Tag Archives: Türkische Frauen

www.justament.de, 19.7.2010: Ehrenmord in aberratio ictus

Recht cineastisch, Teil 7: „Die Fremde“ mit Sibel Kekilli

Thomas Claer

drum-herum-tc-kino_diefremde_kekilli_lukas1Es kommt nicht alle Tage vor, dass die Leute um einen herum im Kino laut schluchzen, knisternd ihre Taschentücher herauskramen und ihren Tränen der Rührung freien Lauf lassen. Man fühlt sich dann an die legendenumwobene Premiere von Schillers „Die Räuber“ am 13.1.1782 im Nationaltheater Mannheim erinnert, wo sich wildfremde Menschen weinend in den Armen gelegen haben sollen. Und wie weiland der junge Friedrich Schiller gegen überkommene gesellschaftliche Konventionen rebellierte, erhebt die österreichische Regisseurin und Schauspielerin Feo Aladag mit ihrem hier in Rede stehenden Debütfilm auf herzergreifende Weise Anklage gegen familiäre Gewalt und aggressiven Traditionalismus im Berliner türkischen Migrantenmilieu. Doch zeigt der Film gleichzeitig so viel Mitgefühl, Verständnis, ja heiße Anteilnahme für die in ihren Traditionen gefangene türkische Familie, dass der Zuschauer am Ende auch den Tätern seine Empathie kaum verweigern kann.
Die 25-jährige nach Istanbul zwangsverheiratete Berliner Deutschtürkin Umay (glänzend gespielt von Sibel „ich war jung und brauchte das Geld“ Kekilli) verlässt ihren gewalttätigen Ehemann und kehrt mit ihrem ca. fünfjährigen Sohn Cem nach Berlin zurück. Dort macht ihr die gesamte Großfamilie nun fortdauernd die Hölle heiß und will ihren kleinen Sohn zurück zu dessen Vater in die Türkei bringen, was Umay gerade noch rechtzeitig durch Flucht in ein Frauenhaus verhindern kann. Aber Umay, die sich einen Job und ein selbstbestimmtes Leben organisiert, die ihr Abitur nachholen und studieren will, zieht es fatalerweise immer wieder zurück zu ihrer einerseits gefürchteten, andererseits schmerzlich vermissten Familie – bis die von heiligem Zorn gepackten Brüder zur Tat schreiten. Diese mündet allerdings in eine besonders tragische aberratio ictus: Letztlich erwischt es den kleinen Jungen.
Mag sein, dass es in „Die Fremde“ hin und wieder etwas zu pathetisch zugeht, eine Spur zu dick aufgetragen wird. Doch hat dieser Film – nur ohne happy end – das Zeug dazu, für unsere Deutschtürken das zu werden, was für die Ostdeutschen seit einigen Jahren „Das Leben der Anderen“ ist: ein Appell an die Mehrheitsgesellschaft: „Seht diesen Film und ihr werdet uns verstehen!“

Die Fremde
Deutschland 2010
Regie: Feo Aladag
Drehbuch: Feo Aladag
119 Minuten, FSK: —
Darsteller: Sibel Kekilli, Nizam Schiller, Derya Alabora, Settar Tanriögen, Serhad Can, Almila Bagriacik, Tamer Yigit u.v.a.

www.justament.de, 28.6.2010: Eislecken verboten!

