www.justament.de, 27.6.2011: Jeder kann sehen, was sie tun
Johannes Treu untersucht die Transparenz in der Geldpolitik
Thomas Claer
Da ist doch tatsächlich eine VWL-Dissertation auf dem Schreibtisch des Justament-Rezensenten gelandet! Und keine über irgendein Thema aus den Elfenbeintürmen der Ökonomie – nein, es geht um etwas, das uns alle betrifft, zumindest indirekt: die Geldpolitik der Notenbanken. Jener obskuren Männerrunden, die Monat für Monat die Leitzinsen einzelner Volkswirtschaften oder ganzer Währungsräume festlegen und dadurch – wahrscheinlich mehr als alle Politiker zusammen – die Geschicke der Weltwirtschaft bestimmen. Es ist noch gar nicht lange her, da hatte die jahrelange Niedrigzinspolitik eines nuschelnden älteren Herrn namens Greenspan an der Spitze der amerikanischen „Federal Reserve“ für extreme Preisblasen vor allem auf den Immobilienmärkten gesorgt, was dann die ganze Welt in den Abwärtsstrudel einer Finanz- und Wirtschaftskrise riss. Und gegenwärtig erleben wir beiderseits des Atlantiks eine Politik des noch viel billigeren Geldes, ergänzt um weitere geldpolitische Maßnahmen (vulgo: Gelddrucken), um aus eben dieser Krise nachhaltig wieder herauszukommen. Wohin das letztlich führen wird (am Ende wohl in eine kräftige Inflation), ist aber hier nicht das Thema, sondern die Erkennbarkeit, Voraussehbarkeit und Nachvollziehbarkeit, kurz: die Transparenz der geldpolitischen Entscheidungen der Zentralbanken.
Mit dieser steht es, so die landläufige Meinung, nicht allzu gut. Je nach Perspektive schimpfen die einen (die Sparer) über zu niedrige Zinsen, die anderen (die Schuldner und Aktionäre) über zu hohe. Aber fast alle sind sich einig im Vorwurf an die Notenbanker: Die da oben machen ja doch, was sie wollen! Das ist aber, die vorliegende Arbeit zeigt es deutlich, zumindest was die Europäische Zentralbank (EZB) betrifft, gar nicht zutreffend. In minutiöser Kleinarbeit ist dem Verfasser der Nachweis gelungen, dass gegenüber der EZB – allen Unkenrufen von den Stammtischen zum Trotz – „ein genereller Intransparenzvorwurf nicht aufrechterhalten werden kann“. Nachdem der Autor mehrere hundert Seiten lang die unterschiedlichen Aspekte und Konzepte von geldpolitischer Transparenz und Intransparenz durchdekliniert hat und zum Befund gelangt ist, „dass kein vollständiges und eindeutiges Bild zum Thema Transparenz in der modelltheoretischen Geldpolitik existiert“, untersucht er exemplarisch die Geldpolitik der EZB in den letzten Jahren mit einem „fünfgliedrigen Transparenzkonzept“. Es zeigt sich, dass nur in einem der fünf Punkte (im geldpolitischen Entscheidungsprozess) eine „bedingte Intransparenz“ vorliegt; eine nur bedingte, „da eine komplette Intransparenz nicht für alle inhaltlichen Bestandteile dieses Transparenzpunktes existiert.“ Da kann man nur sagen: Bravo, EZB! Vor allem ernten die Notenbanker viel Lob des Verfassers für ihr erprobtes Codewörter-System: Wird eine künftige Leitzinserhöhung erstmals vorsichtig in Erwägung gezogen, spricht der EZB-Präsident auf den Pressekonferenzen von einer „genauen Beobachtung“ der Märkte. Konkretisieren sich diese Überlegungen, ist die Rede von „sehr genauer Beobachtung“. Und fällt schließlich der Begriff „starke Wachsamkeit“, dann weiß man: In einem Monat ist es soweit. Wer also vor kurzem gehört hat, wie Jean-Claude Trichet von „starker Wachsamkeit“ gesprochen hat, der weiß nun auch, was – jede Wette! – im kommenden Juli passieren wird.
Gegen diese Arbeit lässt sich im Wesentlichen nur das sagen, was sich auch gegen fast jede andere Dissertation sagen ließe: Dass einfache Dinge durch den wissenschaftlichen Jargon unnötig verkompliziert und viel zu umständlich gesagt und dass komplizierte Dinge mangels voraussetzungsloser Erklärung für den Laien schnell unverständlich werden. Darüber hinaus hätten dieser Arbeit aufmerksamere und auf dem aktuellen Stand der deutschen Rechtschreibung befindliche Korrekturleser nicht geschadet. (Ein besonderes Problemfeld sind die „erweiterten Infinitive mit zu“, vor allem die Ausnahmen zur Befreiung von der Kommasetzungspflicht seit der neuesten Rechtschreibung von 2005.) Aber so weiß man jedenfalls recht sicher, dass es keine „Guttenbergs“ im Text gibt. Auffällig ist ferner so manche saloppe Formulierung, aber da sind die Ökonomen wohl nicht so pingelig wie die Juristen. Ein großer Vorzug dieser Arbeit, der leider nicht bei allen Dissertationen selbstverständlich ist, sind schließlich die präzisen Zusammenfassungen am Ende jedes Kapitels und am Ende der gesamten Bearbeitung. Nur dadurch lassen sich auch für den ökonomischen Laien die wichtigsten Gedankengänge nachvollziehen, ohne dass er etwa an verzwickten mathematischen Formeln verzweifeln müsste.
Johannes Treu
Transparenz in der Geldpolitik. Systematisierung, Darstellung, Bewertung und Diskussion von (modelltheoretischer) Transparenz in der Geldpolitik sowie das Beispiel der Europäischen Zentralbank
Verlag Dr. Kovac Hamburg 2011
397 Seiten, EUR 98,00
ISBN 978-3-83005531-0
www.justament.de, 14.6.2011: Verloren im Kulturschock
Recht cineastisch, Teil 9: Die deutsch-chinesische Co-Produktion „I Phone You“
Thomas Claer
Hurra, mal wieder ein Berlin-Film mit Drehbuch von Altmeister Wolfgang Kohlhaase! Und nach „Sommer vorm Balkon“ (2005) erst der zweite nach der Wende. Allerdings ist der inzwischen 80-jährige Wolfgang Kohlhaase da diesmal eher so reingerutscht: Die junge Chinesin Dan Tang, Regie-Absolventin der Filmhochschule Potsdam, hat ihn, so wird es erzählt, mit einem Eis dazu überredet, ihr Drehbuch zunächst nur zu lesen, und später sogar, es weiter zu bearbeiten. Und dann kamen die Produzenten, die einen neuen Kohlhaase-Film fürs Kino wollten… Aber egal. Herausgekommen ist ein Film, der sich trotz einiger handwerklicher Schwächen gut einfügt in den Kohlhaasschen Erzählkosmos, in dem zumeist Porträts einfacher Menschen in ihrem Alltag gezeichnet und dabei Geschichten erzählt werden, die einem ans Herz gehen.
