Justament Okt. 2009: Melancholisch und ungezogen
Mit “Mountain Battles” setzen die Breeders ein Lebenszeichen, das gefallen kann
Thomas Claer
So weit ist es schon gekommen: Vor einem Jahr haben die Breeders ein neues Album herausgebracht, und ich hab’s erst jetzt gemerkt. Doch ist ein Jahr gar nicht so viel Zeit – gemessen an den ausgedehnten Schaffenszyklen dieser Band. Tatsächlich ist “Mountain Battles” erst ihre vierte Platte in zwanzig Jahren.
Angefangen hat es mit den Breeders 1989 als Kim Deal, Bassistin und Co-Sängerin der legendären Pixies (1986-1992) – der womöglich besten Band aller Zeiten – sich mit Tanya Donelly (Throwing Muses) und Josephine Wiggs zu einem explizit feministischen Nebenprojekt zusammenfand. 1991 erschien ihr Debütalbum “Pod”, verglichen mit den Nachfolgern ein ungeschliffenes Juwel, ein furioses Gitarrenrockalbum. Insbesondere ist das Stück “Opened” ein Gigant von einem Song in bester Pixies-Manier. Mit den Pixies allerdings ging es nach einem vollständigen Zerwürfnis zwischen Lead-Sänger Black Francis (a.k.a. Frank Black) und Kim Deal bald zu Ende. Black erklärte damals u.a., die Zickigkeit seiner Bassistin nicht mehr ertragen zu können. So wurden die Breeders für Kim Deal zum Hauptprojekt: 1993 gelang ihnen – bereits ohne die ausgeschiedene Tanya Donelly – mit ihrem zweiten Album “Last splash” und der Single “Cannonball” ein weltweiter Erfolg, obgleich die viel zu poppig geratenen Songs Fans und Kritiker keineswegs durchweg überzeugen konnten. Es folgte nach langer Pause mit Kim Deals Präsenz in mehreren anderen Projekten erst 2002 das wunderbar reife, begnadete, in jeder Hinsicht großartige “Title TK”.
Zu dieser Zeit bewies Kim Deal ihr unvermindertes Temperament mit dem unvergesslichen Statement in der 3Sat-Kulturzeit: “Hey, Mann, wenn der Gitarrist eine Pussy ist, dann kannst du gleich die ganze Band vergessen!” Es folgte noch eine emphatisch gefeierte Wiedervereinigungs-Tournee der versöhnten Pixies.
Und nun also “Mountain Battle”: Auch mit siebenundvierzig Jahren singt Kim Deal noch wie ein manchmal ungezogenes kleines Mädchen. Rockig, krachend und schmutzig kommen die meisten Stücke daher, aber gerade auch die langsamen Lieder wie das besonders zu rühmende Titelstück “Mountain Battles” entfalten einen unwiderstehlichen Reiz. Mein Gott, wie melancholisch sind Songs wie “Night Of Joy” oder “We’re Gonna Rise”! Und dann noch eine Neuerung: Der Song “Bang On” enthält Ausflüge in die Elektronik, aber so vorsätzlich stümperhaft, so augenzwinkernd dilettantisch, dass man die Breeders schon allein dafür lieben muss. Im vergnüglichen Song “German Studies” schließlich heißt es z.B. mehrmals: “Lass das Licht an!” und “Was machst du bloß?” Ansonsten reicht das musikalische Spektrum von der sehr Pixies-mäßigen Pop-Hymne “Walk It Off” bis zum Countrysong “Here No More”. Für 13 Lieder brauchen sie keine 37 Minuten: Immer kurz und schmerzlos. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
The Breeders
Mountain Battles
4AD/Beggar (Indigo) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B00133FBDY
www.justament.de, 7.9.2009: Irgendwas singen
Die neue Single von Element Of Crime macht Appetit aufs bald erscheinende Album
Thomas Claer
Na endlich! Die Lieblingsgruppe nicht nur vieler Strafrechtlerinnen und Strafrechtler setzt ihre sparsame Veröffentlichungspolitik mit der am 18. September erscheinenden neuen Platte „Immer da wo du bist bin ich nie“ fort, der ersten regulären CD seit vier Jahren. Als Vorgeschmack darauf gibt es jetzt schon eine Single gleichen Namens mit dem Titelsong und einer Coverversion des Andreas-Dorau-Klassikers “Blaumeise Yvonne”. Die Single erscheint wohlgemerkt nicht als CD, sondern lediglich als Download und als streng limitiertes kleines Vinyl. Aber macht Euch keine Hoffnungen, liebe Justament-Leserinnen und –leser! Nicht einmal mir ist es gelungen, eins der 500 Exemplare zu ergattern! Man kann es aber auch einfacher haben, indem man sich kurzerhand auf http://www.element-of-crime.de den Song anhört und das dazugehörige Musik-Video betrachtet.
