www.justament.de, 20.9.2010: Falsches Genre
Marcel Proust und der erste Band seiner „Recherche“
Thomas Claer
Manche Menschen gehen so weit, ihr Leben gedanklich in zwei ungleiche Hälften zu unterteilen: in die Lebenshälfte vor und in die nach der „Verlorenen Zeit“. Dies zeigt die überwältigende Wertschätzung der Lektüre dieses Meisterwerks der literarischen Moderne unter Kennern. Zwischen 1913 und 1927 erschien das siebenbändige Hauptwerk des Arztsohns und Juristen Marcel Proust (1871-1922), der an der Sorbonne Jura studiert und dort 1893 seinen Abschluss erworben hatte, ohne später jemals einen juristischen Beruf auszuüben. Doch fand er während seines Studiums der Rechte Zugang zur gehobenen bürgerlich-adeligen Salonkultur von Paris und avancierte später zum bewunderten Romanschriftsteller. Einen Haken hat seine „Recherche du temps perdu“ allerdings: Ihr Umfang liegt bei weit über 4.000 Seiten. Und da sie dem Leser zudem schon aufgrund ihres durchgehend komplizierten Satzbaus stetige konzentrierte Aufmerksamkeit abfordert, werden wohl nur die wenigsten Interessenten überhaupt einmal im Leben „nach der verlorenen Zeit“ ankommen oder sich zumindest über lange Jahre „in der verlorenen Zeit“ einrichten müssen. So auch der Justament-Kolumnist, der nun aber – nach jahrelanger Leseunterbrechung – immerhin glücklich den Abschluss des ersten der sieben Bände, „In Swanns Welt“, vermelden kann. Dieser erste Band besteht wiederum aus drei Teilen, von denen der erste, „Combray“, noch vergleichsweise bedächtig anhebt – jedenfalls gemessen am wahren Feuerwerk des zweiten Teils, „Eine Liebe von Swann“. Diese gut 250 Seiten bilden quasi einen Roman im Roman, und wer einfach nur überhaupt mal etwas von Proust lesen will, ohne sich mit der gesamten „Recherche“ zu belasten, der mag zu einer der Einzelausgaben der „Liebe von Swann“ greifen.
Der im Zentrum der Handlung stehende Charles Swann, ein vermögender und in Bildung und Geschmack, Takt, Stil und Manieren überaus verfeinerter Pariser Privatier, ist ein Decadin aus dem Fin de siècle (Wende vom 19. zum 20. Jh.), wie er im Buche steht. Doch kann bei ihm von „anstrengungslosem Wohlstand“ keine Rede sein. Vielmehr ist er ein unermüdlich harter Arbeiter auf dem Feld der Liebe. Swann begnügt sich nämlich nicht wie andere Menschen mit den sich aus dem eigenen Umfeld quasi ohne besonderes Zutun ergebenden persönlichen Kontakten, sondern er ist ständig aktiv auf der Suche nach neuen Bekanntschaften vornehmlich weiblichen Geschlechts. Hat er aufgrund rein optischer Erwägungen seine Wahl getroffen, setzt er sein einzig zu diesem Zweck gepflegtes immenses Netzwerk in Bewegung, auf dass ihm jemand eine schickliche Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit der betreffenden Person verschaffe. Bevorzugt vergleicht er das Antlitz oder den Körperbau seiner Freundschaften mit Gestalten aus Gemälden großer Künstler vergangener Epochen, schließlich hat er über zehn Jahre Kunst und Architektur studiert. Inzwischen hat Swann allerdings ein Alter erreicht, in dem er, wie er bemerken muss, größere Mühe als bisher aufwenden muss, um bei seinen Favoritinnen zu landen. Doch ist sein Verlangen jeweils umso größer, je schwieriger, ja eigentlich unmöglicher sich die Kontaktierung und spätere Eroberung, jedenfalls in seinen Augen, ausnimmt. Für die rein leiblichen Genüsse bevorzugt er ohnehin die „vulgäre Schönheit“ von Mädchen aus dem einfachen Volke, die er sich ohne größeren Aufwand mit etwas Taschengeld und ein wenig Standesrenommee gefügig zu machen versteht.
Das ist die Ausgangslage, als die abgründige Odette de Crecy in Swanns Leben tritt. Sie wird beschrieben als von kleiner Gestalt mit breitem Gesicht, breiter Stirn und hervorstehenden Wangenknochen, müden und melancholischen Augen, mit unfrischer Haut, doch ausgestattet mit dem „Reiz des Natürlichen“. Und sie gilt als eine der am besten gekleideten Frauen von Paris. Zwar ist sie so gar nicht „sein Typ“, doch fesselt sie ihn vom ersten Moment an durch ihre ungewöhnliche Ausstrahlung. Schon nach kurzer Zeit trifft man sich regelmäßig in den feinen Pariser Salons (so wie es seit einigen Jahren ja auch in Berlin-Prenzlauer Berg wieder en vogue ist, die Salonkultur zu pflegen) und schreibt sich unentwegt, oft mehrmals täglich (vom Privatkurier überbracht), zärtliche Briefe wie diesen, den Odette mit den Worten beginnt: „Lieber Freund, meine Hand zittert so sehr, dass ich Ihnen kaum zu schreiben vermag…“ Kurz, die beiden werden schließlich ein Paar – und für den nervenschwachen Swann beginnt das große Leiden. Denn von nun an beherrscht ihn, für den inzwischen nichts und niemand außer Odette noch von Interesse ist, nur noch die Eifersucht angesichts von Odettes ausschweifender Lebensführung. Und diese Eifersucht ist – wie sich später herausstellen wird – auch keineswegs aus der Luft gegriffen: Odette pflegte und pflegt auch weiterhin vermutlich unzählige intime Männer-, aber auch Frauenkontakte, deren Umfang womöglich selbst die erotischen Eskapaden eines heute bekannten Wettermoderators in den Schatten stellen dürfte. Swanns Gedanken kreisen jetzt nur noch um Odette: Pausenlos antizipiert er künftige Gespräche mit ihr, konzipiert Briefe an sie oder spioniert ihr nach. Als Odette eine „körperlich schlechte Zeit“ durchlebt, u. a. dick wird, sieht Swann das mit Genugtuung, weil er hofft, sie dadurch tendenziell leichter für sich alleine gewinnen zu können. Doch Odettes Attraktivität in den Augen anderer vermindert sich dadurch, wie Swann enttäuscht feststellen muss, nicht im Geringsten. Allmählich nimmt Odette sogar Einfluss auf sein künstlerisches Urteil. Zunehmend findet er Gefallen an ihrem in seinen Augen eigentlich schlechten Geschmack, wie an allem, „was von ihr kam“.
