justament.de, 26.7.2021: Erinnerungen an Alfred Biolek (1934-2021)

Ein persönlicher Rückblick

Thomas Claer

Da hat einer sein zweites juristisches Staatsexamen, das muss man sich einmal vorstellen, als Drittbester seines Jahrgangs abgelegt, promoviert, anschließend ein paar Jahre als Justitiar beim ZDF gearbeitet – und kehrt dann der Rechtswissenschaft für immer den Rücken. Irgendwann sagte jemand, als der junge Justitiar in der Kantine fortwährend Witze erzählte: „Was macht der eigentlich in der Rechtsabteilung? Wieso steht der nicht vor der Kamera?!“ Und so kam es dann schließlich auch. Alfred Biolek wurde Fernsehunterhalter, Showmaster, Talkmaster, Fernsehkoch. Und als solcher war er eines der prägenden Fernsehgesichter meiner Kindheit und Jugend. Was mir und allen in meiner Familie als erstes ins Auge sprang, als wir um 1980 herum manchmal „Bio’s Bahnhof“ guckten, war, dass er eine frappierende Ähnlichkeit mit meinem Onkel Karl in Karl-Marx-Stadt hatte: das vorstehende Kinn, die markante Kopfform, die Nase leicht nach unten gebogen, die listigen kleinen Augen hinter den runden Brillengläsern, ja sogar seine Gestik, Mimik und Bewegungen. Bioleks Familie stammte aus Freistadt in Österreichisch-Schlesien, heute Tschechien, was ja gar nicht so weit von Sachsen entfernt ist. Vielleicht gibt es da ja tatsächlich eine weitläufige genetische Verbindung…
Was Alfred Biolek neben der Juristerei besonders gut konnte, war die hohe Kunst des Plauderns. Wenn er die Gäste in seinen Sendungen befragte, dann trieb er sie niemals in die Enge. Bohrendes Insistieren und aggressives Nachfragen lagen ihm fern. Stets blieb er höflich und taktvoll, strahlte eine überwältigende Menschenfreundlichkeit aus. In den Neunzigern allerdings schaute ich mir seine Sendungen einige Jahre lang nicht mehr an, weil ich sie zu seicht fand. Wahrscheinlich bin ich in jenen Jahren eine Art „angry young man“ gewesen, doch das hielt nicht lange an. Über seine Kochsendung „Alfredissimo“ fand ich zurück in die Spur.
Die Schlusspointe dieses Nachrufs sollte eigentlich sein, dass ich ihm mein Linsensuppe-mit-Tomaten-Rezept verdanke. Aber das stimmt gar nicht. Dieses Rezept muss, wie mir mit etwas Nachdenken bewusst wird, aus dem anderen der beiden Kochbücher stammen, die ich damals in meinem Studentenwohnheim-Zimmer stehen hatte: aus „Aldidente. Die besten Rezepte mit Aldi-Produkten“. Die Biolek-Rezepte sind mir hingegen immer zu umständlich gewesen, so dass die zwei Mark, die mich das Biolek-Kochbuch auf dem Bielefelder Flohmarkt vor mehr als 25 Jahren gekostet hat, sich zumindest bisher leider als Fehlinvestition erwiesen haben. Aber vielleicht ist hier das letzte Wort noch nicht gesprochen, jetzt, wo ich deutlich mehr Zeit habe. Und als – allerdings sehr traurig stimmender – Anlass hierzu könnte dienen, dass am vergangenen Freitag der große Unterhalter Alfred Biolek, unser hochgeschätzter Juristen-Kollege, gewissermaßen… den Kochlöffel abgegeben hat.

P.S.: Meine Frau sagt, wir hätten doch ein Rezept aus dem Biolek-Kochbuch übernommen: den italienischen Kartoffelsalat mit Oliven und Lauch. Bin mir da allerdings nicht sicher und werde es bei Gelegenheit mal überprüfen.

justament.de, 12.7.2021: An der Nordseeküste

„Daheim“, der zweite Roman von Judith Hermann

Thomas Claer

Also doch wieder ein Roman. Nach ihrem von der Kritik – vorsichtig gesagt – zwiespältig aufgenommenen Roman-Erstling „Aller Liebe Anfang“ (2014) wollte es Judith Hermann, inzwischen auch schon 51, offenbar noch mal wissen, sich auch nicht auf das Image einer Immer-nur-Kurzgeschichten-Autorin festnageln lassen. Und um gleich mit dem Positiven zu beginnen: Ihr neuer Roman liest sich deutlich besser als der vorige, ist spannender und abwechslungsreicher.

Das liegt vor allem auch am Plot, der diesmal deutlich mehr hergibt: Die 47-jährige namenlose Ich-Erzählerin hat sich nach dem Auszug ihrer gerade erwachsen gewordenen Tochter von ihrem Mann getrennt, einem Messi, der die Großstadtwohnung mit allerhand Kram vollgestellt hat, den er auf der Straße gefunden hat. Sie lebt nun neuerdings in einem kleinen Ort am Meer in Norddeutschland, hat Arbeit als Kellnerin in der Kneipe ihres dort ansässigen Bruders gefunden und bewohnt ein winziges baufälliges Haus in der Einöde. Und hier macht sie Bekanntschaft mit ihrer Nachbarin, einer aus der Umgebung stammenden Künstlerin. Über sie lernt sie deren Bruder kennen, einen von seiner Ehefrau verlassenen Bauern, der an die 1000 Schweine besitzen soll, und beginnt mit ihm eine Liaison bzw. wird allmählich die Frau an seiner Seite. Wobei die Ich-Erzählerin gleichzeitig aber auch noch sehr an ihrem Ex-Mann zu hängen scheint, der seinerseits lange Briefe an sie schreibt… Parallel dazu unterhält der 60-jährige Bruder der Ich-Erzählerin, der Kneipenwirt, der früher einmal mit der Nachbarin der Erzählerin liiert gewesen ist, eine Liebesbeziehung zu einem 20-jährigen jungen Mädchen, einer ziemlich grotesken Figur, die angeblich ihre ganze Kindheit hindurch von ihrer Mutter in einer Kiste eingesperrt worden war.

