: „Das Drum und Dran der weiblichen Toilette brachte für Albertine große Freuden mit sich. Ich konnte mir das Vergnügen nicht versagen, ihr jeden Tag eine neue zu bereiten.“ Das heißt: Marcel kauft ihr alles, was sie haben will. . „Albertine hegte für alle diese Dinge eine viel lebhaftere Neigung als die Herzogin von Guermantes, weil – wie jedes Hindernis, das sich dem Besitz entgegenstellt – die Armut, großzügiger als der Überfluss, den Frauen viel mehr schenkt als nur die Toiletten, die sie sich nicht kaufen können: nämlich das Verlangen danach, das erst eine wirkliche, ins einzelne gehende und in die Tiefe reichende Kenntnis davon verleiht.“ Doch „der Besitz von dem, was man liebt, ist eine noch größere Freude als die Liebe selbst.“ Dennoch war Albertine, was Marcel ausdrücklich betont, „nicht oberflächlich, las viel, wenn sie allein, und las mir vor, wenn wir zusammen waren.“ Und durch all das gibt sie ihm „eine Ruhe, wie sie (indem sie uns der Wirklichkeit enthebt, das Glück in uns selbst zu suchen) aus einem Gefühl von Familienfrieden und häuslichem Glück erwächst.“
Schatten über dem jungen Glück: Eifersucht und Langeweile
Zum ständigen Begleiter wird Marcel jedoch seine Eifersucht auf Albertines fragwürdige Kontakte zu ihren diversen Freundinnen. Ständig spioniert er ihr nach und wird dabei auch immer wieder fündig, was in ihm ein „Gefühl des Grauens“ auslöst. Mit Entsetzen entdeckt er „das ausschweifende Leben, das Albertine vor der Zeit unserer Bekanntschaft geführt hatte“. Doch auch während der Romanhandlung setzt Albertine ihre Aktivitäten fort. „Ich spürte, wie ihr Wesen sich zugunsten anderer Wesen, mit denen ich sie nicht hindern konnte, in Verbindung zu treten, mir entzog.“ Mit immer neuen Ausreden und Lügen („Die Lüge ist das wichtigste und meistverwendete Werkzeug der Selbsterhaltung.“) versucht Albertine, dies zu vertuschen. „Einerseits war es mir stets unmöglich, einen Schwur von ihr anzuzweifeln; andererseits befriedigten ihre Erklärungen keineswegs meinen Verstand.“ Doch kommt Marcel in einem klaren Moment zur Selbstdiagnose: „Ich litt infolge einer Interferenz meiner nervösen Erregungen, von denen meine Eifersucht nur das Echo war.“
Mit den heutigen medialen Möglichkeiten hätte Marcel leicht erkennen können, dass intime Kontakte junger Frauen zu ihren Freundinnen, selbst wenn sie sich in festen heterosexuellen Partnerschaften befinden, wohl zu allen Zeiten weit verbreitet waren und es bis heute sind (http://www.cosmopolitan.de/liebe-unter-freundinnen-ziemlich-beste-busenfreundinnen-67490.html), sich also keineswegs so ungeheuerlich ausnehmen, wie es Marcel vorkommt. (Was im übrigen auch einer besonders beliebten Männerphantasie mit offensichtlich wahrem Kern entspricht…)
Doch muss Marcel sich eingestehen, dass es gerade seine rasende Eifersucht ist, die sein Interesse an Albertine überhaupt noch aufrechterhält: „Von Albertine hatte ich nichts mehr zu erwarten. Täglich erschien sie mir weniger hübsch, einzig das Begehren, das sie bei anderen weckte, hob sie, wenn ich davon erfuhr, wieder zu leiden begann und sie jenen streitig machen wollte, in meinen Augen noch einmal zu neuem Ansehen empor. Sie konnte mir Leiden bereiten, aber durchaus keine Freude. Durch das Leiden allein wurde meine quälende Anhänglichkeit an sie genährt. … Ich war unglücklich. … Weil ich sie wie einen geheimnisvollen Vogel, dann wie eine große Schauspielerin der Meeresküste ersehnt und vielleicht sogar in Besitz genommen hatte, war sie mir einst so wundervoll erschienen. Nachdem ich den Vogel eingefangen hatte, … hatte Albertine nahezu ihre Schönheit eingebüßt, … war zur grauen Gefangenen geworden, auf ihr trübes Selbst zurückgeführt…“ Und er kommt zur schockierenden Erkenntnis: „Ich hatte eine erste Albertine gekannt, dann aber hatte sie sich plötzlich in eine zweite verwandelt, die gegenwärtige. Für die Verwandlung aber konnte ich einzig mich selbst verantwortlich machen.“
So stellen sich bei ihm auch ernste Zweifel an seinen Heiratsplänen ein: „Ich fragte mich, ob eine Heirat mit Albertine nicht mein Leben ruinieren würde, einerseits, weil ich damit die für mich zu schwere Aufgabe übernehmen müsste, mich einem anderen Wesen zu widmen, andererseits aber auch dadurch, dass sie mich zwang, infolge der unaufhörlichen Gegenwart einer Frau abwesend von mir selbst zu leben und mich für immer der Freuden der Einsamkeit beraubte. … Ich fühlte, wie das Leben, die Welt, deren Freuden ich noch niemals richtig gekostet hatte mir im Austausch gegen eine Frau entging, an der ich nichts Neues mehr zu finden vermochte. … Ich fühlte, dass mein Leben mit Albertine, soweit ich nicht eifersüchtig war, nichts als Langeweile, soweit ich es aber war, nur Leiden bedeutete.“
Nun denkt Marcel daran, was ihm sein verstorbener Freund Swann mit auf den Weg gegeben hat: „Ich staunte, wenn Swann nachträglich einer Frau, die mir unbedeutend erschienen war, die Würde eines Kunstwerks verlieh, indem er sie vor mir, so wie er es galanterweise auch ihr selbst gegenüber getan hatte, mit einem Porträt von Luini verglich oder in ihrer Toilette das Kleid oder die Schmuckstücke eines Gemäldes von Giorgione wiederfand. So etwas gab es bei mir nicht. Sogar – um die Wahrheit zu sagen – als ich Albertine wie einen von einer wundervollen Patina überhauchten musizierenden Engel zu betrachten begann und mich zu ihrem Besitz beglückwünschte, dauerte es nicht lange, bis sie mir wieder gleichgültig wurde…Man liebt nur da, wo man einem Unzugänglichen nachspürt, man liebt nur, was man nicht besitzt…“ Oder anders gesagt: „Diese Liebe konnte nur von Dauer sein, wenn sie unglücklich blieb.“
Wie jeder weiß, der einmal in einer Partnerschaft gelebt hat, ist für deren Gelingen die Entwicklung einer gemeinsamen Streitkultur von zentraler Bedeutung. Häufig zu beobachten sind dabei „inszenierte“ Trennungsszenen, bei denen beide Seiten mit der Drohung des endgültigen Zerwürfnisses eine Art Krieg gegeneinander führen und dabei alle strategischen und taktischen Register ziehen. So ist es auch bei Marcel und Albertine: „So kehrten wir einander eine Außenseite zu, die sich stark von der inneren Wirklichkeit unterschied. Zweifellos ist es immer so, wenn zwei Wesen einander gegenüberstehen, da jedes von ihnen über einen Teil von dem in Unkenntnis bleibt, was der andere eigentlich ist, und selbst über das, was er weiß, da er es nur zum Teil versteht… In der Liebe aber wird dieses Missverständnis auf die Spitze getrieben, weil wir – außer vielleicht, solange wir noch Kinder sind – es darauf anlegen, dass der äußere Anschein, den wir uns geben, nicht eigentlich genau unser Denken widerspiegelt, sondern das, was dieses Denken für das geeignetste hält, um uns an das Ziel unserer Wünsche zu bringen… Von einem gewissen Alter an tun wir aus Eigenliebe und kluger Einsicht so, als legten wir gerade auf die Dinge, die wir am meisten wünschen, keinen Wert. In der Liebe aber zwingt uns die einfache Einsicht … schon früh zu einem solchen Geist der Doppelzüngigkeit.“
Noch paradoxer wird es nur, wenn einer der beiden wirklich den Absprung im Sinn hat, „weil bei einer Trennung derjenige, der nicht mit wahrer Liebe liebt, die zärtlichen Dinge sagt, während wahre Liebe sich nicht deutlich ausspricht … denn die tausend Freundlichkeiten der Liebe können schließlich bei dem, der sie einflößt, aber nicht empfindet, eine Zuneigung, eine Dankbarkeit wachrufen, die weniger egoistisch ist als das Gefühl, das diese Regungen erzeugt, und die vielleicht nach Jahren der Trennung, wenn bei dem ehemals Liebenden nichts mehr davon zu finden ist, bei der Geliebten noch immer fortbesteht.“ Tatsächlich ist es Albertine, die scheinbar um jeden Preis bei Marcel bleiben will (was ja auch – ganz nüchtern betrachtet – allein in ihrem Interesse liegen kann) und dann – am Ende dieses Bandes – plötzlich und völlig überraschend mit gepacktem Koffer verschwunden ist. „Liebe ist“, weiß die Stimme aus dem Off, „Raum und Zeit, dem Herzen fühlbar gemacht.“
Kunsttheorie
