Justament Okt. 2008: Neuer Stern am Gitarrenpop-Himmel
Clara Luzia präsentiert sich als begabte Songwriterin
Thomas Claer
Für den Konsumenten populärer Musik ist es immer ein Segen, Acts zu entdecken, deren kommerzieller Durchbruch erst noch bevorsteht. Denn wie sonst ließe sich heute noch ein erstklassiges Live-Konzert zu einem vertretbaren Eintrittspreis genießen? Für ganze vier Euro waren die Besucher beim Auftritt des österreichischen Geheimtipps Clara Luzia – passender Weise im Café Lucia in Berlin-Kreuzberg – dabei. Die Kreuzberger Oranienstraße, das muss man wissen, hat einen besonderen Mythos, der trotz aller postsozialistischen innerstädtischen Migrationsbewegungen nie ganz verloren gegangen ist. Und das Café Luzia besticht durch eine besonders coole Sperrmüll-Ästhetik. Allerhand jüngeres, mitunter aber auch beachtlich in die reiferen Jahrgänge expandierendes Publikum war also zusammengeströmt, um die “Amadeus Austrian Music Award”-Gewinner von 2008 im Bereich “Alternative Act des Jahres” zu erleben. Clara Luzia, 1978 geborene “ehemalige Politologin” (laut Band-Homepage), Sängerin und Gitarristin der gleichnamigen Band, präsentierte mit ihren drei musikalischen Mitstreiter/innen das Repertoire ihrer bislang zwei CDs, stilistisch eine Art Neo-Folk-Indipop mit sehr melodiösen Refrains. Eine ganz große, unverwechselbare Stimme hat Clara Luzia zwar eher nicht, manchmal klingt sie wie ein Imitat von Björk, dann wieder wie Dolores O’Riordan von den Cranberries oder Katharina Franck von den Rainbirds. Doch ihr enorm kreatives Songwriting verleiht den Songs dennoch eine ganz individuelle Note.
Nach dem (relativen) Erfolg ihrer zweiten CD-Veröffentlichung “The Long Memory” (mit dem besonders eingängigen “Morninglight”) von 2007 hat das Kölner Indielabel Unterm Durchschnitt nun auch Clara Luzias Debüt-CD “Railroad Tracks” von 2006 (ursprünglich erschienen auf dem eigenen Kleinstlabel der Künstlerin selbst) wieder veröffentlicht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).
Clara Luzia
Railroad Tracks
Unterm Durchschnitt 2008
Ca. EUR 17,00
Cat.No. 40010-2
Justament Okt. 2008: Warten aufs Album
Element Of Crime vertröstet uns vorläufig mit Filmmusik
Thomas Claer
“Je edler und vollkommener eine Sache ist”, so befand Arthur Schopenhauer in einem ansonsten überaus anrüchigen Text, “desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.” Den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert uns Element Of Crime, die wohl melancholischste deutsche Rockband aller Zeiten. Während es allgemein als ein Kennzeichen des schnelllebigen Genres Popmusik gelten kann, dass die Protagonisten jeweils rasch ihr kreatives Pulver verschossen haben, schießen – um in diesem Bild zu bleiben – die gereiften Elements auch nach 23 Bandjahren noch aus vollen Rohren. Zwar tun sie das längst nicht mehr so oft wie früher. Nur noch alle vier Jahre bringen die Mannen um Sänger und Texter Sven Regener ein Album heraus. Damit treffen sie dann aber zuverlässig und mit unerhörter Präzision direkt ins Herz ihrer Fans. Wer die den Ruhm der Gruppe begründenden Platten “Damals hinterm Mond” (1991) und “Weißes Papier” (1993) in ihrem poetischen Konzept für schlichtweg nicht mehr steigerbar hielt, wurde spätestens mit “Mittelpunkt der Welt” (2005) eines Besseren belehrt. Der “hohe Ton” der frühen Meisterwerke mit Anklängen ans Orchestrale und Pompöse ist inzwischen einer deutlich sparsamer verfahrenden schwermütigen Gelassenheit gewichen, die aus jeder Note und jeder Zeile in Regeners begnadeter Songlyrik spricht.