Doch was bis hierhin noch vielversprechend und schlüssig klingt, enthält im Detail leider beträchtliche Ungereimtheiten. Es fängt schon an mit dem Alter der Protagonisten: Die Ich-Erzählerin, so heißt es, ist 47, ihr Bruder 60 Jahre alt. Doch später im Roman erinnern sich die Geschwister daran, wie sie als Kinder nach der Schule regelmäßig gemeinsam vor der Wohnungstür auf die Ankunft ihrer Mutter gewartet haben. Sonderlich plausibel erscheint das nicht gerade bei diesem Altersunterschied. Man fragt sich, wie viele Ehrenrunden der Bruder dann wohl gedreht haben müsste…

Der norddeutsche Ort am Meer, wo sich die Ich-Erzählerin angesiedelt hat, soll „an der Ostküste“ liegen, heißt es. Nun gibt es Ost- und Westküsten zwar in Amerika oder Korea, nicht aber in Deutschland, das nur nördliche Küsten besitzt, nämlich jene an Nord- und Ostsee. (Allenfalls im Bundesland Schleswig-Holstein ließe sich sinnvoller Weise von einer West- und einer Ostküste sprechen.) Dann wird das Kaff wohl an der Ostsee liegen, denkt man. Aber weit gefehlt: Es gibt dort, wie berichtet wird, Ebbe und Flut (was an der Ostsee niemals vorkommt), und die alteingesessenen Bewohner tragen alle friesische Namen. Also muss es doch an der Nordsee sein.

Und dann heißt es über die 20-jährige Freundin des Bruders, sie könne nicht lesen und nicht schreiben, da sie ja nie eine Schule besucht habe, sie war ja immer in der Kiste eingesperrt. Aber später wird berichtet, der Bruder, der Kneipenwirt, schreibe ihr ständig lange Textnachrichten, auf die sie entweder gar nicht oder mit Kürzeln wie OMG oder LOL antwortet. Also zumindest ein wenig lesen und schreiben können müsste sie dafür aber schon… Und es gibt im Verlauf der Romanhandlung noch weitere solcher Merkwürdigkeiten…

Aber vielleicht ist das ja gar kein „realistischer Roman“, der sich mit Kriterien der Logik beurteilen ließe? Dafür könnte sprechen, dass sich die Ich-Erzählerin zum Ende des Buches hin plötzlich fragt, ob sie „das alles“ vielleicht nur geträumt habe… Doch kann eine solche Deutung keineswegs zufriedenstellen, denn dafür ist der Roman über weite Strecken viel zu nahe am sehr realen Alltag seiner Figuren. Auch wenn sich deren Erinnerungen mitunter als widersprüchlich und unzuverlässig erweisen.

Judith Hermann, das muss man trotz allem betonen, schreibt wirklich gut. Sehr genau schildert sie Landschaft und Bebauung des Ortes und seiner Umgebung, die Verhaltensweisen der Bewohner. Und eher beiläufig geht es sogar um große Fragen: „Welche Wurzeln hast du?“, wird die Ich-Erzählerin von ihrer Nachbarin gefragt, deren Familie schon seit Generationen Land in dieser Gegend besitzt. Darüber hat die Erzählerin noch nicht nachgedacht. Sie und ihr Bruder hätten gar keine Wurzeln, ist ihre Antwort. Sie kommen, das wird zwar niemals ausgesprochen, ergibt sich aber aus ihren Eigenschaften und ihrem Verhalten, sehr wahrscheinlich aus Berlin, dem großen Moloch, und werden nun in ihrer neuen Umgebung mit den Eigenheiten der norddeutschen Landbevölkerung konfrontiert…

Vieles davon ist gekonnt und anschaulich beschrieben. Die ländliche Einsamkeit treibt die Romanfiguren zueinander, und nach ein paar Schnäpsen findet der Schweinebauer die Ich-Erzählerin dann auch hinreichend schön und begehrenswert, während sie ihrerseits schon vom ersten Moment an Feuer gefangen hat, wo doch der muskulöse Bauer mit seinen behaarten Armen so hinreißend nach Gülle und Aftershave riecht…

Punktuell ist also durchaus einiges gelungen im Roman, aber man fragt sich beim Lesen doch die ganze Zeit, wo das alles hinführen soll und wird. Und am Ende bewahrheitet sich dann auch tatsächlich die fortwährend gehegte Befürchtung, dass dies alles nirgendwohin führen könnte. Es hört plötzlich und unvermittelt auf, die Schlusspointe ist ziemlich unerheblich. Die Auflösung diverser Rätsel und Handlungsstränge bleibt die Autorin uns schuldig. Bei manchen Büchern mag so etwas in Ordnung gehen, hier aber ist es für den Leser reichlich unbefriedigend. Kurz gesagt, es ist dann also doch wieder nichts wirklich Rundes aus diesem Roman geworden.

Und so bleibt es dabei: An ihr gefeiertes Debüt „Sommerhaus, später“ (1998) kann Judith Hermann leider auch diesmal nicht anknüpfen. Gekonnt geschrieben zwar, gute Grundidee, aber erhebliche konzeptionelle Schwächen bei der Umsetzung.

Judith Hermann
Daheim. Roman
S. Fischer, 2021
191 Seiten; 21,00 Euro
ISBN 978-3-10-397035-7

justament.de, 5.7.2021: Loch in der Tasche

Scheiben vor Gericht Spezial: Vor 40 Jahren erschien „Stinker“ von Marius Müller-Westernhagen, der Schlusspunkt seiner Pfefferminz-Trilogie