Oft warnt man ihn, dass Odette im zweifelhaften Ruf stehe, sich von Männern aushalten zu lassen, um sich so ihren aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Aber das ist für Swann eher beruhigend, hofft er doch, sie letztlich durch seine großzügigen Geldtransfers und Geschenke an sich binden zu können. Nichts bereitet ihm so starke Glücksgefühle, wie Odette immer kostspieligere Geschenke machen zu können. Jedoch verblasst Odettes Begeisterung für Swann schon nach einigen Monaten zusehends. Nicht, dass sie ihn jemals abserviert hätte, aber in der Hierarchie ihrer Interessen und Bekanntschaften geht es für Swann doch merklich abwärts. Die Treffen werden seltener, immer wieder ist Odette verhindert. Dabei hat sie keinen blassen Schimmer, welche Schmerzen, welche Qualen sie Swann bereitet. Das liegt völlig außerhalb ihrer Vorstellungskraft. Doch steht sie zu Swann dennoch in bemerkenswerter Loyalität: Das einzig Schlechte über ihn, was jemals über ihre Lippen kommt, ist, dass sie ihn vor anderen der Faulheit bezichtigt, was nicht ganz falsch ist, da er mit seiner seit Jahren betriebenen Studie über den Maler Vermeer so gar nicht vorankommen will. Schließlich unternimmt Odette mit mehreren Freunden, aber ohne Swann, eine von diesem bezahlte jahrelange luxuriöse Transkontinentalreise.
Zu den Pointen des Romans gehört es sicherlich, dass sich der Geistesmensch Swann beständig – nicht nur ökonomisch betrachtet – alles andere als klug verhält, während die von den übrigen Romanfiguren fortwährend als „dumm“, „von geringer Intelligenz“ und „nicht gescheit“ bezeichnete Odette durch ihre überragenden „soft skills“ mutmaßlich alle ihre Ziele erreicht. Am Ende, nach andauernder räumlicher Entfernung von Odette, die seine Liebeskrankheit lindert, seufzt der entnervte Swann darüber, dass er sich Jahre seines Lebens verdorben habe, dass er sterben wollte, dass er seine größte Leidenschaft erlebt habe, „alles wegen einer Frau, die mir nicht gefiel, die nicht mein Genre war!“ Man sollte meinen, er sei nun endlich fertig mit dieser Frau. Doch im sich anschließenden, anfangs sehr essayistisch gehaltenen, dritten Teil des ersten Bandes, „Ortsnamen. Namen überhaupt“ taucht Odette plötzlich wieder auf – und zwar als Madame Swann.
Marcel Proust
In Swanns Welt (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, Band 1)
Deutsch von Eva Rechel-Mertens
Suhrkamp Verlag Taschenbuch 1997
576 Seiten, EUR 13,00
ISBN 3518391712
www.justament.de, 26.7.2010: Gefangen im Selbstzitat
Die neue Yello-CD lädt ein zur nostalgischen Zeitreise
Thomas Claer
Wer in den achtziger Jahren, sofern er da schon auf der Welt war, einmal einen Bravo-Kalender besaß, dem ist vielleicht unter den vielen qietschbunten Gestalten darin ein einsamer Krawatten- und Anzugträger aufgefallen: Das war Dieter Meier von der Schweizer Elektro-Avantgarde-Band Yello. Irgendwie war er dort ein Fremdkörper (ähnlich wie damals auch Otto Schily bei den Grünen), zumal auch seine Band-Kollegen verwegen koloriert oder gar mit freiem Oberkörper posierten. Nun muss man aber wissen, dass es sich bei Dieter Meier, Jahrgang 1945, um den einzigen internationalen Popstar mit abgeschlossener juristischer Ausbildung handelt (Justament 5-2007, S.22 berichtete), abgesehen vom italienischen singenden Rechtsanwalt Paolo Conte.
Dieter Meier und Yello schrieben also seit ihrem Debüt-Album „Solid Pleasure“ (1980) Popgeschichte. Jedes ihrer Alben aus den Achtzigern klang anders, immer aufregend und erfrischend, wenn auch ein allmählicher Trend zum Glatten und Gefälligen nicht zu überhören war. Doch seit nunmehr zwanzig Jahren bestehen ihre Platten vornehmlich aus der Neukombination des Altbekannten. Und das gilt erst recht für das hier zu besprechende „Touch Yello“: Der Opener „The Expert“ ist eine Mischung aus „The Race“ und „Tied up“ von 1988 sowie dem „Rubberbandman“ von 1991. Der zweite Song „You Better Hide“ erinnert am Anfang an „Blue Green“ von 1980, dann an „The Rhythm Divine“ von 1986. Das dritte Lied klingt etwas nach „Goldrush“ von 1986 und nach „Jungle Bill“ von 1991. Beim vierten Track handelt es sich um einen – immerhin ehrlicherweise auch als solchen bezeichneten – Remix ihrer legendären Prä-Techno-Nummer „Bostich“ (1980). Und so geht es munter weiter. Sie plündern den eigenen Back-Katalog nach Belieben. Das allein wäre zwar noch nicht weiter schlimm, doch ist schmerzhaft zu bemerken, wie sehr die sparsam eingesetzten Neuerungen hinter ihren früheren klanglichen Kabinettstücken zurückbleiben.
