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www.justament.de, 29.9.2014: Lob der zynischen Vernunft

Pflichtlektüre: Peter Sloterdijks „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“

Thomas Claer

cover-sloterdijkPeter Sloterdijk war schon immer ein Philosoph, der es krachen ließ. Leisetreterei und Zurückhaltung sind ihm zeitlebens ebenso fremd geblieben wie trockenes Akademisieren. Unentwegt sucht er die Öffentlichkeit. Eckt er mit seinen Positionen irgendwo an, treibt er sie anschließend erst recht auf die Spitze. All das hat natürlich hohen Unterhaltungswert. So war er stets gefragt in allen Medien bis hin zum öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das ihn, den Philosophie-Professor, mehr als zehn Jahre lang eine eigene Talkshow ausrichten ließ. Dabei gelang ihm das Kunststück, diese Rolle mit Bravour und ohne größere Zugeständnisse an die seichte und verblödete Massenkultur auszufüllen. Im Gegenteil, Sloterdijk verlangte seinen Zuschauern (wie auch seinen Lesern) gedanklich stets eine Menge ab. Er ließe sich sogar als Musterbeispiel eines kritischen, sich jederzeit in gesellschaftliche Belange einmischenden Intellektuellen bezeichnen, hätte er nur nicht diesen starken Hang zur Provokation, zum geistigen Krawall, zu politisch unkorrekten Haltungen, der ihn insbesondere in den Augen seiner (immer auch etwas neidischen) Fachkollegen immerfort verdächtig macht.

Dass man ihm 2012 sein „Philosophisches Quartett“ wegnahm und seinen Sendeplatz stattdessen einem deutlich jüngeren Dünnbrettbohrer überließ, muss ihn tief gekränkt, aber auch herausgefordert haben. Waren seine Bücher in den letzten Jahren ohnehin zusehends packender und interessanter geworden, so präsentiert er sich nunmehr, zu Beginn seines gesetzlichen Rentenalters, in der schriftstellerischen Form seines Lebens. Nie war er, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, als Buchautor so gut wie heute! Und mit den „Schrecklichen Kindern der Neuzeit“ liefert er einen kulturhistorisch-anthropologischen Paukenschlag, wie wir ihn lange nicht erlebt haben.

Zwar stimmt es schon, dass der reife Sloterdijk bevorzugt in die linke Ecke keilt, was mit dem Furor des Renegaten zu tun haben mag, dem es im angestammten linksalternativen Milieu irgendwann zu eng geworden ist. Doch in ihm einen „Autor für AfD-Wähler“ zu sehen, wie es SPIEGEL-Online-Rezensent Georg Diez in seiner Rezension dieses Werkes getan hat, lässt sich wohl nur als Folge ideologischer Voreingenommenheit des Kritikers oder einer allenfalls flüchtigen Buchlektüre erklären. Nein, Sloterdijk ist natürlich kein Autor für AfD-Wähler. Mit einem Wut-Bürgertum, das sich in platte Ressentiments flüchtet, hat dieser Autor nicht viel zu tun. Vielmehr erzählt er in seinem Buch die Menschheitsgeschichte noch einmal neu, indem er sie durch die Brille der menschlichen Generationenabfolgen betrachtet. Ähnlich wie einst Horkheimer und Adorno in ihrer legendären „Dialektik der Aufklärung“ führt er dem Leser dabei vor Augen, welch ein unerhörtes Wagnis die moderne Welt doch ist. Die – verglichen mit allen traditionellen Formen menschlichen Zusammenlebens – tiefen Umbrüche im Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern in den vergangenen Jahrhunderten nennt er „das anti-genealogische Experiment der Moderne“.

Besonders interessant sind aber die Vorläufer dieses Experiments. Als erstes sind da die altgriechischen Philosophen mit Sokrates an der Spitze, der „völlig zu Recht“, wie Sloterdijk süffisant bemerkt, als ein „Verderber der Jugend“ zum Tode verurteilt wurde. Denn er setzte den jungen Leuten den Floh ins Ohr, sich eigene kritische Gedanken zu machen und die natürliche Autorität ihrer Eltern in Frage zu stellen, die doch – wie alle Elterngenerationen zuvor seit Menschengedenken – das Ziel verfolgten, den etwaigen eigenen Willen ihrer Kinder zu brechen und sie zur Übernehme des Lebensstils ihrer Eltern zu zwingen. Was heute Individualität und Innovation heißt, nannte man damals Sünde. Als zweiten und (was kann schon Aufklärung gegen Religion ausrichten?) natürlich viel bedeutsameren Vorläufer der schrecklichen Kinder der Neuzeit sieht Sloterdijk das Christentum, vor allem in der Person seines Begründers. Jesus von Nazareth war gewissermaßen ein schreckliches Kind, wie es im (heiligen) Buche steht. Die gut 30 Seiten über den „Bastard Gottes“ sind zweifellos der amüsante Höhepunkt in Sloterdijks Studie. In Sachen Blasphemie knüpft der Autor hier nahtlos an diesbezügliche Highlights wie den Monty-Python-Film „Das Leben des Bryan“ oder den Torfrock-Song „Rollos Taufe“ an. Sehr plausibel spekuliert er über den Tatsachen-Kern der Jesus-Legende, den er in einem zutiefst menschlichen Komplex des „seltsamen Wunderheilers“ aufgrund seiner ungeklärten Abstammung vermutet. Zwar distanziert sich Sloterdijk ausdrücklich von denjenigen, die im Christentum die Anfänge des modernen westlichen Universalismus erblicken. (Immerhin konnte bei den Urchristen jeder, der es wollte, mitmachen, doch verstanden sie sich fraglos als elitären Kreis der wenigen Gerechten, die allein dem drohenden Weltuntergang entkommen zu können glaubten.) Jedoch stiftete Jesus für seine Anhänger erstmals eine neue Art von Gemeinschaft als Alternativangebot zur jeweils eigenen Familientradition, worin Sloterdijk den Anfang einer schrittweisen Entwertung traditioneller Familienstrukturen sieht. In den folgenden Jahrhunderten, in denen sich die Kirche zur machtorientierten und –bewussten Großinstitution wandelte (auch diesen Weg zeichnet Sloterdijk eindrucksvoll nach), etablierte sich mit dem Klosterwesen im Mittelalter (der Autor verweist auch auf Parallelen im Buddhismus) eine noch weitaus umfassendere Gegenwelt zur weltlichen Familie. Wer aussteigen wollte aus dem Hamsterrad familiärer Erwartungen und  Zumutungen, der ging ins Kloster oder als Eremit in die Einsamkeit der Berge.

Mit der Moderne, die laut Sloterdijk so heißt, weil in ihr die Mode (durch jeweils angesagte zeitgenössische Vorbilder) Vorrang vor der Tradition hat (vor allem vor der Autorität der Vorfahren), brechen dann alle Dämme. Als erstes Gesetz der Moderne bezeichnet der Autor seine Beobachtung, dass sie stets größere Überschüsse an Verheißungen, Wünschen und Ambitionen produziert, als sich in der Folge noch unter Kontrolle bringen lassen. Daher die vielen Unfälle und Kollateralschäden in der modernen Welt, die in einem gesonderten Kapitel als „Drift ins Bodenlose“ beschrieben werden. Gibt man jedem Menschen eigene Rechte, dann weckt dies natürlich allerorts Begehrlichkeiten, und irgendwann treten alle mit allen in ständige Konkurrenz um Status, Macht und Anerkennung. Es muss in diesem Wettbewerb aber immer auch Verlierer geben, die sich dann mit aller Macht Genugtuung verschaffen wollen. (So gesehen wäre beispielsweise der IS, seiner mittelalterlichen Ideologie zum Trotz, ein typisches Produkt der Moderne, weil er die sozialen, wirtschaftlichen und Bildungsverlierer aus aller Welt zu einem monströsen kollektiven Rache-Feldzug gegen die Etablierten aller Länder rekrutiert.)

Wie man sieht, nimmt Peter Sloterdijk also in seiner großen Erzählung – was ihm seine Kritiker verübeln – nicht gerade die Perspektive eines Parteigängers des Fortschritts ein. Andererseits lässt er aber auch nicht den geringsten Zweifel daran, in welcher Hölle sich die Menschen in ihren traditionellen Milieus befunden haben und teils heute noch befinden. Dieser Autor hält der modernen Welt den Spiegel ihrer eigenen Abgründe vor und steht im Übrigen als notorischer Spötter am Rande des Geschehens. Als Nihilist, als Defätist, als ein Klugscheißer, der über alles lästert, ohne konstruktive Vorschläge zu unterbreiten, wie man es denn besser machen könnte. Unverantwortlich sei das, werfen ihm seine Gegner vor. Aber dieses Spotten gelingt Sloterdijk mit großer Treffsicherheit und in einer einzigartigen sprachlichen Brillanz. Da stört es dann auch nicht mehr, dass er in seinen, sagen wir, älteren Tagen wohl endgültig vom Kyniker zum Zyniker geworden ist, der den Glauben an die Verbesserbarkeit der Welt schon längst verloren hat. Zu einem von jenen, vor denen er seine Leser in der „Kritik der zynischen Vernunft“ (1983), seinem ersten großen Werk, noch inständig gewarnt hatte: „Die Frechheit hat die Seite gewechselt.“ Das kommt ja öfter vor: Die größten Kritiker der Elche werden später selber welche. War bei Goethe auch schon so. Alles geschenkt, solange er so gut schreibt.

Peter Sloterdijk
Die schrecklichen Kinder der Neuzeit. Über das anti-genealogische Experiment der Moderne
Suhrkamp Verlag Berlin 2014
489 Seiten, EUR 26,95
ISBN-13: 978-3518424353

www.justament.de, 21.7.2014: (Fast) niemand vermisst sie

Das Buch „Leben hinter Mauern“ untersucht den Alltag der Stasi-Mitarbeiter in der DDR

Thomas Claer

leben-hinter-mauern-cover„Wie war das denn so, damals im Osten?“, bin ich in den vergangenen 25 Jahren manchmal von Westdeutschen oder Nachgeborenen gefragt worden. Ich versuche ihnen dann immer zu erklären, dass der normale Alltag als „Untertan“ in einer Diktatur oft ähnlich unspektakulär verläuft wie der als Bürger in freien Verhältnissen. Wie aber war es für jene, die selbst an den Hebeln der Macht saßen, die zum Kontroll- und Unterdrückungsapparat des Systems gehörten? Wie verlief der Alltag der hautberuflichen Stasi-Mitarbeiter?

Man ahnt natürlich schon vor der Lektüre der neuen Studie „Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR“ von Jenny Krämer und Benedikt Vallendar, dass der treffende Satz von Hannah Arendt über die „Banalität des Bösen“ für die Stasi-Leute nicht anders gilt – nur ein paar Nummern kleiner – als für die Schreibtischtäter des NS-Regimes. Anders aber als diese, die sich bei ihren Untaten ganz maßgeblich von der deutschen Tugend der Pflichterfüllung leiten ließen, saßen die Stasi-Schergen (vielleicht abgesehen von ein paar ganz hartgesottenen Zynikern) noch zusätzlich der Illusion auf, irgendwie auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen oder, wie es im Buch heißt, „eine Mission von welthistorischer Bedeutung zu erfüllen“.

Die praktische Umsetzung dieser Mission war indessen in vieler Hinsicht grotesk. Die Autoren beschreiben den ostdeutschen Sicherheitsdienst als eine in erster Linie gewaltige Selbstbeschäftigungsmaschinerie. „Zumeist bestand ihre alltägliche Arbeit im Recherchieren und Zusammenstellen von Informationen und in der mosaikweisen Ableitung möglicher Querverbindungen, was in der internetlosen Zeit … mit erheblichem Aufwand verbunden war.“ Aus heutiger Sicht betrachtet war all das natürlich eine ungeheure „Verschwendung von Menschen, Mitteln, Steuergeldern“.

Unzählige Kader- und Disziplinarakten haben die Autoren gelesen, zahlreiche Gespräche mit den früheren Akteuren geführt, um zum Ergebnis zu kommen, dass die Akten des MfS „Spiegelbilder einer gigantisch aufgeblähten Sicherheitsarchitektur“ sind, die am Ende „mehr preisgeben über ihre Verfasser als über ihre Opfer, von denen diese Berichte handeln“.

Positiv ist anzumerken, dass die Studie sich stets um Differenzierung bemüht, also auch ausdrücklich anerkennt, dass es in der Stasi – wie überall – Hardliner, aber auch Pragmatiker gegeben hat: „Nicht allerorts hat die Staatssicherheit gefoltert und gedemütigt. Nicht immer war sie damit beschäftigt, Angst in der Bevölkerung zu verbreiten. Und nicht immer ist es einfach, im Alltag der Stasi Komisches von Tragischem und Boshaftes von vermeintlich Gutgemeintem zu trennen.“ Es hat also manchmal auch eine Stasi mit regelrecht „menschlichem Antlitz“ gegeben. Und in der Tat stand in der Stasi-Akte über meinen Vater lediglich, seine „Einstellung zu unserer Gesellschaft“ sei „neutral“, er sei „politisch indifferent“ und „in der Beziehung zu seiner Frau wohl nicht der dominierende Teil“ gewesen. Das hat zweifellos jemand geschrieben, der ihn nicht „in die Pfanne hauen“ wollte. Denn die politischen Witze, die er vielerorts so gerne und oft erzählte, fanden keine Erwähnung.

Ob es wohl heute, fast 25 Jahre nach der Wende, noch jemanden gibt, der der Stasi nachtrauert? Neben einigen verbitterten Altkadern kommen hierfür ironischerweise vor allem die seinerzeit so aufwendig beschatteten oppositionellen und semioppositionellen Schriftsteller in Betracht, für die ihr eigener Bedeutungsverlust im neuen System nicht selten einer traumatischen Erfahrung gleichkam. Nie wieder, so klagten einige von ihnen schon in den 90er Jahren, würden sie so aufmerksame Leser finden wie damals unter den Stasi-Mitarbeitern. Und nach allem, was wir wissen, hält es heute nicht einmal mehr der amerikanische NSA für nötig, alle politischen Internet-Blogs mit der ihnen gebührenden Aufmerksamkeit zu studieren, sondern beschränkt sich auf die automatisierte Suche nach verdächtigen Schlagworten…

Zu den amüsanten Fußnoten in „Leben hinter Mauern“ gehört auch der Umstand, dass viele frühere hauptamtliche Stasi-Leute heute ausgerechnet in der Versicherungsbranche arbeiten. Dass die Stasi jedoch auch schon damals richtig witzig sein konnte, allerdings eher unfreiwillig, steht in diesem Buch nur am Rande und ist ja auch eigentlich ein anderes Thema. Aber als ich vor ein paar Jahren in der Süddeutschen Zeitung einen Bericht über die Offenlegung der Vorgangsakte der Abteilung für Staatssicherheit der Stadt Neubrandenburg über die örtliche „Breakdance-Szene“ (Anfang der 80er Jahre) las, da hat es mir wiederholt die Lachtränen in die Augen getrieben. Was da der Protokollant über die womöglich gefährliche neue Jugendmode aus dem Westen, den „Brechtanz“, schrieb, den eine Hand voll Jugendlicher an öffentlichen Plätzen der Stadt mittels seltsam abgehakter Bewegungen auszuüben pflegte, das war schon ganz große realsatirische Prosa…

Wer mehr über die alltäglich-banale Seite der einst so gefürchteten Krake Stasi erfahren möchte, der möge zu „Leben hinter Mauern“ greifen.