Wohl dem, der seine Freuden nicht nur aus der Liebe zu ziehen vermag. Schon vor Albertines Verschwinden schärft Marcel seine Sinne für die schönen Künste. Entsprechend der Theorie des im Buch nicht namentlich erwähnten Schopenhauer, des pessimistischen Misanthropen, bewegt sich das menschliche Leben zuverlässig zwischen den Polen Schmerz und Langeweile. Den einzigen Ausweg, jedenfalls zu Lebzeiten (im Jenseits winkt ja noch das Eintauchen in die Weltseele), bieten die glücklichen Momente des Kunstgenusses. So ähnlich, und doch auf eigene Weise, erlebt es auch Marcel, insbesondere was den „spezifischen Rauschzustand durch Musik“ angeht. „Wie das Spektrum uns die Zusammensetzung des Lichts objektiv sichtbar macht, so gestatten uns die Harmonien eines Wagner, die Farben eines Elstir, die Essenz und die Beschaffenheit der Empfindungen eines andern kennenzulernen, in welche die Liebe zu einem Wesen uns nicht einzudringen erlaubt. … Wird dieses Unaussagbare, das jeweils gerade dem seine besondere Nuancierung verleiht, was jeder von uns empfindet, aber dennoch auf der Schwelle der Äußerungen zurücklassen muss, durch welche er mit anderen nur insoweit in Beziehung zu treten vermag, als er sich auf äußerere, allen gemeinsam zugängliche, bedeutungslose Dinge beschränkt, nicht erst durch die Kunst zutage gefördert, sobald diese in den Farben des Spektrums die innere Struktur jener Welten nach außen hin sichtbar macht, die wir als Individuen bezeichnen und die wir ohne die Kunst nie kennenlernen würden? … Die einzig wahre Reise, der einzige Jungbrunnen wäre für uns, wenn wir nicht neue Landschaften aufsuchten, sondern andere Augen hätten, das All mit den Augen eines anderen, von hundert anderen betrachten, die hundert verschiedenen Welten sehen könnten, die jeder einzelne sieht, die jeder von ihnen ist.“ Das aber vermögen wir nur in der Kunst, „wir fliegen dann wirklich von Stern zu Stern.“
Noch esoterischer wird es, als Marcel sich gedanklich über die Gespräche im Anschluss an eine Musikaufführung echauffiert: „Aber was bedeuteten ihre Worte, die wie jede nur am Äußern haftende menschliche Rede mich so gleichgültig ließen, verglichen mit dem himmlischen musikalischen Thema…Ich fühlte mich wahrhaft wie ein Engel, der, aus dem Rausch des Paradieses herabgestürzt, in die trivialste Wirklichkeit fällt. Und ich fragte mich, ob nicht … die Musik das einzige Beispiel dessen sei, was – hätte es keine Erfindung der Sprache, Bildung von Wörtern, Analyse der Ideen gegeben – die mystische Gemeinschaft der Seelen hätte werden können. Sie ist wie eine Möglichkeit, der nicht weiter stattgegeben wurde; die Menschheit hat eigene Wege eingeschlagen, die der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Aber diese Rückkehr zum Nichtanalysierbaren war so berauschend, dass mir beim Verlassen des Paradieses die Berührung mit mehr oder weniger klugen Menschen außerordentlich banal erschien. … Ein Versprechen, dass es noch etwas anderes gebe – etwas, das zweifellos die Kunst verwirklichen kann, etwas anderes als das Nichts, das ich in allen Vergnügungen und in der Liebe selbst gefunden hatte…“
Klatsch und Tratsch von Monsieur de Charlus
Ansonsten bietet auch dieser Band der „Recherche“ wieder viel redundantes Geschwafel der „vornehmen Gesellschaft“. Hervorzuheben sind hier allein die Plaudereien des Baron de Charlus, der im übrigen von Madame Verdurin, der Gastgeberin einer schon aus den früheren Bänden bekannten illustren Salonrunde, auf ziemlich niederträchtige Weise gemobbt und aus der Runde herausgedrängt wird. Doch eben dieses Schicksal hatte ja selbst der brillante Swann zu seinen Lebzeiten erlitten. Nun verrät immerhin Baron de Charlus noch einige Details über diesen und insbesondere über dessen fatale Ehefrau Odette de Crecy: „Die Liebhaber, die Odette nacheinander gehabt hatte (sie hatte bald mit dem einen, bald mit dem anderen gelebt), diese Liebhaber begann Monsieur de Charlus mit der gleichen Sicherheit herzuzählen, als sage er die Reihe der Könige von Frankreich auf. … Aber Sie werden nicht von mir verlangen, dass ich Ihnen Swanns Geschichte erzähle, wir hätten da für zehn Jahre Stoff, verstehen Sie, denn ich kenne ihn wie kein anderer. … Sie ließ sich Odette de Crecy nennen und durfte das auch durchaus, da sie nur getrennt von einem Crecy lebte, dessen Frau sie war, einem sehr ehrenwerten und übrigens ganz echten Crecy, dem sie bis zum letzten Heller alles abgenommen hat. … Er lebte von einer ganz kleinen Pension, die Swann ihm ausgesetzt hatte. Ich vermute jedoch stark, dass seit dem Tode meines Freundes die Rente ihm nicht mehr ausgezahlt worden ist.“
Und schließlich redet Charlus geradezu obsessiv über Homosexualität, nur nicht über seine eigene: „Ich selbst lebe, wie Sie ja wissen, ganz und gar im Abstrakten, mich interessiert das alles nur unter einem transzendentalen Gesichtspunkt.“ – „Die Beharrlichkeit, mit der Monsieur de Charlus immer wieder zu seinem Thema zurückkehrte – für das im übrigen sein stets in gleicher Richtung sich betätigender Geist einen gewissen Scharfblick besaß – hatte etwas auf eine schwer entwirrbare Weise Peinliches; er war öde wie ein Gelehrter, der außerhalb seines Spezialfaches nichts kennt, aufreizend wie ein Eingeweihter, der sich auf die ihm anvertrauten Geheimnisse etwas zugute tut und darauf brennt, sie anderen zu verraten; unsympathisch wie jemand, der, sobald es um seine eigenen Fehler geht, sich darüber verbreitet, ohne zu merken, dass er Missfallen damit erregt; versklavt wie ein Süchtiger und hemmungslos unvorsichtig wie mancher Kriminelle.“ Prof. Brichot schlägt vor, eigens für Charlus einen Lehrstuhl für Homosexualität einzurichten, „oder noch besser: ein Institut für Spezialfragen der Psychophysiologie“.
Bonmots
Natürlich enthält auch „Die Gefangene“ wieder eine Überfülle von zeitlosen Bonmots über die verschiedensten Dinge des Lebens:
„Es scheint, dass bei Tatmenschen der Geist – überbeansprucht durch die Aufmerksamkeit auf das, was in der nächsten Stunde geschehen wird – nur sehr wenig Dinge dem Gedächtnis übergibt.“ Nur ist es heute für die vergesslichen Tatmenschen weitaus schwerer, sich im Nachhinein herauszureden, weil so viel früher Gesagtes medial aufgezeichnet worden ist, was später gegen sie verwendet werden kann.
„Das Gedächtnis ist eben weit weniger eine unseren Blicken immer gegenwärtige Kopie der verschiedenen Fakten unseres Lebens, als vielmehr ein Nichts, aus dem sekundenlang eine momentane Ähnlichkeit uns in einer Art von Auferstehung tote Erinnerungen heraufzuholen erlaubt; aber dabei gibt es immer tausend kleine Einzelheiten, die nicht in diese potentielle Erinnerungssphäre hinabgesunken sind, sondern für uns ewig unüberprüfbar bleiben.“ Es sei denn, man findet auf YouTube ein Video von der in der eigenen Kindheit geschauten Fernsehsendung und staunt, mit welch anderen Augen man sie heute betrachtet.
Vor allem aber gilt: „Wir stellen uns eben die Zukunft wie einen in einen leeren Raum projizierten Reflex der Gegenwart vor, während sie oft das bereits ganz nahe Ergebnis von Ursachen ist, die uns zum größten Teil entgehen.“
Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 5:
Die Gefangene
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
551 Seiten
Suhrkamp Verlag
Januar 2016: Ahnenforschung Nützmann
„Unsere“ Linie Nützmann
1. Phillip von Nutz (ca.1697-1813) – Gutsbesitzer Rittergut Kaeseke bei Demmin, gestorben in Demmin + ??? angeblich Adelstitel aus wirtschaftlicher Not verkauft (nach Plünderung seines Gutes durch schwedische Soldaten), Namensänderung in Nutzmann
2. Hinrich Nutzmann (??-??) + ??? geheiratet 10.10.1748 in Sanitz, späterer Wohnort: Teutendorf
3. Johann Jacob Nutzmann (1753 oder 1755 – ??) – Schäfer, geb. in Vietow bei Tessin, Schäfer in Grammow bei Tessin + Fredericke Sophie ?
4. Joachim Nutzmann (??-??) – Schäfermeister in Gr. Butzin + Friederike Sprinkmann
5. Christian Johann Christoph Nutzmann (1834-1896), Schäfermeister (Gr. Butzin, Gr. Lunow) + Helene Dorothea Caroline Schult (??-1912)
6. Heinrich Friedrich Christian Nützmann (1873-1926) – Schäfermeister in Groß Lunow + Anna Friederika Marie Ottilie Riedler (1888-1971)
7. Erich Fritz Ludwig Nützmann (1910-1985) – Stellmacher/Tischler in Gnoien + Hedwig Klara Sophie Erna Karla Marie Boldt (1911-1982)
8. Dr. Ilse Claer, geb. Nützmann (1933-2016) – Ärztin u.a. in Rostock, Wismar…
(Unsicher ist insbesondere die Verbindung zwischen Nr. 3 und Nr.4. Die Namen Nutzmann und Nützmann wurden weitgehend synonym verwendet.)