Thomas Claer

Wer den Sänger Marius Müller-Westernhagen, heute 72, in den Neunzigern und Nullern erlebt hat, als er regelmäßig große Stadien füllte und mit manchmal ziemlich doofen Mitgröl-Hymnen beschallte, vergisst leicht, dass dieser Rock-Musiker auch ein durchaus interessantes Frühwerk und insbesondere eine grandiose „klassische Phase“ um das Jahr 1980 herum vorzuweisen hat, von der im Folgenden die Rede sein soll. Nach seinen stilistisch noch etwas orientierungslosen Anfängen in den mittleren Siebzigern gelang ihm nämlich der Durchbruch auf „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ (1978) und den beiden ähnlich gestrickten Nachfolgern „Sekt oder Selters“ (1980) und „Stinker“ (1981). In dieser Trilogie hat MMW seinen eigenen Stil gefunden: Gitarre, Bass, Schlagzeug, flotte Rockmusik mit witzigen deutschen Texten, geschult am drei Jahre älteren Kollegen und WG-Mitbewohner Udo Lindenberg, hier gewissermaßen in der rheinischen Variante. Später allerdings hat Westernhagen sich vorübergehend auf Synthesizer-Irrwegen verrannt, bevor er dann nach 1989 in den Stadion-Rock abgedriftet ist…
Doch von ihm bleiben wird die Pfefferminz-Trilogie mit ihren leichthändigen Songs, die allesamt kleine Alltags-Geschichten aus dem verwanzten und abgerissenen Großstadt-Milieu erzählen. Von „Willi Wucher“ etwa, dem dubiosen Antiquitäten-Händler, oder im Zuhältersong „Oh Margarethe, gib mir die Knete“. Über eine Prostituierte heißt es: „Sie hatte ‘nen Gang, den du dich nie traust, und rote Haare auch unten.“ Auf „Stinker“ wird die Musik dann noch einmal deutlich schneller und härter und die Texte mitunter noch krasser. Im Lied „Sex“ geht es offenbar um Gruppen-Vergnügungen. Und frenetisch wird der damalige neueste Stand der Technik bejubelt: „‘nen Videorekorder hab ich mir bestellt mit so schweinische Filme… Was kostet die Welt?“ Natürlich kann man diesen Texten, zumal aus heutiger Sicht, ihr testosterongetriebenes männliches Draufgängertum vorhalten, etwa im Eröffnungs-Lied „Ladykiller“. Aber na wenn schon! Den Gangsterrappern unserer Tage lässt man schließlich noch ganz andere Sachen durchgehen…
Der stärkste Song des Albums aber kommt erst ganz am Ende der Platte: Wer hat jemals einen überzeugenderen und schmutzigeren Blues in deutscher Sprache gehört als „Ich hab ein Loch in meiner Tasche“? Allein dafür kann man diesen Deutschrock-Pionier doch gar nicht genug rühmen!

Marius Müller-Westernhagen
Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz
WEA (Warner) 1978
ASIN: B0000517G8

Marius Müller-Westernhagen
Sekt oder Selters
WEA (Warner) 1980
ASIN: ‎B00000ARDI

Marius Müller-Westernhagen
Stinker
WEA (Warner) 1981
ASIN: ‎B0000517FY

justament.de, 7.6.2021: Jazz geht’s los!

Drei Musiker von Element Of Crime haben ein Jazz-Album aufgenommen

Thomas Claer

Das Tolle an der Jazz-Musik ist, dass sie kaum zum Pathos tendiert und ebenso wenig zur Sentimentalität. Da ist z.B. die Klassische Musik doch weitaus gefährdeter, und Rock- und Popmusik sind es natürlich erst recht. Jazz dagegen ist eine Musik, die beinahe ohne Schwere auskommt, die aber in all ihrer Leichtigkeit dennoch nur selten ins Banale abrutscht, denn dazu ist sie viel zu cool und distanziert.

Kann man das so sagen? Keine Ahnung, denn ich verstehe nicht viel vom Jazz. Zumindest aber empfinde ich es so, wenn ich an einem viel zu kalten und dann auch noch verregneten Frühlingstag – also unter den, wie sich bald herausstellen wird, bestmöglichen Umständen für diese Musik – den Klängen von „Ask Me Now“ lausche, der Debüt-Platte des Trios Regener Pappik Busch, hinter dem sich ein Nebenprojekt der Band Element Of Crime verbirgt, das wiederum aus den drei wohlbekannten Musikern Sven Regener (Trompete), Richard Pappik (Drums) und Ekki Busch (Piano) besteht. Diese drei alten Kempen, alle um die sechzig, haben also ein Album mit Coverversionen berühmter Jazz-Klassiker aufgenommen. Alles ist rein instrumental, es gibt keinen Gesang. Stücke von den ganz Großen sind dabei, von Thelonius Monk und John Coltrane. Hingegen sucht man Dave Brubeck vergeblich, und die anderen auf der Platte kennt man schon gar nicht mehr.

Warum machen die Drei sowas überhaupt? Diese Frage drängt sich natürlich auf. Vielleicht weil sie in einem Alter sind, in dem sie gerne noch mal etwas Neues ausprobieren wollen. Zumal das Risiko gering ist, dass ihre treuen Fans diesen gewissermaßen exotischen Ausflug ihrer Lieblinge nicht goutieren werden. Kann sein, dass sie auch ihre über den überschaubaren EOC-Kosmos hinausreichenden – und ja auch in der Tat beachtlichen – musikalischen Fähigkeiten demonstrieren möchten. Womöglich ist es aber auch ein Akt der musikpädagogischen Fürsorge gegenüber ihrer Fangemeinde, denn ohne diesen Anstoß wäre zweifellos ein Großteil der Element-Anhänger niemals darauf gekommen, sich näher mit Jazzmusik zu befassen. Der Rezensent zumindest bestimmt nicht…

Was Jazz-Puristen dazu sagen würden, vermag ich also nicht zu beurteilen. Mir jedenfalls gefällt diese Platte. Und einen besonderen Nerv treffen dabei die melancholischen Stücke dieses Albums, allen voran „Don’t Explain“ von Arthur Herzog und Billie Holiday. Gerade weil einen die Traurigkeit hier nicht so brutal überfällt, sondern sich gewissermaßen ganz sachte von hinten anschleicht…

