www.justament.de, 23.6.2014: Weltpremiere!
Scheiben vor Gericht spezial: Element Of Crime mit fünf neuen Songs live auf dem Oranienplatz in Kreuzberg
Thomas Claer
Unter dem Motto „Früher haben wir hier gewohnt, und heute spielen wir hier“ absolvierten unsere Elements am Samstag einen vielumjubelten Auftritt auf der „Fete de la Musique“ auf dem Oranienplatz in Berlin-Kreuzberg. Mit besonderer Spannung aber hatten die zu Tausenden herbeigeströmten Fans auf die versprochenen Kostproben aus dem für den Herbst angekündigten neuen EOC-Album – dem ersten seit fünf Jahren – gewartet, und sie wurden nicht enttäuscht: Gleich fünf neue Songs gab Sven Regeners muntere Kapelle – neben fünf weiteren wohlbekannten Gassenhauern – zum Besten. Nach 45 Minuten war dann allerdings Schluss, weil die nächsten Bands an der Reihe waren.
„Na, und“, werden jetzt alle fragen, die nicht dabei sein konnten, „wie waren denn die neuen Lieder?“ Um es zurückhaltend zu sagen: Jede Sekunde des Wartens hat sich voll gelohnt. Zwar bedarf es wohl keiner besonderen Erwähnung, dass sich vom musikalischen Konzept her bei Element Of Crime nicht viel verändert hat. Nur, dass diesmal noch zusätzlich ein Saxophonist mit dabei war (das hatten sie, glaube ich, letztmals auf dem Debütalbum „Basically Sad“ von 1985), der insbesondere einen Teil von Sven Regeners Trompeten-Einsätzen ersatzweise übernahm. Gute Idee! Denn gleichzeitig singen und Trompete spielen, das hat noch keiner geschafft. Und bei früheren Live-Auftritten musste daher immer so einiges von Regeners Trompetengeschmetter notgedrungen unter den Tisch fallen. Jetzt zum Glück nicht mehr.
Aber zurück zu den fünf neuen Songs. Sehr stark sind sie, ironischer und melancholischer denn je, sowohl textlich als auch musikalisch, da kommt womöglich ein großes Album auf uns zu. Gleich das Eröffnungslied „Am Morgen danach“ brilliert mit vielsagenden Andeutungen wie „Du ohne Schirm, ich ohne Plan, war ja klar“. Ähnlich verhält es sich mit „Schade, dass ich das nicht war“, das sogar etwas temporeicher daherkommt, als wir es sonst von den Elements gewohnt sind. Hingegen wird in „Hauptsache Du“ die anfänglich zu befürchtende Kitschnähe („Nie zuvor hab ich ein Lächeln geseh‘n wie das deine“) rasch durch einen beherzten oxymoratischen Blick auf die Widersprüchlichkeiten des Alltags ausgetrieben: „Heimatlos und viel zu Hause“, „Unterbeschäftigt und viel zu viel zu tun“. Wer kennt das nicht?
Als absolutes Highlight erweist sich dann aber das hintersinnig-dunkle „Liebe ist kälter als der Tod“. „Auf alles, was da kommt, scheißend“ reift im lyrischen Ich schließlich die Erkenntnis: „Je länger man kaut, desto süßer das Brot“. Der letzte der neuen Songs, „Bildschirm und Goldfisch“, ist dann noch eine Hymne an die eigene Unerreichbarkeit, rein technisch betrachtet – es geht um abgeschaltete Handys und defekte Wohnungstürklingeln. Schon beim zweiten Hören (man hat natürlich alles gefilmt und mit nach Hause genommen) kommt es einem vor, als ob man die Songs schon seit 20 Jahren kennen würde. Und das ohne dass sie einfach nur ein Abklatsch der früheren wären, ganz und gar nicht!
Gelungen war letztlich auch die Auswahl der fünf altbekannten Stücke im Programm. Dachte man nach „Am Ende denk ich immer nur an dich“, „Immer da, wo du bist, bin ich nie“ und „Delmenhorst“ schon, dass ausschließlich das letzte Jahrzehnt zum Zuge käme, gab es dann als Zugabe doch noch zwei Knaller aus den frühen Neunzigern, nämlich „Weißes Papier“ und als Schlusspunkt „Draußen hinterm Fenster“.