Familienwappen Nützmann
Die Nützmanns
Herr Philipp von Nutz
Diesen Brief fand ich in einer der einschlägigen Datenbanken. Er ist offensichtlich die Hauptquelle der Legende des Herrn Phillip von Nutz:
This is a letter which I aquired through family members that was appearently written in 1894 by Charles (AKA Carl in German) Heinderich August Nuetzmann while he was living in Bible Grove, Illinois. Charles name was Carl H. A. Nutzmann in Prussia but seemingly changed it after moving to the United States. The following is a translated copy of information sent by Carl Nuetzmann to his brother, August Nuetzmann. It was written in German script. Indications are that he also sent a copy of this to other brothers and possibly to relatives still in Germany. Bible Grove, Clay County, Illinois February 1894. Where did the first Nutzmann originate? The first Nutzmann was an honored estate holder, a Herr Von. He was born the end of l600 or the beginning of 1700. His name was Phillip Von Nutz. He lived on the nobleman estate property “Kasike” by Dennin in Pomerania. He reached a very advanced age of 116 years, and had 9 sons. It is not known if he had daughters. He was married three times in his lifetime. The last time he was 70 years old. And with his last wife he had children even in his advanced years. The man had to experience dreadful war times. Through that he was heavily in debt. The fruits of the fields were given over to the soldiers and everything was trampled or destroyed. He was a poor man after the enemy left. Nothing was left his but his family and his title (Adel? which means nobleman). His property the debts absorbed. In early times there existed the right to sell a title. Today that is no longer possible. He finally sold his title so that he could manage and with that he managed fairly well. He was from then on a burgerlicher (an Ordinary Citizen?) and had to change his name. He held on to Nutz and then mann followed and called himself from then on Phillip Nutzmann. That was the first Nutzmann. Since he had given up his Adel (nobleman), he wanted his sons to learn a handcraft. ….. ……… His son born to him in his very advanced age lives today. He is now a very old man. He learned in his youth weaving in a small factory in Treplow on the Tolesea in Vorpommern. His business didn’t do too well. He had to give it up. He fared better and took a position with city Management in Treplow, a position he held for many years. He had to give that up because he was blinded by ……? He is at present in Berlin in an eye clinic and will have eye surgery if he isn’t too old. He had a son who was an officer and in 1870 had to go to France and was never heard from again. The old father was very upset by that. He has a daughter, the youngest child, lives in America in Chicago, She is 49 and married the second time. Her name is Wilhelmina Nuetzmann. Her present husband is Voigt and works in a bakery 2929 Wentworth Ave., Chicago, Illinois. During the world’s Fair I was a guest with them for 4 days. They are Methodists and I became acquainted with them through ay sister-in-law. I was invited because we were related. This woman told me what up to that time I hadn’t heard. She said that Phillip Von Nutz or Phillip Nutzmann as he later named himself was her grandfather. I said that could not be as it was too long ago. “Yes” said she, “Notice my grandfather, Phillip Von Nutz was such older than 100, in fact he because 116 years old. He died after the war with France 1813 and my father is nearly 100 and I am about 50, my father said he was the youngest son and I am my father’s youngest daughter and this is possible.” One of her father’s brothers was head forester (Oberforster). The oldest son was also Phillip Von Nutz. He went from home over the Pene near Demmin in Schwandish (Swedish) Pommern and from there across the ocean, some thought to Sweden, some think he drowned. His parents never heard from him. This son who left his parents home must certainly have been our great-great grandfather who arrived in Rappin on the Island of Rugen. All circumstances point to it. I will now tell what our father, some 35 years in the Smithy in Kluis on the Island of Rugen by the work, told me and again wrote. He said the first Nutzman came from Pommern over the Pene near the city Demmin. He ran away from home. It was during the war. Many soldiers were taken for money. Those they couldn’t get for money they made drunk and shanghaied or took them from their beds at night, dressed them in uniforms and carried them away. If they ran away they were declared deserters and shot. Our great-great-grandfather was strong and would have been a good soldier. There were plans to take him at night but friends warned his. He went the same day over the Pene out of the Prussian area and into the Swendesch Pommern and there he was free. He went and came over the great sea, namely the Ost Sea (East Sea). He came to the Island Rugen in Rappin and received work with a preacher as a servant or farmhand. He soon became coachman. He was at that time 18 or 19 years old and from coachman he became landlord (innkeeper?) in Rugen and was called manager of establishment. The preachers of that time had much land and needed a manager to oversee the management of cultivation of the land. The son of this one took over his position when he died. First he was coachman then manager. This man had two sons. It was understood that the oldest son should have his father’s position. He had it already as far as coachman. Then he became bad feet and as a result had to learn the tailoring handcraft. By the tailoring he eased his feet. The preacher liked him and did not like to have him leave so he sent him to the Seminar so that he could learn to take the position in Rappin. His youngest brother learned the smithy business. He had 3 sons and a daughter. Her name was Sophia. She carried a shoemaker in Rappin. She had no Children. The names of the 3 sons are Carl, Fritz, and Christoph. Christoph was 14 years old when his father died. Christoph is ay father. He married Christiana Sophia Marie Nee Bollow. Out of this marriage were children Carl, Malte, Wilhelm, August, and Albert. My father was born July 21, 1816 in Karnitz in Kahsemvitz near Rugen. My Bother was born July 19, 1813 in Kleinhaugen near Monchzul on the Island Rugen. She died when I was 14 in Kluis near Gingst on Rugen Sept. 28, 1855. My father married the second with Johana Kluhs. The marriage was richly blessed with children and they live in West Prussia. I wandered out after I had served with the Pommern soldier Battalion Austria and fought the war in 1866. In 1867 I came to this land July 27. From N.Y. I went to Chicago and then to Altamont and from there to Bible Grove, Clay County, ill, where I live today with my wife and children. I was born October 19, 1841 in Kluis on the Island Rugen in Pommerania in Germany. Carl Nutzmann An added postscript Carl Von Nutz was my great great grandfather. Greetings and warnings from Father Christoph Nutzmann and all Nutzmann sons who came to America. There was a bit more but it didn’t see clear.
1. Carl Heinderich August, 19 October 1841, died Jen. 2, 1907
2. Malte Carl Friederich, 15 September 1845, died Apr. 22, 1905
3. Wilhelm Carl Malte, 2 May 1848
4. August Gottlieb Julius, 11 July 1849, died Dec. 30, 1934
5. Albert Carl Wilhelm, 21 April 1853, died Oct. 28, 1889 Children of second marriage
6. Fritz Ferdinand Heindrich, 25 October 1856
7. Christoph Malte Hermann, 29 November 1857
8. Johanna Whilhelmmiene Henriette, 20 January 1860
9. Maria Auguste Cristianne, 17 August 1861
10. Marta Johanna Maria, 19 April 1864
11. Wilhelm Johan, 21 July 1865
12. Heindrich Carl Friedrich, 6 May 1867
13. Auguste Marta Caroline, 3 January 1869
These 4 names were on the back, no dates: Wilhem, Otto, Anna, Hermann.
Die Nützmanns in Indonesien
Der engagierte Ahnenforscher Roy Huijer aus den Niederlanden schreibt:
„Karl JOHANN Friedrich NÜTZMANN geboren 4 februari 1861 Carlsruhe Mecklenburg-Schwerin und Familie lebten in Padang Sumatra Indonesien anno 1900. Auf der rechten Seite mein Großvater Ernst Paul Friedrich NÜTZMANN.“
Familie Nützmann in Indonesien
Ernst Paul Friedrich Nützmann (1907-1944)
Wie sind diese Nützmanns mit uns verwandt?
Johann Jacob Nützmann, geb. 1755 (laut Angabe in einer Datenbank in Vittow/Germany, womit wahrscheinlich Vietow bei Tessin gemeint ist), Schäfer in Grammow bei Tessin, war vermutlich der erste Schäfer unter den Nützmanns. Erst im Alter von 69 Jahren wurde er in Vietow bei Tessin Vater von Johann Christian Theodor Nützmann (geb. 1824), dessen Sohn Karl Johann Friedrich Nützmann (geb. 1861 in Carlsruhe/Meckl.) nach Indonesien auswanderte. Es ist anzunehmen, wenn auch nicht sicher, dass auch „unser“ Schäfermeister Joachim Nutzmann aus Groß Butzin, der Vater „unseres“ Schäfermeisters Christian Nützmann (1834-1896), ein Nachkomme von jenem ersten Schäfer Johann Jacob Nützmann (geb. 1755) ist. Sollte dies so sein, dann wäre der Indonesien-Auswanderer Karl Johann Friedrich Nützmann (geb. 1861) ein Cousin „unseres“ Schäfers Christian Nützmann (1834-1869) und ein Onkel „unseres“ Schäfers Heinrich Nützmann (1873-1926) aus Groß Lunow.