Zu DDR-Zeiten lieferten die Drehbücher des in Berlin-Adlershof aufgewachsenen Kohlhaase eine Art Chronik des ungeliebten Staates von unten. Unvergesslich ist vor allem „Solo Sunny“ (1980), die einfühlsame Darstellung einer Sängerin im alternativ-proletarischen Milieu eines Hinterhauses in Prenzlauer Berg. Es gilt bis heute als ein Wunder, dass ein so radikaler Film mit so negativem Inhalt überhaupt in der DDR erscheinen durfte. Aber da der ebenso renommierte wie zuverlässig staatsnahe Konrad Wolf Regie geführt hatte, ließen die Zensoren das durchgehen. (Ein früherer Film mit Kohlhaase-Drehbuch, „Berlin um die Ecke“, war 1965 sogar verboten worden und konnte erst nach der Wende, 1990, durch Bearbeitung des Rohmaterials fertig gestellt werden.)
Und nun also „I phone you“, ein Film, wie es schon sein wortspielerischer Name verrät, ganz auf der Höhe der Zeit, der aber längst nicht so harmlos ist, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Wenn wichtige Leute aus Wirtschaft oder Politik beruflich andere Städte bereisen, dann haben sie dort mitunter Liebschaften. So auch der schwerreiche chinesische Wirtschaftsboss Yu, der eigentlich in Berlin ansässig ist (Geschäftsfeld: Unterseeboote) und anlässlich seines Aufenthalts in der quicklebendigen 30-Millionen-Stadt Chongqing mit der jungen, schönen und sehr selbstbewussten Animateurin Ling anbandelt. Nach einer Liebesnacht im Hotel schenkt er ihr ein iPhone, damit er sie auch von Berlin aus immer erreichen kann. Er bezirzt sie mit immer neuen Liebesschwüren per Telefonat, SMS, Mail und Videobotschaft. Doch kann man mit einem iPhone noch viel mehr anstellen, zum Beispiel virtuell in weit entfernte Städte reisen. Das tut Ling, findet Gefallen an Berlin, lässt sich von ihrem zähneknirschenden, in der Gastronomie tätigen Vater bezuschussen und fliegt kurz entschlossen nach Berlin, um ihrem Liebsten einen Besuch abzustatten. Doch dieser reagiert entsetzt, darf doch seine mit ihm in Berlin lebende Ehefrau nichts von Ling erfahren. So lässt sich Yu nach Lings Ankunft hartnäckig verleugnen und schickt seinen Bodyguard Marco (Florian Lukas) vor, der Ling schnellstmöglich ins Flugzeug zurück komplimentieren soll. Doch Ling, die sich überdies der Annäherungsversuche Marcos erwehren muss, lässt sich so schnell nicht abwimmeln und sucht Yu auf eigene Faust. Das ist in der fremden Umgebung aber ein abenteuerliches Unterfangen, und Ling macht unter anderem Bekanntschaften mit einem türkischen Taxifahrer, einem abgebrannten Studenten (der ihr seine letzten zehn Euro für das Taxi spendiert), der vietnamesischen Zigarettenmaffia, dem Ordnungsamt und der Ausländerbehörde. Das hat viel Witz, ist aber gelegentlich auch dicht am Klischee.
Sehr drastisch führt der Film allerdings vor Augen, welchen schweren Stand asiatische Frauen in Europa haben, selbst in der deutschen Multi-Kulti-Hauptstadt. Gut, denkt man, dass Ling mangels Sprachkenntnissen nur einen Bruchteil von all der Abschätzigkeit mitbekommt, die man ihr hier in breiten Bevölkerungsschichten entgegenbringt. Ob bei gierig-lüsternen Männern oder boshaft-eifersüchtigen Frauen – immer gilt die Gleichsetzung: asiatische Frau = Sexobjekt = Prostituierte. Die Berliner Proll-Kultur zeigt sich hier von ihrer überaus hässlichen Seite. Da kann es auch kaum trösten, dass europäische Touristinnen von ihren Besuchen in Fernost manchmal Ähnliches berichten. (Da gilt dann die Gleichung: blonde Frau = Sexobjekt = Schlampe.) Die Kombination aus Sexismus und Rassismus ist offenbar weltweit ein Renner.
Zu den Stärken des Films zählt die unaufdringliche Beiläufigkeit, mit der von all dem erzählt wird. Als Ling ihren Schwarm mit Hilfe des auf ihre Seite gewechselten Marco nach zwei Tagen endlich aufspürt, ist ihre Enttäuschung so groß, dass sie Yu ein Messer zwischen die Rippen stößt und später das iPhone aus dem Fenster wirft. Dabei hätte sie, so wie die Dinge standen, gar keine schlechten Karten gehabt, Yu ganz für sich zu erobern und so in die Welt des großen Geldes und der testosterongetriebenen Macht vorzudringen. Aber ein solches Taktieren, ja Pragmatismus überhaupt, sind Lings Sache nun einmal nicht. Auch Marco („Ick komm’ aus Neuruppin, aber ick bin da nich’ festgelegt.“) , der ihr auf linkische Weise immer neue Avancen macht, der sich sogar für sie prügelt, als eine alkoholisierte Männerhorde sie belästigt, blitzt schließlich bei ihr ab.