Dabei ist längst nicht alles schlecht auf „Touch Yello“. Vor allem wer noch nie eine andere Yello-Platte gehört hat, kann an der CD durchaus seine Freude haben. Die insgesamt etwas dunklere, jazzigere, ja smoothigere Note kann man auch gut finden. Und im besagten „You Better Hide“ ist mit der Schweizerin Heidi Happy eine junge, hoffnungsvolle Sängerin sehr eindrucksvoll zu vernehmen. Das ist übrigens bis heute eine Stärke von Yello geblieben: die Untermalung von lasziven Frauenstimmen. Diese Dame sollte man im Auge behalten. Das Urteil lautet: befriedigend (8 Punkte).
Yello
Touch Yello
Polydor (Universal) 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B002N9MK86
www.justament.de, 19.7.2010: Ehrenmord in aberratio ictus
Recht cineastisch, Teil 7: „Die Fremde“ mit Sibel Kekilli
Thomas Claer
Es kommt nicht alle Tage vor, dass die Leute um einen herum im Kino laut schluchzen, knisternd ihre Taschentücher herauskramen und ihren Tränen der Rührung freien Lauf lassen. Man fühlt sich dann an die legendenumwobene Premiere von Schillers „Die Räuber“ am 13.1.1782 im Nationaltheater Mannheim erinnert, wo sich wildfremde Menschen weinend in den Armen gelegen haben sollen. Und wie weiland der junge Friedrich Schiller gegen überkommene gesellschaftliche Konventionen rebellierte, erhebt die österreichische Regisseurin und Schauspielerin Feo Aladag mit ihrem hier in Rede stehenden Debütfilm auf herzergreifende Weise Anklage gegen familiäre Gewalt und aggressiven Traditionalismus im Berliner türkischen Migrantenmilieu. Doch zeigt der Film gleichzeitig so viel Mitgefühl, Verständnis, ja heiße Anteilnahme für die in ihren Traditionen gefangene türkische Familie, dass der Zuschauer am Ende auch den Tätern seine Empathie kaum verweigern kann.
Die 25-jährige nach Istanbul zwangsverheiratete Berliner Deutschtürkin Umay (glänzend gespielt von Sibel „ich war jung und brauchte das Geld“ Kekilli) verlässt ihren gewalttätigen Ehemann und kehrt mit ihrem ca. fünfjährigen Sohn Cem nach Berlin zurück. Dort macht ihr die gesamte Großfamilie nun fortdauernd die Hölle heiß und will ihren kleinen Sohn zurück zu dessen Vater in die Türkei bringen, was Umay gerade noch rechtzeitig durch Flucht in ein Frauenhaus verhindern kann. Aber Umay, die sich einen Job und ein selbstbestimmtes Leben organisiert, die ihr Abitur nachholen und studieren will, zieht es fatalerweise immer wieder zurück zu ihrer einerseits gefürchteten, andererseits schmerzlich vermissten Familie – bis die von heiligem Zorn gepackten Brüder zur Tat schreiten. Diese mündet allerdings in eine besonders tragische aberratio ictus: Letztlich erwischt es den kleinen Jungen.
Mag sein, dass es in „Die Fremde“ hin und wieder etwas zu pathetisch zugeht, eine Spur zu dick aufgetragen wird. Doch hat dieser Film – nur ohne happy end – das Zeug dazu, für unsere Deutschtürken das zu werden, was für die Ostdeutschen seit einigen Jahren „Das Leben der Anderen“ ist: ein Appell an die Mehrheitsgesellschaft: „Seht diesen Film und ihr werdet uns verstehen!“
Die Fremde
Deutschland 2010
Regie: Feo Aladag
Drehbuch: Feo Aladag
119 Minuten, FSK: —
Darsteller: Sibel Kekilli, Nizam Schiller, Derya Alabora, Settar Tanriögen, Serhad Can, Almila Bagriacik, Tamer Yigit u.v.a.
www.justament.de, 28.6.2010: Eislecken verboten!
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, findet Seyran Ates
Thomas Claer
Die deutsch-türkisch-kurdische Juristin Seyran Ates, geboren 1963 in Istanbul und als Kind nach Berlin eingewandert, ist eine Frau der Tat, die jahrelang großen Mut bewiesen hat. Als Rechtsanwältin vornehmlich im Berliner Migrantenmilieu (Schwerpunkte: Strafrecht und Familienrecht) unterstützte sie trotz ständiger Bedrohungen bis hin zu offenen Übergriffen seitens aggressiv-traditionalistischer Kreise immer wieder muslimische Frauen dabei, sich aus autoritären, oft auch gewalttätigen Familienstrukturen zu befreien. Daneben tritt sie zunehmend auch als streitbare Sachbuch-Autorin auf. Nach Erscheinen ihres hier zu besprechenden aktuellen Werkes, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“, im Oktober 2009 zog sie sich angesichts glaubhafter Morddrohungen gegen sie und ihre Familienangehörigen ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Schon 2006 hatte sie wegen ähnlicher Vorfälle vorübergehend ihre Anwaltstätigkeit ruhen lassen.
Diesen Hintergrund muss man kennen, um dieser Autorin gerecht zu werden. Denn gegen das Buch lässt sich allerhand einwenden. Schon der reißerische Titel und die sensationsheischende Schlagzeile auf dem Buchrücken, „Ein Tabu wird gebrochen“, haben beim Rezensenten ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst. Wie soll denn eine Religion, ein Gedankengebäude aus fernen Jahrhunderten, eine sexuelle Revolution erleben können? Hat denn vielleicht das Christentum Vergleichbares erfahren? Natürlich nicht, es blieb in seinem Kern – man muss nur dem Papst zuhören – so sexualfeindlich wie eh und je, nur wurde sein gesellschaftlicher Einfluss, u.a. infolge der sexuellen Revolution in vielen westlichen Ländern in den Jahren 1968 ff., allmählich zurückgedrängt, und es öffnete sich – eher gezwungenermaßen – der neuen Zeit. Gemeint ist von der Verfasserin wohl eher, dass nicht „der Islam“, sondern, wie sie es einige Male auch selbst ausdrückt, die „muslimische Welt“ eine sexuelle Revolution benötige. Die stark von der islamischen Religion geprägten Länder und die muslimischen Bevölkerungsgruppen in den westlichen Großstädten also sind aufgerufen, sich von innen heraus zu modernisieren, dem nachzueifern, was die Befreiungsbewegungen vornehmlich der westlichen Welt während der vergangenen Jahrzehnte in ihren jeweiligen Regionen schon weitgehend erreicht haben: die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und die Emanzipation von traditionell-familiärer Bevormundung. So weit, so richtig. Nur vertritt die Autorin, man kennt ihre Positionen bereits aus Fernsehtalkshows, mitunter einen Rigorismus, der ihrem Anliegen wenig dienlich ist. Gleichwohl ist der erschütternde Befund festzuhalten, dass seit einigen Jahren sexuelle Unterdrückung und Ehrenmorde wieder weltweit auf dem Vormarsch sind.
