Tag Archives: Fatih Akin

www.justament.de, 10.10.2016: Ein Hoch auf die Walachei!

Recht cineastisch, Teil 28: „Tschick“ von Fatih Akin

Thomas Claer

tschickWelcher 14-Jährige würde sich schon so etwas trauen: einen alten Lada zu klauen und damit einfach abzuhauen, ohne genau zu wissen wohin, außer dass es von Berlin-Marzahn aus in die Walachei gehen soll, die in diesem Fall irgendwo südlich von Berlin liegt und zu einem unbestimmten Sehnsuchtsort wird. Maik Klingenberg jedenfalls, der Held in Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick, hätte sich das normalerweise eher nicht getraut. Aber es gibt ja noch seinen neuen Mitschüler Andrej, den russischen Spätaussiedler, der wegen seines zungenbrecherischen Familiennamens nur Tschick genannt wird. Und als dieser zu Beginn der Sommerferien mit einem geklauten Lada bei Maik aufkreuzt, fahren die beiden einfach los, und es beginnt eine märchenhafte Odyssee, denn Landkarten sind laut Tschick „was für Muschis“.
Klar, dieser Stoff aus Herrndorfs mittlerweile sechs Jahre altem Bestseller schrie regelrecht nach seiner Verfilmung. Und Fatih Akin kam, sah – und hat geliefert. Vor allem in der Auswahl der Schauspieler beweist der zu Recht gefeierte deutsch-türkische Regisseur mal wieder ein exzellentes Händchen. Es genügt vollkommen, dass Tristan Göbel und Anand Batbileg sich selbst spielen, alles andere fügt sich hier gleichsam von allein. Auch dass einem die von Maik so verzweifelt angebetete Klassenschönheit Tatjana Cosic (Aniya Wendel) doch eigentlich recht banal vorkommt, passt ins Bild. So ist das in der Pubertät, wenn die erwachenden Hormone zu tanzen beginnen und den Verstand benebeln… Blendend rüber kommen auch die erfrischenden Dialoge zwischen den beiden jungen Abenteurern. Tschick hat die lustige Eigenheit, dass er stets ein immenses Halbwissen parat hat und mit seinen sehr bestimmt vorgebrachten Behauptungen immer wieder deutlich neben der jeweiligen Sache liegt. Unterwegs treffen die beiden auf die merkwürdigsten Typen und kommen in die aberwitzigsten Situationen. Und am Ende ist zwischen den beiden Protagonisten dann eine wunderbare Freundschaft entstanden, wie sie so wohl nur Teenager schließen können. Ein großer Kino-Spaß.

Tschick
Deutschland 2016
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Lars Hubrich, Hark Bohm, Fatih Akin
Darsteller: Tristan Göbel, Anand Batbileg, Mercedes Müller, Aniya Wendel u.v.a.

P.S.: Wer es den Helden dieses Filmes gleichtun, dabei aber juristisch sauber bleiben will, kann hier einen Lada (Baujahr 1981) mieten, um von Berlin aus die Walachei zu erkunden. Ab 30 Euro pro Stunde.

www.ladamieten.de

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Justament April 2010: Se(e)lig sind die Griechen

Recht cineastisch, Teil 5: Fatih Akins Hamburg-Film “Soul Kitchen”

Thomas Claer

KF Soul KitchenSo funktioniert also die Gentrifizierung in Hamburg: Eine alte frühere Fabrikhalle im  Arbeiterbezirk Wilhelmsburg. Dort, im Armenhaus Hamburgs, liegen die Einkommen lediglich auf dem Durchschnitts-Niveau von Berlin. Der deutsch-griechische Underdog Zinos Kazantsakis (Adam Bousdoukos) betreibt hier ein Restaurant für den Unterschichten-Geschmack, das “Soul Kitchen”. Seine Stammgäste, Hartz IV-Empfänger und abgebrannte Hafen-Existenzen, goutieren die Würstchen- und Schnitzel-Hausmannskost und das schmuddelige Ambiente. Der neue Koch Shayn (Birol Ünel, der finstere Liebhaber von Sibel Kekilli aus Fatih Akins erstem Film “Gegen die Wand”) vertreibt mit seiner Gourmet-Küche nach kurzer Zeit sämtliche alten Kunden. In seiner Verzweiflung lässt Restaurantbetreiber Zinos die Band seines Kellners in den nun leeren Räumen proben. Plötzlich stömt hippes Szenepublikum in die Halle, um die Musik zu hören, und die Leute verlangen nach den Gourmet-Gerichten auf dem Wandanschlag. Der eigentlich schon beurlaubte Koch Shayn wird reaktiviert. Die Halle entwickelt sich blitzschnell zum beliebten Szenetreff. Zinos Geschäfte laufen blendend. Da taucht sein alter Schulfreund von der Gesamtschule, der Immobilien-Unternehmer Thomas Neumann, auf und will das Grundstück kaufen, um auf dem Gelände später Luxuswohnungen zu errichten…
Schwungvoll und witzig geht es zu in der Hamburg-Komödie des deutsch-türkischen Regisseurs Fatih Akin, der sich hier erstmals auch als ein Meister des komischen Fachs erweist. Als hätte er das aktuelle Griechenland-Bashing geahnt, sind die positiven Helden des Films ausgerechnet Griechen. (Ein vorbildlicher Dienst des Regisseurs an der Völkerfreundschaft – vergessen ist die berüchtigte Kebab-Gyros-Rivalität.) Auch als Grieche, nämlich als eigentlich inhaftierter Bruder des Lokalbetreibers, der nur im Wege des Freigangs erscheint, tritt Moritz Bleibtreu auf – und spielt wieder einmal phantastisch. Famos ist insbesondere die Liebesgeschichte zwischen ihm und der Kellnerin Lucia (nebenher noch Malerin). Sie findet es zu seiner großen Erleichterung “voll romantisch”, dass er im Knast sitzt. Nun, wir sind eben im Kino. Manchmal gibt es aber doch eine Spur zu viel Klamauk (z.B. in der Szene mit dem Aphrodisiakum im Essen). Empfehlenswert ist der Streifen aber ohne Frage.

Soul Kitchen
Deutschland 2009
100 Minuten, FSK 6
Regie: Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin, Adam Bousdoukos
Darsteller: Adam Bousdoukos, Moritz Bleibtreu, Birol Ünel, Anna Bederke, Pheline Roggan, Dorka Gryllus, Lucas Gregorowicz