Jenny Krämer / Benedikt Vallendar
Leben hinter Mauern. Arbeitsalltag und Privatleben hauptamtlicher Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR
Klartext Verlag Essen 2014
253 S., 18,95 EUR
ISBN 978-3-8375-0959-5

www.justament.de, 16.6.2014: Runter vom Zauberberg

Vor 100 Jahren musste Hans Castorp sein Lotterleben beenden und in den Krieg ziehen

Thomas Claer

mannAch wie schön wär‘ doch das Leben, gäb es keine Arbeit mehr. Einfach nur dem süßen Nichtstun frönen! Aber sogleich erhebt sich die Stimme der strengen Mahner: Das kann doch kein sinnerfülltes Leben sein, man muss doch etwas tun! Hans Castorp, die Hauptfigur in Thomas Manns Roman „Der Zauberberg“ aus dem Jahr 1924, wusste es besser: Man kann sich durchaus daran gewöhnen, nichts zu tun. Nichts zumindest, das sich rein äußerlich betrachten ließe. Was natürlich keineswegs bedeutet, dass sich dann auch im Inneren nichts täte, ganz im Gegenteil! Der große Thomas Bernhard, dessen 25. Todestag wir kürzlich begangen haben, bringt die Dialektik des Nichtstuns in seinem Roman „Auslöschung“ (1986) wie folgt auf den Punkt:

„Meine Eltern hassten das sogenannte Nichtstun… weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein Geistesmensch das Nichtstun gar nicht kennt, es sich gar nicht leisten kann… dass ein Geistesmensch gerade dann in der äußersten Anspannung und in dem allergrößten Interesse existiert, wenn er – sozusagen – „dem Nichtstun frönt“. Dem Geistesmenschen ist das sogenannte Nichtstun ja gar nicht möglich. Ihr Nichtstun allerdings war ein tatsächliches Nichtstun, denn es tat sich in ihnen nichts, wenn sie nichts taten. Der Geistesmensch ist aber genau im Gegenteil am allertätigsten, wenn er – sozusagen – nichts tut. Der Nichtstuer als der Geistesmensch ist in den Augen derer, die unter „Nichtstun“ tatsächlich „nichts tun“ verstehen und die als Nichtstuer auch tatsächlich gar nichts tun – weil in ihnen während des Nichtstuns gar nichts vorgeht – die größte Gefahr, und also das Gefährlichste. Sie hassen ihn, weil sie ihn naturgemäß nicht verachten können.“

Allerdings kommt niemand schon als „Geistesmensch“ im Bernhardschen Sinne, der sein äußerliches Nichtstun durch gedankliche Tätigkeit auszufüllen versteht, auf die Welt. Dazu braucht es neben einer gewissen Aufnahmebereitschaft auch den nötigen „Input“, der dann schließlich infolge diverser Rückkopplungsprozesse bewirkt, dass sich im Inneren tatsächlich etwas tut. Man kann diesen Prozess auch „Bildung“ nennen, und in diesem Sinne ist der „Zauberberg“ wohl zuallererst ein Bildungsroman. Doch hat diese Art von Bildung herzlich wenig mit Schulbildung und noch viel weniger mit der gegenwärtigen Schmalspur-Bologna-Bildung zu tun. Denn obgleich der junge Hans Castorp seine kostbare Lebenszeit durch ein völlig unproduktives siebenjähriges Gastspiel in den Schweizer Bergen eigentlich auf skandalöse Weise verschwendet, ist dieser Aufenthalt doch der große Glücksfall seines Lebens. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass dieses, wie zu befürchten ist (was  der Roman aber offen lässt), wohl sehr bald auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs enden wird.

Eigentlich sollte der 23-jährige Hans Castorp im August 1907 nur seinen Vetter Joachim Ziemßen auf dessen Kur im luxuriösen Lungensanatorium in Davos besuchen. Doch er erkältet sich dort, lässt sich ärztlich untersuchen und wird von den Medizinern aufgrund einer „feuchten Stelle“ in seiner Lunge gleich zu einigen Wochen Kur verdonnert. Anfangs wehrt er sich noch gegen den Gedanken, längere Zeit „hier oben“ zu verbringen. Schließlich hat er gerade frisch sein Ingenieurstudium abgeschlossen und soll ins Berufsleben eintreten. (Schon mit 23 – damals absolvierte man ein ähnliches Blitz-Studium, wie es auch heute wieder üblich geworden ist.) Doch bald findet er Gefallen am gediegenen Leben und der anregenden internationalen Atmosphäre im Sanatorium „Berghof“.

Die Türknallerin

Besonders hat es Hans Castorp aber eine exotischen Schönheit angetan, die dem jungen Mann völlig den Kopf verdreht: Clawdia Chauchat, zierlich, schlaffe Körperhaltung, mit graugrünen „Schlitzaugen“ und rotblonden Haaren, ist nur ein paar Jahre älter als Hans, aber im Gegensatz zu ihm durchaus mit allen Wassern gewaschen. Der Roman bezeichnet sie als Russin, genau genommen aber kommt sie aus Dagestan, einer Region im südlichen Kaukasus, die von muslimischen Turkvölkern bewohnt wird. Clawdias Ehemann ist ein Beamter in der dortigen Provinzhauptstadt. Aufgrund ihrer Lungenkrankheit hält sich die junge Madame Chauchat abwechselnd in verschiedenen europäischen Krankenhäusern der Spitzenklasse auf und besucht ihren Mann zu Hause nur gelegentlich. Einen Ehering zu tragen findet sie spießbürgerlich, wie die über alles immer bestens informierten reiferen Damen an Hans Castorps Tisch im Esszimmer des Sanatoriums wissen. Hans Castorps erste Wahrnehmung Madame Chauchats ist eine akustische: Clawdia lässt immer, wenn sie – stets mit einiger Verspätung – den Essenssaal betritt, mit großer Lässigkeit die schwere Glastür geräuschvoll hinter sich zufallen. Anfangs ist Hans erbost über ihr rücksichtsloses schlechtes Benehmen, aber genau das macht sie, wie er sich später eingestehen muss, in seinen Augen besonders anziehend. Es dauert sieben Wochen, bis er auch nur ein Wort mit ihr wechseln kann („Bon jour, Madame.“ – „Bon jour, Monsieur.“) Da haben beide aber schon ausgedehnten Blickkontakt hinter sich. Von Glücksgefühlen geradezu überwältigt ist Hans, als Clawdia ihn einmal – „wahrlich und wahrhaftig“ – anlächelt. Im Vortrag des Dr. Krokowski über „Die Entstehung der Krankheit aus unterdrückter Liebe“ sitzt Hans direkt hinter ihr und genießt den Anblick ihres „nackten Arms“, nur vom durchsichtigen Ärmel ihres Kleids umhüllt. („Mein Gott, ist das Leben schön!“) Überhaupt kennt er nach einiger Zeit alle ihre Kleider im Detail und fragt sich täglich vor ihrem Betreten des Esszimmers erwartungsvoll, welches sie wohl diesmal tragen werde. Nach sieben Monaten ist es dann endlich soweit: Auf der Faschingsfeier am 29. Februar 1908 erscheint Madame Chauchat in einem engen Kostüm mit völlig nackten Armen und Schultern! Hans Castorp ist tief erschüttert von diesem Anblick. Da er schon eine Menge Champagner intus hat, wagt er es, unter dem Vorwand, sich für ein Gesellschaftsspiel von ihr einen Bleistift leihen zu wollen, das Wort an sie zu richten. Und Madame ist einer weitergehenden Unterhaltung keineswegs abgeneigt, äußert aber ihre Verwunderung darüber, dass er sie nicht schon eher angesprochen habe. Heute sei nämlich ihr letzter Abend im „Berghof“, am nächsten Morgen reise sie ab. Nach Hansens umfassenden gestotterten Liebesschwüren in deutsch-französischem Kauderwelsch, währenddessen  Clawdia ihre Hand (eine „nicht sehr aristokratische Hand mit kurzen Fingern“ übrigens) durch seine Haare gleiten lässt, geht sie auf ihr Zimmer und ruft Hans noch zu: „Vergessen Sie nicht, mir meinen Bleistift zurückzugeben!“ Tja, und das muss er wohl noch in selbiger Nacht getan haben, denn am nächsten Morgen hat er nicht mehr ihren Bleistift, dafür aber als Andenken eine Röntgenaufnahme ihres Brustkorbs.

Wie nahe Hans Castorp Madame Chauchat in jener Nacht „tatsächlich“ gekommen ist (sofern dieses Wort angesichts der hier zu verhandelnden literarischen Fiktion überhaupt erlaubt ist), das bleibt letztlich der Phantasie jedes einzelnen Lesers überlassen. Der Roman jedenfalls schweigt darüber. Ein Literaturkritiker vertrat einmal die Ansicht, Hans Castorp habe auf dem Zauberberg doch nur masturbiert. Dieser Auffassung widersprach aber Marcel Reich-Ranicki vehement: Der zurückzugebende Bleistift sei doch ohne jeden Zweifel ein Phallussymbol. Nun, wenn man bedenkt, dass es sich nicht um einen simplen Holzbleistift, sondern um einen Druckbleistift aus Metall mit vorne heraustretender Mine gehandelt hat, dann erscheint diese Deutung als durchaus denkbar. Und außerdem gibt es im weiteren Verlauf des Romans, zumal zum Ende hin, noch zahlreiche Stellen, die die Interpretation unseres verblichenen Literaturpapstes stützen, an dessen Unfehlbarkeit wir ohnehin niemals rütteln würden.

Die Familie zahlt

Clawdia Chauchat reist also ab und meldet sich jahrelang nicht mehr. Doch muss, wie es im Romantext vage heißt, in jener Faschingsnacht etwas vorgefallen sein, das Hans Castorp veranlasst hat, auf eine Rückkehr Madame Chauchats ins Sanatorium „Berghof“ zu warten. Aber wie kann das gehen, dass jemand jahrelang absichtlich krank bleibt oder es zumindest simuliert, nur um länger im Sanatorium auf die eventuelle Rückkehr der Angebeteten warten zu können? Zwei Umstände spielen Hans Castorp hier in die Hände: Zum einen der ausgeprägte Geschäftssinn der Ärzte, den Hans Castorp entweder nicht völlig durchschaut oder absichtlich übersieht. Bald schon herrscht eine Art stilles Einvernehmen zwischen Hans und dem Chefarzt Hofrat Behrens, dass ein längerer Aufenthalt im „Berghof“ in beider Interesse liegt. Zum anderen – die Abrechnung über die Krankenkasse gab es damals noch nicht in der heutigen Form – zahlt Hansens sehr begüterte Hamburger Familie die immensen Rechnungen fast ohne zu murren. Allerdings nur fast, denn nach einem Jahr kommt sein Onkel, James Tienappel, zu Besuch, um nach dem Rechten zu sehen. (Eines der witzigsten Kapitel des ganzen Buches.) Er befindet, dass Hans doch sehr gesund aussehe und er, James, ihn am besten gleich wieder nach Hause mitzunehmen gedenke. Doch das Gespräch von Onkel James mit Hofrat Behrens bringt für Hans die glückliche Wendung. Der Hofrat moniert, noch bevor überhaupt Hansens Gesundheit zur Sprache kommt, die blasse Gesichtsfarbe von Onkel James und rät diesem dringend zu einer eingehenderen Untersuchung. In jedem Falle solle James doch eine ausgedehnte Kur im Sanatorium absolvieren. Völlig überstürzt reist Onkel James, dem all das nicht geheuer ist, über Nacht ab – und Hans hat fortan seine Ruhe. Und doch hätte seine Familie früher oder später vielleicht doch die Geduld mit ihm verloren, wäre nicht sein Vetter Joachim, der es kaum erwarten konnte, gesund zu werden, um seine militärische Laufbahn anzutreten, bald nach seiner vermeintlichen Genesung an seinem Lungenleiden gestorben. So etwas darf natürlich kein zweites Mal in der Familie geschehen – und so kann Hans sich in aller Ruhe weiter auskurieren.

Ob der Aufenthalt im Sanatorium der Gesundheit der Patienten wirklich so zuträglich gewesen ist? Es bleiben Zweifel, denn die wirklich Kranken sterben dort fortwährend wie die Fliegen. Die langen Liegekuren bei eisiger Kälte in der Gebirgsluft sorgen nicht zuletzt für zahlreiche Erkältungen, in den Zimmern sind es im Winter gerade mal sieben Grad (Zentralheizung ist noch nicht erfunden, Öfen gibt es keineswegs überall.) Unter diesen Bedingungen muss man schon eine wirklich gute Konstitution mitbringen, um das sieben Jahre zu überleben… (Ganz zu schweigen davon, dass Hans – als Lungenkranker! – fortwährend Zigarren raucht und sich schon zum Frühstück stets ein starkes Bier genehmigt.)

Aber wie so oft im Leben gibt es, während Zweifelhaftes teuer bezahlt wird, die wirklich wertvollen Dinge manchmal gratis. Hans Castorp findet auf dem Zauberberg zwei Privatlehrer, die ihm mit pädagogischem Geschick nicht nur alle großen Fragen der Zeit nahebringen (und in jener Zeit gab es nicht wenige große Fragen), sondern ihm auch gleich noch die jeweils entgegengesetzten möglichen Haltungen zu diesen in persona vor Augen führen. Eine intensivere geistige Betreuung als die durch den italienischen Humanisten und Freimaurer Lodovico Settembrini sowie durch seinen Antipoden, den Jesuiten und Kommunismus-Bewunderer Prof. Leo Naphta aus Galizien (heute West-Ukraine), wäre ihm wohl in keinem Universitätsstudium der gesamten Geisteswissenschaften zuteil geworden. Und all das ohne irgendwelchen Schein- oder Abgabedruck, sondern nur vom jeweiligen Interesse des Augenblicks vorangetrieben. Und vor allem, wie es ausdrücklich heißt: sine pecunia, also ohne Bezahlung. (Knapp 80 Jahre später gibt es in Thomas Bernhards „Auslöschung“  eine ähnliche Konstellation, die aber für den Privatlehrer Franz-Josef Murnau deutlich günstiger angelegt ist, denn dieser unterrichtet seinen einzigen Schüler Gambetti, Spross einer schwerreichen italienischen Familie, in deutscher Literatur und Philosophie dauerhaft zu einem fürstlichen Honorar.)

Die zwei Lehrmeister

Lodovico Settembrini, mit dem Hans Castorp zuerst Bekanntschaft macht, ist um die vierzig, von Beruf „Literat“ und entstammt einer Mailänder Advokaten- und Literatenfamilie. Eigentlich pausenlos redet er Hans Castorp ins Gewissen und will ihn zur rascheren Gesundung und zur Arbeit anhalten. („Was er nur immer mit der Arbeit hat?“, denkt Hans des Öfteren.) Settembrini selbst schreibt trotz seiner fortgeschrittenen Krankheit sehr eifrig an einem dicken Wälzer im Rahmen eines vielbändigen enzyklopädischen Buchprojekts; natürlich ist das mies bezahlt, der Humanist ist immer denkbar schlecht bei Kasse und wechselt bald aus dem „Berghof“ in eine spartanisch eingerichtete Dachkammer mit Stehpult „unten im Ort“, wo ihn Hans Castorp in der Folge häufig besucht. Mit übergroßer Nüchternheit und Ernsthaftigkeit setzt sich dieser Anwalt des Fortschritts für die Verbesserung der Welt durch Aufklärung und Arbeitsamkeit ein. Alles, was von diesem Ziele ablenken könnte, ist ihm suspekt, vor allem die Musik (etwas „zutiefst Fragwürdiges“) und die erotische Liebe.

