Tag Archives: Compilation

www.justament.de, 21.8.2017: 33 Jahre bei der Stange

Nick Cave & the Bad Seeds in einer ultimativen Werkschau

Thomas Claer

Wieder eine Best of-Compilation von Nick Cave & the Bad Seeds, immerhin fast zwei Jahrzehnte nach der ersten von 1998. Und wie immer in solchen Fällen gehen die Meinungen bei Fans und wohlwollenden Beobachtern auseinander. „Muss das sein?“, fragen die einen empört und wittern nun aber wirklich den kommerziellen Ausverkauf. „Doch, das ist schon in Ordnung“, beschwichtigen die anderen – und sie könnten diesmal recht haben. Denn Nick Cave hatte in all den Jahren seit seinem ersten „Solo-Album“ „From her to Eternety“ (1984), seine frühere Band „Birthday Party“ (1980-1983) und seine Nebenbei-Band „Grinderman“ (2007-2011) noch gar nicht mitgerechnet, einen enormen künstlerischen Output, bei dem man erstens schon mal den Überblick verlieren konnte, der zweitens – so viel Kritik am Meister sei hier erlaubt – von unterschiedlicher Qualität war. Und drittens ist diese aktuelle Zusammenstellung so opulent und treffsicher geraten (die Musiker selbst und nicht irgendwelche Heinis von der Plattenfirma haben sie zusammengestellt), und das zu einem mehr als vertretbaren Preis von 22 Euro für 45 Songs auf drei CDs plus einer DVD mit seltenen Live-Auftritten und Interviews plus einem Buch – nein, da kann man wirklich nichts sagen. Außer vielleicht doch noch zu bemängeln, dass ein besonders großartiger Song hier leider fehlt: „Henry Lee“ – das Duett mit P.J. Harvey von 1995. Aber es mag dafür Gründe geben, die wir nicht kennen und gegebenenfalls respektieren müssen. Es ist ja längst kein Geheimnis mehr, dass Nick und die wunderbare P.J. damals eine Zeit lang ein Paar waren…
Stark vereinfacht lassen sich drei Schaffensperioden von Nick Cave & the Bad Seeds unterscheiden, die nicht ganz den drei CDs dieser Zusammenstellung entsprechen: Die erste Phase war die im (West-)Berliner Underground der 80er und frühen 90er Jahre (zu jener Zeit als auch noch die „Einstürzenden Neubauten“ ein ganz heißer Act waren, deren Frontmann Blixa Bargeld bei den „Bad Seeds“ noch bis vor wenigen Jahren Gitarre spielte. Zum Ende hin gab es aber auch schon damals sehr poppige Ausflüge wie das Album „The Good Son“. („Das war aber noch auf der richtigen Seite“, sagte seinerzeit mein AG-Kollege im Referendariat über diese Platte.) Dann kam 1995 gewissermaßen der kommerzielle Durchbruch in den Mainstream-Pop: das Duett mit Kylie Minogue, angesichts dessen einige Nick-Cave-Fans der ersten Stunde noch heute mit den Zähnen fletschen. „Nick Cave von Kylie in die Charts geküsst“ titelte damals eine bekannte Musikzeitschrift. Und doch, es war ein großartiger Song! Danach fiel aber das Niveau der Nick Cave-Produktionen etwas ab, nicht generell und nicht durchgängig zwar, aber es wechselten sich Höhepunkte und ziemliche Durchhänger ab – bis es dann vor einem Jahrzehnt eine Art „Back tot he roots“-Wende gab. Mit seinem schon erwähnten Nebenprojekt Grinderman, an dem kurioserweise auch nahezu alle „Bad Seeds“-Musiker beteiligt waren, ließ es Nick Cave nach zuvor regelrecht ausufernder Seichtigkeit endlich wieder garagenrockmäßig krachen, und das gab offensichtlich auch den „Bad Seeds“ wieder etwas vom alten Schwung zurück. Vor allem aber gelang ihnen schließlich mit “Push The Sky Away” ein stilles und doch äußerst melodisch komponiertes Album, das in seiner grandiosen Stimmigkeit sozusagen den Spätruhm dieser Band begründete.