Nun haben Element Of Crime also wieder einmal Filmmusik gemacht – und erneut für eine Produktion des Regisseurs Leander Haußmann. Sieben Songs steuern sie zum offiziellen Soundtrack bei, zu dem daneben noch Künstler wie Vladimir Vissotski und Ed Csupkay beigetragen haben. Ein bisschen enttäuschend ist diese Art der Präsentation schon, denn neben drei reinen Instrumentalstücken liefern EoC nur vier “echte” Songs. Die sind dafür aber im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Vor allem “Ein Hotdog unten am Hafen”, das auch als Vinylsingle erhältlich ist, kann gefallen. Es ist nur so, dass die Lieder ohne den Film fast noch besser funktionieren… Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Element Of Crime u.a.
Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe (Soundtrack)
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001CLRCYS
Element Of Crime
Ein Hotdog unten am Hafen
Ltd. Edition Vinyl Single
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 7,00
ASIN: B001CGSPXK
Justament Sept. 2008: Manchmal etwas bieder
Wiglaf Droste und das Spardosen-Terzett singen Peter Hacks
Thomas Claer
Eigentlich ist Wiglaf Droste – geboren 1961 in Westfalen – ein Mann der schreibenden Zunft. In dieser hat er sich seinen Ruf als scharfzüngiger Krawallbruder über die Jahre hart erarbeitet. Niemand – vor allem nicht innerhalb seines linksalternativen Milieus – war vor seinen boshaften Polemiken sicher. Bevorzugte Opfergruppen seiner Tiraden in taz, Titanik und Junge Welt stellten DDR-Bürgerrechtler (“Erich nimm ihn zurück!”, 1988 über Stephan Krawczyk), Feministinnen und betroffene Popsänger (“Grönemeyer kann nicht tanzen”) dar. Sein satirisches Werk publizierte er in Büchern und CDs mit Titeln wie “Die schweren Jahre ab Dreiunddreißig”. Seit 2000 singt er auch, zunächst eher spaßig und parodistisch, mit seiner Chanson-Jazz-Band “Spardosen-Terzett”. Nun lässt Droste seiner politisch unkorrekten Verehrung für den 2003 verstorbenen DDR-Staatsdichter Peter Hacks freien Lauf und wagt sich an die Vertonung etlicher seiner Gedichte.
Peter Hacks, der große Dramatiker, Lyriker und Essayist, war nach der Wende nur noch als bockiger Alt-Stalinist aufgefallen, wird aber allmählich wieder als “Klassiker, ob’s einem passt oder nicht” (Sigrid Löffler) entdeckt. Die ausgewählten Gedichte sind auch allesamt große Klasse, allein ihre musikalische Umsetzung bleibt dann doch etwas hinter dem hohen Anspruch zurück, der hier erhoben wird. Nicht immer will der luftig-jazzige, mitunter geradezu schlagerhafte Stil der Songs zur jeweiligen Stimmungslage der Hacks-Lyrik passen. Wer wie Droste jahrelang nur Hohn und Spott für nervige Sänger und Liedermacher übrighatte (“der schreckliche Wolfgang Niedecken”; “schreiben kann er nicht für zehn Pfennig” über Wolf Biermann) muss sich nun nicht wundern, wenn es auch mal in die eigene Richtung geht. Vom Biss seiner frühen Jahre ist der singende Wiglaf Droste jedenfalls weit entfernt. Überzeugender präsentiert er sich hingegen bei der ebenfalls auf der CD enthaltenen Rezitation seines brillanten Essays über Peter Hacks, der Lesern der Süddeutschen Zeitung freilich bereits bekannt ist. Das letzte Bonmot des Peter Hacks lautet im übrigen wie folgt: Man möge ihn auf dem Französischen Friedhof neben Fontane begraben und keinesfalls auf dem Dorotheenstädtischen neben Heiner Müller, denn mit diesem habe er sich nicht soviel zu sagen, dass es für eine Ewigkeit reichen würde. Das Gesamturteil lautet: befriedigend (7 Punkte).