Der rote Faden in Kohlhaases Berlin-Filmen war über die Jahre die Dominanz starker Frauen-Figuren. Gleichwohl wehrt sich der Altmeister entschieden gegen den Verdacht, ein „Frauenversteher“ zu sein. Nein, im Gegenteil, sagte er unlängst im Interview mit Spiegel-Online, er könne Frauen in der Regel überhaupt nicht verstehen, weshalb er auch immer wieder tagelang über sie nachdenken könne. Nachdenklich macht aber auch die transkulturelle Dimension in „I phone you“. Mag der westliche Zuschauer anfangs noch sehr befremdet auf die platte und oberflächliche Welt der jungen Ling in Chongqiing mit ihrem idiotischen Job, ihren einfältigen Freundinnen und dem seichten Partyleben blicken, so entwickelt er schon bald so etwas wie Scham angesichts der um ein Vielfaches roheren Berliner Kneipengespräche. Der Kontrast öffnet einem gewissermaßen die Augen. Und dann Lings ungläubig-erschrockener Blick auf die Brotstullen, die man ihr im Polizeigewahrsam serviert: Soll man so etwas etwa essen? Gute Dienste zur Überbrückung der Kommunikationsbarriere zwischen Ling und Marco leistet schließlich noch das deutsch-chinesische Übersetzungs-App des iPhones, indem Ling ihre Schimpfwörter auf Chinesisch eintippt und sie Marco auf dem iPhone-Display am langen Arm auf Deutsch entgegenstreckt. Da erscheint dann zum Beispiel: „Hund vom Chef“.
Und noch ein Gutes hat die DDR-Zensur-erprobte Behutsamkeit, mit welcher der seit 1952 als freischaffender Drehbuchautor und Schriftsteller tätige Wolfgang Kohlhaase seinen immer wachen und kritischen Blick in die Film-Dialoge einfließen lässt: Der Film darf voraussichtlich bald auch in China gezeigt werden.
I Phone You
Deutschland/China 2011
Regie: Dan Tang
Drehbuch: Wolfgang Kohlhaase
95 Minuten, FSK: 6
Darsteller: Jiang Yiyan, Florian Lukas, Wu Da Wei, Wang Hai Zhen, Nicole Ernst, Deng Jia Jia, Bing He, Annette Frier, Marie Gruber, Tino Mewes, Fritz Roth, Alexander Yassin
www.justament.de, 23.5.2011: Seelenverkäufer
R.E.M. auf ihrem neuen Album Collapse into Now
Thomas Claer
Ein neues Album von R.E.M.? Na und? Wen interessiert das denn? Mit denen ist man doch schon seit Ewigkeiten fertig, denkt man. Spätestens seit 1996, seit ihrem Fünfplattenvertrag mit Warner, der ihnen die damals allgemein als obszön empfundene Summe von 80 Millionen US-Dollar einbrachte, hatten die einstigen Galionsfiguren des amerikanischen Alternative-Rock ganz einfach jede Credibility verloren. Aber es gibt sie noch. Und in Zeiten, wo junge blasse Nerds für zusammengeschusterte Internetseiten Milliarden einsacken, sieht man vielleicht manches in milderem Licht. Außerdem wurde die neue Platte teilweise in Berlin aufgenommen und soll sogar, so wurde im Vorfeld gemunkelt, stilistisch an Element of Crime erinnern. O.K., das zieht natürlich beim Justament-Rezensenten. Also mal reingehört in „Collapse into Now“, zuvor aber noch einmal die Erinnerungen ans Frühwerk der Band aufgefrischt. Die sorgsam verwahrten alten Scheiben bleiben im Plattenschrank, alle Song-Perlen von einst warten ja nur wenige Klicks entfernt auf YouTube. Oh, da wird einem aber ganz sonderbar. Klar, diese Songs sind schon recht pathetisch. Man hört es jetzt mit ein paar Jahren Abstand naturgemäß deutlicher heraus als damals. Und doch ist es vollkommen unmöglich, Liedern wie „Maps and Legends“, „Fall on me“, ja selbst dem Welthit „Losing My Religion“ (mit dem 1992 der große Ausverkauf begann) ohne ein Gefühl der Ergriffenheit zu lauschen. Was für eine großartige Musik! Und nun also das neue Album, das 15. Studioalbum der Band soll es schon sein. Da muss man aber inzwischen so einiges verpasst haben. Soviel ist sicher: Nach Element Of Crime klingen sie nun wirklich nicht, dafür aber nach all den Jahren immer noch sehr nach R.E.M. Mal kraftvoll und rockig, mal elegisch. Nur gibt es, mit jedem Hören wird es deutlicher, doch recht häufig überaus glatte, fast schon banale Passagen. Nicht, dass diese Musik einem gänzlich unangenehm wäre, aber alles ist eben nicht besonders aufregend. Auch das ambitionierteste Stück „ÜBerlin“ ragt nur unwesentlich heraus. Der Eindruck verdichtet sich, dass R.E.M. ihren großen alten Songs nichts von Belang mehr hinzuzufügen haben. Vielleicht ist das ja der Preis der Kommerzialisierung! Wäre Bandleader Michael Stipe (inzwischen 51) damals seinem Freund und Kollegen Kurt Cobain ins Nirvana gefolgt, wären R.E.M. unsterbliche Helden geblieben. Das Urteil lautet: befriedigend (8 Punkte).
R.E.M. – Collapse into Now
Collapse into Now
Warner Brothers 2011
Ca. € 17,-
ASIN: B004KB4RL8
PS: Am 21. September 2011 gaben R.E.M. auf ihrer Website die Auflösung ihrer Band bekannt. Als ob sie diesen Text gelesenn hätten…
www.justament.de, 26.4.2011: Wiedergeborener Geliebter
Recht cineastisch, Teil 8: Das Klon-Drama “Womb“ mit Eva Green
Thomas Claer
Eva Green ist eine Schauspielerin zum Niederknien. Wie sie 2003 in „Die Träumer“ von Bernardo Bertolucci als Pariser Professorentochter im Mai 1968 in einer Art vorweggenommenem Mini-Flashmob Hand in Hand mit Bruder und Liebhaber durch den Louvre stürmte und sich mit ihnen im pantomimischen Filmzitate-Raten übte, das verschlug einem den Atem. Später hat Eva Green dann aber auch weniger schmeichelhafte Dinge getan, wurde 2006 zum James Bond-Girl und posierte gar in Werbespots, so dass man schon geneigt war, sie abzuschreiben. Und jetzt das: eine triumphale Rückkehr zum Autorenkino in den Film eines weitgehend unbekannten ungarischen Regisseurs. Dieser Streifen ist so independent, dass er eine Woche nach seinem Start in gerade einmal drei Berliner Kinos gezeigt wurde und sich abends im „Hackesche Höfe Kino“, während sich draußen die Massen in den Cafés drängelten, ganze vier Besucher verloren. Dabei hätte „Womb“ durchaus mehr Beachtung verdient, denn es werden große, abgründige Fragen verhandelt und die fatalen Konsequenzen aufgezeigt, die ein allzu optimistischer Einsatz neuer biotechnischer Errungenschaften mit sich bringen kann.
