www.justament.de, 1.6.2015: Leser, du bist ein Loser!

„Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million“ von Beate Sander in 3. Auflage

Thomas Claer

sanderBeate Sander ist so etwas wie die „große alte Dame“ der Börsenliteratur. Eine ganze Reihe von Büchern über das Geldanlegen hat die gelernte Realschullehrerin, die seit vielen Jahren auch Volkshochschulkurse zur Thematik anbietet, schon herausgebracht, darunter den Megabestseller „Der Börsenführerschein“, der sich mehr als 50.000-fach verkauft hat. Bei den hier zu besprechenden „Neuen Aktienstrategien für Privatanleger“ handelt es sich um ein sogenanntes Arbeits- und Vertiefungsbuch, das laut der Verfasserin vornehmlich als Ergänzung zum „Börsenführerschein“ gedacht ist, wobei allerdings nicht ganz klar wird, was denn im „Börsenführerschein“ noch großartig anderes stehen soll als in diesem Buch, das doch nun wirklich das ganze Spektrum des für Privatanleger relevanten Wissens rund um die Anlageform Aktie mehr als abdeckt. (Nein, ich habe kein weiteres Buch der Autorin außer diesem gelesen und habe es auch nicht vor, sodass ich mich im Folgenden nur auf dieses vorliegende Buch beziehen kann.)

Zunächst einmal muss man Beate Sander durchaus Respekt zollen: Sie hat sich als Autodidaktin mit viel Fleiß über viele Jahre in das Thema Geldanlage eingearbeitet, konnte ihre eingesetzten Mittel offenbar langfristig gut vermehren und gibt ihren Lesern ganz überwiegend sehr vernünftige Hinweise (denen ich zu etwa 90 Prozent zustimmen würde). Es gibt keine unfehlbare, immer gleichermaßen gut funktionierende Strategie an der Börse; es braucht Lernbereitschaft, Disziplin, Mut und kontrolliertes Handeln; man darf um Himmels willen niemals alles auf eine Karte setzen, sondern muss immer breit streuen, sowohl bei der Anzahl der Einzelwerte als auch bei den Kaufzeitpunkten; wer noch steuerfreie Altbestände von vor 2009 besitzt, sollte diese hüten wie seinen Augapfel; lieber selbst Verantwortung für sein Handeln übernehmen, als immer die Schuld bei anderen suchen; vor allem direkt nach einem Crash sollte man beherzt zugreifen; Aktienkäufe auf Pump müssen Tabu sein. Es ist ja alles richtig und gut und schön.

Auch der etwas reißerische Untertitel „Auf dem Weg zur ersten Million“ ist nicht das Problem. Denn anders als wohl die meisten glauben, ist ein solcher Betrag an der Börse auf lange Sicht auch für Normalverdiener und mitunter sogar für Geringverdiener keineswegs unerreichbar, sofern sie nur jahrzehntelang klug investieren und – das sagt Beate Sander in ihrem Buch allerdings nicht so ausdrücklich –  wenig konsumieren (sonst steht nicht genug Geld zur Verfügung, das eingesetzt werden kann) und außerdem – auch das ist ganz entscheidend – früh mit dem Sparen und Investieren anfangen, denn nur dann kommt man in den vollen Genuss des achten Weltwunders, des Zinseszinseffektes.

In einigen wenigen Punkten bin ich anderer Meinung als Frau Sander. So halte ich ihre anfängliche Einteilung in unterschiedliche Anlegertypen für wenig glücklich, wonach Menschen, die bei Kursverlusten schlecht schlafen und sich zu sehr darüber aufregen, sich lieber von der Börse fernhalten sollten. Man versteht ja den Beweggrund der Autorin, dass sie nicht schuld sein will an menschlichen Dramen infolge verzockter Vermögen. Doch bliebe dann wirklich ein sehr großer Anteil der Bevölkerung dauerhaft von der Börse ausgeschlossen. Dabei lässt sich der Umgang mit Kursverlusten doch erlernen, nicht zuletzt durch die Einsicht in die grundlegenden Zusammenhänge. So wird ein erfahrener Investor bei Rückschlägen vielleicht sogar Freude darüber empfinden, dass er noch etwas billiger an seine geliebten Aktien kommen kann, und entsprechend nachkaufen, denn die nächste Hausse kommt bestimmt.