Ganz ausdrücklich zu loben ist ferner noch die exzellente Vorgruppe, das Berliner Lagerfeuer-Duo „Apples in Space“, dessen wunderschönes Lied „Vespa“ schon den Soundtrack von „Haialarm am Müggelsee“ schmückte, jenem Klamauk-Film, den Sven Regener im letzten Jahr gemeinsam mit Regisseur Leander Haußmann gedreht hat. Apropos Leander Haußmann: Der befand sich auch im Publikum und war schon von weitem daran zu erkennen, dass er als nahezu einziger nicht auf seine stetig brennende Zigarette verzichten konnte. Noch vor zehn oder 15 Jahren hätte über einem solchen Live-Musik-Fest eine dichte Nikotinwolke geschwebt, inzwischen sind aber die Kreuzberger Konzertbesucher offensichtlich schon ebenso gentrifiziert wie ihre Wohngegend.
Übrigens lässt sich auf dem Oranienplatz neuerdings eine kulinarische Köstlichkeit probieren, die mancher vielleicht noch nicht kennen wird: In einer bunten Bude am südwestlichen Rand des Platzes werden in verschiedenen Variationen ausschließlich „Tantuni“ verkauft. Das sind ursprünglich aus der Region Mersin im Süden der Türkei stammende Teigrollen, gefüllt mit gegartem Hackfleisch, Tomate, Zwiebel, Petersilie, Chili, Kümmel und schwarzem Pfeffer. Sehr lecker! Die kosten zwar mit 3,50 EUR einen Euro mehr als der gemeine Döner, aber es lohnt sich ganz unbedingt! Und dann war am Samstag auch noch, wie es der Zufall so wollte, Christopher Street Day. Und einer der Umzüge verlief durch die Oranienstraße. Da gab es dann noch allerhand buntes Volk zu bestaunen.
Das Gesamturteil lautet: gut (15 Punkte).
www.justament.de, 12.5.2014: Rückkehr der Giganten
Nach 23 Jahren wieder ein Album von den Pixies
Thomas Claer
Man glaubt es kaum, aber nach einer Pause von fast einem Vierteljahrhundert haben die Bostoner Lärm-Virtuosen doch noch ihr sechstes Studio-Album aufgenommen – kein geringes Risiko für eine Band von solchem Format und mit solcher Reputation: Kenner zählen die Pixies zu den einflussreichsten Musikgruppen aller Zeiten.
Ein Jahrzehnt nach ihrer gefeierten Wiedervereinigung (die sich allerdings auf häufige Konzertauftritte beschränkt hat) haben sie es nun also gewagt – und wären um ein Haar gescheitert. Während der Aufnahmen kehrte Bassistin und Co-Leadsängerin Kim Deal, deren erbitterte Richtungskämpfe mit Band-Boss Black Francis schon seinerzeit das Ende ihrer ersten Schaffensperiode (1986-1993) eingeleitet hatten, abermals der Band den Rücken – und diesmal wohl für immer. Doch die verbliebenen drei (männlichen) Bandmitglieder, Gitarrist Joey Santiago, Drummer David Lovering und der besagte Black Francis, zogen die Sache eben allein durch. Das Ergebnis ist durchaus respektabel. Sehr wild und hardrockig und wie in alten Zeiten klingt der Opener „What Goes Boom“, der einen auf der Stelle in Entzücken versetzt. Da fühlt man sich doch gleich um mindestens 20 Jahre verjüngt! Nur leider geht es dann nicht mehr ganz so weiter. Die trotz mancher stimmlichen und instrumentalen Temperamentsausbrüche vergleichsweile ruhige Gangart der darauffolgenden Lieder der Platte lässt ahnen, dass die menschliche Körperchemie mit um die fünfzig wohl doch anders als mit Mitte zwanzig funktioniert. Einige der Songs wären auf einem der unzählbaren Frank-Black-Alben (für Nichteingeweihte: so heißt das weniger ambitionierte Solo-Projekt von Black Francis) vielleicht doch besser aufgehoben. Und doch gibt es ein paar Perlen auf dem Album, die für den einen oder anderen Hänger zwischendurch mehr als entschädigen. Zuallererst ist hier „Bagboy“ zu