Zwischen den zwölfjährigen Kindern Rebecca und Tom reift während Rebeccas Ferienaufenthalt in einer abgelegenen Küstengegend an der Nordsee bei ihrem Großvater einen Sommer lang eine tiefe Freundschaft. Als Rebecca zu ihrer Mutter nach Tokio zieht, schwören sie sich ewige Treue. Nach zwölf Jahren kommt Rebecca in das Haus ihres verstorbenen Großvaters zurück und trifft in der Nachbarschaft auf den noch immer dort lebenden, inzwischen Biologie studierenden Tom. Die nur wenige Tage dauernde leidenschaftliche Romanze zwischen ihnen findet ihr jähes Ende, als Tom bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt. Wir befinden uns, was erst an dieser Stelle deutlich wird, bereits in der nahen Zukunft. Das reproduduzierende Klonen von Menschen ist möglich und bezahlbar. So lässt sich Rebecca, die auf Tom nicht verzichten kann, das Erbgut ihres verunglückten Geliebten in den Unterleib einpflanzen und bringt ihn so gewissermaßen ein zweites Mal auf die Welt. Man kann sich vorstellen, wie es weitergeht: Die begehrlichen Blicke Rebeccas auf ihren biologisch nicht mit ihr verwandten, heranwachsenden Sohn, der doch notwendigerweise ein ganz Anderer ist als ihr früherer Geliebter, lassen den Zuschauer ratlos zurück. Ein Drama, das unter die Haut geht.
Womb
Deutschland/ Frankreich/ Ungarn 2010
Regie: Benedek Fliegauf
Drehbuch: Benedek Fliegauf
107 Minuten, FSK: 16
Darsteller: Eva Green, Matt Smith, Lesley Manville, Peter Wight, Istvan Lenart, Hannah Murray u.v.a.
www.justament.de, 4.4.2011: Da weiß man, was man tut
Das Creifelds Rechtswörterbuch in 20. Auflage
Thomas Claer
Nach vier Jahren wieder ein neuer Creifelds – die Welt, die hier in bewährter Manier durch die rechtliche Brille betrachtet wird, ist eine andere geworden. Der Vertrag von Lissabon, die Reform des Beamten- und des GmbH-Rechts – das und vieles mehr hat auf nunmehr 1500 Seiten, 20 mehr als in der Vorausgabe von 2007, erstmalig Berücksichtigung gefunden. Und wieder einmal liegt der große Vorzug in der begrifflichen Kürze und Präzision. Der Lissaboner Vertrag, komprimiert auf 47 eng bedruckte halbseitige Zeilen – der Creifelds bringt es auf den Punkt. Unter „Anlageberatung“ steht, dass das „Wertpapierdienstleistungsunternehmen über jede A. eines Privatkunden ein Protokoll anfertigen“ und „ein Schadensersatzanspruch wegen mangelhafter A. nach Ablauf des 3. Jahres nach Kenntniserlangung verjährt, ohne Rücksicht darauf in 10 Jahren.“ Das „Ehrenwort“, erfahren wir, „ist eine Bekräftigung einer Erklärung unter Bezugnahme auf außerrechtliche Maßstäbe und i.d.R. rechtlich ohne Bedeutung“. Ja, das ganze Leben ist ein Fall – und wir sind nur die, die all das dank Creifelds durchschauen. Günstig ist seine Anschaffung bei einem Preis von 46 (Vorausgabe 44) Euro zwar nicht gerade. Auch ist er als alleinige Lernhilfe zum Klausurenschreiben in Studium oder Referendariat naturgemäß nur etwas für ganz Mutige. Doch vermittelt er etwas in der juristischen Ausbildung eher Seltenes: Übersicht, Zusammenhänge, Hintergründe. Dieses Buch ist der erbitterte Feind des Fachidiotentums. Wohl wahr: Wer regelmäßig einen Blick in den Creifelds wirft, kriegt dadurch nicht unbedingt bessere Noten, aber er wird ganz sicher mehr verstehen von dem, was er da gerade lernt und tut. Schließlich noch ein kleiner Verbesserungsvorschlag: Vielleicht ist es nicht gerade völlig falsch, aber doch eher ungewöhnlich, „Grafitti“ statt „Graffiti“ zu schreiben, wie es der Creifelds tut (S.546). Jedenfalls sind letztgenannte „i.d.R. keine Sachbeschädigung“, jedoch „strafbar gem. § 303 II StGB“.
Creifelds Rechtswörterbuch
20. neu bearbeitete Auflage 2011
Verlag C.H. Beck
1500 Seiten, EUR 46,00
ISBN 978-3-406-59578-3
Justament März 2011: Fromme Rehabilitierung
Nina Hagen entdeckt ihren “Personal Jesus”
Thomas Claer
In Würde zu altern, das ist die große Herausforderung für so viele Rock’n Roll-Helden von einst. Doch kann man nicht unbedingt behaupten, dass dies Nina Hagen, inzwischen auch schon 55, besonders gut gelungen wäre. Wenn sie in den letzten Jahren ein ums andere Mal durch mittelmäßige Fernsehshows tingelte und wild grimassierend von UFOs und Erleuchtung schwadronierte, sich schließlich sogar für menschenverachtende Casting-Shows im Privatfernsehen hergab, dann dachte man nur mit Wehmut an die rebellische junge Frau von ehedem, die eine so einzig- wie großartige Mischung aus Komik und Erotik verkörperte. Vom launisch-frechen DDR-Schlagersternchen (“Du hast den Farbfilm vergessen”) wandelte sie sich nach ihrer Übersiedlung in den Westteil Berlins schnell zur exzentrischen Punk-Diva, die 1978 mit “Nina Hagen Band” eines der stärksten deutschen Punk-Alben aller Zeiten herausbrachte. Sie sang darauf vom Klo auf’m Bahnhof-Zoo, vom Farbfernsehen zwischen Ost und West und vom Feminismus (“Ich bin nicht deine Fickmaschine”), fühlte sich “unbeschreiblich weiblich” und war dabei immer “sooo heiß” … einfach unvergesslich!