Interessant und informativ ist das Buch vor allem als umfangreiche Stoffsammlung. Die Autorin hat in großer Zahl Frauen mit muslimischem Hintergrund (überwiegend in Deutschland) über ihr Sexualleben befragt und hier, wie die ihr vielfach entgegengebrachte Zurückhaltung und Ablehnung zeigt, tatsächlich an ein Tabu gerührt. Ein weitaus treffenderer Titel für die Publikation wäre „Schwarzbuch Sexualität in islamisch geprägten Milieus“ gewesen. Nicht wenige muslimische Frauen und Mädchen, erfahren wir, sehen sich in ihrem sozialen Umfeld einem Kontrolldruck durch männliche Familienangehörige ausgesetzt, der geradezu totalitäre Ausmaße erreicht. In manchen muslimischen Familien, so berichtet die Autorin, wird sogar kleinen Mädchen das Eislecken auf offener Straße verboten, weil es als unanständig gilt. Also darauf muss man wirklich erst mal kommen, dass das aussehen könnte, wie … Nun muss man aber wissen, dass der Islam – was ihn von fast allen anderen Religionen unterscheidet – eine durchaus sexualfreundliche Religion ist, allerdings nur für die Männer. Man könnte ihn eine Religion der Verherrlichung der männlichen Fruchtbarkeit und der strikten Unterordnung der weiblichen Sexualität unter diese innerhalb der Grenzen des gesellschaftlich Normierten nennen. Das einzige Recht der Frauen, neben dem, von ihrem Mann versorgt zu werden, ist nach traditionell-islamischem Verständnis das Recht auf Scheidung bei Impotenz oder Zeugungsunfähigkeit ihres Mannes. Im übrigen sorgen natürlich, wie Seyran Ates feststellt, gerade die unzähligen Verbote im Alltag für eine tendenziell immer sexuell aufgeladene Atmosphäre zwischen Frauen und Männern in islamisch geprägten Milieus. Der Kontrast zu unserer von sexuellem Überdruss und erotischer Übersättigung bestimmten Mehrheitsgesellschaft könnte nicht stärker sein.
So kann man letztlich beträchtlichen Gewinn aus der Lektüre des Buches ziehen, erfährt viel Erhellendes über die Sorgen unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Einige begriffliche Unschärfen und der inhaltlich abwegige, daher unnötig provozierende Titel wären bei einem umsichtigeren Lektorat sicherlich vermeidbar gewesen. Das gilt auch für den Satz auf S.189, dass es die Türken bewegt habe, „als die Türkei 2008 bei der Fußball-Weltmeisterschaft zum ersten Mal ins Halbfinale kam“. Hier muss entweder die Weltmeisterschaft 2002 oder die Europameisterschaft 2008 gemeint sein. So, wie es dasteht, ist es jedenfalls verkehrt. In der Generation der Verfasserin gehört es für Frauen wohl noch zum guten Ton, nichts vom Fußball zu verstehen …
Seyran Ates
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift
Ullstein Verlag Berlin 2009
219 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-550-08758-5
www.justament.de, 21.6.2010: Tragische Asymmetrie
Recht cineastisch, Teil 6: „Same Same But Different“ – Detlev Bucks erster Liebesfilm
Thomas Claer
Wenn Detlev Buck (Jahrgang 1962), immerhin schon ein alter Hase im Filmbusiness, nach langen Jahren als Regisseur (und nebenbei auch als sehr passabler Schauspieler) nun erstmals einen Liebesfilm gedreht hat, dann unterstreicht das nur seine vorsichtige Distanz zu diesem immer heiklen, fast unvermeidlich kitschnahen Genre. Das Experiment, so kann man sagen, ist gelungen. Der für seinen trockenen Humor und die immer ein wenig „independent“ anmutenden Filme bekannte Buck bringt auch die Geschichte von Ben (David Kross) und Sreykeo (Apinya Sakuljaroensuk) handwerklich sehr routiniert, gekonnt und stilsicher auf die Leinwand. Bemerkenswert ist vor allem, dass er diesmal nahezu gänzlich ohne Witz oder Ironie auskommt.