Und das ist sehr vielversprechend, ein Ohrwurm geradezu. Ziemlich folkig, countrymäßig klingt das Ganze, weit weniger glattgebügelt als die letzten beiden (gleichwohl sehr starken) Alben, von der Songstruktur eine Mischung aus dem 1993er „Immer unter Strom“ und dem 2005er „Mittelpunkt der Welt“. Zum Text des Liedes ist zunächst zu sagen, dass es beckmesserisch wäre, an dieser Stelle die fehlende Kommasetzung in der Titelzeile zu monieren. Nur ein unverbesserlicher Pedant würde darauf insistieren, dass es sich hier um einen eingeschobenen Lokalsatz (als Sonderfall eines Adverbialsatzes) handelt, der durch Kommas vorne und hinten vom Hauptsatz abzutrennen wäre. Daher will ich auch gar nicht erst den Versuch unternehmen, darüber eine Diskussion zu beginnen, ob es nicht eigentlich „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ heißen müsste. Vielleicht ist mir ja auch eine versteckte Doppeldeutigkeit des Titels entgangen, die erst durch diesen orthografische Mangel erreicht wird?
Es bleibt noch darauf hinzuweisen, dass jede Element Of Crime-Veröffentlichung mittlerweile ein Medienereignis geworden ist. Zahllose Interviews hat Sven Regener in diesen Tagen bereits gegeben, die sich leicht durch eine simple Google-Recherche finden lassen. Am erstaunlichsten aber fiel sein Statement aus, als er auf seine Songtexte angesprochen wurde: „Irgendwas muss man ja singen.“ Das muss man sich einmal vorstellen! Da gibt es inzwischen zahlreiche germanistische und literaturwissenschaftliche Arbeiten über die Lyrik von Element Of Crime, und er sagt dazu nur: „Irgendwas muss man ja singen.“
Nun gut. Wir erfreuen uns schon einmal an der Single und warten ungeduldig auf das Album, das gottlob auch als gute, alte Vinyl-Langspielplatte herauskommen wird. Ich meine, irgendwas muss man ja schreiben. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (12 Punkte).
Element Of Crime
Immer da wo du bist bin ich nie
7’’ Vinyl-Single in limitierter Auflage (500 Stück) und Download-Single
Weitere Informationen auf: http://www.element-of-crime.de
Justament April 2009: Intelligente Oberfläche
Annett Louisan liefert Identifikationsmuster auf “Teilzeithippie”
Thomas Claer
Zugegeben, eine gewisse Grundsympathie des Rezensenten hat bei der Auswahl unserer “Scheiben” bislang stets eine Rolle gespielt. Das ist diesmal aber anders: Es gilt einzig, dem irritierenden Phänomen Annett Louisan auf den Grund zu gehen. Und phänomenal ist sie allemal, die 31-jährige – inzwischen nicht mehr ganz so hellblonde – Blondine, die seit ihrem Debüt “Bohème” (2005) schon mehr als eine Million Tonträger verkauft und es inzwischen sogar in die Feuilletons geschafft hat.