Regener Pappik Busch
Ask Me Now
Universal 2021

justament.de, 10.5.2021: Schön war die Zeit

Vor 30 Jahren erschien „Projekt F.“ von Stephan Remmler

Thomas Claer

Wie verrückt war das denn? Ex-NDW-Star und Trio-Frontmann Stephan Remmler brachte im Mai 1991, vor genau 30 Jahren, eine Platte heraus, über die beinahe alle in seinem Umfeld nur den Kopf schüttelten: alte Schlager von Freddy Quinn aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, darunter viele Seemannslieder, in neuer, stark reduzierter Inszenierung. Auch seine Plattenfirma hatte zunächst schockiert auf sein Vorhaben reagiert, sich aber, da er so darauf bestand und sich angesichts seiner früheren Verkaufserfolge auch allerhand erlauben konnte, doch noch breitschlagen lassen. Das Ergebnis war niederschmetternd. „Das Album erhielt durchweg schlechte Kritiken“, heißt es bei Wikipedia. „Insbesondere wurden die sparsame Instrumentierung und der Gesangsvortrag Remmlers kritisiert.“ Die Zeitschrift ME Sounds (Nr. 6/1991, S. 46) meinte sogar: „Remmler spricht mehr als daß er singt, und die programmierten Computer-Keyboards wirken so karg, als habe er bewußt Strom sparen wollen. So viel kühle Distanz ist dem Keimen der großen Gefühle doch eher abträglich.“ In den Charts konnten sich weder das Album noch die beiden ausgekoppelten Singles platzieren. Remmler insistierte trotzig: „Ich kann mir meine Musik leisten.“
Vielleicht musste ja einfach nur etwas Zeit verstreichen, bis diese Musik dann doch noch ihre verdiente Wertschätzung finden konnte. Denn mittlerweile ist „Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle“ von „Stephan Remmler und die Schatzsucher“ schon seit vielen Jahren ein gesuchtes Sammlerstück, für das man bei Medimops gut und gerne 30 bis 40 Euro (fürs Vinyl sogar 100 Euro) hinblättern muss. Und auch wenn die Platte bis heute ihre Hörer polarisiert und bei ihnen enthusiastische Begeisterung ebenso wie heftige Ablehnung hervorruft, so ist sie in ihrer liebenswerten Verschrobenheit doch unbestritten einzigartig. Nun hat zwar der „Deutsche Schlager“ als solcher seinen anrüchigen Ruf keineswegs zu Unrecht. Doch gelingt es Stephan Remmler mit raffiniert-minimalistischen Adaptionen dieser Lieder gleichsam, eine bisher unter ihrem verkitschten Zuckerguss verborgene Schicht wahrer Größe freizulegen. Vor allem gilt dies für ihre Texte, die oft hölzern und unbeholfen daherkommen, in denen es aber inmitten ihrer genretypischen Verlogenheit auch Momente überraschender Wahrhaftigkeit zu entdecken gilt. Und gerade das Ambivalente dieser Lieder bringt Remmler immer wieder zum Vorschein, indem er sie mit seinem Sprechgesang und seinen übertrieben pathetischen Ausbrüchen zwar durch den Kakao zieht, dabei aber gleichzeitig auch ernst nimmt.
Erst recht, wenn man sich heute, im Abstand von drei Jahrzehnten, noch einmal durch das Album hört, bemerkt man, wie fremd uns die darin besungene Lebenswelt inzwischen geworden ist: die Seemannsromantik, die Verlockung ferner, unbekannter Länder, das vielfach thematisierte Fernweh genauso wie das Heimweh, die alte und immer neue Tragik vergeblicher Liebesmüh. Wie verzaubert war doch die große, weite Welt, bevor man sie einfach mal eben für einen Kurzurlaub mit dem Flugzeug erreichen konnte! „Fährt ein weißes Schiff nach Honkong, hab ich Sehnsucht nach der Ferne/ Aber dann in weiter Ferne hab ich Sehnsucht nach zu Haus.“ „Ob am Kai von Casablanca, ob am Kap von Salvador/ Er denkt immer an Juanita, deren Liebe er verlor.“ „Als er kam, war er ein Fremder, und er glaubte nicht daran/Dass wer alles hat verloren, nochmal glücklich sein kann.“ „Hört mich an ihr gold‘nen Sterne/Grüßt die Liebste in der Ferne.“ „Wo ich die Liebste fand, da ist mein Heimatland./Wann bin ich nicht mehr allein?“ Und so geht es immer weiter…
Der heute 74-jährige Stephan Remmler begründete damals sein merk- und denkwürdiges Projekt F auch damit, dass er nicht nur mit Rockmusik großgeworden sei, sondern auch mit den Schlagern und Seemannsliedern von Freddy Quinn, und dass es ihn schon immer gereizt habe, sich auch selbst dieser einmal anzunehmen. Das ist ihm, was immer seine Verächter auch einwenden mögen, auf bemerkenswerte Weise gelungen. Das Urteil lautet: gut (14 Punkte)

Stephan Remmler und die Schatzsucher
Projekt F. Auf der Suche nach dem Schatz der verlorenen Gefühle
Mercury (Universal Records)
ASIN: B00000853M
(vergriffen)

justament.de, 12.4.2021: Frickelbrüder auf Weltreise

The Notwist mit ihrer achten Platte „Vertigo Days“

Thomas Claer

Sieben Jahre lang haben The Notwist, die Indie-Götter aus Weilheim in Oberbayern, an ihrem bislang achten regulären Album „Vertigo Days“ gearbeitet. Schon vor drei Jahren, so heißt es, sei es eigentlich fertig gewesen. Doch habe man dann doch noch hier und da ein wenig nachbessern müssen. Man kann es sich gut vorstellen, wie die Brüder Markus und Micha Acher, die nach dem Ausscheiden von Martin Gretschmann alias Console im Jahr 2014 einzigen beiden noch verbliebenen Bandmitglieder, gefühlte Ewigkeiten an ihrem Material herumgefrickelt haben. Wobei das elektronische Frickeln an den Sounds ja über die Jahre sozusagen zu ihrem Markenkern geworden ist. Was aber diesmal anders ist als auf allen Vorgänger-Alben, ist die große Zahl an mitwirkenden Gastmusikern aus beinahe allen Teilen der Welt. So haben u.a. ein japanischer Sänger, ein Klarinettist aus Chicago, ein Jazzmusiker namens Ben LarMar Gay und eine argentinische Keyboarderin Akzente gesetzt, die man der Platte auch von vorne bis hinten anhört. Man könnte sogar sagen, dass dieses bemerkenswert vielstimmige Album so etwas wie eine musikalische Weltreise geworden ist.
Dennoch wird „Vertigo Days“ getragen vom unverkennbaren Notwist-Sound und erinnert hierin vielleicht am stärksten an den unmittelbaren Vorgänger „Close to the Glass“ (2014). Doch auch die noch früheren Alben werden gelegentlich gerne zitiert, bis hin zum raffinierten Posaunen-Einsatz, der an das großartig jazzige „Shrink“ (1998) denken lässt. Positiv formuliert ließe sich also feststellen, dass es The Notwist gelungen ist, sehr unterschiedliche musikalische Einflüsse in den eigenen Klang-Kosmos zu integrieren und daraus wieder einmal ein in sich rundes und doch abwechslungsreiches Album zu basteln. Durch eine kritischere Brille betrachtet könnte man aber auch zur Einschätzung gelangen, dass den mittlerweile über 50-jährigen Notwist-Brüdern im 32. Jahr ihres Band-Bestehens so langsam die Ideen ausgehen und sie sich nur noch durch weltmusikalische externe Transfusionen und jahrelanges Damitherumfrickeln überhaupt noch künstlerisch am Leben halten können.
Nun mag jede Hörerin und jeder Hörer selbst entscheiden, welcher Sichtweise sie oder er sich anschließen möchte. Aus unserer Sicht neigt sich die Waagschale jedoch ganz klar zum positiven Gesamturteil. Und dieses lautet: gut (13 Punkte).