Es ist eher die Geschichte selbst, die nachdenklich macht. Der Hamburger Abiturient Ben begibt sich mit einem Kumpel auf eine Abenteuer-Rucksackreise nach Kambodscha. Dort verliebt er sich in einer Disko in die junge Prostituierte Sreykeo, die, wie sich später herausstellen wird, HIV-positiv ist. Nach langen Wirren, mehreren Transkontinentalflügen, unzähligen Videotelefonaten und erheblichen finanziellen Aufwendungen auf Seiten von Ben (nicht zuletzt für Sreykeos Medikamente), entscheidet er sich für diese Liebe und ist bereit, Sreykeo zu heiraten. Nicht, dass hier etwas konstruiert wirken würde, die Handlung beruht auf einem autobiographischen Roman, und man glaubt gerne, dass sich alles so zugetragen hat. (Ausgenommen der Umstand, dass Sreykeo, die von einem früheren Kunden Deutsch gelernt haben soll, sich so vergleichsweise reibungslos mit Ben in dessen Sprache zu verständigen vermag. Das kann einfach nicht sein!) Bedenklich ist eher die Konstellation an sich, die zwischen den Protagonisten bestehende fundamentale Asymmetrie, die ein trübes Licht auf diese Liebe wirft. Für Sreykeo ist Ben nun einmal die einzige Chance, nicht nur ihrem Elend zu entkommen – die Armut in Kambodscha wird in drastischen Bildern gezeigt – sondern sich überhaupt mittelfristig am Leben zu erhalten. Und wer will es ihr da verdenken, dass sie mit allen Mitteln um Ben wirbt? Die Frage ist müßig, ob sie sich unter anderen Umstände auch nur ansatzweise für ihn interessiert hätte. Ben hingegen wird durch seine aufopfernde Zuwendung zu einer Art Lichtgestalt – im scharfen Kontrast zu den anderen westlichen Kambodscha-Besuchern im fließenden Übergang zwischen Hippitum und Sextourismus. Sehr treffend fängt der Film das Heuchlerische und Abstoßende dieses Milieus ein. Auch wenn mit den Liebenden schließlich alles – gegen jede Wahrscheinlichkeit – zu einem guten Ende kommt. Romantisch mag man diese Liebe dennoch nicht nennen.
Same Same But Different
Deutschland 2009
106 Minuten, FSK 6
Regie: Detlev Buck
Drehbuch: Ruth Thoma, Michael Ostrowski, Detlev Buck
Darsteller: David Kross, Apinya Sakuljaroensuk, Stefan Konarske, Jens Harzer, Anne Müller, Michael Ostrowski u.v.a.
www.justament.de, 31.5.2010: Das Wunder von Oslo
Die Debüt-CD der talentierten Lena Meyer-Landrut vor dem Justament-Gericht
Thomas Claer
Selbst in eher verschlafenen Wohngebieten wurden in der Nacht zum letzten Sonntag Raketen abgeschossen und Fahnen geschwenkt. Dabei hat doch die Fußball-WM noch gar nicht begonnen. Was also war geschehen? Nach 28 Jahren hat Deutschland, man mag es glauben oder nicht, wieder beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson gewonnen, der inzwischen Eurovision Song Contest heißt. Früher, als eine Schlagersängerin namens Nicole dort mit einem „bisschen Frieden“ erstmals die Trophäe nach Deutschland holte, war dieser Wettbewerb noch ein Ausbund an Scheußlichkeiten. Inzwischen, so muss man feststellen, hat sich die Veranstaltung in bemerkenswerter Weise bis hin zum veritablen Popsong geöffnet. Überhaupt ist der Song-Contest, auch bedingt durch die Explosion der Anzahl teilnehmender Länder seit 1990ff., zu einem Medien-Großereignis für ganz Europa geworden, das gerade in Zeiten der Euro-Krise für etwas Zusammenhalt sorgt. Und nachdem Deutschland dort in den letzten Jahren nur durch Blödeleien von Stefan Raab und Guildo Horn aufgefallen war, durfte diesmal ein echtes Nachwuchstalent ins Rennen: lovely Lena Meyer-Landrut, die die Herzen zunächst der deutschen und nun auch der europäischen Zuschauer im Sturm erobern konnte. Ein neuer Popstar ist geboren, der wohl schon dadurch eine Lücke füllt, dass er so ganz anders rüberkommt als die anderen weiblichen Musikgrößen dieser Generation: als die clevere diabolisch-raffinierte Lady Gaga etwa oder die grandios konfus-kaputte Amy Winehouse. Lena ist der vollkommene Kontrast, wirkt natürlich, aufgeweckt, selbstbewusst und doch zugleich bescheiden, ohne jede Spur von Arroganz. Dass sie keine Stimme habe, wie zur Zeit gerne in den Feuilletons behauptet wird, ist natürlich Unfug. Sie singt ganz ausgezeichnet, sehr individuell – und lässt vor allem viel Potential erkennen. Auch das Grand-Prix-Lied „Satellite“, das ein internationales Songwriter-Team geschrieben hat, ist gar nicht einmal schlecht, wenn auch bestimmt nicht überragend. Aber es muss ja, so funktioniert eben das Pop-Business, gleich eine ganze CD her, für die ihr Mentor und Manager Stefan Raab eilig noch ein paar harmlose Songs zusammengeschustert hat. Da darf man natürlich keine Wunder erwarten, wenngleich Lena auch mittelmäßige Songs mit der ihr eigenen Grazie bewältigt. Immerhin: So richtig Peinliches sucht man auf der Scheibe vergeblich. Und schließlich muss man es Lena hoch anrechnen, dass sie den heute zu Unrecht fast vergessenen Tonträger Audio-Cassette, mit dem vor allem die weit fortgeschrittenen Semester unter uns manch süße Erinnerung verbinden dürften, wieder ins mediale Rampenlicht gerückt hat. Das Urteil lautet: befriedigend (7 Punkte).
Lena
My Cassette Player
Usfo (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003I4V8BU
www.justament.de, 3.5.2010: Everybody’s Darling
Eine Ausstellung im Schloss Charlottenburg zum 200. Todestag der preußischen Königin Luise
Thomas Claer
Vor zweihundert Jahren gab es natürlich noch keinen Popstarkult im eigentlichen Sinne. Aber wie will man es sonst nennen, wenn eine junge, schöne und allseits beliebte preußische Königin ihre Tücher auf besondere Weise um die Schultern zu tragen pflegte, und junge Menschen verschiedenster Stände imitierten es? Und all das entstand nur mit den Popularitätsverbreitungsmitteln der damaligen Zeit: Gemälden, immer wieder Gemälden, ein paar versprengten Journalen für die Gebildeten und ansonsten Hörensagen. Die Maler standen förmlich Schlange, um sie zu porträtieren. Doch weit mehr als ihre Schönheit war es ihr natürlicher Charme, der Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776-1810), die siebzehnjährig den etwa sechs Jahre älteren späteren preußischen König Friedrich Wilhelms III. ehelichte, zum Gegenstand allgemeiner Verehrung machte. Und so makaber es klingen mag: Nichts ist dem unsterblichen Ruhm förderlicher als ein früher Tod. Mit nur 34 Jahren hat eine Lungenentzündung sie hinweggerafft – worauf die Vereinnahmung und Legendenbildung begann.