Nun ist Nina Hagen also, ausgerechnet sie, die notorische Autoritätenverspotterin!, irgendwie auf die christliche Schiene gekommen. “Personal Jesus” ist die Zusammenstellung von 13 Hagenschen Neuinterpretationen bekannter (ganz überwiegend amerikanischer Gospel-) Songs aus (ganz überwiegend) längst vergangenen Zeiten. Und das vage Misstrauen des Rezensenten findet umgehend Bestätigung: Die etwas dümmliche Fröhlichkeit der meisten dieser Nummern kann einem schon nach kurzer Zeit auf den Wecker fallen, ganz zu schweigen von ihrem oft einfältigen Inhalt. Unwillkürlich fühlt man sich an die “Jungen Christen” in der Comedy-Sendung Switch, an Sarah Palin und die amerikanische Tea Party-Bewegung erinnert. Seine starken Momente hat das Album hingegen, wenn es musikalisch in Richtung Pop, Jazz oder Blues geht. “Personal Jesus” von Depeche Mode ist eben einfach ein echt starker Song, dessen Nina-Adaption sich dem Original nahezu als ebenbürtig erweist. Auch “Sometimes I ring up heaven” lässt sich hören und ganz besonders das mindestens 70 Jahre alte “Mean old world”. Hier stimmt einfach alles, auch Ninas verrauchte Stimme, die allerdings eindringlich vor Augen bzw. Ohren führt, wohin jahrzehntelanger Nikotin-Abusus führen kann. Positiv anzumerken ist schließlich noch, dass die CD, was bei einer unrettbaren Ulknudel wie Nina Hagen schon etwas heißen will, völlig ohne Blödeleien auskommt. Gut, dass jemand sie gebremst hat. Das Gesamturteil lautet daher: befriedigend (8 Punkte).
Nina Hagen
Personal Jesus
Koch Universal Music (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003M8DV5S
Justament März 2011: Elementare Adaptionen
Element Of Crime präsentieren “Fremde Federn”
Thomas Claer
Nun haben sie es also doch noch getan. Schon vor fast zehn Jahren, gleich nach dem Romantik-Album, wurde die Idee im Forum auf der EOC-Homepage lebhaft diskutiert, mal eine B-Seiten-Compilation rauszubringen. Und jetzt wird unsere Geduld also belohnt. Auf “Fremde Federn” finden sich nicht weniger als 20 von Element Of Crime gespielte, aber von anderen mehr oder weniger prominenten Musikern geschriebene Songs, die es bislang nur auf – zum Teil längst vergriffenen – Singles oder auf irgendwelchen Samplern oder Soundtracks gab. Und allein für das vortreffliche Wortspiel des Album-Titels hätten sie eigentlich schon alle Punkte in dieser Rubrik verdient. Doch wie so oft im Leben, wenn sich ein großer Wunsch erfüllt, stellt sich zwangsläufig auch eine gewisse Enttäuschung ein. Die Rockversion des “Liedes von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens” aus der Dreigroschenoper etwa klingt ohne das laute Geknister auf der Satellite Town-Single, die ich vor langen Jahren einmal erstanden habe, seltsam unvollständig, irgendwie längst nicht mehr so toll. Beim “Ruf aus der Gruft”, dieses Stück befand sich nur auf der dazugehörigen Maxi-Single, die ich zu meinem Leidwesen bis heute nirgendwo auftreiben konnte, handelt es sich gar nur um eine zweiminütige und ziemlich maue Instrumental-Version.
Aber genug gemeckert. Alles in allem ist diese Zusammenstellung dann nämlich doch der erwartete Hochgenuss. Welche andere Band verstünde es schon, Stücke so unterschiedlichen Temperaments und aus in so diametraler Opposition zueinander stehenden kulturellen Milieus mit solch spielerischer Leichtigkeit ins eigene Klanguniversum zu transformieren? Besonders überzeugt ihre Interpretation betagter deutscher Schlager, die deren mitunter erstaunlicher textlicher Raffinesse auf überraschende Weise neue Geltung verschafft. So lautet die Definition von “Heimat” im gleichnamigen, ehedem von Freddy Quinn gesungenen, Song: “Wo ich die Liebste fand/ da ist mein Heimatland”. Na, wenn das so ist, wird man am Ende sogar noch gerne heimattreu. Besondere Höhepunkte sind ferner “Leider nur ein Vakuum” (von Udo Lindenberg), “Zwei Gitarren” und “Akkordeon” (jeweils von Alexandra), “You only tell me you love me, when you’re drunk” (von den Pet Shop Boys), “Blaumeise Yvonne (von Andreas Dorau), “Le Vent Nous Portera” (von Noir Desir) und “She brings the rain” (von Can). Das Gesamturteil lautet: gut (14 Punkte).
Element Of Crime
Fremde Federn
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0
www.justament.de, 28.2.2011: Expertin für das schöne Leben
Christiane Rösinger debütiert solo mit „Songs Of L. And Hate“
Thomas Claer
Vergesst Lady Gaga, vergesst Lena und alle anderen gleich mit! Der Popstar des Jahres 2010 heißt eindeutig Christiane Rösinger. Nun mag sich manch einer fragen: Wer ist überhaupt Christiane Rösinger? Und erst recht werden sich viele im letzten Herbst gewundert haben, als auf dem Cover von Stadtmagazinen und Musikzeitschriften eine wenig fotogene Frau Ende 40 mit zerfurchtem Gesicht in wenig eleganter Kleidung auftauchte. Wer dann neugierig auf YouTube klickte, sah Christiane Rösinger in einer belebten Straße sitzen und hörte sie mit verrauchter Stimme ihr Lied ankündigen und dachte schon „Naja …“, um im nächsten Moment vor freudiger Verzückung fast vom Stuhl zu fallen. Denn Christiane Rösinger singt mit plötzlich wie verwandelter glockenheller Stimme Melodien, die bezaubern, und Texte, deren Intelligenz und melancholischer Tiefsinn einen bis ins Mark erschüttern können. Vor allem aber verfügt sie über einen umfangreichen Backkatalog bärenstarker Songs aus früheren Tagen, die sie in den letzten 22 Jahren mit ihren Bands „Lassie Singers“ und „Britta“ aufgenommen hat und nun immer wieder gerne auch solo zum Besten gibt. „Liebe wird oft überbewertet“ ist so ein Lied, das einen in seiner augenzwinkernden Parolenhaftigkeit mit Macht ergreift, auch „Depressiver Tag“ oder „Wer wird Millionär?“ sind wahre Perlen. In letzterem Britta-Song artikulierte sie präzise die angefressene Kreuzberger Befindlichkeit dieser Tage: „Ist das noch Boheme oder schon die Unterschicht?“ Denn: „Das Geld ist platt und will auch platt geschmeichelt sein“ Doch wie tröstlich ist da die Schlusszeile: „Und für uns bleibt nur das schöne Leben“. Auch als Autorin eines gleichnamigen Buches hat Christiane Rösinger vor ein paar Jahren von sich reden gemacht. Und nun also ihr erstes Solo-Album… Nicht, dass es schlecht wäre, ganz im Gegenteil! Aber zumindest hinter den Höhepunkten ihres „Frühwerks“ bleibt es insgesamt dann doch ein wenig zurück. Gleichwohl macht es viel Freude, sich in der „melancholischen Hypochondrie“ dieser Texte zu verlieren und Songs wie „Ich muss immer an dich denken“ zu lauschen. Das Urteil lautet: vollbefriedigend (10 Punkte).