Die Nutzmanns und Nuetzmanns in Amerika
Nur weit entfernt mit uns verwandt sind hingegen die zahlreichen Nutzmanns und Nuetzmanns in den USA, die über mehrere Generationen bis zu jeweils 18 Kinder hatten. (Im Unterschied zur sehr hohen Kindersterblichkeit in Mitteleuropa während des 18. Und 19. Jh. haben in den USA seinerzeit offensichtlich fast alle ihre Kindheit überlebt.) Am ehesten noch könnte es sich bei Christian Nutzmann (geb. 1851 in Rostock und gestorben 1911 in Bertrand, Phelps County, Nebrask) und seinen Nachkommen um relativ nahe Verwandte handeln.
www.justament, 25.1.2016: Westschokolade für den “großen Meister”
Zum Tod des DDR-Juristen Wolfgang Schnur. Ein persönlicher Rückblick
Thomas Claer
Damals, irgendwann im Winter 1988/89, saßen wir in einem langen Flur und warteten. Ich war 16 oder 17. Schon zwei Jahre hatten meine Mutter und ich auf unsere Ausreise aus der DDR gelauert – zu meinem Vater, der bereits im Westen lebte und uns ständig Briefe und Pakete schickte. Jemand gab uns dann den Tipp, zu Wolfgang Schnur in Rostock zu gehen. Er sei einer von nur drei in der DDR zugelassenen Einzelanwälten, sagte man uns. (Laut Wikipedia sollen es tatsächlich 20 gewesen sein, nach anderer Quelle zwölf; fest steht nur, dass es nicht sehr viele waren.) Er war spezialisiert auf die Vertretung von Dissidenten, Bürgerrechtlern, Wehrdienstverweigerern und Ausreisewilligen. Als Vertrauensanwalt der Evangelischen Kirche hatte er einen großartigen Ruf. Er galt als Freund der Unterdrückten, als Helfer in der Not gegen staatliche Willkür. Was wir seinerzeit noch nicht wissen konnten und erst gut ein Jahr später, während der Wende, als wir schon längst im Westen waren, aus den Medien erfahren sollten: Schnur war ein ranghoher Mitarbeiter der Staatssicherheit, der seine Mandanten systematisch ausspionierte, um sie an die staatlichen Stellen zu verraten. Eigentlich nicht sonderlich überraschend, wenn man darüber nachdenkt, aber für viele seiner damaligen Mandanten zutiefst enttäuschend. Unsere Enttäuschung über ihn hielt sich allerdings in Grenzen…
Wir saßen also irgendwann im Winter 1988/89 in Wolfgang Schnurs Kanzlei in Rostock in diesem langen Flur und warteten. Und da ging jemand vorbei und raunte uns zu: „Der große Meister kommt gleich.“ Er kam dann bald darauf auch wirklich und bat uns in sein Büro. Nett war er, freundlich, verbindlich. Viel könne er ja auch nicht für uns tun, aber er werde mal sehen, was sich machen lässt. Es klang eher vage. Vor allem schärfte er uns ein, uns weiterhin unbedingt ruhig zu verhalten und auf jegliche Provokationen der Staatsmacht zu verzichten. Meine Mutter drückte ihm noch hundert Westmark und ein paar Tafeln Schokolade aus der Bundesrepublik in die Hand. Nach nur zehn Minuten waren wir wieder draußen. In der Tür stehend wünschte er uns noch eine baldige Ausreise und fragte mich beiläufig nach meinen Zukunftsplänen im Westen. Ich sagte darauf wohl so etwas wie: „Erst Abitur machen, und dann mal sehen…“ Und sodann sprach Wolfgang Schnur den prophetischen Satz: „Vielleicht wird aus dem jungen Mann ja später auch mal ein Jurist.“
Während der Wende wurde Schnur erst Mitbegründer und dann Vorsitzender der Bürgerbewegung „Demokratischer Aufbruch“, die sich vor den ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 mit Ost-CDU und DSU zur “Allianz für Deutschland” zusammenschloss. Monatelang galt er als Favorit für das Amt des DDR-Ministerpräsidenten. (Im Februar 1990 machte er übrigens eine junge Frau zur Pressesprecherin des „Demokratischen Aufbruchs“. Ihr Name: Angela Merkel. Schnur hatte lange Jahre enge Kontakte zu ihrem Vater, dem Kirchenfunktionär Horst Kasner, gehabt.) Die Offenlegung seiner Stasi-Akte wenige Tage vor den Wahlen, die ihn als Stasi-Spitzel überführte, war das Ende seiner kurzen Karriere als Politiker. 1991 eröffnete er eine Rechtsanwaltskanzlei in Berlin, doch schon 1993 wurde ihm die Anwaltszulassung wegen Mandantenverrats und „Unwürdigkeit“ entzogen. Seitdem arbeitete Schnur als Investitions- und Projektberater. 1996 verurteilte ihn das Landgericht Berlin noch zu einer Bewährungsstrafe wegen politischer Verdächtigung (§ 241a StGB), weil er seine früheren Mandanten, die Bürgerrechtler Stephan Krawczyk und Freya Klier, seinerzeit bei der Staatsmacht angeschwärzt hatte. Laut BILD-Zeitung lebte Schnur zuletzt verarmt und zurückgezogen in Wien.
Im Mai 1989, ein paar Monate nach unserem Mandantengespräch bei Wolfgang Schnur, wurde unsere Ausreise in den Westen endlich genehmigt. Wir wissen bis heute nicht, ob er in irgendeiner Weise, beschleunigend oder bremsend, daran mitgewirkt hat. Danach fragen können wir ihn nun auch nicht mehr. Am vorletzten Samstag ist Wolfgang Schnur, die mysteriöse Eminenz aus dem Schattenreich des Klassenkampfes, 71-jährig in einem Wiener Krankenhaus gestorben.
www.justament.de, 4.1.2016: Hier hatte der Osten Weltniveau!
Thomas Claer empfiehlt spezial: Vor 40 Jahren lösten die Abrafaxe die Digedags ab
Es gibt Begegnungen, die das eigene Leben grundlegend verändern. So eine Begegnung hatte ich im Alter von sechs Jahren, wenige Monate vor meiner Einschulung, mit der Zeitschrift Mosaik, genau genommen mit dem Heft 5-1978, das den Titel „Im Gasthaus zum wilden Mann“ trug. In prachtvollen Bildern wurden dort – monatlich auf 20 Seiten – die Abenteuer der Kobolde Abrax, Brabax und Califax, genannt die Abrafaxe, erzählt, die durch alle Länder und Zeiten reisten. Wir befinden uns im Jahr 1704. Zwei superdämliche kaiserlich-österreichische Gendarmen, Bösl und Grantiger, machen Jagd auf die ungarischen Aufständischen (die „Kuruzen“) und insbesondere auf deren Anführer, den Ludas Matyi. Die Abrafaxe stehen wie immer auf Seiten der Armen und Unterdrückten und begleiten zudem volkstümliche „Spaßmacher“ wie den Salzburger Tierarzt Hans Wurst bei ihren Streichen. Eine geheimnisvolle Nebenfigur ist der Marquis Philippe de la Vermotte-Toupet, der sich auf diplomatischer Mission befindet. Er soll im Auftrag des französischen Königs Ludwig XIV. die Möglichkeit einer Allianz mit den Kuruzen ausloten. Doch im Bemühen, sich möglichst unauffällig zu verhalten, erscheint er den diensteifrigen Gendarmen Bösl und Grantiger sofort als besonders verdächtig und wird von ihnen für den Ludas Matyi gehalten, während der echte Ludas Matyi in anderer Verkleidung unbehelligt daneben steht…
Sofort war ich Feuer und Flamme fürs Mosaik. Am Anfang wurden mir die Bildgeschichten noch vorgelesen, ein paar Monate später kam ich dann schon allein zurecht. Die Hefte zu je 60 Pfennigen waren nicht immer leicht zu bekommen, meistens waren sie schon nach kurzer Zeit ausverkauft. Aber eine Bekannte meiner Eltern, Tante W., kannte die Frau im Zeitungskiosk, und so wurde mir fortan immer ein Exemplar zurückgelegt. Was aber bald schon noch verlockender für mich wurde, waren die früheren Hefte, auf die ich regelrecht Jagd machte. Und so entdeckte ich irgendwann, dass die Abrafaxe erst mit Heft 1-1976 das Licht der Welt erblickt hatten. Sie waren nur die Nachfolger ihrer Kobolds-Kollegen Dig, Dag und Digedag, die zuvor 20 Jahre lang im „Mosaik von Hannes Hegen“ eine ganz ähnliche Rolle gespielt hatten. So dehnte ich meine Sammel- und Leseleidenschaft also gleich noch auf die „alte Serie“ aus.
Damals, vor genau 40 Jahren, wusste niemand unter den Lesern, was dieser Wechsel der Mosaik-Kobolde zu bedeuten hatte. Inzwischen sind natürlich längst alle Hintergründe gründlich erforscht und u.a. in zwei sehr sehenswerten TV-Dokumentationen dargestellt:
https://www.youtube.com/watch?v=8rgk4vblBdg
https://www.youtube.com/watch?v=d-73-71UhoA
Heute werden beide Mosaik-Serien von den Fans geschätzt, wobei die alte Serie den großen Vorzug der Vollkommenheit genießt, es gab sie ja auch nur überschaubare 20 Jahre lang. Die Abrafaxe hingegen, zunächst vom gleichen Zeichnerkollektiv, aber ohne den Chefzeichner Hannes Hegen alias Johannes Hegenbart geschaffen, hatten ihre beste Zeit – soweit ich es noch beurteilen kann – ganz sicher in ihren Anfangsjahren. Aber es gibt sie noch bis heute, nun schon doppelt so lange wie seinerzeit die Digedags, seit ein paar Jahren sogar noch ergänzt um eine feminine Parallelserie mit den Koboldinen Anna, Bella und Caramella.
www.justament.de, 21.12.2015: Selbstjustiz im rechtsfreien Raum
Recht cineastisch, Teil 25: „Dheepan – Dämonen und Wunder“ ist großes Kino!