Stilistisch bewegt sich die Musik, auch auf ihrer nun schon vierten CD “Teilzeithippie”, konsequent zwischen poppigem Chanson und deutschem Schlager. Entscheidend und charakteristisch aber ist der allgegenwärtige Kontrast zwischen Annetts lolitahafter Stimme und den messerscharfen, stets treffenden, mitunter auch komischen Texten, die ihr ganz überwiegend Texter und Produzent Frank Ramond auf den Leib geschrieben hat. Ramond ist ein sehr versierter Texter, der es versteht, so unterschiedlichen Künstlern wie Roger Cicero, Roger Whittaker, Yvonne Catterfeld und Vicky Leandros und sogar Truckstop zuzuarbeiten. Ganz ohne Berührungsängste und sehr geschäftstüchtig ist er, was ihn mit seiner Interpretin verbindet, die ihrerseits seit Neuestem auch Werbung für Unterwäsche macht, aber dafür nicht ein einziges ihrer Lieder selbst getextet oder komponiert hat. Credibility (früher sagte man etwas pathetisch: Glaubwürdigkeit) ist heute offenbar nicht mehr ganz so wichtig. Klar, wer “weiterkommen” will, kann sich so etwas auch nicht mehr leisten. In so einer Welt spielt auch das Album, vor allem das Titelstück “Teilzeithippie”: Das coole Hippietum erledigt man nebenher, die übrige Zeit wird eifrig Karriere gemacht. Die Vereinigung solcher Gegensätze verkörpert Annett Louisan, die die Songtexte als “sehr nah an mir dran” empfindet, auch in persona. Ihr kürzlicher Umzug nach Berlin-Kreuzberg in die Oranienstraße sorgte dort für einen nochmaligen Gentrifizierungsschub.
Respekt zu zollen ist ohne Abstriche dem handwerklichen Können ihrer Begleitband und der musikalischen Qualität vieler Songs. Das weitaus stärkste Lied ist das beschwingte “Drück die 1”. Ferner ist der originelle Text des Songs “Die Siezgelegenheit” hervorzuheben: “In meinen Kreisen sagt man du”, heißt es dort, aber die “Distanz” des Siezens “macht interessant”. Im übrigen lässt sich Annett Louisan in ihren Liedtexten als puppenhafte Kunstfigur inszenieren, die bestimmten erotischen Männerträumen entsprechen mag und doch jederzeit alle Fäden in der Hand behält. Eine selbstbewusste Frau, so kommt es rüber, die sich nimmt, worauf sie gerade Lust hat, ohne Rücksicht auf Verluste. Das macht die Fans anscheinend erst so richtig scharf. Das Urteil lautet befriedigend (8 Punkte).
Annett Louisan
Teilzeithippie
Sony BMG 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B001F4Z6NQ
Justament April 2009: One Hit Wonder?
Gabriella Cilmi präsentiert ihr bemerkenswertes Debüt
Thomas Claer
Wie kann man sich eigentlich einen perfekten Popsong vorstellen? Nun, vor allem sollte er absolut rund, in sich geschlossen sein. Eine Ohrwurmmelodie als Refrain ist natürlich ein Muss. Noch besser aber, er enthält auch einen dazu passenden weiteren Ohrwurm als Strophe. Idealerweise gibt es dann noch einen Zwischenteil mit ebenso begeisternder Melodieführung – aber bitte alles wie aus einem Guss! Und um Himmelswillen keine Längen: Keine Note, kein Part des Stückes darf überflüssig sein. Eine solche Reduktion sollte sich allerdings auch in der Instrumentierung, Rhythmisierung und Produktion des Arrangements finden. Und schließlich – ganz entscheidend: die Gesangsstimme: Wenn hier eine Kleinigkeit nicht passt, sie z.B. zu glatt oder zu steril klingt, ist der Song schon ruiniert.
Einen Volltreffer in dieser Hinsicht landete im vergangenen Sommer die damals erst 16-jährige australische Sängerin Gabriella Cilmi mit ihrem internationalen Single-Hit “Sweet About Me”, der auch durch seinen Einsatz als Werbung für ein Kosmetikprodukt nicht entwertet wurde: eine an die amerikanischen Sechziger (Retro-Welle!) erinnernde Soulpop-Nummer, gewürzt mit jazziger Gitarren-, Kontrabass- und Xylophonbegleitung. Vor allem jedoch verfügt das Mädchen von Down Under, das alle Lieder ihres Debüt-Albums zumindest mitgeschrieben und -getextet haben soll, über eine erstaunlich reife Stimme. Wie sie zu dieser in ihrem erst zarten Alter gelangen konnte, wollen wir lieber gar nicht so genau wissen. Es besteht allerdings Grund zur Annahme, dass mit den “Lessons to be learned” im Albumtitel nicht die ihrem Alter entsprechenden Schulaufgaben gemeint sind. Die übrigen Lieder der CD fallen zwar, was nicht verwundern darf, im Vergleich zu “Sweet About Me” etwas ab, lassen aber dennoch hier und da das bemerkenswerte Talent der jungen Künstlerin aufblitzen.