Christiane Rösinger
Songs Of L. And Hate
Staatsakt (Rough Trade)
Ca. € 17,-
ASIN: B003ZUB506
Hörproben:
www.justament.de, 17.1.2011: Redseliger Rock-Rentner
Achim Reichel erzählt und singt auf „Solo mit euch“ – und greift tief in die Schatztruhe seines Frühwerks
Thomas Claer
Wenn Rockmusiker in die Jahre kommen, dann gibt es zu den Jubiläen nicht selten entsprechende Konzerte, und aus diesem Material erwächst dann wiederum meist eine C-, wenn nicht gleich DVD – oder noch besser: beides nebeneinander. So hält es auch der Hamburger Ex-Boygroupstar, Ex-Krautrocker, Shanty- und Volksliedadoptierer, Balladen- und Großstadtlyrikvertoner Achim Reichel, inzwischen 66. Anlässlich seines Eintritts ins gesetzliche Rentenalter ist von ihm nun schon das dritte Live-Album in nur 16 Jahren erschienen. Doch anders als auf „Große Freiheit“ (1994) und „100 % Leben“ (2004) versucht sich Reichel diesmal auf der ersten der beiden CDs von „Solo mit euch“ auch als unterhaltsamer „Storyteller“, der heiter und beschwingt Anekdoten aus seinem bewegten Musiker-Leben zum besten gibt. Und was soll man sagen, man hört das alles schon ganz gerne, zumal hier erfreulicherweise auch die Hinter- und Beweggründe so mancher seiner früheren – oft überraschenden – konzeptionellen Neuausrichtungen erklärt werden. Auf der zweiten CD finden sich dann Solo- (d.h. nur von Berry Sarluis auf dem Akkordion und Pete Sage auf der Violine begleitete) Einspielungen vieler Reichel-Klassiker, aber auch etlicher Songs, die er locker zwanzig oder gar dreißig Jahre nicht mehr live gespielt haben dürfte. Seine Rock-Version des alten Seemanns-Schlagers „Sie hieß Mary Ann“ gab es bislang nur auf der nie als CD gepressten Compilation-Platte „Rock in Deutschland, Vol. 7“ von 1981! Und auch der „Blonde Hans“ vom Skandal-Poeten Kiev Stingl und die wunderbar böse Christian Morgenstern-Adaption „Sophie, mein Henkersmädel“ hat man schon verdammt lange nicht mehr von ihm gehört. Die größte Entdeckung ist aber zweifellos „Mama Stadt“ aus der Feder des 1987 tragisch verunglückten Popliteraten Jörg Fauser, ein bislang eher unauffälliges Stück vom legendären „Blues in Blond“-Album aus den frühen Achtzigern, das hier in der reduzierten Version mit ihren lapidaren Gitarrenriffs zu ungeahnter Größe aufsteigt. „Blätter fall’n von totgesagten Bäumen …“ heißt es dort, und: „Die Leben geben dürfen sich auch Leben nehmen/ Und sich aus Trümmern Träume baun“. Das hat schon Klasse! So möchte man Achim Reichel am Ende inständig bitten, doch künftig bei der Auswahl seiner Songs ruhig noch etwas tiefer in die versunkene Schatztruhe seines Frühwerks zu greifen. Spätestens zum 70. Geburtstagskonzert wünschen wir uns endlich einmal den „Fliegenden Holländer“ vom Klabautermann-Album (1977), auch wenn manche Aloha Heja He-Fans damit vielleicht wenig anfangen können. Oder noch besser: „Zehn Jahre lebenslänglich“ von A.R. 3 (1972). Das Urteil lautet: voll befriedigend (12 Punkte).
Achim Reichel
Solo mit euch
Doppel-CD
Indigo 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B003Y5W3Z8
1. Januar 2011: Ahnenfoschung, Teil 1
Internet-Recherche zur Ahnenforschung über die Familie Claer
Thomas Claer
Ausgangspunkt ist der in der Familie Claer überlieferte Stammbaum, der bis auf meinen Ururgroßvater Franz Claer, geb. 1841 in Ostpreußen, zurückgeht. Bereits in der Anlage des Stammbaums äußert mein Großvater, Gerhard Claer, die Vermutung, dass die Vorfahren der Familie Hugenotten waren, die vor allem im 17. Jahrhundert, um religiös bedingter Verfolgung zu entgehen, aus Frankreich in den deutschen Sprachraum eingewandert sind. Weiterhin weist er in der genannten Anlage auch auf die abweichende, dem Französischen noch näher stehende Schreibweise „Clair“ hin, die in Ostpreußen ebenfalls auftritt. So ließen sich in Kirchenregistern des 19. Jh. in Ostpreußen einige Personen mit dieser Schreibweise des Namens finden, wobei als deren Berufsbezeichnung mehrmals Förster sowie Gendarm angegeben sei. Ferner wusste mein Großvater nach Aussage meines Onkels, Dr. Karl Scheibner, zu berichten, dass die Familie früher adelig war und „de Claer“ oder „de Clair“ hieß. Letzteres wurde aber von anderen Familienmitgliedern als Humbug abgetan.