Thomas Claer
Was gehen uns die Tamilen in Sri Lanka an? So hätte man vielleicht noch vor wenigen Jahrzehnten mit einer gewissen Berechtigung fragen können. In der globalisierten Welt, die wir heute bewohnen, spielen räumliche und kulturelle Entfernungen aber längst keine Rolle mehr, wenn die Probleme im einen Teil unseres Planeten auf manchmal unheilvolle Weise mit denen in ganz anderen Regionen interagieren.
Der tamilische Rebellenkämpfer Dheepan (Jesuthasan Antonythasan) sieht nach dem Tod seiner Frau und seiner Kinder keine Zukunft mehr für sich in seiner Heimat Sri Lanka. Um in Frankreich bessere Chancen auf Asyl zu haben, schließt er sich mit der jungen Frau Yalini (Kalieaswari Srinivasan) und dem Waisenmädchen Illayaal (Claudine Vinasithamby) zusammen. Die Drei geben sich bei den französischen Behörden als eine Familie aus – und kommen damit durch. Nach mühsamen Anfängen als Straßenverkäufer wird Dheepan Hausmeister in einer Sozialbausiedlung am Pariser Stadtrand, also in den berüchtigten Banlieues. Dort findet auch Yalini einen Job als Betreuerin eines dementen Anwohners, die kleine Illayaal geht in die Schule. Sie beziehen eine einfache Wohnung, die ihnen ganz wunderbar vorkommt: ein Dach über dem Kopf, trinkbares fließendes Wasser, Zentralheizung, elektrisches Licht, gut schließende Fenster, eine grüne Umgebung – was will man mehr? Vor allem Yalini ist geradezu begeistert von der ihr äußerst großzügig erscheinenden Bezahlung für ihre Pflegetätigkeit von monatlich 500 Euro, die sie gedanklich in ihre Heimatwährung umrechnet…
Allerdings wissen nicht alle Bewohner der Sozialbausiedlung solche Annehmlichkeiten zu schätzen. In fast jeder Nacht gibt es unzählige Zerstörungen in den Häuserblocks und im öffentlichen Raum, sodass Hausmeister Dheepan eigentlich ständig mit Reparaturarbeiten beschäftigt ist. Wenn Yalini auf die Straße geht, wird sie von den überall unproduktiv herumhängenden Männern angestarrt, weil sie als einzige Frau kein Kopftuch trägt. (Auf Anraten von Dheepan – „Wir sind neu hier und müssen uns anpassen.“ – läuft sie bald nur noch verschleiert herum.) Die Neuankömmlinge müssen sich eingestehen, dass sie in einem sozialen Brennpunkt, einem Zentrum des Drogenhandels und sonstiger organisierter Kriminalität gelandet sind. Immer wieder liefern sich rivalisierende Banden Schießereien auf offener Straße. Für die Polizei ist die Gegend offenbar längst eine No-go-Area. Für Dheepan, Yalini und Illayaal ist es in diesem Teil von Paris kaum weniger gefährlich als in ihrer Heimat. Als Yalini durch eine Verkettung unglücklicher Umstände in den Bandenkrieg hineingezogen wird, bahnt Dheepan sich in alter Kämpfermanier gewaltsam einen Weg durch die Drogenbandenfront und kann so Yalini befreien und zugleich ihr Herz gewinnen, so dass aus der anfänglichen Zweckgemeinschaft noch eine „richtige Familie“ wird. Die letzten Einstellungen des Films lassen erahnen, dass den drei engagierten Migranten schließlich auch noch ein Neubeginn außerhalb der Banlieus gelingt.
An Jacques Audiards Film scheiden sich die Geister. Ausgezeichnet mit der Goldenen Palme in Cannes und dort mit Lob überschüttet, musste er sich von anderen Kommentatoren, zuletzt in der Rezension der Süddeutschen Zeitung, auch den Vorwurf gefallen lassen, in ihm realisiere sich die „perverse Phantasie“ von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy, die Straßen der Banlieus mit dem Hochdruckreiniger von dem dort herumstreunenden Gesindel zu reinigen. Und in der Tat, lässt sich der Film denn nicht auch so verstehen? Ein tamilischer Kämpfer tut endlich das, was sich viele Franzosen insgeheim wünschen. Er räumt – wenigstens für einen Moment – mal auf mit diesem Islamisten-Drogenhändler-Faulenzer-Gesocks. Die fleißigen, genügsamen, anpassungsbereiten Asiaten, die schaffen es in kurzer Zeit und machen nie Probleme. Aber dieses Pack aus Afrika und Arabien, das nur dem Staat auf der Tasche liegt und in einer notorisch kriminellen Parallelgesellschaft lebt, das müsste man am besten aus Frankreich rausschmeißen. Marine Le Pen lässt grüßen. Und Sarkozy ist auch nicht weit davon entfernt…
Man muss diesen Film unbedingt vor einer solchen Interpretation in Schutz nehmen. Wenn sich Politiker, die stets „dem ganzen Volk“ verpflichtet sind, herablassend über die Bewohner konkreter Stadtbezirke äußern, dann ist das immer kritikwürdig, auch wenn sich in diesen bestimmte Probleme konzentrieren. Denn sie verraten dadurch den rechtsstaatlichen Grundsatz, dass kein Individuum allein als Angehöriger bestimmter Kollektive beurteilt werden darf. Ein Film hingegen erzählt nur eine Geschichte, hier ist jede Subjektivität nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht. Und wäre denn irgendjemandem geholfen, wenn man den „Realismus“ dieses Films durch eine politisch korrektere geschönte Darstellung ersetzte? Außerdem ist der Film so einseitig nun auch wieder nicht. Die Protagonisten begegnen in der Sozialsiedlung sogar vielfach netten und hilfsbereiten Anwohnern, die genauso wie sie unter dem Terror der Drogenbanden zu leiden haben. Insofern ist es doch auch ganz im Sinne vieler Banlieu-Bewohner, wenn ein Film einmal den Finger in diese Wunde legt.
Aber wenn nicht alles täuscht, dann hat auch die französische Politik längst die Signale gehört. Bald werden die Bauarbeiten zu einem bisher beispiellosen Ausbauprogramm der Pariser Metro beginnen, so dass spätestens in 15 Jahren jede Banlieu ihre schnelle Verbindung ins Zentrum von Paris haben wird. Spätestens dann werden die Bewohner entdecken, dass sich mit der Wohnungsvermietung an Touristen über Airbnb und Co. auch andere lukrative Geschäftsbereiche jenseits des Drogenhandels ergeben. Doch damit das funktioniert, müssen diese Bezirke sicherer werden, und hierzu braucht es eine Bürgergesellschaft aus aufgeschlossenen Anwohnern und Zugezogenen. So können aus No-go-Areas plötzlich gefragte Wohnlagen werden. Andere Städte haben es doch vorgemacht…
Dheepan – Dämonen und Wunder
Frankreich 2015
Regie: Jacques Audiard
Drehbuch: Jacques Audiard, Thomas Bidegain, Noé Debré
109 min, FSK: 16
Darsteller: Jesuthasan Antonythasan, Kalieaswari Srinivasan, Claudine Vinasithamby u.a.
www.justament.de, 30.11.2015: Die Welt ist schlecht, aber s i e ist es nicht
Maike Rosa Vogel auf ihrem vierten Album „Trotzdem gut“
Thomas Claer
Die Sängerin und Liedermacherin Maike Rosa Vogel, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ist so etwas wie eine Heilige. Während sich andere erklärte „Gutmenschen“, die sich überall korrekt positionieren und immer auf der richtigen Seite stehen, nicht selten dem Verdacht der Heuchelei aussetzen, ist an der 37-jährigen Wahlberlinerin garantiert alles echt. Man nimmt es ihr ab, dass sie sich für Flüchtlinge einsetzt, die Naturzerstörung und die menschliche Gier anprangert. Wenn sie dem Publikum auf den Konzerten ihre Seele öffnet, ist sie erkennbar ganz bei sich selbst. Vor allem aber sind ihr die überschwänglichen Kritiken all der bis über beide Ohren in sie verknallten Musikrezensenten offenbar nicht im Mindesten zu Kopf gestiegen. Uneingebildet und natürlich wie eh und je präsentiert sie uns – drei Jahre nach der letzten Platte „Für fünf Minuten“ – nun ihr neues Album „Trotzdem gut“, das erstmals im Eigenvertrieb erscheint. Dieser Schritt ist mutig und konsequent zugleich, und man kann sie hierzu nur beglückwünschen. Ihre Fans werden schon weiterhin zu ihr finden, auch ohne Plattenfirma.
Allerdings packt einen „Trotzdem gut“, anders als seine Vorgänger, nicht gleich vom ersten Moment an. Man braucht etwas länger, um mit dieser Platte warm zu werden. Musikalisch hat sich das Spektrum ein wenig in Richtung Folk verschoben. Wir hören Banjo und Violinen. Sven Regener, die treue Seele, spielt Bass und Trompete. Und gerade weil ihre Songs diesmal gelegentlich etwas abrutschen auf dem schmalen Grat zwischen großer Emotion und Betroffenheitskitsch, wird einem bewusst, was für großartige Lieder uns Maike Rosa Vogel auf ihren früheren Alben geschenkt hat. Doch gibt es solche Lieder, man bemerkt es spätestens beim dritten oder vierten Hören, auch auf „Trotzdem gut“. Zum Beispiel „Du hältst meine Hand“ – eine Hymne an das kleine große Glück der Zweisamkeit. Und ganz bestimmt spricht „Verschwendete Zeit“ unzähligen zugewanderten Berlinern aus der Seele, die sich von ihren besorgten Provinz-Eltern die ewig gleichen bitteren Vorwürfe anhören müssen: „Sie glauben an das Unglück, das da draußen auf uns lauert/ Und uns anspringt und uns einholt, wenn wir tun, was uns gefällt“. Doch das lyrische Ich weiß es gottlob besser: „Die schlimmsten Zeiten meines Lebens waren die/ Als ich anderen mehr glaubte als mir selbst“. Je länger man diesem Album lauscht, desto mehr Perlen entdeckt man auf ihm. Auch „San Francisco“ und „Für mich auch“ sind sehr schön.