nennen, das einzige Stück, auf dem die abtrünnige Kim Deal noch stimmlich vertreten ist. (Um so schmerzlicher vermisst man sie in den anderen Liedern.) Zweifellos ist „Bagboy“ der stärkste Song der ganzen CD: Glaubt man anfangs noch, sich versehentlich in einen Rapsong verirrt zu haben, so explodiert bald darauf der Über-Refrain – ungeheuer poppig, ohne banal zu sein. Genau dafür haben wir die Pixies immer geliebt! Auch „Magdalena 318“ und „Snakes“ sind ziemlich toll. Besonders gelungen ist ferner – wie auch schon damals in den 80ern – die aufwendige Cover-Gestaltung. Insgesamt also eine Platte, die völlig in Ordnung geht. Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Pixies
Indie Cindy
Pixies Music 2014-05-10
ASIN: B00J4SP83S
www.justament.de, 24.3.2014: Soundtrack eines Lebensgefühls
Das siebte Notwist-Album „Close to he Glass“
Thomas Claer
Welch ein Glück, die begnadeten Soundtüftler aus Oberbayern sind wieder da – mit einem Album, das durchaus mehr zu bieten hat als bloße Ruhmesverwaltung. Viel muss man heute wohl nicht mehr sagen zum traurig-schönen Notwist-Sound, zum universellen Soundtrack eines verloren-urbanen Lebensgefühls. Kaum zu glauben, dass die Brüder Markus und Micha Acher in den frühen Neunzigern mit zwei Heavy-Rock-Platten angefangen haben. Davon war später aber nicht mehr viel zu hören. Zwischen 1995 und 2002 erschienen dann ihre großen Pop-Meisterwerke, an denen man sich nicht satthören konnte: das bunte Album „12“, das blaue Album „Shrink“ und das rote Album „Neon Golden“. Teil der Kernbesetzung neben den Acher-Brüdern ist seit 1997 auch Martin „Konsole“ Gretschmann, der für die elektronische Komponente sorgt. Und ganz nebenbei begründeten die Musiker durch zahlreiche verwandte Nebenprojekte wie Lali Puna und Ms. John Soda mit der „Weilheimer Schule“ der notwistesken Pop-Musik eine Art südliches Pendant zur „Hamburger Schule“ des nördlicheren Indie-Pop.
Das letzte Jahrzehnt ließen The Notwist allerdings etwas geruhsamer angehen. Ihre vorige Platte „The Devil You + Me“ von 2008 war eher zwiespältig: Genau fünf exzellente Songs standen sechs reichlich misslungenen gegenüber, auf denen sie sich, man muss es so hart sagen, ein wenig im Bombast verirrt hatten. Jetzt sind sie aber glücklicherweise wieder voll und ganz bei sich angekommen. Der Einstieg in „Close tot he Glas“ ist betont elektronisch. Es frickelt, knarzt und loopt nicht mehr nur wie bisher, nein, neuerdings piept und tutet es sogar bei ihnen. Doch das gibt sich dann im weiteren Verlauf der Platte. Der große Kracher ist natürlich die Single „Kong“. Beim anfänglichen Hören klingt Markus Achers hohe Stimme zu Beginn zwar noch etwas befremdlich, doch dann hat man flugs diesen Ohrwurm in sich und wird ihn nicht mehr los. In der Mitte des Albums folgen ein paar sehr schöne und sehr reduzierte Gitarren-Songs. Und am Ende gibt es plötzlich noch ein paar regelrechte Ambient-Tracks, die an die frühen Pink Floyd und die Anfänge von YELLO erinnern. Mit etwas Gewöhnung lässt sich auch denen etwas abgewinnen. So ließe sich allenfalls einwenden, dass es auf dieser Platte hin und wieder eine Spur zu poppig zugeht. Aber na wenn schon… Alles in allem also wieder eine rundum erfreuliche und dabei überraschend vielfältige Scheibe der Weilheimer. Nicht umsonst haben sie jahrelang dran gefeilt. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
The Notwist
Close to the Glass
City Slang (Universal) 2014
Ca. € 16,-
ASIN: B00GRHBEAA
www.justament.de, 2.12.2013: 17 jahr? Wieder da!