Ungezwungene Umgangsformen
Klar, ein solcher Stoff ist wie geschaffen für eine Sonderausstellung im ohnehin sehenswerten Schloss Charlottenburg in Berlin. Kein Wunder, dass die Besucher in Scharen dorthin strömen. Sie werden nicht enttäuscht. Mag man auch die anhaltende Tendenz zur Kommerzialisierung im Ausstellungswesen beklagen, ist es doch allemal anschaulicher, durch die Privatgemächer der Königin zu spazieren, als sich nur durch Wikipedia oder die zahlreichen Verfilmungen oder Bücher zu unterrichten.
Schon der erste Augenschein verrät: Luise wirkt überraschend zeitgenössisch, regelrecht modern mutet der Schnitt ihrer Kleidung auf etlichen Porträts an. Gepriesen wird in den Zitaten auf den Wandtafeln vor allem der für die damaligen Verhältnisse erfrischend unaristokratische Stil der Königin. Von ungezwungenen Umgangsformen ist die Rede, sie duzte sich sogar mit ihrem Gemahl. Doch ging sie bei ihren Tabubrüchen so behutsam vor und erwies der Etikette gerade noch so viel Respekt, dass sie konservative Kreise nicht völlig gegen sich aufbrachte.
Vieles an ihr gilt als Produkt der Erziehung ihrer liberalen Großmutter in Darmstadt, bei der sie ab 1786 aufwuchs und, wie es hieß, so manche Freiheiten genoss. Über den Besuch der vierzehnjährigen Luise (gemeinsam mit Schwester und Oma) in Frankfurt schreibt die Mutter Goethes an ihren Sohn: “Das Zusammentreffen mit der Prinzessin von Mecklenburg hat mich außerordentlich gefreut … von einer steifen Hofetikette waren sie da in voller Freyheit – tantzend – sangen und sprangen den gantzen Tag …” Noch als Jugendliche wird Luise als “kindlich unbefangen und verspielt” beschrieben. Dabei war sie keine eifrige Schülerin, in ihren Briefen häuften sich Rechtschreibfehler. Doch tat das der ihr überall entgegengebrachten Bewunderung keinen Abbruch.
Liebesheirat mit Friedrich Wilhelm
Obgleich von den Eltern arrangiert kann ihre Ehe mit Friedrich Wilhelm als ausgesprochene Liebesheirat gelten, was seinerzeit bekanntlich eher die Ausnahme war. Zum ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen am 14. März 1793, am 19. März machte er ihr persönlich seinen Heiratsantrag, und am 24. April fand die offizielle Verlobung statt. Bereits Weihnachten 1793 feierte man Hochzeit. Nach Berichten von Augenzeugen wirkte der Bräutigam, sonst eher schüchtern und introvertiert, an diesem Tag heiter und ausgelassen. Und was auch schon sehr modern anmutet, es gab einen Ehevertrag. Weniger fortschrittlich allerdings war sein Inhalt: Luise sollte eine bestimmte Summe Geldes “zu selbsteigener Disposition” erhalten, die sich bei der Geburt eines Sohnes, nicht aber bei der Geburt einer Tochter deutlich erhöhen würde. Tatsächlich gebar Luise, die 1797 mit 21 Jahren Königin wurde, dann nicht weniger als zehn Kinder in knapp 17 Ehejahren (sieben von ihnen erreichten das Erwachsenenalter), darunter den späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. (Nebenbei gesagt ist Luise somit auch die Urgroßmutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.) Das hohe Ansehen der Königin war nicht zuletzt ihrem Pflichtbewusstsein geschuldet, das sie trotz eher leichtlebiger Veranlagung in ihrer hoheitlichen Position walten ließ.
Einsatz in der großen Politik
Sie unterstützte ihren Gatten bei dessen politischen Geschäften nach Kräften, machte Außenpolitik und eine gute Figur in ihren Begegnungen mit dem russischen Zaren Alexander und Napoleon. Über Zar Alexander (den Namensgeber des Berliner Alexanderplatzes) liest man in ihren Aufzeichnungen: “Er ist wunderbar gut gebaut und von sehr stattlicher Erscheinung. Er sieht aus wie ein junger Herkules.” Besonders ausführlich widmet sich die Ausstellung ihrem Aufeinandertreffen mit Napoleon, der anschließend an seine Frau nach Paris schreibt: “Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. Aber sei ja nicht eifersüchtig …”
Mausoleum, Insel, Propaganda
Gleich nach Luises Tod ließ Friedrich Wilhelm ein beeindruckendes Mausoleum im Park des Schlosses Charlottenburg errichten, wo sie (wie später noch andere wichtige Familienmitglieder) ihre letzte Ruhestätte fand. Ihr liebster Aufenthaltsort im Charlottenburger Schlosspark erhielt Skulpturen von Amor und Aphrodite, eine steinerne Büste mit ihrem Antlitz und fortan den Namen “Luiseninsel”. Weitgehend schuldlos ist Luise an ihrer postumen politisch-propagandistischen Instrumentalisierung durch deutschnationale Kreise. “Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat Luise von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verehrer zu leiden gehabt”, befand Theodor Fontane in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” (1862). Wie ungebrochen auch heute noch ihre Wirkung ist, beweist ein frisches Graffiti am Ausgang des Schlossparks zur Spree: ein Herz mit der Inschrift “Luise”.