Textlich besonders interessant wird es dann auf „Der kultivierteste Sommer meines Lebens“. Hier zeigt uns Maikes lyrisches alter ego, dass es auch mal ganz anders kann: Den ganzen Sommer lang sind die Erzählerin und ihr Geliebter „in Museen gegangen“, haben „gute Filme geschaut“, sich nicht vom Fußballfahnenschwenken anstecken lassen und ausgedehnt Zeitung gelesen. Doch irgendwann reicht es dann dem lyrischen Ich: „Ich wollte einfach schnellen Sex… ich bin ganz gerne auch mal nicht so klug/ Und ich bin ganz gerne auch mal nicht so gut/ Und viel mehr als das/ Hatten wir uns beide nicht zu sagen“. Man rechnet schon mit dem Schlimmsten. Wird sie ihn, den kulturbeflissenen Intellektuellen, der zu wenig auf die wilden Begierden seiner Partnerin eingeht, eiskalt abservieren? Doch zum Glück kommt es anders. Freudig bleibt sie bei ihm, „Weil du nur mich liebst/ Und sonst nichts auf der Welt“. Na dann toi, toi, toi…
Gewidmet ist diese CD übrigens den Berliner Hebammen, „die so viel mehr tun als ihre Arbeit und denen wir alles zu verdanken haben“. Danke, Maike, für diese Hommage an die wahren Helden des Alltags, die in ihren unterbezahlten Jobs Erfüllung finden und dafür von den Karriere-Fuzzis und -Tussis auch noch herablassend behandelt werden. Unser Urteil für diese Platte lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Maike Rosa Vogel
Trotzdem gut
Eigenvertrieb Maike Rosa Vogel 2015
www.maikerosavogel.com
www.justament.de, 30.11.2015: “Eisernes Sparen jahrzehntelang”
Der Finanzjournalist Franz Netter untersucht das Für und Wider von Investments in deutsche Wohnimmobilien
Thomas Claer
„Wohin bloß mit unserem Geld?“, fragen sich immer mehr Deutsche verzweifelt angesichts der einfach nicht enden wollenden Niedrigzinsphase. Alle anderen, die sich so etwas nicht fragen, werden vermutlich bereits diese Fragestellung obszön finden, weil sie entweder nur wenig verdienen oder immer gleich alles ausgeben. Doch die meisten hierzulande sind weder Geringverdiener noch Konsumjunkies und daher unmittelbar von der Misere betroffen. Bedenkt man dann noch, dass bekanntlich selbst die heutigen Bezieher mittlerer Einkommen im Alter kaum mehr als eine Mindestrente zu erwarten haben und die private Vorsorge daher längst zum Gebot der Stunde geworden ist, so dürften für viele früher oder später auch die eigenen vier Wände ins Blickfeld geraten.
Der erfahrene Finanzjournalist Franz Netter hat in seinem Buch das weitläufige Themenfeld der Investments in Wohnimmobilien durchschritten und hierzu jede Menge nützliche Informationen in komprimierter Form zusammengetragen. Zu einer ganz besonderen Anlageform macht die Wohnimmobilien vor allem ihr Doppelcharakter zur Befriedigung des menschlichen Grundbedürfnisses Wohnen und zugleich als Investitionsobjekt. Wer also seine sauer verdienten Ersparnisse in eine Immobilie steckt, die er selbst zu nutzen gedenkt, der hat zunächst einmal ein Dach über dem Kopf und spart sich künftige Mietzahlungen. Darüber hinaus sorgt er vor. Der Haken daran ist nur, dass Wohnimmobilien an den gefragten Standorten, den so genannten Schwarmstädten, die allein weiteren Bevölkerungszuwachs und damit Wertsteigerungen versprechen, bereits exorbitant teuer sind. Als Schwarmstädte gelten insbesondere die Metropolen Berlin, Hamburg, München, Köln, Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart sowie einige kleinere und mittelgroße Universitätsstädte. Doch haben die meisten Immobilieneigentümer, zu denen in Deutschland immerhin jeder Zweite gehört, ihr Betongold leider am „falschen“ Ort. Oder wie es Buchautor Franz Netter pointiert sagt: „Mies oder gar nicht verzinste Sparguthaben, ertragsschwache Lebensversicherungen, von Kündigung bedrohte Bausparverträge und das marode Häuschen weit draußen auf dem Land – diese Anlagewerte überwiegen bei 99 Prozent der Haushalte, wenn überhaupt Geld zum Sparen übrig bleibt.“ Warum also nicht es den Reichen dieser Welt nachtun und auf Aktien oder Immobilien setzen? Doch fragen sich viele, vor allem Jüngere, die bislang noch nicht zum Zuge gekommen sind, ob sich der Erwerb einer Schwarmstadt-Immobilie heute überhaupt noch lohnt. Zwar ist es für manche eine Alternative, ein Haus oder eine Wohnung in einer anderen Stadt zu kaufen und täglich zum Arbeitsplatz in der Schwarmstadt zu pendeln. Doch ist gerade das auch nicht jedermanns Sache. Netter zitiert einen Glücksforscher: „Eine Stunde mit dem Auto zur Arbeit pendeln ist etwa so schlecht für die Glücksstatistik wie gar keinen Job zu haben.“
Man muss es dem Autor zugutehalten, dass er nie um deutliche Worte verlegen ist, auch was die Schattenseiten des Immobilienkaufs betrifft, der ja meistens mit einer hohen Kreditaufnahme verbunden ist: Kann man sich überhaupt sicher sein, jahrelang pünktlich seine Raten zahlen zu können, wo doch viele Arbeitsplätze keineswegs dauerhaft Bestand haben oder womöglich in den Niedriglohnsektor transformiert werden. „Die Industrie ist der letzte Wirtschaftssektor, der seine Beschäftigten noch ordentlich entlohnt. Im Dienstleistungsbereich dagegen schuften Millionen deutsche Arbeitnehmer oder Scheinselbständige für einen Hungerlohn.“ Und selbst wer das Glück hat, von diesem Trend nicht betroffen zu sein, bezahlt doch nicht nur finanziell einen hohen Preis: „Durch einen Immobilienkauf geht nicht selten ein Großteil der finanziellen Freiheit flöten: Wer sich hoch verschuldet hat, ist ängstlich darauf bedacht, pünktlich seine Raten an die Bank zu zahlen. Meist wird alles andere diesem Ziel untergeordnet: Karriere, Familie, Altersvorsorge, Freizeit. Das verursacht Druck und negativen Stress, der im Extremfall krank macht. Eine freie Lebensgestaltung ist nur schwer möglich.“ Aber dafür sind doch wenigstens fette Renditen garantiert, so denkt man. Nein, noch nicht einmal das: „Aus Renditeperspektive lohnen sich Wohnimmobilien, die zum Marktpreis erworben werden, nur bei ansehnlichen Wertsteigerungen.“ Aber immerhin, wenn alles gut geht und die Preise kräftig gestiegen sind, kann man seine abbezahlte Immobilie irgendwann später so richtig teuer verkaufen, denn nach einer Haltefrist von zehn Jahren sind die Gewinne doch schließlich steuerfrei. Aber selbst hier rät Buchautor Netter, sich lieber nicht zu früh zu freuen. Man müsse nämlich in Zukunft zunehmende Eingriffe des Staates in das Vermögen seiner Bürger einkalkulieren, wozu z.B. auch eine Abschaffung dieser Zehnjahresfrist unter dem Aspekt der „Gerechtigkeit“ gehören könnte. Klar, die Mehrheit der Wähler sind Mieter, die kleinen Eigentümer hingegen haben in der Politik – anders als das ganz große Geld, versteht sich – keine Lobby. So kommt der Autor folgerichtig zu dem Schluss: „Ohne mindestens ein halbwegs gesichertes Einkommen, ohne eisernes Sparen über Jahrzehnte und ohne ein Minimum an Eigenkapital (mindestens ein Fünftel, besser ein Drittel der Gesamtkosten) ist der Immobilienkauf in Deutschland nicht zu empfehlen.“
Warum am Ende, sofern man die genannten Voraussetzungen erfüllt, aber letztlich doch vieles dafür spricht, es zu wagen, liegt für Netter auf der Hand: „Hohe Nachfrage, günstige leicht verfügbare Darlehen sowie eine extreme Knappheit auf dem Mietmarkt dürften die Preise für Grundstücke in den kommenden Jahren nach oben treiben.“ Doch was ist mit dem oft vorhergesagten langfristigen Absinken der Immobilienpreise durch den demographischen Wandel? Dies betrifft dem Autor zufolge nur die kleinstädtischen und ländlichen Regionen. Denn egal wie man es dreht und wendet, die Zuwanderung nach Deutschland, vor allem in die Metropolen, dürfte noch sehr lange anhalten: „Nichts wird diese Völkerwanderung aufhalten, solange hier Freiheit, Frieden und Wohlstand herrschen, während weltweit Unterdrückung, Krieg und Armut dominieren.“ So kommt Netter zu der Vorhersage: „Wer nicht bald in den Immobilienmarkt investiert, wird sich selbst in durchschnittlichen Lagen vieler Städte kaum noch eine vernünftige Wohnung leisten können.“ Zumal die vieldiskutierte Mietpreisbremse, die womöglich in der Zukunft sogar noch verschärft wird, eher für eine weitere Verknappung des Angebots sorgen werde. „Die Preise steigen Monat für Monat.“ Und wer denkt, ihn betreffe all das nicht, weil er ja ein großes Erbe erwarte, dem sagt Netter: „Nur das reichste Prozent der Haushalte übergibt ein derart großes Vermögen an die nächste Generation, sodass diese auf eigene Sparanstrengungen weitgehend verzichten kann. Die übrigen 99 Prozent vererben meist zu wenig, um ihren Nachkommen das sorglose Leben in einer Metropole zu ermöglichen.“