Weiterhin empfiehlt die Autorin generell eine „konsequente Verlustbegrenzung“, bei einem Minus von 25 Prozent sollte man die Reißleine ziehen (oder seine Stopp-Loss-Aufträge entsprechend platzieren), da es dann ja meistens auch noch weiter runter zu gehen drohe. Das mag bei ohnehin schon völlig überteuerten oder bei spekulativen Werten angebracht sein, deren Geschäftsmodell man selbst nicht ganz durchschaut und die man nur auf Verdacht gekauft hat. Wer aber wahre Value-Titel im Depot hat, der wird sie doch nicht verkaufen, wenn sie fallen, sondern der wird sie zu Schnäppchen-Preisen nachkaufen und so seinen Einstandskurs massiv verbilligen und seine Dividendenrendite steigern, meine ich. Und hierfür empfiehlt es sich, immer ein gewisses Cash-Polster zu haben. Frau Sander macht es anders. Sie ist meistens nahezu voll investiert (man könne es sich einfach nicht leisten, das Geld einfach nur so liegenzulassen) und verkauft in solchen Schwächephasen, um Liquidität für günstige Nachkäufe zu gewinnen, teilweise (aber niemals vollständig) ihre bisher am besten gelaufenen Werte. Das kann man natürlich so machen. Nur sehe ich hier das Problem, dass in Korrekturphasen in der Regel auch die bisherigen Gewinneraktien stark leiden und man sie dann auch deutlich unter ihren Höchstkursen (teilweise) verkaufen müsste. Sollten aber diese Werte eine große relative Stärke zeigen und deutlich weniger als der Gesamtmarkt verlieren, dann wäre das aus meiner Sicht erst recht ein Grund, sich nicht von ihnen zu trennen. Allerdings spricht für Frau Sanders Methode, dass man so eine zu starke Schlagseite im Depot zugunsten einzelner Werte vermeidet, deren Anteil am Gesamtbestand infolge ihrer womöglich exorbitanten Kurssteigerungen zu groß zu werden droht.

Außerdem wendet sich die Autorin immer wieder eindringlich gegen die bekannte Faustformel, wonach der Aktienanteil eines Anlegers bei 100 minus Lebensalter in Prozent liegen sollte. Diese Formel sei lebensfremd, da junge Menschen meistens zu wenig Geld für Aktieninvestments hätten, da sie ja z.B. eine Familie gründen und eine Immobilie erwerben müssten. Da ist natürlich etwas dran, und doch ist es allzu kleinbürgerlich gedacht. Wer sich, sagen wir, bis Mitte 30 beim Wohnen stark einschränkt (ein Wohnheim- oder WG-Zimmer oder eine spartanische Unterkunft im Problembezirk tut es doch auch), der hat, wenn es gut läuft, bis dahin schon so viel an der Börse verdient, dass es annähernd für die erste Eigentumswohnung reicht (wer Glück hat, kriegt dafür dann sogar noch einen Zuschuss von seinen Eltern). Und mit der künftig eingesparten Wohnungsmiete lässt sich das vorübergehend geplünderte Depot schon bald wieder so gut füllen, dass die langfristige Geldvermehrung in eine neue Phase eintreten kann. Fraglich ist aber natürlich, ob die eigene Finanzplanung auch gerade mit dem Auf und Ab an der Börse harmoniert. Ein gutes Timing ist hier sicherlich sehr anspruchsvoll und weitgehend auch Glückssache. Die Immobilienpreise spielen hierbei selbstverständlich ebenfalls eine große Rolle. Wer sich für seine Traumwohnung oder sein Traumhaus lebenslänglich verschulden muss, der ist für die Börse natürlich dauerhaft verloren (und hat außerdem bei seiner Geldanlage, was bekanntlich selten gut ist, alles auf eine Karte gesetzt). Über solche strategischen Fragen lässt sich trefflich streiten, und Beate Sanders Buch gibt hierzu eine Menge Anregungen.

Und doch gibt es so einiges, was mich mächtig stört an diesem Buch. Zunächst ist hier die schier unglaubliche Menge an (oftmals auch wortwörtlichen) Wiederholungen. Das hat gewiss auch seinen pädagogischen Effekt beim Leser, aber es sorgt vor allem dafür, dass das Buch unnötig und unangemessen in die Länge gezogen wird. Man fragt sich auch, ob fast neben jeder Seite ein großer Kasten stehen muss, der die Inhalte des laufenden Textes noch einmal stichpunktartig festhält. Warum nicht einfach die entscheidenden Signalwörter im Fließtext fett drucken?  Alles in allem wäre also mindestens ein Drittel des Umfangs verzichtbar gewesen.