Nunmehr eröffnet sich uns im digitalen Zeitalter aber die Möglichkeit, der Lösung des Rätsels auf relativ einfachem Wege näher zu kommen, nämlich durch eine simple Internet-Recherche, die ich also in diesen Tagen, zum Jahreswechsel 2010/2011, vorgenommen habe. Hier die Ergebnisse nebst meiner Interpretation:
Zunächst berichtet ein Nutzer eines Forums zur Ahnenforschung von einem seiner Vorfahren, Wilhelm Friedrich Claer, der 1824 in Corgeiten/Germau, Krs. Fischhausen/Ostpreussen, geboren und 1889 in Rahnkalwen /Dittlaken gestorben sei. Er sei „königlicher Forstaufseher, königlicher Förster“ gewesen. Sein Sohn Otto Wilhelm Claer, der am 28.12.1859 in Argenthal/Ostpreussen geboren worden sei, wäre „Revierförster, herrschaftlicher Förster“ gewesen und wohl in den 1890er Jahren nach Schlesien übergesiedelt. In der Familie sei „überliefert“, „dass in dem Namen wohl franz. Vorfahren verborgen liegen könnten“. (http://forum.ahnenforschung.net/showthread.php?t=19367)
Bezüglich der Familie „de Claer/de Clair“ wird man besonders fündig im Stadtarchiv Sankt Augustin (Rhein-Sieg-Kreis, NRW, Nähe Bonn). Dort heißt es unter Findbuch (SN 29 Familienarchiv von Claer): „Im Einzelnen enthält der Bestand 30 Archiveinheiten (AE) der Jahre 1652 bis 1978 … In der Familie von Clair/de Clair/de Clara lassen sich seit mehreren Jahrhunderten u.a. Personen nachweisen, die höhere Ränge in Verwaltung und Militär bekleidet haben. Die Familie siedelte sich im späten 17. Jahrhundert im Rheinland an und stellte mehrere kurkölnische Statthalter des Amtes Wolkenburg und der Burggrafschaft Drachenfels, mit Franz Bernhard de Claer (1785-1853) den zeitweiligen Adjutanten vom Landsturm im Siebengebirge, Stadtkommandeur in Bonn und Domänenrat sowie mit Eberhard von Claer (1871-1946) den langjährigen Bürgermeister des Amtes Menden (Rhld.).
Das Familienarchiv enthält Splitter aus dem privaten und beruflichen Leben einzelner Familienmitglieder zwischen 1652 und 1943. Der jeweilige Kontext erschließt sich häufig aus der 1929-1932 von Alexander von Claer verfassten Familiengeschichte (siehe Literatur).
Das Familienarchiv muss in früheren Jahren bedeutend umfangreicher gewesen sein und war zumindest in Teilen geordnet und nummeriert. Viele Einzelschreiben, die nicht mehr im Bestand vorliegen, sind in Alexander von Claers Familiengeschichte zitiert bzw. transkribiert. Offensichtlich wurden nach dem Zweiten Weltkrieg viele Schreiben des Archivs unter verschiedene Mitglieder der Familie von Claer/Trolldenier aufgeteilt.“ (http://www.archive.nrw.de/LAV_NRW/jsp/findbuch.jsp?archivNr=140&tektId=72&id=010&klassId=1)
Die älteste genannte Quelle ist: „1652 – Bewerbung des Bartholomäus de Clara beim Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg um eine Schöffenstelle in Rees (am Niederrhein, Anm. T.C.) samt urschriftlicher Antwort“.
Weiter heißt es: „Als Literatur zur Geschichte der Familie von Claer sind zu nennen:
J.J. Sluyter: Die rheinische Familie de Claer, in mehreren Ausgaben der Zeitschrift ’Niederrheinischer Geschichtsfreund’, Kempen 1882-1883 (mit zahlreichen handschriftlichen Ergänzungen im Bestand als SN 29/4).
Alexander von Claer: Familiengeschichte von Claer, München 1929-1932, Neuauflage Frankfurt/Main 1979 (im Bestand als „SN 29/1“ sowie in der Bibliothek des Stadtarchivs unter der Signatur „S06A Clae1“).“
Ebenfalls einiges zu bieten hat das Stadtarchiv Meckenheim (Rheinland, ebenfalls Rhein-Sieg-Kreis, südliches NRW): Dort findet sich auch Bildmaterial, darunter die Abbildung des Familienwappens. (http://www.stadtmuseum-meckenheim.de/geschichte.htm)
Außerdem findet sich ein Bericht in einer historischen Zeitschrift, wonach eine Kirche in Königswinter (ebenfalls in der besagten rheinischen Gegend belegen), nachdem sie durch einen verheerenden Brand vernichtet worden war, wiederaufgebaut wurde – und zwar mit den Geldern der Familie de Claer. „Zu ihrem Reichtum“, heißt es dort, „war die Familie de Claer im Geld- und Weingeschäft gekommen. Von 1711 bis 1755 war Philipp Heinrich de Claer Statthalter. Der vermögende Junggeselle wohnte in seinem repräsentativen Haus in der Haupt-Strasse – dem heutigen Haus Nr. 392.“ ( http://www.rheinkiesel.de/pdf/rk0508.pdf)
Die Namensänderung von „de Claer“ in „von Claer“, so weiß Wikipedia, erfolgte im späten 19. Jh.: „Eberhard war der Sohn des späteren Generalleutnants de Claer. Die Familie erhielt mit Genehmigung vom 28. April 1882 die Erlaubnis zur Führung des Namens von Claer.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_von_Claer_%28General%29)
Besonders erwähnenswerte Familienmitglieder sind schließlich:
1. der bereits genannte Franz Bernhard de Claer (1785-1853). Er war Adjudant des 1813 gegründeten Freiwilligen Landsturms Banners des Siebengebirges zur Befreiung von der Franzosenherrschaft. Nach ihm wurde in Königswinter eine Straße benannt. (http://de.wikipedia.org/wiki/K%C3%B6nigswinter)
2. der ebenfalls schon erwähnte Eberhard de Claer (1871-1946), langjähriger Bürgermeister des Amtes Menden und Privatgelehrter. Verfasser zahlreicher Beiträge in historischen Fachzeitschriften und Inhaber einer umfangreichen Sammlung von Abschriften aus Bonner Gerichtsakten der frühen Neuzeit (http://www.thomas-p-becker.de/TPB/Hexen/hexbonn.html)
3. Bernhard Eberhard Theodor von Claer (07.12.1888 in Berlin – 29.03.1953 in Göttingen), General. (http://www.unithistories.com/officers/bio/german/HeerC.htm)