Settembrinis inhaltlicher Gegenspieler, der Altphilologie-Professor Leo Naphta, der aus einer jüdischen Familie zum Jesuiten-Orden gekommen ist, wohnt – wie der Zufall so spielt – direkt unter ihm. Naphta hält wenig von Aufklärung und Vernunft. Seiner Meinung nach brauche vor allem die Jugend Zucht und Ordnung, einen festen Glauben und, damit auch niemand übermütig werde, gleich noch den Terror. In der neuen Bewegung des Kommunismus erkennt er eine Art Wiederkehr des totalitären Gottesstaates im atheistischen Gewande – und begrüßt sie. Im Gegensatz zum als gutaussehend beschrieben Settembrini ist Naphta von übergroßer Hässlichkeit. (Thomas Mann soll ihn nach dem Vorbild des Literaturwissenschaftlers Georg Lukacs konzipiert haben.) Auch er versucht Einfluss auf den jungen Hans Castorp zu nehmen – und findet diesen für seine abstrusen Lehren durchaus aufgeschlossen.

Als Thomas Mann später gefragt wurde, mit welcher seiner Figuren er mehr sympathisiere, mit Settembrini oder mit Naphta, antwortete er: „Mit keinem von beiden, sondern mit Hans Castorp.“ Und welchem seiner beiden Lehrmeister ist Hans Castorp mehr zugewandt? Hierzu  nimmt er im Roman in einer seiner ausgedehnten Reflexionen differenziert Stellung: Settembrini sei für ihn der Sympathischere, Naphta hingegen möge er weit weniger, „obwohl er fast immer recht hat“. Man kann in Hans Castorps fataler inhaltlicher Präferenz für Naphta fraglos ein Symptom des damaligen Zeitgeistes sehen. Der fortschrittsoptimistische Liberalismus hatte zu jener Zeit – gerade auch für die jüngere Generation – nur wenig Attraktivität. Schon in seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1915-1918) war Thomas Mann, seinerzeit Anfang vierzig, für einen eigenen deutschnationalen Weg zwischen westlicher Demokratie und östlichem Bolschewismus eingetreten und hatte sich ausdrücklich für eine „Konservative Revolution“ ausgesprochen. Während er in den Jahren darauf den „Zauberberg“ verfasste, dürften Wirtschaftskrise, Hyperinflation und schwache demokratischen Regierungen seine antidemokratische Grundhaltung eher noch verfestigt haben. Erst die düsteren Erfahrungen der NS-Zeit und des Exils sorgten schließlich für eine nachhaltige Korrektur seines Weltbildes.

Die Nebenbuhler

Man muss Hans Castorp jedenfalls zugutehalten, dass er in der jahrelangen Wartezeit auf Madame Chauchat nicht das geringste Interesse an anderen jungen Damen zeigt, von denen es doch im Sanatorium auch nicht wenige gibt. Stattdessen liest er eifrig medizinische Fachbücher über alle Einzelheiten des menschlichen Körperbaus und gerät dabei nicht nur ins Philosophieren über das Wunder des Lebens, sondern entwickelt auch sehr konkrete Wunschträume, die natürlich ausschließlich auf Clawdia Chauchat gerichtet sind.
Umgekehrt gibt es aber noch eine Reihe weiterer männlicher Interessenten an Madame Chauchat: zunächst einmal Herrn Wehsal aus Mannheim – für Hans Castorp als Konkurrent im Wettbewerb um Clawdias Gunst aber zum Glück gänzlich ungefährlich – und den Chefarzt Hofrat Behrens, immerhin ein alleinstehender Witwer im fortgeschrittenen Alter. Behrens ist Hobby-Ölmaler und hat noch während Clawdias ersten Aufenthalts im Sanatorium ein Porträt von ihr angefertigt, das der eifersüchtige Hans Castorp, der dem Hofrat unter einem Vorwand einen Besuch abstattet, sehr genau betrachtet. (Übrigens ist das Bildnis ziemlich misslungen, abgesehen von der ganz ausgezeichnet getroffenen Brustpartie…) Auf Hans Castorps Frage, ob Madame dem Hofrat seit ihrer Abwesenheit vielleicht einmal geschrieben habe, antwortet dieser in bodenständigem Realismus: „Ach, das fällt der doch nicht ein!“
Indessen freundet sich Hans Castorp ein wenig mit dem unglücklichen Herrn Wehsal aus Mannheim an, der aus seiner aussichtslosen Liebe zu Clawdia Chauchat kein Geheimnis macht. Irgendwann bittet jener Hans Castorp inständig, ihm nur ja alle Einzelheiten seiner Begegnung mit Madame Chauchat in jener Faschingsnacht zu erzählen. Und Hans Castorp, den so etwas wie Stolz über seine Heldentat ergreift, entspricht diesem Wunsch bis ins kleinste Detail. Nur der Leser ist von diesem Bericht gemeinerweise ausgeschlossen…

Die Rückkehr mit Sugardaddy

Zweifellos gibt es Frauen, die sich von ausdauernden Verehrungsbekundungen eines Mannes beeindrucken lassen, die eine solche jahrelange Treue in der Anbetung tief berührt. Hans Castorps großes Pech ist es aber, dass Clawdia Chauchat ganz und gar nicht zu jenem Kreis gehört. Regelrecht Feuer und Flamme ist er, als Madame ihn nach jahrelanger Funkstille beiläufig aus München grüßen und ihm dabei die Nachricht übermitteln lässt, in einigen Monaten wieder ins Sanatorium „Berghof“ zurückkehren zu wollen. Und sie kommt tatsächlich – doch was dann folgt, ist für den liebeskranken Dauerpatienten eine niederschmetternde Enttäuschung. Gewiss kann es objektiv betrachtet nicht verwundern, dass sich, wenn jemand stur an der Maxime „Die oder keine“ festhält, mit großer Wahrscheinlichkeit die zweite Alternative einstellt. Doch eine solche Demütigung, wie Hans Castorp sie bei Clawdia Chauchats Rückkehr erlebt, ist dann doch beispiellos.

Sie kommt nämlich nicht allein, sondern in Begleitung eines sehr betagten und sehr vermögenden Herrn, heute würde man sagen: mit einem Sugardaddy, wie man ihn gegenwärtig auf Internetseiten wie http://www.sugardaddy.eu finden kann. Das sind ältere, reiche Männer, die sich jungen, attraktiven Frauen als Mäzen anbieten – im Tausch gegen deren erotische Verfügbarkeit, versteht sich. Internetseiten dieser Art sollen, so heißt es in entsprechenden Berichten, die einzigen Partnerschaftsanbahnungsseiten sein, die weitaus häufiger von Frauen als von Männern besucht werden. Klar, welcher Mann, der noch halbwegs bei Verstand ist, würde sich auf so etwas schon einlassen? Für etwa 25 Prozent aller Frauen hingegen ist laut einschlägigen Umfragen eine solche Konstellation interessant. (Um von womöglich noch höheren Dunkelziffern gar nicht zu reden.) Das sind wohlgemerkt Zahlen aus der Gegenwart (Quelle: Süddeutsche Zeitung) und nicht von 1914.

Als Hans Castorp Clawdia Chauchat wenigstens diskret begrüßen möchte, sieht sie demonstrativ über ihn hinweg. Da gibt es doch, sollte man meinen, nur zwei Möglichkeiten der Reaktion: entweder Konfrontation oder Eskapismus. Doch Hans Castorp wählt eine dritte: Er sucht die Nähe des Sugardaddys und freundet sich mit ihm an. Der greise Mynheer Pepperkorn, mit dem Madame Chauchat „eine gemeinsame Reisekasse hat“, ist schwerkrank und schon ziemlich vertrottelt, aber doch mit einer großen natürlichen Autorität gesegnet. (Für ihn soll Thomas Manns Schriftstellerkollege Gerhard Hauptmann Pate gestanden haben. Hauptmann, der sich vor allem in Pepperkorns Marotte eines stets unzusammenhängenden Satzbaus wiedererkannte, soll darüber außerordentlich verärgert gewesen sein…) Und über den (zunächst) arglosen Pepperkorn kommt Hans dann auch wieder Clawdia Chauchat näher. Doch unglücklicherweise rückt dieses zwar pragmatische, aber wenig würdevolle Vorgehen – jedenfalls in Clawdias Augen – Hans nur in ein noch schlechteres Licht. Unmissverständlich drückt sie ihm in einem Vieraugengespräch, als Hans schon zu erneuten Liebesschwüren ansetzt, ihre Verachtung aus. Sie erklärt ihn, der jahrelang auf ihre Rückkehr gewartet hat, zu einem Taugenichts, womit sie zugegebenermaßen nicht so ganz falsch liegt. Aber in einem überraschenden gedanklichen Salto Mortale schlägt sie kurz darauf vor, sie und Hans Castorp sollten gute Freunde werden, schon weil sie ja die große Wertschätzung für Mynheer Pepperkorn verbinde. Als Hans begeistert einwilligt, besiegeln sie ihren Freundschaftsbund mit einem von Clawdia initiierten Freundschaftskuss, und zwar auf den Mund! Nun denkt (und hofft) man als Leser, dass sich die durchtriebene Madame Chauchat dadurch vielleicht noch ein Hintertürchen zu Hans offenhalten möchte. Wahrscheinlich aber hat sie nur blitzschnell erkannt, dass es die kurzfristig komfortablere Lösung für sie ist, Hans nicht aller Hoffnungen zu berauben statt ihn völlig gegen sich aufzubringen. So macht Hans Castorp weiter die sprichwörtlich gute Miene zum bösen Spiel und begleitet gemeinsam mit anderen – auch der aussichtslose Nebenbuhler Wehsal ist mit von der Partie – Madame und Pepperkorn auf diversen Ausflügen in die Umgebung.

Nach ein paar Monaten geht es dann mit Pepperkorn zu Ende. Hans Castorp nimmt als treuer „Freund“ die angeblich trauernde Clawdia in den Arm und wird von ihr auf die Stirn geküsst. Dann endet das Kapitel. Zu Beginn des nächsten erfahren wir, dass Madame Chauchat nach diesen Ereignissen erneut aus Davos abgereist ist. Diesmal ist aber von einer späteren Rückkehr keine Rede mehr. Das war’s also für Hans.

Biblisches Vorbild

Wie für nahezu alles in der Welt gibt es auch für die traurige Warterei Hans Castorps ein deutlich älteres Vorbild, auf das Thomas Mann, wie auch die in den „Zauberberg“ eingebaute Zahlenmystik beweist, offensichtlich zurückgegriffen hat. In der BIBEL lautet die Geschichte nämlich kurz gesagt so: Sieben Jahre lang hütete Jakob die Schafe Labans, um dessen Tochter Rachel zu gewinnen. Als die Zeit um war, führte man die Braut in sein dunkles Zelt; erst am nächsten Morgen machte er die Entdeckung, dass seine Leidenschaft nicht der lieblichen Rachel, sondern der hässlichen Leah gegolten hatte. Doch um den Preis weiterer sieben Jahre als Schafshüter bei Laban gewann Jakob seine Rachel schließlich doch noch. „Und die sieben Jahre schienen ihm wie ein Tag, angesichts der Liebe, die er für sie empfand.“

Weil Thomas Mann nun aber kein Kitsch-Heini ist, fällt bei Hans Castorp ein solches happy end allerdings aus. Doch bekommt dieser stattdessen etwas anderes, Unerwartetes, das ihn durchaus zu beglücken vermag – nämlich ein Grammophon. Eigentlich wird dieses neumodische Gerät im Kulturzimmer des Sanatoriums für die Allgemeinheit angeschafft. Doch schnell merkt Hans Castorp, dass die anderen Patienten damit entweder nichts anzufangen oder – schlimmer noch – nicht richtig damit umzugehen wissen. Sie sortieren die kostbaren Platten nach dem Hören gar nicht oder falsch wieder ein, sie zerkratzen sie durch unsachgemäßes Abspielen und dergleichen. Hans Castorp schnappt sich den Schlüssel zum Musikzimmer und verwaltet ihn fortan. Wer im Sanatorium künftig Musik hören möchte, muss sich nun bei Hans Castorp, dessen Autorität als einer der langjährigsten Patienten niemand anzutasten wagt, einen Termin holen. Im übrigen genießt Hans selber täglich stundenlang die Musik aus dem Apparat und ist restlos begeistert. So kommt es, dass die Kunst in Verbindung mit der sie ermöglichenden Technik und der ihren Genuss vervollkommnenden Ordnung Hans Castorp schließlich doch noch eine Art von Erfüllung finden lässt.

Doch die währt nicht lange. Im Juli 1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Settembrini, der als eifriger Zeitungleser alles längst kommen gesehen hat, ist fassungslos angesichts von Hans Castorps indifferent-lethargischer Haltung. Und in der Tat ist der treudeutsche Hans, der kaum einmal eine Zeitung aufschlägt, ebenso gefährlich unpolitisch wie sein Autor in seinen gleichnamigen Betrachtungen. Das Sanatorium wird mehr oder weniger vollständig geräumt. Alle Männer werden von ihren jeweiligen Herkunftsländern zum Dienst in den Armeen eingezogen. Ob damals wirklich Lungenkranke in den Krieg ziehen mussten? Nun, solche „Kranken“ wie damals in Davos wohl hin und wieder schon, wenn man annimmt, dass den Militärärzten in ihren Musterungen der Geschäftssinn eines Hofrats Behrens so völlig abging. Und so muss ausgerechnet Hans Castorp, dieser Zivilist durch und durch (was damals alles andere als selbstverständlich war), hinein in diese furchtbare Materialschlacht, die zugleich eine neue historische Epoche einläuten sollte.