The Notwist
Vertigo Days
Morr Music 2021
LC 10387

justament.de, 12.4.2021: Sex, das war sein letztes Wort

Star-Philosoph Slavoj Zizek über „Sex und das verfehlte Absolute“

Thomas Claer

Was für ein großartiger Typ ist doch dieser Slavoj Zizek, inzwischen auch schon 72. Ein intellektueller Popstar aus Ljubljana, Sloweniens wichtigster Kulturexport neben der Band Laibach. Immer mit zerzausten Haaren und einer Plastiktüte als einzigem Gepäckstück ist er bis zur Corona-Krise unermüdlich um die Welt gejettet, von einem Vortrag zum anderen, von einer Vorlesung zur nächsten. Bekleidet Professuren in Ljubljana, London und New York. Ein Hegelianer, der damit kokettiert, Kommunist zu sein. Seine Wortmeldungen in diversen Medien immer geistreich, witzig und pointiert. Und dann versucht man also, auch mal ein Buch von ihm zu lesen…

Was soll ich sagen? Ich hätte es doch wissen müssen. Schon einmal, vor zwei Jahrzehnten, bin ich an einem Zizek-Buch gescheitert („Liebe deinen Nächsten? Nein, danke!“). Dabei ging es darin richtig gut los mit einer steilen These, die ursprünglich auf den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901-1981) zurückgeht: Die Wahrheit von Kant liegt in de Sade. Klingt erstmal verrückt. Ist aber plausibel, wenn man es so sieht, dass – vereinfacht gesagt – die disziplinierte Askese gerade dazu führt, dass sich das unterschwellige Begehren niemals austoben kann, sondern sich durch seine permanente Unterdrückung nur immer und immer weiter bis ins Unermessliche steigert. Ins Politische gewendet führt dies dann zu der Paradoxie, dass es der freiheitlich-westliche Liberalismus selbst ist, der ungewollt aus sich heraus immer neue Monstrositäten gebiert. Es sei also keineswegs ein Zufall, dass auch Demokratien anfällig für barbarische Tendenzen seien, sondern entspreche nur ihrer innersten Logik. (Insbesondere aus heutiger Sicht klingen diese zwanzig Jahre alten Überlegungen bestürzend aktuell.) Bis hierhin, ungefähr auf S. 50, hatte ich es damals noch so halbwegs verstanden, aber dann war ich irgendwann raus. Immer sprunghafter und verwirrender wurden die Gedankengänge des Verfassers, immer grotesker seine Schlussfolgerungen. Ca. auf Seite 75 gab ich es auf.

Und nun, nach zwei Jahrzehnten, begegnet mir Zizek erneut in einem langen Interview in der Süddeutschen Zeitung. Was er dort erzählt, es geht um Sexualität im digitalen Zeitalter, ist witzig und provozierend, verständlich und nachvollziehbar. Meine Frau bricht bei der Lektüre mehrfach in schallendes Gelächter aus. Er sagt so etwas wie: Der Geschlechtsverkehr ist zur Masturbation am lebenden Objekt geworden. Und er erzählt die Anekdote vom Porno-Darsteller in Aktion, der plötzlich nicht mehr kann und sich erst wieder mit Hilfe seines Smartphones durch ein paar Online-Videos in Stimmung bringen muss, um seine Arbeit fortsetzen zu können. Was liegt also näher, als Zizeks aktuelles Buch zum Thema namens „Sex und das verfehlte Absolute“ zu rezensieren.
Und auch hier beginnt es vielversprechend. Dieses Werk, so heißt es in der Einleitung, sei so etwas wie die Quintessenz von Slavoj Zizeks Philosophie, eine Art „Best of Zizek“ gewissermaßen. Doch dann kommt es knüppeldick, was jetzt keineswegs als frivole Anspielung gemeint sein soll. Will wirklich irgendjemand in der Welt ein Buch mit Kapitelüberschriften wie „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ lesen? Und weiter geht es mit: „Die Realität und ihr transzendentales Supplement“. Zum Glück gibt es vorne im Buch eine Einleitung, die auf 16 Seiten seine Kernaussagen auf den Punkt bringt. „Die Sexualität ist unser privilegierter Kontakt zum Absoluten“, ist die erste. „Die Dimension des Scheiterns … ist der menschlichen Sexualität konstitutiv“, ist die zweite. Dass hingegen der weibliche Orgasmus, dieser „rauschhafteste Moment sexueller Lust“, dieser „Gipfel der menschlichen Evolution“, eine „Neufassung des ontologischen Gottesbeweises“ sein solle, wie Zizeks Freund und Kollege Peter Sloterdijk meint, sei hingegen nur „eine weitere obskurantistische New-Age-Spekulation“.

Apropos Sloterdijk: Der ist vergleichsweise, selbst in seinem letzten ziemlich abgedrehten und mit unzähligen Fremdwörtern auf jeder Seite gespickten Buch „Den Himmel zum Sprechen bringen“, das wir vor einigen Wochen an dieser Stelle besprochen haben, regelrecht ein Ausbund an Klarheit und Verständlichkeit. Verglichen jedenfalls mit diesem Wirbelwind aus Ljubljana, der von Seite zu Seite immer neue und gefährlichere gedankliche Pirouetten dreht, die den Leser schwindelig machen und ein Goethe’sches Mühlrad in seinem Kopf in Bewegung setzen. Zizeks große philosophische Vorliebe ist der deutsche Idealismus. Zuerst Kant, dann aber ganz besonders Hegel, den er allerdings auf ganz eigene Weise vom Kopf auf die Füße stellt. Zizek rührt daraus nämlich einen „neuen dialektischen Materialismus“ an, den er so nennt, weil „diese Bewegung des abstrakt Immateriellen als vollkommen kontingent, aleatorisch, anorganisch, ziellos und in diesem Sinne nicht geistig aufzufassen ist.“ Man solle sich nicht scheuen, „sogar vom Materialismus der platonischen Ideen zu sprechen“. Spätestens hier bin ich raus. Es mag ja alles seine Berechtigung haben, dass man in gewisser Weise schwarz auch als eine Art weiß bezeichnen kann und umgekehrt. Aber ich verstehe das dann leider nicht mehr.