Wiglaf Droste & das Spardosen-Terzett
Seit du dabist auf der Welt. Liebeslieder von Peter Hacks
Kein & Aber Records / Eichborn 2008
Ca. EUR 17,00
ISBN: 978-3-0369-1406-0
Justament Sept. 2008: Düster, traurig, schön
Portisheads bezauberndes Comeback nach zehn Jahren
Thomas Claer
Das Album “Dummy” der Band Portishead markierte 1994 die Geburt einer neuen Musikgattung, des Trip Hop. Hiermit wurde, könnte man sehr subjektiv und zugleich sehr polemisch anmerken, der Beweis erbracht, dass all der Hip Hop, mit dem wir seit zweieinhalb Jahrzehnten überflutet werden, doch zu etwas nützlich ist, nämlich zur formalen Unterstützung dieses geheimnisvoll groovenden und gedankenverloren dahinschwebenden Sounds, der gleichzeitig eine Erdigkeit vermittelt, wie wir sie sonst nur vom Blues kennen. Jedoch der Stern von Portishead, der dreiköpfigen Band aus England mit ihrer einfach überwältigenden Sängerin Beth Gibbons, verglühte schnell. Ein nicht ganz so starkes Studio- und ein von den Londoner Symphonikern auf dem Gipfel ihrer Popularität eingespieltes Livealbum später wurde das revolutionäre Projekt sang und klanglos begraben – und fand Eingang in den Himmel der unsterblichen Popmusik.
Umso größer ist die Überraschung und umso stärker die Freude, nach so langer Zeit die ungeahnte und spektakuläre Wiederauferstehung der Combo aus Bristol feiern zu können. Ein überaus intensives Klangerlebnis ist “Third”, das absolut keinen Vergleich mit dem Frühwerk der Band zu scheuen braucht. Doch wundersamer Weise erinnert hier fast gar nichts mehr an Hip Hop. Die Beats sind stark zurückgenommen, die Songstrukturen aber dennoch so charakteristisch: Das ist Portishead pur! Elektro-avantgardistisch, wie manche Kritikerkollegen meinen, ist die CD nur insofern, als es allem Anschein nach ohnehin nichts völlig Neues mehr unter der Sonne des Popmusik-Himmels geben wird, nur noch die ewige Neukombination des Altbekannten. Und Portishead greifen Ansätze der Elektro-Avantgarden aus den Achtzigern auf, vermeiden aber nicht nur deren damalige Verirrungen, sondern transformieren jene auf so organische Weise ins eigene Klanguniversum, dass es einem den Atem raubt. Zudem präsentieren sie sich auf “Third” sogar noch erstaunlich vielseitig, unternehmen gewagte Ausflüge bis hin zum akustischen Gitarrensong. Jedes Lied bezaubert auf eigene Weise. Doch ist die Grundstimmung des Albums wohl eher noch trauriger, noch düsterer, noch melancholischer, als wir es von ihnen seit jeher kannten. Etwas Besseres als den Suizid findet man zwar nicht gerade überall, auf dieser CD aber ganz gewiss. Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).
Portishead
Third
Go! Discs / Mercury 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0016455AY
Justament Juni 2008: In der Popularitätsfalle?
The Notwist enttäuschen auf höchstem Niveau
Thomas Claer
Die Erwartungshaltung war einfach riesig. Sechs Jahre hatten The Notwist kein Album mehr veröffentlicht und anderthalb Jahre waren sie mit dem Material im Studio, bis in diesem Frühjahr endlich “The Devil, You + Me” das Licht der Welt erblickte, die erst sechste CD der Combo aus dem oberbayrischen Weilheim in nahezu 20 Jahren Bandgeschichte. Die internationale Musikpresse tat ihr Übriges: Von der besten deutschen Band war allerorts die Rede. Das Feuilleton und selbst das heute-journal waren alarmiert. Und immer wieder wurde die Geschichte erzählt von der Dreiviertelmillion, die ein britisches Telekommunikationsunternehmen der Band 2002 geboten haben soll, wenn sie nur ihren Hit “Pick up that Phone” als Werbesong zur Verfügung stellen würde. Die Musiker lehnten ab. Inzwischen weigert sich die Band, in Interviews über dieses Thema zu sprechen, doch werden die drei langhaarigen Brillenträger im Schlabber-Look längst landauf, landab als unkorrumpierbare Heilige des Pop-Business verehrt. Auch so etwas kann natürlich