Wer so früh einen kommerziellen Über-Hit landet, hat es bekanntlich später meist doppelt schwer. Schnell ist dann vom “One Hit Wonder” die Rede, das schon bald in Vergessenheit zu geraten droht. Hoffen und wünschen wir, dass Gabriella ihr früher Ruhm nicht in so verhängnisvolle Eskapaden treibt wie die ebenfalls hochbegabte Amy Winehouse – oder wie die, sagen wir, nicht ganz so hochbegabte Britney Spears. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (10 Punkte).
Gabriella Cilmi
Lessons to be learned
Island (Universal) 2008
Ca. € 17,-
ASIN: B001A72XKW
www.justament.de, 30.3.2009: Es muss auch mal gut sein
Phantom Ghost auf ihrem zwiespältigen vierten Album
Thomas Claer
Irgendwann in den Neunzigern kam das auf: Eine Reihe mehr oder weniger etablierter Bands wollte mal was ganz Anderes machen und dabei auch noch ihr gesamtes Umfeld samt Fangemeinde verstören, wenn nicht gar schockieren. Dabei muss das Verstörendste, der schlimmste auslösbare Schock für jede Band, die etwas auf sich hält, immer der Flirt mit dem Seichten, der Oberfläche sein. Was hier aber noch Ironie und was schon blinde Adaption des hohlen Pathos ist, das hält man bewusst in der Schwebe. Solche Platten hießen dann „Hauptsache Musik“ oder „Old Nobody“.
Begreiflich ist es schon, wenn eine erfolgreiche Band mit großer Fangemeinde so etwas tut. Denn die Verzückung der Anhängerschar über jedes noch so ausgefallene Werk ihrer Lieblinge braucht manchmal auch ungewöhnliche Nahrung. Die Protagonisten zeigen damit schließlich auch, dass sie sich nicht auf die ewig gleiche Rolle festlegen lassen wollen.
Aber: Man muss es in aller Deutlichkeit sagen: Es muss dann auch irgendwann mal gut sein. Und wenn ein Nebenprojekt, um dass sich niemand kümmern würde, gebe es das überaus erfolgreiche Hauptprojekt nicht, wenn also das elektronische Freakprojekt „Phantom Ghost“ des Tocotronic-Sängers Dirk von Lowtzow und des Keyboarders Thies Mynther, von dem ohne den Erfolg von „Tocotronic“ keiner Notiz genommen hätte, nun auf seinem vierten Album plötzlich auf Nur-Stimme-und-Klavier-mit-Operetten-und-Musicalsongs macht, dann ist die Grenze des Erträglichen, sagen wir, zumindest über weite Strecken, überschritten.
Es ist, das ist einzuräumen, nicht alles schlecht auf der CD. Das stimmliche Zusammenwirken Dirk von Lowtzows mit der Berliner Künstlerin Michaela Meise in einigen Stücken kann schon eine gewisse Attraktivität entfalten. Und das eine oder andere Lied lässt sich auch durchaus hören. Doch verlieren sich so viele andere eben leider in Albernheiten und Belanglosigkeiten. Missraten ist die im Ansatz ambitionierte Literaturvertonung “The Process (after Brion Gysin)“. Hier haben die heute leider fast vergessenen „Kastrierten Philosophen“ in den Neunzigern weit Besseres geleistet. Und auch das Stück „Meshes of the Afternoon“, wohl vom gleichnamigen surrealistischen Film inspiriert, kann nur enttäuschen.
“Thrown Out Of Drama School” ist daher wohl nur etwas für alle jene Hardcore-Tocotronic-Fans, die um keinen Preis der Welt einen Ton ihres Dirk von Lowtzow versäumen möchten. Das Urteil lautet: ausreichend (6 Punkte).