Schon in diesem frühen Stadium meiner Lektüre wird mir also klar, dass ich die 560 Seiten dieses Buches leider nicht bewältigen können werde. Was man aber noch machen könnte: Sich wie die jugendlichen Leser im vordigitalen Zeitalter einfach die interessantesten, das heißt natürlich die erotischen Stellen herauspicken und sich nur auf diese beschränken. Das Kapitel „Theorem I: Die Parallaxe der Ontologie“ überspringe ich also. Ebenso den nächsten großen Abschnitt „Folgerung 1: Intellektuelle Anschauung und intellectus archetypus: Reflexivität bei Kant und Hegel“. Erst auf S.131 setze ich mit dem Lesen wieder ein im „Theorem II: Sex als flüchtige Berührung mit dem Absoluten“. Es beginnt mit den „Antinomien der reinen Sexuierung“. Die sind aber, wie ich bald merke, auch nicht gerade leichtverdaulich. Zumindest darf man das, was dort über Kant steht – „die Unmöglichkeit, das Ding an sich zu erfassen“, die „Sackgassen der menschlichen Sexualität“ oder die „ethische Stoßrichtung des Erhabenen“ nicht zu wörtlich verstehen…

Interessant und sogar halbwegs verständlich wird es, wenn Zizek näher ausführt, was er mit der Sexualität als „Kontakt zum Absoluten“ meint. Die Abwertung der (von der Fortpflanzung abgekoppelten) Sexualität durch die Katholische Kirche liege darin begründet, dass diese intuitiv sehr genau erfasse, „dass der Sex ihr großer Konkurrent ist, denn schließlich bildet er die erste und grundlegendste Erfahrung eines im eigentlichen Sinne meta-physischen Erlebens. Sexuelle Leidenschaft unterbricht den Fluss des täglichen Lebens: Eine andere Dimension dringt in unseren Alltag ein und sorgt dafür, dass wir unsere üblichen Interessen und Verpflichtungen vernachlässigen.“ Dabei sei doch nur der Mensch imstande, das, was in der Natur lediglich der Fortpflanzung diene, „zu einem Selbstzweck, einem Akt intensiven vergeistigten Lusterlebens“ zu machen. Im übrigen sei „der Schmerz, der Schmerz des Scheiterns, Teil des intensiven sexuellen Erlebens, und der Genuss stellt sich erst als Folge der durch den Schmerz getrübten Lust ein“.

Ausführlich äußert sich Zizek auch zur „MeToo-Bewegung“. Ob zustimmend oder kritisch, das werden wohl nur die wenigsten Leser seinen Ausführungen entnehmen können, so dass ihm vermutlich jede Art von medialem Shitstorm erspart bleiben dürfte: „Die Differenz der Geschlechter ist, kurz gesagt, ihre eigene Metadifferenz: Sie ist nicht die Differenz zwischen den beiden Geschlechtern, sondern die Differenz zwischen den beiden Modi, den beiden Funktionsweisen der Geschlechterdifferenz: Lacans Formeln der Sexuierung lassen sich auch so verstehen, dass die Geschlechterdifferenz von der Männerseite her die Differenz zwischen dem (männlichen) Universalmenschlichen und seiner (weiblichen) Ausnahme ist, während sie sich von der Frauenseite her als die Differenz zwischen dem (weiblichen) Nicht-Alles und der (männlichen) Nicht-Ausnahme darstellt.“ Gut, das lassen wir dann mal so stehen. Ob das wirklich jemand versteht?

Die anschließenden Unterkapitel „Geschlechterparallaxe und Erkenntnis“ sowie „Das geschlechtliche Subjekt“ überspringe ich dann wieder. Weiter geht es mit „Folgerung 2: Das Mäandrieren einer sexualisierten Zeit“. Das klingt doch spannend. Ist es aber dann leider nur ansatzweise: „Eine bestimmte Aktivität wird in dem Moment sexualisiert, in dem sie sich in einer verzerrten zirkulären Zeitlichkeit verfängt. Sexualisierte Zeit ist, kurz gesagt, die Zeit dessen, was Freud als Todestrieb bezeichnet: jener obszönen Unsterblichkeit eines Wiederholungszwangs, der jenseits von Leben und Tod fortbesteht.“ Der Erste, der diese Logik obszöner Unsterblichkeit formuliert habe, sei übrigens der „heimliche Kantianer“ Marquis de Sade gewesen. „Weil dieser Hindernisse und Umwege verwirft und auf direktestem Wege nach Lust strebt, entsteht eine vollkommen mechanisierte, kalte Sexualität, der all das abgeht, was wir mit Erotik verbinden.“ Immer wieder geht es auch um Lacan („Das Begehren ist das Begehren des Anderen“) und schließlich um die Digitalisierung. Doch gerade über diese ist leider nicht viel Erhellendes zu erfahren: „Die Digitalisierung dezentriert das Subjekt nicht, sie schafft dessen Dezentrierung vielmehr ab.“ Immerhin lässt sich hier noch ahnen, was damit gemeint sein könnte…

Dann wird es aber doch noch einmal interessanter, nämlich ab S. 241 im „Zusatz 2.2: Marx, Brecht und Sexualverträge“. In diesem überraschend zugänglichen und sehr lesenswerten Abschnitt wird der etwaige Vertragscharakter sexueller Beziehungen behandelt. Karl Marx wird als Kritiker aller nur scheinbar gleichberechtigten Vertragsbeziehungen ins Spiel gebracht, der auf die in ihnen immer bestehende strukturelle Ungleichheit verweist. Dies lässt sich auch gegen die berühmt-berüchtigte Definition der Ehe von Immanuel Kant aus seiner Metaphysik der Sitten anwenden, wonach diese den „wechselseitigen Gebrauch“ beinhalte, „den ein Mensch von eines anderen Geschlechtsorganen und Vermögen macht“. (Nur in der Ehe wird Kant zufolge der Partner nicht auf ein Objekt reduziert, so dass Sex außerhalb der Ehe somit ganz buchstäblich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit darstellt: In ihm reduzieren sich beide Partner zu Objekten, die zur Lustgewinnung gebraucht werden, und sprechen sich dadurch ihre menschliche Würde ab.)

Doch nun kommt der Verfasser doch noch einmal auf MeToo zurück und kritisiert diesmal klar und deutlich bestimmte dieser Bewegung innewohnende Tendenzen („Hier waltet der Geist der Rache.“) Dabei nimmt er auch wesentliche Teile der aktuellen Debatte um Identitäts-Politik vorweg und positioniert sich eindeutig in Distanz zu deren Verfechtern (nachdem er von ihnen als „alter weißer Mann“ diffamiert worden ist).