Die wunderbaren Mazzy Star mit ihrem neuen Werk “Seasons of Your Day“
Thomas Claer
Was sind schon gut anderthalb Jahrzehnte Pause für eine Band wie Mazzy Star, deren Songs, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, für die Ewigkeit gemacht sind. Richtig aufgelöst hatten sie sich zwar nie, doch glaubte angesichts der langen Funkstille nach ihren drei großartigen Alben aus den 90ern lange Zeit niemand mehr an eine Fortsetzung ihres Schaffens. Seit ihrer Gründung im Jahr 1989 aus den Trümmern der kalifornischen Indie-Legende Opal, als die damals noch sehr junge Sängerin Hope Sandoval anstelle der ebenfalls durchaus bezaubernden Kendra Smith die Frau an der musikalischen Seite des Gitarristen David Roback wurde, waren Mazzy Star die amerikanische Neo-Psychedelic-Folk-Band schlechthin. Manche nannten ihre Leichtigkeit und Schwere auf geheimnisvolle Weise miteinander verbindende Musik damals auch Dream Pop.
Und jetzt, nach geschlagenen 17 Jahren, sind sie also tatsächlich mit einem neuen Album in alter Bandbesetzung wieder da. Irgendwelche Presseerklärungen oder Gründe für die lange Abstinenz? Fehlanzeige. Nun ja, schon 2009 hatte Hope Sandoval in einem Interview der entzückten Fangemeinde verraten, dass eine neue Mazzy Star-Platte bereits so gut wie im Kasten sei. Aber auf die vier Jahre bis zur endgültigen Fertigstellung kam es dann offenbar auch nicht mehr an. Der Faktor Zeit ist bei dieser Band ganz nebensächlich. Alles an Mazzy Star ist gewissermaßen slow motion. Berühmt geworden sind ihre frühen Interviews, in denen sie zu den Fragen der Journalisten manchmal minutenlang schwiegen, um dann doch noch einsilbig zu antworten. Aber zurück zum neuen Album: Optisch hat sich bei den beiden Haupt-Protagonisten nicht allzu viel verändert. Na gut, David Roback hat eine mächtige Geheimratsecke bekommen, aber Hope Sandoval sieht mit ihren 47 Jahren, zumindest auf den Bildern, noch immer aus wie ein junges Mädchen, ihre Stimme klingt ebenfalls vollkommen unverändert, so wie auch David Robacks Gitarrenspiel. Überhaupt ist bei Ihnen in musikalischer Hinsicht – was allerdings auch niemanden überraschen wird – nahezu alles beim Alten geblieben. Und das bedeutet: Vom ersten bis zum letzten Song sind diese zehn Lieder – jedes auf seine Weise – beinahe vollendet. (Allenfalls über die Orgel im Auftaktstück kann man geteilter Meinung sein.) Eine solch profunde Melancholie hat man selten gehört. Mazzy Star sind und bleiben in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte).
Mazzy Star
Seasons of Your Day
Rhymes of An Hour (Rough Trade) 2013
ASIN: B00DYEBM3I
PS: Hier noch ein sehr schöner Live-Auftritt von 1994!