Doch immerhin eines lässt sich sagen: Er, dem es immer dann am besten ging, wenn er gar nichts tat, hat auf dem Zauberberg trotz allem eine schöne Zeit gehabt.

www.justament.de, 10.3.2014: Treffend und zitierfähig

Das Creifelds Rechtswörterbuch in 21. Auflage

Thomas Claer

creifelds-coverAls bekennender Creifelds-Fan steht man natürlich bei einer Neuauflage immer gleich auf der Matte. In nun schon 21. Auflage liegt unser liebstes Rechtswörterbuch also inzwischen vor und ist natürlich wieder einmal ein Spiegel seiner Zeit geworden. Nicht nur die verkürzten Intervalle zwischen den Auflagen (die vorige erschien erst 2011), die obligatorische Steigerung von Seitenzahl (1573 statt 1500) und Preis (53 statt 46 Euro), sondern auch manche inhaltliche Modifikation zeigen, dass das Werk mittlerweile voll und ganz in den  Zehnerjahren angekommen ist. Sein Anspruch ist es auch diesmal, „seiner Tradition entsprechend einen vollständigen und aktuellen Überblick über das gesamte in Deutschland geltende Recht“ zu bieten, wie es im Vorwort der Herausgeber heißt.
Man erinnert sich als, sagen wir, nun nicht mehr so ganz taufrischer Jurist ja noch sehr genau daran, wie oft der Creifelds einem damals in der Juristenausbildung aus der Patsche geholfen hat, wenn man mal wieder irgendwo nur Bahnhof verstanden oder die Zusammenhänge so gar nicht durchschaut hatte. Wie letztlich doch alles im Recht mit allem anderen zusammenhängt, dafür hat mir jedenfalls der Creifelds weitaus besser als irgendein anderes Buch die Augen geöffnet. Fairerweise muss man aber auch sagen: In den Neunzigern gab es noch kein Wikipedia. Den Begriff mal eben googlen, das ging seinerzeit noch nicht. Und so muss man heute im Zeitalter der aussterbenden Lexika notwendigerweise fragen: Was kann ein solches Wörterbuch, was Wikipedia oder ganz allgemein das Internet nicht viel besser (und gratis!) kann?
Testen wir es also einmal. Greifen wir einfach irgendwo in die Mitte des Buches. Unter M steht dort „Mäklervertrag“. Das ist ja lustig. Kein Mensch sagt „Mäkler“, alle sagen Makler. Nur im BGB (immerhin von 1900) heißt es „Mäkler“. Und Creifelds folgt dem BGB. Da steht dann unter 1. etwas zur Begriffsdefinition mit Verweis aufs BGB und anschließend unter 2. einiges über die praktisch sehr bedeutsame Frage, wann die Verpflichtung des Auftraggebers zur Zahlung entsteht. So weit so gut. Und bei Wikipedia? Da heißt es „Maklervertrag“ und darunter steht – viel, viel mehr. Klar, die haben ja auch mehr Platz im Netz. Besser und richtiger als bei Wikipedia ist das, was im Creifelds steht, nun aber auch nicht unbedingt. Ist also der Creifelds, unter uns gesagt, nicht gewissermaßen überflüssig geworden?
Nein, soweit darf man nun auch nicht gehen. Denn gerade diese Beschränkung auf das Wesentliche ist es doch, die ein solches Wörterbuch auszeichnet. Noch deutlicher wird es vier Stichworte über dem „Mäklervertrag“ bei „Machiavelli“. Dass der überhaupt im Creifelds auftaucht, ist allein schon ein Statement! „Florentinischer Historiker, Politiker und Literat, der in seinen Werken das Idealbild des durch keine moralischen Rücksichten gehemmten Alleinherrschers zeichnete“, steht dort. Und: „Als Machiavellismus wird seither eine ausschließlich vom Gebot der Klugheit getragene, von moralischen Bedenken freie Staatskunst bezeichnet, bei der allein der alle Mittel rechtfertigende Erfolg entscheidet.“
Treffer. Versenkt. Genau so viel sollte man als Jurist wissen. So auf den Punkt bringt es Wikipedia nicht! Und noch einen Vorteil hat der von einer ganzen Richter- und Professorenriege verfasste Creifelds: Man darf ihn getrost auch in wissenschaftlichen Arbeiten zitieren, Wikipedia dagegen eher nicht, zumindest nicht zu oft.
Ob diese unbestreitbaren Vorzüge allerdings ausreichen, um dem Creifelds noch zu vielen weiteren Auflagen zu verhelfen, wird die Zukunft zeigen.

Creifelds Rechtswörterbuch
21. neu bearbeitete Auflage 2014
Verlag C.H. Beck
1573 Seiten, EUR 53,00
ISBN 978-3-406-63871-8

www.justament.de, 7.1.2014: Auf dem Weg zum Rechercheur

Marcel Proust im dritten Band seiner „Suche nach der verlorenen Zeit“: „Die Welt der Guermantes“