Abermals überspringe ich sodann gut 150 Seiten und lande schließlich im Kapitel „Wahnsinn, Sex und Krieg“. Dieses beginnt mit der bemerkenswerten Feststellung, dass „der barbarische Kern im Inneren jeder Zivilisation ihr ethisches Gefüge erhält“, weshalb Zivilisationen sich nicht unmittelbar dadurch zivilisieren ließen, „dass man die friedlichen Verhältnisse, wie sie die Rechtsstaatlichkeit garantiert, auf den Bereich internationaler Beziehungen insgesamt ausdehnt (dies war Kants Idee einer Weltrepublik)“. Über die Sexualität heißt es dann, dass diese sich „in ihrer extremen Form ebenso als eine spezifische Gestalt der Verrücktheit charakterisieren lässt“. Sie bilde keineswegs die natürliche Grundlage des menschlichen Lebens, sondern sei vielmehr gerade das Gebiet, auf dem der Mensch sich von der Natur loslöse: „Sexuelle Perversionen sind im Tierreich ebenso unbekannt wie irgendwelche tödlichen Leidenschaften sexueller Art.“ Die menschliche Sexualität sei nicht mehr der instinktive Fortpflanzungstrieb, „sondern ein Trieb, der sich von seinem natürlichen (Fortpflanzungs-)Zweck abgeschnitten findet und dadurch in eine unendliche, wahrhaft metaphysische Leidenschaft ausbricht. Auf diese Weise setzt bzw. transformiert die Zivilisation oder Kultur rückwirkend ihre eigenen Voraussetzungen. Sie entnaturalisiert rückwirkend die Natur“.

An dieser Stelle breche ich meine bruchstückhafte Lektüre dieses wahrhaft herausfordernden Werkes ab. Wer mag, kann sich veranlasst fühlen, diesem Buch noch mehr Erkenntnisse abzugewinnen, als der Rezensent es vermocht hat.

Slavoj Zizek
Sex und das verfehlte Absolute
Aus dem Englischen übersetzt von Axel Walter und Frank Born
Wbg Academic 2020
560 Seiten; 50,00 Euro
ISBN: 978-3-534-27243-3

justament.de, 5.4.2021: Und wir schaffen es doch!

Recht cineastisch Berlinale Spezial (2): „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Mara Speth

Thomas Claer

Er ist eine Mischung aus Späthippie und Sozialarbeiter, rein optisch, aber auch mit dem, was er so macht. Schlurfig angezogen, immer mit Pudelmütze, fläzt sich dieser freundliche ältere Herr hinter seinen Lehrertisch, und meistens macht er Musik mit seiner Klasse, spielt dazu Gitarre und singt selbstkomponierte Lieder. Solche Lehrer hat es früher bei uns in der DDR nie gegeben, später in Bremen habe ich sie ansatzweise erlebt und sehr gemocht. Herr Bachmann unterrichtet in der hessischen Kleinstadt Stadtallendorf Deutsch, Mathe, Englisch und Musik in einer Klasse, die fast nur aus Flüchtlings- und Migrantenkindern von überall her besteht. Natürlich ist es Schwerstarbeit, mit einem solchen Haufen fertigzuwerden. Aber so wie dieser Herr Bachmann es anstellt, wirkt es fast alles ganz mühelos. Er strahlt eine solche Herzenswärme aus, dass er von allen seinen Schülern gemocht wird. Und dabei gelingt es ihm ganz spielerisch, die Kinder immer wieder aufs Neue zu motivieren, ihr Möglichstes aus sich herauszuholen. Einen solchen Lehrer zu haben, ist so ziemlich das Beste, was jungen Menschen passieren kann. Und sie merken ja auch sehr genau, wie gut er es mit ihnen meint, und geben ihm ganz viel zurück.
Wer von sich denkt, dass er den Glauben an das Gute im Menschen verloren hat, sollte sich unbedingt diesen auf der (virtuellen) Berlinale völlig zurecht gefeierten Dokumentarfilm von Maria Speth ansehen, die den Lehrer Dieter Bachmann und seine Schüler jahrelang mit der Kamera begleitet hat. Auch wenn dieser Film 217 Minuten dauert, so hat er doch fast keine Längen, ist immer interessant, kurzweilig und nicht selten auch anrührend. Das schreibt übrigens jemand, der eigentlich gar keine Dokumentarfilme mag…

Herr Bachmann und seine Klasse
Deutschland 2021
Länge: 217 Minuten
Regie: Maria Speth
Drehbuch: Maria Speth, Reinhold Vorschneider
Darsteller als sie selbst: Dieter Bachmann, seine Klasse