www.justament.de, 8.7.2013: Hypnotisch und schön
„The xx“ auf ihrem zweiten Album „Coexist“
Thomas Claer
Wenn man tagsüber im Feuilleton die Lobeshymnen über diese oder jene neue Band gelesen und so richtig Feuer gefangen hat, möchte man sich das Ganze eigentlich abends auf YouTube auch gerne mal mit eigenen Ohren anhören. Aber leider funktioniert das Gedächtnis ab einer bestimmten Semesterzahl nicht mehr ganz so wie noch, sagen wir, mit zwanzig. Wie hieß diese kolossale Band noch gleich? Hat man wirklich heute von ihr gelesen oder war es nicht doch gestern oder vorgestern? Soll man jetzt aufstehen und den Zeitungsstapel durchsuchen? Nein, das ist einem dann meistens doch zu umständlich. Nun wird mancher Leser fragen: „Warum kauft er sich denn nicht einfach ein Smartphone oder iPad mit Kopfhörern?“ Der Einwand ist nicht unberechtigt, aber diese Lösung kommt aus in der hier gebotenen Kürze nicht erschöpfend darstellbaren Gründen dann doch nicht in Betracht. Jedenfalls noch nicht. Da ist es doch andererseits ein Riesenglück, dass eine dieser großartigen neuen Bands einen Namen trägt, den sich im Notfall wohl selbst noch weitaus fortgeschrittenere Jahrgänge, als man selbst es ist, leicht merken könnten, brächten sie nur ein Interesse für solche Musik auf. Die Rede ist natürlich von der dreiköpfigen englischen Indie-Poprock-Band „The xx“, die 2005 in London gegründet wurde. (Huch, das ist ja auch schon wieder acht Jahre her!)
Diese Musiker pflegen einen Minimalismus in jeder Hinsicht, nicht zuletzt auch in ihrer Veröffentlichungspolitik. Nur zwei CDs in acht Jahren, das findet man nicht alle Tage. Und wenn sich Newcomer in ihrem Output so beschränken, dann zeugt das schon von einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein: Willst du gelten, dann mach dich selten! Und die Rechnung ging auf. Fand ihr schlicht „xx“ benannter Erstling aus dem Jahr 2009 noch allein auf der Insel Beachtung, brachte „Coexist“ im letzten Jahr den weltweiten kommerziellen Durchbruch. Tja, und ihre Musik? Die ist reduziert, hypnotisch und schön. Ein paar dezente Beats aus der Drum Machine, ein wenig Gitarrenspiel und ein paar Bassläufe. Und darüber erhebt sich der charakteristische Wechselgesang aus weiblicher und männlicher Stimme. Besonders Sängerin und Gitarristin Romy Madley Croft singt einfach meisterhaft. Ihr Gesangs-Kollege und Bassist Oliver Sim eigentlich auch, nur sollte der junge Mann vielleicht mal über seine Frisur nachdenken. Einen solchen Über-Song wie „Crystalised“ auf ihrem ersten Album enthält die aktuelle CD „Coexist“ zwar nicht. Das Urteil lautet dennoch: voll befriedigend (11 Punkte).
The xx
Coexist
Young Turks/X1/Beggars Group (Indigo) 2012
8,99 EUR (bei Amazon)
ASIN: B008B11R1Q
www.justament.de, 21.5.2013: 30 Jahre erste Single von The Smiths
Scheiben vor Gericht Spezial
Thomas Claer
Mit den Smiths ist der Begriff Indie-Pop überhaupt erst auf die Welt gekommen. Ihre erste Single, Hand in Glove/Handsome Devil, erschien im Mai 1983 und enthielt in diesen zwei Songs bereits alles, was diese Band in den nur vier Jahren ihres Bestehens ausmachen sollte: melancholisch süße Melodien, Johnny Marrs einzigartiges Gitarrenspiel, Morisseys weltschmerzgetränkten Gesang und im Songtext der A-Seite eine Überdosis hoffnungsloser Romantik, kulminierend in der Schlusszeile „I‘ll probably never see you again“. Jede neue Smiths-Single, und es wurden in ihrer kurzen aktiven Zeit nicht weniger als 19, war fortan ein Ereignis, jedes Plattencover eine ästhetische Offenbarung. In ihrer Heimat England eroberten sie zu jener Zeit mit schlafwandlerischer Sicherheit die Hitparaden, im Rest der Welt galten sie dagegen lange als Geheimtipp, konnten aber mit jeder der vielen posthumen Best of-Zusammenstellungen neue Fans gewinnen, gerade auch unter den Nachgeborenen. Das Geheimnis der Smiths ist wohl dieses: Ihre Musik berührt in ihrer zeitlosen Verlorenheit unmittelbar die Seele der Teenager und derer, die sich auch später noch ein wenig von den schrecklichen Verwirrungen des eigenen Erwachsenwerdens erhalten haben. Man ahnt, dass die Entstehung der Songs von erheblichen bandinternen Richtungskämpfen begleitet gewesen sein muss. Im August 1987 hatte Gitarrist Johnny Marr jedenfalls die Nase voll von den ewigen Streitereien mit Sänger Morrissey und verließ die Band, woraufhin Morrissey nach einigen notwendigerweise vergeblichen Versuchen, Ersatz für Johnny Marr zu finden, im September 1987 die Smiths für aufgelöst erklärte. So konnte die bis heute anhaltende Phase ihres Nachruhms beginnen. Hervorzuheben ist die überaus gelungene Parodie auf die Smiths im Song Samisu des deutschen Spaß-Punks Farin Urlaub aus dem Jahr 2001. Aber könnte es nicht doch noch irgendwann eine Wiedervereinigung der Smiths geben? Morrissey hat auf diese Frage einmal geantwortet: „Lassen Sie es mich so ausdrücken: Nein“. Das Urteil fürs Gesamtwerk lautet: sehr gut (16 Punkte).
