justament.de, 22.3.2021: Charmant auch noch mit 60

Suzanne Vega auf einer Live-Platte mit Songs über New York

Thomas Claer

Diese Künstlerin, das muss ich zugeben, hatte ich lange Jahre aus den Augen verloren. Klar, ihr Frühwerk in den Achtzigern war schon sehr bemerkenswert. Und auch später, in den Neunzigern, hat sie noch ein paar beachtliche Platten herausgebracht. Aber dann gab es von ihr auch schwächere Veröffentlichungen…
Inzwischen ist aber eine Menge passiert: Zunächst einmal hat Suzanne Vega zwischen 2010 und 2012 in einem rebellischen Akt gegenüber ihrer früheren Plattenfirma alle ihre Songs von 1985 bis 2007 noch einmal in reduzierter, eher akustisch gehaltener Form eingespielt und herausgebracht, was ihnen sehr gut getan hat. Diese so genannte Close up-Serie besteht aus vier thematisch geordneten Alben („Love Songs“, „People & Places“, „States of Being“, „Songs of Family“), und sie sind allesamt grandios, deutlich besser als die Originale. Da merkt man erst, was pathetisch glattbügelnde Produzenten dieser Musik zuvor angetan hatten…
Und nach einigen neuen Werken in den letzten Jahren hat diese begnadete Songwriterin nun also noch ein weiteres Themen-Album mit Live-Versionen alter Songs herausgebracht: „An Evening of New York Songs and Stories“, aufgenommen noch kurz vor Corona in einem New Yorker Café. Alles auf dieser Platte dreht sich also um die amerikanische Ostküsten-Metropole, als deren lokalpatriotische und beinahe lebenslängliche Bewohnerin sich die Sängerin hier zu erkennen gibt. Doch bemerkt man beim Zuhören rasch, dass offenbar alle ihrer bekannteren Songs von New York handeln oder zumindest dort spielen: von „Marlene on the Wall“ über das bezaubernde „Luka“ bis hin zu „Tom’s Diner“, das ohne die impertinenten Computer-Beats der Hitparaden-Version ebenfalls in ganz neuem Glanz erstrahlt. So ist am Ende also auch eine Art Best of-Album herausgekommen, das Suzanne Vega zudem noch mit kleinen Geschichtchen über ihr Leben in New York anreichert.
Allerdings spielen die meisten Songs und Stories in einer anderen Zeit und damit auch in einer Stadt mit gänzlich anderem Charakter als dem heutigen New York. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, aber damals hat diese Stadt Künstler, Intellektuelle und junge Leute aus aller Welt ganz unabhängig vom Umfang ihres Geldbeutels angezogen. Und die konnten dann mal eben im Diner an der Ecke sitzen und das urbane Treiben beobachten oder Freundschaft mit ihren unterprivilegierten Nachbarn schließen… Vor allem aber konnte jeder, der wollte, einfach so mitmachen. So ähnlich wie heute in Berlin. Oder sollte man besser sagen: wie in Berlin bis vor zehn Jahren?
Zwei besonders gute Songs auf diesem Album haben die Stadt sogar im Namen: „New York is My Destination” und „New York is a Woman“. Wobei letzterer von der Platte „Beauty & Crime“ aus dem Jahr 2007 stammt, dem letzten und bislang einzigen Suzanne-Vega-Album, das wir in dieser Rubrik bislang besprochen haben. Übrigens besitzt „Beauty & Crime“ sogar einen eigenen Wikipedia-Eintrag und erweist sich bei nochmaligem Hören auch als wirklich gelungen. Warum hatten wir es eigentlich seinerzeit so verrissen? Welcher Idiot hat das nur geschrieben?!
Abschließend ist noch auf die einzige Cover-Version dieses Live-Albums (und vermutlich die einzige überhaupt jemals von Suzanne Vega veröffentlichte Cover-Version) hinzuweisen: „Walk on the Wild Side“ von Lou Reed, das sich hervorragend in diese Platte einfügt. Wobei man Suzanne Vega insgesamt bescheinigen kann, dass sie sich ihre unschuldig-mädchenhafte Stimme und ihren ebensolchen Charme auch noch im angehenden Seniorenalter bewahrt hat. Da verzeihen wir ihr gerne, dass sie mit einem New Yorker Rechtsanwalt verheiratet ist und bevorzugt Hosenanzüge trägt, wo doch fast allen schönen Frauen Kleider weitaus besser stehen, wie auch das Cover-Foto auf dieser Platte beweist… Das Urteil lautet: gut (13 Punkte).

Suzanne Vega
An Evening of New York Songs and Stories
Sony Music/Essential Music 2020
ASIN: B084LLFMRQ

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