justament.de, 22.3.2021: Charmant auch noch mit 60

Suzanne Vega auf einer Live-Platte mit Songs über New York

Thomas Claer

Diese Künstlerin, das muss ich zugeben, hatte ich lange Jahre aus den Augen verloren. Klar, ihr Frühwerk in den Achtzigern war schon sehr bemerkenswert. Und auch später, in den Neunzigern, hat sie noch ein paar beachtliche Platten herausgebracht. Aber dann gab es von ihr auch schwächere Veröffentlichungen…
Inzwischen ist aber eine Menge passiert: Zunächst einmal hat Suzanne Vega zwischen 2010 und 2012 in einem rebellischen Akt gegenüber ihrer früheren Plattenfirma alle ihre Songs von 1985 bis 2007 noch einmal in reduzierter, eher akustisch gehaltener Form eingespielt und herausgebracht, was ihnen sehr gut getan hat. Diese so genannte Close up-Serie besteht aus vier thematisch geordneten Alben („Love Songs“, „People & Places“, „States of Being“, „Songs of Family“), und sie sind allesamt grandios, deutlich besser als die Originale. Da merkt man erst, was pathetisch glattbügelnde Produzenten dieser Musik zuvor angetan hatten…
Und nach einigen neuen Werken in den letzten Jahren hat diese begnadete Songwriterin nun also noch ein weiteres Themen-Album mit Live-Versionen alter Songs herausgebracht: „An Evening of New York Songs and Stories“, aufgenommen noch kurz vor Corona in einem New Yorker Café. Alles auf dieser Platte dreht sich also um die amerikanische Ostküsten-Metropole, als deren lokalpatriotische und beinahe lebenslängliche Bewohnerin sich die Sängerin hier zu erkennen gibt. Doch bemerkt man beim Zuhören rasch, dass offenbar alle ihrer bekannteren Songs von New York handeln oder zumindest dort spielen: von „Marlene on the Wall“ über das bezaubernde „Luka“ bis hin zu „Tom’s Diner“, das ohne die impertinenten Computer-Beats der Hitparaden-Version ebenfalls in ganz neuem Glanz erstrahlt. So ist am Ende also auch eine Art Best of-Album herausgekommen, das Suzanne Vega zudem noch mit kleinen Geschichtchen über ihr Leben in New York anreichert.
Allerdings spielen die meisten Songs und Stories in einer anderen Zeit und damit auch in einer Stadt mit gänzlich anderem Charakter als dem heutigen New York. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber damals hat diese Stadt Künstler, Intellektuelle und junge Leute aus aller Welt ganz unabhängig vom Umfang ihres Geldbeutels angezogen. Und die konnten dann mal eben im Diner an der Ecke sitzen und das urbane Treiben beobachten oder Freundschaft mit ihren unterprivilegierten Nachbarn schließen… Vor allem aber konnte jeder, der wollte, einfach so mitmachen. So ähnlich wie heute in Berlin. Oder sollte man besser sagen: wie in Berlin bis vor zehn Jahren?
Zwei besonders gute Songs auf diesem Album haben die Stadt sogar im Namen: „New York is My Destination” und „New York is a Woman“. Wobei letzterer von der Platte „Beauty & Crime“ aus dem Jahr 2007 stammt, dem letzten und bislang einzigen Suzanne-Vega-Album, das wir in dieser Rubrik bislang besprochen haben. Übrigens besitzt „Beauty & Crime“ sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und erweist sich bei nochmaligem Hören auch als wirklich gelungen. Warum hatten wir es eigentlich seinerzeit so verrissen? Welcher Idiot hat das nur geschrieben?!
Abschließend ist noch auf die einzige Cover-Version dieses Live-Albums (und vermutlich die einzige überhaupt jemals von Suzanne Vega veröffentlichte Cover-Version) hinzuweisen: „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed, das sich hervorragend in diese Platte einfügt. Wobei man Suzanne Vega insgesamt bescheinigen kann, dass sie sich ihre unschuldig-mädchenhafte Stimme und ihren ebensolchen Charme auch noch im angehenden Seniorenalter bewahrt hat. Da verzeihen wir ihr gerne, dass sie mit einem New Yorker Rechtsanwalt verheiratet ist und bevorzugt Hosenanzüge trägt, wo doch fast allen schönen Frauen Kleider weitaus besser stehen, wie auch das Cover-Foto auf dieser Platte beweist… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Suzanne Vega
An Evening of New York Songs and Stories
Sony Music/Essential Music 2020
ASIN: B084LLFMRQ

justament.de, 8.3.2021: Frauentraum zum Frauentag

Recht cineastisch Spezial – Exklusiv von der (virtuellen) Berlinale: „Ich bin dein Mensch“ von Maria Schrader

Thomas Claer

Welche Frau träumt nicht von einem Mann, der sich nur für sie und niemanden sonst interessiert, der immer an sie denkt, ihr Kaffee kocht und perfekt die Wohnung aufräumt, der ein toller Liebhaber ist, umwerfend aussieht und darüber hinaus auch noch überragende geistige Fähigkeiten mitbringt, kurz gesagt: der vollkommen und in jeder Hinsicht ihren eigenen Wünschen und Vorstellungen entspricht? Regisseurin Maria Schrader hat diesen Traum nun zumindest filmische Wirklichkeit werden lassen. Wenige Tage vor dem diesjährigen Internationalen Frauentag, an dem diese Rezension erscheint, hatte ihr Film „Ich bin dein Mensch“ (Online-) Weltpremiere. Jedoch hat der Traummann Tom (Dan Stevens) der Berliner Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert), Mitte vierzig, dann doch einen winzig kleinen Fehler: Er ist nämlich genau genommen gar kein Mensch, sondern ein humanoider Roboter, allerdings einer der äußerst fortgeschrittenen Sorte. Schließlich befinden wir uns im Film bereits in der (relativ nahen) Zukunft. Dank ausgefeilter Algorithmen ist Tom exakt nach Almas Geschmack entwickelt worden und lernt außerdem auch noch ständig hinzu, während Almas Aufgabe darin besteht, nach dreiwöchigem Zusammenleben mit ihm ein Gutachten für die Ethik-Kommission über den Einsatz solcher Mensch-Maschinen zu verfassen. Man könnte die Konstellation also mit jener im Film „Her“ von Spike Jonze aus dem Jahr 2013 vergleichen, nur dass es darin um ein immaterielles Männertraumgeschöpf ging und diesmal gewissermaßen um fleischlich-real gewordene Frauenträume. Anfangs ist Alma, die in dieses Experiment nur widerstrebend eingewilligt hat, noch äußerst skeptisch, zumal sich Tom zunächst auch ziemlich affig benimmt. Doch hat sie seine intrinsischen Potentiale zur Selbstvervollkommnung unterschätzt. Sehr schnell merkt Tom, was bei Alma gut ankommt und was nicht, und so dauert es nicht lange, bis sie schließlich doch noch Feuer fängt…

Dieser Film ist witzig und tiefsinnig zugleich. Insbesondere wirft er – was keinesfalls gegen ihn spricht – viel mehr Fragen auf, als er beantworten kann. Na klar, die Gefahr ist riesengroß, dass sich die Menschen, sobald so etwas technisch möglich und verfügbar ist (und das wird es vermutlich schon bald sein, wenn auch zunächst nicht für alle), an Roboter-Freunde und -sexpartner gewöhnen, weil diese weitaus „pflegeleichter“ sind als menschliche Gefährten. Doch wird man Millionen vereinsamten Menschen dann diese für sie segensreiche Erfindung vorenthalten können? Und werden diese Roboter-Androiden im Laufe ihrer Interaktionen mit biologischen Menschen nicht womöglich doch irgendwann so etwas wie ein Bewusstsein ihrer selbst entwickeln? Da kommt was auf uns zu…

„Ich bin dein Mensch“
Deutschland 2021
Regie: Maria Schrader
Drehbuch: Jan Schomburg, Maria Schrader
Besetzung: Maren Eggert, Dan Stevens, Sandra Hüller, Annika Meier u.v.a.