The Smiths
Hand in Glove / Handsome Devil (Single)
Rough Trade 1983
(vergriffen)
The Smiths
The Smiths
Rough Trade 1984
Neuauflage mit drei Bonustracks: Warner Music 2012
B007F5S1FY
6,97 EUR (bei Amazon)
Einen schönen Überblick über ihre frühe Phase gibt es hier.
Justament April 2013: Was wir (nicht) hören wollen
Das neue Tocotronic-Album „Wie wir leben wollen“
Thomas Claer
Man will ja kein Ewiggestriger sein, der sich seine verflossene Jugend und den Jungs von Tocotronic die Trainingsjacken zurückwünscht. Aber etwas mehr Anknüpfungspunkte zu ihrem famosen Frühwerk hätte man sich von dieser Mutter aller Hamburger-Schule-Bands, die überdies zur Hälfte aus abgebrochenen Jura-Studenten besteht, in den letzten Jahren schon erhofft. Und nun dies: Mit ihrem neuen Album „Wie wir leben wollen“ kehren sie, zumindest was den Titel angeht, zurück zur alten Parolenhaftigkeit. Doch das ist noch nicht alles. Den 17 Songs mitgeliefert werden nicht weniger als 99 Thesen (http://www.tocotronic.de/99thesen) dazu, wie man sich das mit der gewollten Lebensführung so vorzustellen hat. Und damit haben Tocotronic mal eben jenen berühmten Reformator übertroffen, der es seinerzeit nur auf vier Thesen weniger gebracht hatte, welche er vor 496 Jahren medienwirksam an die Wittenberger Kirchentür nagelte. So operieren sie, wie es sich für anständige Diskurs-Rocker gehört, auf Augenhöhe mit dem abendländischen Geistes-Kanon. Nur eine gewisse inhaltliche Unschärfe dieser 99 zum Teil sehr knapp gehaltenen Lehrsätze, die mitunter ziemlich im Ungefähren bleiben, ließe sich bemängeln.
Ansonsten verwalten die Tocos diesmal souverän ihren Ruhm. Und wie sie wieder aussehen! Hipster-Bärte wie die späten Beatles, noch immer die charakteristischen Frisuren. Aber liegt es nur an der Lichteinstellung oder durchziehen Dirk von Lowtzows wilde Mähne inzwischen tatsächlich graue Strähnen? Der Titelsong „Im Keller“ lässt daran keinen Zweifel: „Hey, ich bin jetzt alt!“, lauten die ersten Worte des Albums. Was die Texte angeht, so bewegen sie sich eigentlich allesamt an der Grenze zur Peinlichkeit, die manchmal zwar durchaus überschritten, oft aber auch nur auf gekonnt ironische Weise touchiert wird („Mein Sex ist desolat!“). Gelegentlich landen sie sogar Volltreffer wie in alten Zeiten:“Erfolgreiche Freunde – Geißel der Menschheit“. Verbessert gegenüber dem relativ schwachen Vorgängeralbum, das es dennoch auf Platz 1 der deutschen Verkaufscharts geschafft hat, hat sich auf alle Fälle die Musik. Weniger langatmig und schwulstig, dafür pointierter und hin und wieder sogar etwas rockiger. Das Urteil lautet: Es lässt sich hören. Oder anders gesagt: voll befriedigend (10 Punkte). Plus ein Zusatzpunkt für die Idee mit den 99 Thesen.