Auch der Aufbau des Werkes mit seinen zahlreichen Unterkapiteln ist nicht sehr überzeugend, zumal sich auch hier so einiges wiederholt. Eher an die Adresse des Lektorats geht der Einwand, dass es so manchen verunglückten Satzbau, fehlerhafte Angaben und auch verunglückte Formulierungen gibt. So behauptet die Autorin gleich zweimal, dass in Deutschland das „Durchschnittsalter“ bei etwa 80 Jahren“ liege (gemeint ist die durchschnittliche Lebenserwartung). Ebenfalls zweimal heißt es, dass es den DAX seit 1889 (statt 1989) gebe. An mehreren Stellen spricht die Verfasserin von dem „schon attraktiven“ Kursniveau einer Aktie, meint damit aber offensichtlich nicht, dass sie günstig wäre, sondern vielmehr, dass sie bereits ambitioniert bewertet ist.
Unter den stets in separaten Kästen abgedruckten Zitaten von Börsen-Autoritäten hat der Autorin das folgende vermutlich so gut gefallen, dass sie es gleich zweimal (S.28 und S.144) anführt: „Es ist oft produktiver, einen Tag lang über sein Geld nachzudenken, als einen ganzen Monat für sein Geld zu arbeiten.“ (Heinz Brestel) Aber geschenkt, das Zitat ist in der Tat großartig!

Was den Rezensenten aber wirklich verstimmt, ist der Umstand, dass Frau Sander, die eingangs noch die Regel aufgestellt hat, dass man nie mit seinen Erfolgen prahlen dürfe und an der Börse stets demütig bleiben solle, über viele, viele Seiten „nachprüfbare Original-Auszüge“ aus ihren Depots abdruckt (sie hält offensichtlich mehr als hundert Einzelwerte), aus denen hervorgeht, welche gewinnbringenden Transaktionen sie durchgeführt und welche immensen Buchgewinne sie durch ihr  konsequentes Einsteigen nach dem Crash 2008/2009 erzielt hat. Angeblich tut sie das „zur Ermutigung“ ihrer Leser. Es entsteht aber ein etwas anderer Eindruck, nämlich der, dass sich die Autorin vor ihren Lesern produzieren will. Immer wieder stellt sie ihnen rhetorische Fragen wie: „Hand aufs Herz: Haben Sie diese riesige und einmalige Chance 2008/2009 genutzt? Haben Sie damals beherzt zugegriffen, als die Kurse am Boden lagen?“ Frau Sander hat es getan und wiederholt es unablässig, dass sie es getan hat. Ihren Lesern, den Privatanlegern, traut sie das offensichtlich nicht zu, denn immer wieder behauptet sie, dass die große Mehrheit der Privatanleger dauerhaft zu den Verlierern an der Börse zähle. Es gibt darüber schon aus Datenschutzgründen keine wirklich zuverlässigen Informationen, aber ich habe in den letzten Jahren häufiger von Untersuchungen gelesen, wonach in privaten Depots in Deutschland bei Höchstständen mehr Aktien verkauft und bei Tiefstständen mehr gekauft werden. Das Klischee vom ahnungslosen und vertrottelten Kleinanleger hat vielleicht zu Zeiten des Telekom-Aktien-Wahns und des Neuen Marktes gestimmt, ist aber inzwischen ganz sicher überholt. Mein Eindruck ist eher, dass es sich bei den heute noch verbliebenen Kleinaktionären um eine qualifizierte Minderheit handelt, die sehr genau weiß, was sie tut. (Auch wenn vielleicht eher die weniger erfolgreichen unter ihnen den Weg in die Börsenseminare von Frau Sander finden.)

Besonders ärgerlich ist aber Frau Sanders Einteilung der Anleger in „Gewinner“ und „Verlierer“, die sie bereits im Vorwort vornimmt. Für mich zumindest klingt es so, dass sie dies nicht nur rein technisch meint, sondern unterschwellig auch mit einem Werturteil verbindet, was dann schon ein etwas unschöner neoliberaler Machismo in seiner weiblichen Variante wäre. Okay, Beate, du hast den Längsten!

Beate Sander
Neue Aktienstrategien für Privatanleger. Auf dem Weg zur ersten Million
Finanzbuchverlag München, 3. Auflage 2015
350 Seiten, Hardcover, 24,99 €
ISBN 978-3-89879-7

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Börsenbuches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“.

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