Thomas Claer

Cover GuermantesIn der muslimischen Welt gibt es den Ehrentitel des Hadschi. So darf sich nennen, wer bereits eine Pilgerfahrt nach Mekka unternommen hat, zum Beispiel der Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah, der Karl May-Lesern als ständiger Begleiter des Kara Ben Nemsi durch den Orient bekannt ist. Es soll hiermit angeregt werden, eine Entsprechung für den Hadschi-Titel in der Welt der Literatur einzurichten: Wer die gesamten (je nach Ausgabe bis zu 5000 Seiten umfassenden, dabei durchweg lange komplizierte Sätze enthaltenden) sieben Bände von Marcel Prousts Roman-Zyklus „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, dessen erster Band vor ziemlich genau 100 Jahren erschienen ist, vollständig gelesen hat, der darf sich künftig „Rechercheur“ nennen. Viele solche Rechercheure sind mir allerdings nicht bekannt: nur der unvergessliche Claus Koch (1929-2010), der früher gerne seine brillanten Kolumnen in der Süddeutschen Zeitung mit Zitaten aus den hinteren Bänden der „Recherche“ schmückte, der geschätzte Autoren-Kollege Jochen Schmidt, der daraus das Buch „Schmidt liest Proust: Quadratur der Krise“ (2010) machte, und Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow, der daraufhin textete: „Nach der verlorenen Zeit / Hab ich erst mal / Mehr Zeit mit mir verbracht / Und manchmal hab ich wachgelegen / Mitten in der Nacht“ (1996). Heutzutage ist es sicherlich weitaus einfacher, mal eben nach Mekka zu pilgern (da nimmt man ja das Flugzeug und läuft nur noch die letzten Schritte), als das ganze Hauptwerk von Proust zu lesen. Letzteres braucht vor allem unendlich viel Zeit, Aufmerksamkeit und Konzentration – vielleicht die kostbarsten Ressourcen, über die wir heute verfügen. Und doch ist der Justament-Rezensent auf dem langen Weg zum Rechercheur schon ein ganzes Stück vorangekommen: Im folgenden geht es also um Band drei, die „Welt der Guermantes“.
Die Handlung setzt einige Monate nach der Rückkehr des Ich-Erzählers aus dem Sommerurlaub in Balbec nach Paris wieder ein. Seine Liebe zur schönen Albertine, die ihn in Balbec beim Versuch, sie zu küssen, energisch zurückgewiesen hat, ist merklich abgekühlt. Wie erst im weiteren Verlauf des Geschehens klar wird, ist er Albertine schon mehrfach wieder in Paris begegnet, doch ohne die zauberhafte Strandlandschaft im Hintergrund reißt ihn die junge Dame inzwischen keineswegs mehr sonderlich vom Hocker. Dazu trägt vor allem auch der Umstand bei, dass sich der Protagonist inzwischen anderweitig verliebt hat, wenn auch auf sehr schwärmerische und wenig handfeste Weise: Seine neue Nachbarin, die Familie ist inzwischen in eine Wohnung neben dem prächtigen Palais der hochadeligen Familie Guermantes umgezogen, hat es ihm angetan: die Herzogin von Guermantes in persona. Sie ist blond, stets sehr geschmackvoll und vornehm gekleidet und vor allem „noch recht jung“. Wie alt genau, erfahren wir zwar nicht, aber doch wohl deutlich jünger als ihr Ehemann, der Herzog von Guermantes, und vermutlich ein paar Jahre älter als der Ich-Erzähler, der nun wohl etwa Anfang bis Mitte zwanzig sein dürfte. Die Dreyfuß-Affäre sorgt für allerhand Gesprächsstoff, es müssen also die Jahre nach 1894 sein.
Der Erzähler führt ein großbürgerliches Leben ohne auch nur die geringsten materiellen Zwänge. Seine Eltern, bei denen er weiterhin logiert, haben sich großmütig damit arrangiert, dass ihr Sohn ausgerechnet Schriftsteller werden möchte. „Man mag das ja auch als eine schöne Laufbahn ansehen; es ist freilich nicht gerade, was ich mir für dich gewünscht habe, aber du bist nun bald ein ausgewachsener Mann, wir werden nicht immer bei dir sein, da dürfen wir dich nicht hindern, deiner Berufung zu folgen“, erklärt ihm sein Vater. Dabei hat Marcel (so wird der Erzähler in einem der späteren Bände endlich doch einmal genannt werden) noch keine einzige Zeile geschrieben – außer zahlreichen Briefen an seine Favoritinnen, versteht sich. „Ich war nur der Spielball meiner Gewohnheiten, nicht zu arbeiten, nicht früh zu Bett zu gehen, nicht zu schlafen, die sich um jeden Preis durchsetzen sollten“, beschreibt er seinen Lebensstil.
Vor allem ist es der einzigartige Zauber der Familie Guermantes, deren Wurzeln sich bis ins tiefe Mittelalter zurückverfolgen lassen, der unaufhörlich die Phantasie des Erzählers beschäftigt. Und so erscheint ihm Madame de Guermantes, die er bisher nur flüchtig kennt, als außerordentlich verlockend. Ihre Gewandung kommt ihm vor, „wie eine schneeige oder farbig schillernde Materialisation ihres inneren Lebens.“ Hier erhebt sich aber wieder die mahnende Stimme aus dem Off, die darauf hinweist, dass die  Schmerzen der Liebe maßgeblich auf der Macht der menschlichen Einbildungskraft, auf Illusionen, beruhen. Doch lässt sich Marcel davon nicht beirren. Fortan unternimmt er jeden Vormittag einen Spaziergang, nur um die Herzogin einmal täglich, während sie ihre Besorgungen macht, auf der Straße treffen und grüßen zu können, doch nimmt die vornehme Dame anscheinend keine besondere Notiz von ihm. „Ich liebte wirklich Madame de Guermantes … Als größtes Glück hätte ich am liebsten von Gott erbeten, er möge doch alles Ungemach der Welt über sie hereinbrechen lassen und bewirken, dass sie ruiniert, allen Ansehens, aller Vorrechte bar, die sie von mir trennten, ohne Haus und Heim und von niemand mehr gekannt, bei mir Zuflucht suchte. Ich stellte mir vor, sie tue es … Und wenn ich in dieser Weise Stunden damit zugebracht hatte, mir Umstände auszudenken und dann Sätze zu formulieren, die ich zu der Herzogin sagen würde… blieb die Situation die gleiche.“ So schmachtet Marcel vor sich hin. Die Stimme aus dem Off weiß das schon richtig einzuordnen: „Das furchtbare Täuschungsmanöver der Liebe besteht ja darin, dass sie uns nicht mit einer Frau der äußeren Welt in Gedanken spielen lässt, sondern mit einer aus unserem eigenen Hirn entsprungenen Marionette, dem einzigen Bilde, das wir immer zu unserer Verfügung haben, das wir besitzen und das die Willkür unserer Erinnerung, fast eben so unumschränkt wie die der reinen Imagination, ebenso verschieden von der wirklichen Frau gestaltet haben kann, wie es das wirkliche Balbec von dem erträumten war, einer künstlichen Schöpfung also, der wir ganz allmählich zu unserer Qual die wirkliche Frau gewaltsam anzugleichen suchen.“
Da kommt Marcel die rettende Idee, wie eine nähere Kontaktaufnahme mit der Angebeteten gelingen kann: Sein Kumpel aus dem Strandurlaub in Balbeck, der junge Marquis Robert de Saint-Loup, ist glücklicherweise ein Neffe der Herzogin. Ihn besucht er für ein paar Wochen während seines Militärdienstes bei seiner Armeeeinheit in einem kleinen Ort weit außerhalb von Paris. (Marcel selbst ist aus gesundheitlichen Gründen – er leidet unter Asthma – von allen militärischen Verpflichtungen befreit.) Und was sieht Marcel zu seiner großen Freude auf dem Schreibtisch in Roberts Zimmer stehen? Ein wundervolles Porträtfoto der Herzogin.
„Diese Photographie war wie eine weitere Begegnung … mit Madame de Guermantes; ja mehr noch, sie stellte eine sehr ausgedehnte Begegnung dar, als wäre die Dargestellte durch einen jähen Fortschritt in unserer Annäherung im Gartenhut bei mir stehengeblieben und habe mir zum ersten Male Zeit gelassen, hier die Rundung der Wange, dort die Nackenlinie oder den Ansatz der Braue (alles Dinge, die mir bislang beim raschen Vorübergehen, im Überwältigtsein durch den momentanen Eindruck und durch die Lückenhaftigkeit der Erinnerung verborgen geblieben waren) in Ruhe anzuschauen; ihr Anblick aber sowie der von Brust und Armen einer Frau, die ich sonst immer nur im hochgeschlossenen Kleid gesehen hatte, kam für mich einer berauschenden Entdeckung, ja einer Gunstbezeigung von ihrer Seite gleich. Diese Linien, deren Betrachtung mir beinahe unerlaubt erschien, durfte ich nun studieren als eine Abhandlung über die einzige Geometrie, die für mich Wert haben konnte.“
Möglichst unauffällig bittet er Robert unter einem Vorwand darum, eine Begegnung mit seiner Tante zu arrangieren. Robert begreift sofort, was los ist, und verspricht seinem Freund, sein Möglichstes zu tun.
Doch ist Marcel nicht der einzige, der in Liebesqualen verstrickt ist. Robert unterhält seinerseits – von seiner Familie aufs Schärfste missbilligt – eine Liebschaft zu einer Schauspielerin. (Das ist so weit unter „standesgemäß“, dass es dafür gar keinen Ausdruck mehr gibt.) Und die lässt ihn gerade wieder hängen, meldet sich nicht, obwohl Robert ihr schon dreimal nacheinander geschrieben hat. Ihr noch weiter hinterherzulaufen, das geht natürlich nicht. Doch wartet er Tag für Tag wie ein Besessener auf Post von ihr. „Er zwang sich dazu, nicht an sie zu schreiben, wobei er vielleicht dachte, es sei ein geringeres Leiden, ohne Geliebte zu leben, als unter bestimmten Voraussetzungen mit ihr.“ Hier kommt nun aus dem Off eine sehr fundierte Betrachtung über das Schweigen in der Liebe: „Man legt Schweigen gern als Stärke aus, in einem ganz anderen Sinne stellt es sogar eine furchtbare Macht in den Händen derjenigen dar, die geliebt werden. Es steigert die Angst des Wartenden. Nichts lädt so sehr dazu ein, sich einem Wesen zu nähern, als gerade das, was einen von ihm trennt, und welche unüberschreitbarere Barriere gibt es als das Schweigen? Man hat auch gesagt, dass Schweigen eine Qual bedeute und imstande sei, denjenigen, der im Gefängnis dazu verurteilt ist, um den Verstand zu bringen. Doch welche Qual – noch größer als Schweigen – besteht darin, es von der Seite des geliebten Wesens ertragen zu müssen!“
Aber der Marquis Robert de Saint-Loup hat noch einmal Glück gehabt mit seiner Schauspielerin. Irgendwann kommt doch noch der erhoffte Brief von ihr, und ein Versöhnungstreffen wird angesetzt, an dem als bester Freund auch Marcel teilnehmen darf. Doch der ist von Roberts Freundin, nach so viel Zirkus im Vorfeld, dann doch etwas enttäuscht und findet sie alles in allem nur „ziemlich gewöhnlich“. Umso erschütternder ist es für ihn, mit ansehen zu müssen, in welche mentale Abhängigkeit von ihr sich sein Freund Robert begeben hat. Und die Stimme aus dem Off setzt noch einen drauf: „Es ist nur der Zufall eines Augenblicks, jenes einen Augenblicks, in dem diejenige, die bereits sich zu schenken schien, sich entzieht, weil sie vielleicht ein Rendezvous oder einen anderen Grund hat, sich an dem betreffenden Tag etwas schwierig zu zeigen. Hat sie es mit einem stark in Gefühlen lebenden Menschen zu tun, beginnt, selbst wenn sie es gar nicht merkt, besonders aber, wenn sie es merkt, nun ein furchtbares Spiel. Unfähig, auf diese Frau zu verzichten, erhöht er den Einsatz, sie meidet ihn, so dass ein nicht mehr erhofftes Lächeln tausendmal höher bezahlt wird, als es der letzten Gunst angemessen wäre. Es kommt in solchen Fällen sogar manchmal vor, dass man diese letzte Gunst oder sogar einen ersten Kuss nie erlangt oder nicht einmal zu erbitten wagt, um die vorherigen Versicherungen einer rein platonischen Zuneigung nicht etwa Lügen zu strafen. Es ist dann ein großer Schmerz, aus dem Leben zu scheiden, ohne jemals erfahren zu haben, wie ein Kuss der Frau sein mag, die man am meisten geliebt hat.“
Als Marcel wieder nach Paris reist, kommen ihm jedenfalls erhebliche Zweifel an seiner schwärmerischen Begeisterung für Madame de Guermantes. Hinzu kommt, dass diese, als er sie das nächste Mal auf der Straße grüßt, langsam etwas genervt von Marcels Zudringlichkeit wirkt.
„Eine Wahrheit muss nicht ausgesprochen werden, um dennoch ruchbar zu werden. Man kann sie vielleicht mit größerer Sicherheit, ohne auf eine mündliche Mitteilung zu warten oder überhaupt nur darauf zu hören, aus tausend äußeren Zeichen entnehmen, selbst aus manchen unsichtbaren Phänomenen, die in der Welt der menschlichen Charaktere etwa dem entsprechen, was in der Welt der Physik die atmosphärischen Veränderungen sind“, weiß die Stimme aus dem Off. Als Marcel dann ein Brief von Robert erreicht, in welchem dieser ihm eröffnet, dass eine gewisse Madame de Sterma gerade wieder in Paris weilt, eine junge Dame, auf welche Marcel schon früher einmal ein Auge geworfen hat, ist Madame de Guermantes für ihn endgültig abgemeldet. Madame de Sterma lässt Marcel durch Robert ausrichten, dass sie einem Treffen mit ihm in Paris keineswegs abgeneigt sei. Marcel schreibt ihr kurzfristig und schlägt ein gemeinsames Dinet in einem exquisiten Restaurant in malerischer Umgebung auf einer Paris vorgelagerten Seine-Halbinsel in einigen Tagen vor. Madame de Sterma sagt zu.
Und da passiert etwas völlig Unerwartetes: Marcel, dessen Eltern für einige Tage verreist sind, erhält überraschend Besuch von … Albertine. Ausgerechnet von Albertine, in die er am Strand in Balbec so vernarrt gewesen war, und die er in Paris doch längst „abgeschossen“ hatte. Allerdings kommt Albertine in offensichtlich rein freundschaftlicher Absicht, möchte sich einfach nur ein wenig mit ihm unterhalten. Marcel, sonst ganz und gar nicht frei von Eitelkeit, ist gerade nicht besonders schick angezogen und auch nicht rasiert, das hat er sich alles für den Abend mit Madame de Sterma aufgespart. Ganz unbefangen plaudert er mit Albertine. „Ihr Anblick schuf mir keine Unruhe mehr.“ Doch je länger er sie im Gespräch betrachtet, desto öfter kommen ihm doch wieder die verlockenden Assoziationen von Sonne, Strand und Meer in den Sinn. Als Albertine gehen will, fordert er sie wiederholt auf, doch noch etwas länger zu bleiben. Und sie tut es, durchaus nicht widerwillig. Ganz beiläufig erwähnt er dann, dass er ja „überhaupt nicht kitzlig“ sei. Und Albertine, die sofort registriert, dass Marcel schlichtweg Lust auf sie bekommen hat, antwortet: „Soll ich es denn einmal versuchen?“ Sie suchen dafür eine bequeme Position und sind drauf und dran sich zu küssen – da geht im Zimmer plötzlich das Licht an. Es ist die Haushälterin Francois, die den jungen Herrn zum Abendessen ruft.
So etwas wie Privatheit und Privatsphäre im heutigen Sinne war in jener Zeit nicht unbedingt vorgesehen. Die unteren Stände lebten zumeist sehr beengt mit vielen Personen dicht aneinander, die Bessergestellten hingegen hatten ständig ihre Angestellten um sich. Die Dinge, die jeder gerne tut, wenn sie oder er ganz allein ist, waren unter solchen Umständen gar nicht so einfach durchzuführen. Zum Abbau des allgemeinen Hormondrucks lockten dafür (zu Spottpreisen) Bordelle und Kupplerinnen, die auch Marcel ausgiebig frequentierte, die männliche Kundschaft. Den Frauen dagegen, sofern sie sich nicht selbst auf irgendeine Weise im horizontalen Gewerbe betätigten, blieben nur Eheschließungen, Affären oder jene Übellaunigkeit und Gereiztheit, wie sie etwa Madame de Guermantes im weiteren Verlauf der Handlung noch des Öfteren an den Tag legen sollte.
Doch können Albertine und Marcel ihre Annäherung immerhin noch für kurze Zeit fortsetzen. Und wieder fragt Marcel Albertine, warum sie ihn denn damals in Balbec so vehement abgewiesen habe. Und diesmal antwortet ihm Albertine: „ Ach! Damals in Balbec kannte ich Sie ja nicht, ich hätte glauben können, Sie hätten schlechte Absichten.“ Die Stimme aus dem Off kommentiert das mit den Worten: „Es ist für eine Frau schwierig, in den Bewegungen ihrer Glieder, in den Empfindungen ihres Körpers, wenn sie mit einem guten Freund zusammen ist, die unbekannte Sünde zu erkennen, in die sie bei einem Fremden befürchten würde hineingezogen zu werden.“
Als Albertine ein weiteres Treffen vorschlägt, äußert Marcel sich ausweichend, da er noch immer an nichts anderes denkt als an das Essen mit Madame de Sterma. Am Tag des geplanten Dinets, dem Marcel von einer Welle der Euphorie getragen entgegenfiebert, platzt dann die Bombe: Madame de Sterma sagt ab, einfach so, ohne weitere Begründung. Es sei etwas dazwischengekommen, sie müsse dringend Paris verlassen – und sie taucht dann auch nicht wieder auf, ist für Marcel zur bloßen Schimäre geworden. Die Stimme aus dem Off deutet schon an, was wohl noch passieren wird: „Unser Leben unter anderen Menschen gleicht einem Maleratelier voll beiseitegelegter Skizzen, da es mit allen jenen angefüllt ist, an welche wir einmal einen Augenblick lang unser Verlangen nach einer großen Liebe glaubten heften zu können; doch wurde mir dabei nicht bewusst, dass manchmal, wenn die Skizze noch nicht allzulange geruht hat, wir sie am Ende noch einmal vornehmen und ein ganz anderes, vielleicht bedeutenderes Werk daraus machen, als wir ursprünglich planten.“
Man könnte ergänzen: Meistens kommt es anders, als man denkt. Und je größer der gedankliche und emotionale Aufwand in der Liebe, desto unwahrscheinlicher wird ihre Erfüllung. Am Ende läuft es darauf hinaus, dass nur zwei zur richtigen Zeit am richtigen Ort und in der richtigen Stimmung sein müssen und alles andere doch nur ein Produkt der Phantasie ist. Und das, was man die romantische Liebe nennt, also die ausdauernde, in der Regel unglückliche Fixierung auf eine ganz bestimmte Person, ist mehr das Ergebnis bestimmter Zufälle als irgendeine Art von „ höherer Bestimmung“. Als Proust-Leser ist man jedenfalls für jede Art von Romantik verloren.
Aber wenn es schon mit der Liebe nicht so weit her ist, kann einen denn nicht die Freundschaft, die echte, tiefe und wahre Freundschaft im Leben für alles entschädigen? Die Stimme aus dem Off ist hier ebenso skeptisch: „Das ganze Bestreben der Freundschaft ist es, den einzigen wirklichen und (es sei denn durch das Mittel der Kunst) nicht mitteilbaren Teil unserer selbst einem oberflächlichen Ich zum Opfer zu bringen, das nicht wie das andere Freude in sich selber findet, sondern eine verschwommene Rührung dabei verspürt, wenn es von außen her gestützt und in eine fremde Individualität gleichsam gastlich aufgenommen wird, wo es dann beglückt über den ihm zuteil gewordenen Schutz sein Wohlbehagen in Billigung ausströmen lässt und Vorzüge bewundert, die es an sich selbst als Fehler bezeichnen und zu korrigieren bemüht sein würde. Im übrigen können die Verächter der Freundschaft ganz illusionslos – jedoch nicht ohne Gewissensbisse – die besten Freunde der Welt sein…“ So bleibt als letzter Rettungsanker für den ästhetischen Menschen nur die stolze Einsamkeit: „Die Ideen, die mich heimsuchen, sind wie Göttinnen, die zuweilen geruhen, einem einsamen Sterblichen an der Biegung des Weges sichtbar zu erscheinen… Doch sobald man zu zweit ist, verschwinden sie; Menschen, die stets in Gesellschaft leben, bekommen sie nie zu Gesicht.“
In die große Enttäuschung Marcels über das ausgefallene Date mit Madame de Sterma platzt eine Mitteilung von Robert Saint-Loup, der sein Versprechen einhält und Marcel in den Salon seiner Großtante zu einer Abendgesellschaft einlädt, auf der auch seine Tante, die Madame de Guermantes, anwesend ist. Ein paar Wochen früher wäre das für Marcel noch der Gipfel der Genüsse gewesen, doch nun kann er an der Herzogin gar nicht mehr so viel finden. Allein der „Geist der Guermantes“, der Zauber des alten Adels reizt ihn jetzt noch. Und so lässt er sich natürlich nicht zweimal bitten, denn Zeit hat er ja ohnehin immer genug. Zu Marcels großer Überraschung ist die Herzogin, von der er vor kurzem noch so geschwärmt hat, ihm gegenüber nunmehr durchaus aufgeschlossen, allerdings ohne dass Marcel daraufhin wieder Feuer fänge. Sie lädt ihn fortan sogar regelmäßig auch in ihren eigenen Salon ein, was für einen „normalsterblichen“ Bürgerlichen eine vollkommen ungewöhnliche Ehre darstellt, denn ansonsten verkehren dort nur Angehörige des Hochadels oder die gerade angesagten Top-Prominenten. Man gewinnt fast den Eindruck, der Ich-Erzähler berausche sich so sehr an seinem exklusiven Zutritt bei den „Blaublütigen“, dass er es nicht unterdrücken kann, auf gut und gerne 300 Seiten die gesamten Konversationen auf diesen Veranstaltungen bis ins kleinste Detail wiederzugeben, was für den Leser ausgesprochen ermüdend ist. Zumal es sich dabei ganz überwiegend um, in schöne Worte gehülltes, redundantes Geschwafel handelt, was auch der Erzähler am Ende einräumen muss.
Zunächst überwiegt aber noch seine Begeisterung: „Die Guermantes – wenigstens die, die dieses Namens würdig waren, besaßen nicht nur eine erlesene Qualität der Haut, des Haares und des durchscheinenden Blicks, sondern hatten auch eine Art sich zu halten, zu schreiten, die Hand zu geben, durch die sie sich insgesamt von irgendeinem anderen Mann der großen Welt ebenso stark unterschieden wie dieser von einem Bauern in seinem Arbeitskittel.“ Ja, diese Adeligen spielen doch in einer ganz eigenen Liga: „Denn neben allen individuellen Eigentümlichkeiten bestand in jener Epoche zwischen einem eleganten und reichen Mann jenes bestimmten Teils der Aristokratie und einem ebenfalls eleganten und reichen Mann aus der Finanzwelt oder Großindustrie noch ein deutlich spürbarer Unterschied. Da wo einer dieser letzteren geglaubt hätte, seine Weltläufigkeit durch einen barschen und hochmütigen Ton einem Untergebenen gegenüber zu beweisen, schien der Grandseigneur mit seiner milde lächelnden Art als Privileg seiner guten Erziehung gerade eine gewisse vorgebliche Demut und Geduld hervorzukehren und zu üben…“ Und dann die Herzogin: „die achtzehnte Oriane de Guermantes ohne eine einzige Mesalliance, das reinste, älteste Blut, das in Frankreich existiert.“ Und sie pflegt mitunter „eine fast bäuerliche Art der Artikulation, die einen herben köstlichen Erdgeruch hatte“. Hinzu kommt „ihre schleppende, in ihrer Rauheit so angenehme Stimme“. Ihr Mann, der Herzog, „runzelt seine jupiterhafte Stirn“.
Marcel imponiert anfangs noch so ziemlich alles im Hause der Guermantes, bis hin zum dort servierten Fruchtsaft, der damals offenbar als erlesene Köstlichkeit gegolten hat: „Nichts wird man weniger leid als diese Umsetzung der Farbe einer Frucht, die durch das Einkochen noch einmal zur Jahreszeit der Blüte zurückzukehren scheint, in Duft und Wohlgeschmack. Purpurn erglühend wie ein Obstgarten im Frühling oder kühl und farblos wie der Zephir unter den Blütenbäumen lässt der Duft sich darin gleichsam destilliert einatmen und betrachten…“ Die Rede ist von nichts anderem als Kirsch- und Birnensaft. Heute kennen wir das tragische Schicksal vieler Delikatessen, die einst nur den Reichen und Schönen vorbehalten waren, und die heute in jedem Discounter vorrätig sind: „Jede Originalität wird sinnlos, sobald sie Allgemeingut geworden ist.“
Doch erhält Marcel bei seinen Besuchen auch schnell tiefe Einblicke in die ehelichen Verhältnisse bei den Guermantes: „Der Herzog schmückte sich gern mit seiner Frau, aber er liebte sie nicht.“ Ein Bildnis, das ihm nicht gefällt, soll seine Frau doch bitte in ihr Schlafzimmer hängen, damit er es nie wieder zu Gesicht bekomme. Dabei ist der Herzog ein „glühender Bewunderer weiblicher Reize“ und unterhält unzählige Liebschaften mit rangniedrigeren Damen, die aber selbstverständlich alle adelig zu sein haben, nur eben unterhalb des Kalibers der Guermantes. (Er soll mit seinen Liebschaften auch schon ebenso unzählige Kinder in die Welt gesetzt haben, worüber allgemein großzügig hinweggesehen wird.) Die Herzogin dagegen gilt allgemein als „tugendhaft“, was sie von so ziemlich allen anderen Angehörigen ihrer Gesellschaftsschicht unterscheidet. Angesichts der gewaltigen Menge an Klatsch und Tratsch, der im Salon von den Anwesenden über die gerade jeweils Abwesenden verbreitet wird, ist sogar zu vermuten, dass Madame de Guermantes zu recht in diesem Ruf steht, denn in diesen Kreisen lässt sich absolut nichts geheim halten, dafür sorgt schon das immer bestens informierte Personal. Als einer der Diener der Familie sich auf seinen freien Tag freut, den er mit seiner Verlobten verbringen will, befiehlt ihm die Herzogin, die das merkt, kurzfristig, aus purer Missgunst und aus Neid, völlig überflüssigerweise an dem Tag eine Extraschicht zu schieben. Der Herzog, der seinem Diener das Vergnügen von Herzen gönnt, kann seine Frau nicht davon abbringen. „Psychologische Gesetze haben gleich den physikalischen eine gewisse Allgemeingültigkeit. Die dafür notwendigen Voraussetzungen sind die gleichen, ein und derselbe Blick leuchtet aus den verschiedensten menschlichen Lebewesen hervor wie ein gleicher Morgenhimmel über weit auseinandergelegenen und einander ganz fremden Orten der Welt.“
Was im Salon der Guermantes sonst noch so erzählt wird, bewegt sich auf durchaus schwankendem Niveau. Es kommt für die Besucher nicht entscheidend darauf an, besonders gebildet oder belesen zu sein, sondern in erster Linie darauf, „Esprit“ zu haben. So wie bei „Monsieur de Guermantes, dessen bizarrer Wortschatz bewirkte, dass die Weltleute ihn als gar nicht so dumm bezeichneten, literarische Kreise jedoch als einen Idioten schlimmster Art.“ Sein Lieblingsthema ist die Genealogie: „Wir sind vom gleichen Blut wie die Hessen, aber die ältere Linie.“
Die politischen Debatten konzentrieren sich vor allem auf die ausgiebig diskutierte Dreyfus-Affäre. Was da aber von den angeblich so kultivierten Aristokraten, und zwar von fast allen, über „die Juden“ verbreitet wird, würde man heute schlicht als allerunterste Schublade bezeichnen. Einzige rühmliche Ausnahme ist der junge Marquis Robert de Saint-Loup, der unter dem Einfluss seiner geliebten Schauspielerin eine Pro-Dreyfus-Haltung einnimmt, die er aber im Salon seiner Großtante und Tante nicht zu vertreten wagt. Außerdem fürchtet er, aufgrund seiner politischen Ansichten nicht in den Jockey-Klub aufgenommen zu werden.
Da wirkt es wie eine Erlösung für den Leser, als am Ende des Buches noch einmal Charles Swann einen Auftritt hat und der befreundeten Madame de Guermantes einen kurzen Besuch abstattet. Swann ist als Jude seit der Dreyfus-Affäre zur “Belastung“ für die aristokratischen Salons geworden. Zudem ist er durch seine Heirat mit der völlig unmöglichen Odette in diesen Kreisen „unten durch“. Doch weil er einfach so charmant und brillant ist wie kein Zweiter, verkehren einzelne Adelige zumindest sporadisch weiter mit ihm. Als er und Marcel einen Moment alleine sind, fragt Marcel ihn, warum wohl alle Guermantes gegen Dreyfus seien. Swanns Antwort: „Weil alle diese Leute Antisemiten sind.“ Endlich redet mal einer Klartext! Und Swann ergänzt noch: „Alle diese Leute gehören einer anderen Menschenart an. Man hat nicht ungestraft tausend Jahre Feudalwesen in seinem Blut.“ Gerade hat er eine Studie über ein weitläufig mit den Guermantes verwandtes Rittergeschlecht auf der Insel Rhodos verfertigt. Kurz darauf betrachtet er die Madame de Guermantes „wie ein Bild von Meisterhand“, woraufhin diese ihn geschmeichelt fragt: „Gefällt Ihnen meine Toilette?“ Doch Swann sieht bereits sehr angegriffen aus und berichtet, als die Herzogin ihn hartnäckig auffordert, sie in einem halben Jahr auf einer Reise zu begleiten, von seiner fortgeschrittenen Krebserkrankung. Es wird wohl – leider! – sein letzter Auftritt im Romanzyklus gewesen sein.
Am Ende fällt Marcels Einschätzung der Salonkultur im Hause Guermantes jedenfalls zwiespältig aus. Viele der hochadeligen geladenen Gäste haben ihm „den Eindruck platter Gewöhnlichkeit gemacht“. Und nicht zuletzt würden dort „fade Bosheiten verbreitet“. So erschien ihm der Name Guermantes doch „stark an Leuchtkraft vermindert“. Doch sieht Marcel in ihnen immerhin noch „liebenswürdige Bewahrer der Vergangenheit“. Diesem Urteil möchte man als Leser, nach allem, was man sich von diesen aufgeblasenen Feudalheinis alles hat anhören müssen, dann doch nicht zustimmen.
So endet dieses Buch, ohne dass man erfährt, wie es mit Marcel und Albertine wohl weitergehen wird. Doch eine Bemerkung der Stimme aus dem Off erlaubt schon einen Blick in die Zukunft: „Sobald man ganz und gar mit einer Frau lebt, sieht man an ihr nichts mehr von dem, um dessentwillen man sie geliebt hat; sicherlich kann die Eifersucht zum Beispiel diese beiden getrennten Elemente wieder vereinigen. … Man kann unter einer so gefährlichen Form die Erneuerung des Wunders aber nicht für wünschenswert halten.“
Und zum Schluss noch einer der klügsten Sätze des Buches: „Wir sind unausgesetzt darum bemüht, unser Leben zu gestalten, kopieren aber unwillkürlich immer nur wie auf einer Zeichnung die Züge der Person, die wir sind, und nicht derjenigen, die wir gern sein möchten.“