korrumpieren… Tappen The Notwist also allmählich in die Popularitätsfalle? Fast scheint es so, wenn man den Klängen des neuen Albums lauscht, an die man sich erst gewöhnen muss. Wie auf den drei Vorgängeralben, die nach zwei lärmenden Hardcore-Punk-Frühwerken den Ruhm der Band als deutsche Ausnahme-Gruppe begründeten, wird auf “The Devil, You + Me” weitgehend eine neue musikalische Richtung eingeschlagen, ohne dass man sich vom immer charakteristischen, hinreißend melancholischen Notwist-Sound verabschiedet hätte. Doch anders als auf der fein-kontrastreichen Gitarrenrock-Scheibe “12” (1995), der Jazz und elektronische Avantgarde raffiniert verknüpfenden “Shrink” (1998) und der elektronisch-komplexen “Neon Golden” (2002) gereicht der Band die Erneuerung diesmal nicht unbedingt zum Vorteil. Wir erleben einen bedenklichen Flirt mit dem Orchestralen, manchmal sogar mit dem Bombast. Warum dieser Zuckerguss, warum so dick aufgetragen? Einigen Liedern des Albums (es geht schon los mit dem Opener “Good Lies”) bricht das eindeutig das Genick. Es finden sich aber letztlich dann doch wieder so viele Perlen auf der CD, dass für genug Entschädigung gesorgt ist. An “Hands On Us”, “On Planet Off”, “Alphabet” oder “Boneless” kann man sich einfach nicht satt hören. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
The Notwist
The Devil, You + Me
Big Store/City Slang 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015YBOL4
Justament Juni 2008: Nicht schlecht!
Die Hamburger Schule-Band JaKönigJa auf ihrer fünften Platte
Thomas Claer
Es muss wohl 1997 gewesen sein, in einem kleinen Kulturzentrum in Bielefeld namens Kamp. Die erste Begegnung des Rezensenten mit JaKönigJa (damals schrieben sie sich noch Ja König Ja) verlief nicht unbedingt spektakulär. Nur 20 oder 30 Besucher waren gekommen. Damit es nicht so leer wirken sollte, hatten die Veranstalter unter der Bühne kleine Tische aufgestellt und überall Kerzen angezündet. Das war durchaus passend, denn die vier Musiker auf der Bühne spielten damals etwas, das die Kritiker übereinstimmend als Kammerpop bezeichneten: Begleitet von rein akustischen Instrumenten, nicht einmal ein Schlagzeug gab es, trällerten die Frontleute Ebba Durstewitz und Jakobus Siebels verkopfte Alltagsgeschichten in die Mikrofone, die sie durch ausgedehnte narrative Übergänge und Werkserläuterungen ergänzten. Es war klar: Hier waren intellektuelle Klugscheißer am Werk, Hamburger Schule eben. Diese frühe Phase der 1994 gegründeten Band brachte auf den ersten beiden Alben einige wunderbare Stücke wie “Die Stadt im Sommer”, “Rotkohl” und “Hoffentlich ruft mich niemand an” hervor. Doch sahen sich Ja König Ja zunehmend Vorwürfen der Betulichkeit, der Bravheit, ja des Weicheitums ausgesetzt. Was sich auf “Tiefsee” (1999) schon angekündigt hatte, vollzog man auf der vierten CD “Ebba” (2005) mit aller Entschiedenheit: die Wende zum Lärmigen, Umtriebigen, Schrägen. Nun endlich gab es auch die erhoffte Aufmerksamkeit von Feuilletons und Musikpresse. JaKönigJa wurden Kritikerlieblinge und auch die Verkaufszahlen verbesserten sich. Dabei war “Ebba” nicht unumstritten und konnte einem auch ganz schön auf die Nerven gehen. Auf der “Seilschaft” haben sie nun ein wenig zurückgerudert, sind wieder etwas gefälliger in den Arrangements, was der Platte gut tut. Die bei dieser Band traditionell wichtigen Songtexte changieren aber mehr denn je zwischen Abstraktion und Parolenhaftigkeit und geben der CD – wie auch manche kuriose musikalische Einsprengsel – in der Summe etwas Unentschiedenes, Nervöses, Zerrissenes. Warum machen sie nicht einmal ein ganzes Album wie das punkige “Was noch kein Ende hat”, das es auch bei YouTube zu bestaunen gibt? Darauf werden wir – bei der angenehm zurückhaltenden Veröffentlichungspolitik der Band – aber wohl noch etwas warten müssen. Das Gesamturteil lautet: befriedigend (9 Punkte).