Phantom Ghost
Thrown Out Of Drama School
Dial (rough trade) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B00260YMXS
Justament Dez. 2008: Madame zum Dritten
Carla Bruni auf ihrer gelungenen CD “Comme Si de Rien N’Etait”
Thomas Claer
Als an dieser Stelle Carla Brunis zweite CD “No Promises” von 2006 besprochen wurde, konnte noch niemand ahnen, dass hier die künftige französische “premier madame” ihre Aufwartung machte. Mit der Unbefangenheit im Urteil ist es nun also vorbei. Man muss der medialen Betrachtung der Künstlerin als “absolut unmögliche Person” (Claus Koch) eingedenk sein, die angeblich “dünne Liedchen” (Alex Rühle) bei “Wetten, dass …” trällert. Und schließlich gibt die Bruni auch durch ihre in zahlreichen Interviews vorgeführte Laszivität und entsprechende Songtexte (von ihren 30 Liebhabern ist in “Je suis une enfant” die Rede) genug Anlass zur Skepsis. Ferner mag man das Coverfoto der CD, auf dem sie in damenhaftem Kostüm vor einem See stolziert, für diesmal wenig gelungen halten. Doch allen Unkenrufen zum Trotz muss klipp und klar gesagt werden: Auch das neue Album ist grandios! Und das verdient umso größere Beachtung, als hier unter äußerst erschwerten Bedingungen gearbeitet wurde. Wenn es stimmt, dass Carla ihren Gatten mitunter nachts weckt, um ihm die ihr gerade zugeflogenen neuen Melodien vorzuspielen, und der Präsident hierüber keineswegs erbost ist, sondern stets sehr angetan, dann ist Monsieur Sarkozy als ein wirklich ganz besonderer Förderer der Kunst zu würdigen…
“Comme Si de Rien N’Etait” (dt: “Als ob gar nichts geschehen wäre”) knüpft nach den Ausflügen der englischsprachigen Vorgänger-CD in Country- und Rockgefilde wieder an den Chanson-Stil des Erstlings “Quelqu’un M’a Dit” an, bereichert diesen aber durch allerhand Violinen-, Cello-, Flöten- und Keyboard-Klänge. Wenn auch der Zauber des kargen Debüts nicht ganz erreicht wird, überproduziert wirkt das Werk trotz dieser Opulenz keinesfalls, vielmehr durchweg sehr dezent und stimmig arrangiert. Carla Bruni stellt sich so in die Tradition der großen Chansonnieren Édith Piaf und Juliet Gréco, wobei ihre zarte und deutlich weniger voluminöse Stimme den Liedern nicht abträglich ist, sondern ihnen sogar einen besonderen Charme verleiht. So ganz aus dem Hut gezaubert ist das wunderbare Songwriting der Vierzigjährigen allerdings nicht: Sie genoss eine klassische musikalische Ausbildung und ihre Mutter war Konzertpianistin. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Carla Bruni
Comme Si de Rien N’Etait
Ministry O (edel) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001AY2P26
Justament Okt. 2008: Neuer Stern am Gitarrenpop-Himmel
Clara Luzia präsentiert sich als begabte Songwriterin
Thomas Claer
Für den Konsumenten populärer Musik ist es immer ein Segen, Acts zu entdecken, deren kommerzieller Durchbruch erst noch bevorsteht. Denn wie sonst ließe sich heute noch ein erstklassiges Live-Konzert zu einem vertretbaren Eintrittspreis genießen? Für ganze vier Euro waren die Besucher beim Auftritt des österreichischen Geheimtipps Clara Luzia – passender Weise im Café Lucia in Berlin-Kreuzberg – dabei. Die Kreuzberger Oranienstraße, das muss man wissen, hat einen besonderen Mythos, der trotz aller postsozialistischen innerstädtischen Migrationsbewegungen nie ganz verloren gegangen ist. Und das Café Luzia besticht durch eine besonders coole Sperrmüll-Ästhetik. Allerhand jüngeres, mitunter aber auch beachtlich in die reiferen Jahrgänge expandierendes Publikum war also zusammengeströmt, um die “Amadeus Austrian Music Award”-Gewinner von 2008 im Bereich “Alternative Act des Jahres” zu erleben. Clara Luzia, 1978 geborene “ehemalige Politologin” (laut Band-Homepage), Sängerin und Gitarristin der gleichnamigen Band, präsentierte mit ihren drei musikalischen Mitstreiter/innen das Repertoire ihrer bislang zwei CDs, stilistisch eine Art Neo-Folk-Indipop mit sehr melodiösen Refrains. Eine ganz große, unverwechselbare Stimme hat Clara Luzia zwar eher nicht, manchmal klingt sie wie ein Imitat von Björk, dann wieder wie Dolores O’Riordan von den Cranberries oder Katharina Franck von den Rainbirds. Doch ihr enorm kreatives Songwriting verleiht den Songs dennoch eine ganz individuelle Note.