Wer Nick Cave & the Bad Seeds schon immer mal kennenlernen wollte, findet hier eine vortreffliche Gelegenheit. Na gut, man kann sich natürlich auch einfach durch YouTube klicken. Aber mit dieser schönen Box kommt zumindest noch eine sinnlich-haptische Komponente hinzu. Und die langjährigen Fans können sich über die eine oder andere veränderte Nuance durch neue Abmischungstechnik freuen – und natürlich über die Raritäten auf der DVD sowie über das Buch. Immerhin. Das Urteil lautet: gut (15 Punkte).

Nick Cave & the Bad Seeds
Love Creatures – The Best of
Deluxe Edition 3CDs, 1 DVD + Buch Box-Set
Mute (Warner) 2017
21,99 EUR (zur Zeit bei Amazon)
ASIN: B06XFQY4DP

Advertisements

Justament März 2011: Elementare Adaptionen

Element Of Crime präsentieren “Fremde Federn”

Thomas Claer

22 SCHEIBEN TC EOC CoverNun haben sie es also doch noch getan. Schon vor fast zehn Jahren, gleich nach dem Romantik-Album, wurde die Idee im Forum auf der EOC-Homepage lebhaft diskutiert, mal eine B-Seiten-Compilation rauszubringen. Und jetzt wird unsere Geduld also belohnt. Auf “Fremde Federn” finden sich nicht weniger als 20 von Element Of Crime gespielte, aber von anderen mehr oder weniger prominenten Musikern geschriebene Songs, die es bislang nur auf – zum Teil längst vergriffenen – Singles oder auf irgendwelchen Samplern oder Soundtracks gab. Und allein für das vortreffliche Wortspiel des Album-Titels hätten sie eigentlich schon alle Punkte in dieser Rubrik verdient. Doch wie so oft im Leben, wenn sich ein großer Wunsch erfüllt, stellt sich zwangsläufig auch eine gewisse Enttäuschung ein. Die Rockversion des “Liedes von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens” aus der Dreigroschenoper etwa klingt ohne das laute Geknister auf der Satellite Town-Single, die ich vor langen Jahren einmal erstanden habe, seltsam unvollständig, irgendwie längst nicht mehr so toll. Beim “Ruf aus der Gruft”, dieses Stück befand sich nur auf der dazugehörigen Maxi-Single, die ich zu meinem Leidwesen bis heute nirgendwo auftreiben konnte, handelt es sich gar nur um eine zweiminütige und ziemlich maue Instrumental-Version.
Aber genug gemeckert. Alles in allem ist diese Zusammenstellung dann nämlich doch der erwartete Hochgenuss. Welche andere Band verstünde es schon, Stücke so unterschiedlichen Temperaments und aus in so diametraler Opposition zueinander stehenden kulturellen Milieus mit solch spielerischer Leichtigkeit ins eigene Klanguniversum zu transformieren? Besonders überzeugt ihre Interpretation betagter deutscher Schlager, die deren mitunter erstaunlicher textlicher Raffinesse auf überraschende Weise neue Geltung verschafft. So lautet die Definition von “Heimat” im gleichnamigen, ehedem von Freddy Quinn gesungenen, Song: “Wo ich die Liebste fand/ da ist mein Heimatland”. Na, wenn das so ist, wird man am Ende sogar noch gerne heimattreu. Besondere Höhepunkte sind ferner “Leider nur ein Vakuum” (von Udo Lindenberg), “Zwei Gitarren” und “Akkordeon” (jeweils von Alexandra), “You only tell me you love me, when you’re drunk” (von den Pet Shop Boys), “Blaumeise Yvonne (von Andreas Dorau), “Le Vent Nous Portera” (von Noir Desir) und “She brings the rain” (von Can). Das Gesamturteil lautet: gut (14 Punkte).

Element Of Crime
Fremde Federn
Vertigo Be (Universal) 2010
Ca. € 17,-
ASIN: B00425DMO0