Der Islam braucht eine sexuelle Revolution, findet Seyran Ates

Thomas Claer

Ates CoverDie deutsch-türkisch-kurdische Juristin Seyran Ates, geboren 1963 in Istanbul und als Kind nach Berlin eingewandert, ist eine Frau der Tat, die jahrelang großen Mut bewiesen hat. Als Rechtsanwältin vornehmlich im Berliner Migrantenmilieu (Schwerpunkte: Strafrecht und Familienrecht) unterstützte sie trotz ständiger Bedrohungen bis hin zu offenen Übergriffen seitens aggressiv-traditionalistischer Kreise immer wieder muslimische Frauen dabei, sich aus autoritären, oft auch gewalttätigen Familienstrukturen zu befreien. Daneben tritt sie zunehmend auch als streitbare Sachbuch-Autorin auf. Nach Erscheinen ihres hier zu besprechenden aktuellen Werkes, „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“, im Oktober 2009 zog sie sich angesichts glaubhafter Morddrohungen gegen sie und ihre Familienangehörigen ganz aus der Öffentlichkeit zurück. Schon 2006 hatte sie wegen ähnlicher Vorfälle vorübergehend  ihre Anwaltstätigkeit ruhen lassen.
Diesen Hintergrund muss man kennen, um dieser Autorin gerecht zu werden. Denn gegen das Buch lässt sich allerhand einwenden. Schon der reißerische Titel und die sensationsheischende Schlagzeile auf dem Buchrücken, „Ein Tabu wird gebrochen“, haben beim Rezensenten ungläubiges Kopfschütteln ausgelöst. Wie soll denn eine Religion, ein Gedankengebäude aus fernen Jahrhunderten, eine sexuelle Revolution erleben können? Hat denn vielleicht das Christentum Vergleichbares erfahren? Natürlich nicht, es blieb in seinem Kern – man muss nur dem Papst zuhören – so sexualfeindlich wie eh und je, nur wurde sein gesellschaftlicher Einfluss, u.a. infolge der sexuellen Revolution in vielen westlichen Ländern in den Jahren 1968 ff., allmählich zurückgedrängt, und es öffnete sich – eher gezwungenermaßen – der neuen Zeit. Gemeint ist von der Verfasserin wohl eher, dass nicht „der Islam“, sondern, wie sie es einige Male auch selbst ausdrückt, die „muslimische Welt“ eine sexuelle Revolution benötige. Die stark von der islamischen Religion geprägten Länder und die muslimischen Bevölkerungsgruppen in den westlichen Großstädten also sind aufgerufen, sich von innen heraus zu modernisieren, dem nachzueifern, was die Befreiungsbewegungen vornehmlich der westlichen Welt während der vergangenen Jahrzehnte in ihren jeweiligen Regionen schon weitgehend erreicht haben: die sexuelle Selbstbestimmung aller Menschen und die Emanzipation von traditionell-familiärer Bevormundung. So weit, so richtig. Nur vertritt die Autorin, man kennt ihre Positionen bereits aus Fernsehtalkshows, mitunter einen Rigorismus, der ihrem Anliegen wenig dienlich ist. Gleichwohl ist der erschütternde Befund festzuhalten, dass seit einigen Jahren sexuelle Unterdrückung und Ehrenmorde wieder weltweit auf dem Vormarsch sind.
Interessant und informativ ist das Buch vor allem als umfangreiche Stoffsammlung. Die Autorin hat in großer Zahl Frauen mit muslimischem Hintergrund (überwiegend in Deutschland) über ihr Sexualleben befragt und hier, wie die ihr vielfach entgegengebrachte Zurückhaltung und Ablehnung zeigt, tatsächlich an ein Tabu gerührt. Ein weitaus treffenderer Titel für die Publikation wäre „Schwarzbuch Sexualität in islamisch geprägten Milieus“ gewesen. Nicht wenige muslimische Frauen und Mädchen, erfahren wir, sehen sich in ihrem sozialen Umfeld einem Kontrolldruck durch männliche Familienangehörige ausgesetzt, der geradezu totalitäre Ausmaße erreicht. In manchen muslimischen Familien, so berichtet die Autorin, wird sogar kleinen Mädchen das Eislecken auf offener Straße verboten, weil es als unanständig gilt. Also darauf muss man wirklich erst mal kommen, dass das aussehen könnte, wie … Nun muss man aber wissen, dass der Islam – was ihn von fast allen anderen Religionen unterscheidet – eine durchaus sexualfreundliche Religion ist, allerdings nur für die Männer. Man könnte ihn eine Religion der Verherrlichung der männlichen Fruchtbarkeit und der strikten Unterordnung der weiblichen Sexualität unter diese innerhalb der Grenzen des gesellschaftlich Normierten nennen. Das einzige Recht der Frauen, neben dem, von ihrem Mann versorgt zu werden, ist nach traditionell-islamischem Verständnis das Recht auf Scheidung bei Impotenz oder Zeugungsunfähigkeit ihres Mannes. Im übrigen sorgen natürlich, wie Seyran Ates feststellt, gerade die unzähligen Verbote im Alltag für eine tendenziell immer sexuell aufgeladene Atmosphäre zwischen Frauen und Männern in islamisch geprägten Milieus. Der Kontrast zu unserer von sexuellem Überdruss und erotischer Übersättigung bestimmten Mehrheitsgesellschaft könnte nicht stärker sein.
So kann man letztlich beträchtlichen Gewinn aus der Lektüre des Buches ziehen, erfährt viel Erhellendes über die Sorgen unserer muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Einige begriffliche Unschärfen und der inhaltlich abwegige, daher unnötig provozierende Titel wären bei einem umsichtigeren Lektorat sicherlich vermeidbar gewesen. Das gilt auch für den Satz auf S.189, dass es die Türken bewegt habe, „als die Türkei 2008 bei der Fußball-Weltmeisterschaft zum ersten Mal ins Halbfinale kam“. Hier muss entweder die Weltmeisterschaft 2002 oder die Europameisterschaft 2008 gemeint sein. So, wie es dasteht, ist es jedenfalls verkehrt. In der Generation der Verfasserin gehört es für Frauen wohl noch zum guten Ton, nichts vom Fußball zu verstehen …

Seyran Ates
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution. Eine Streitschrift
Ullstein Verlag Berlin 2009
219 Seiten, EUR 19,90
ISBN 978-3-550-08758-5