Luise. Leben und Mythos der Königin
6. März – 30. Mai 2010
Schloss Charlottenburg, Berlin
Justament April 2010: Feuer und Flamme
Warum die brennenden Autos in Berlin die Gentrifizierung nur vorantreiben
Thomas Claer
Beeindruckend minutiös listet es die Seite http://www.brennende-autos.de auf: 533 Brandanschläge von Unbekannten auf Autos hat es in Berlin seit dem Frühjahr 2007 gegeben (Stand: 1.4.10). Die Tendenz ist dabei stark zunehmend: Gingen im gesamten Jahr 2008 lediglich 135 Fahrzeuge in Flammen auf, waren es 2009 bereits 212. Fast jede Nacht, heißt das, brennt in Berlin irgendwo ein Pkw. Betroffen sind, die Karte auf besagter Internetseite verrät es, ganz überwiegend die Innenstadtbezirke Kreuzberg, Friedrichshain, Mitte und Prenzlauer Berg, also jene Bezirke, in denen Stadtsoziologen schon seit mehr als einem Jahrzehnt eine ausgeprägte Tendenz zur Gentrifizierung ausgemacht haben, also zur gezielten Aufwertung der Stadtviertel durch Restaurierung, Umbau und Verränderung der Bevölkerungsstruktur. Keineswegs ausschließlich, aber doch mehrheitlich trifft es Luxusfahrzeuge der Marken Mercedes (118 Fälle) und BMW (55 Fälle). Vereinzelte Bekenntnisse aus der linksautonomen “Szene” bestätigen nur, was ohnehin jeder weiß: Die Brandstiftungen sollen politische Aktionen gegen die “kapitalistische Gentrifizierung” darstellen. Brennen nur möglichst viele Nobelkarossen, dann werden es sich die Yuppies schon überlegen, ob sie unbedingt hier wohnen wollen, war laut “taz” aus Kreuzberg zu vernehmen. Assistiert werden die feurigen autonomen Bemühungen regelmäßig durch gezielte Brandsätze auf Baustellen von Luxus-Wohnhäusern sowie entsprechende Graffiti: An Parolen wie “Fuck Yuppies!” oder “Yuppies und Schwaben raus!” an Häuserwänden hat man sich ja inzwischen schon gewöhnt.
Haben wir es bei den Zündeleien nun also mit einer neuen Form des sozialen Protestes zu tun oder sind es letztlich doch nur stinknormale Brandstiftungen gem. § 306 Abs. 1 Nr. 4, 1. Var. StGB – allerdings in ungewöhnlich großer Zahl? Für letzteres plädiert der Kriminologe Christian Pfeifer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) und füherer niedersächsischer Landesjustizminister (SPD). Er sieht nur “ganz normale Brandstifter” am Werk, die “politisch nichts bewegen” können, zitiert ihn die “taz”. Schließlich seien Brandstifter “meistens Serientäter.” “Jede neue Tat bedeutet eine Luststeigerung. Macht ausüben. Manche haben sogar ein Hochgefühl, vergleichbar einem Orgasmus, wenn sie aus sicherer Entfernung den Anblick der Flammen und die Aufregung genießen. Dieses Tatütata, wenn Polizei und Feuerwehr kommen und sich überall die Fenster öffnen.” Manche Brandstifter würden nun eben “ein politisches Mäntelchen drumhängen”. Slogans wie “Ein brennendes Auto eine Straftat – 100 brennende Autos eine politische Aktion” bezeichnet Pfeifer als “dumme Sprüche”. Die Einzigen, die durch die Brandanschläge auf die meist vollkaskoversicherten Autos beglückt würden, seien die Taxifahrer, weil das Opfer eine Weile keinen fahrbaren Untersatz habe.
Teil der Krawall-Folklore
Doch ist das alles? Könnte es nicht sein, dass die brennenden Autos sehr wohl etwas Größeres bewirken, nämlich stadtsoziologisch und damit gewissermaßen auch politisch, nur gänzlich anders, als es sich die autonomen Feuerteufel vorstellen können? Sind sie nicht schon zu einem Teil der Krawall-Folklore geworden, ähnlich den ritualisierten Gewalt-Eskalationen wie wir sie seit langen Jahren am 1. Mai erleben? Wer die Entwicklung der Mieten und Immobilienpreise in den entsprechenden Bezirken in den letzten Jahren verfolgt hat, der wird feststellen, dass autonome Krawalle eine zahlungskräftige Klientel keineswegs vom Zuzug in die schicken, coolen Szeneviertel abhalten konnten. Ganz im Gegenteil: Der Revolutions-Chic der autonomen Protestler gibt den Trend-Bezirken erst jene Spur von Anrüchigkeit, die die Gegenden für eine sich als irgendwie “alternativ” fühlende, wohlhabende und amüsierfreudige Schicht so richtig hipp macht. Sogar viele Prominente, von Sandra Maischberger über Alfred Biolek (“Mein New York ist heute Prenzlauer Berg.”) bis zu diversen internationalen Filmstars, wohnen inzwischen in den Berliner Szenebezirken.
Die, die man früher als “Spießer” bezeichnet hat, mögen in den ruhigen, gediegenen Vierteln am südwestlichen Stadtrand bleiben. Wer jedoch das blühende Leben, das Bunte, das ständige Abenteuer liebt, den zieht es in die angesagten Szenebezirke.
Das hat natürlich, wie gesagt, inzwischen seinen Preis. Fast vierhunderttausend Euro kostet eine Vier-Zimmer-Luxuswohnung etwa am Viktoriapark in Kreuzberg. Das mag Münchener, Hamburger oder Frankfurter nicht sonderlich beeindrucken, doch muss man wissen, dass die durchschnittlichen Berliner Eigentumswohnungen noch immer für fünfstellige Summen gehandelt werden.
Arme Autonome
Den Krawall-Brüdern geht es also wie der wütenden jungen Frau in jenem alten Film, dessen Namen ich vergessen habe. Sie schreit und tobt und wütet gegen ihren Ehemann, doch der lächelt nur überlegen und sagt: “Du bist hinreißend, Liebling, wenn du dich aufregst!” Es ist wie beim Protestsong gegen die Kommerzialisierung, der an die Spitze der Hitparade gelangt. Lenin hätte die autonomen Brandstifter als “nützliche Idioten der Gentrifizierung” bezeichnet.