Marcel Proust
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 3: Die Welt der Guermantes
Suhrkamp Verlag; Auflage: 1 (29. November 2004)
996 Seiten, 21,00 Euro
ISBN-10: 3518456431

www.justament.de, 7.10.2012: Der Mann mit der Apfelschorle

Sven Regener mit seinem vierten Roman „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“

Thomas Claer

regener-coverLange war ja gerätselt worden, wovon der neue Roman von Sven Regener wohl handeln könnte, denn die Figur Frank Lehmann, die der Leser über drei Romane auf zusammen weit über 1000 Seiten ins Herz geschlossen hatte, war ja nach allseits kundgetaner Meinung des Autors schon irgendwie auserzählt. Nun ist es also raus: Herr Lehmanns bester Freund, der Bierzapfer-Kollege und unverstandene Schrott-Künstler Karl Schmidt, der ausgerechnet in der Nacht der Mauer-Öffnung einen durch ausgedehnte Schlaflosigkeit und massiven Drogenabusus beförderten depressiven Nervenzusammenbruch erlitten hat und von Geburtstagskind Frank Lehmann ins Kreuzberger Urban-Krankenhaus gebracht worden ist, nimmt den Erzählfaden im Frühjahr 1995 nunmehr aus der Ich-Perspektive wieder auf.

Karl, inzwischen 36 Jahre alt, lebt nun im „Clean Cut 1“, einer Drogenentzugs-WG in Hamburg-Altona und wird von Werner, seinem sozialpädagogischen Betreuer, streng auf totale Abstinenz getrimmt: keine Drogen, kein Alkohol. Erlaubt sind nur Kaffee und Zigaretten. Daneben hat Karl einen Job als Hilfshausmeister in einem Kinderkurheim und ist zudem verantwortlich für die Versorgung der Tiere des angeschlossenen Streichel-Zoos. Besonders demütigend ist für einen früheren Szene-Menschen wie Karl neben dem Arbeitsbeginn um 7 Uhr morgens natürlich auch, dass seine Mutter ihm den Job besorgt hat, die „ein hohes Tier beim Hamburger Senat“ ist. Als eines Tages seine früheren Kreuzberger Kumpels Ferdi und Raimund auftauchen und Karl einen Job anbieten, wagt dieser den Absprung. Doch traut Karl Schmidt sich selbst noch nicht so ganz. Die Psycho-Pillen hat er inzwischen abgesetzt, doch erlebt er immer wieder labile Schübe, die er aber einigermaßen unter Kontrolle bringen kann. Sicherheitshalber schwört er auch weiterhin auf völlige Abstinenz und ist genau dadurch der richtige Mann für Ferdi und Raimund, mit denen Karl schon um 1980 in der Berliner Avantgarde-Band „Glitterschnitter“ zusammengespielt hat (Karl Schmidt übrigens an der Bohrmaschine). Die beiden früheren Bandkollegen betreiben nämlich inzwischen das sehr erfolgreiche Techno-Label „BumBum Records“ und suchen für ihre Tournee mit mehreren DJs einen zuverlässigen Fahrer, der garantiert keine Drogen nimmt und immer nüchtern bleibt.

Als Karl nach fünfjähriger Abwesenheit ins wiedervereinigte Berlin einfährt, erkennt er es kaum wieder. Auf der Suche nach dem BumBum-Büro in der Sophien-Straße in Mitte wundert er sich zunächst darüber, dass die S-Bahn-Station nicht mehr „Marx-Engels-Forum“, sondern „Hackescher Markt“ heißt. Label-Chef Ferdi, inzwischen 50 Jahre alt, einen Joint nach dem anderen rauchend und zur Illustration seiner Popmusik-Theorien ständig auf fragwürdige Weise „Masse und Macht“ von Elias Canetti zitierend, erklärt ihm dann, dass bei ihnen mittlerweile das Geld nur so durch die Decke regne. „Der Mauerfall … das war ja überhaupt der Hammer, plötzlich machen die da neben uns eine ganz neue Stadt auf und überall die leeren Gebäude, du glaubst ja nicht, was wir da mit Partys verdient haben, da sind wir einfach rein…“ BumBum landen einen Techno-Hit nach dem anderen, die organisatorische Arbeit wird ganz überwiegend von günstigen Praktikanten erledigt. Ferdi berichtet weiter, dass sie, wo soll man mit dem ganzen Geld denn sonst hin, gleich das ganze Haus mit dem Büro in der Sophienstraße gekauft haben und das daneben gleich auch noch. (Aus heutiger Sicht betrachtet, war das, vorsichtig gesagt, keine schlechte Idee…)

Es geht also los auf die „Magic Mystery-Tour“, für 12 Tage einmal quer durch Deutschland in einem kleinen engen Bus mit 10 Personen. Besonders erfüllend ist für Karl, der alle Schwierigkeiten überwindet und als einziger statt Bier mit Koks immer eisern seine Apfelschorle trinkt, die sich anbahnende Liebe zur mitreisenden DJane Rosa. Ihre erste persönliche Begegnung verläuft allerdings denkbar ungünstig für ihn: „Was läuft denn hier für ein schrottiges Gedudel?“, fragt Karl. Und der neben Rosa stehende Ferdi antwortet: „Das ist Rosas neuer Track.“ Doch Rosa ist so ganz anders als Karls frühere Gefährtinnen und auch als die immer aufs Neue enttäuschenden Flammen des Frankie Lehmann. Rosa findet es gar nicht so schlimm, dass er „aus der Klapsmühle“ kommt, und auch nicht, dass er so fett geworden ist (denn immerhin ist er ja noch groß und stark). Sein unsicherer beruflicher Status ist für sie ebenfalls nicht abschreckend, und sie interessiert sich nicht einmal für seine Vermögensverhältnisse. Vermutlich gibt es solche Frauen nur im Roman… Am Ende der Rave trifft Karl Schmidt auf der „Springtime“ in Essen dann sogar noch seinen früheren Kreuzberger Kneipen-Chef, den „Diskurs-Gastronomen“ Erwin Kächele („Kerle, Kerle, Kerle“), den schwäbischen Millionär mit dem Lebensstil eines Sozialhilfeempfängers. Auch Frank Lehmann soll in der Nähe sein, doch der von der anstrengenden Tour völlig übermüdete Karl verpennt das geplante Treffen mit ihm.

Aber immerhin erfährt der Leser dann am Ende des Buches doch noch, wie es mit Herrn Lehmann nach der Wende weitergegangen ist: Gemeinsam mit seinem geschäftstüchtigen Chef Erwin Kächele hat er die hervorragend laufende Firma „Rave Gastro Berlin“ gegründet, die sich um die gastronomische Versorgung von Techno-Großveranstaltungen kümmert. Klar, Frank Lehmann ist, wie wir aus „Neue Vahr Süd“ wissen, gelernter Einzelhandelskaufmann. Und außerdem hatte er von seinen vielen Sonderschichten im „Einfall“, wie es in „Herr Lehmann“ hieß, „sehr viel Geld gespart“. Das wird er dann wohl als Gesellschafter in die neue Firma überführt haben. Womöglich ist damals auch die eine oder andere Mark an der Steuer vorbei geflossen, weshalb Erwin auch seinerzeit immer so panische Angst vor den „Zivilbullen“ hatte. Selbst der langweilige Informatiker Kristall-Reiner, der Frank Lehmann die schöne Köchin Katrin als Freundin ausspannte (denn Herr Lehman war in ihren Augen viel zu unambitioniert), wurde von Erwin verdächtigt, ein Spitzel zu sein. Hoffentlich hat Katrin später von Frank Lehmanns „Karriere“ erfahren und sich darob in eines ihrer hübschesten Körperteile gebissen…

Ist „Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt“ nun also ein gutes Buch, das viele Leser verdient? Ja und nein. Sicher, der Plot ist mal wieder ganz ausgezeichnet. Und gut schreiben kann Sven Regener in seiner sehr individuellen Mischung aus Einfühlsamkeit und Schnodderigkeit, aus opulentem Satzbau und Gossenslang, wenn es drauf ankommt, auch. „Das dunkle Gefühl“ der sich immer wieder anschleichenden Depression des Karl Schmidt ist glänzend geschildert, ebenso die zarte Liebesgeschichte zwischen Karl und Rosa (die ja schon rein namenstechnisch nach einer Fortsetzung in Ost-Berlin schreit). Die Dialoge zwischen den beiden sind vor allem deshalb so gelungen, weil sie in jenem frühen Stadium ihrer Beziehung zueinander noch vorsichtig miteinander umgehen und sich vor ihren Antworten noch Zeit zum Nachdenken nehmen – im Gegensatz zum hemmungslosen Draufloslabern der übrigen Romanfiguren. Ja, dieses Buch hat eigentlich nur einen einzigen gravierenden Fehler: Es ist mit über 500 Seiten um mindestens 150 Seiten zu lang! Zwar liegt der besondere Witz des Romans natürlich nicht zuletzt in den Redundanzen, die in den Gesprächen der Figuren fast schon permanent verhandelt werden, aber irgendwann, spätestens auf der nicht enden wollenden Rave-Tournee, kommt dann doch der Punkt, an dem man als Leser so langsam ein wenig genervt ist. Eine eingedampfte Version auf 300 bis 350 Seiten wäre ein richtig gutes Buch geworden.

Das ändert aber nichts daran, dass, so wie der große Walter Kempowski als Chronist des deutschen Bürgertums gilt, sich Sven Regener mittlerweile als redlicher Chronist des deutschen Szenelebens im ausgehenden 20. Jahrhundert etabliert hat. Wir verdanken Kempowski sieben Bände seiner bürgerlichen Chronik. Wenn Regener, 52, sein bisheriges Tempo durchhält und alle vier Jahre mit einem weiteren Band aufwartet, kann er bis zum Eintritt ins Rentenalter mit Kempowski gleichziehen. Wir warten auf eine Fortsetzung, bei der der Autor vielleicht einen Tick schneller als diesmal zum Punkt kommt.