Besonders interessant und aufschlussreich sind die nach Meinung des Autors wahrscheinlichsten wirtschaftlichen Zukunftsszenarien und ihre Auswirkungen auf die Anlageform Immobilie. Eine etwa gleich hohe Wahrscheinlichkeit räumt er dem inflatorischen und dem deflatorischen Szenario ein, deutlich unwahrscheinlicher als diese ist aus seiner Sicht das depressive Szenario. Kommt es in den kommenden Jahren zu deutlich steigenden Inflationsraten, was eine günstige konjunkturelle Entwicklung voraussetzt und politisch gewünscht ist, da dann die immensen Schuldenberge der Staaten zusammenschmelzen, so profitieren davon alle Sachwert-Anlageklassen, also insbesondere Aktien sowie Immobilien in den Schwarmstädten. Die Zeche zahlen müssten in diesem Falle die Inhaber von Lebensversicherungen und Sparkonten, die gewissermaßen enteignet würden. Kommt die Konjunktur in Europa hingegen trotz aller geldpolitischen Stimulierungen nicht richtig in Gang, dann tritt das japanische Szenario ein: eine lange Phase der Deflation. In diesem Fall brechen die Börsen ein und das abgezogene Kapital wandert, na wohin wohl?, in den sicheren Hafen der Schwarmstadt-Immobilien, deren Preise ja bekanntlich als weit weniger schwankungsanfällig gelten als die von Unternehmensbeteiligungen. Aber auch Festzins- und Lebensversicherungssparer wären mit diesem Szenario noch gut bedient, da ihre Gelder ja zumindest leicht an Wert gewännen. Ungünstig für wirklich alle Anlageklassen, also auch für Immobilien, wäre nur das (hoffentlich!) unwahrscheinlichste aller Szenarien, eine Depression, welche etwa durch schwere politische Krisen, durch Kriege oder Naturkatastrophen ausgelöst werden könnte. Der Islamische Staat erobert Europa oder so ähnlich… Daraus folgt, dass jemand, der auf Immobilien in Schwarmstädten setzt, aller Voraussicht nach also auch künftig auf der sicheren Seite sein wird.
Man liest dieses Buch mit großem Gewinn. Bemerkenswert, wenn auch nicht unbedingt verwunderlich, ist jedoch, wie stiefmütterlich der Autor darin den mit Abstand dynamischsten Immobilienmarkt Deutschlands, wenn nicht Europas behandelt. Gerade einmal eine Dreiviertelseite Text ist ihm unsere Hauptstadt Berlin wert, während er sich viele Seiten lang über seine Heimatstadt München und allerlei dort bestehende kommunale Förderprogramme auslässt. So passt es auch ins Bild, dass Netter, der sonst überall zuverlässig auf dem neuesten Stand ist, in seinem Berlin-Porträt mit längst überholten Zahlen von 2012 hantiert, wonach Berlin lediglich 3,3 Millionen Einwohner habe, nur moderat wachsen werde und Wohnungen fast überall unter 3.000 Euro pro Quadratmeter zu haben seien. Tatsächlich hat Berlin inzwischen aber längst 3,5 Millionen Einwohner, man sagt ihm 4 Millionen Einwohner bis 2030 voraus (was dann ungefähr die dreifache Bevölkerungszahl von München wäre!), und man findet zumindest frei beziehbare Wohnungen innerhalb des S-Bahn-Rings unter 3.000 Euro pro Quadratmeter inzwischen so gut wie gar nicht mehr. Insbesondere in früheren innerstädtischen Problemkiezen, die mittlerweile zu angesagten Szenelagen geworden sind, bekam man solche Wohnungen in den Nullerjahren noch für die Hälfte oder sogar für ein Drittel der heutigen Preise. Es soll sogar sparsame Geringverdiener geben, die seinerzeit Wohneigentum in heutigen Bestlagen Berlins für den berühmten „Appel und `n Ei“ erwerben konnten. Solche lukrativen Turnaround-Situationen gibt es auf den Immobilien-Märkten zwar selten, doch kommen sie gelegentlich vor, nur nicht in diesem Buch. Offensichtlich liegen solche Entwicklungen weit jenseits des Münchener Weißwursthorizonts…
Wirklich spannend wird es aber, wenn man sich nun überlegt, was wohl die künftigen Turnaround-Stories auf dem deutschen Immobilienmarkt sein könnten. Man gibt es als Berliner ja nicht gerne zu, aber Deutschlands größte Metropole ist eigentlich gar nicht unsere Hauptstadt, sondern mit insgesamt 5,1 Millionen Einwohnern das Ruhrgebiet, das sich nur aus provinzieller Engstirnigkeit noch nicht zu einer einzigen Stadt zusammengeschlossen hat. Ganz nebenbei gesagt handelt es sich auch noch um die fünftgrößte Quasi-Stadt Europas. Und längst haben sich dort in stillgelegten Fabriken die ersten Künstler und Startup-Gründer angesiedelt, denen Berlin bereits zu teuer geworden ist. Das allein muss natürlich noch nicht viel bedeuten, und es braucht ja auch viele andere Faktoren, die hinzutreten müssen, damit irgendwann so etwas wie ein Schwarm entstehen kann. Doch meistens geht es auf den Immobilienmärkten vergleichsweise gemächlich zu, und einmal etablierte Trends halten oft sehr lange an. Fast immer gibt es also noch ausreichend Zeit, auf neue Entwicklungen zu reagieren…
Franz Netter
Wohnimmobilien. Mit den richtigen Investments vom deutschen Immobilienboom profitieren
Finanzbuchverlag München 2016
186 Seiten, 19,80 €
ISBN: 978-3-89879-889-1
www.justament.de, 16.11.2015: Erinnerungen an Helmut Schmidt (1918-2015)
Ein persönlicher Rückblick
Thomas Claer
Es war der Bundestagswahlkampf 1980. Alles kreiste um die Frage: Schmidt oder Strauß – wer bleibt oder wird Bundeskanzler? Für einen achtjährigen westfernsehbegeisterten DDR-Jungen wie mich gab es damals kaum etwas Interessantes als die Innenpolitik unseres Klassenfeindes, denn die sozialistische Langeweile „bei uns“ war für mich schon als Kind nur schwer zu ertragen. Ich befragte also alle meine Freunde, Mitschüler, Verwandten und Bekannten, ob sie für Schmidt oder für Strauß seien und bekam zu meiner großen Zufriedenheit meistens zu hören: „Für Schmidt natürlich.“ Einige sagten aber auch: „Ist mir doch egal.“ Keiner schien für Strauß zu sein, aber das könnte auch daran gelegen haben, dass es manche als zu riskant empfanden, sich einfach so zum aus offizieller DDR-Sicht ungünstigeren Kandidaten zu bekennen. Noch wahrscheinlicher ist wohl, dass es in der DDR eine große Sympathie für die Entspannungspolitik der SPD-Kanzler, die immerhin zu deutlichen Reiseerleichterungen geführt hatte, und auch für die Person von Helmut Schmidt gab. Er galt als Staatsmann von Format, insbesondere im Vergleich zu unserem blassen und hölzernen Generalsekretär Erich Honecker, der in seinen Reden immer auf so drollige Weise die Silben verschluckte.
Mit Honecker war ich schon im Kindergarten vertraut. Er und sein Stellvertreter Willi Stoph hingen dort eingerahmt und unübersehbar an der Wand. In den täglichen „Beschäftigungen“, so nannten die Kindergärtnerinnen ihre Versuche, uns etwas beizubringen, fragten sie uns manchmal, während sie auf die besagten Bilder zeigten: „Wer ist das?“ Zwar konnte wohl jeder Erich Honecker benennen, doch gab es, was unsere Erzieherinnen sichtlich erboste, gewisse Schwierigkeiten mit seinem Stellvertreter Willi Stoph, was an dessen frappierender Ähnlichkeit mit dem Heizer unseres Kindergartens lag, einem gewissen Herrn Nechels. Stets antworteten wir auf die Frage, wer denn der Mann auf dem Bild neben Honecker sei, wie aus einem Munde: „Herr Nechels!“ Unsere Erzieherinnen fanden das allerdings gar nicht witzig und machten sich offenbar ernsthafte Sorgen, dass wir sie mit dieser Antwort blamieren könnten, sollte einmal, was tatsächlich ab und zu der Fall war, Besuch von irgendwelchen Bildungsfunktionären in unseren Kindergarten kommen. Noch heute sind mir ihre warnenden Worte im Ohr. „Und dass KEINER von euch sagt, das auf dem Bild ist Herr Nechels!“
Aber zurück zu Helmut Schmidt. Unvergesslich ist mir sein Staatsbesuch bei Erich Honecker 1981, bei dem er unter anderem auch das Ernst Barlach-Museum im ganz in der Nähe meiner Heimatstadt gelegenen Güstrow besuchte. Schon Tage vorher wurde die Umgebung Güstrows weiträumig abgesperrt, niemand durfte mehr die Straßen befahren. Es herrschte eine Art Ausnahmezustand, so ähnlich wie vor ein paar Jahren beim G7-Treffen in Heiligendamm oder jetzt in Paris nach dem jüngsten Terrorakt. Auf keinen Fall sollte Helmut Schmidt einem nicht eigens dafür präparierten DDR-Bürger begegnen. Beim Betrachten der Fernsehbilder von dieser winterlichen Begegnung – Honecker mit Pelz- und Schmidt mit Prinz-Heinrich-Mütze – ertappte ich mich bei dem Gedanken, ich weiß noch genau, dass ich mich dabei etwas unangenehm fühlte, dass mir der West-Kanzler Schmidt deutlich besser gefiel als unser großer Vorsitzender… Und das, obwohl Helmut Schmidt damals unentwegt Bonbons lutschte, weil er – man mag es heute kaum glauben! – mit dem Rauchen aufhören wollte, was einigermaßen lächerlich wirkte. An dieses Detail – Schmidt wollte mal ernsthaft mit dem Rauchen aufhören! – hat sich, soweit ich sehe, später nie wieder jemand erinnert.