Neulich war ich zu Besuch in einer der Kreuzberger Luxuswohnungen. Der Bildschirmschoner auf dem Laptop der Bewohnerin zeigte ein Bildnis von Che Guevara.
Justament April 2010: Se(e)lig sind die Griechen
Recht cineastisch, Teil 5: Fatih Akins Hamburg-Film “Soul Kitchen”
Thomas Claer
So funktioniert also die Gentrifizierung in Hamburg: Eine alte frühere Fabrikhalle im Arbeiterbezirk Wilhelmsburg. Dort, im Armenhaus Hamburgs, liegen die Einkommen lediglich auf dem Durchschnitts-Niveau von Berlin. Der deutsch-griechische Underdog Zinos Kazantsakis (Adam Bousdoukos) betreibt hier ein Restaurant für den Unterschichten-Geschmack, das “Soul Kitchen”. Seine Stammgäste, Hartz IV-Empfänger und abgebrannte Hafen-Existenzen, goutieren die Würstchen- und Schnitzel-Hausmannskost und das schmuddelige Ambiente. Der neue Koch Shayn (Birol Ünel, der finstere Liebhaber von Sibel Kekilli aus Fatih Akins erstem Film “Gegen die Wand”) vertreibt mit seiner Gourmet-Küche nach kurzer Zeit sämtliche alten Kunden. In seiner Verzweiflung lässt Restaurantbetreiber Zinos die Band seines Kellners in den nun leeren Räumen proben. Plötzlich stömt hippes Szenepublikum in die Halle, um die Musik zu hören, und die Leute verlangen nach den Gourmet-Gerichten auf dem Wandanschlag. Der eigentlich schon beurlaubte Koch Shayn wird reaktiviert. Die Halle entwickelt sich blitzschnell zum beliebten Szenetreff. Zinos Geschäfte laufen blendend. Da taucht sein alter Schulfreund von der Gesamtschule, der Immobilien-Unternehmer Thomas Neumann, auf und will das Grundstück kaufen, um auf dem Gelände später Luxuswohnungen zu errichten…
Schwungvoll und witzig geht es zu in der Hamburg-Komödie des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, der sich hier erstmals auch als ein Meister des komischen Fachs erweist. Als hätte er das aktuelle Griechenland-Bashing geahnt, sind die positiven Helden des Films ausgerechnet Griechen. (Ein vorbildlicher Dienst des Regisseurs an der Völkerfreundschaft – vergessen ist die berüchtigte Kebab-Gyros-Rivalität.) Auch als Grieche, nämlich als eigentlich inhaftierter Bruder des Lokalbetreibers, der nur im Wege des Freigangs erscheint, tritt Moritz Bleibtreu auf – und spielt wieder einmal phantastisch. Famos ist insbesondere die Liebesgeschichte zwischen ihm und der Kellnerin Lucia (nebenher noch Malerin). Sie findet es zu seiner großen Erleichterung “voll romantisch”, dass er im Knast sitzt. Nun, wir sind eben im Kino. Manchmal gibt es aber doch eine Spur zu viel Klamauk (z.B. in der Szene mit dem Aphrodisiakum im Essen). Empfehlenswert ist der Streifen aber ohne Frage.
Soul Kitchen
Deutschland 2009
100 Minuten, FSK 6
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos
Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Pheline Roggan, Dorka Gryllus, Lucas Gregorowicz
Justament April 2010: Krachender Kontrapunkt
PJ Harvey hat mit John Parish eine furiose Platte aufgenommen
Thomas Claer
Wow! Sie ist wieder ganz die Alte! Zum verstörend gespenstisch-genialen Vorgänger “White Chalk” (Justament berichtete in Heft 1-2008) setzt PJ Harvey mit “A Woman a Man Walked by” nun einen krachenden Kontrapunkt. Noch mehr als zu früheren Alben hat diesmal ihr alter Freund und Weggefährte John Parish beigetragen, u.a. die komplette Musik geschrieben, weshalb er auch verdientermaßen gemeinsam mit Polly Jean als Urheber der CD firmieren darf. Parish kann als PJs Entdecker gelten, holte er doch schon vor zwanzig Jahren die damals blutjunge Polly in seine Band “Automatic Dlamini”, von wo aus sie ihre Solo-Karriere startete. Ein Höhepunkt jener frühen Jahre war das gemeinsame Album der beiden, “Dance Hall at Louse Point” von 1996, herausragend hier wiederum der Song “City of No Sun”. Hieran knüpfen die neuen Songs an: PJ, inzwischen 40, kreischt und röhrt, gurgelt und ächzt bei den schnellen, lauten Songs. Und sie säuselt und winselt, schmeichelt und piepst bei den langsamen und leisen. John Parish, inzwischen 50, der auch die meisten Instrumente eigenhändig spielt, sorgt für den schrägen, schrillen und chaotischen, doch immer wieder überraschend melodiösen Rahmen zur Inszenierung von Polly Jeans überragender Stimme.
Schon der Opener “Black Hearted Love” packt einen mit Macht, und erst recht tun dies die raffinierten Banjoklänge von “Sixteen, Fifteen, Fourteen”. Sirenenhaft – sowohl im antik-homerischen als auch im neuzeitlich-polizeilichen Sinne – ist Polly auf “Leaving California” zu vernehmen. Und die zur Grundmelodie so seltsam entgegengesetzt verlaufenden Klavierläufe auf “The Chair” … Und die feinen, zarten Klänge von “April” und das ganz besonders tolle “The Souldier”… Es gibt praktisch keine Ausfälle – jeder Song auf dieser Platte ist eine Granate. Nicht, dass PJ Harveys eigene Kompositionen nichts taugen würden, aber das, was John Parish ihr diesmal auf den Leib komponiert hat, ist noch eine glückliche Steigerung. Hier hat sich einer, so scheint es, jahrelang viel Kreativität für seine Lieblingssängerin aufgespart. Wir genießen das Ergebnis. Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).
PJ Harvey & John Parish
A Woman A Man Walked By
Universal Island Records 2009
Ca. € 17,-
ASIN: B001U0HBHO