Tocotronic
Wie wir Leben wollen
Vertigo Berlin (Universal) 2013
Ca. € 15,-
ASIN: B00AFARJ4A
www.justament.de, 11.2.2013: 30 Jahre Tonträger der Kastrierten Philosophen
Scheiben vor Gericht – Spezial: Im Jahr 1983 erschienen die ersten Cassetten der legendären „Kastrierten Philosophen“ im Eigenverlag – und ihre erste Maxi Single
Thomas Claer
Ihr Frühwerk ist geradezu eine Schatzkammer. Rau und ungeschliffen, manchmal auch verspielt und experimentell klangen die ersten in Kleinstauflagen produzierten Cassetten und – immerhin! – die erste Maxi-Single der beiden Fast-noch-Teenager Katrin Achinger und Matthias Arfmann aus Verden an der Aller im Jahr 1983. Heute, dreißig Jahre nach ihren Anfängen, sind die Kastrierten Philosophen, wie sie sich sonderbarerweise genannt haben, leider fast vergessen. Dabei waren sie es, die – stilistisch höchst wandelbar: von Post-Punk über Trip Hop bis zum Reggae metamorphierend – über die Jahre (und es gab die Band bis 1996) der deutschen Popmusik die Psychedelic brachten. Matthias Arfmanns charakteristische Philosophen-Gitarre und Katrin Achingers dunkler, betörender Gesang begründeten ihre absolute Ausnahmestellung nicht nur in der deutschen Musiklandschaft. Als „deutsche Velvet Underground“ wurden sie Mitte der Achtziger von einer entzückten Musikpresse bejubelt – und das völlig zu recht, denn gemeinsam mit anderen Bands wie den 39 Clocks hatten sie damals ein neo-psychedelisches Sechziger-Revival eingeläutet, dem später noch mehrere weitere folgen sollten. Aber niemals hat wieder jemand so geklungen wie die Kastrierten Philosophen.
Nun waren diese Meisterwerke jedoch die längste Zeit jenen wenigen Glücklichen vorbehalten, welche die seltenen Exemplare der besagten Tonträger aus jener Schaffensphase der Band – teils zu hohen Sammlerpreisen – ergattern konnten. Aber der geneigte Leser ahnt es schon: Dank YouTube ist heute zwar längst nicht alles, aber immerhin doch endlich ein vielsagender Querschnitt jener frühen Jahre wieder aufgetaucht. Und das muss gebührend gefeiert werden! Als besondere Höhepunkte seien hier empfohlen:
Und wenn ich mal mehr Ruhe habe und auch endlich technisch dazu in der Lage sein sollte, dann werde ich einen YouTube-Account anlegen und noch so einige weitere Philosophen-Schätze ans Licht der Welt heben.
Doch was machen unsere Helden von einst eigentlich heute? Nach der sowohl privaten als auch musikalischen Trennung 1996 hat sich Matthias Arfmann ganz gut als Produzent von Bands wie den „Absoluten Beginnern“ durchgeschlagen. Katrin Achinger hingegen machte zuletzt einen eher verzweifelten Eindruck, da sie keine Plattenfirma für ihr 2009 eingespieltes Album finden konnte, das letztlich unveröffentlicht blieb. Und dann ist 2010 auch noch der langjährige Schlagzeuger der Band, Rüdiger Klose, verstorben. So ungerecht ist sie nun einmal, die Welt! Das Urteil fürs Gesamtwerk der Kastrierten Philosophen lautet: sehr gut (17 Punkte).
