www.justament.de, 3.5.2010: Everybody’s Darling

Eine Ausstellung im Schloss Charlottenburg zum 200. Todestag der preußischen Königin Luise

Thomas Claer

Bild LuiseVor zweihundert Jahren gab es natürlich noch keinen Popstarkult im eigentlichen Sinne. Aber wie will man es sonst nennen, wenn eine junge, schöne und allseits beliebte preußische Königin ihre Tücher auf besondere Weise um die Schultern zu tragen pflegte, und junge Menschen verschiedenster Stände imitierten es? Und all das entstand nur mit den Popularitätsverbreitungsmitteln der damaligen Zeit: Gemälden, immer wieder Gemälden, ein paar versprengten Journalen für die Gebildeten und ansonsten Hörensagen. Die Maler standen förmlich Schlange, um sie zu porträtieren. Doch weit mehr als ihre Schönheit war es ihr natürlicher Charme, der Luise von Mecklenburg-Strelitz (1776-1810), die siebzehnjährig den etwa sechs Jahre älteren späteren preußischen König Friedrich Wilhelms III. ehelichte, zum Gegenstand allgemeiner Verehrung machte. Und so makaber es klingen mag: Nichts ist dem unsterblichen Ruhm förderlicher als ein früher Tod. Mit nur 34 Jahren hat eine Lungenentzündung sie hinweggerafft – worauf die Vereinnahmung und Legendenbildung begann.

Ungezwungene Umgangsformen
Klar, ein solcher Stoff ist wie geschaffen für eine Sonderausstellung im ohnehin sehenswerten Schloss Charlottenburg in Berlin. Kein Wunder, dass die Besucher in Scharen dorthin strömen. Sie werden nicht enttäuscht. Mag man auch die anhaltende Tendenz zur Kommerzialisierung im Ausstellungswesen beklagen, ist es doch allemal anschaulicher, durch die Privatgemächer der Königin zu spazieren, als sich nur durch Wikipedia oder die zahlreichen Verfilmungen oder Bücher zu unterrichten.
Schon der erste Augenschein verrät: Luise wirkt überraschend zeitgenössisch, regelrecht modern mutet der Schnitt ihrer Kleidung auf etlichen Porträts an. Gepriesen wird in den Zitaten auf den Wandtafeln vor allem der für die damaligen Verhältnisse erfrischend unaristokratische Stil der Königin. Von ungezwungenen Umgangsformen ist die Rede, sie duzte sich sogar mit ihrem Gemahl. Doch ging sie bei ihren Tabubrüchen so behutsam vor und erwies der Etikette gerade noch so viel Respekt, dass sie konservative Kreise nicht völlig gegen sich aufbrachte.
Vieles an ihr gilt als Produkt der Erziehung ihrer liberalen Großmutter in Darmstadt, bei der sie ab 1786 aufwuchs und, wie es hieß, so manche Freiheiten genoss. Über den Besuch der vierzehnjährigen Luise (gemeinsam mit Schwester und Oma) in Frankfurt schreibt die Mutter Goethes an ihren Sohn: “Das Zusammentreffen mit der Prinzessin von Mecklenburg hat mich außerordentlich gefreut … von einer steifen Hofetikette waren sie da in voller Freyheit – tantzend – sangen und sprangen den gantzen Tag …” Noch als Jugendliche wird Luise als “kindlich unbefangen und verspielt” beschrieben. Dabei war sie keine eifrige Schülerin, in ihren Briefen häuften sich Rechtschreibfehler. Doch tat das der ihr überall entgegengebrachten Bewunderung keinen Abbruch.

Liebesheirat mit Friedrich Wilhelm
Obgleich von den Eltern arrangiert kann ihre Ehe mit Friedrich Wilhelm als ausgesprochene Liebesheirat gelten, was seinerzeit bekanntlich eher die Ausnahme war. Zum ersten Mal traf Luise den 22-jährigen Kronprinzen am 14. März 1793, am 19. März machte er ihr persönlich seinen Heiratsantrag, und am 24. April fand die offizielle Verlobung statt. Bereits Weihnachten 1793 feierte man Hochzeit. Nach Berichten von Augenzeugen wirkte der Bräutigam, sonst eher schüchtern und introvertiert, an diesem Tag heiter und ausgelassen. Und was auch schon sehr modern anmutet, es gab einen Ehevertrag. Weniger fortschrittlich allerdings war sein Inhalt: Luise sollte eine bestimmte Summe Geldes “zu selbsteigener Disposition” erhalten, die sich bei der Geburt eines Sohnes, nicht aber bei der Geburt einer Tochter deutlich erhöhen würde. Tatsächlich gebar Luise, die 1797 mit 21 Jahren Königin wurde, dann nicht weniger als zehn Kinder in knapp 17 Ehejahren (sieben von ihnen erreichten das Erwachsenenalter), darunter den späteren deutschen Kaiser Wilhelm I. (Nebenbei gesagt ist Luise somit auch die Urgroßmutter des letzten deutschen Kaisers Wilhelm II.) Das hohe Ansehen der Königin war nicht zuletzt ihrem Pflichtbewusstsein geschuldet, das sie trotz eher leichtlebiger Veranlagung in ihrer hoheitlichen Position walten ließ.

Einsatz in der großen Politik
Sie unterstützte ihren Gatten bei dessen politischen Geschäften nach Kräften, machte Außenpolitik und eine gute Figur in ihren Begegnungen mit dem russischen Zaren Alexander und Napoleon. Über Zar Alexander (den Namensgeber des Berliner Alexanderplatzes) liest man in ihren Aufzeichnungen: “Er ist wunderbar gut gebaut und von sehr stattlicher Erscheinung. Er sieht aus wie ein junger Herkules.” Besonders ausführlich widmet sich die Ausstellung ihrem Aufeinandertreffen mit Napoleon, der anschließend an seine Frau nach Paris schreibt: “Die Königin von Preußen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. Aber sei ja nicht eifersüchtig …”

Mausoleum, Insel, Propaganda
Gleich nach Luises Tod ließ Friedrich Wilhelm ein beeindruckendes Mausoleum im Park des Schlosses Charlottenburg errichten, wo sie (wie später noch andere wichtige Familienmitglieder) ihre letzte Ruhestätte fand. Ihr liebster Aufenthaltsort im Charlottenburger Schlosspark erhielt Skulpturen von Amor und Aphrodite, eine steinerne Büste mit ihrem Antlitz und fortan den Namen “Luiseninsel”. Weitgehend schuldlos ist Luise an ihrer postumen politisch-propagandistischen Instrumentalisierung durch deutschnationale Kreise. “Mehr als von der Verleumdung ihrer Feinde hat Luise von der Phrasenhaftigkeit ihrer Verehrer zu leiden gehabt”, befand Theodor Fontane in seinen “Wanderungen durch die Mark Brandenburg” (1862). Wie ungebrochen auch heute noch ihre Wirkung ist, beweist ein frisches Graffiti am Ausgang des Schlossparks zur Spree: ein Herz mit der Inschrift “Luise”.

Luise. Leben und Mythos der Königin
6. März – 30. Mai 2010
Schloss Charlottenburg, Berlin

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