Nach dem (relativen) Erfolg ihrer zweiten CD-Veröffentlichung “The Long Memory” (mit dem besonders eingängigen “Morninglight”) von 2007 hat das Kölner Indielabel Unterm Durchschnitt nun auch Clara Luzias Debüt-CD “Railroad Tracks” von 2006 (ursprünglich erschienen auf dem eigenen Kleinstlabel der Künstlerin selbst) wieder veröffentlicht. Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (10 Punkte).
Clara Luzia
Railroad Tracks
Unterm Durchschnitt 2008
Ca. EUR 17,00
Cat.No. 40010-2
Justament Okt. 2008: Warten aufs Album
Element Of Crime vertröstet uns vorläufig mit Filmmusik
Thomas Claer
“Je edler und vollkommener eine Sache ist”, so befand Arthur Schopenhauer in einem ansonsten überaus anrüchigen Text, “desto später und langsamer gelangt sie zur Reife.” Den Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme liefert uns Element Of Crime, die wohl melancholischste deutsche Rockband aller Zeiten. Während es allgemein als ein Kennzeichen des schnelllebigen Genres Popmusik gelten kann, dass die Protagonisten jeweils rasch ihr kreatives Pulver verschossen haben, schießen – um in diesem Bild zu bleiben – die gereiften Elements auch nach 23 Bandjahren noch aus vollen Rohren. Zwar tun sie das längst nicht mehr so oft wie früher. Nur noch alle vier Jahre bringen die Mannen um Sänger und Texter Sven Regener ein Album heraus. Damit treffen sie dann aber zuverlässig und mit unerhörter Präzision direkt ins Herz ihrer Fans. Wer die den Ruhm der Gruppe begründenden Platten “Damals hinterm Mond” (1991) und “Weißes Papier” (1993) in ihrem poetischen Konzept für schlichtweg nicht mehr steigerbar hielt, wurde spätestens mit “Mittelpunkt der Welt” (2005) eines Besseren belehrt. Der “hohe Ton” der frühen Meisterwerke mit Anklängen ans Orchestrale und Pompöse ist inzwischen einer deutlich sparsamer verfahrenden schwermütigen Gelassenheit gewichen, die aus jeder Note und jeder Zeile in Regeners begnadeter Songlyrik spricht.
Nun haben Element Of Crime also wieder einmal Filmmusik gemacht – und erneut für eine Produktion des Regisseurs Leander Haußmann. Sieben Songs steuern sie zum offiziellen Soundtrack bei, zu dem daneben noch Künstler wie Vladimir Vissotski und Ed Csupkay beigetragen haben. Ein bisschen enttäuschend ist diese Art der Präsentation schon, denn neben drei reinen Instrumentalstücken liefern EoC nur vier “echte” Songs. Die sind dafür aber im wahrsten Sinne des Wortes “ganz großes Kino”. Vor allem “Ein Hotdog unten am Hafen”, das auch als Vinylsingle erhältlich ist, kann gefallen. Es ist nur so, dass die Lieder ohne den Film fast noch besser funktionieren… Das Gesamturteil lautet: voll befriedigend (11 Punkte).
Element Of Crime u.a.
Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe (Soundtrack)
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 17,00
ASIN: B001CLRCYS
Element Of Crime
Ein Hotdog unten am Hafen
Ltd. Edition Vinyl Single
Vertigo Be (Universal) 2008
Ca. EUR 7,00
ASIN: B001CGSPXK