JaKönigJa
Die Seilschaft der Verflixten
Buback Tonträger 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B00139LMEA
Justament April 2008: Schiff ahoi!
Wieder da: Achim Reichels Seemannslieder und Balladen aus den 70ern
Thomas Claer
Da kommt Freude auf. Nach der “Grünen Reise” (siehe Justament 1/08) gibt es jetzt auch die digital remasterte Wiederveröffentlichung der kompletten Seemanslieder- und Balladenphase Achim Reichels zu bestaunen. Es handelt sich um insgesamt vier CDs, jeweils mit aufwändigem Booklet versehen. Zunächst ist da das “Shanty Alb’m” von 1976, auf dem der Meister hochbetagte Songs aus dem maritimen Umfeld (“Rolling Home”) mit recht schroffen und bisweilen regelrecht bösen Gitarrenriffs unterlegt. Nur einmal wurde das Programm damals mit Piraten-Kostümierung und folkloristischen Instrumenten in einem Hamburger Theater aufgeführt. Einige Shanty-Puristen, die sich in der Veranstaltung geirrt hatten, reagierten verstört. Ein größeres Publikum gab es für diese lange als Geheimtipp gehandelte Musik erst in den Neunzigern, als Reichel mit dem Party-Kracher Aloha Heja He die Hitparaden stürmte und die Konzertbesucher plötzlich nach den alten Stücken verlangten.
Die dem Shanty Alb’m folgende und konzeptionell ähnlich gestrickte Platte “Klabautermann” (1977) kann nicht minder überzeugen und wendet sich mit einer Christian Morgenstern-Vertonung (“Sophie, mein Henkersmädel”) erstmals auch literarischen Quellen zu.
Es folgt das ausschließlich klassische Balladen adaptierende Album “Regenballade” (1978), ein weiteres Meisterwerk, in welchem Theodor Fontane, Detlef von Liliencron, Ina Seidel und viele andere ein manchmal rockiges, oft aber auch eher subtiles Gewand erhalten.
Nach dieser Trilogie ging Achim Reichel lange Zeit andere Wege und kam erst 2002 mit der CD “Wilder Wassermann” (u.a. mit Goethes “Erlkönig”) zurück ins alte Fahrwasser. Doch nur in wenigen Liedern fand er wieder zur alten Klasse zurück. Gleichwohl lautet das Gesamturteil: gut (15 Punkte).
Achim Reichel
Dat Shanty Alb’m
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8166
Achim Reichel
Klabautermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816G
Achim Reichel
Regenballade
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S816Q
Achim Reichel
Wilder Wassermann
Tangram (Indigo) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B0015S8170
Justament April 2008: Schluss mit niedlich
Eine wenig begeisternde Suzanne Vega auf “Beauty & Crime”
Thomas Claer
Wer Suzanne Vega von ihren früheren Werken kennt, wird schwerlich umhinkommen, sie als charmant zu bezeichnen. Dieses Urteil trifft aber in erster Linie ihren charakteristischen Gesangsstil, denn erst dieser komplettiert ihr zartes Gitarrenspiel und ihre zerbrechliche Erscheinung auf das Vollkommenste. Beim ersten Album (1985) klampfte sie noch – allerdings viel leiser und vorsichtiger als, sagen wir, Wolf Biermann – allein auf der Gitarre. Der Nachfolger “Solitude Standing” (1987) hatte infolge schauerlicher 80er-Jahre-Keyboards und Synthesizer zwar peinliche Momente, enthielt aber dafür so großartige Songs wie “Toms Diner”, das ihr ein paar Jahre später als zweifelhafter “DNA-Remix” neue Popularität bescherte. Der künstlerische Höhepunkt war vielleicht ihr viertes Album “99.9 F” (1992), auf dem sie sehr geschmackvoll und diskret mit elektronischen Effekten experimentierte. Als erste Worte hauchte sie: “Excuse me, if I turn your attention …”. Damals war das perfektes Understatement, heute wäre eine solche Warnung schon eher angebracht. Zwar war Frau Vegas Veröffentlichungspolitik vorbildlich sparsam: “Beauty & Crime” ist erst ihr siebtes Album in 33 Jahren. Aber es ist, wenn nicht alles täuscht, ihr schwächstes. Das Positive ist schnell genannt: Ihre Stimme ist noch immer ganz wunderbar und auch das Gitarrenspielen verlernt man eben nicht so schnell. Aber mit dem kreativen Songwriting der frühen Jahre hat das leider nicht mehr viel zu tun. Das klang noch auf dem Vorgängeralbum “Songs in red and grey” ganz anders. Trug damals noch eine erkennbar gereifte Künstlerin stilsicher neue Songs vor, wirkt die neue CD seltsam ideen- und orientierungslos. Die Lieder gehen nicht ins Ohr, der Funke will einfach nicht überspringen. Nota bene: Man muss Suzanne Vega an ihrem eigenen hohen Maßstab messen. Die große Masse der heutigen Newcomer ist mangels Talent auch von einem “Beauty & Crime” weit entfernt. Das Gesamturteil lautet: ausreichend (6 Punkte).