4. Carl-Gideon von Claer (genannt „Atom-Claer“), Oberst der Reichswehr und später Führungsstäbler der Bundeswehr für atomare Kampfführung sowie „militärischer Mitarbeiter“ des SPIEGEL und SPIEGEL-Autor. Verfasser einer SPIEGEL-Glosse am 13.2.1967 über adlige Seilschaften in der Bundeswehr („Das Monokel der Armee“). Wurde daraufhin aus Adelskreisen als „Nestbeschmutzer“ diffamiert, die ihm nahe legten, das „von“ aus seinem Namen zu streichen. (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46369571.html, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46409541.html, http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-46394422.html)
5. Eberhard von Claer (* 9. August 1856 in Lüben; † 28. April 1945 in Langensalza). Preußischer Offizier, zuletzt General der Infanterie im Ersten Weltkrieg. Am 25. August 1914 wurde er mit der Führung des neuaufzustellenden XXIV. Reserve-Korps beauftragt, bevor er am 12. September 1914 zum Kommandierenden General des VII. Armee-Korps (auch Westfälisches Korps) ernannt wurde. 1915 verlieh ihm der Kaiser in Anerkennung seiner Verdienste den Pour le mérite. (http://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_von_Claer_%28General%29)
6. Eberhard von Claer (* 9. Juni 1923 in Königsberg/Ostpreußen) ist ein deutscher Politiker (CDU). Während des Krieges zweimal verwundet und nach dem Krieg zu 90 Prozent schwerkriegsbeschädigt. Nach seiner Flucht 1945 aus Ostpreußen begann er in Göttingen sein Studium der Rechts- und Staatswissenschaften. Zwischen 1949 und 1954 legte er sein juristisches Staatsexamen ab und war im Anschluss zwischen 1954 und 1960 in der Finanzverwaltung des Landes Niedersachsen beschäftigt. Vorsitzender des Landesverbandes Oldenburg der Union der Vertriebenen und Flüchtlinge in der CDU/CSU. 1976-1978 Mitglied des niedersächsischen Landtags. ( http://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_von_Claer)
7. der auch bereits genannte Alexander Karl August von Claer (11.6.1862-11.8.1946). Major der Reichswehr, wird im Februar 1904 unter Beibehaltung seiner Stellung als Militärataché in China zum ersten deutschen militärischen Vertreter in Seoul ernannt (wenige Wochen vor Ausbruch des russisch-japanischen Krieges im Februar 1904). Wird genannt in der Liste „Germans in Korea prior to 1910“ Korea-Aufenthalte 04.03.1904 – 05.1905 und noch einmal 25.11.1906-27.11.1906 (Informationsreise). Verfasser der „Familiengeschichte von Claer“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_von_Claer) Verschickte mit anderen im Herbst 1880 ein Rundschreiben an die Alten Herren und den KSCV, um die Auswüchse und Mißbräuche der Kösener Sitten abzuschaffen. Die Zustimmung war groß. Unter den 4.077 Unterschriften der Beteiligungslisten waren die des Kronprinzen Wilhelm und des Fürsten Bismarck. (Zandersche Bewegung) (http://de.wikipedia.org/wiki/Corps)
Ferner gibt es die folgende Liste mit verstorbenen Trägern des Namens von Claer aus dem 20. Jh:
Claer, Christoph v., verunglückter Junge aus Kolberg
Claer, Erna v., Diakonisse in Rente aus Wiesbaden
Claer, Hans-Eberhard v., Fahnenjunker-Gefreiter aus München
Claer, Helmut v., Oberleutnant aus Vilich
Claer, Helmuth v., Leutnant aus Kolberg
Claer, Ilse v., geborene Schönian
Claer, Irmela v., geborene v.der Lancken, aus Frankfurt am Main
Claer, Otto v., Finanzgerichtspräsident ausser Diensten
Claer, Wichard v., Bundesbankdirektor ausser Diensten aus Frankfurt am Mai (Gedruckte Traueranzeigen des deutschen Adels 1912-2009 http://home.foni.net/~adelsforschung2/anzeig01.htm)
Bleibt nun aber noch die Frage, wie aus „de Clair/de Claer“ „Claer/Clair“ werden konnte. Zunächst ist, wie allen hier zusammengetragenen Belegen entnommen werden kann, auszuschließen, dass hier eine spätere Adelung einer ursprünglich nicht adeligen Familie vorliegt. Hier ist es genau anders herum. Die Namensvariante mit Adelstitel ist bis ins 17. Jahrhundert zurück zu verfolgen, die Variante ohne Adelstitel lediglich bis ca. 1830. Ein Teil der Familie muss also den Adelstitel verloren haben. Hierfür gibt es drei Möglichkeiten: 1. Aberkennung wegen schwerer Verfehlungen (Verbrechen etc.) – nicht sehr häufig aufgetreten, 2. freiwillige Ablegung aufgrund der politischen Einstellung (Sozialdemokraten, Kommunisten, später Grüne) – auch nicht so sehr häufig, 3. Nachkommen von Adeligen durch Mesalliancen (nicht standesgemäße Verbindungen) oder Seitensprünge mit nachträglicher Legalisierung, in solchen Fällen wurde den Nachkommen oft das „von“ aberkannt, bzw. sie wurden aus dem Familienverband ausgeschlossen. – Das ist wohl die Ursache für viele Namensträger eines adligen Namens ohne “von”. (http://www.ahnen-und-wappen.de/forum/index.php?page=Thread&threadID=3991)
Aber wie kam die eher im Rheinischen angesiedelte Familie in Teilen nach Ostpreußen? Wohl nicht erst über den Vater des oben unter 6. erwähnten Lokalpolitikers Eberhard von Claer (* 9. Juni 1923 in Königsberg/Ostpreußen), nämlich Bernhard von Claer (wahrscheinlich ist es jener unter 3. genannte, also 07.12.1888 in Berlin – 29.03.1953 in Göttingen), der laut Wikipedia-Profil „im Militär tätig war“ und „häufig versetzt“ wurde. (http://de.wikipedia.org/wiki/Eberhard_von_Claer) Denn der Stammbaum der adelslosen Familie Claer in Ostpreußen reicht ja sogar bis ca.1830 zurück. Vielleicht wurden auch schon die preußischen Offiziere früherer Generationen mitunter in östliche Provinzen versetzt. Oder dem bereits aus der rheinischen Adelsfamilie de Claer ausgeschlossenen Vorfahren wurde zur Kaschierung der Familien-Schande eine Existenz als königlicher Förster weit draußen in Ostpreußen angeboten.
Aber all das ist bisher nur Spekulation…
Fortsetzung folgt.