Wie im Westen wurde Helmut Schmidt auch in der DDR aus durchaus unterschiedlichen Gründen verehrt. Mein Onkel Karl, der schon etwas älter war, meinte – es muss wohl kurz nach dem Regierungswechsel 1982/83 gewesen sein – auf meine Frage, wen er denn besser finde, Helmut Schmidt oder seinen Nachfolger Helmut Kohl: „Der Schmidt hat noch den Krieg mitgemacht und der Kohl nicht, das ist der Unterschied.“ Wobei mein Onkel Karl in vieler Hinsicht etwas eigenwillige Ansichten vertrat. Als ich ihn neugierig nach seiner Meinung über die damals noch recht junge Partei der GRÜNEN befragte, erklärte er mir, dass er als Mediziner dazu nur sagen könne, dass so wie ein einzelner Organismus auch ein ganzer Staat von Krebszellen befallen werden könne, und die GRÜNEN seien so ein Krebsgeschwür, aber es werde sie bestimmt nicht lange geben…
Überhaupt der Regierungswechsel 1982/83. Ich kann nicht von mir behaupten, dass ich damals als Elfjähriger viel von den Gründen und Hintergründen, die zu ihm führten, verstanden hätte. Bei mir kam es eher so an, dass der von mir so verehrte Schmidt von seinem verräterischen Kollegen Genscher hinterrücks gemeuchelt wurde, damit dieser dann mit dem verhassten Erzrivalen Kohl gemeinsame Sache machen konnte.
Einige Jahre später führte mich dann die Jugendweihefahrt meiner Schulklasse 1987 nach Minsk, das damals noch in der Sowjetunion lag, die gerade vom großen Reformer an der Staatsspitze, Michail Gorbatschow, so richtig durchgeschüttelt wurde. Und im Minsker Hotel Jubilejnaja, das es laut Google auch heute noch gibt, konnte ich mir – was mich ungemein beglückte – zum ersten Mal im Leben eine „Süddeutsche Zeitung“ und einen „Vorwärts“ (das war die SPD-Parteizeitung) kaufen. Natürlich habe ich beide sogleich regelrecht verschlungen, und zwar komplett von vorne bis hinten mehrmals nacheinander. Neben vielem anderen Interessanten fand ich im „Vorwärts“ eine Rezension von Helmut Schmidts erstem großen Bucherfolg als Kanzler a.D., „Menschen und Mächte“. Fortan war ich ausgesprochen scharf auf dieses Buch, doch ich musste noch etwas daruf warten, denn wie sollte man ein solches Werk in die DDR befördern?
Nun hatte sich aber zu jener Zeit mein Vater bereits in den Westen abgesetzt, während ich gemeinsam mit meiner Mutter geduldig auf die positive Bescheidung unseres Ausreiseantrags auf Familienzusammenführung durch die DDR-Behörden wartete. (Sie ließen uns erst nach zweieinhalb Jahren im Frühling 1989 ausreisen.) Meine Eltern benutzten in ihren Briefen aneinander, um die stets mitlesende Stasi zu düpieren, oft eine Art Geheimcode. So bezeichnete mein Vater einen ebenfalls früheren DDR-Bürger namens Kleine, mit dem er sich im Westen manchmal traf, als „Parvus“, was auf Lateinisch „klein“ bedeutet. Als Jugendlicher fand ich so etwas sehr aufregend und wollte mich an dergleichen auch versuchen, weshalb ich meinem Vater in Bremen als meinen Weihnachtswunsch schrieb: das Buch „Menschen und Mächte“ von – um den Namen des Altkanzlers zu vermeiden – „Dunkelfeige S.“. Doch leider kapierte mein Vater diesen Umkehrungs-Code nicht und schrieb mir zurück: „Den Autor Dunkelfeige S. gibt es nicht. Es gibt nur ein Buch ‚Menschen und Mächte‘ von Helmut Schmidt, ehemals Bundeskanzler.“ Trotz dieser Kommunikationspanne kam ich aber doch noch an das ersehnte Buch. Onkel Fritz, einem alten Schulfreund meines Vaters, wurde von den staatlichen Stellen zu jener Zeit eine Westreise erlaubt, bei der er natürlich auch meinen Vater besuchte, der das Buchgeschenk für mich an ihn weitergab. Irgendwie gelang es Onkel Fritz, das Buch, für das er sich auch selbst sehr interessierte, auf seiner Rückreise über die Grenze zu schmuggeln. Eine Woche später trafen wir dann Onkel Fritz in Rostock zur Buchübergabe. Er hatte das über 500 Seiten starke Werk schon komplett durchgelesen, als er es mir feierlich überreichte. Für mich war „Menschen und Mächte“ dann eine Art Einführung in das westliche politische Denken, für einen Sechzehnjährigen keine schlechte Lektüre. Später im Westen habe ich dann jedoch kein weiteres Buch mehr von Helmut Schmidt gelesen – es gab einfach zu viel anderes! Seine Talkshowauftritte allerdings habe ich in all den Jahren nur selten verpasst. Am letzten Donnerstag ist Helmut Schmidt im biblischen Alter von 96 Jahren den Weg alles Irdischen gegangen.
www.justament.de, 26.10.2015: Ein Hype namens Wanda
Die österreichischen Senkrechtstarter mit ihrem neuen Album „Bussi“
Thomas Claer
Nicht mal ignorieren, das war mein erster Gedanke, als ich vor einem Jahr erstmals den Klängen von Wanda lauschte, jener rustikalen Mundart-Kapelle aus Österreich, die inzwischen allerorts als Rettung der deutschen Popmusik gefeiert wird. Von umjubelten Auftritten in Berlin mit kreischenden Mädchen war damals die Rede, doch was ich dann von ihnen hörte, riss mich keineswegs vom Stuhl. Es lässt sich, und das gilt heute noch genauso wie vor 12 Monaten, so unendlich viel einwenden gegen diese sonderbare Spaß-Combo: angefangen vom oft kaum verständlichen österreichischen Gesang über die sich vornehmlich um „Amore“ und Alkohol drehenden Texte (das am häufigsten besungene Getränk ist ausdrücklich der Schnaps, prolliger geht es nun wirklich nicht) bis hin zu den Auftritten des Sängers auf den Konzerten mit entblößtem Oberkörper. Wie peinlich ist das denn? Und musikalisch mischen sich hier biederer Rock und Schlager, was nun auch nicht unbedingt etwas großartig Neues ist.
Woher also kommt dieser Hype? Ich selbst ertappte mich irgendwann dabei, dass mir manche Wanda-Liedzeilen nicht mehr aus dem Kopf gingen. Einige ihrer Lieder, längst nicht alle, haben schon, das muss man zugeben, etwas Raffiniertes. (Doch das gilt z.B. auch für die Banalitäten von ABBA und muss für sich genommen nicht viel bedeuten.) Aber – und das ist entscheidend – Wanda verkörpern mit ihrer demonstrativen Scheiß-egal-Pose eine Haltung, der man am Ende doch Respekt zollen muss. So schmutzig wie der kettenrauchende Sänger Michael Marco Fitzthum kann niemand sonst über die großen und kleinen Dramen des Lebens singen: „Es ist wahrscheinlich etwas Wahres dran, wenn du sagst, dass man daran sterben kann“, heißt es im stärksten Song des neuen Albums „Meine beiden Schwestern“, den sie auch live im ZDF bei aspekte präsentierten.
Überhaupt sind die Texte hintergründiger, als man zunächst denkt. Und wenn sie unablässig die Amore besingen, dann zumeist deren vollkommenste Spielart, die nur vorgestellte. An Wanda kommt man derzeit einfach nicht vorbei. Nicht einmal das mit dem oberkörperfreien Singen darf man wohl so eng sehen, zumindest solange es den Mädchen noch gefällt… Wenn uns Miley Cyrus oder Lady Gaga ihre Brüste zeigen, finden es ja schließlich auch alle schön. Das Gesamturteil lautet: mit Bedenken noch voll befriedigend (10 Punkte).
Wanda
Bussi
Vertigo Berlin (Universal) 2015
ASIN: B012BTVOZ2
Wanda
Amore
Problembär Records (rough trade) 2014
ASIN: B00MVCX74Q