Kastrierte Philosophen
Heroina live 1983
MC c-30, Eigenverlag 1983
(vergriffen)
Kastrierte Philosophen
Decadent Toys live 1983
MC c-30, Eigenverlag 1983
(vergriffen)
Kastrierte Philosophen
Die kastrierten Philosophen
Psychotic Promotion/Das Büro 1983
Maxi-LP
(vergriffen)
Kastrierte Philosophen
Lens Reflects Fear
Psychotic Promotion/Das Büro 1983
Maxi-LP
(vergriffen)
Kastrierte Philosophen
Love Factory
What‘s So Funny About 1985
LP, WSFA SF 11
(vergriffen)
P.S.: Das abgebildete Plattencover gehört allerdings nicht zu den hier besprochenen Veröffentlichungen, sondern zum etwas späteren, ebenfalls sehr empfehlenswerten Album “Nerves” von 1988. Wir haben es aus rein ästhetischen Gründen ausgewählt.
www.justament.de, 29.10.2012: Siebzig Jahre Lou Reed und John Cale
Scheiben vor Gericht – spezial –
Thomas Claer
Schlag auf Schlag ging es 2012: Erst konnten Lou Reed und John Cale von The Velvet Underground ihre 70. Geburtstage feiern, dann auch noch Paul McCartney von den Beatles. Bob Dylan war schon 2011 an der Reihe, 2013 werden Mick Jagger und Keith Richards von den Rolling Stones nachziehen. Auf der Bühne stehen sie alle noch, eigentlich tun sie das sogar ständig. Und ihre Bühnenshows sind kaum weniger temperamentvoll als vor Jahrzehnten. Doch kann das wirklich überraschen? Als der deutsche Altrocker Achim Reichel (ex Rattles und Wonderland), der übrigens 2014 siebzig wird und heute selbstverständlich auch noch regelmäßig Konzerte gibt – wie sein Kollege Udo Lindenberg, der aber erst 2016 ins achte Lebensjahrzehnt eintreten wird – als Achim Reichel also 1989 ein Lied namens „Rock’n Roll und graue Schläfen“ herausbrachte, da galt es schon als kleine Sensation, dass die wilden Kerle von einst auch noch mit Mitte vierzig der Rockmusik die Treue hielten, die man damals vornehmlich mit Jugendlichkeit, Aufbruch und Protest assoziierte. Dabei war das, wie wir heute wissen, erst der Anfang! Längst hat sich erwiesen, dass kein Rock-Musiker, der etwas auf sich hält, jemals in Rente geht. So wie der Cowboy am liebsten durch eine Kugel auf dem Pferd stirbt, wünscht es sich der Rockstar im Beifallssturm des Publikums beim Gitarrensolo auf der Bühne. Schon vor Jahren kam Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung zu dem Schluss, dass der mythische Jungbrunnen der Antike, dem entstiegen alte Greise zu singen und zu tanzen, sich wie Jugendliche zu gebärden beginnen, nunmehr gefunden sei: Es ist die Rockmusik.
Nur dass die jungen Leute das inzwischen längst nicht mehr cool finden. Die hören lieber Schmuse-Pop und Lady Gaga. Als ich vor einigen Jahren einer jungen Kollegin eine CD mit ziemlich fetziger Rockmusik aufnahm, da kommentierte sie das mit den vernichtenden Worten: „Sowas hört aber eigentlich mein Vater.“ Man muss sich wohl schon langsam darauf einstellen, irgendwann den Satz zu hören: „Solche Musik hört doch mein Opa.“
Über das Hauptwerk der eingangs erwähnten Velvet Underground, „The Velvet Underground and Nico“, jene Platte aus dem Jahr 1967 mit dem legendären Bananencover von Andy Warhol, muss man indessen keine großen Worte mehr verlieren. Wenn es in der Welt eine perfekte, ganz und gar vollkommene Pop-Platte gibt, dann diese. Das Urteil lautet: sehr gut (18 Punkte).
The Velvet Underground
The Velvet Underground and Nico
Polydor (Universal) 1967
6,97 EUR (bei Amazon)
ASIN: B000002G7C

Nach offizieller Geschichtsschreibung gründeten sich die Einstürzenden Neubauten, die bedeutendste und berühmteste aller Kreuzberger Szenebands, am 1.April 1980, als Sänger Blixa Bargeld gefragt wurde, ob er nicht im Berliner Moon-Club spielen wolle und einfach ein paar Freunde anrief. Doch gab es durchaus schon frühere Tonaufnahmen von Blixa Bargeld und „seinen Freunden“ aus dem Jahr 1979, die später als Stücke der Einstürzenden Neubauten auf einem Sampler und einer raren Bootleg-Pressung namens