Suzanne Vega
Beauty & Crime
Blue Note (EMI) 2007
Ca. EUR 17,00
ASIN: B000H6SU9A
Justament März 2008: Was ist das?
PJ Harvey überrascht und verstört auf “White Chalk”
Thomas Claer
Gewiss war PJ Harvey, britische Songwriterin und nebenher Bildhauerin und Lyrikerin, schon immer mit dem Wahnsinn im Bunde. Und auch an Wandlungsfähigkeit hat sie es in ihrer 15-jährigen alternativen Popkarriere nicht fehlen lassen. Das neue Album schießt hier nun aber definitiv den Vogel ab. Bei den ersten Takten des Openers “The Devil” glaubte ich zunächst an einen Irrtum der Plattenfirma. Waren das Kinderchöre? Ein Klavierspiel wie auf einer Gespenstermesse. Ein gruseliges Kinderlied also? Aber dann doch unverkennbar PJs Gesang, nur mindestens eine Oktave höher als sonst. Es wird dann später streckenweise auch wieder konventioneller, doch die Songs kommen durchgängig ohne Drums und elektrische Gitarren aus. Rein akustisch eingespielt, mit dominantem Klavier sowie Zither, Fiedel, Banjo und Klampfe instrumentiert, gelangt “White chalk” zu einer fast schon aufreizenden Intimität und Zerbrechlichkeit – um dann aber doch immer wieder zu überraschenden konzeptionellen Sprüngen anzusetzen. So versucht sich die Künstlerin im Song “To Talk To You”, wenn wir der Einschätzung des Wikipedia-Autors Glauben schenken dürfen, sogar im mongolischen Kehlkopfgesang.
Früher, auf ihren sieben Vorgängeralben, bei großzügigerer Zählweise waren es sogar neun, klang es bei ihr noch anders: Sie spielte zumeist einen schweren, oft auch harten Bluesrock, mit expressivem Gesang bis hin zu hysterischen Ausbrüchen. Wie etwa im völlig orgiastischen Song “City of No Sun” vom Album “Dance Hall at Louse Point” (1996), einem ihrer stärksten. Es folgten auch einige melodischere, fast schon poppige Ausreißer wie vor allem die irritierende CD “Stories from the City, Stories from the Sea” (2000), bis PJ Harvey mit dem Vorgängeralbum Uh Huh Her (2004) wieder beim erdigen Bluesrock ihrer Anfangsjahre angelangte. Doch nun ist bei der 38-Jährigen nichts mehr wie es war. Ihre öffentlichen Dämonenaustreibungen sind in eine völlig neue Phase gekommen. Rücksichts- und kompromisslos sprengt sie die Grenzen des Genres Rockmusik, ohne dass sich letztlich genau benennen ließe, um was es sich beim Ertrag dieses Ausbruchs eigentlich handelt. So wie white chalk, weiße Kreide, posiert Polly Jane auch auf dem Coverfoto: blass im Gesicht, im weißen Kleid, auf einer unsichtbaren Sitzgelegenheit, die Hände in den Schoß gelegt. Ein minimalistisches Konzeptalbum von großer Intensität. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
PJ Harvey
White Chalk
Island (Universal) 2007, CD, 33:59 Minuten
ca. EUR 15,00
ASIN: B000SFYUV2