Sven Regener
Magical Mystery oder: Die Rückkehr des Karl Schmidt
Verlag Galiani Berlin 2013
503 Seiten, EUR 22,99
ISBN: 978-3-86971-073-0

Justament Sept. 2013: Immer wieder Goethe

SZ-Feuilletonist Gustav Seibt mit gesammelten Aufsätzen und Reden

Thomas Claer

14 LIT TC empfiehlt Cover Gustav SeibtAls Zeitungleser hat man natürlich immer so seine Lieblinge, deren Artikel man schon allein deshalb ohne Ausnahme liest, weil sie von jenen geschrieben wurden. Neben dem Schreibstil ist es dann meist auch das Themenspektrum der Texte, von dem man sich auf besondere Weise angesprochen fühlt. Und so verhält es sich auch beim Justament-Rezensenten mit Gustav Seibt, geboren 1959 in München und nun schon seit zwölf Jahren die Stimme des SZ-Feuilletons aus Berlin-Prenzlauer Berg. Seine aktuelle Aufsatzsammlung enthält insgesamt zehn Texte, die in den letzten Jahren bereits in diversen Blättern erschienen sind, wovon man als Leser allein der Süddeutschen Zeitung aber nicht immer Wind bekommen hat. Anders als es der Name dieses auch optisch und haptisch sehr feinen Bändchens suggeriert, geht es in ihnen keineswegs nur oder auch nur in erster Linie um Goethe (das ist gerade einmal bei drei dieser Texte der Fall), doch behandeln die übrigen – großzügig betrachtet – Goethes Zeitalter und so bedeutende Personen aus diesem wie Jacob Burckhardt, Friedrich von Gentz und Theodor Fontane. Oder es geht um die Bedeutung Preußens und Mitteldeutschlands, um die Figur des Außenseiters in der Literatur oder um eine Philosophie des Lachens. So schwebt am Ende über allen Abhandlungen doch zumindest der Geist Goethes. Herausgekommen ist ein sehr gelehrtes Büchlein, das mitunter auch schon mal tiefer ins Detail geht, als man es bei dieser kleinen Form erwartet hätte.
Besonders hervorzuheben ist “Sein Kaiser”, der das anfangs von Skepsis, später von Bewunderung und noch später von Ambivalenz gekennzeichnete Verhältnis Goethes zu Napoleon thematisiert. Dieser Text ergänzt eine frühere Veröffentlichung des Verfassers über das einzige Aufeinandertreffen des deutschen Dichterfürsten mit dem französischen Kaiser, die berühmte Unterredung am Vormittag des 2. Oktober 1808, die eine knappe Stunde dauerte. Goethe zeigte sich anschließend sehr geschmeichelt davon, dass Napoleon offensichtlich so gut mit ihm konnte: “Ich will gerne gestehen”, schrieb er an seinen Verleger Cotta, “daß mir in meinem Leben nichts Höheres oder Erfreulicheres begegnen konnte, als vor dem französischen Kaiser, und zwar auf eine solche Weise zu stehen. Ohne mich auf das Detail der Unterredung einzulassen, so kann ich sagen, daß mich doch niemals ein Höherer dergestalt aufgenommen, indem er mit besonderem Zutrauen, mich, wenn ich mich des Ausdrucks bedienen darf, gleichsam gelten ließ, und nicht undeutlich ausdrückte, daß ihm mein Wesen gemäß sei.” Doch sind später doch noch “Details der Unterredung” bekannt geworden, vor allem dieses, dass Napoleon gegenüber Goethe gewisse erzähltechnische Inkonsequenzen im “Werther” getadelt habe. Lange spekulierte die Literaturwissenschaft darüber, was Napoleon damit wohl gemeint haben könnte. Heute nimmt man an, dass Napoleon die Verzweiflung des Rechtspraktikanten Werther nicht so ganz nachvollziehen konnte, denn dieser hätte  doch schließlich mit Lotte unbeschadet ihrer Heirat mit Albert einfach etwas anfangen können. So kann aber natürlich nur ein Franzose respektive Korse denken… Es wird berichtet, auf dem schmählichen Rückzug mit seiner Grande Armée aus Russland vor 200 Jahren habe Napoleon beim Radwechsel in Erfurt Goethe seine Grüße ausrichten lassen.
Im Nachwort schreibt Gustav Seibt in Anspielung auf das berühmte Nietzsche-Zitat: “Ob Goethe ein Zwischenfall ohne Folgen bleibt, das hat jeder seiner Leser selbst in der Hand.” Und wir möchten hinzufügen, dass es auch jeder Leser selbst in der Hand hat, sich mit den gelungenen Aufsätzen und Reden von Gustav Seibt tief hinein in die Goethe-Zeit zu begeben.

Gustav Seibt
Goethes Autorität. Aufsätze und Reden
Zu Klampen Verlag Springe 2013
175 Seiten, EUR 18,00
ISBN 978-3-86674-223-9

www.justament.de, 22.7.2013: Wenig Worte, viel gesagt

Vor 90 Jahren erschien “Der Prophet” von Khalil Gibran

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Thomas Claer

Manchmal dauert es einfach etwas länger. Schon sieben oder acht Jahre dürfte es her sein, dass meine Kollegin mich frank und frei fragte, ob ich in dieser Kolumne denn nicht auch einmal ihr Lieblingsbuch besprechen könnte. Ich ließ mir von ihr über das Buch berichten, wurde neugierig und sagte zu. Doch dann muss es mir wohl irgendwann in Vergessenheit geraten sein. Vor zwei oder drei Jahren entdeckte ich das schmale Bändchen dann in einer “Bücherbox”, einer ausrangierten Telefonzelle, wie es sie in Berlin wunderbarer Weise in immer größerer Zahl gibt, wo jeder seine aussortierten Bücher ablegen und/oder die dort vorgefundenen mitnehmen kann. Seitdem lag “Der Prophet” von Khalil Gibran auf meinem Schreibtisch. So richtig mochte ich zunächst nicht ran, ich hatte keine ganz großen Erwartungen an das Buch. Aber wie man sich doch täuschen kann! Vorige Woche fand ich dann auf einem der angeblich über 50 Berliner Flohmärkte, auf denen sich der immer wieder märchenhafte Sommer in dieser Stadt in besonders vollen Zügen genießen lässt, die Hörbuch-CD des “Propheten”, gelesen von Otto Sander. Der Preis – ein Euro! – stimmte auch. Nun gab es kein Zurück mehr. Und wie es der Zufall wollte, feiert das Werk just in diesem Jahr sein 90-jähriges Erscheinungsjubiläum.
Also genug der Vorrede: Dieses Buch ist eine Entdeckung, um nicht zu sagen: eine Offenbarung. Doch wer ist sein Autor Khalil Gibran? Geboren 1883 als Gibran Khalil Gibran bin Mikha’il bin Sa’ad im heutigen Libanon (damals Osmanisches Reich) und schon 1895 nach Boston in die USA emigriert, kehrte er 1897 (mit vierzehn Jahren!) zum Studium der Kunst und Literatur in den Libanon zurück, lebte vorübergehend in Paris, dann wieder in Boston, feierte Erfolge als Maler, studierte als 25-Jähriger weiter in Paris, begann zu schreiben und ließ sich ab 1912 als Philosoph und Dichter in New York nieder, wo er 1931 mit nur 48 Jahren an Leberkrebs verstarb. Seine frühen Werke hatte er auf Arabisch verfasst, seit 1918 schrieb er fast nur noch auf Englisch. Er gilt als ein Wanderer zwischen den Welten des Orients und des Okzidents, der es über Generationen hinweg mit seinen stilistisch oftmals anrührenden und inhaltlich spirituellen Büchern zu großer Popularität brachte. Kritiker werfen seinen Werken hingegen einen Hang zur Sentimentalität und namentlich seinen Romanen eine allzu schwache Zeichnung ihrer Figuren vor. Nun, wenn man sein überwiegend aphoristisch gehaltenes Büchlein “Der Prophet” liest, glaubt man gerne, dass die wahre Bestimmung dieses Autors wohl doch eher die Philosophie als die Romanschriftstellerei gewesen ist, denn in Friedrich Nietzsche-Manier (Zarathustra lässt grüßen) verkündet dort ein weiser Mann, in diesem Falle der Prophet Al Mustafa (“der Erwählte und Geliebte”), einer Menschenmenge seine Weisheiten. Doch was vier Jahrzehnte zuvor bei Nietzsche schwerverdaulich bleibt und auf den zweifelhaften Übermenschen hinausläuft, ist bei Khalil Gibran angenehm geerdet. Auf wenigen Seiten entwirft er eine ganz eigene lebenspraktische Alltagsphilosophie, die ohne irgendwelche Zukunftsvisionen und ohne erhobenen Zeigefinger auskommt und die vom Geiste der Toleranz und des Respekts beseelt ist. In kraftvollen poetischen Bildern bringt er so ziemlich alles und jedes auf den Punkt, ohne sich in Abschweifungen zu verlieren. “Wenn die Liebe dir winkt, folge ihr, sind ihre Wege auch schwer und steil. Und wenn ihre Flügel dich umhüllen, gib dich ihr hin, auch wenn das unterm Gefieder versteckte Schwert dich verwunden kann.” Viel mehr ist hierzu eigentlich gar nicht zu sagen… Natürlich hat auch bei diesem Verfasser – die Kapitelüberschriften (“Von der Liebe”, “Von der Arbeit”, “Von der Freundschaft” etc.) verraten es – der große Montaigne Pate gestanden, aber Khalil Gibran kann es weitaus knapper – ein Montaigne für kurz Angebundene gewissermaßen. Eine Menge der Sätze dieses Propheten ist wirklich universell, andere können einen aber auch schon mal ins Grübeln bringen. Da hat man sich bald zwanzig Jahre lang mit seiner Frau auf der Straße immer zu zweit einen Kaffee geteilt (denn da spart man schließlich am meisten), um dann bei Khalil Gibran unter der Rubrik “Von der Ehe” lesen zu müssen: “Füllt einander den Becher, aber trinkt nicht aus einem Becher.” Und gleich danach heißt es: “Gebt einander von eurem Brot, aber esst nicht vom selben Laib.” Tja, erst heute haben wir uns wieder einen Döner geteilt… Man sollte sich der Gefahren von zu viel Nähe in der Zweisamkeit also bewusst sein.
Was der Prophet “von den Kindern” zu sagen weiß, ist sicherlich eine der bekanntesten Passagen des Buches und hat vermutlich schon Millionen “Erwartungsgeschädigten” aus der Seele gesprochen: “Eure Kinder sind nicht eure Kinder. Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber. Sie kommen durch euch, aber nicht von euch, und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht. Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken, denn sie haben ihre eigenen Gedanken.” Ebenso vielsagend sind die Ausführungen “Vom Geben”, die sich wie ein Aufschrei gegen kleinbürgerliche Moralvorstellungen lesen. “Es gibt jene, die von dem Vielen, das sie haben, wenig geben – und sie geben um der Anerkennung willen, und ihr verborgener Wunsch verdirbt ihre Gaben.” Ja, das einzige Geben, das eine Berechtigung hat, ist demnach das an diejenigen, die etwas haben wollen oder wirklich gebrauchen können, alles andere ist, um es zurückhaltend auszudrücken, fragwürdig. Und am schlimmsten wird es, wenn Abwägungen getroffen werden, wer denn bestimmte Gaben überhaupt verdient und wer nicht, oder dann, wenn Dankbarkeit für ungebetene Geschenke erwartet wird… Danke, Khalil!
Insbesondere den Juristen seien die Passagen “Von Schuld und Sühne” ins Stammbuch geschrieben, ja, man wünscht sich solcherlei Betrachtungen beinahe in Strafrechts-Lehrbüchern: “Und wenn einer von euch im Namen der Rechtschaffenheit strafen und die Axt an den Baum des Bösen legen möchte, soll er ihn bis zu seinen Wurzeln prüfen; und wahrhaftig, er wird die Wurzeln des Guten und Bösen finden, des Fruchtbaren und des Unfruchtbaren, alle ineinander verflochten im stillen Herzen der Erde.” Das ist eine der zentralen Botschaften des Buches: Wer sich immer so sicher ist, was richtig und falsch ist, was gut und schlecht ist, auf welcher Seite man unbedingt stehen sollte, der täte besser daran, etwas mehr nachzudenken und seine vorschnellen Schlüsse selbstkritisch zu überprüfen. Und umgekehrt ist auch die Vorstellung, dass bestimmte menschliche Handlungen von ausschließlich guten und edlen Motiven geleitet werden, bestenfalls naiv. Später heißt es noch im Text: “Sage nicht: ‚Ich habe die Wahrheit gefunden’, sondern besser: ‚Ich habe eine Wahrheit gefunden.’ ” Nehmt das, all ihr wichtigtuerischen Ideologen dieser Welt! Und den guten Lehrer erkenne man daran, dass er seinen Schülern nicht seine eigene Weltsicht aufzwingen, sondern sie zum selbständigen Denken erziehen will. Bravo!
Irgendwo findet sich dann aber auch der Satz, dass die erbärmlichsten Menschen jene sind, die Gold und Silber anhäufen. Hierin erweist sich, dass auch dieser Autor ein Mensch aus Fleisch und Blut ist, der eigene Ressentiments entwickelt, die er, so wie viele andere auch, zu verabsolutieren geneigt ist. Dass viel Geld auch von klugen Menschen vor allem deshalb geliebt wird, weil es ihnen die Freiheit ermöglicht, ein Leben nach eigenem Gusto zu führen, lässt er nicht gelten. Nein, von der Freiheit hält dieser Philosoph, an dem offensichtlich auch Karl Marx nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist, nicht viel. Die Freiheit überfordert den Menschen. Ihre parolenhafte Verkündung erscheint ihm als pure Schönfärberei: “Wie Sklaven sich vor einem Tyrannen erniedrigen und ihn preisen, obwohl er sie tötet.” Freiheit ist eher etwas für Übermenschen, an die er nicht glaubt. “Wirklich frei werdet ihr nicht sein, wenn eure Tage ohne Sorge sind und eure Nächte ohne jeden Wunsch und Kummer, sondern erst dann, wenn sie euer Leben umfassen und ihr euch dennoch nackt und ungebunden über sie erhebt.” Also wohl eher niemals. Und passend hierzu stimmt Khali Gibran auch noch ein Loblied auf die Arbeit an: “Mit Liebe arbeiten”, das sei es doch. “Arbeit ist sichtbar gemachte Liebe.” Na, wenn er meint…
Am Ende des Buches kommt dann die Frage nach der Religion. Und hier windet sich der Prophet, der zuvor doch hin und wieder, wenn auch recht nebulös, von Gott gesprochen hat, ganz ähnlich wie weiland Goethes Faust, als dieser von Gretchen mit nämlicher Frage überrumpelt wird. Er sagt nicht “Namen sind Schall und Rauch”, aber doch: “Habe ich denn bislang nicht ständig über Religion gesprochen?” Denn Religion sei doch irgendwie alles … beziehungsweise nichts. Und hier erinnert er dann doch wieder an Montaigne, der als freier Geist zwar wie selbstverständlich von “seiner christlichen Religion” spricht und sich dann doch über alle ihre zentralen Dogmen stillschweigend hinwegsetzt. Wenn Khalil Gibran auf diese Weise noch ein paar verbohrte Religiöse auf die Wege des freien und kritischen, auch selbstkritischen Denkens mitnehmen kann, dann ist das natürlich schwer in Ordnung.

Khalil Gibran
Der Prophet
Neuausgabe Patmos Verlag Düsseldorf und Zürich München 2010
96 Seiten, EUR 9,90
ISBN-10: 3491725739

www.justament.de, 17.6.2013: Alles ist zyklisch

Der FinanzBuch Verlag druckt das Frühwerk des Börsen-Experten Robert Rethfeld und seines Mitstreiters Klaus Singer „Weltsichten – Weitsichten“ nun immerhin wieder auf Bestellung

Thomas Claer

cover-e-books-weltsichtenManchmal werden schwer greifbare Nebenwerke semiprominenter Autoren mit eher speziellem Inhalt allein durch ihre Knappheit zu regelrechten Kultbüchern, ganz ähnlich wie wir es etwa von bestimmten Popmusik-Schallplatten kennen. Auch für die „Weltsichten – Weitsichten“ von Robert Rethfeld, dem Betreiber des inzwischen recht erfolgreichen Finanzmarkt-Onlineportals www.wellenreiter-invest.de, und seinem Co-Autor Klaus Singer aus dem Jahr 2004 musste man bisher beim antiquarischen Erwerb schon etwas tiefer in die Tasche greifen. Doch seit Ende 2012 bietet der FinanzBuch Verlag das Werk in einer broschierten Ausgabe wieder an. Bei Nachfrage erfährt man dann allerdings, dass es nur auf Bestellung gedruckt wird. Aber immerhin. Neugierig beginnt man also die Lektüre am Computerbildschirm, um bald wenig überrascht festzustellen, dass der immer wieder so originelle und verblüffende Ansatz des Wellenreiters hier bereits, um es in seiner typischen Diktion zu sagen, antizipiert wird. Eine ganz eigentümliche Weltsicht tut sich in diesem Buch auf: die Interpretation alles wirtschaftlichen und politischen Geschehens als Abläufe von Entwicklungszyklen.

Im ersten der drei Teile des Buches erfolgt eine Analyse der Welt zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Es geht um Bevölkerungswachstum, die globale Erwärmung, den Arbeitsmarkt in der Dauerkrise bis hin zu Themenfeldern wie „Korpulenz und Konsum“ oder den steigenden Selbstmordraten. Das muss man heute, fast zehn Jahre nach dem Erscheinen, nicht mehr unbedingt so genau lesen. (Gleichwohl finden sich dort etliche aufschlussreiche Passagen, etwa über den Zusammenhang von Wirtschaftsentwicklung und Stilepochen.)  Viel interessanter sind aber die beiden anderen Teile. Ausgesprochen geschichtsphilosophisch wird es im zweiten Teil „Was die Welt bewegt“. Schon immer wollten die Menschen – und das aus ganz unterschiedlichen Motiven – die Zukunft voraussehen können und suchten nach Gesetzmäßigkeiten, die dem Lauf der Welt zugrunde liegen. Dass es hier kein sicheres Wissen geben kann, ist nach dem fast globalen Zusammenbruch des Staatskommunismus zwar Allgemeingut geworden. Doch gäbe es nicht immer wieder bestimmte Wahrscheinlichkeiten, sich häufig wiederholende Entwicklungsmuster, die Fortsetzung bereits begonnener Trends und Zyklen, so wäre es unmöglich, mit einer darauf basierenden Strategie an den Finanzmärkten eine nennenswerte „Outperformance“ zu erzielen. Robert Rethfeld ist mit seinen vielfach treffsicheren Prognosen der lebende Beweis dafür, dass der Blick in die Glaskugel gelingen kann. Doch was vielleicht die größte Überraschung des Buches ist: Neben den erwarteten einschlägigen Theorien von Charles Dow (dem Begründer der Charttechnik; nach ihm ist der amerikanische Aktienindex benannt), Ralph Nelson Elliott (dem Schöpfer der gleichnamigen Wellen-Theorie) und Nikolai Kondratjew (der die nach ihm benannten wirtschaftlichen Groß-Zyklen begründete), kommt sehr ausführlich ein Denker zu Wort, den man im erzkapitalistischen Metier der Kapitalmarktvorhersage eher weniger erwartet hätte: nämlich Karl Marx. „Für das Verständnis heutiger wirtschaftlicher Entwicklungen sind Kenntnisse über den von Marx geprägten dialektischen Materialismus und seine politische Ökonomie äußerst nützlich“, heißt es schon im Vorwort. Und weiter hinten im Buch wird es konkret: „Drei entscheidende Gesetze, die dem Kapitalismus innewohnen“ habe die Marxsche politische Ökonomie herausgearbeitet: den tendenziellen Fall der Profitrate, die Tendenz zur Akkumulation des Kapitals und die Rolle des „fiktiven Kapitals“. Im übrigen sei hier daran erinnert, dass  Karl Marx auch ein tüchtiger Börsenspekulant war; ein Umstand, dem er immerhin sein Häuschen in London verdankte, was im Lichte dieses Buches gesehen wohl auch kein Zufall war.

Überhaupt kommen bei Rethfeld und Singer gerade jene Denker besonders gut weg, die der kritische Rationalist Karl R. Popper in „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ als „orakelnde Geschichtsphilosophen“ verdammt und bekämpft hat: Oswald Spengler, Arnold Toynbee und eben Karl Marx. Hervorzuheben ist aber die völlig unideologische Herangehensweise der beiden Verfasser: Sie greifen sich aus dem Werk der genannten, z.T. durchaus unter Ideologieverdacht stehenden Autoren einfach (nur) das heraus, was sie für ihre Zwecke brauchen können. Andererseits offenbaren sich dem Leser dann aber auch oftmals ungeahnte Zusammenhänge: So geht Elliotts Wellenprinzip auf die Zahlenreihe nach Leonardo Fibonacci zurück, die dieser im 13. Jahrhundert auf der Suche nach einer Regel für die Kaninchenfortpflanzung entdeckt haben soll. Ein neues Mitglied der Zahlenreihe ergibt sich jeweils durch Addition seiner beiden Vorgänger. „Außerdem tendiert das Verhältnis einer Zahl zur nächsthöheren mit fortschreitendem Rang immer mehr in Richtung der Zahl Phi (0,618).“ Diese wiederum und ihr Kehrwert (1,618), die schon lange vor Fibonacci bekannt waren, spielen beim „Goldenen Schnitt“ eine wichtige Rolle, der das menschliche Harmonie- und Schönheitsempfinden maßgeblich beeinflusst. Heute benutzen Chart-Theoretiker die „Fibonacci-Spiegelung“ zur Projektion vergangener Kursverläufe auf die Zukunft, was dem in der modernen Chaos-Theorie postulierten Prinzip der Selbstähnlichkeit komplexer Strukturen entspricht. Und schließlich: „Das Prinzip der Selbstähnlichkeit findet ebenfalls in der assoziativen Art des Menschen, Schlüsse zu ziehen, eine Entsprechung.“ Das kann man wohl sagen!

Schließlich handelt der dritte Teil des Buches von den jeweils separat vorgebrachten Zukunftsszenarien der beiden Autoren, die einander durchaus punktuell widersprechen. Man muss ihren Mut zur ganz konkreten Prognose herausstellen, denn das Risiko, dabei auch mal grundfalsch zu liegen, ist so natürlich besonders groß. Umso bemerkenswerter ist es, dass beide Autoren bereits im Jahr 2004 die große Finanz- und zwischenzeitliche Weltwirtschaftskrise kommen sahen, die wir seit 2007 erleben. Bei Singer heißt es auf S. 301: „Die nähere Zukunft bringt also eine auf breiter Front nachlassende wirtschaftliche Dynamik. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine schwere Finanzkrise näher rückt – in zeitlicher und geographischer Hinsicht.“ Rethfeld schreibt auf S. 331 in seinem Rückblick aus dem Jahr 2015: „Blickt man auf die ersten 15 Jahre des 21. Jahrhunderts zurück, so muss man diese Zeit als einen bedeutenden Wendepunkt der Menschheitsgeschichte einstufen. Zwei Ereignisse, die sich lange angekündigt hatten, trafen viele Menschen dennoch unvorbereitet. Sie mussten erstens lernen, dass die Förderung der fossilen Brennstoffe Erdöl und Erdgas den steigenden Bedarf nicht mehr decken konnte; die Folge war eine Energiekrise. Doch noch viel stärker machte sich – zweitens – eine den Globus umspannende Finanzkrise bemerkbar. Ausgangspunkt waren die USA und dort spezifisch der US-Dollar. Beide Ereignisse führten zu schweren Verwerfungen in Wirtschaft und Gesellschaft.“ Die Energiekrise ist uns bislang noch erspart geblieben…

Abschließend noch ein Blick zurück aus dem Jahr 2030, in das sich Robert Rethfeld mal eben gebeamt hat: „Der große Bären-Markt der ersten beiden Dekaden dieses Jahrhunderts ist Vergangenheit. Die weltweite Währungsreform sowie die neuen Entwicklungen besonders im Energiesektor treiben einen neuen Bullen-Markt. Neue Unternehmen und Technologien sind entstanden. Dieser Bullen-Markt ist in erster Linie – aber nicht ausschließlich – ein asiatisches Phänomen. Kreative Kräfte aus Shanghai und Bombay entwickeln und leisten Erstaunliches, geschürt durch die weltweit führenden Finanzzentren eben jener Städte. Seit der weltweiten Finanzkrise Ende des ersten Jahrzehnts hat New York seine Pole-Position an Schanghai abgeben müssen.“ Das ist gut zu wissen.

Robert Rethfeld / Klaus Singer
Weltsichten – Weitsichten
FinanzBuchVerlag 2012 (Reprint von 2004)
358 Seiten, broschiert, EUR 29,99
ISBN-10: 3898797678

Justament-Rezensent Thomas Claer ist Autor des Buches „Auf eigene Faust. Aktiensparen für Kleinanleger“, BoD 2012, 132 Seiten, EUR 10,00, ISBN 978-3844818147.

www.justament.de, 18.3.2013: Neukölln disst überall

Die Juristin Inger-Maria Mahlke und ihr fulminanter Gentrifizierungs-Roman „Rechnung offen“

Thomas Claer

lit-tc-mahlke-rechnung-offfenUm es gleich vorweg zu sagen: Dieser Roman ist nichts für zart besaitete Gemüter, denn seine Protagonisten hassen und verachten und bekämpfen sich mit einer Inbrunst, wie sie nur in den besten Familien vorkommt. Aber der Reihe nach: Die im Zentrum des Buches stehende dreiköpfige Familie Jansen ist eigentlich gut dabei im neuerdings aufstrebenden Berlin: Vater Claas betreibt eine prima laufende psychologische Beratungs-Paxis, Schwerpunkt: Behandlung von Depressionen. Doch zwischen ihm und seiner Frau Theresa, die als freie Jura-Dozentin an der FU immerhin fast die monatlichen Mietkosten der luxuriösen Charlottenburger Altbauwohnung erwirtschaften kann, knirscht es gewaltig. Vor allem ist es ein Ärgernis für Theresa, dass ihr Mann unablässig Antiquitäten auf Ebay ersteigert (bisweilen lässt er sogar seine Patienten warten, wenn gerade eine Auktion ausläuft) und damit die Wohnung vollstellt. Irgendwelche Finanz-Heinis haben Claas zum Kauf eines Mietshauses im einstigen Problem- und nunmehrigen Trendbezirk Neukölln überredet, natürlich auf Pump, weil das wohl steuerlich günstiger ist. Claas hat das anscheinend selbst kaum richtig durchgerechnet, seine Frau interessiert das ganze ohnehin nicht. Als sich dann herausstellt, dass etliche Altmieter schon ewig keine Miete mehr gezahlt haben, als Gerichts- und Räumungskosten anwachsen, öffnet Claas irgendwann gar nicht mehr die immer neuen Briefe mit den Rechnungen und Pfändungsbeschlüssen, und bald ist sein Konto nicht mehr gedeckt. Indessen hat sich die etwa 20-jährige Tochter Ebba, das Sorgenkind, übergewichtig, antriebslos und sogar an einer Ausbildung als Kindergärtnerin scheiternd, in einer freigewordenen Wohnung im väterlichen Neuköllner Mietshaus einquartiert. Dorthin, allerdings in eine andere der  total versifften Wohnungen des Hauses, zieht auch Vater Claas, als ihn seine Frau nach einem Streit vor die Tür setzt. Der Leser erfährt von den überwiegend traurigen Existenzen, die in diesem Hause sonst noch ihr Dasein fristen, aber auch von der Aufbruchstimmung durch die „Invasion“, die erst „im letzten Jahr begonnen hatte“: „Im Sommer waren sie braungebrannt, im Winter rotwangig, saßen mit Laptops in Cafés, in Eile auf ihren Fahrrädern, verabredet, immer verabredet…“ Das alte Neukölln bestand noch aus „Gemüsehändlern, Wettbüros, Dönerimbissen, 99-Cent-Läden, Lidl-Märkten und Kneipen, in deren Schaufenstern Silvestergardinen bleichten“. Das neue Neukölln sieht dann so aus: „Die Kneipe an der Ecke war weg…Im Frühjahr hatte in den Räumen ein Café aufgemacht, die Tapeten hatten sie runtergerissen… Sofas standen kreuz und quer und kleine Couchtische und Sessel… und alle mussten übereinandersteigen, wenn sie zu ihren Plätzen wollten. Bei den neuen Geschäften war unklar, was sie verkauften. In den Schaufenstern hingen Plakate… In manchen Läden reihenweise Tische mit Computern…“
Ohne Frage ein dankbares Thema hat sich die 35-jährige Juristin Inger-Maria Mahlke, aufgewachsen in Lübeck, FU-Absolventin und selbst in Neukölln lebend, für ihren zweiten Roman „Rechnung offen“ ausgesucht. So viele grundverschiedene Welten prallen in diesem Umbruchs-Bezirk gerade jetzt aufeinander, dass dies nach einer literarischen Verarbeitung geradezu schreit. Allerdings bedarf es beim Leser schon eines Minimums an juristischem (Mietrecht!) und ökonomischem (Entwicklung der Immobilienpreise!) Hintergrundwissen, um die entscheidenden Ereignisse der Geschichte, die im Roman nur sehr knapp angedeutet werden, angemessen nachvollziehen zu können. Dafür erhalten Nebensächlichkeiten immer wieder sehr breiten Raum, was aber mit dem, sagen wir, etwas eigenwilligen Schreibstil der Autorin zu tun hat, der in seiner nicht uneleganten Verschrobenheit ein wenig an Günter Grass erinnert. Allerdings fehlt ihr, anders als diesem, der überreichliche Sinn fürs Erotische, das im Buch nahezu völlig ausgespart bleibt. Sehr wohl aber pflegt Inger-Maria Mahlke einen Naturalismus, der sich der ausgiebigen Beschreibung von Körperausdünstungen, Speichelflüssen und, ja, auch Kackwürsten widmet. Das ist Geschmacks-, aber letztlich auch Gewöhnungssache. Und gewiss ist es manchmal etwas anstrengend, den vielen erzählerischen Sprüngen der Autorin zu folgen, die einem in ihrem Reduktionsenthusiasmus immer aufs Neue das Rätsel aufgibt, an welchem Ort und in welchem Strang der Handlung  man sich denn nun schon wieder gerade befindet. Doch bei weitem rausgerissen wird all das durch den wirklich grandiosen Plot des Romans mit seinem überraschenden Ende mitsamt einer bösen Pointe. Wir wollen noch nichts verraten.

Inger-Maria Mahlke
Rechnung offen. Roman
Berlin Verlag 2013
284 Seiten, EUR 19,99
ISBN 978-3-827ß-1130-5